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Mittwoch, 3. Juni 2026

Gedicht des Monats

 

Van Ostaijen hatte mit Freunden Bayern besucht und mit ihrer Hilfe sogar die Benediktenwand erstiegen. Wie wir im "Malheur" lesen können, hat dieses Erlebnis einen unauslöslichen Eindruck auf ihn gemacht.


Paul van Ostaijen
1928

Malheur

Warmer Qualmstall
Herr Privatdozent K.
in der Sommerfrische aus Breslau
versucht ob er mittels eines konvergierenden Glases
seine Zigarre Übersee Bismarck anzünden kann

In 2 Metern Entfernung vom Gipfel
fällt sein Zylinder den Abgrund hinunter
ein wertvolles Bekleidungsteil für einen Privatdozenten unersetzlich
was Herr K. voll erfasst
er versucht zu fassen seinen fallenden Zylinder
wobei er selber fällt in den Abgrund
dem Zylinder hinterher
Differenz Luftwiderstand
so gelingt es Herrn K. gleichzeitig mit dem Zylinder
den Boden zu erreichen
Unbeschädigt Zylinder R.I.P. Privatdozent K.

Man schmückt die Bahre des armen Alpentouristen
mit Edelweiss
Der überschwere Trauerschleier seiner Gattin
wird von einem Eilzug erfasst
und infolge dessen auch die trauernden Hinterbliebenen

Alpentragödie die Tageblätter


 Paul van Ostaijen, Verzamelde gedichten. (Verzameld werk deel 1 + 2) Bert Bakker, Amsterdam 1996


(Übersetzung Jaap Hoepelman 2017)

Sonntag, 24. Mai 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Sonntag, 17. Mai 2026

Gorter. Ein neuer Frühling und ein neuer Klang.

 


Herman Gorter (1864-1927)




November 1888 vollendete Herman Gorter den ersten Gesang seines epischen Gedichtes "Mai". Die 3 Gesänge umfassen 4381 Zeilen, in der Gorter eine Liebe in Metaphern und Rhythmen besingt, die einen Höhepunkt und Endpunkt der Poesie der Achtziger darstellen. Der "Mai" war neu in Mystik, Naturlyrik, Erotik auch - aber er bestand nun mal aus 4381 Zeilen. Es überrascht also nicht ganz, dass eigentlich nur die ersten 20 Zeilen, die ich hier übersetzt habe, berühmt geworden sind. Sie gehören dafür zum Kanon der niederländischen Poesie, sogar in diesen poesielosen Zeiten. 

1890 erschien das Gedichtband "Verzen", das dem "Sensitivismus" zugerechnet wird, in dem, radikaler noch als im "Mai", traditionelle Vorgaben in Grammatik und Semantik der herkömmlichen Verslehre aufgegeben werden, um den Eindruck des Gefühlten unvermittelt hervorzubringen. 

Gorter war mehr als nur ein impressionistischer Dichter. Er war Altphilologe und Gymnasiallehrer, Übersetzer der Ethica von Spinoza. Später war er aktiv in der sozialistischen und danach in der kommunistischen Bewegung zum Teil zusammen mit Henriette Roland Holst.


Gorter (dritter von Links) bei einem Meeting der Sociaal Democratische Partij.
Auf seinen Strohhut wollte er nicht verzichten.


1918 übersiedelte er nach Deutschland, wo er die radikaleren Positionen der KPD, anschließend der KAPD vertrat. Er war Mitglied des west-europäischen Sekretariats der Komintern, aber wurde 1920 aus der Führung hinausgeworfen: Seine kompromisslose Kritik an Lenins Broschüre "Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit des Kommunismus" wurde ihm nicht in Dank abgenommen, genau so wenig, wie sein Streitgespräch mit Lenin. Von Trotzki wurde er verspottet. Spätere Entwicklungen zeigen, dass Gorter vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Nach einigen Aktivitäten in marginalen radikal-sozialistischen Bewegungen, zwangen Herzprobleme ihn dazu, die politische Bühne zu verlassen. Er starb 1927 in der Schweiz, wo er gehofft hatte sich von seinem Herzleiden zu erholen.

Herman Gorter, aus “Mai“, 1888.

I

Ein neuer Frühling und ein neuer Klang:
Ich möcht', dass dieses Lied pfeift wie der Vogelsang,
Den ich öfters hörte vor der Sommernacht
In der kleinen, alten Stadt, entlang der Wassergracht -
Im Haus war's dunkel, doch die Straße am Kanal
Sammelte Dämmer, am Abendhimmel blinkte fahl
Noch Licht, es fiel ein dunkelgoldner Schein
Auf eingerahmte Giebelreihn.
Dann pfiff ein Knabe - so wie eine Orgelpfeife,
Die Klänge schüttelnd in der Luft - so wie reife,
junge Kirschen, wenn der Frühlingswind
Steigt im Gebüsch und seinen Flug beginnt.
Er zog über die Brücken, auf dem Wall
am Wasser, langsam gehend, überall
wie ein junger Vogel pfeifend, unbewusst
der Abendwonnenlebenslust.
Manch müder Mann beim Abendessen
Hörte zu, eine Geschichte, längst vergessen,
Lächelnd, die Hand am Fenstergriff,
Zögerte zeitweilig, während der Knabe pfiff.

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020


Mei, I, 1889.

Een nieuwe lente en een nieuw geluid:

Ein Beispiel für Gorters Sensitivismus ist das Liebesgedicht "Zie je ik hou van je" aus "Verzen", 1890,

in dem die Dichterliebe durch hilfloses Gestammel fühlbar gemacht wird. Gekonnte Naivität, freilich. Aber vergleichen wir es mit Jacques Perks Epos "Iris", aus 1881, das seinerzeit als erneuernd galt:


Aus "Iris" (1881)

Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem Seufzer der tosenden See,
Die hoch ist gestiegen, um wie Regen zu fliegen,
Geschwollen vor Verzweiflung und Weh:
Meine Gewänder Perlen durchweben, die beben
Wie Tau auf der Ros', die erblüht,
Wenn schamvoll die Tagbraut zu baden sich traut,
Und vor ihr ein flammender Fächer erglüht.


Damit verglichen stellt Gorters tastende Einfalt tatsächlich etwas völlig Neuartiges dar:

Siehst du

Siehst du ich liebe dich,
ich find' dich so leicht wie das Licht -
deine Augen sind so voller Licht,
ich liebe dich, ich liebe dich.

Und deine Nase und dein Mund und dein Haar
und deine Augen und dein Hals, dar-
um das Kräglein und dein Ohr
mit dem Haar davor.

Siehst du ich wollte gerne sein
du, aber es kann nicht sein,
das Licht ist um dich, du bist
nun doch was du nun einmal bist.

O ja, ich liebe dich,
so fürchterlich liebe ich dich,
ich wollte das alles ganz sagen -
Aber kann es doch nicht sagen.

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020

Wie bei Henriette Roland Holst war Gorters Kommunismus hauptsächlich ein dichterischer Traum, der mit der hemdsärmeligen Bereitschaft zur gnadenlosen Tyrannei nicht viel zu tun hatte. Dass er nicht bereit war, auf elitäre bzw. großbürgerliche Schrullen zu verzichten, wie das Tennisspiel und das Tragen von eleganten Strohhüten, ist in meinen Augen sympathisch, aber trug gewiss nicht zu seiner Beliebtheit in der revolutionären Bewegung bei.

Zu den Gesängen der späten sozial-revolutionären Periode gehört das Gedicht "Kommt, proben wir zusammen neue Tänze" ("Komt, laat ons samen nu een pasje dansen") -  unsereins wird es nicht mehr erleben, aber wir können felsenfest vom künftigen Licht des Glücks überzeugt sein. So felsenfest, dass die übliche Grammatik nicht mehr ausreicht. Dass es zum Schluß "wird" steht fest:

Kommt, proben wir zusammen neue Tänze,
Brüder, wir können es, der Augenblick ist klar.
Kommt, wir tanzen große, runde Kränze,
denn in unsern Herzen steigt die Freude wunderbar.

Auf mit den Füßen, nieder mit den Füßen,
alle, die der Kampf der Arbeiter beglückt,
nie werden wir das reine Glück begrüßen,
dafür zu kämpfen, das ist unser Glück.

Auf die Füße, nieder die Füße, laß klingen
wenn feierlich der Takt der Reigen schwirrt,
tanzend um's Licht, das Glück uns bringen
in der Zukunft, als wir alle starben, wird.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2026)


Gedicht des Monats

  Paul van Ostaijen 1896-1928 Van Ostaijen hatte mit Freunden Bayern besucht und mit ihrer Hilfe sogar die Benediktenwand erstiegen. Wie wir...