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Dienstag, 23. Juni 2026

Mehr Khayyam, mehr Leopold.

              1048 - 1131

                                                                                                                  
                                                                                                                                                                                  Leopolds Arbeitszimmer


Wo lila Tulpen, Rosen rot gesprossen,
dort ist zeitweilig Königsblut geflossen
und unter dunklen Veilchen liegt
ein Frauenhaupt, von dunklem Haar umschlossen.
---
"Ich bin die Yusufblume*; mit güldnem Mund
tut Dir mein Schmuck von meiner Stellung kund",
flüstert die Rose, und ich: "gib noch ein Zeichen."
"Mein rotes Festgewand ist blutgetunkt".
 
Rembrandt 1634. Josef und Potiphars Weib

Tausend Tage hat hier das Licht gereicht
bis tausend Nächte. Also tritt leicht
auf diesen glanzlos stumpfen Staub, es war
das glänzend klare Auge einer Frau vielleicht.
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Schaffe, Werkmann, mit Respekt und Anstand!
Zum schnöden Haushaltsgegenstand
aus Ton formst Du die königlichen Finger
von Kai Chosrau, von Feridun die Hand.**
---
Wein und gute Laune sind was mir wichtig ist.
Mein Glaube: Dass mir der Glaube schnuppe ist;
die Welt ist meine Braut; als Mitgift wünscht sie sich?
"Ein unbeschwertes Herz ist was mir wichtig ist".
---
Ich ging hin; Unverstand gab's unentwegt,
zum Fädeln meiner Perlen wurde keiner angeregt.
Die Toren! Hundert Dinge, nie begriffen
und nie erreicht, sind in mir abgelegt.




(Übersetzungen Jaap Hoepelman, Juni 2026)


*"Yusufblume": Die Geschichte von Yusuf (Josef), Potiphar und Suleicha im alten Testament (Gen 39:1-6, 7-12,13-20) findet man auch im Koran (Sura 12 "Yusuf"). Der Vergleich der Rose, als die schönste Blume, mit dem schönen, keuschen Josef, der sich dagegen wehrt "entblättert" zu werden, war ein beliebtes Motiv in der persischen Literatur (Saadi, Golistan), und wie man sieht war die Josefsgeschichte in ihrer Drastik auch beliebt im niederländischen 17. Jahrhundert.

**Kai Chosrau war ein mythischer, gerechter Herrscher aus dem Geschlecht der Kayaniden.
Feridun: Ein mythischer König aus der Pishdadier-dynastie, Symbol für Gerechtigkeit und Sieg.



Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zum Scherbenhaufen klein,
am Vortag, als ich genas von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann
und umher die Kanne reicht, bevor aus Deinem Staub
man leicht noch eine zweite Kanne kneten kann.


(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
jetzt schweben hauchdünn ihre Schleier
wie Wölkchen in der Spiegelung der Luft.

Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen zieht's uns weiter, mit dem Heer
unterwegs, seit siebentausend Jahren.

Zum Wohlanständigen sich stets bekannt,
nie gezweifelt, nie Unsicherheit gekannt
bis zum Erkranken. Und Andersdenkenden
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Dienstag, 9. Juni 2026

Mehr aus Leopolds Khayyam-Übersetzung.

 Hier wieder einige Vierzeiler aus Leopolds Khayyam-Übersetzung. Es ist Poesiekonzentrat, also in kleineren Dosen zu sich nehmen: 

       Omar Khayyam 1048-1123

                                                                                                                       
                                                                         
                                                                             J.H. Leopold 1865-1925


Die Welt gesehen, nicht gesehen, nach Belieben; Es ist nichts.
ob Du gehört, ob Du gesagt hast, oder geschrieben: Es ist nichts.
gereist durch Himmelstriche alle sieben: Es ist nichts.
zum Studieren, Kontemplieren daheim geblieben: Es ist nichts.

Gestaltet ist die Welt, wie's Dir gefällt - und dann?
gelesen ist der Brief von Anfang bis zum End' - und dann?
hundert Jahre Leben Dir geschenkt
und noch mal hundert Jahre, wie's Dir gefällt - und dann?

Auf diesem Rummelplatz such Freund nicht, noch Verwandtschaft,
hör' auf mein Wort: Bitt' nicht um Hilfsbereitschaft,
nimm hin das Leid, im Schmerz sei guter Dinge
und denke nicht, dass irgend jemand Trost schafft.


(Übersetzung J. Hoepelman, Juni 2026)

Mehr Khayyam, mehr Leopold.

              1048 - 1131                                                                                                                   ...