Übersicht

Posts für Suchanfrage Gorter werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Gorter werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Montag, 28. Dezember 2020

Herman Gorter: Ein neuer Frühling und ein neuer Klang

 


Herman Gorter (1864-1927)




November 1888 vollendete Herman Gorter den ersten Gesang seines epischen Gedichtes "Mai". Die 3 Gesänge des Gedichtes umfassen 4381 Zeilen, in der Gorter seine Liebe zu Wies Koopmans (später seine Frau) besingt in Metaphern und Rhythmen, die einen Höhepunkt und Endpunkt der Poesie der Achtziger darstellen. Der "Mai" war neu in Mystik, Naturlyrik, Erotik auch - aber er bestand nun mal aus 4381 Zeilen. Es überrascht also nicht ganz, dass eigentlich nur die ersten 20 Zeilen, die ich hier übersetzt habe, berühmt geworden sind. Sie gehören dafür zum Kanon der niederländischen Poesie, sogar in diesen poesielosen Zeiten. 

1890 erschien das Gedichtband "Verzen", das dem "Sensitivismus" zugerechnet wird, in dem, radikaler noch als im "Mai" traditionelle Vorgaben in Grammatik und Semantik der herkömmlichen Verslehre aufgegeben werden, um den Eindruck des Gefühlten unvermittelt hervor zu rufen. 

Gorter war mehr als nur ein impressionistischer Dichter. Er war Altphilologe und Gymnasiumlehrer, Übersetzer der Ethica des Spinoza. Später war er aktiv in der sozialistischen und danach in der kommunistischen Bewegung, zum Teil zusammen mit Henriette Roland Holst.


Gorter (dritter von Links) bei einem Meeting der Sociaal Democratische Partij.
Auf seinen Strohhut wollte er nicht verzichten.


 1918 übersiedelte er nach Deutschland, wo er die radikaleren Positionen der KPD, anschließend der KAPD vertrat. Er war Mitglied des west-europäischen Sekretariats der Komintern, aber wurde 1920 aus der Führung hinausgeworfen: Sein kompromissloser Kritik an Lenins Broschüre "Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus" wurde ihm nicht in Dank abgenommen. Nach einigen Aktivitäten in marginalen sozialistischen Bewegungen, zwangen Herzprobleme ihn dazu, die politische Bühne zu verlassen. Er starb 1927 in der Schweiz, wo er gehofft hatte sich von seinem Herzleiden erholen zu können.

Wie bei Henriette Roland Holst war Gorters Kommunismus vornehmlich ein dichterischer Traum, der mit der hemdsärmeligen Bereitschaft zur gnadenlosen Tyrannei nicht viel zu tun hatte. Dass er nicht bereit war auf kleinbürgerliche Vorlieben zu verzichten, wie das Tennisspiel und das Tragen von eleganten Kreissägen, ist in meinen Augen sympathisch, aber trug gewiss nicht bei zu seiner Beliebtheit in der revolutionären Bewegung.


Herman Gorter, aus “Mai“, 1888.

I

Ein neuer Frühling und ein neuer Klang:

Ich möcht', dass dieses Lied pfeift wie der Vogelsang,

Den ich öfters hörte vor der Sommernacht

In der kleinen, alten Stadt, entlang der Wassergracht -

Im Haus war's dunkel, doch die Straße am Kanal

Sammelte Dämmer, am Abendhimmel blinkte fahl

Noch Licht, es fiel ein dunkelgoldner Schein

Auf eingerahmte Giebelreihn.

Dann pfiff ein Knabe - so wie eine Orgelpfeife,

Die Klänge schüttelnd in der Luft - so wie reife,

junge Kirschen, wenn der Frühlingswind

Steigt im Gebüsch und seinen Flug beginnt.

Er zog über die Brücken, auf dem Wall

am Wasser, langsam gehend, überall

wie ein junger Vogel pfeifend, unbewusst

der Abendwonnenlebenslust.

Manch müder Mann beim Abendessen

Hörte zu, eine Geschichte, längst vergessen,

Lächelnd, die Hand am Fenstergriff,

Zögerte zeitweilig, während der Knabe pfiff.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020


Mei, I, 1889.

Een nieuwe lente en een nieuw geluid:


Ein Beispiel für Gorters Sensitivismus ist das Liebesgedicht "Zie je ik hou van je" aus "Verzen", 1890,

in dem die Dichterliebe durch hilfloses Gestammel fühlbar gemacht wird. Gekonnte Naivität, freilich. Aber vergleichen wir es mit Jacques Perks Epos "Iris", aus 1881, das seinerzeit als erneuernd galt:


Aus "Iris" (1881)

Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem Seufzer der tosenden See,
Die hoch ist gestiegen, um wie Regen zu fliegen,
Geschwollen vor Verzweiflung und Weh:
Meine Gewänder Perlen durchweben, die beben
Wie Tau auf der Ros', die erblüht,
Wenn schamvoll die Tagbraut zu baden sich traut,
Und vor ihr ein flammender Fächer erglüht.


Damit verglichen stellt Gorters tastende Einfalt tatsächlich etwas völlig neuartiges dar:


Siehst du

Siehst du ich liebe dich,

ich find' dich so leicht wie das Licht -

deine Augen sind so voller Licht,

ich liebe dich, ich liebe dich.


Und deine Nase und dein Mund und dein Haar

und deine Augen und dein Hals, dar-

um das Kräglein und dein Ohr

mit dem Haar davor. 


Siehst du ich wollte gerne sein

du, aber es kann nicht sein,

das Licht ist um dich, du bist

nun doch was du nun einmal bist. 


O ja, ich liebe dich,

so fürchterlich liebe ich dich,

ich wollte das alles ganz sagen -

Aber kann es doch nicht sagen.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020

Donnerstag, 11. März 2021

H²OJE - H²OMEI



In den Niederlanden waren das Kurz- und das Spaßgedicht gerne betriebene Genres. Berühmt ist der Dichterstreit zwischen Jacob Cats und Joost van den Vondel, wer das kürzeste improvisierte Gedicht vortragen könne. Cats nahm eine brennende Kerze und kippte sie, so dass flüssiges Kerzenfett auf Vondels Strümpfe tropfte (Vondel betrieb eine Handlung in Strümpfen in der Warmoesstraat in Amsterdam. Die Straße gibt es im Übrigen noch immer. Strümpfe werden dort in den seltensten Fällen angeboten). Daraufhin sprach Cats die poetischen Worte: "Vet smet". Vondel erwiderte mit einer Ohrfeige und der Zeile "Ik tik". Also in etwa - Cats: "Wachs: Pack's!", Vondel: "Schmier dir!". Vondel siegte.

In früheren Posts habe ich mich an einigen Spaßgedichten versündigt, z.B. hier, hierhier oder auch hier.   Ich hatte eigentlich vor, mich mal wieder einem Flamen aus dem Mittelalter zu zu wenden, und zwar dem ersten Großliterat der niederländischen Sprache, dem jahrhunderte lang ungeheuer einflussreichen Jacob van Maerlant.  300.000 Verszeilen aus dem 13. Jahrhundert  -  mir wurde bald klar, dass ich mehr Zeit brauchen würde, schon alleine dafür, ein für eine Übersetzung geeignetes Fragment zu finden, und obendrein eine kurze Lebensbeschreibung des mittelalterlichen Dichters zu erstellen.   

Ich stellte fest, dass mir nach den todernsten Versen von Boutens, Gorter und Antoine de Kom der Sinn nach etwas anderem stand: Nach Spaßpoesie!


   

                                                                                                                                                 Johan van der Meulen (John O'Mill)                                                                                                                                                                         (1915-2005                                            

H²OMei         

In Hoheneich

im Wasserteich

ertrank die Tante Mildred

Seitdem trinkt Onkel Erich

sein Wasser nur gefiltred


(Nach John O'Mill)

====================================

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Alfred Kossmann  (1922 - 1998)

Ein Reim                                                                                                        

Gott schuf auf wunderbare Weise

Die fleißige Ameise

Die nächste Schöpfung war wunderbar noch mehr:

Der Ameisenbär


(Nach Alfred Kossmann)

================================                                                

                                                                            Michel van der Plas (1927 - 2013)

Spleen


Ich sitz an meinem Fenster,

tu meine Zeit vertrielen.

Ach, wäre ich zwei Hündlein,

Ich könnt' zusammen spielen


(Nach Michel van der Plas)

====================================                                                                                                                                       

                                                                                                                                                          
     Mixture


Die Niederländer sagen water

der Franzmann spricht von l'eau

Der Belgier kennt beide Sprachen

und spricht von Waterloo


(Nach John O'Mill)

================================

                                                                                                                                                                  

 Kees Stip (Trijntje Fop)
(1913-2001)

Auf ein Huhn


Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:

"Wer war zuerst, ich oder du?

Jede Philosophie versagt,

wenn man nach der Antwort fragt.

Ich meine, soviel ist belegt,

nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Nach Kees Stip)


Übersetzungen Jaap Hoepelman März 2021

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...