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Mittwoch, 14. Februar 2018

P. C. Hooft und das petrarkische Sonett

Wir haben Nijhoff und den sicheren - und sowieso nicht fleißig eingehaltenen - Pfad der Chronologie kurz verlassen für einen Abstecher nach Avignon, wo Petrarca der europäischen Dichtkunst das Sonett bescherte. Auch - mit gebührendem Abstand - den Niederlanden.
Pieter Corneliszoon Hooft (1581-1647) war ein früher Vertreter der dortigen Renaissance. Er bereiste 1598-1601 Frankreich und Italien und führte eine Vielzahl an Genres und Formen der italienischen und französischen Renaissance in die Niederlande ein. Als Truchsess ("drost") und Vogt ("baljuw") residierte er im Schloss zu Muiden (bei Amsterdam).          

                     

Afbeeldingsresultaat voor hooft p. c.                                             Gerelateerde afbeelding                                                                  
  



Dort sammelte er einen begeisterten Kreis von befreundeten Literaten um sich, der später als „Muider Kring“ (Muidener Kreis) Berühmtheit erlangte. Das petrarkische Sonett war eine der von ihm bevorzugten Formen, häufig verwendet in Liebesliedern. Die Emblemata amatoria erschienen 1611 in Niederländisch, Latein und Französisch, weswegen ich mich frei fühle, die deutsche Übersetzung eines Sonetts beizusteuern:




P.C. Hooft
1609
*
"Mein Schatz, mein Schatz, mein Schatz." So sprach beim Küssen sie,
als unsre Münder sich aneinander weiteten.
Die Wörtchen alle drei, die schamvoll sich bescheideten,
Flossen mir ins Ohr und wühlten (weiß nicht wie)

Meine Gedanken auf, stets mahlend, müde nie,
Dem Ohr nicht trauend, diese Wörter aufzugreifen,
misstrauend was ich nicht vermochte zu begreifen,
so fragte ich erneut - die Liebste wiederholte sie.  

O Reichtum meines Herzens, das vor Freuden überquoll!
Betäubt sank meine Seele in die ihre wundervoll.
Doch als der Morgenstern dem Tageslichte wich,

War, in der klaren Sonne, das Traumbild bald gewesen.
Himmlische Götter, konnt' es sein, dass Schein dem Wesen,
Leben dem Traum, und Traum dem Leben derart glich?

Übersetzung J. Hoepelman
Januar 2018

Für Liebhaber hier der Text im Niederländischen der Renaissance:

Mijn lief, mijn lief, mijn lief; soo sprack mijn lief mij toe,
    Dewijl mijn lippen op haer lieve lipjes weiden.
    De woordtjes alle drie wel claer en wel bescheiden
    Vloeiden mijn ooren in, en roerden ('ck weet niet hoe)
    Al mijn gedachten om staech maelend nemmer moe;
    Die 't oor mistrouwden en d woordjes wederleiden.
    Dies ick mijn vrouwe bad mij claerder te verbreiden
    Haer onverwachte reên; en sij verhaelde' het doe.
    O rijckdom van mijn hart dat over liep van vreuchden!
    Bedoven viel mijn siel in haer vol hart van deuchden.
    Maer doe de morgenstar nam voor den dach haer wijck,
    Is, met de claere son, de waerheit droef verresen.
    Hemelsche Goôn, hoe comt de Schijn soo naer aen 't Wesen,
    Het leven droom, en droom het leven soo gelijck?

Mittwoch, 9. Januar 2019

Jacques Perk und das zweite goldene Jahrhundert.

Jacques Perk 
1859 - 1881



Bildergebnis für jacques perk

                                                                                                                    Jacques Perk


1863 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte der Niederlande. In diesem Jahr stellte der liberale Innenminster,  Johan Rudolf Thorbecke, das Gesetz über den Sekundarunterricht vor.

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Es wurde eine neue Schulart, die "HBS", "Hogere Burgerschool" - "Höhere Bürgerschule", als Gegensatz zum herkömmlichen klassischen Gymnasium eingeführt, mit Nachdruck auf den modernen Sprachen - Niederländisch, Deutsch, Französisch, Englisch - und auf den naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern. Das Bemerkenswerte dieser Schulform war, wie es der Name schon sagt, dass sie eine Schule für breitere Kreise der Bürgerschaft sein wollte, aber auch, dass das Lehrpersonal höchste Maßstäbe erfüllte (viele hatten promoviert), während zu gleicher Zeit die Form und die Inhalte (innerhalb der gesetzten Rahmenbedingungen) bemerkenswert frei waren. Die HBS war ein durchschlagender Erfolg. Wenige Jahrzehnte nach der Eröffnung der ersten HBS 1871 wurden ehemaligen Schülern der HBS reihenweise Nobelpreise verliehen. Von den 19 niederländischen Nobelpreisträger bis heute besuchten 14 die HBS. Vincent van Gogh wurde 1866 an der HBS in Tilburg eingeschrieben. 1870 wurde Aletta Jacobs - auch sonst eine hochinteressante Frau - als erstem Mädchen der Zugang zur HBS gewährt. Es war, auf dem Sterbebett, Thorbeckes letzte offizielle Handlung. 1879 wurde Jacobs die erste Universitätsstudentin der Niederlande.


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   Aletta Jacobs 1854 -1929

Die Erneuerungsbewegung, die sich bemerkbar machte mit der Einführung der HBS, beendete auch eine Periode der Erstarrung in der Literatur und auch hierin spielte die neue Schulform eine große Rolle. Wichtige Mitglieder der Bewegung der Achtziger waren Schüler gewesen bei Willem Doorenbos, der Geschichte und Niederländisch unterrichtete an einer HBS in Amsterdam. Jacques Perk war einer von ihnen. Die freiheitliche Einstellung, die Abneigung von belehrender und "nützlicher" Poesie, die Doorenbos, selber Altphilologe, vertrat, wurden vom romantischen Jüngling Perk begierig aufgenommen und sein Gebet an die Schönheit, angelehnt an das Vaterunser (Perks Vater war Pfarrer!),  muss von den Zeitgenossen wohl als Provokation aufgefasst worden sein:


Schoonheid, o gij, wier naam geheiligd zij,
Uw wil geschiede; kóme uw heerschappij;
Naast u aanbidde de aarde geen andren god!


aus dem Mathilde-Zyklus, 1879

Schönheit, o du, deren Name geheiligt sei,
Dein Wille geschehe, komme dein Reich;
Neben dir anbete die Erde keinen anderen Gott!

Unter dem Namen "Cornelis Paradijs" hat ein anderer Achtziger, Frederik van Eeden, die Poesie der Pfarrer so gründlich parodiert, dass diese fast vollständig in Vergessenheit geraten ist. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich einen Reim von ihm übersetzt:

Schreibt nur, O Hollands Predigtherren!
Schreibt nur, Ihr, in der Furcht des Herrn:
Schlechten Reims wurde man nie gewahr
Unter Beffchen und Talar.

In der Lampe funzelt heilges Öl
Dichten ist Ihr Monopöl;-
Der Herr sieht zu und überwacht,
Dass Ihr gute Verse macht.

So schreibt und schreibt, Ihr Seelsathleten
Schreibt mehr, bald werdet Ihr Poeten
Segnend, segnend ruhet Gottes Hand
Auf dem Betrieb im Pfarrgewand.


Cornelis Paradijs (Frederik van Eeden)
Aus: Grassprietjes.
1885
Übersetzung Jaap Hoepelman

Neue Gefühle, neue Formen, neue Ausdrucksweisen, "der allerindividuellste Ausdruck allerindividuellster Gefühle", wie sich Willem Kloos (der vielleicht prominenteste Achtziger) in seinem Vorwort zu Perks Gedichten ausdrückte, danach, so meinte Kloos, sollte die Dichtkunst streben und vergaß dabei vielleicht ein wenig, dass Sonette als Form und Liebes- und sonstiger Kummer als Gefühl nicht gerade das allerindividuellste sind.

Perk aber war eine echte Begabung. Er starb sehr jung, an einem Lungenleiden, mit 22,  zu früh um seine Talente voll in die Bewegung der Achtziger einbringen zu können, aber während der kurzen Zeit, die ihm gegönnt war, entfaltete er in seiner jugendlichen Leidenschaftsfähigkeit eine erstaunliche Produktivität. 1878 schrieb er das Drama in fünf Aufzügen „Herman en Martha“, ausgelöst durch seine gescheiterte Liebe zur Tochter des Französischlehrers in der HBS - der Pädagoge war nicht begeistert von den Annäherungen des hochromantischen aber brotlosen Verehrers, der anschließend vergebens versuchte auf dem Walfahrer „Willem Barends“ anzuheuern. Vom „Algemeen Handelsblad“, einer Amsterdamer Wirtschaftszeitung, war er inzwischen aus seiner Stelle als Bearbeiter der Französischkorrespondenz entlassen worden, wegen des zu literarischen Charakters seiner Beiträge, eine, aus der Sicht einer Wirtschaftszeitung, vielleicht nicht ganz unverständliche Entscheidung.
1879 machte Perk während eines Urlaubsausflugs in den belgischen Ardennen Bekanntschaft mit Mathilde Thomas – der Tourismus hatte schon richtig angefangen, auch wenn die Ziele noch bescheiden waren. Perk verliebte sich unsterblich und schuf nach den Ferien eine Sammlung von über 100 Sonetten, welche er unter dem Titel „Mathilde, ein Sonettenkreis“ erfolglos verschiedenen literarischen Zeitschriften anbot.
Seine Freundschaft mit dem jungen Dichter Willem Kloos, den er an der Universität Amsterdam kennen- und schätzen gelernt hatte, führte zu einer Sonettenreihe „ Verzen aan een Vriend“ („Verse an einen Freund“). Inzwischen hatte der Erfolg angefangen sich zögerlich einzustellen. Einige Mathilde-Sonetten wurden veröffentlicht, und Perk erhielt den Auftrag ein Gedicht aus Anlass des 300-Geburtstagsfestes des Renaissance-Dichters P.C. Hooft zu verfassen („De schim van P.C. Hooft“ – „Das Gespenst - oder der Schatten - des P.C. Hooft“).
1881 dann verliebte Perk sich in Joanna Blancke, die Schwester seines künftigen Schwagers. Wieder romantisch, wieder leidenschaftlich, wieder hoffnungslos – die Angebetete war schon verlobt. Sein letztes Gedicht, das mythologische "Iris", das ich hier übersetzt habe, ist ihr gewidmet und beschreibt, ins Mythologische gewendet, das ewige Thema der zwei Liebenden, die sich nicht erreichen können. Es zeigt auf der einen Seite den Einfluss des Altphilologen Doorenbos und auf der anderen den Einfluss von Shelleys, "The Cloud", in Form und Inhalt.

Perk wird traditionell zu den Vorläufern der Achtziger gerechnet, nicht nur wegen seiner Emotionalität und neuen Ausdruckskraft, sondern auch wegen des ausführlichen Vorworts seines Freundes Willem Kloos zu Perks posthumen Gedichtband, das wohl als „Manifest der Achtziger“ betrachtet wird.


1974 hat man die segensreiche HBS aufgegeben, vermutlich weil das bürgerliche Wort "Burger" nicht in die Ideologie der Zeit passte und die "Bürger" selber genau so wenig. Selten hat man einen so erfolgreichen Schultyp aus so nichtigem Grund aufgegeben. Die Nachfolge-Institutionen kann man nicht unbedingt als Verbesserung betrachten.

Die Zeit zwischen 1870 und 1940 wird wohl das "zweite goldene Jahrhundert" genannt.
(Zum Thema Sekundarunterricht und Wissenschaft in den Niederlanden siehe Willink 1998.)



Iris (1881)



Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem Seufzer der tosenden See,
Die hoch ist gestiegen, um wie Regen zu fliegen,
Geschwollen vor Verzweiflung und Weh:
Meine Gewänder Perlen durchweben, die beben
Wie Tau auf der Ros’, die erblüht,
Wenn schamvoll die Tagbraut zu baden sich traut,
Und vor ihr ein flammender Fächer erglüht.

Mit Tränen im Auge, aus der Tiefe hinauf,
Beuge zum Küssen ich mich herunter:
Meine Locken bringen die Wogen zum Leuchten,
Und meine Tränen lächeln jetzt munter:
Denn der Kuss meines Mundes zerspaltet den Grund
Und es leuchtet die Dünung empor...
Die Erde geht auf und das lockige Haupt
Des Zephirs tut sich lachend hervor.
Er lacht...und sein Hauch schickt mich Ärmste hinauf
Und ein Bogen aus glitzernden Farben
Ist die Spur, wenn ich weich' in das traumhafte Reich,
Wo ich ohne den Zephir muss darben.
Er liebt mich, wie ich ihn...nur das Lachen, die Stimme,
Sein Kuss...ist ein Seufzer: Wir weben
Hinauf und hinab ohne Ende; wir wollen beständig,
Doch küssen wir nicht, noch vergehen.-

Der Sterbliche sieht meinen Anschein nicht,
Wenn ich weine hinter wolkigen Orten,
Und Regenschauer mit rieselndem Klagen
Meine unsterblichen Leiden verworten.
Dann tränken die Schmerzen das durstende Herz
Einer Blume, die lechzt nach den Leiden
Und mit dankbarem Blick zu mir aufschaut, wenn ich
Vor Verzweiflung vergesse zu weinen.

Und dánn - erschein' ich im nebligen Schleier,
Den mein Zephir zerreißt, wenn er fliegt -
Gekrümmt voller Groll...bis der Sonnenschein kommt,
Und auf dem Gespinst meiner Schwingen sich wiegt.
Dann sagt auf der Erde, wer mich gewahr wird:
"Die goldene Iris lacht!"...
Und still übermal ich das farblose Tal
Mit dem Glühen von Sonnensmaragd. -

Meine Hände sich stützen auf äußersten Küsten
Der Erde, wenn es mich reglos verlangt
- In buntem Begieren - nach meinem Liebsten, den ich verliere,
Wenn hinter der Sonn' er mich bannt.
Ich sehe die Sterne durch die Arme nachts schwärmen
Und das daunige Wolkengewimmel,
Und den Mond, der mich schadet, sich rekelt und badet
In der silbernen Lache des Himmels. -
Meine Zier, wie ein Pfau...ist das Kleid, das verlieh
Mir die Sonne, dem Menschen zum Schutz, der wird sterben,
Wenn in das lichtlose Auge er schaut
Und ihn mein trauriger Blick wird verderben.
Ich umfasse die Spanne mit strahlenden Armen,
Bis mich wehend winkt Zephyrs Gewand,
Und finster ich scheuch' zu dem Ort, wo kein Leuchten
Der lockenden Sonne mich fand. -

Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem feuchten Seufzer der See,
Der auf ist gestiegen, zu fliegen
Wie Regen, geschwollen vor weltlichem Weh. -
Mit mir gemeinsam, wem ebenso einsam
Das Leben aus Sehnsucht besteht,
Und dem in den Tränen die Freuden vergehen
Lächelnd am lieblichsten, wenn er vergeht!





(Übersetzung  Jaap Hoepelman
Dezember 2018)


Iris

Dienstag, 17. Dezember 2019

Brederode. "'Het kan verkeren - Es kann sich ändern".

Bredero's ware gezicht: zijn portret | Koninklijke Bibliotheek

Gerbrand Adriaensz. Brederode
1585-1618
Sinnspruch: Het kan verkeren - Es kann sich ändern.

Im späten Mittelalter entstanden insbesondere in den südlichen Niederlanden die in Kammern organisierten "rederijkers", nach dem französischen Vorbild, der "rhétoriqueurs". Die rederijkers waren Liebhaber der schönen Literatur, die sich quasi unabhängig von ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Stellung trafen um ihre Kunst auszuüben. "Ausüben" kann man durchaus wörtlich nehmen - die Dichtkunst wurde als ein Handwerk betrieben, in dem die Kunstfertigkeit hochangesehen war. Nebenbei hatten die rhetorischen Kammern eine wichtige gesellschaftliche Funktion als Textlieferanten bei wichtigen Anlässen, Festlichkeiten, hohem Besuch usw. 
Nach den Anfängen der Aufstand der Niederlande gegen Habsburg-Spanien wurden verschiedene Städte in den Niederlanden von den spanischen Truppen, anachronistisch gesagt, magdeburgisiert. 


Das Blutbad zu Naarden



1576 traf es Antwerpen, die führende Handelsstadt der Niederlande. 

De Spaanse Furie, anoniem, ca 1585, MAS

1576. Die Spanische Furie zu Antwerpen.

1585 wurde die Stadt endgültig durch den Herzog von Parma, Alexander Farnese, eingenommen. 

Parma's brug tijdens het beleg van Antwerpen

Die Einnahme von Antwerpen über die Schiffbrücke des Alexander Farnese


Die flämischen Bürger flohen zu tausenden in die nördlichen Niederlande, häufig nach Amsterdam. Es war der Anfang des raketenhaften Aufstiegs Amsterdams als Handelsstadt und als Hauptstadt von Kunst und Kultur. Mit den kultivierten Flamen kamen auch die nordniederländischen Kammern der rederijkers zu neuer Blüte. Brederode wurde Mitglied der Kammer "De Egelantier" ("Die Wildrose"), welche von P. C. Hooft, einem der Großen des 16.-17. Jahrhunderts und Truchsess zu Muiden geleitet wurde. Brederodes Kunst war aber ganz anders geartet als die von Hooft. Nicht dessen erhabene Themen in erhabener Dichtersprache: Brederode bevorzugte das Lied, den Schwank und die Komödie. Er war ein stolzer Bürger der aufsteigenden Stadt und verwendete häufig den Amsterdamer Dialekt, z. B. um den Kontrast mit den versnobten, hochnäsigen aber dafür ziemlich abgerissenen flämischen Neubürgern hervor zu heben. Die Komödie "Der Spanische Brabanter" lebt davon:

Jerolimo, der spanische Brabanter:

T'Is wel een schoone stadt, moor 'tvolcxken is te vies:
In Brabant sayn de liens ghemaynlijck exkies
In kleeding en in dracht, dus op de Spaansche mode,
Als kleyne Konincxkens of sienelaycke Goden. 

Die Stadt ist schön, doch die Leute sind grobschlächtig
In Brabant sind die Leute exquisit und prächtig
In Kleidung und im Stil, die Mode wie in Spanien
Nackte Könige, im abgerissenen Arkadien.

Dagegen Byateris, eine Amsterdamer Trödlerin:

Doe ick jongh en weeldich was had ick Vryers met hoopen,
Doe docht ick niet iens om spelden en garen te kóópen,
Ick had de lieve tijdt van al mijn vrienden raat,
Daarom so gatet mijn ghelijck het myn nou gaat,
Mijn goetje is verslempt, myn kliertjes zijn versleten,
Ick waar al langh vergaen had ick gheen raet gheweten,
Wat heb ick in mijn jeught oock menich man ghehadt
Ja wel so veel, so veul als yemandt inde Stadt.
Ick mien mochtense melcander met de handt anraacken,
Sy souwen wel een hier deur, jy moeter deur tot Haarlem toe maken.

Als ich jung war und üppig hatt' ich Freier in Haufen,
Weder Fäden noch Nadeln musste ich kaufen,
Die liebe Verwandtschaft lag mir ständig in den Ohren,
Doch es geht, wie es geht, viel hab' ich verloren,
Meine Sachen verschlampt, meine Kleider zerschlissen,
Eine Frau muss sich helfen, nur muss sie wissen
Wie! In der Jugend hatt' ich Mannsbilder in Haufen
Ja, aus der ganzen Stadt sind sie mir nachgelaufen.
Ich denke, wenn die sich die Hände reichen
Die Kette wird locker Haarlem erreichen.


Historische Kaart - Reproducties Historische Kaarten


Der kleine Fischereihafen Amsterdam wuchs explosionsartig. Nicht nur Flamen, sondern Immigranten aller Länder strömten zu. Es war wie in New York im 19. Jahrhundert. Und in dem ganzen Trubel zog Brederode um die Häuser und sang verliebte Liedchen. Oder er tat so, denn vergebliche Liebesmüh lag schwer im Trend."Love's Labours Lost", schrieb schon Zeitgenosse Shakespeare.
Dezember 1617 ist Brederode auf dem Eis eingebrochen als er mit seinem Schlitten aus Haarlem zurückfuhr nach Amsterdam. Wenig später ist er an den Folgen gestorben. Het kan verkeren...


Liedchen

Nachts ruhen gar die Diebe
Kein Tier, das sich noch regt
Auch meine große Liebe
Hat sich zur Ruh' gelegt
Nur ich bin aufgeblieben
Nur ich bin aufgeregt
------------------------------------------------------
Ich seh' die Wolken treiben
Ich seh' den Mondenschein
Ich seh', dass ich muss bleiben
Und ohne Trost muss sein!
Ach, will mich nicht vertreiben
Und lass dich auf mich ein.
-------------------------------------------------------
Will, Lilie, erheben,
Erheben meinen Sinn,
Du Hoffnung meines Lebens,
Meine Verführerin.
Ach will barmherzig geben
Den Tausch für meine Minn'
------------------------------------------------------
In Furcht und Freud' gefangen
Im pausenlosen Streit
von Sorge und Verlangen
Möcht' ich zu dieser Zeit
Den Trost zu gern' empfangen
Um den ich hab' gefreit.
------------------------------------------------------
Mein ungestilltes Schmachten
Löscht meinen Kummer nicht.
Willst du mich denn verachten,
Die mir gab Zuversicht?
Doch siehe, Unbedachter,
Sie ruht und ahnt es nicht.
-------------------------------------------------------
So schlafe, mein Behagen,
Was ziehe ich herum?
Was nützen meine Klagen
Was könnt ich sonst noch tun?
Ich werd's geduldig tragen
Und wünsche gut zu ruh'n
-------------------------------------------------------
Adieu Prinzessin lieblich,
Fürstin meines Gemüts
Adieu und träum' genüsslich
Und schlafe fest und süß
Ach, mir ist es unmöglich
Zu ruhen ohne Grüß'.

Liedchen CXLVII
aus dem Groot lied-boeck, 1622

https://www.youtube.com/watch?v=7rjsgJyUa88

Sonntag, 4. März 2018

Die Mutter das Wasser. Kopland und die Mutter die Frau.

Afbeeldingsresultaat


Rutger Kopland nahm Nijhoffs Gedicht Die Mutter die Frau als Vorlage für eine Fürbitte für seine Mutter. Es lohnt sich Koplands Gedicht mit dem Nijhoffs zu vergleichen (Post 17.02.2018, hierunter übersetzt noch einmal abgedruckt).
Kopland war Psychiater (wie auch die Dichterin Vasalis) und Professor an der Universität Groningen, einer der beliebtesten neueren Dichter, Träger einer Reihe literarischer Preise, darunter der P. C. Hooft-Preis für das Gesamtwerk.

Rutger Kopland (Rutger Hendrik van den Hoofdakker. 1934-2012)


Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, ein Pilsje genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.

Rutger Kopland
Aus: Tot het ons loslaat
Amsterdam, Van Oorschot, 1997

De moeder het water


Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018.




Die Mutter die Frau (1933)

Ich zog nach Bommel, die neue Brücke sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Gegenseiten,
die sich einmal schienen zu vermeiden,
wurden wieder Nachbarn. Minuten, vielleicht zehn,
dass ich dort lag, im Gras, meinen Tee getrunken,
mein Kopf gefüllt mit Landschaft weit und breit -
dass unvermittelt inmitten der Unendlichkeit
mir eine Stimme in den Ohren hat geklungen.

Eine Frau war es. Das Schiff auf dem sie fuhr
fuhr langsam mit dem Strom unter der Brücke durch.
Sie war allein am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie sang, hört' ich, das Psalmen waren.
O, dachte ich, o, dass da die Mutter würde fahren.
Preise Gott, sang sie, Seine Hand wird dich bewahren.

Martinus Nijhoff (1894-1953)

Uit: Verzamelde Gedichten
Uitgever: Bert Bakker, 4de dr. 1974

Übersetzung Jaap Hoepelman November 2017


Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Donnerstag, 12. Mai 2022

Anna Bijns. Mehr Saures als Süßes. Streitschrift und Refrain.

 

Anna Bijns
Antwerpen 1493-1575

Die Reformation kannte Twitter nicht, dafür reichlich Flugblätter und Streitschriften. Die Teilnehmer legten sich damals wie heute keine vornehme Zurückhaltung auf.*


       Papst Alexander VI. Um 1500 **

Teufel mit Luther als Sackpfeife um 1535**



Anna Bijns (1493-1575) war eine Ausnahmeerscheinung. Sie ergriff eifrig die Partei der Päpstlichen und obwohl sie als Frau zu den offiziellen Kammern der "rederijkers" (rhetoriker) nicht zugelassen wurde, war sie als Dichterin hochgeschätzt und gepriesen. 
Sie war die Tochter einer Antwerpener Schneiderfamilie; auch ihr Vater war schon bei den Rhetorikern aktiv.  Bijns Begabung muss früh aufgefallen sein - es wird vermutet, dass sie es war, die als 15-jährige in 1512 erwähnung fand, als sie bei einem einem Dichterwettbewerb mit einem Refrain auf Maria fast den Sieg davontrug.  
Mit der armseligen Kürze einer Twittermitteilung hatten die rederijkers nichts am Hut. Ein Refrain hatte aus mindestens 4 Strophen zu bestehen und schloss mit einem Kehrreim ab. Das Refrain bleibt Bijns bevorzugte Form, in der sie ihre Virtuosität in Reim und Rhythmus voll ausspielen konnte, weitaus besser als alle männlichen Kollegen. Sie wandte es in vielen Gedichten und Pamphleten an, meistens gerichtet gegen die "teuflischen lutherschen Einblasungen".  Ihr erstes Band erscheint 1528, 


"Dit is een schoon ende suverlick boecxken inhoudende veel scoone constige refereinen van de eersame ende ingeniose maecht, Anna Bijns" 

das zweite und das dritte Buch folgten 1548 und 1567. Es gab zahlreiche Nachdrucke. Daneben sind umfangreiche Handschriftensammlungen mit  ihren Arbeiten erhalten, die fest zum Repertoire der Rhetoriker gehörten. Darunter finden sich Liebesgedichte sowie recht sarkastische Verse über Ehe und Familie, ganz nach dem Motto: "Glücklich die Frau ohne Mann!". Ihre Sprache konnte richtig derb sein. Einen Mann, der sich um einen Säugling kümmert stellt sie so bildhaft dar, dass einem ein Gemälde Adriaan Brouwers einfällt. Ich habe aber gelernt, dass sich in dieser Hinsicht im Laufe der Zeit nichts Grundlegendes geändert hat:

Adriaan Brouwer Antwerpen 1605-1638 "Der Geruch"



"En als 't hem bescheten heeft, moet ik schiere
 
Het grofste gruis van den doeken spoelen.
 
Pis, kindeken pis, pis, ik dan krajiere,
 
Wanneer dat 't kakken wille of poelen."

Und hat's geschissen, bin ich in Eile,
Die dicken Batzen aus den Windeln zu pulen.
Piss, Kindelein, piss, piss, ich könnte weinen,
Wenn's kacken möchte oder strullen.


Sie heiratete nicht. Einige vermuten, dass ihr Sinnspruch "Mehr Saures als Süßes" darauf zurück zu führen ist. Andere glauben, dass sie damit auf ihre Neigung zu Satire und bissigen Spott anspielt. Vielleicht trifft beides zu. 
Bis ins hohe Alter unterrichtete sie in ihrer eigenen Schule in Antwerpen. 


Gedenktafel Keizerstraat 57, Antwerpen

Anna Bijns verdankte ihren Erfolg der Druckpresse und das nicht nur im Kreis der Dichter: Als "Branbanter Sappho" war sie, Anfang und Mitte des 16. Jahrhunderts, der in den Niederlanden am meisten gedruckte Autor überhaupt. Ihre Kunst wurde über die ihrer männlichen Kollegen gestellt. In späteren Jahrhunderten geriet Bijns kunstvoll gedrechselte Poesie - wie auch die der Rhetoriker allgemein - in Vergessenheit. In letzter Zeit, mit unter dem Einfluss von Gerrit Komrij, dem großen Rhetoriker der Neuzeit, findet eine bescheidene Bijns-Renaissance statt.  Von 1985 bis 2016 existierte sogar ein Anna-Bijns-Preis als Pendant zum P. C. Hooft-Preis um die Arbeit weiblicher Autoren angemessen zu würdigen. 

Eines der bekanntesten Refrains der Anna Bijns ist ein polemischer Vergleich zwischen dem Redormator Martin Luther und Maarten (Martin) van Rossem, Graf, Bandit und notorischer Kriegsverbrecher (man verzeihe den Anachronismus), woraus van Rossem als der bessere hervorgeht, untermauert durch den Kehrreim:

"Doch scheint Martin van Rossem der beste von zweien."

Und ja, manchmal standen Bandenchef und Reformator sich recht nah:



Maarten van Rossem
1478-1555

"Sengen und Brennen sind die Zierde des Krieges"



Martin Luther 
1483-1546

Luthers Worte gegen die aufständischen Bauern im Bauernkrieg von 1525 ließen an Brutalität nichts zu wünschen übrig: "man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss."

Für Bijns war Luthers Treiben aber schlimmer und fataler für das Seelenheil, als van Rossems ungezügelte Mordbrennerei. 
Sarkastisch konnte sie sein: Im Vergleich zwischen van Rossem und Luther scheint sie sich auf ein bekanntes Lutherisches Diktum zu beziehen: "Die Welt schändet immer, was man loben soll, und lobt, was man schänden soll." ***.

Anna Bijns

um 1545 



"Doch scheint Martin van Rossem der beste von zweien"



Martin van Rossem, inmitten seiner Mörderbande,

Hat schon viele schöne Häuser niedergebrannt.

Aber stelle einmal Luthers Treiben daneben:

Durch ihn sind Kirchen, Klausen, Klöster überrannt,

Manch braver Leute Kind - die Zahl ist unbekannt -

Aus den Klöstern gejagt, dem Verfall preisgegeben,

Rauben müssen sie und stehlen, um zu überleben,

Einige von ihnen tun mit beim Rossemschen Gelichter.

Doch warum allein bei Rossem ein Geschrei erheben?

Zeigt nicht Luther eine weit schlimmere Geschichte?

Mache die Augen auf, ich kenne Dich zwar nicht,

Du, der Rossem tadelst und Luthers Lob will sprechen, ***

Doch Schaue hin auf alles, was dieser Prediger verrichtet:

Größer als Rossems sind lutherische Verbrechen.  

Ist es Dir auch gleich, was falsch ist und was wahr,

Diese eine Wahrheit kannst Du nicht verneinen:

Tugend fehlt den beiden Martins ganz und gar,

Doch van Rossem, Martin, scheint der bessere von zweien.


Van Rossems Belagerung von Antwerpen 1542




(Handschrift A)

(De beste van tween)

*Gewalt in der Sprache


*** "Die Lutherum loeft ende Rossom laect."

Übersetzung Jaap Hoepelman, Mai 2022


Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...