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Dienstag, 18. April 2023

Louis Couperus. Ein Pantum. Pantum?

           

                                                Louis Couperus
                                                     1863-1923

Pantum (1886)

Oh, zittre, Flöte, voller Tönenzauber!

die Nacht ist wie von Liebe überfüllt 

Und endlos rauscht's im Bambuslaube;

Vanille seufzt ein Duft so schwül....


Die Nacht ist wie von Liebe überfüllt....

Die Liebe wird in meinem Lied entfleuchen

Vanille seufzt ein Duft so schwül....

Aïla! Hör' auf meine Seufzer!


Die Liebe wird in meinem Lied entfleuchen.

Wenn nicht, von meinem Leid erweicht,

Aïla hör' auf meine Seufzer,

Aïla! wenn dich mein Schrei erreicht.....


Wenn nicht - erweicht von meinem Leid,

Oh, Seele, weich' in meinem Singen!

Aïla! wenn dich mein Schrei erreicht;

Meine Lippen rufen deine Lippen!


Oh, Seele, weich' in meinem Singen!

Vanille seufzt ein Duft so schwül....

Meine Lippen rufen deine Lippen:

die Nacht ist wie von Liebe überfüllt!


Vanille seufzt ein Duft so schwül....

Und endlos rauscht's im Bambuslaube....

Die Nacht ist wie von Liebe überfüllt....

Oh, zittre, Flöte, voller Tönenzauber!


Louis Couperus (1863-1923)

Pantoem

aus: Orchideeën (1886)



Pantum?


Der Pantum (Nl. pantoem, Fr. pantoum) ist eine ursprünglich malaiische Versform, die auf der Insel Java beliebt war. Ein Pantum besteht aus Vierzeilern, die zur Hälfte im nächsten Vierzeiler wiederkehren und zwar so, dass die Zeilen 2 und 4 der ersten Strophe als Zeilen 1 und 3 der zweiten wiederholt werden und so weiter, bis zur Schlussstrophe, in der die 2. Zeile gleich ist an der 3. und die 4. an der 1. der Anfangsstrophe. Als besonders raffiniert gilt, wenn die sich wiederholenden Zeilen der Form nach identisch sind, ihren Sinn sich, je nach Stellung im Gedicht ändert. Pantums können gereimt sein (wie Couperus' hier übersetzter „Pantoem“), aber als halb-improvisierte Form bedienen sie sich sie oft der Assonanzen, eine Freiheit, die ich mir in der Übersetzung ebenfalls genommen habe.

Der Pantum wurde1829 in Frankreich durch Victor Hugo eingeführt und von verschiedenen französischen und einigen niederländischen bzw. belgischen Dichtern benutzt. Aber wie war Couperus' Beziehung zur malaiischen Dichtung? Woher stammte diese kulturelle Aneignung?
Couperus war Sohn von John Ricus Couperus, Gerichtsrat zu Padang und am Obergericht Batavia und von Catharina Geertruida Reijnst, die Tochter von Jan Cornelis Reijnst, dem stellvertretenden Generalgouverneur Niederländisch-Indiens. 

Das Obergericht in Batavia (heute Jakarta)

Er war der Urenkel von Abraham Couperus, Gouverneur von Niederländisch-Malakka. 

Malakka, (Johannes Vingboons, 1665)

Verheiratet war er mit Elisabeth Baud, der Tochter eines Assistent-Residenten (eine hohe Verwaltungsfunktion in Niederländisch-Indien) und Enkelin von Guillaume Louis Baud, sZ Kolonialminister und Mitglied des Staatsrates. Seine Nichte Trudy war verheiratet mit Gérard de la Valette, einem anderen Residenten in Niederländisch-Indien. Kurz: Couperus entstammte der niederländisch-indischen Kolonial-Elite.  Geboren wurde er 1863 in Den Haag, 1872 zog die Familie wieder nach Indien, 1878 zurück nach den Haag.
 
Couperus Museum, den Haag

Couperus hatte also ausreichend Gelegenheit, mit malaiischen Dichtformen Bekanntschaft zu machen. 1883 erschien Couperus erstes Gedicht in Druck, 1884 sein erstes Dichtbündel "Een Lent van Vaerzen" ("Ein Gedichtenschatz") , 1886 das Bündel "Orchideeën", in dem "Pantum" erscheint. 

Das Einband von "Orchideeën. Jugendstil par excellence.

Couperus war ein typischer Vertreter des Fin de Siècle, der Zeit um 1900, in dem Lebensüberdruss und Leichtlebigkeit auf dem Weg zum ersten Weltkrieg einen gespenstischen Paartanz aufführten . Es war die Zeit des Jugendstils. Willem Kloos, dem Anführer der "Achtziger", Träger höchster literarischer Autorität in diesen Jahren, gefielen weder die sublimen Gefühle des empfindsamen jungen Dichters, noch dessen blumige Sprache, und er schrieb eine vernichtende Kritik. Couperus war dermaßen schockiert, dass er sich entschied nie mehr zu dichten und sich stattdessen auf die Prosa zu verlegen. Schade eigentlich, nach dem "Pantum" zu urteilen, denn Literaturkritik ist genau so abhängig vom Zeitgeist wie die Literatur selbst, wobei die Literatur im Allgemeinen länger Bestand hat als die Literaturkritik. 
Für den wahren Dandy im Fin de Siècle war feine Konditorware von ausnehmender Wichtigkeit. Prousts "Madeleine" hat sich einen Platz in der Literaturgeschichte redlich verdient.  Couperus aber stand ihm in Sachen Backwaren nur wenig nach. Das Bild des Louis Couperus hat sich etabliert, wie er durch den Haag flanierte und dabei seine Lieblingskonditorei am "Noordeinde" besuchte, um "Koekjes. Véle bróze koekjes" ("Kekse. Viéle mürbe Kekse") zu bestellen. Die Welt der Haager Elite, häufig mit Interessen in Niederländisch-Indien war die Welt des Dandys Couperus. 
Nach dem durch Kloos Kritik verursachten Schock, wendete Couperus sich dem Sujet des Frauenschicksals zu - ein häufiges Motiv der europäischen Literatur zu der Zeit (Effi Briest, Madame Bovary, Anna Karenina usw.), diesmal im Milieu der Haager Oberschicht. In seinem ersten Roman „Eline Vere“ (1889), beschreibt er den Ennui, die Lebensuntüchtigkeit und das schicksalhafte Abgleiten einer überempfindlichen jungen Frau in den Selbstmord. 


Die „Eline Vere“ wurde zunächst in Fortsetzungen in der Zeitung "Het Vaderland" veröffentlicht, und festigte auf einen Schlag Couperus' Ruf als Schriftsteller. 
Wie so oft war auch Couperus dandyhafte Eleganz in erster Linie eine Pose. Er muss berserkerhaft gearbeitet haben. Die Liste seiner Hauptarbeiten enthält Romane, daneben Kurzgeschichten, Märchen, Kritiken, Reiseberichte, Feuilletons. Zudem war er rastlos unterwegs in u.a. Italien, Frankreich, Niederländisch-Indien und Japan. Die Datenbank der Übersetzungen der niederländischen Literatur enthält 165 Übersetzungen seiner Werke in den verschiedensten Sprachen. 
Viele seiner Romane spielen im niederländisch-indischen Milieu, wie „Die stille Kraft“ und „Von alten Menschen, den Dingen, die vorübergehen“. „Die Bücher der kleinen Seelen“ (1901-1902) wird verglichen mit Tomas Manns Buddenbrooks (1902) und ist wie dieser ein Roman über eine Gesellschaft im unvermeidlichen Niedergang. Der Roman in vier Teilen ist in der Oberschicht Den Haags angesiedelt und natürlich spielt auch hier der Kolonialismus im Hintergrund eine Rolle.
Schicksal, Dekadenz und Zerfall sind Hauptmotive der Arbeiten Couperus, nicht nur in den „indischen“, sondern auch in den historischen Romane. Nicht umsonst lautet der Titel einer der Werke „Schicksal“ („Noodlot“, was in meinen Ohren noch etwas hoffnungsloser klingt), in dem die zwei Hauptprotagonisten sich als Figuren im Spiel des Schicksals gemeinsam umbringen.
Man sollte vielleicht nicht zu viel Zukunft in Kunstwerke einer bestimmte Periode hineinprojizieren, aber den unvermeidlichen Untergang in Dekadenz, der dem hoffnungslos überdehnten niederländischen Kolonialimperiums beschoren war - auch ohne die Beschleunigung des 2. Weltkriegs - hat Couperus in seinen Werken vorausgeahnt.


Übersetzung Jaap Hoepelman April 2023

Eine Kurzgeschichte , in der viele Eigenheiten von Couperus' Kunst gebündelt sind finden sie hier: De Binocle - Das Opernglas. 





Donnerstag, 4. Januar 2024

Du Perron: Vorm of Vent - Muse oder Macker.

 

Charles Edgard (Eddy) du Perron 
1899-1940

Wie Couperus (1863-1923) war Charles Edgar du Perron ein Kind der niederländischen
 Kolonialgesellschaft,    
                                                                           

wie Couperus erwies du Perron sich als ungeeignet für die traditionelle Schulbildung, wie Couperus schaffte er es trotzdem, die Ausbildung mit einem Diplom als Niederländischlehrer abzuschließen  und wie Couperus entwickelte du Perron sich zu einem Autor mit weit über die Niederlande hinausgehenden literarischen Kontakten und Interessen. Die französische Großgrundbesitzer-Familie du Perron war in Indien vermögend geworden und der junge Charles Edgar konnte sich seine mäßigen schulischen Ergebnisse recht unbekümmert leisten.  1921 verkaufte die Familie ihre umfangreichen Besitztümer in einem Ort mit dem kuriosen Namen "Meester Cornelis". Um 1926 siedelte sie nach wallonisch Belgien um, wo sie das Schloss Gistoux erworben hatte.

Schloss Gistoux

Der junge du Perron, der mehrere Sprachen sprach, darunter Malaiisch, hatte schon in "Meester Cornelis" mit journalistischen und literarischen Aktivitäten begonnen und, eingeengt auf Gistoux, fühlte er sich bald von den Niederlanden, aber mehr noch von Brüssel und Paris angezogen. Dort stürzte er sich eifrig in das literarische und künstlerische Leben. Er pflegte intensive Kontakte zu André Malraux, der ihm sein magnum Opus "La Condition Humaine" widmete. Ein anderer Aspekt seiner Persönlichkeit zeigt sich in seinen Beziehungen zu den Schriftstellern Pascal Pia und René Bonnel, die etwas aus dem üblichen literarischen Rahmen fielen. Während einer der Pariser Soirées, an der eine glänzende Auswahl an Künstlern und Intellektuellen teilnahm, hat unser heißblütiger, hoffnungsvoller Dichter Clairette Petrucci kennengelernt, die Adressatin des hier übersetzten Abschiedsgedicht "P.P.C." ("Pour Prendre Congé", "Zum Abschied").  

Clairette Petrucci

Abgesehen von den persönlichen Affären war du Perron ein konzentrierter, ja besessener Arbeiter und Leser. Erste Werke konnte er auf eigene Kosten herausgeben und er erweiterte seinen Wirkungskreis bald durch scharfsinnige Kritiken und Essays.  Sein Einfluss in Belgien und den Niederlanden war beträchtlich. Zu den niederländischen und belgischen Literaten seines Kreises gehörten u.a. van Ostaijen, Elsschot, Slauerhoff und Roland Holst. 1932 gründete er zusammen mit dem niederländischen Kritiker und Essayisten Menno ter Braak und dem flämischen Romanautor und Dichter Maurice Roelants die Zeitschrift "Forum". Das Ziel war es, flämische und niederländische Beiträge gemeinsam herauszugeben. Das Vorhaben erwies sich als nicht lebensfähig und "Forum" wurde in flämische und niederländische Bereiche aufgespalten, letzterer unter der Leitung des Romanautors und Dichters Simon Vestdijk. Die Zeitschrift überlebte zwar nur bis 1935, hatte aber einen großen Einfluss. Ihre Spuren sind  durch scharfe Polemik, Essayistik und den Stil der "neuen Sachlichkeit" bis heute spürbar.  Das hier übersetzte "P.P.C." aus dem bezeichnenderweise "Parlando" ("Sprechenderweise") genannten Gedichtband ist hierfür ein gutes Beispiel.
In einer Zeit zunehmender politischer Bedrohung schien die Beschäftigung mit schöngeistiger Literatur, mit Poesie um der schönen Form willen - zum Teil noch herübergeschwappt von den Achtzigern - den Forumsfreunden immer weniger angebracht. Wichtiger erschien die Kunst, die den aufrichtigen persönlichen Standpunkt - der nicht nicht unbedingt politisch sein mußte - sichtbar machte. Diese Diskussion klang noch lange nach in der niederländischen Literatur, unter dem nicht ganz ernst gemeinten Schlagwort „vorm of vent“, in etwa „Muse oder Macker“.
 Schloss Gistoux entwickelte sich zu einem Treffpunkt niederländischer, belgischer und französischer Literaten, doch als 1936 du Perrons Mutter starb (der Vater hatte sich 1922 umgebracht), erwies sich das Anwesen in der tiefsten wirtschaftlichen Depression  als unverkäuflich. Du Perron war ruiniert. Er versuchte in Niederländisch-Indien wieder Fuß zu fassen. Das Vorhaben missglückte, auch weil sich die von ihm verhasste national-sozialistische Haltung sich in der Kolonial-Gesellschaft tiefer verbreitet hatte, als er es ertragen konnte. Nach seiner Rückkehr ließ du Perron sich 1939 in der niederländischen Künstlerkolonie Bergen nieder. Dort starb der chronische Asthmapatient am14. Mai 1940 an Herzversagen, unmittelbar nach der Nachricht des deutschen Überfalls auf die Niederlande. Am gleichen Tag wie sein Künstlerfreund Menno ter Braak, der sich aus diesem Grund umbrachte. Im Juni 1940 wurde das Schiff, auf dem der gemeinsame Freund, der Dichter Hendrik Marsman, von Frankreich nach England zu fliehen versuchte, torpediert. Marsman gehörte nicht zu den Überlebenden. Der Dichter Leo Vroman gelang gerade noch die Flucht mit einem Segelboot nach England. Die Zeiten waren wahrlich nicht die besten...
Als du Perrons Hauptwerk gilt "Het land van Herkomst" ("Das Herkunftsland"), ein teilweise autobiografischer, teilweise essayistischer und zeitkritischer Roman, der von einigen zum Besten der niederländischen Literatur zwischen den Weltkriegen gerechnet wird. Dem von ihm und ter Braak bewunderten Schriftsteller Multatuli widmete er gleich vier Arbeiten.
Zu seinem weiteren Werk gehören eine Reihe von Erotika, Essays und Polemiken, zudem Gedichtbände, wie der bereits erwähnte Band "Parlando".
Die abgekanzelte Clairette Petrucci, die Adressatin der perronschen gekränkten Schimpftirade in "P.P.C.", war alles andere als beschränkt oder engstirnig. Nach allem, was ich gelesen habe, war Clairette eine höhere Tochter, ein begabtes, kunstsinniges, modernes, unabhängiges Mädchen. Ihr Vater war der Kunsthistoriker und Sinologe an der Sorbonne Marquis Raphael Petrucci, ihre Mutter die Flämin Claire Verwee, Tochter eines bekannten Malers und verkehrte in einer breit gestreuten Gesellschaft bekannter Künstler. Dazu gehörte auch der berühmte Künstler Hendrik Willem Mesdag, der Schöpfer des Mesdag Panoramas in den Haag. Auch Clairettes unmittelbarer Bekanntenkreis war exzellent und man kann sagen, dass sie dem kolonialen Provinzbub in vielerlei Hinsicht voraus war, gerade auch, was die neuesten literarischen Entwicklungen betraf, was seinen Eifer zusätzlich angestachelt haben dürfte.

Panorama Mesdag den Haag.
Detail.

Clairette hatte nun wirklich keinen Grund, auf die Avancen des so wohlhabenden wie unreifen Teenagers einzugehen. Du Perrons Wutausbruch war wohl in erster Linie das Ergebnis jugendlicher Sturheit. In der Liebe gekränkte Poeten können sowieso auf eine lange, ehrwürdige Tradition zurückblicken, 
wie z.B. Focquenbroch: 

Sonett


Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir
gefallen, ich, der ich als Mensch geboren
und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,
der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.


Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest
das weibliche Geschlecht zur Liebe willig ist.
Herr Jupiter begriff es, als vor langer Frist
der Obergott so oft umsonst gekommen ist.


weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,
als Schwan die schöne Leda hat begehrt
und er Europa raubte, als ein weißer Stier.

Es kann also kein Mensch und auch kein Gott gewinnen
Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,
muss nichts mehr sein, als nur ein Tier.

(Klinkdicht)

Übersetzung Jaap Hoepelman,
Dez. 2021 

Billet Doux

Ich wollte ein Gedicht auf einem Fächer schreiben,
So dass du mit den Worten wedeln kannst
Und die Zeilen, möchtest du im Traum verbleiben
Ungerührt zusammenfalten kannst.

Doch mehr noch wollte ich, dass ich sie innen
Drin aufs weiche Kleidchen schreiben könnte
So dass zugleich mit Seide oder feinem Linnen
Mit Gedanken ich dich streicheln könnte.

Ich schriebe diesen blöden Wunsch dir nicht
Wäre ein gänzlich irrer mir erfüllt gewesen:
Einmal zu halten in den Armen dich...
Engelsgeduld ist es gewesen.

Billet Doux (aus "verzamelde gedichten", 1947)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Januar 2020

Du Perron reiht sich somit virtuos in ein gerne gepflegtes literarisches Genre ein:

P.P.C. (Pour Prendre Congé)
Eduard Du Perron (1899-1940)

Lebwohl, Clary. Ich sage nicht mach's gut.
Das klingt schon dumm bei denen, die es meinen.
Du hast Dich gut verkauft. Und ruhig Blut
im Übrigen, denn alle Menschen weinen.

Dein Haus war klein. Dein Herr machte es groß.
Sein Reichtum, hieß es, sei erheblich.
Dein Ruhm wird groß und bald ist man mich los.
Dein Geist blieb klein. Ich mühte mich vergeblich.

Dein Leib ist gut. Du bist ein schönes Weib.
Dem Gatten wirst du viele schöne Kinder schenken.
Dein Herz ist eng; ich wette, dass du bei ihm bleibst.
Hochstehend wirst du stets den guten Ruf bedenken.

Lebwohl Clary: Mich wirst du nicht mehr sehen.
Ich werd' dich meiden, in den Träumen allemal.
Du warst mein Traum; ich lernte dich verstehen:
Bleib wie du bist. Ich hasse dich total.

Übersetzung Jaap Hoepelman
Dezember 2023

P.P.C.  (Parlando  Verzamelde gedichten. 1941)

Nach einer etwas wilden Periode, die ihm über den Verlust hinweghalf, heiratete du Perron im Jahr 1932 die Kunstkritikerin, Übersetzerin und Essayistin Elisabeth de Roos, die sich um den Nachlass ihres Mannes kümmerte.

Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Donnerstag, 8. Februar 2024

Anna Blaman. Auftakt zu den 60ern.



Anna Blaman (Johanna Vrugt)

1905 -1960



Die Spinne


Der silbern wogende Schoß,

mein Liebes, das jungfernhaft heile Netz,

das grauenhaft schöne Trauungsbett

das Fanggespinst des Todes -

ich hab' es gesponnen zwischen den Bäumen,

zwischen Sonne und Erde gestreckt

und überall, wo ich entdeckte

deine süß-summenden Wanderträume. 

Ich fange dich auf im wiegenden Bett

Oh Wunde in meinem Jungfernnetz,

Oh Liebes, verloren in meinem Schoß,

Oh wildes Ringen in Liebesnot -     

ich wickle dich ein in Seidengewalt,

ich halte mit tausend Armen dich umkrallt,

ersticke dich im Kokon aus Glut,

ich trinke dein sanftes weißes Blut,

das rinnend schwallt und schreit -


und sattgetrunken auf der Nabe

meines zerrissenen Totenrades

ich lieg' gerädert und befreit.


Anna Blaman (1906-1960)
aus: Anna Blaman over zichzelf en anderen (1963)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Februar 2024

De Spin


Ich hab mal über Pieter Cornelis Boutens geschrieben und seine Angst, sich zu dem zu bekennen, was er war. Er verneinte lebenslänglich vehement der Autor der offenherzigen  "Nachgelassenen Strophen des Andries de Hoghe" zu sein, aus denen ein Fragment an einige Zeilen  der "Spinne" erinnert:

"...
Und andre mittlerweil', wie finstre Schemen,
Augen hinter Schattenlarve schwelend,
schleichen und gleiten durch das dichteste Gewühle,
und oft mir nähert sich unmerklich eine Geste
dem dumpfen Grienen gleich: "Du bist einer wie wir"-
und von den Lippen tropft heiseres Geflüster,
Sprache in der ein Mensch nicht singen kann,
 ..."

Auf gleichgeschlechtliche Liebe lag zu Boutens Zeiten noch ein schweres Tabu.  In 1930 verweigerte die Regierung Boutens eine königliche Auszeichnung, aufgrund von hartnäckigen "Gerüchten", obwohl Boutens zu den prominentesten Dichtern der Niederlande zählte. Der Schriftsteller und Arzt Aletrino, obwohl Autor einer aufgeklärten Studie aus 1897, in der Homosexualität als gesund und normal beschrieben wird, versuchte panisch, zusammen mit de Haans Ehefrau, die Auflage des Romans "Pijpelijntjes" von Jacob Israel de Haan aus dem Markt zu kaufen.  Pijpelijntjes hat als Thema die homoerotische Beziehung zweier Freunde, die leicht als de Haan und Aletrino zu erkennen sind. De Haan verlor über die Affäre seine Anstellungen. Der Dichter Kloos tauchte ab in einer Scheinehe, Couperus ebenso, de Haans Ehe wird als "Verstandsehe" beschrieben, Gezelle war sowieso Priester. Gerrit Komrij mit seiner  Sottise "Jeder Künstler der Neues bringt, jeder Avant-Garde-Dichter, ist Homo. Das Umgekehrte gilt nicht"  lag nicht weit daneben. In den Kriegsjahren wurde die Lage richtig bedrohlich. Das (etwas kostengünstig geratene) "Homomonument" in Amsterdam erinnert an die Verfolgung Homosexueller weltweit. 


Es dauerte bis zu den 60ern, bis die Herrschaft der Tabus in vielen Bereichen sich langsam zu lösen anfing. Der Krieg war vorbei, das Kolonialreich hatte sich aufgelöst, die Autoritäten, die kläglich versagt hatten, wurden in Frage gestellt, gegen den Krieg in Vietnam und die Regimes in Spanien und Portugal wurde demonstriert. Eine Art fröhlicher  Anarchismus, die "Provo-Bewegung" ("Provo" wie "Provokation"), fand großen Anklang. Das Umweltthema kam auf, "Witte fietsen", "Witkarren" (weiße Fahrräder und weiße Wägelchen für alle) wurden ausprobiert, die Kirchen verloren rapide an Ansehen. Der Schriftsteller Gerard Reve bekannte sich offen zu seiner Homosexualität, trat paradoxerweise trotzdem in die katholischen Kirche ein,  beschrieb in seinem Roman "Nader tot U" ("Näher zu Dir") seine Vorstellung sich mit Gott "in Gestalt eines einjährigen, mausgrauen Esels" zu vereinigen und gewann den darauf folgenden Prozess,  der 1966 wegen Blasphemie gegen ihn eröffnet wurde. Es war ein ziemliches Durcheinander. Das Königshaus wurde mit manchmal nicht ganz feinen Mitteln angegriffen, so wurde Königin Juliana in einer Karikatur als Schaufensterhure zum Lohn von 5,2 Millionen Gulden (die Zulage des Königshauses) dargestellt. Interessanterweise wurde der Zeichner nicht verurteilt, was in dialektisch versierten Kreisen als besonders perfide Form der repressiven Toleranz aufgefasst wurde.
Anna Blaman starb zu früh für diese Minirevolution, aber sie hatte wichtige Weichen gesetzt: Sie arbeitete als Dramaturgin und Übersetzerin am Theater in Rotterdam, sie lebte ihre Sexualität als etwas selbstverständliches und sie arbeitete das Selbstverständliche in ihre Werke ein, z.B. im Roman Eenzaam Avontuur (Einsames Abenteuer) aus 1948, der ein großer Erfolg war und viele Auflagen kannte. Obwohl Homosexualiteit unter Frauen in Kirche und Gesellschaft nicht so rabiat verfolgt wurde wie unter Männern und enge Beziehungen unter Autorinnen in den Niederlanden wohlbekannt waren, wie die von Betje Wolff und Aagje Deken, 

führte Einsames Abenteuer zu gewaltiger Erregung in konservativen Kreisen. "Miserabel", "schmierig", "extravagant", "zusammenhangslos", "schwachsinnig", urteilten einige Kitiker. Es wurde sogar quasi im Scherz ein Büchertribunal errichtet, das Blaman sehr betroffen machte (und womit die Organisatoren unbewusst daran erinnerten, dass Frauen als Homosexuelle vielleicht weniger verurteilt wurden, dafür in der Vergangenheit als Hexen um so mehr und zwar im Wesentlichen aus dem gleichen Grund).
Die Anerkennung für ihre Werke aber wuchs und Anna Blaman wurde mit wichtigen Auszeichnungen geehrt, darunter der Prosapreis der Stadt Amsterdam (1956) und der P.C. Hooft-Preis, der wichtigste Literaturpreis der Niederlande (1957). In Rotterdam wurde ein Denkmal für sie errichtet in Form eines silbernen Motorrades.  


Anna Blaman fuhr Motorrad eben mit der gleichen Selbstverständlichkeit mit der sie über Homosexualität schrieb - Sensationen in den 40ern und den 50ern.


Die königliche Anerkennung, die Boutens - auf Betreiben der Regierung - verweigert wurde, wurde Anna Blaman dann doch zuteil, wie eine Art verspätete Wiedergutmachung: Sie traf sich mit Königin Juliana während des Bücherballs 1958.



Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...