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Sonntag, 29. März 2026

Gedicht des Monats

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290 

Aus "Wapene Martijn"- überraschende Einsichten aus dem Mittelalter.

Martijn erwähnt die angebliche Schuld der Frauen an der Sündhaftigkeit der Menschen:

Martijn:


Jacop, alle Welt macht groß Gewese,
Der Frauen Schuld sei es gewesen,
Dass wir in Sünde müssen Sterben:
Durch Evas erster Sündenfall
Müssen im Erdental wir alle
Als Vertriebene verderben.
Es sagen alle, keiner ausgenommen:
Eva hat Adams Herz genommen,
Adam ward von ihr vergeben.
Sag mir, liegt's nicht auf der Hand
Dass man hier die Schuldige fand?
Ihretwegen zittern wir und beben
Wenn zu Ende geht das Leben.

Und hier Jacops Erwiderung:
Jacop:

Martin, jeder ist im Kopf nicht gut,
Der andern vorwirft, was er selber tut,
Egal ob es ihm Vorteil bringt.
Seh' ich das Meer, oder den Fluss, 
Steig' ich hinein mit einem Fuß,
Wie wenn ein Blöder in die Fluten springt -
Wem werf' ich vor den Übermut,
Wenn mich ergreift die wilde Flut,
Und dass mit mir ein Schwein versinkt?
Wenn einer weiß von Bös' und Gut,
Hartnäckig stets das Böse tut,
Dann gibt es viele, denen's stinkt,
Dann schert es nicht, wenn der ertrinkt.


Zum Schluß eine auch heute noch aktuelle Beobachtung:

Jacop:

Um diese Worte geht's allein:
Es sind die Worte "mein" und "dein"
Könnt' man endlich sie vertreiben
Allüberall würd' Frieden sein
Und Freiheit wäre allgemein.
Mann noch Frau leibeigen bleiben,
Gemeinfrei wären Korn und Wein.
Über's Meer oder den Rhein
Würd' man keinen mehr entleiben.
Doch das Gift der Habgier steckt in
Allen Dingen leider, Martin.
So wie's ist muss alles bleiben,
Dies Gesetz nur kann es schreiben. 


Montag, 9. März 2026

Murren gegen die Sterne

Luuk Gruwez


Die Religion hat in der Poesie der Niederlande ("Niederlande" im weitestem Sinne) immer eine beherrschende Rolle gespielt, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts paradoxerweise auch dadurch, dass man Gott anzweifelte oder Ihm Vorwürfe machte, sogar vorwarf, dass Er nicht existiere, oder Ihn ansprach mangels besserer Alternativen. 
Als Beispiele gebe ich hier ein Fragment aus  Multatulis "Gebet des Unwissenden", sowie Andreus "Das letzte Gedicht" und Koplands "Die Mutter das Wasser":

Multatuli

Gebet des Unwissenden
...
...
So wimmert der Unwissende am selbstgewählten Kreuz,
und windet sich in Schmerzen und jammert, dass ihn durstet...
Der Weise - er, der weiß...der Gott wohl kennt - verhöhnt den Toren,
Und überreicht ihm Galle, jauchzt: "Hört her, er ruft den Vater!"
Und murmelt: "Dank o Herr, dass ich nicht bin wie er!"
Und singt den Psalm: "Wohl dem, der in gottlosem Rat
Nicht wandelt, nie Schritte auf dem Weg der Sünder tat..."
Der Weise...sich zur Börse schleicht, und schachert Wertpapiere.

Der Vater schweigt...O Gott, es gibt Gott nicht!
===

Andreus

Das letzte Gedicht

Dies wird das letzte Gedicht, wo ich schreibe,
jetzt wo mein Leben fast vorbei ist,
ist mir die Schöpferwut etwas verleidet:
Es wütet mir der Krebs im Leibe,

und, Herr (so sprech' ich dich mal wieder an,
obwohl Du mir nicht recht vorstellbar bist,
aber ich quassle lieber einen an
als nur so in den Raum und es ist

derart am leichtesten mit Dir zu sprechen),
wie nun weiter, wo bleibe ich mit diesem Licht
von mir, von Dir, wenn das Fallen, weg in

das unvermittelt Unbenennbare beginnt?
Oder, dass Du mir unverdichtest
Ein ungesagtes Wort, das Du erfindest?
===


Kopland

Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, kleines Pils genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
Halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.



Mein über alles Lob erhabene Gedichte-Abo schickt mir jetzt ein Gedicht des mir noch unbekannten belgischen Dichters Luuk Gruwez, das ohne Zweifel zur Tradition des "Motzen über Gott" gehört. "Gläubiges Gebet", so habe ich gelesen, ist ein Lehrbegriff für aufrichtige, mit innerer Überzeugung gesprochene Gebete. Paradox...ich sagte es schon.

 Gläubiges Gebet

Du glaubtest wohl, das Ganze voll im Griff zu haben,

doch mehr als Himmel und Erde bewegen

konntest Du nicht. Wie hast Du mich mit Haken 

und Ösen zusammen geflickt: Siehe beispielsweise

den Reißverschluß an einer Seele, der weder zu- noch aufgeht?


Ich konnte also nicht anders, als Dir ähnlich sein. Manchmal

erfolgreich, öfters stümpernd mit meinem viel zu schnell

vermatschten Genie. Heil sind wir natürlich nie,

außer mit einem intus, immer auf der Suche

nach einem Splitter in einem Finger oder nach nichts,


erhältlich in den traurigsten Kneipen auf Erden.

Außerdem, lieber Gott, fange ich an zu glauben, dass Du

kaum an Dichselber glaubst. So grenzenlos bist Du,

dass Du Dir an einem blöden Tag, verirrt in Deinem

Selbstgeschaffenem, nichts mehr merken kannst:


höchste Zeit für Dich, um uns zu lieben.


Luuk Gruwez
aus: Morren tegen de sterren (Querido, 2026)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Gedicht des Monats

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290   Aus " Wapene Martijn "- überraschende Einsichten aus dem Mittelalter. Martijn erwähnt die ang...