Omar Khayyam 1048-1123


P. C. Boutens 1870 - 1943
Nach der Übersetzung von Edward FitzGerald in 1859 wurden die Vierzeiler des Omar Khayyam im "Rubaiyat" ("Buch der Vierzeiler") ein durchschlagender Erfolg in der englischsprachigen Welt. Omar Khayyam ist bekannt als Mathematiker und Astronom, aber welche von den berühmten 1200 (oder sogar 2000) Vierzeilern nun wirklich von ihm stammen, ist unklar. FitzGerald wiederum hat seine Auswahl ziemlich frei ins Englische übersetzt. Die skeptische, stoische oder epikurische Nachdichtungen, nach dem Schema AABA oder AAAA, trafen einen Nerv und wurden überall nachgefolgt, auch in der niederländischen Literatur. Von den älteren Dichtern haben z.B. Leopold und Boutens sich der Form gewidmet. Boutens hat sich nach FitzGerald und nach deutschen Kollegen gerichtet, und deutete unbestimmt an, dass er auch aus dem Persischen übersetzt hätte.
Wie dem auch sei, Khayyams drei- oder viermal gefilterte Vierzeiler gehören zu Boutens besseren Arbeiten. Boutens eigene fast freudige Erwartung des Todes passt hervorragend zu Khayyams gleichgültiger Einstellung dem Tod gegenüber.
Hier meine Übersetzung von Boutens "Niet veel":
Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.
(Boutens, nach Omar Kayyam.)
Wie Boutens fühlte Leopold sich von der Rubaiyat sehr angesprochen. Er hat viele Vierzeiler aus Omar Khayyams Sammlung verfasst, meistens nach Whinfield oder nach deutschen Übersetzungen.
Sie entsprachen wohl seinem Wesen - ein Bruder Leichtfuß war er nicht.
Wir gehen und wir kommen - der Gewinn ist wo?
und weben Fäden und das Kleid ist wo?
unter des Himmels Wölbung sind zu Staub verbrannt
Viele Wohlmeinende; ihr Rauch ist wo?
Es ging und geht die Zeit; die Welt ist längst vorbei,
mein Wissen ging, mein Ruhm ist längst vorbei.
Vor unsrem Ankunft wurden wir nicht vermisst,
das ist, nach unsrem Weggang, nicht vorbei.
"Wij gaan en komen"
"De Wereld gaat en gaat"
J.H. Leopold nach Omar Khayyam
Ich muss gestehen, dass mich das Khayyam-Fieber auch gepackt hat. Ich mag den hedonistischen Zweifler, von denen wir in allen Kulturen viel zu wenige haben. Ich werde versuchen nach und nach Leopolds Khayyam-Vierzeiler zu übersetzen. Ich weiß, dass es im deutschen Sprachgebiet eine Reihe Übersetzungen des Rubaiyat gibt. Manche sind durch verschiedene Sprachfilter hindurch gegangen, manche werden als eigenständige Kunstwerke anerkannt. So auch Boutens und Leopold in der Literatur der Niederlanden. So habe auch ich meinen Filter dazwischen gelegt um ein wenig Persisch-Niederländisches Aroma beizutragen. (Oosters II, Seite 215 ff.)
steh auf, steh auf, hebe den Krug vom Boden ab;
was heute aufgewachsen dich entzückt,
ist morgen voll erblüht auf deinem Grab.
Was kräht im Morgenstund der Gockelhahn?
dass du von deinem Lebensplan,
noch einmal von der festgelegten Zeit
noch einmal eine Nacht gefühllos hast vertan.
Ich bin nicht wert, in eine Kirche ein zu treten,
unfassbar, wer aus welchem Ton mich wollte kneten.
ich ketzerischer Lump, ich scheele Dirne,
ich, ohne Gott, ohne Gebot, ohn' Jenseits zum betreten.
Die Ente spricht den Fisch beim Garen an:
"denkst Du, dass je ein Fluss stromaufwärts gehen kann?"
Der andre: "Wenn wir gegart sind, ob das All
Fata Morgana oder Meer ist, kommt es noch darauf an?
Die Welt ist einer, der alles dir verspricht,
ein Flunkerer und Räuber, der hinterrücks ersticht;
sieh doch die Freundschaft zwischen Krug und Glas,
von Mund zu Mund ein Blutfluß, den sie nicht unterbricht.
Lache über das Vergängliche, hienieden
ist Gewese; komm, trinke, freue dich in Frieden;
wäre die Welt eine Hetäre,
sie hätte trotzdem dich gemieden.
Ich will die Nacht mir um die Ohren hauen,
im Festlicht will dem Weinkrug auf den Boden schauen,
will Abschied nehmen von Vernunft und Glauben
will mich mit des Rebstocks Tochter trauen.
Ein liebes Antlitz im Wasserspiegel blinken,
Rosen und Wein, ich möcht' darin ertrinken,
seit der Geburt, jetzt, bis zum Tod
hab' ich getrunken, trinke ich und werd' ich trinken.
