
"Viel Feind, viel Ehr". 1672, dem "Katastrophenjahr", war es doch etwas viel der Ehre, als Frankreich und England die Republik gleichzeitig angriffen, unterstützt von den Bistümern Köln und Münster (unter "Bomben-Bernd", dem Bischof von Galen).
Willem van de Velde.
Die Seeschlacht bei Solebay.
Die "Royal James" wird gesprengt.
Die Republik besiegte zwar die kombinierten Flotten von England und Frankreich in der Seeschlacht von Solebay, aber den französische Feldzug, wie üblich von endlosem Raub, Mord und Zerstörung begleitet, konnte man nur dadurch aufhalten, dass man große Teile des Landes unter Wasser setzte. Es war tatsächlich eine Katastrophe.
In der mehrheitlich Oraniergesinnten Bevölkerung gab man den republikanischen Brüdern Johan und Cornelis de Witt die Schuld. Die Wut wurde noch durch die Tatsache befeuert, das die Zinsen auf Leibrenten gesenkt worden waren, nachdem Johan de Witt (er war auch Mathematiker und als solcher Begründer der Versicherungsmathematik) berechnet hatte, dass sie zu hoch angesetzt waren. Aber gute Mathematik und taktischer Geschick sind zwei Paar Stiefel: Die de Witts wurden von einem rasenden Mob ermordet und geschunden. Einige Historiker vermuten hinter der Kette der Reibungspunkte zwischen den Parteien der Orangisten und der Regenten allerdings auch ein Komplott.
Das Land war zerrüttet. Das „Goldene Zeitalter“ war vorbei und es fing eine lange Periode des Niedergangs an. Das einst stolze Welthandelszentrum Amsterdam sah Mitte des 19. Jahrhunderts in Teilen verheerend aus:
1768 wurde es von den Staaten von Gelderland an den Grafen van Limburg Stirum verkauft und später von Damiaan Hugo Staring, dem Vater unseres Dichters, erworben.

Sohn Antoni Christiaan Staring war ein äußerst vielseitiger Mann. Auf seinem Gut pflanzte er Wälder, betrieb eine Baumschule, legte Moorgebiete trocken und entwarf landwirtschaftliche Geräte. Zudem errichtete er eine Schule für die Kinder seiner Landarbeiter. Seine Bibliothek auf der Wildenborch, die zum Teil noch erhalten ist, umfasste Bücher über Poetik, Jura, Erziehung, Sprach- und Naturwissenschaften und vieles mehr. Für die gewissenhafte Erfüllung seiner Pflichten als Gutsherr studierte er Jura in Harderwijk und Botanik und Physik in Göttingen (1786-1789). Starings Liebe galt jedoch auch der Literatur. Er verfasste Poesie, Erzählungen und schrieb Lieder.
Mit dem damaligen, stagnierenden Literaturbetrieb der Niederlande hatte der landwirtschaftliche Provinzbaron wenig zu tun. Vielleicht war das auch gut so: Staring hatte schon in seiner Jugend die "Basia" (Kussgedichte) des Neo-Lateiners Janus Secundus kennengelernt, kam in Göttingen

näher mit der deutschen Klassik und Romantik in Berührung und er wusste diese Elemente im hier übersetzten Gedicht "Gedenken" virtuos zu verbinden. Durch den Einfluss der gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen Gesellschaften zur Spracherneuerung steht Starings Sprache der heutigen Sprache viel näher als die seiner Vorgänger. So wird verständlich, dass "Gedenken" noch immer zu den beliebtesten Gedichte der Niederlande zählt – ja, sogar als eines der schönsten Gedichte der niederländischen Sprache überhaupt gilt.
Gedenken
Uns schützte tropfend Laub der Weiden,
Wo ich mit ihr geduckt am Weiher saß;
Die Schwalbe überflog die Weide
Und spielte um das Silbergras;
Das Laub, vom Dufthauch leicht bewegt,
Erzitterte, zart angeregt.
Es wurde still; das Tropfen hörte auf;
Kein Vogel mehr am Himmel flog;
Der Tau stieg an den Hügeln auf,
Wo sich das Abendrot verzog;
Der Mai sang seine Abendweise!
Wir hörten es und wurden leise.
Ich sah sie an und tief bewegt,
Schmolz Seel' mit Seel' in eins.
O Zauberbann, auf mich gelegt
Von dieser Augen Schein!
O dieses Mundes Atemsüße,
Flüsternd schlingend unsre ersten Küsse!
Uns deckte friedlich Laub der Weide;
Die Dämmerung zog auf;
Das Dunkel überzog die Weiden;
Wir standen zögernd auf.
Leb' lang in seligem Gedenken fort,
Geweihte Stund'! Geheiligter Ort!
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Die verschiedenen Fassungen tragen die Jahreszahlen 1786 bis 1837
Übersetzung Jaap Hoepelman September 2019
Herdenking
J. P. Guépin "Starings 'Herdenking'".
Staring ist auch bekannt um seine Gedichterzählungen und humoristische Epigramme. An einem Epigramm versuche ich mich hier noch. Es wurde in der Schule häufig unterrichtet und es zeigt Starings virtuose Behandlung der Sprache:
Der Hundekampf
Rul Weitgereist sah auf den Reisen,
Unglaublich viel! Zwei Bullenbeißer
Kämpften vor dem Weinhaus in der Polenstadt,
Wo er gerade Unterkunft bekommen hat.
"Solch' Kämpfen, Leute! – Sie verschlangen
Einander regelrecht! Mit jedem Biss ein Bein
Ab oder Ohr – glatt wie der Speck hinein!
Für's Trennen war's zu spät! Zu fangen
gab's die Reste: - bei meiner Ehr',
Die Schwänze, und nicht mehr."
Het hondengevecht.
Übersetzung J. Hoepelman September 2019
