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Montag, 9. März 2026

Murren gegen die Sterne

Luuk Gruwez 1953


Die Religion hat in der Poesie der Niederlande ("Niederlande" im weitestem Sinne) immer eine beherrschende Rolle gespielt, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts paradoxerweise auch dadurch, dass man Gott anzweifelte oder Ihm Vorwürfe machte, sogar vorwarf, dass Er nicht existiere, oder Ihn ansprach mangels besserer Alternativen. 
Als Beispiele gebe ich hier ein Fragment aus  Multatulis "Gebet des Unwissenden", sowie Andreus "Das letzte Gedicht" und Koplands "Die Mutter das Wasser":

Multatuli

Gebet des Unwissenden
...
...
So wimmert der Unwissende am selbstgewählten Kreuz,
und windet sich in Schmerzen und jammert, dass ihn durstet...
Der Weise - er, der weiß...der Gott wohl kennt - verhöhnt den Toren,
Und überreicht ihm Galle, jauchzt: "Hört her, er ruft den Vater!"
Und murmelt "dank o Herr, dass ich nicht bin wie er!"
Und singt den Psalm: "Wohl dem, der in gottlosem Rat
Nicht wandelt, nie Schritte auf dem Weg der Sünder tat..."
Der Weise...sich zur Börse schleicht, und schachert Wertpapiere.

Der Vater schweigt...O Gott, es gibt Gott nicht!
===

Andreus

Das letzte Gedicht

Dies wird das letzte Gedicht wo ich schreibe,
jetzt wo mein Leben fast vorbei ist,
ist mir die Schöpferwut etwas verleidet:
es wütet mir der Krebs im Leibe,

und, Herr (so sprech' ich dich mal wieder an,
obwohl Du mir nicht recht vorstellbar bist,
aber ich quassle lieber einen an
als nur so in den Raum und es ist

derart am leichtesten mit Dir zu sprechen),
wie nun weiter, wo bleibe ich mit diesem Licht
von mir, von Dir, wenn das Fallen, weg in

das unvermittelt Unbenennbare beginnt?
Oder, dass Du mir unverdichtest
Ein ungesagtes Wort, das Du erfindest?
===


Kopland

Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, kleines Pils genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.



Mein über alles Lob erhabene Gedichte-Abo schickt mir jetzt ein Gedicht in dieser Tradition des mir noch unbekannten belgischen Dichters Luuk Gruwez, das mir gut gefällt:

 Gläubiges Gebet

Du glaubtest wohl, das Ganze voll im Griff zu haben,

doch mehr als Himmel und Erde bewegen

konntest Du nicht. Wie hast du mich mit Haken 

und Ösen zusammen geflickt: Siehe beispielsweise

den Reißverschluß an einer Seele, die weder zu- noch aufgeht?


Ich konnte also nicht anders, als Dir ähnlich sein. Manchmal

erfolgreich, öfters stümpernd mit meinem viel zu schnell

vermatschten Genie. Heil sind wir natürlich nie,

außer mit einem intus, immer auf der Suche

nach einem Splitter in einem Finger oder nach nichts,


erhältlich in den traurigsten Kneipen auf Erden.

Außerdem, lieber Gott, fange ich an zu glauben, dass Du

kaum an Dichselber glaubst. So grenzenlos bist Du,

dass Du Dir an einem blöden Tag, verirrt in Deinem

Selbstgeschöpftem, nichts mehr merken kannst:


höchste Zeit für Dich, um uns zu lieben.


Luuk Gruwez (1953)
aus: Morren tegen de sterren (Querido, 2026)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Montag, 23. Februar 2026

Gedicht des Monats

 

        J. C. van Schagen 1891-1985


Kentern


Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Ich war beim Spiel mit Schmuck und bunten Perlen;
Mein Tisch war voller Gold und Seide und glitzernden Steinen;
Mein Haus ein Raum der Kostbarkeit, selten, gewollt,
Warm wie im Orient, und viel war es und prächtig.
Im reichen Dunkel schienen schwere Leuchter. -
Doch jetzt ist gerufen worden, ich komme, und Freude ist und Licht.
Im Garten singt ein Vogel.
Ich gehe jetzt heraus und lasse alles zurück.

Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Es war ein großes Konzert, tausend Herren mühten sich,
Schwarze Schwalbenschwänze, appretierte Westen, rote Köpfe, Bärte wallten in Ekstasen.
In Staffeln grollten Kontrabässe, es waren süße, kühle Flöten, kupferne Signale,
Blitze und Lanzen, Flaggen und Flammen und Schwärme schmeichelnder Geigen.
Es schwebte ein Schwarm von Düften und Locken von warmen Frauen, munteres Plappern und Weichheit von Haaren.
Es war reich und schön und so kunstvoll.-
Dann wurde leise gewarnt und ich bin aufgestanden.
Draußen stand hoch und ewig die Nacht.
Ich werde ihre Kälte jetzt trinken und versteinern.

Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Ich war bei der Arbeit an den Aufgaben, ich hatte vieles angefangen.
Es war wohl berechnet, eingeteilt und überlegt.
Es war geordnet und geplant, in Schemen, Zeichnungen und Tabellen, in den Schränken abgelegt und in den Aktenmappen.
Das Material bereit, Fertigungsteile, Konstruktionen, halbfertig und neu angefangen, Programme lagen vor und Skizzen.
Produkte standen fertig aufgereiht.
Eine Agenda gab's für jeden Tag.
Immer wusste ich wie spät es war und was heute zu vollenden sei.
Ich ging methodisch vor, nach bewährtem Muster,
Die Zeit war eingeteilt und eine Klingel verkündete das Ende einer jeden Zeile.
Die Tage waren abgezählt, die Wochen aufgeschichtet und im Voraus vollgebucht,
So regierte ich das Jahr und stopfte es, wie eine Wurst.
Ja, ich war sehr beschäftigt, ich schuftete und schwitzte; vieles scheiterte
An der dumpfen Wirklichkeit, die ohne Regel ist und Form,
Ich musste krabbeln wie die Ameise mit dem Ästchen, sieben Mal den gleichen Klumpen hoch.
Doch mein Gewinn war groß und dick war das Buch der Besitztümer. -
Dann ist kurz geflüstert worden und ich bin gegangen,
Kühle Milde umweht nun meine Schläfe;
Ich liege jetzt entbunden in grenzenloser Ruhe.
Jetzt weiß ich es, ab jetzt gehöre ich einem Werk, das still ist und heimlich,
Das ist von den Bäumen, sich wiegend im Wind, das ist von der Sonne, glitzernd auf dem Fluss,
Das ist vom Regen, rauschend im Gras, das ist von den feuchten Augen der Tiere.
Ich werde jetzt für immer frei sein und alles verlieren.
Ich werde nur wandeln und zuschauen.
Um mich herum sind Zeit und Raum, wie um Gottselber.
Ja, ich werde jetzt wohl nichts mehr fertigstellen.


Übersetzung Jaap Hoepelman September 2020

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Murren gegen die Sterne

Luuk Gruwez 1953 Die Religion hat in der Poesie der Niederlande ("Niederlande" im weitestem Sinne) immer eine beherrschende Rolle ...