Herzog Jan I von Brabant
1252-1294
Aus den Brabantse Yeesten von Jan van Boendale (1440-1450)
Dass das bemerkenswerte Verhältnis zwischen Köln und Düsseldorf nicht an letzter Stelle einem niederländischen Minnesänger zu verdanken ist, war mir nicht bekannt, bis ich mich für dieses Kapitel ans Werk machte.
Das herkömmliche Bild des lieblichen Minnesängers kann ziemlich in die Irre führen:
Herzog Jan I von Brabant verdiente seine Sporen nämlich in erster Linie als Draufgänger in der Schlacht und als gefürchteter Raufbold in Turnieren.
Den Düsseldorfern ist die Schlacht von Worringen (1288) ein Begriff. Das Düsseldorfer Stadterhebungsmonument erinnert eindringlich an dieses Gemetzel. Schauen Sie sich das Monument einma genau an: Erinnert der grauenhafte Leichnam in Kopf- und Körperhaltung nicht auf makabere Weise an den lieblichen Minnesänger? Mich schon!
Die Hauptkontrahenten in der Schlacht waren der Kölner Erzbischof, Siegfried von Westerburg, und Rainald von Geldern auf der einen Seite und eben Herzog Jan (Johann) I von Brabant auf der anderen.
Es war keine geringe Sache. Mehr als 10.000 Kombattanten waren an der Schlacht beteiligt, darunter tausende Ritter. Um die 2000 Tote soll es gegeben haben.
Die Schlacht von Worringen.
Die Liste der Interessenten erstreckt sich bis hinauf zum Papst und zum französischen König und liest sich wie ein who-is-who des nord-west europäischen Adels. Die Teilnehmer waren alle in irgendeiner Art mit einander verwandt oder verschwägert. So waren Rainald von Geldern und Jan I. von Brabant echte Schwäger – beide verheiratet mit Halbschwestern aus dem einflussreichen Hause Dampierre. Dieses Haus hatte damals ohnehin überall die Finger im Spiel. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an Margarete, die Gräfin von Konstantinopel, und die unheilvollen Dampierres aus einem Post über Jacob van Maerlant: Für deren Machtansprüche wurde einst eine ganze Armee in die Schlacht um Walcheren geschickt und vernichtend geschlagen. Es zeigt, auf welch gewaltiger, europäischer Bühne dieses absurde und blutige Spiel des Adels inszeniert wurde .
Rainald von Gelderns erste Ehe endete mit dem frühen Tod seiner Gattin, Irmgard von Limburg. Rainald leitete daraus einen Anspruch auf das Herzogtum Limburg ab. Leider hatte Jan I von Brabant die Rechte auf Limburg bereits einem von Irmgards Verwandten, Adolf Graf von Berg, abgekauft. Rainald, jetzt verheiratet mit einer Dampierre, konnte den Brabanter Machtgewinn nicht akzeptieren, ebenso wenig wie der Bischof von Köln, Siegfried von Westerburg. Vermittlungsversuche scheiterten, es musste zur Schlacht kommen. Auf Rainalds Seite war das Haus Luxemburg mit von der Partie. Auf Herzog Jans Seite kämpften Kölner und Düsseldorfer Bürger für ihre Rechte gegenüber dem Kölner Erzbischof.
Am 5. Juni 1288 kam es bei Worringen zu einer wüsten Metzelei. Die brabantischen Chronisten feierten ihren minnesingenden Herzog danach wie einen unaufhaltsamen Berserker: Im Laufe des Gefechts soll Jan eigenhändig Graf Heinrich VI. und drei seiner Brüder erschlagen – und damit eine ganze Generation des Hauses Luxemburg ausgelöscht haben. Ob es nun sein eigenes Schwert oder die Wut der bergischenBauern war: Nach einem gnadenlosen Gemetzel obsiegte der Minnesänger.
Herzog Jan im Codex Manesse
1305-1315. Man sieht das Banner mit dem Limburger (rot) und
dem Brabanter Löwen (gold).
Wie tief der Schock über dieses Gemetzel im europäischen Adel saß, zeigt ein Blick über die Alpen: Selbst in der berühmten florentinischen Nuova Cronica des Giovanni Villani verewigte ein Buchmaler die Szenerie.Die Miniatur stellt die schmachvolle Niederlage Rainalds dar: Als Zeichen seiner Kapitulation hält er demütig Federn in den Händen. Links neben ihm lagern die leblosen Körper der erschlagenen Luxemburger. Auf der rechten Seite thront der Triumphator: Herzog Jan, stolz flankiert von seinem frisch modifizierten Wappenschild, das nach dem Sieg den brabantischen Löwen mit dem neu gewonnenen Löwen von Limburg vereinte.
Düsseldorf erhielt als Dank für die Unterstützung die Stadtrechte.
Herzog Jan war nicht nur ein wüster Raufbold. Er ist in Brabant noch in einer anderen Eigenschaft bekannt, sogar beliebt geworden: Als Kulturmäzen. Am Brüsseler Hof begann man Urkunden allmählich auf Niederländisch anstatt Französisch zu verfassen. Jan liebte und förderte Musik, Sang- und Dichtkunst, gutes Essen und einen guten Tropfen. Einer Überlieferung nach ist der Name des legendären Königs des Bieres, Gambrinus, eine Verballhornung von "Jan Primus" und eine schöne Überlieferung sollte man nicht ohne Not aus der Hand geben.
Im Übrigen: Die Biermarke "Hertog Jan" wird noch heute in Brabant und Limburg (NL) angeboten.
Der Herzog befleißigte sich selber als Minnesänger. An seinem Hof waren deutsche, niederländische und französische Sänger tätig. Im Codex Manesse sind von Jan selber verfasste Minnesänge enthalten, angelehnt an französischen Mustern, in einer ins Hochdeutsche tendierende Sprache.** Das bekannteste wohl:
Eens meien morgens vroege
Was ic opghestaan;
In een scoen boemgerdekine
Soudic spelen gaen.
Daar vant ic drie joncfrouwen staen,
Si waren so wale ghedaen,
Dene sanc voor, dander sanc na:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Doe ic versach dat scone cruut
In den boemgardekijn,
Ende ic verhoorde dat suete gheluut
Van den magheden fijn,
Doe verblide dat herte mijn,
Dat ic moeste singhen na:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Doe groette ic die alrescoenste
die daer onder stont.
Ic liet mine arme al omme gaen
Doe ter selver stont;
Ic woudese cussen an haren mont;
Si sprac: “Laet staen, laet staen, laet staen”.
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Was ic opghestaan;
In een scoen boemgerdekine
Soudic spelen gaen.
Daar vant ic drie joncfrouwen staen,
Si waren so wale ghedaen,
Dene sanc voor, dander sanc na:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Doe ic versach dat scone cruut
In den boemgardekijn,
Ende ic verhoorde dat suete gheluut
Van den magheden fijn,
Doe verblide dat herte mijn,
Dat ic moeste singhen na:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Doe groette ic die alrescoenste
die daer onder stont.
Ic liet mine arme al omme gaen
Doe ter selver stont;
Ic woudese cussen an haren mont;
Si sprac: “Laet staen, laet staen, laet staen”.
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Mein Versuch:
Eines Morgens früh in Mai
Wollt' ich keine Zeit verlieren;
In der schönen Obstbaumwiese
Wollte ich mich verlustieren.
Ich sah bald drei Jungfern fein,
Schöner könnten sie nicht sein,
Sie standen wechselsingend da:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Als ich die schönen Blüten sah
In der Obstbaumwiese,
Und hörte eh' ich's mir versah
Das Singen von den Mägden fein,
Könnt' ich glücklicher nicht sein,
Und sang im Einklang mit der Schar:
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
Dann grüßte ich die allerschönste,
Die in ihrer Mitte stand.
Innig wollt' ich sie umschlingen,
Auf der Stelle, gleich, wo ich sie fand;
Ob sie aufs Küssen sich verstand?
Sie sprach: "Es wird und wird Dir nicht gelingen".
Harba lori fa, harba harba lori fa,
Harba lori fa!
( Jaap Hoepelman, Jan. 2022)
mit der kryptischen Zeile ‘Harba lori fa!’ , die in der Forschun gern aus dem Lateinischen ‘Herba flores facit’ , gedeutet wird, d.h. als eine erotische Anspielung: ‘Im Gras sprießen die Blümelein’ . Es ist verbrieft, dass Herzog Jan eine Menge Blümelein hat sprießen lassen.
Das wiederum erinnert mich an das bekannte niederländische Volksliedchen, das später von Hoffmann von Fallersleben ins Deutsche übertragen wurde. Doch in Hoffmanns Version musste die Erotik leider der biederen Tugendhaftigkeit weichen. Im niederländischen Original heißt es noch:
De winter is vergangen
Ik zie des meis virtuut.
Ik zie die looverkens hangen,
Die bloemkens spruten in 't kruud.
In genen groenen dale
Daar is't genoeglijk zijn,
Daar zinget die nachtegale,
End' zoo menig vogelkijn.
Das hat man uns in der Grundschule nicht beigebracht.
Hier Hoffmanns entschärfte Version:
Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt Frau Nachtigale
und manch Waldvögelein.
*Ursprünglich war diese Methode für verstorbene Kreuzritter in Palästina gedacht, um die Knochen sauber und ohne die Schrecken der Verwesung über Monate hinweg in die Heimat zu transportieren, wo die Ritter
bevorzugt beerdigt werden wollten. Der Körper wurde in Wasser oder Wein gekocht, das Fleisch
gepökelt für den Transport, wenn es nicht in Palästina beerdigt wurde und das Skelett gereinigt.
Das erklärt natürlich nicht, weswegen ausgerechnet Herzog Jan, der seine martialische
Fähigkeiten eher in der Gegend Kölns beweisen konnte als in Palästina, more teutonico
beerdigt wurde. Nun - es war Mai, warm vielleicht, der Transport brauchte Zeit...Vielleicht war man der Meinung, dass eine Zubereitung in Wein unter diesen Bedingungen noch am ehesten mit den herzöglichen Angewohnheiten in Übereinstimmung zu bringen war.
gepökelt für den Transport, wenn es nicht in Palästina beerdigt wurde und das Skelett gereinigt.
Das erklärt natürlich nicht, weswegen ausgerechnet Herzog Jan, der seine martialische
Fähigkeiten eher in der Gegend Kölns beweisen konnte als in Palästina, more teutonico
beerdigt wurde. Nun - es war Mai, warm vielleicht, der Transport brauchte Zeit...Vielleicht war man der Meinung, dass eine Zubereitung in Wein unter diesen Bedingungen noch am ehesten mit den herzöglichen Angewohnheiten in Übereinstimmung zu bringen war.