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Mittwoch, 15. Juli 2026

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden


Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert,
die Harfe klingt...und David psalmodiert,
Was war, was sein wird, kann dir schnuppe sein,
genieß was ist; ein Tor, wer nach Erfüllung giert.
+++
Oh höchster Herrscher dieser Welt
Du fragst, wann mir der Wein die Seel' erhellt?
Es ist am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch
Donners-, Frei- und Samstag, wie's mir eben fällt.
+++
Das Veilchen will sich bunt die Kleider färben,
Im Morgenwind die Rosen für sich werben,
Der Weise, neben einer Frau gesessen,
den Becher leert und schlägt ihn dann in Scherben.
+++
Mein Weinkrug war im Liebesbann,
glänzend schwarze Haare zog er an,
der Henkel eine schlanke Hand,
geschwungen wie ein Frauenspann.
+++
Während Gelächter sich ergießt,
der Wein, der rot aus der Karaffe fließt
wird Herzensblut und das Kristall
wird eine Träne, die's umschließt.
+++
Viel kostbar Blut spülte der Weltenlauf schon fort
und manche Blume ist im Sonnenlauf verdorrt;
brüste Dich nicht mit Jugend und mit Glanz,
früh aufgeblühte Knospen welken hin am Ort.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, nach J. H. Leopold, Juni 2026)


Es gibt interessante Parallelen zwischen den Dichtern Omar Khayyam und Constantijn Huygens, auch wenn sie zeitlich und kulturell weit von einander entfernt scheinen. Beide waren universell begabt, beide waren sehr hohe, vielbeschäftigte Staatsdiener, beide hatten eine Abneigung gegen verknöcherte Intoleranz in der Religion, beide waren sich der Endlichkeit des Lebens und folglich der Notwendigkeit, den Tag zu genießen, sehr bewusst - die universellen Themen des "Memento Mori" und des "Carpe Diem". Und beide haben tausende Kurzgedichte geschrieben, in denen diese Themen angesprochen wurden. Khayyam kommt manchmal etwas parfümiert daher, eine Stimmung, die in Fitzgeralds romantischer Übersetzung (die im Westen am meisten Bekannt war) noch verstärkt wurde. Das passte auch zum Jugendstil um den Jahrhundertwechsel 1900, wobei Leopold lieber Whinfields genauere Übersetzung benutzt hat.
Huygens dagegen konnte - in der alt-niederländischen Tradition -  drastisch und sehr direkt sein, wie Anna Bijns, Adriaan Brouwers, Focquenbroch oder auch Rembrandt und ehrlich gesagt betrachte ich das als Kontrastprogramm manchmal als sehr erfrischend:

Josef und Potiphars Weib


Das "Carpe Diem" bei Khayyam bedeutet nicht, dass der Dichter regelmäßig, in Gesellschaft hübscher Frauen, benommen in einer romantischen Landschaft herumlag. Als hoher Beamter, Astronom, Mathematiker und Kalenderreformer konnte Khayyam sich das auch gar nicht leisten. Ich vermute mal, dass er für seine Aufgaben unermüdlich arbeiten musste. 

                                                                       Astronomen im Observatorium zu Isfahan

Wein und Entgrenzung waren gängige poetische Versatzstücke, um unserer Endlichkeit, Unwichtigkeit und Beschränktheit besonderen Nachdruck zu verleihen. Wein war dazu nicht unbedingt eine Voraussetzung. Einer der weinlosen Vierteiler Khayyams lautet:

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.


(Boutens, nach Omar Khayyam. Übersetzung Jaap Hoepelman)

Khayyams Stellung, sein "Memento Mori", seine Mathematik und Astronomie, auch seine theoretische Arbeiten über die Musik laden zu einem Vergleich mit Huygens ein. Was Khayyam im Übrigen von den Luminarien seiner Zeit hielt, drückte er im folgenden Vierzeiler aus:

Wie auf den Polarstern sind wir auf sie gefahren,
sie, die wie Feuerbaken an der Weisheit Küste waren,
sie konnten in der Todesnacht den Kurs nicht wahren,
ein letztes Wort gestammelt, dann gestreckt auf ihren Bahren.

(Jaap Hoepelman, Juni 2026, nach Leopolds Übersetzung)

Für den Calvinisten Huygens war das "Memento Mori" ein wiederkehrendes Thema, um so mehr im 17. Jahrhundert, in dem der unerwartete Tod allgegenwärtig war:

Das Darlehen

Mein Leben ist ein Lehen, die Sterblichkeit das Pfand,
Gott fordert's morgen ein, es liegt in Seiner Hand.
Wer jetzt gerade geht und prahlt, wie's um ihn steht,
Ahnt nicht den morschen Steg, auf dem er gerade geht.

Das daraus folgende "Carpe Diem", bedeutete für den Calvinisten Huygens nicht "genieße deine Zeit", sondern "genieße deine Zeit dadurch, dass du sie nutzt und verbringst mit gottgefälligen Werken". Also verbrachte Huygens die Zeit neben seinen diplomatischen Aufgaben mit praktischen Projekten, wie:
Dem Bau einer gepflasterten Straße von Den Haag nach Scheveningen;


 der Komposition von über 150 Parfums (sehr nützlich, angesichts der Duft-Palette des Goldenen Jahrhunderts); der Pflege eines Beziehungsnetzes mit den europäischen Geistesgrößen, darunter sehr intensive mit Descartes; der Zusammenarbeit mit seinen Söhnen Constantijn Jr. und Christiaan beim Linsenschleifen und Entwerfen von Messinstrumenten; Architektur; Städtebau; Gartenentwurf ... (ich nehme an, dass Christiaan ihm in der Mathematik bald enteilt ist)...

Christiaan Huygens Pendeluhr


Das rohrlose Teleskop von 
Christiaan und Constantijn Jr. Huygens,
eingesetzt bei der weiteren Erforschung
der Ringe des Saturn.


Das von Constantijn Huygens entworfene Gut "Hofwijck"

Der von Huygens nach Vitruvs Idealmaßen 
gestaltete Garten von "Hofwijck"

Von Huygens Kompositionen, über 700,  sind die meisten leider verloren gegangen, aber einige stehen uns heute noch zur Verfügung:


Last but not least, ein Konvolut von Schriftstücken, literarischen Werken, Übersetzungen, Briefen, darunter eben die über 2000 "Sneldichten" oder "Puntdichten" - manchmal als Kalendersprüche, manchmal als bissige Satire oder Kommentar, manchmal nachdenklich, als "Memento" im weiten Sinne...und manchmal mit einem nicht ganz so frommen Zungenschlag.

Epitaph auf einen Weltling

Der Mann da unten hatte auf der Welt Gewicht,
Ob Lot, ob Pfund; hier zählt Gewichtsmaß nicht.
Fragt nicht, was er verlor, was er hat beigetragen;
Die Erde trägt ihn nicht, er muss jetzt Erde tragen.
+++
Baum

Die Bäume, die wir seh’n,
Sie recken sich zum Himmel hoch, mit ausgestreckten Armen.
Sie sind wie Gottlose in Not, so wie sie aufwärts barmen
Und wissen nicht, an wen.
+++
Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.
+++
Aus den "Johannes Gedichten":

"Johann, siehst du das Tor zum Galgenfeld?
Zu eng, als dass es jedem würde passen!"
"Von Dienern des Staates klug bestellt:
Nicht großen Dieben, nur um die kleinen durch zu lassen".
+++
Der letzte Klatsch in unsrer Stadt,
Ist, dass Johann mit Neel geschlafen hat.
Damit die Sprüche sie nicht trafen,
Beendet Neel den Tratsch geschwind:
"Wenn der Johannes hätt' geschlafen,
So wär' die Neel jetzt nicht mit Kind."
+++
Katrins Beichte

Katrin beichtet, unter vielen Sünden, dass sie ins Heu
gelangt war, with a fine English boy.
Und was ist dort geschehen? Dein Beicht'ger muss es wissen!
Ein alter Tor, meint Trien, wer sowas ernsthaft fragt,
Als ob Du gar nicht wüstest, was eine junge Magd
Mit einem jungen Knecht macht, mit weichem Heu als Kissen!

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2026)






Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Gedicht des Monats


     Willem Wilmink 1936-2003



                                        Hans Elefant



Nach „Jan Olifant“ von Willem Wilmink 

Ihr lieben Kleinen, hier in Schland,
Das Leben von Hans Elefant
Wird jetzt, bis ins Detail belegt,
Von Doktor Hoepelman verlegt.
Es geht hierbei nicht um Gewinn,
Nicht Geld hat Hoepelman im Sinn.
Nein, nein, nur Sittsamkeit und Tugend
Der allerliebsten schlandschen Jugend.

Hans Elefant, das glaube mir,
War echt ein riesenhaftes Tier.
Das größte Tier im Zirkus Knie
Litt oftmals an Melancholie.
Das ist, wenn übergroße Tiere
Lebensfreud' und -lust verlieren.

Keiner, der das so traurig fand
Als unser Hans, der Elefant:
    „In der Piste klein gehalten,
Kann sich kein Elefant entfalten.
Ich will im Zirkus Knie nicht sein,
Will in die weite Welt hinein.“
In der von Knie verkannten Lage
Hörte niemand Hansens Klage,
Bis, unter Beifall und Applaus,
Auf Musik von Johann Strauß,
Der Elefant den Ausgang fand,
Den Hintern zeigte und verschwand.

      Hans trabte keuchend durch die Gassen,


Hier konnte man ihn nicht mehr fassen.
Im Stadtpark setzte er sich hin,
Dann kam ihm plötzlich in den Sinn:
„Der Park ist gar nicht überdacht,
Ich brauch `ne Bleibe für die Nacht!“ 


Doch da kommt Rettung in der Not,
Die Heilsarmee in Schwarz und Rot.
Es wird gesungen und gepfiffen,
Hannes ist zutiefst ergriffen.
Ein Bett und eine alte Hose
Hat die Armee für Obdachlose.
„Ein feste Burg“ klingt aus, und dann
Schließt unser Hans sich denen an.

Wochenlang ging es ihm gut,
Man gab ihm Essen, einen Hut,
Mit dem er überglücklich winkte,
Und dabei die Tür ausklinkte –


Und gestärkt durchs Evangelium
Sah sich nach einer Bude um.

Die Wirtin, in den besten Jahren,
Liess vor Schrecken einen fahren
Und rief: “Ich hab‘ nur Herren hier,
Vermiete keinem Rüsseltier.“
„Gnä Frau“, sagt Hans, „Sie seh'n nicht gut.
Kein Rüsseltier trägt einen Hut“.



Das stimmt. So wird er angenommen,
Bekommt anständig Unterkommen.
Die Wirtin hat sich abgeregt:
„Er ist ein Herr der Rüssel trägt.“ 

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Durchfall hat der arme Tropf,
Sitzt immer wieder auf dem Topf.
Beim kleinsten Pupser, müsst ihr wissen,
  Hat er sich gleich vollgesch…

Schon klingelt es. Ein Polizist,
Der mit dem Zweck gekommen ist,
Zu prüfen, ob wer da so spritzt
 Den Personalausweis besitzt.
 Doch leider ist dem Elefant
Der Ausdruck völlig unbekannt.
Ein Personalausweis? Wieso? 
Am Kopf nicht. Ob vielleicht am Po?
Nicht ohne Zirkuseleganz
Dreht sich Hans in Richtung Schwanz.
Doch die Ermittlungen ergeben
Nur ein mittelschweres Beben.     

         Mit einem Knall der Scheiben sprengt
Wird der Schutzmann angesengt.
Halt! Sie begehen ein Verbrechen…“
Der Kommissar will weitersprechen,
Doch keiner hört den Polizeiwachtmeister,
Geschmort im Elefantenkleister.

Ich bin nicht sicher ob du weißt,
Dass, wer eine Amtsperson bescheißt,
Oftmals bestraft wird auf Bewährung,
Sozusagen zur Belehrung.
Doch wer Pech hat mit dem Richter
Geht auf Jahre in den Trichter.

Hans Elefant erging es schlecht.
Streng sprach Herr Schräg, der Richter, Recht:   
„Ähem! Dies ist ein freies Land,
Sogar für einen Elefant.
Sich persönlich einzukoten
Ist im Gesetzbuch nicht verboten.
A A auf einen Privatier
Ist erlaubt laut BGB.
Strengstens zu bestrafen ist der Kleister
 auf einen Polizeiwachtmeister"

 Ein ganzes Jahr gesiebte Luft,
Anstaltsfraß und Abortduft.
Gerne mag an großen Tieren
Man Exempel statuieren.

Neue Freunde gab es bald,
Knastbrüder in der Haftanstalt.
Da gab es Heinz, den Panzerknacker,
Und Barnabas, den Software-Hacker,
Und auch die Brüder Gaunering,
Sie drehten schon so manches Ding.
Verurteilt für Erbschleicherei
War eine Gräfin mit dabei.
Solch kriminelle Energie -
Das gab es nicht im Zirkus Knie.

Im Hof trafen sich Gangsterrunden,
Fluchtpläne wurden bald gefunden.
Man würde…doch ich schweige still,
Weil ich noch länger leben will. 

In den Nachrichten, um acht
Wurden diese News gebracht:
„Aus der Anstalt Oberkochen
Sind Verbrecher ausgebrochen.
Alle wurden schnell gefasst,
Das Personal hat aufgepasst.


 Nur Loxodonta Indicus
Vor dem man sich sehr hüten muss
(Auch genannt „die alte Falte“),‏
Wurde vom Zaun nicht aufgehalten“.

Wieder trabt nun Hans dahin,
In den Süden zieht es ihn.
Das ist ein Gangsterparadies,
Dort gibt es jede Menge Kies.
Falscher Adel und Halbseiden
Müssen keinen Mangel leiden.

Chancen gibt es dort zuhauf,
Z.B. für den Kunstverkauf.
Ein Originalimpressionist,
Wenn man Finanzberater ist.
Für die betuchte Haute Volée
Eröffnet Hans ein Atelier.
Rembrandt, Spitzweg, Albrecht Dürer –




Bildhauerwerke für den Führer.
 Große Kunst in Öl auf Leinen,
Großformatig und im Kleinen:
Von Töpfertisch und Staffelei,
Für jeden ist etwas dabei.

Jetzt also, durch Kitsch und Tand
Wird Hans ein reicher Elefant,
Besucht mit Regelmaß die Bank
Mit wohlgefülltem Panzerschrank.

Das Personal ist sehr beflissen,
Trotzdem wird Hans angeschissen.
Hans ist nicht dumm, er spürt sehr wohl -
Leer ist die Freundlichkeit und hohl.

Abends liegt er dann allein,
Schläft vor Traurigkeit nicht ein.
Das Leben hat so keinen Sinn,
So ohne Elepartnerin,
Elefrau mit Hirn und Herz,
Kumpelin im Faltennerz,
Um zu teilen sich die Schüssel
Und zu schlafen Rüss- an Rüssel.

„Fantin sucht Fant“: Im Abendblatt
Gibt es Inserate satt,
Doch im trüben Einerlei
Ist die Eine nicht dabei.
Doch dann, an einem Sonntagmorgen,
Hat‘s ein Ende mit den Sorgen:
„Elefrau, noch jung in Jahren
Sucht Elemann, gern auch erfahren.
Nur bei echtem Interesse
Schreib an diese Postadresse.“ 

 Nichts, das jetzt den Hans noch hält.
Er schreibt umgehend und…gefällt.
Und nach einem Probejahr
Sind sie und er ein Elepaar.

Sie leben meistens sorgenfrei,
Auch Fantilein sind bald dabei
 Und beim Besuch im Zirkus Knie
Schaut sie auf ihn und er auf sie.

                                                             Die zärtlichste Beziehungskiste
Fing an in einer Zirkuspiste.



Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...