Charles Edgard (Eddy) du Perron
1899-1940
Wie Couperus (1863-1923) war Charles Edgar du Perron ein Kind der niederländischen Kolonialgesellschaft,
wie Couperus erwies du Perron sich als ungeeignet für die traditionelle Schulbildung, wie Couperus schaffte er es trotzdem, die Ausbildung mit einem Diplom als Niederländischlehrer abzuschließen und wie Couperus entwickelte du Perron sich zu einem Autor mit weit über die Niederlande hinausgehenden literarischen Kontakten und Interessen. Die französische Großgrundbesitzer-Familie du Perron war in Indien vermögend geworden und der junge Charles Edgar konnte sich seine mäßigen schulischen Ergebnisse recht unbekümmert leisten. 1921 verkaufte die Familie ihre umfangreichen Besitztümer in einem Ort mit dem kuriosen Namen "Meester Cornelis". Um 1926 siedelte sie nach wallonisch Belgien um, wo sie das Schloss Gistoux erworben hatte.
Schloss Gistoux
Der junge du Perron, der mehrere Sprachen sprach, darunter Malaiisch, hatte schon in "Meester Cornelis" mit journalistischen und literarischen Aktivitäten begonnen und, eingeengt auf Gistoux, fühlte er sich bald von den Niederlanden, aber mehr noch von Brüssel und Paris angezogen. Dort stürzte er sich eifrig in das literarische und künstlerische Leben. Er pflegte intensive Kontakte zu
André Malraux, der ihm sein magnum Opus "La Condition Humaine" widmete. Ein anderer Aspekt seiner Persönlichkeit zeigt sich in seinen Beziehungen zu den Schriftstellern
Pascal Pia und
René Bonnel, die etwas aus dem üblichen literarischen Rahmen fielen. Während einer der Pariser Soirées, an der eine glänzende Auswahl an Künstlern und Intellektuellen teilnahm, hat unser heißblütiger, hoffnungsvoller Dichter Clairette Petrucci kennengelernt, die Adressatin des hier übersetzten Abschiedsgedicht "P.P.C." ("Pour Prendre Congé", "Zum Abschied").
Abgesehen von den persönlichen Affären war du Perron ein konzentrierter, ja besessener Arbeiter und Leser. Erste Werke konnte er auf eigene Kosten herausgeben und er erweiterte seinen Wirkungskreis bald durch scharfsinnige Kritiken und Essays. Sein Einfluss in Belgien und den Niederlanden war beträchtlich. Zu den niederländischen und belgischen Literaten seines Kreises gehörten u.a.
van Ostaijen,
Elsschot,
Slauerhoff und
Roland Holst. 1932 gründete er zusammen mit dem niederländischen Kritiker und Essayisten
Menno ter Braak und dem flämischen Romanautor und Dichter
Maurice Roelants die Zeitschrift "Forum". Das Ziel war es, flämische und niederländische Beiträge gemeinsam herauszugeben. Das Vorhaben erwies sich als nicht lebensfähig und "Forum" wurde in flämische und niederländische Bereiche aufgespalten, letzterer unter der Leitung des Romanautors und Dichters
Simon Vestdijk. Die Zeitschrift überlebte zwar nur bis 1935, hatte aber einen großen Einfluss. Ihre Spuren sind durch scharfe Polemik, Essayistik und den Stil der "neuen Sachlichkeit" bis heute spürbar. Das hier übersetzte "P.P.C." aus dem bezeichnenderweise "Parlando" ("Sprechenderweise") genannten Gedichtband ist hierfür ein gutes Beispiel.
In einer Zeit zunehmender politischer Bedrohung schien die Beschäftigung mit schöngeistiger Literatur, mit Poesie um der schönen Form willen - zum Teil noch herübergeschwappt von den
Achtzigern - den Forumsfreunden immer weniger angebracht. Wichtiger erschien die Kunst, die den aufrichtigen persönlichen Standpunkt - der nicht nicht unbedingt politisch sein mußte - sichtbar machte. Diese Diskussion klang noch lange nach in der niederländischen Literatur, unter dem nicht ganz ernst gemeinten Schlagwort „vorm of vent“, in etwa „Muse oder Macker“.
Schloss Gistoux entwickelte sich zu einem Treffpunkt niederländischer, belgischer und französischer Literaten, doch als 1936 du Perrons Mutter starb (der Vater hatte sich 1922 umgebracht), erwies sich das Anwesen in der tiefsten wirtschaftlichen Depression als unverkäuflich. Du Perron war ruiniert. Er versuchte in Niederländisch-Indien wieder Fuß zu fassen. Das Vorhaben missglückte, auch weil sich die von ihm verhasste national-sozialistische Haltung sich in der Kolonial-Gesellschaft tiefer verbreitet hatte, als er es ertragen konnte. Nach seiner Rückkehr ließ du Perron sich 1939 in der niederländischen Künstlerkolonie Bergen nieder. Dort starb der chronische Asthmapatient am14. Mai 1940 an Herzversagen, unmittelbar nach der Nachricht des deutschen Überfalls auf die Niederlande. Am gleichen Tag wie sein Künstlerfreund Menno ter Braak, der sich aus diesem Grund umbrachte. Im Juni 1940 wurde das Schiff, auf dem der gemeinsame Freund, der Dichter Hendrik
Marsman, von Frankreich nach England zu fliehen versuchte, torpediert. Marsman gehörte nicht zu den Überlebenden. Der Dichter
Leo Vroman gelang gerade noch die Flucht mit einem Segelboot nach England. Die Zeiten waren wahrlich nicht die besten...
Als du Perrons Hauptwerk gilt "Het land van Herkomst" ("Das Herkunftsland"), ein teilweise autobiografischer, teilweise essayistischer und zeitkritischer Roman, der von einigen zum Besten der niederländischen Literatur zwischen den Weltkriegen gerechnet wird. Dem von ihm und ter Braak bewunderten Schriftsteller
Multatuli widmete er gleich vier Arbeiten.
Zu seinem weiteren Werk gehören eine Reihe von Erotika, Essays und Polemiken, zudem Gedichtbände, wie der bereits erwähnte Band "Parlando".
Die abgekanzelte Clairette Petrucci, die Adressatin der perronschen gekränkten Schimpftirade in "P.P.C.", war alles andere als beschränkt oder engstirnig. Nach allem,
was ich gelesen habe, war Clairette eine höhere Tochter, ein begabtes, kunstsinniges, modernes, unabhängiges Mädchen. Ihr Vater war der Kunsthistoriker und Sinologe an der Sorbonne Marquis Raphael Petrucci, ihre Mutter die Flämin Claire Verwee, Tochter eines bekannten Malers und verkehrte in einer breit gestreuten Gesellschaft bekannter Künstler. Dazu gehörte auch der berühmte Künstler Hendrik Willem Mesdag, der Schöpfer des Mesdag Panoramas in den Haag. Auch Clairettes unmittelbarer Bekanntenkreis war exzellent und man kann sagen, dass sie dem kolonialen Provinzbub in vielerlei Hinsicht voraus war, gerade auch, was die neuesten literarischen Entwicklungen betraf, was seinen Eifer zusätzlich angestachelt haben dürfte.
Panorama Mesdag den Haag.
Detail.
Clairette hatte nun wirklich keinen Grund, auf die Avancen des so wohlhabenden wie unreifen Teenagers einzugehen. Du Perrons Wutausbruch war wohl in erster Linie das Ergebnis jugendlicher Sturheit. In der Liebe gekränkte Poeten können sowieso auf eine lange, ehrwürdige Tradition zurückblicken,
Sonett
Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir
gefallen, ich, der ich als Mensch geboren
und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,
der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.
Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest
das weibliche Geschlecht zur Liebe willig ist.
Herr Jupiter begriff es, als vor langer Frist
der Obergott so oft umsonst gekommen ist.
weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,
als Schwan die schöne Leda hat begehrt
und er Europa raubte, als ein weißer Stier.
Es kann also kein Mensch und auch kein Gott gewinnen
Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,
muss nichts mehr sein, als nur ein Tier.
(Klinkdicht)
Übersetzung Jaap Hoepelman,
Dez. 2021
Billet Doux
Ich wollte ein Gedicht auf einem Fächer schreiben,
So dass du mit den Worten wedeln kannst
Und die Zeilen, möchtest du im Traum verbleiben
Ungerührt zusammenfalten kannst.
Doch mehr noch wollte ich, dass ich sie innen
Drin aufs weiche Kleidchen schreiben könnte
So dass zugleich mit Seide oder feinem Linnen
Mit Gedanken ich dich streicheln könnte.
Ich schriebe diesen blöden Wunsch dir nicht
Wäre ein gänzlich irrer mir erfüllt gewesen:
Einmal zu halten in den Armen dich...
Engelsgeduld ist es gewesen.
Billet Doux (aus "verzamelde gedichten", 1947)
Übersetzung Jaap Hoepelman, Januar 2020
Du Perron reiht sich somit virtuos in ein gerne gepflegtes literarisches Genre ein:
P.P.C. (Pour Prendre Congé)
Eduard Du Perron (1899-1940)
Lebwohl, Clary. Ich sage nicht mach's gut.
Das klingt schon dumm bei denen, die es meinen.
Du hast Dich gut verkauft. Und ruhig Blut
im Übrigen, denn alle Menschen weinen.
Dein Haus war klein. Dein Herr machte es groß.
Sein Reichtum, hieß es, sei erheblich.
Dein Ruhm wird groß und bald ist man mich los.
Dein Geist blieb klein. Ich mühte mich vergeblich.
Dein Leib ist gut. Du bist ein schönes Weib.
Dem Gatten wirst du viele schöne Kinder schenken.
Dein Herz ist eng; ich wette, dass du bei ihm bleibst.
Hochstehend wirst du stets den guten Ruf bedenken.
Lebwohl Clary: Mich wirst du nicht mehr sehen.
Ich werd' dich meiden, in den Träumen allemal.
Du warst mein Traum; ich lernte dich verstehen:
Bleib wie du bist. Ich hasse dich total.
Übersetzung Jaap Hoepelman
Dezember 2023
P.P.C. (Parlando Verzamelde gedichten. 1941) Nach einer etwas wilden Periode, die ihm über den Verlust hinweghalf, heiratete du Perron im Jahr 1932 die Kunstkritikerin, Übersetzerin und Essayistin Elisabeth de Roos, die sich um den Nachlass ihres Mannes kümmerte.