Übersicht

Posts für Suchanfrage Lennep werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Lennep werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Samstag, 16. August 2025

Jacob van Lennep. An ein Röslein.

 


In Amsterdam hat vor Kurzem ein Wandgemälde einigen Staub aufgewirbelt. Zu sehen sind an einer Häuserwand eine teilweise verpixelte nackte Schöne, ein Bewunderer, der vor lauter intensiver Betrachtung das Gleichgewicht verliert und ein nur teilweise abgebildetes Gedicht, das aber so viel preisgibt, dass der Leser ohne viel Mühe den Inhalt entschlüsseln kann. Verpixelt wurde ein Teil des Bildes als Kompromiss erst nachträglich vom Künstler, weil das Original Unmut in der Nachbarschaft verursacht hatte und zuvor mit  Farbbomben und politischen Bannern verunstaltet worden war. Paradoxerweise zieht die Verpixelung die Blicke nun eher auf sich, als das unverpixelte Original.  Der Dichter war der "rijksadvocaat" (eine Art Fiskalanwalt für den Staat) und spätere Staatsanwalt Jacob van Lennep.*  Das Gedicht schmückt passenderweise eine Wand an dem nach ihm benannten Kai, der "Jacob van Lennep Kade".


Jacob van Lennep 1802-1868

Die "Jacob van Lennep Kade" ist kein Kai an einer der ikonischen Amsterdamer Grachten. Standesgemäßer wohnte Staatsanwalt van Lennep an der Keizersgracht 560:


Das Haus steht noch heute und wird von einem Giebelstein geschmückt: 


Die van Lenneps gehörten zum Amsterdamer Patriziat. Um einen Eindruck zu vermitteln:  Sie hatten zB. Verbindungen zu den Familien Trip und Six.



                    Jacob Trip
              Rembrandt van Rijn
                                                                                                                           Jan Six
                                                                                                                      Rembrandt van Rijn

Nicht ganz überraschend war Jacob van Lennep politisch konservativ, jedoch geprägt von jener nonchalanten Liberalität, die mit entsprechender gesellschaftlicher Stellung und ebensolchem Vermögen oft einher geht. So wird berichtet, dass er sich um passende Kleidung nicht sonderlich kümmerte oder auch schon mal in einer Art Kaftan herumspazierte. Er war unglaublich produktiv, verfasste historische Romane (wie sie in jener Epoche durch Walter Scott in Mode kamen), Gedichte, Übersetzungen sowie Schauspiele. Zudem schrieb er historische Abhandlungen, sammelte und beschrieb völkerkundliche Materialien, war sprachwissenschaftlich tätig, war Mitglied des Parlaments, der Veterinärkommission und beschäftigte sich mit der Landesgesundheit, usw. usw...Eines seiner wichtigsten Projekte war die Organisation der Amsterdamer Trinkwasserleitung,  ein Vorhaben  von höchster Dringlichkeit: da Choleraepidemien im Amsterdam des 19. Jahrhunderts erschreckend häufig waren. Sie entstanden in Elendsvierteln wie diesem:


Van Lenneps liberale Einstellung zeigte sich auch in seiner Hilfsbereitschaft für weniger vom Schicksal begünstigte Kollegen. So ermöglichte er Multatuli, die Veröffentlichung des staatskritischen Romans "Max Havelaar" - (darüber gäbe es noch viel mehr zu erzählen - zuviel für den Moment). Ein anderer Fall war Gerrit van der Linde, der ein kümmerliches Dasein als Schulmeister in London fristete, der aber in seiner Korrespondenz eine erstaunliche Unbekümmertheit an den Tag legt. Vielleicht, hatte van Lennep in van der Linde eine verwandte Seele entdeckt. Van Lennep, man kann es nicht anders sagen, war so etwas wie ein mit zahlreichen Kindern gesegneter "schuinsmarcheerder", ein Lebemann. Das war allgemein bekannt, es hat ihn wahrscheinlich die Ernennung zum Geschichtsprofessor gekostet. Van der Linde wiederum hatte es, nach einer Affäre im akademischen Milieu, Hals über Kopf nach London verschlagen. Aus van der Lindes Bettelbriefen geht hervor, dass er seine alte Gewohnheiten nicht ganz abgelegt hatte, worüber er mit Ihro Staatsanwaltschaft völlig auf Augenhöhe verkehrte. Hier die erste Zeile eines Reims in einem Schreiben an van Lennep:

Wenn manchmal die bösen Fleischeslüste dich tun plagen...

Van Lenneps Leben scheint durch seinen Lebensstil weniger durcheinander gebracht worden zu sein: Quod licet Iovi.... Auf alle Fälle konnte er sein unmissverständliches Gedicht "An ein Röslein" unbeschwert im Kreise seiner Kollegen-Patrizier im Herrenverein "Saterdagsch Gezelschap"** vortragen: 

An ein Röslein***

Sanftgefärbte Frühlingsblüte,
Was du wohl auf Selindes Busen tust,****
Dass du kuschlig auf den Brüsten
Wie zwischen daunenen Pfühlen ruhst!
Artiges Röschen, frisch entfaltet,
Wäre dein seliges Schicksal meins,
Läg' auch ich sanft festgehalten
Wo das Halssatin sich spreizt,
Ich läge nicht, wie du, bewusstlos
Das Köpfchen abgeknickt zur Seit;
Nein, die Neugier schaute rastlos
Auf die nahe Herrlichkeit.
Angespornt von heißen Lüsten
Auf die Brüste, weiß und weich,
Drückt' ich tausend, tausend Küsse
Auf Schultern, Hals und Nacken gleich.
Ich würd' zusammen auch vergleichen
Beide Kugeln, weiß und rund:
Welcher ich den Lorbeer reiche
Woraus bestünde der Befund?
Wo die Venen blauer schienen,
Wo das Weiß am weißesten war,
Welcher die größte Federkraft verliehen,
Welche der Beere röter war.
Dann versucht' ich nach zu spüren,
Wohin die hohle Gasse leitet,
Wohin die Furche mich will führen,
Die ein Rund vom anderen scheidet,
Die stillschweigend mir bedeutet,
Dass die Gass' nach unten führt,
Dort, wo warten ungeahnte Freuden,
Von keinem Sterblichen berührt.
Ich nähm die Gasse, lustgetrieben wie ich war,
Bis ich den Schatz in Augenschein genommen
Und sich auftat, was geheim geblieben war,
Bis ich in Cypris' Rosenhof war angekommen.*****

Übersetzung Jaap Hoepelman August 2025


* Jacob van Lennep war eine bunte Gestalt in einem Jahrhundert, das an sich viel bunter war als es in den Niederlanden im Allgemeinen dargestellt wird. Marita Mathijsen hat ihm eine ausführliche Biographie gewidmet: "Een bezielde Schavuit. Jacob van Lennep". Auf Niederländisch natürlich - für die geneigte Leserschaft dieses Blogs kann das nur ein Anreiz sein.


*** Die Rose war ein gerne benutztes literarisches Motiv, das Lust, Zärtlichkeit, Kurzlebigkeit, Wohlriechendheit, Wehrhaftigkeit und Trauer in unterschiedlichen Kombinationen miteinander verband, wie, ziemlich drastisch, in Goethes „Heideröslein“:

Half ihm doch kein Weh und Ach, musstes eben leiden

Goethe war wahrlich nicht der erste, der das Rosenmotiv nutzte. Um nur einige Beispiele zu nennen: wir sahen es Jahrhunderte früher bei van der Noot und Ronsard, und auch als Emblem in einem Trostgedicht für ein früh verstorbenes Kind bei François de Malherbe

Et, rose, elle a vécu ce que vivent les roses,
L'espace d'un matin.


**** „Selinde“ war eine in der Romantik gerne wegen ihrer Schönheit besungene Frauengestalt. So lauten z.B. die ersten Zeilen des Gedichtes „Selinde“ von Gellert  

Das schönste Kind zu ihren Zeiten 
Selinde, reich an Lieblichkeiten

Während Gellert die Tugendhaftigkeit Selindes besingt, bereimt Friedrich Schlegel in „An Selinde“ eher die körperlichen Freuden:

Die süße Stunde werd ich nie vergessen,
als mich der liebe Leib so süß umschlungen,
auch Du von meinem Leben warst durchdrungen,
uns beid umschwebt ein seliges Vergessen!

Franz Schubert kommt in den ersten Zeilen des Liedes „Stimme der Liebe“ (Text Graf zu Stolberg), ohne Umschweifen zur Sache:

Meine Selinde! Denn mit Engelsstimme
Singt die Liebe mir zu: sie wird Deine!

***** „Cypris“ steht für Venus, die der Legende nach auf Zypern geboren wurde.







Donnerstag, 23. August 2018

Gerrit van de Linde: Der Schulmeister. Liebe ist das nicht...

Ähnliches Foto

Gerrit van de Linde (Pseudonym "De Schoolmeester"- "Der Schulmeister")(Rotterdam, 1808 – London, 1858) bereitete sich in Leiden auf das Pfarramt vor, bis ihn ein bedauerlicher Vorfall an der Weiterführung seiner Studien hinderte. Er beschreibt den Grund folgendermaßen: "lieber als mich noch länger auf dem ausgetretenen und dürren Trampfelpfad der theologischen Lehrmeinungen aufzuhalten, warf ich mich mit Leib und Seele auf ein vernachlässigtes und nicht ausreichend erforschtes Kapitel der Chemie": Der junge, hoffnungsfrohe Student der Gottesgelehrtheit hatte eine Affäre mit der Ehefrau des Leidener Chemieprofessors van der Boon Mesch angefangen. Der Chemieprofessor rächte sich, indem er van de Linde in den Niederlanden dermaßen unmöglich machte, dass dieser sein Theologiestudium aufgeben und nach London flüchten musste. Dort gründete er eine erfolgreiche Schule gründete, offensichtlich nicht gehindert durch mangelnde Englischkenntnisse. Der Verlust für die Theologie kann nicht übermäßig groß gewesen sein, der Gewinn für die Sprachkunst war dafür umso größer. Denn van der Linde war ein Virtuose der Sprache und seine heiteren Verse erfreuten sich lange großer Beliebtheit. Ansonsten war das Leben eines Schulmeisters eine mühselige und durch Armut geplagte Quälerei, wie es aus der Jammerklacht an den Freund van Lennep hervorgeht. Hoffentlich empfinden heutige Schulmeister es anders.

Schulmeister

Er, der aus freier Kaprice,
In einer Hinterkammer,
Kopfschmerzen wie ein Hammer,
Und eine verstopfte Nase
Und eine beklemmte Blase,
Und Gelüste wie ein Bock,
Ein Nacken wie im Stock,
Und Türen, die nicht schließen,
Und alle Scheiben leck,
Podagra in den Füßen,
und aussieht wie ein Geck;
Ist minder zu beklagen,
Als der, der drei Paar Tage,
Die Klassenzimmerblagen,
Die Furzluft und den Dreck,
Rotznasen, Eselsfragen,
Das ekelhafte Nägelnagen,
Das kratzend Läusejagen,
Die schmutzig weißen Kragen,
Das gottverdammte Plagen
Der Jugend muss ertragen.


De Schoolmeester, um 1834.

Schulmeister


Übersetzung Jaap Hoepelman November 2017

Dass van de Linde wahrlich nicht für das Studium der Theologie geeignet war, geht auch aus folgender Glosse an van Lennep hervor (Jacob van Lennep), die ein interessantes Licht auf Sitten und Moral im frühen 19. Jahrhundert wirft.. Van Lennep, im Übrigen, war selber ein einflussreicher Dichter und Schriftsteller,

Ähnliches Foto

"Rijksadvocaat" (eine Stellung vergleichbar mit der des Staatsanwalts). Er war ein liberaler Mann, Erstherausgeber von Multatulis "Max Havelaar" und Herausgeber von Vondels Gesamtwerke, ein treuer Unterstützer van de Lindes und der richtige Adressat für den folgenden kleinen Reim:

Gerrit van de Linde
Für van Lennep
1834
-----
Wenn manchmal die bösen Fleischeslüste dich tun plagen
empfehle ich dir du weisst schon was ich meine bis Holland zu vertagen
Denn die englischen Huren wird keiner dir rekommandieren
Sie liegen in den Pfühlen wie Statuen nach dem Gefrieren
Und um dafür zu sorgen, dass eine englische Hurfrau beim Ficken sich ein wenig regt
Musst du eine andere darunter legen, die vom Schluckauf wird bewegt.


Übersetzung Jaap Hoepelman

August 2018



Gerrit van de Linde
voor van Lennep

1834

‘Als somtijds de booze lusten van het vleesch je mogten kwellen
Zou ik je maar raden om je weet wel wat ik meen tot in Holland uit te stellen
Want de Engelsche hoeren zal niemand je recommanderen
Ze liggen net als bevroren monumenten in de veren
En om te maken dat een Engelsche hoervrouw onder het naayen een beetje leeft
Zou je er een andere onder moeten leggen die den hik heeft’.

Dienstag, 26. August 2025

Multatuli: "Max Havelaar", The book that killed Colonialism.



 Multatuli 
 (Eduard Douwes Dekker)
1820-1887



Ähnliches Foto
                                                                                                      Multatuli in Brüssel, 1859
                                                                                                 

 "Ich bin Makler in Kaffee und wohne auf der Lauriergracht No. 37."

Dies ist der Anfangssatz des ersten Kapitels des "Max Havelaar", ein Werk, das eine Schockwelle durch die niederländische Literatur und Politik sandte.

Die Sprache der Pfarrer-Dichter, auch wenn ironisch oder sarkastisch gebrochen, war meistens altmodisch und schwerfällig. Sie war weit entfernt von der Umgangssprache. Wie weit, wurde schlagartig klar mit der Erscheinung, 1859, des "Max Havelaar" von Multatuli (Pseudonym von Eduard Douwes Dekker, 1820-1887). Douwes Dekker fuhr 1838 nach niederländisch Indien und beendete 1856 seine Karriere als Assistent-Resident in Lebak in der Residenz Bantam. Assistent-Resident war eine ziemlich hervorgehobene Stellung, die es Douwes Dekker ermöglichte tiefe Einblicke in die Funktionsweise der Kolonialverwaltung - d.h. der Ausbeutung - zu gewinnen. Als seine Proteste gegen die Auspressung der Bevölkerung durch die örtlichen Eliten - denn praktischerweise hatte die Kolonialregierung die täglichen Geschäfte den örtlichen Aristokraten, den "Regenten" überlassen - beim Generalgouverneur nichts fruchteten, beantragte Douwes Dekker die Entlassung. Es folgte ein unstetes Dasein, das ihn u.a. nach Brüssel führte, wo er in nur wenigen Monaten, 1859, den "Max Havelaar" schuf. Der "Max Havelaar" ist nicht nur heftiger Protest, sondern in Form, Inhalt und Sprache ein neuartiger Roman, der nicht nur in den Niederlanden auf große Zustimmung stieß. Der Untertitel "of de koffij-veilingen der Nederlandsche Handel-Maatschappij" d.h. "oder die Kaffee-Auktionen der niederländische Handelsgesellschaft" macht klar, dass es Douwes Dekker ging um einen breit angelegten Angriff auf den niederländische Staat  - über ein Drittel des Staatshaushaltes bestand aus Kaffee-Einkünften aus Indien, eine Tatsache, die den damaligen Lesern wohlbekannt war. Die Veröffentlichung des bahnbrechenden Werkes wurde interessanterweise durch van Lennep, ein einflußreichreiches Mitglied der oberen Kreise und Schlüsselfigur der niederländischen literarischen Szene in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglicht. Über van Lennep finden sie mehr in meinem Blog unter diesem Link.

Es gab auch in Deutschland eine Reihe Übersetzungen des "Max Havelaar", man findet den deutschen Text im Internet, z.B. hier:

Max Havelaar

Das Prosa-Gedicht, das ich hier übersetze ist Teil der Geschichte von "Saidjah und Adinda", ein Fragment, das im Übrigen die Spuren der Kolonialzeit auf die niederländische Sprache (wie im Übrigen auch auf Küche, Supermarkt oder Restaurant) illustriert.



Saidjah und Adinda

("Das Lied des Saidjah")



"Ich weiß nicht, wo ich sterben werde.

Ich habe das mächtige Meer gesehen an der Südküste, als ich dort war mit meinem Vater, um Salz zu machen.

Wenn ich sterbe auf dem Meer und man wirbt mein Leichnam in das tiefe Wasser, werden Haie kommen.

Sie werden um meine Leiche herumschwimmen und fragen: „Wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser hinabsinkt?“

Ich werde es nicht hören.

Ich weiß nicht wo ich sterben werde.

Ich sah wie das Haus des Pa-Ansu brannte, das er selbst anzündet hatte, da er mata-glap* war.


Wenn ich sterbe in einem brennenden Haus, werden glühende Holzstücke runterstürzen auf meine Leiche
Und draußen vor dem Haus werden die Leute Wasser werfen um das Feuer zu töten mit großem Geschrei.

Ich werde es nicht hören.

Ich weiß nicht wo ich sterben werde.

Ich sah, wie der kleine Si-unah stürzte aus der Klappa-Palme**, als er eine Klappa-Nuss für seine Mutter pflückte.

Wenn ich stürze aus einer Klappa-Palme, werde ich tot daliegen am Fuße des Baumes im Gebüsch, wie Si-unah.

Meine Mutter wird nicht schreien, denn sie ist tot. Aber andere werden rufen: „Seht, da liegt Saidjah!“ mit lauter Stimme.
Ich werde es nicht hören.

Ich weiß nicht wo ich sterben werde.

Ich sah die Leiche des Pa-lisu, er starb in hohem Alter, denn seine Haare waren weiß.

Wenn ich in hohem Alter sterbe, mit weißen Haaren, werden die Klageweiber um die Leiche stehen
Und sie werden jammern, wie die Klageweiber beim Leichnam des Pa-lisu. Und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.

Ich werde es nicht hören.

Ich weiß nicht wo ich sterben werde.

Ich habe viele zu Badur gesehen, die gestorben waren. Man kleidete sie in ein weißes Kleid und begrub sie in der Erde.

Wenn ich sterbe zu Badur, und man begräbt mich außerhalb der Dessa***, am Hang des Hügels gen Osten, wo das Gras hoch ist,

Dann wird Adinda dort vorbei gehen und der Saum ihres Sarongs**** wird leise am Gras entlang streifen...

Ich werde es hören.“


Multatuli, (Eduard Douwes Dekker) aus „Max Havelaar“, 1859.

(Übersetzung Jaap Hoepelman, 2014)


Auf Youtube wird der ursprüngliche Text gelesen und gezeigt:

Saidjah en Adinda

Für die ganz mutigen gibt es hier den vollständigen Text auf Niederländisch:


Max Havelaar, niederländisch.


Das "New York Times Magazine" nannte den Max Havelaar "The Book That Killed Colonialism" (ein netter Aufsatz, der es aber mit den statistischen Daten nicht übertrieben genau nimmt).

Andere Texte von Multatulti habe ich hier, hier, hierhier und hier übersetzt.

*      mata-glap: Maleisisch "Finsteres Auge" - wahnsinnig.
**    Klappa: Kokos 
***  Dessa: Dorfgemeinde
****Sarong: Wickelrock

Erklärungen von mir (JH). Dem niederländischen Publikum waren die Wörter geläufig.  

Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Freitag, 23. Januar 2026

Die Rosa Poetica.


Die Rose ist schön, sie duftet, sie ist vergänglich und sie kann stechen. Voilà: die Zutaten für eine feine Sauce auf einer unüberschaubar langen Speisekarte der poetischen Küche der Niederlande. 
Zunächst einige Beispiele, an denen ich mich schon mal versucht habe:


Jonker Jan van der Noot wollte mit Schönheit und Zerbrechlichkeit verführen:                                                                ...

Ode

Es war April, als Flora sich daran gemacht
Das Erdreich lieblich zu verschönern
Mit neu gewachs'ner Blumenpracht,
Als ich sie ansprach, meine ersehnte Schöne.

Liebste, sprach ich, schauen wir die Rose an
Die heute früh sich auf das herrlichste entfaltet hat.
Wir standen an der Stelle eine Zeitlang
Und suchten wo das Röslein sich verborgen hat.

Wir fanden keine Rose mehr, allein
Die Blütenblätter, alle abgefallen,
Beraubt all ihrer schönen, reinen
Farben, womit sie morgens uns gefallen.

Ach Liebste, sprach ich, ist's nicht schade,
Dass diese schöne Blume ist so schnell dahingefallen
Bevor einem erwiesen wurd' die Gnade
Sich zu erfreuen ihres Dufts, das Köstlichste von allem?

Oh ja, sprach sie, schön war die Blume, wirklich.
Deswegen, Liebste, sieh doch wie schnell es geht.
Erlaube, Liebste, dass ich Dich inniglich 
barmherzig nenne, in Ehren, früh und spät.

Nutze die Zeit, um die es geht,
Es ist die schönste Zeit deines Bestehens,
Auf dass es dir auch nicht ergeht,
Wie mit der Blume ist geschehen.


Pieter Cornelis Boutens  kontrastiert die Schönheit der Rose mit der Lächerlichkeit einer Statue in "Rosengarten, Berlijn":
                                                                                                                  
Rosengarten
Berlin

1910

Ich habe etwas beinah schönes angeschaut
Hier, wo die Jagd der Oberflächlichkeit
Alles schöne feil für Gold
Besitzen will, und so entweiht -
Ich habe etwas beinah schönes angeschaut:
Im vom Verkehr umsummten Park
Abseits von seinen Asphaltwegen,
Wie in einer Straße eine zugebaute Kirche,
Fand ich den Rosengarten ich gelegen:
Dort in sonndurchstrahlter Blumenwolke
Schwieg im unbehobelbaren Volke
Leeres Geschwätz, hohles Getue.
Einen Augenblick der Ruhe...
Nur Rosenstauden, Rosenständer!
So dacht' ich - mittendrin
Stand von der doofen Kaiserin
Der doofere Kleiderständer.



Staatsanwalt van Lennep trug seine Sicht der Dinge im Herrenverein "
Saturdagsch Gezelschap" vor:




An ein Röslein

Sanftgefärbte Frühlingsblüte,
Was du wohl auf Selindes Busen tust,
Dass du kuschlig auf den Brüsten
Wie zwischen daunenen Pfühlen ruhst!
Artiges Röschen, frisch entfaltet,
Wäre dein seliges Schicksal meins,
Läg' auch ich sanft festgehalten
Wo das Halssatin sich spreizt,
Ich läge nicht, wie du, bewusstlos
Das Köpfchen abgeknickt zur Seit;
Nein, die Neugier schaute rastlos
Auf die nahe Herrlichkeit.
Angespornt von heißen Lüsten
Auf die Brüste, weiß und weich,
Drückt' ich tausend, tausend Küsse
Auf Schultern, Hals und Nacken gleich.
Ich würd' zusammen auch vergleichen
Beide Kugeln, weiß und rund:
Welcher ich den Lorbeer reiche
Woraus bestünde der Befund?
Wo die Venen blauer schienen,
Wo das Weiß am weißesten war,
Welcher die größte Federkraft verliehen,
Welche der Beere röter war.
Dann versucht' ich nach zu spüren,
Wohin die hohle Gasse leitet,
Wohin die Furche mich will führen,
Die ein Rund vom anderen scheidet,
Die stillschweigend mir bedeutet,
Dass die Gass' nach unten führt,
Dort, wo warten ungeahnte Freuden,
Von keinem Sterblichen berührt.
Ich nähm die Gasse, lustgetrieben wie ich war,
Bis ich den Schatz in Augenschein genommen
Und sich auftat, was geheim geblieben war,
Bis ich in Cypris' Rosenhof war angekommen.



Ein berühmtes Rosengedicht für seinen Schüler Eugeen van Oye trug der flämische Priester Guido Gezelle bei:

Der Abend und die Rose

Hab' manche, manche Stund' bei Dir
verbracht und sie genossen,
und nie hat mich die Stund' mit Dir
ein einz'ges Mal verdrossen.
Hab' manche, manche Blume Dir
gelesen und geschenkt,
wie eine Biene, die bei Dir, bei Dir,
mit Seim wurde getränkt;
doch war die Stunde nie so lieb mit Dir,
so lang' sie dauern sollte,
doch war die Stunde nie so trüb' mit Dir,
als ich nicht gehen wollte,
als jene Stund', in der ich nah bei Dir,
am Abend still gesessen bin,
ich sagen hört' und sagte Dir
was ist im Herzen innen drin.
Noch keine Blume war so schön, von Dir
gesucht, gepflückt, gelesen,
als die, am Abend...die von Dir,
von mir geschenkt gewesen!
Obwohl, sowohl bei mir als Dir,
- wer wird die Wund' genesen? -
die Stund' bei mir, die Stund' bei Dir
ist keine Stund' gewesen;
obwohl bei mir, obwohl bei Dir,
wenn lieb und handverlesen,
die Rose, auch die Ros' von Dir,
ist Ros' nicht lang gewesen,
doch lange hegt, dies sag' ich Dir,
egal was bringt das Los,
mein Herz drei teure Bilder: Dich,
die Abend  - und - die Ros'!


Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Pädagogik der Aufklärung in der Literatur für Kinder und es entstand eine Tendenz zur Vereinfachung der Sprache, von der unsere Schüler bis zum heutigen Tag die Früchte pflücken dürfen:

Hieronimus van Alphen (1746-1803)

In Deutschland hatten Christian Felix Weiße und Gottlob Burmann Kindergedichte veröffentlicht und in den Niederlanden folgte Hieronymus van Alphen (1746-1803) ihnen nach mit den  "Proeven van Kleine Gedigten voor Kinderen"  ("Versuch einiger kleinen Gedichte für Kinder", 1778). Van Alphens Versuch, eine vereinfachte, kindgerechte Sprache zu schreiben wurde sofort zum Erfolg. Das Bändchen wird bis heute in Faksimile herausgegeben. Natürlich wurden die lieben Kleinen zu Gottesfurcht und Tugend angehalten. War die Zartheit der Rose bei van der Noot ein "Carpe Diem" - ergreife die Gelegenheit, morgen ist's zu spät! -, so muss ihre Vergänglichkeit bei van Alphen die Kinder zu Ehrfurcht vor Gottes Weisheit anhalten: 


Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Verzichte man auf Krittelei.


Die Verwelkte Rose

Warum verwelkt die Rose über Nacht?
Sagt kleiner Jan: Wär's anders nur gemacht!
Diente es Gott nicht eher zur Ehre,
Wenn frisch die Ros' geblieben wäre?
****
Du glaubst, dass es an Ehr' gebricht,
Mein lieber Jan! Es ist so nicht.
Denn der Schöpfer weiß von allen
Am besten wie die Blätter fallen;
Dadurch, so will Er, gibst du Obacht,
Wie Schönheit hin ist über Nacht.
Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Verzichte man auf Krittelei.


(Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2026)


Betje Wolff, Aagje Deken

Am Ende des 18. Jahrhunderts stand es schlecht um die alte Republik. Nach dem Katastrophenjahr 1672 hatte sich eine lange Periode des Niedergangs vollzogen, der in der Französischen Invasion (1795) und der Seeblockade durch die englische Flotte nach dem verlorenen Seekrieg 1780-1784 gipfelte. Die Verelendung der Bevölkerung war massiv. In dieser Lage versuchten die Aufklärerinnen Betje Wolff und Aagje Deken die Moral zu heben durch ihre "Economische Liedjes" ("Ökonomische Liedchen" 1781), geschrieben in einfacher Sprache. Es war ein großer Erfolg. In den "Liedchen" werden die Berufe durch ihre Betreiber sprechend eingeführt, wie in den sehr bekannten Emblematabüchern z.B. des Gravierers und Dichters Jan Luyken (1649-1712) "Spiegel van het menselyk bedryf" ("Spiegel des menschlichen Gewerbes"). 

Jan Luyken "Der Küfer"

Weil sie die moralische und sittliche Erziehung der Kinder als Voraussetzung für die Entwicklung der Bevölkerung betrachteten, schufen sie Fabeln für Kinder ebenfalls in einfacher Sprache, häufig nach französischem Vorbild. Einfache Kindersprache? Aus heutiger Sicht traute man den Kindern offensichtlich einiges zu. Die "Fabelen Voor De Nederlandsche Jeugd" ("Fabeln für die Niederländische Jugend" 1784) kannten viele Auflagen und wurden bis ins 20. Jahrhundert in verschiedenen Versionen herausgegeben.
Die schnell welkende Rose dient hier als eine Warnung vor der Wollust, von der nur der Stachel der Trauer übrigbleibt. 
Für Betje Wolff hatte "Coosje und ihre Mutter" bestimmt einen persönlichen Bezug. Sie war zarte 17 Jahre alt, als sie mit einem Fähnrich durchbrannte, dem sie ihr Leben lang nachtrauerte. Die kluge  Mutter im Gedicht hat sie wohl an die eigene, früh verstorbene und innig geliebte Mutter erinnert.
"Plaisir d'amour ne dure qu'un moment, chagrin d'amour dure toute la vie",
wie auch Kollege Fabeldichter Jean-Pierre Claris de Florian wusste.


VIIIe Fabel

Coosje und ihre Mutter


Coosje, mit kaum vierzehn Jahren,
Wollte von Mama erfahren,
"Mutti, was mag Wollust sein"?
In kluger, mütterlicher Überlegung
Sah die Dame glasklar ein,
Dass sie, falls sie dieser Frage auswich,
Die Wissbegierde nur belebte,
Also scheute sie die Finte nicht
Um die Schwierigkeit zu meiden.
"Was ist Wollust? Liebe Coosje,
"Deine Mutti sagt es dir,
"Wollust, ach! Ist eine Rose".
"Ei! Ist's möglich, sprach das Mädchen,
"Das ist die kleinste aller Sachen;
"Wenn dem so ist, will ich's betrachten;
"Den kleinen Spaß werd' ich mir machen".
Und hüpfend sprang das liebe Mädchen
Zum Garten, wo der Ros'baum stand
Und pflückte kurzerhand ein Röslein,
Das sie gar liebreizend fand,
Durch den Satin der weichen Blätter,
Durch den Duft, den Glanz, die Glut:
Coosje gab ihm liebe Küsschen,
Wie duftete das Röslein gut!
Es wurde an die Brust geschmiegt.
Damit aber nicht zufrieden,
Legt sie auf den Pfühl die Blüte,
Und sichselbst zur Ruhe hin...
Doch ganz gleich, wie sie sich mühte,
Schlafen ohne Ros', ei was!
Die Augen konnte sie nicht schließen,
Weit entfernt von ihrem Schatz.
Fast war sie dann eingeschlafen,
da streckte sie das Händchen aus,
Ergriff die Rose, schloß die Augen,
Wie die Braut mit einem Strauß.
Früh erwacht sie, vom Verlangen,
Die Blume wieder anzuschauen..."
"Wie! Betrügen mich die Augen?
"Unmöglich! Kann ich ihnen trauen?
Sprach sie traurig und erstaunt,
"Röslein! Bist du so zerbrechlich...
"Ach. Ein Dorn hat mich gestochen!
"Dieselbe Rose? So vergänglich?
"Dein ganzer Glanz ist jetzt verschwunden!
"Dein ganzer Duft verschwand im Wind".
Weinend lief sie hin zur Mutter:
"Gräm dich nicht, mein liebes Kind,
"Getäuscht hab' ich dich nicht, mein Engel;
"Sei das Röslein dir ein Bild. Es schmeichelt,
"Wie die zauberhafte Wollust,
"Die das Herz berührt und streichelt
"Mit den schönsten Lieblichkeiten:
"Liebes Coosje! Trau ihr nicht!
"Bald verwelkt sie und was bleibt dir?
"Dass dich der Dorn der Trauer sticht!"

Fleury

"Fleury" auf den pflichtgemäß verwiesen wird, ist der französische schriftsteller Arnaud Berquin (1747-1791), der veröffentlichte unter dem Pseudonym Monsieur Fleury oder Abbé Fleury. Die Fabel ist in seiner Manier geschrieben.

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...