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Dienstag, 3. Dezember 2024

Leo Vroman. Ode an die ältesten Tage

Leo Vroman 1914-2015

Ode an die ältesten Tage

Oh, nie mehr jung sich abzuplagen,
heiß um eine kalte Welt sich mühend,
begierig, jedes Schriftstück aufzuschlagen -
wie verschwitzt und wie ermüdend!

Nein, ich genieß die Dehnung jeder Nacht,
die sanfte Kleinheit aller Ideale,
die süße Trägheit der Gedanken, die, unausgedacht,
es nicht mehr schaffen bis zum Finale,

nicht einmal der Gedanke an das Ende,
die Fahrt von Bett zu Boden dauert lang,
träumend, dass ich das Sublime fände,
ein Fördermittel für den letzten Gang,


dass, wie auf einem Fahrrad fahrend, ich,
zum schwärzesten, zum größten Abenteuer,
vom Schlaf erwache, denn mir fehlt das Steuer,
mit einem Griff ins Nichts verlier ich mich.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Dezember 2024)


Kleine Sprachnotiz am Rande:
Der Originaltitel „Ode aan de oudste dagen“ enthält ein dreifaches, im Deutschen leider unübersetzbares Wortspiel, das zeigt, warum es sich lohnt, Niederländisch zu lernen. Vroman jongliert hier meisterhaft mit drei zeitlichen Begriffen:
  1. „De oude dag“ ist im Niederländischen ganz alltäglich der Lebensabend (das Alter).
  2. „De oudste dagen“ meint wörtlich die allerletzten (ältesten) Tage des eigenen Lebens, bedeutet im normalen Sprachgebrauch paradoxerweise aber auch die „Urzeit“ oder die Anfänge der Welt. Im hohen Alter verschwimmen Anfang und Ende.
  3. Und als kosmischer Kontrast schwingt im Hintergrund „de jongste dag“ mit – was wie im Deutschen der „Jüngste Tag“ (das Weltgericht und das absolute Ende der Zeit) ist.
Drei Wortspiele in einem einzigen Titel.


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