Gedichte in niederländischer Sprache sind im deutschen Sprachgebiet ziemlich unbekannt. Vielleicht vermittelt dieses Blog etwas vom Flair der Poesie im niederländischen Sprachgebiet. "<" und ">" bzw. "Ältere Posts", "Neuere Posts" führen zu vorhergehenden bzw. folgenden Beiträgen.
Samstag, 14. September 2024
Die Vromans. Das Alter.
Leo Vroman stirbt in Fort Worth, 22 Februar 2014, Tineke Vroman in Fort Worth, 22 Dezember 2015.
Leo Vroman
Vergiss es!
Ach, wie verdächtig angenehm
im Bett der Länge nach
zum Weckerstellen zu bequem
heute Nacht
und morgen nicht der Ringkampf
zwischen Beinkleid und Unterhose,
keine zehn Minuten Putzkrampf
auf Zahnfleisch und Parodontose
kein gruseliger Ruhm und
neuer banger Einband!
Von Beileidsbekundung und
Blumen nehmen Sie bitte Abstand.
Aus: 'Daar', 2011.
Vergeet het!
Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2017
Leo Vroman
Schließung
Kannste morgen mich nicht wecken
bitte nicht erschrecken:
schließlich kennen alle Opern
und alle Bühnenstücke
solche kleinen Augenblicke,
herunterfallende Vorhänge
und ähnliche Unfälle.
Dies nun, ist mein Missgeschick.
Schließ dann mein Gesicht,
den Mund und die Augen
mach ordentlich dicht
so vollendest du mich.
Lass mich so gehen,
die Ohren nur
lass offenstehen
man weiß ja nicht.
Aus: 'Daar', 2011.
Sluiting
Übersetzung Jaap Hoepelman
Leo Vroman
Aber wenn...
Du schreibst als ob wir gehen wie wir kamen:
das kultivierte Ehepaar, immer zusammen,
doch wo bleibe ich, wenn du so plötzlich gehst,
dass noch dein Teller in der Spüle steht?
Soll ich ihn einfach, altersträge
sowieso, mit Überlegung,
etwas gekrümmter meinetwegen,
spülen und zum trocknen legen?
Deutlicher anwesend in der Nacht
und deutlicher abwesend noch am Morgen
bleibst du mir dann kurz mal unvollbracht
und ich will Unbesorgtes nicht besorgen:
wir halten bis du heimkehrst Wacht
Ist dir im Winter, Urne, kalt wie Eis,
und, ärmste, du gefrorne Asche bist,
dann wärm' ich dich mit Zimt- und Zuckerreis.
Doch graut mir vor dem schwülen Tag im Jahr,
an dem der Staub mir fremd geworden ist,
der meine Ehefrau mal war.
Leo Vroman
2002
In: Querido, Overleverigheid, 2010 zum 95. Geburtstag Vromans.
Maar als
Übersetzung Jaap Hoepelman 2016
Dienstag, 2. Oktober 2018
Vroman. Für wen dies liest.
....
....
tenzij Gij door de liefde zijt gedreven. ("Gij", "zijt" - beides gehoben)
Lees dit dan als een lang verwachte brief,
en wees gerust, en vrees niet de gedachte
dat U door deze woorden werd gekust:("U" - wiederum gehoben)
Ik heb je zo lief. ("je" - intim)
Jetzt haben wir aber ein Problem im Deutschen: Den Gegensatz "Gij" - "jij" gibt es nicht, man muss sich behelfen mit "Du" - "du". Dadurch kommt die auf Einmal eintretende Intimität - ist das Gedicht nicht doch eine Liebeserklärung an Tineke, oder an beide, Leser und Tineke? - leider gesprochen nicht voll zur Geltung. Ich musste mich mit "Du/Dich" - "dich" behelfen. Ich hoffe, Sie fühlen sich trotzdem angesprochen...
Tineke Vroman-Sanders (1921-2015) war antropologin und Schriftstellerin eigenen Ranges. Sie und Leo Vroman blieben ihr ganzes Leben zusammen. Davon berührende Zeugnisse in einigen späteren Posts. Als Dichterin veröffentlichte sie anfänglich unter ihrem Mädchennamen, Georgine Sanders.
Leo Vroman
1949
Für wen dies liest
Zum Lesen geb' ich Dir gedruckte Zeichen,
doch mit dem warmen Mund kann ich nicht sprechen,
die heiße Hand durch das Papier nicht stechen;
was kann ich tun? Ich kann Dich nicht erreichen
O, wenn ich trösten könnte, könnt ich weinen.
Komm, leg' Deine Hand auf das Papier; auf meine Haut;
erweiche dieses fremde durch den Druck Versteinern
des geschriebenen Wortes, oder sag es laut.
Manche Verse hab' ich schon geschrieben,
manch einem bin ich fremd geblieben
und den Gekränkten weiß ich nichts zu geben:
Liebe ist das einzige.
Liebe ist es meistens auch gewesen,
die mir den Schreibstift in der Hand bewegte
bis ich mich schlafend über die Worte legte,
die Du jetzt wach wirst lesen.
Ich möchte unter dieser Seite sein
quer durch die Lettern des Gedichts
schauen in Dein lesendes Gesicht
und schmachten nach dem Schmelzen Deiner Pein.
Weck bitte diese Worte nicht vergebens,
Sie können sich ihr Nacktsein nicht vergeben;
und dass Dein Blick ihr Innerstes nicht streift
wenn Dich nicht Liebe dazu treibt.
Lies dies dann, wie den lang ersehnten Schrieb,
und sei beruhigt, und fürchte den Gedanken nicht,
dass Du von diesen Worten wirst geküsst:
Ich habe dich so lieb.
Überstzung J. Hoepelman
2017
Voor wie dit leest
Montag, 1. Oktober 2018
Vroman. Erfass' ich was.
Das Gefühl, etwas neu entdeckt zu haben, oder einen neuen Zusammenhang begriffen oder gesehen zu haben, oder einen bekannten Zusammenhang neu zu erfahren, dass es einem ganz anderscht wird...kennen Sie das? Vroman, der Wissenschaftler, hat es dargestellt. Wir und die Welt um uns herum, die Tiere zumal, hängen enger zusammen als auf den ersten Blick sichtbar is. Der Gedichtband in dem "Erfass' ich was" aufgenommen ist, heißt nicht umsonst "Dierbare ondeelbaarheid" - "Teure Unteilbarkeit" (mit Wortspiel auf "Dier" - "Tier").
Vroman, Spinoza 1
Vroman, Spinoza 2
Leo Vroman
Erfass' ich was
Wenn ich mein Können überdehne
kann ich den Boden mit den Sohlen fassen
schießt mir ein Kribbeln durch die Venen
und ich begreife: Jetzt erfass' ich was.
Manchmal können mir die Tränen kommen,
nicht durch die Dinge, die jetzt neu verstanden sind -
ich habe was mir nicht gehört genommen
und freue mich darüber wie ein Kind
Und wenn ich mit Natur Natur betrüge,
umarme ich Natur und wenn ich sie belüge,
umarme ich nur Dinge, die ich die liebsten find'.
Wie sie, zum Beispiel, Vögeln Flügel gab,
wie diese Ärmchen sich bewegen,
und dass auch ich ja solche Ärmchen hab'.
Uit: Dierbare ondeelbaarheid. Gedichten.
Querido, Amsterdam, 1989
Begrijp ik wat
Übersetzung J. Hoepelman
2017
Freitag, 25. Februar 2022
Frieden
Am 10. Mai 1940 nahm Leo Vroman (1915-2014) ein Taxi von Utrecht, wo er Biologie studierte, via Gouda, wo seine Eltern wohnten, nach Scheveningen. Er flüchtete weiter in einem Segelboot nach England. Von dort ging es nach niederländisch Indien (jetzt Indonesien), wo er nach dem japanischen Übergriff in verschiedenen Lagern interniert wurde. Nach anschließender Zwangsarbeit in Japan führte ihn das Ende des Krieges nach Manila. Als die niederländische Regierung ihn im Rahmen der militärischen Aktionen nach der Befreiung Ost-Indiens zurück nach Indien schicken wollte, hatte Vroman endgültig genug und zog weiter in die USA. Später nahm er die amerikanische Nationalität an. Trotzdem verfasste er Poesie und Prosa meistens auf Niederländisch. Zurück wollte er aber nie: Lieber Heimweh als Holland, schrieb er. Sein Stil versachlichte sich zu einer raffinierten Schlichtheit - insbesondere mit zunehmendem Alter - , was beileibe nicht heißt, das seine Dichtung ohne Gefühl gewesen wäre. Menschlichkeit, keine Übertreibung, keine Anstellerei und zunehmend alltägliche Umgangssprache, gerade dadurch wirken seine Emotionen. Darüber hinaus verfügte er über eine gute Portion Witz.
In New York arbeitete er als Hämatologe und er betrachtete sich selber in erster Linie als Wissenschaftler. Der "Vroman Effekt" ist nach ihm benannt.
Vroman wird als einen der prominentesten Dichter der neueren niederländischen Literatur betrachtet und er wurde mit allen nur denkbaren Auszeichnungen bedacht.
Das Taxi, von dem eingangs die Rede war, tritt in einem seiner bekanntesten Gedichte, "Frieden", auf.
Kommt eine Taube, hundert Pfund,
den Olivbaum in den Klauen,
mir zu Ohren mit dem Mund
voller Chöre süßer Frauen,
voller gurrenden Geschichten
wie der Krieg verschwunden ist
hundert Mal wird sie berichten:
alle Male weine ich.
Seit ich mich so übereilt
hatte in ein Taxi geschmissen,
dass ich mitten in der Nacht
hinter mir ein Loch gerissen,
seit mein sanft betränter Schatz,
rot vor Scham in ihrem Elend brennend
ein Stein ihr ditschte in den Lenden,
bin ich zu dicht im dürren Fell
um in Gebeten aus zu schwitzen,
Falten knetend allenfalls,
und „Frieden“ knirschend, „Frieden, Frieden“.
Liebe ist ein fauler Zauber
kopfloser Wolllustigkeiten,
geht mein Leben außer
Frieden, gottverdammich, Frieden weiter;
denn der Klang des Auseinanderreißens
als ich mich musste von der Liebsten scheiden
kann mich schreckstarr von dem Lager reißen,
wo wir manchmal träumen beide,
dass der alte Krieg nunmehr
wiederkehrt auf filzenen Füßen,
dass wir, eigentlich schon nicht mehr
könnend alles, weiter müssen
liegen, rennen, und dabei
einander schreiend in die Ohren
so verzweifelt, dass wir beinah
träumen uns dabei zu hören
Darf ich nicht fluchen, wenn das Feuer
einer Stadt, die längst neu aufgebaut,
lodernd rollt aus dem Gemäuer
und lichterloh den Schlaf mir raubt?
Doch das frischgeschmorte Kind,
abgefackelt, ist es nicht,
das ich furchtbar, furchtbar finde:
es ist die Zeit, wo nichts geschieht
nachdem auf einen Schlag im Haus,
ein Turm zustande kam aus Dreck,
aus längst vergessenem Kellermoder,
bald vergammeltem Inventar
blutroten Flammen und flammend-
rotem Blut, ringsherum die Luft behangen
mit lebendigen Teilen von toten doch
lieben Leuten, die ewige Stille bevor
das erstaunte Kind in dieser Säule
erwürgt wird und die Ärmchen
Komm heut' Abend mit Geschichten,
wie der Krieg verschwunden ist,
hundertmaligen Berichten:
Alle Male weine ich.
Vrede
Übersetzung J. Hoepelman 2014
Dienstag, 2. Oktober 2018
Vroman. Deus sive Natura.
Wir leben in nicht besonders guten Zeiten und der Hinweis, das es früher nicht besser war, ist auch nicht gerade "zielführend" wie man heute so sagt, egal was mit "Ziel" gemeint ist. Die Religion jedenfalls ist nicht unbedingt ein friedenstiftender Faktor. Für Vroman sind nicht die offiziellen Bekenntnisse, sondern ist alles in der Natur, ja die Natur selbst, heilig, sogar die eigenen Eingeweiden.
Gott ist eben überall, oder anders gesagt, alles ist göttlich, "Deus sive Natura" um mit Spinoza, fast naturwissenschaftlich, zu sprechen.

Das heißt nicht, dass das Denken über Gott oder Natur dadurch einfacher wird. Vroman vergleicht seine Gedanken mit Nachtfaltern, die hoffnungslos auf eine Scheibe prallen. Sein Gedicht "Nacht" ist in der Hinsicht vergleichbar mit Nijhoffs "Lied der törichten Bienen". Das große Licht ist tödlich für kleine Insekten wie wir.
Vromans "Ich Jude?" und "Nacht" passen somit vom Thema her gut zusammen in einem Post.
Leo Vroman
1995
Ich Jude?
Einen Jesusmäßigen Schlamassel
hast Du uns eingebrockt, o Herr.
Jude, Christ, Muslim: frommes Gescherr
hat uns, Sanftgläubigen, die Religion vermasselt.
So züchtet jede Gruppe einen Berg Verletzten,
verbunkert hinter stahlbesetzten
Rändern, wo Blindheit nicht als Mangel gilt
und Wahnsinn aus gerissenen Zähnen quillt.
Während ich glaube, dass alles heilig ist.
Sogar die eignen Eingeweiden.
Wo keine Zelle und kein Atemzug je sicher ist,
kann ich von meinem Fleisch nicht scheiden.
„Psalmen“ 1995,
übersetz. J. Hoepelman Nov. 2016
Ik Jood?
Leo Vroman
1964
Nacht
Tiefer vornüber kann ich mich nicht beugen
über den Rand der Welt, unterbelichtet.
Mit dem Gesicht auf blinde Finsternis gerichtet
kann ich mich von Gottes Glanz nicht überzeugen.
Die fernste Näherung betracht' ich in den vielen
Gedanken, die ich sende in die Leere;
selten, dass sie wiederkehren,
doch ich verliere mich verbissen spielend
in meinem Schmerz, der sich zur Lust betäubt,
wenn ihren Wiederkehr, grausam versehrt,
ich als ein sich'res Zeichen Seines Daseins werte:
Dort gibt es eine Wand auf die, wer gläubig
fliegt zu Seinem Licht, geblendet prallt.
Vielleicht gibt in der stillsten Nacht
Er auf das kranke Flattern Acht,
dass wie mein Denken raschelnd auf Sein Fenster knallt.
Aus: 262 gedichten
Querido 1964
Übersetzung Jaap Hoepelman 2017
Nacht
Montag, 1. Oktober 2018
Vroman. Ein Wackler.
Die ganze Breite von Vromans Dichtkunst möchte ich gerne am nächsten Gedicht "Ein Wackler" ("Een klein draadje") demonstrieren. Es ist lustig, es ist virtuos, jeder kann es lesen und verstehen und es ist unheimlich. Kann ich bezeugen.Vroman war Biologe...das sieht man auch.
Leo Vroman (1915-2014)
1960
Aus: De Ontvachting, 1960
draadje
Übersetzung J. Hoepelman 2016
Mittwoch, 3. Oktober 2018
Vroman. Der große Garten.
Leo Vroman
2003
Der große Garten
Die Verfassung der Erde
kannst du am Rande
von Wegen und Pfaden
aus Blumen und Pflanzen
jetzt schon erraten:
Das Gras hier, weswegen?
Weil einer soeben
irgendwann, meinetwegen
vor hunderten Jahren
vorbei ist gefahren,
einen Eimer mit Asche
hat ausgewaschen.
Warum dort die Pflanzen?
Weil dort wohl ein Tantchen
auf einer Decke saß
und Beeren aß.
Hier wurde gehustet,
hier gerostet, dort geblutet,
bevor nicht die Erde
den Frieden erklärte.
Wo einst die Mauern
der Städte standen
verstummten die Münder
verstummten Kulturen
und findet man
lediglich Blumenspuren
Spielende Schauer
aus Wind und aus Regen
werden die Wege
wie Wasser verwischen,
doch ist es geschehen
wird das Blumenkleid,
aus der Ferne gesehen,
die Zeichen zeigen vielleicht
als ob wir noch lebten
auf diesem Planeten
Leo Vroman
Aus „Tweede Verschiet“, 2003
De grote tuin
Übersetzung J. Hoepelman
Januar 2017
Montag, 1. Oktober 2018
Vroman. Biologie für die Jugend.
Vroman betrachtete sich als Wissenschaftler, als Biologe. Folgerichtig beschäftigt er sich in vielen seiner Gedichte mit dem Thema. Im "Biologie für die Jugend" versucht er den lieben Kleinen die Biologie etwas näher zu bringen. Wie "Ein Wackler" hat auch dieses Gedicht etwas Beunruhigendes. Es hat sogar das Potenzial, nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene beim Nachdenken über den merkwürdigen Kloß zwischen unseren Schultern um den Schlaf zu bringen. Ohne Hermetik, natürlich, passend für einen Biologen.
Leo Vroman
Biologie für die Jugend
Kopfhaar ist ein Knollengewächs.
Knöllchen hast du in der Haut,
woraus ein zähes Herbstgras wächst,
regelmäßig angebaut.
Und jede Knolle ist ein Klümpchen
aus oh wohl tausend Zellen.
Studiertest du Histologie,
du müsstest die allesamt zählen.
Ich aber sage dir nur dies:
Dass unter Haar und Schädelbein
Milliarden Zellen stecken
und jede Zelle kann alleine
Tausende Gedanken wecken.
(Dies Freund, soll dir zum Zeichen sein:
Das Ding ist häufig nicht ganz dicht,
das hört man dann, wenn einer spricht.)
Ein Haar aus deinem Wunderhaupt
gerissen, wäre es direkt dem Hirn
entsprossen,
hätte ein kleines Klümpchen dir,
mit Myriaden von Gedanken,
jäh entrissen;
und könnt' dein weiches Hirn ich streicheln
wie deinen kleinen Scheitel jetzt,
dann würde das, was du empfändest
zehn Billionen Bildern gleichen.
Nimmt diese Aussicht dir die Ruh,
lasse dein Schädelkästchen zu.
uit: Gedichten 1946-1984
Übersetzung J. Hoepelman, 2017
Biologie
Vroman. Die zwei Gedanken.
Quantenphysik? Intuitionismus? Hauptsache - eine Aspirine liegt griffbereit.
Leo Vroman
1962
Die zwei Gedanken
Ein Denker dacht' mit leiser Kabale
zwei Gedanken auf einem Male.
Da die zwei heraus nicht kamen
fehlte ihm für sie der Name.
Nennen wir sie Plos und Faus
(denn so sahen sie auch aus)...
Faus war 60 angström groß
doch dünner als der krumme Plos
Es fiel nicht auf wie sie bei Tage
auf- und durcheinander lagen
In der Ruhe dann der Nacht,
lagen sie lang ausgedacht,
kriegten sich dann in die Haare
es war schon ziemlich festgefahren
der Denker dadurch Mümmeln machte
und mit Schmerz im Kopf erwachte
Somit stand neben seinem Bette:
a) Glas Wasser b) Tablette
er goss und krümelte sie fein
durch das Haupt in sich hinein
und bald ging so für Plos und Faus,
und für andere, die Lampe aus.
Später tat sie ihnen Leid,
diese Widersprüchlichkeit.
„Warum denkt“ sagten sie zweisam
„er uns immer nur gemeinsam?“
Hätt' abwechselnd er gedacht
wär' an jeder zweiten Nacht
gern' ich wieder neu erdacht.“
Dem Denker ist nun alles klar,
er denkt abwechselnd an das Paar.
Jetzt schläft er immer zeitig ein
lässt sogar das Frühstück sein.
Moral
an manchem Tag in jedem Jahr
ist wohl fast alles einmal wahr.
Aus: Fabels. Met prenten van Peter Vos.
Amsterdam, Querido, 1962.
Übersetzung J. Hoepelman
De twee gedachten
Mittwoch, 3. Oktober 2018
Vroman. An einen Freund.
An einen Freund
Ach, lasst uns keine Zeit verderben,
wer von uns zwei zuerst wird sterben
wir sollten auch das Reden lassen
darüber, wie wir heuchelten und hassten.
Hören wir die Lerche singend schweben,
wird uns ihr Gott all das vergeben
und solange wir die Kirschenblüte sehen
sind, was wir taten, kleinere Vergehen.
Lasst uns das uns getane Leid vergessen
all das kann sowieso nur Gott vermessen
und lasst uns keine Zeit verderben,
wer von uns zwei zuerst wird sterben.
Leo Vroman
Aus: 126 gedichten (1965)
Aan een vriend
Übers. Jaap Hoepelman Febr. 2017
Dienstag, 3. Dezember 2024
Leo Vroman. Ode an die ältesten Tage
Ode an die ältesten Tage
heiß um eine kalte Welt sich mühend,
begierig, jedes Schriftstück aufzuschlagen -
wie verschwitzt und, wie ermüdend!
Nein, ich genieß die Dehnung jeder Nacht,
die sanfte Kleinheit aller Ideale,
die süße Trägheit der Gedanken, die, unausgedacht,
es nicht mehr schaffen zum Finale,
nicht einmal der Gedanke an das Ende,
die Fahrt von Bett zu Boden dauert lang,
träumend, dass ich das Sublime fände,
ein Fördermittel für den letzten Gang,
Montag, 9. September 2024
Vroman. Echt passiert.
Leo Vroman 1915-2014
2011
Heute abend, echt passiert.
Alles normal, auf der Couch, ein trautes Paar,
saßen wir, zappten Programme aus und ein
bis mir auf einmal klar war: Nein
das ist alles gar nicht wahr.
Ich bin auf einem fremden Stern,
die Erde ist unendlich fern.
Die Freunde haben mich verlassen,
mich hat man zurückgelassen.
Vor mir stand ein schwarzer Rahmen
in dem sich alle fremd benahmen
und außerordentlich befremdlich:
keiner redete verständlich.
Plötzlich war es nicht mehr wahr,
Wir saßen wieder, trautes Paar.
Doch das Gefühl bleibt unbestimmt,
die nagende Unsicherheit:
Wird es nicht allmählich Zeit,
dass der Abholdienst mich nimmt?
Echt gebeurd
Fort Worth, 25 juli 2011.Aus: DW&B nr 3, 2012.
Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2018
Mittwoch, 3. Oktober 2018
Vroman. Psalm zur Schmelze.
Leo Vroman
2003
EIN PSALM ZUR SCHMELZE
Jetzt wo ich weiss, dass
turmhohe Zapfen, die das Menschengewusel
in den ganzen Büros
der Chefs und Chefinnen
Liebe und Unfähigkeit
innen drin weder fühlen noch hören,
dass die zusammenschmelzen können
und in wenigen Sekunden
Gespräche verwandeln
in Schmorfleisch
und die hasserfüllte Hitze
die ganzen guten Leute
umsetzen kann in eine
dicke weiße Wolke
die etwas später, salzig weich
friedlich herunter rieselt wie ein grauer Pelz,
so dass die jetzt nutzlosen
Tische uns Stühle, Tassen und Teller
zu mopsigen Geschöpfe mutieren,
und außerhalb der Stadt, weit draußen,
im Gras, das verlassene Spielzeug,
der Staub spricht weiter
über die
über denen er soeben war.
Ich weiß es jetzt System,
Nichts weiß ich mehr.
Aus: "Tweede Verschiet",
Herausgeber Querido, 2003
Een psalm voor het smelten
Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2016
Montag, 1. Oktober 2018
Vroman. Hirn und Zeit.
Leo Vroman
2003
Die Kugel
Die Kugel zieht ein heißes Loch
und fräst sich in das Großhirn ein
wo die Quell' hätt' sollen sein
der späteren Persönlichkeit
Hinten erlebt das Kleinhirn noch
die gegenwärtige Zeit
Aus: 'het liegend konijn', 2003.
De Kogel
Übersetzung J. Hoepelman 2017
Donnerstag, 4. Januar 2024
Du Perron: Vorm of Vent - Muse oder Macker.
Billet Doux
Ich wollte ein Gedicht auf einem Fächer schreiben,
Sodass du mit den Worten wedeln kannst
Und die Zeilen, möchtest du im Traum verbleiben
Ungerührt zusammenfalten kannst.
Doch mehr noch wollte ich, dass ich sie innen
Drin auf deinem Kleidchen schreiben könnte
So dass zugleich mit Seide oder feinem Linnen
Mit Gedanken ich dich streicheln könnte.
Ich schriebe diesen blöden Wunsch dir nicht
Wäre ein gänzlich irrer mir erfüllt gewesen:
Einmal zu halten in den Armen dich...
Engelsgeduld ist es gewesen.
Billet Doux (aus "verzamelde gedichten", 1947)
Übersetzung Jaap Hoepelman, Januar 2020
Nach einer etwas wilden Periode, die ihm über den Verlust hinweghalf, heiratete du Perron 1932 die Kunstkritikerin, Übersetzerin und Essayistin Elisabeth de Roos, die sich um den Nachlass ihres Mannes kümmerte.
Donnerstag, 29. Januar 2026
Namen in diesem Blog
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Ashetu, Bernardo
Bloem, Jacques
de Haan, Jakob Israel
Jan Hanlo
Kopland, Rutger
Kouwenaar, Gerrit
Revius
de Ridder
Roland Holst, Adriaan
Roland Holst, Henriette
van Schagen, J. C.
Scheepmaker, Nico
Vroman, Leo
Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.
Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...
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Hendrik Marsman (1899-1940) Laut einer Umfrage hat Hendrik Marsman das beliebteste Gedicht der Niederlande geschaffen: "Erin...
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Luuk Gruwez Die Religion hat in der Poesie der Niederlande ("Niederlande" im weitestem Sinne) immer eine beherrschende Rolle gespi...
