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Samstag, 11. April 2026

Middelharnis

Ed. Hoornik 1910-1970
 

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

Nüchterne Nachricht aus dem Abendblatt:

Neben einem Schober, der sich entzündet hatte

und einem Lastkahn, im Kanal gesunken.

-

Sechs Tage hat es in mir nachgeklungen.

Kollegen fragten: sag mal, hast du was?

Ich schaffte weiter, doch stets wieder hör' ich das:

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

-

Und Zeitungen verwehen, werden älter,

die Tage werden kürzer und die Nächte kälter,

doch über's Wasser kommt die kleine Stimme.

-

- In Middelharnis, denk' ich, in Gedanken bei ihm

und halt' sein Köpfchen zwischen Herz und Schulter fest

und sing' für es die kleine Totenmesse.


Aus: Verzamelde Gedichten (1966), Herausg. J.M. Meulenhoff

Ursprünglich in ‘Requiem’, in "Steenen" (1939), Herausg. A.A.M. Stols


Te Middelharnis

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026



Dienstag, 31. März 2026

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

 



Jacobus Bellamy (1757-1786)

Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für eine leichtere Note. Ich hatte schon mal einen Beitrag über den Vlissinger Dichter Bellamy erstellt, der ein glühender Patriot d.h. Republikaner und Gegner der Oranier war. Sein ziemlich wüstes Gedicht über den Statthalter Willem V hatte ich folgendermaßen übersetzt:

Einem Verräter des Vaterlandes

Es war Nacht, als Deine Mutter kreißte
Die Nacht, die schwarz war wie noch nie.
Reigen Höllengeister kreisten,
Die Welt der Vögel dreimal schrie,
Im Spukwald konnte man es hören.
Die Meereswellen rasten, kochten,
Dass bis in den Himmelschören
Sogar die Engelsherzen zitternd pochten!
Dich sah die Mutter - und das Leben
Floh aus dem bedrückten Herz!
Dein Vater stand, fing an zu beben,
Dann sank er hin, gefällt vom Schmerz,
Dann, wie Donner, eine Stimme hallte,
Hallte in dem Haus, das dich empfing:
"Dass fern von diesem Kind sich jeder halte,
"Die Natur gebar ein Teufelsding!
"Sie gebar zur Strafe der Nation,
"Als Anzeichen des Himmels Grimm!
"Der Geister übelster Patron
"Sei auf der Erd' zum Schütze ihm!
"Er wird das Vaterland verraten!
"Der Freiheit treten auf die Brust!
"Kein Gold in Massen wird ihn je behagen,
"Denn unersättlich ist sein Durst!
"Es dürstet ihn nach Gold und Seide,
"Er wird der Fürsten liederlichster Knecht!
"Sieht er der Unschuld Blut und Leiden
"So  ist's ihm Freud', so ist's ihm recht!
"Falschheit ist das Wesen seiner Seele,
"Der Betrug bewohnt sein Sabberloch!
"Keine Furcht kennt seine Höllenseele;
"Immer denkend; "Ätsch! mich gibt es noch!"....
"Vergebens ist's sein Tun zu unterbrechen!
"Vergebens wäre hier Gewalt!
"Geboren wurde er zum Vaterlandsverbrecher,
"Zum Fluch des Volkes die Gestalt!"

Verräter, Monster! Fluch der Erde!
Du, Geschöpf, beleidigst die Natur!
Gottes Fluch, der Dich noch nicht verheerte
Wird Dich verbrennen, warte nur!

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2024


Bellamy konnte aber auch anders. Seine Erfolge feierte er mit lockeren, reimlosen Gedichten passend zum Rokoko und zur neuen Empfindsamkeit. 
Ein schönes Beispiel, in dem die neue Leichtigkeit und der Empirismus des späten 18. Jahrhunderts sich treffen in der Art, in der Bellamy es zur großen Beliebtheit gebracht hat, findet man im "gescheiterten Versuch":

Der gescheiterte Versuch


Ich war bei meiner Fillis,
Nachdenklich saß sie da,
Nach einer Weile fragt sie:
Weißt du wohl, was ein Kuss ist?
Ich sprach: Mein liebstes Mädchen,
Das ist zu philosophisch,
Ein Kuss kann man erfühlen,
Er lässt sich nicht beschreiben,
Vielleicht, dass wir das Wesen,
Als auch die Art der Küsse,
Wohl eher durch Versuch
Und Irrtum je ergründen.
Ich nahm sie in die Arme
Und drückte meine Lippen
Auf ihren hübschen Mund.
So küssten wir einander,
Als suchten wir Beweise.
Ich haftete fast reglos
An ihren lieben Lippen,
Doch eifrigstes Versuchen
Brachte es nicht zu Stande,
Den Kuss zu definieren.
Ich sagte: "Liebe Fillis,
Wir werden's nie ergründen!" -
"Nun", sprach darauf mein Mädchen,
"Läßt du die Hoffnung fahren?
Wer weiß! Falls der Versuch
Nur oft genug gemacht wird,
Ob wir's nicht doch entdecken!"

De vergeefsche proefonderneming
Gezangen mijner jeugd (1782)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Sonntag, 29. März 2026

Gedicht des Monats

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290 

Aus "Wapene Martijn"- überraschende Einsichten aus dem Mittelalter.

Martijn erwähnt die angebliche Schuld der Frauen an der Sündhaftigkeit der Menschen:

Martijn:


Jacop, alle Welt macht groß Gewese,
Der Frauen Schuld sei es gewesen,
Dass wir in Sünde müssen Sterben:
Durch Evas erster Sündenfall
Müssen im Erdental wir alle
Als Vertriebene verderben.
Es sagen alle, keiner ausgenommen:
Eva hat Adams Herz genommen,
Adam ward von ihr vergeben.
Sag mir, liegt's nicht auf der Hand
Dass man hier die Schuldige fand?
Ihretwegen zittern wir und beben
Wenn zu Ende geht das Leben.

Und hier Jacops Erwiderung:
Jacop:

Martin, jeder ist im Kopf nicht gut,
Der andern vorwirft, was er selber tut,
Egal ob es ihm Vorteil bringt.
Seh' ich das Meer, oder den Fluss, 
Steig' ich hinein mit einem Fuß,
Wie wenn ein Blöder in die Fluten springt -
Wem werf' ich vor den Übermut,
Wenn mich ergreift die wilde Flut,
Und dass mit mir ein Schwein versinkt?
Wenn einer weiß von Bös' und Gut,
Hartnäckig stets das Böse tut,
Dann gibt es viele, denen's stinkt,
Dann schert es nicht, wenn der ertrinkt.


Zum Schluß eine auch heute noch aktuelle Beobachtung:

Jacop:

Um diese Worte geht's allein:
Es sind die Worte "mein" und "dein"
Könnt' man endlich sie vertreiben
Allüberall würd' Frieden sein
Und Freiheit wäre allgemein.
Mann noch Frau leibeigen bleiben,
Gemeinfrei wären Korn und Wein.
Über's Meer oder den Rhein
Würd' man keinen mehr entleiben.
Doch das Gift der Habgier steckt in
Allen Dingen leider, Martin.
So wie's ist muss alles bleiben,
Dies Gesetz nur kann es schreiben. 


Middelharnis

Ed. Hoornik 1910-1970   In Middelharnis ist ein Kind ertrunken. Nüchterne Nachricht aus dem Abendblatt: Neben einem Schober, der sich entzün...