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Samstag, 11. April 2026

Middelharnis

Ed. Hoornik 1910-1970
 



Von Ed- Hoornik hatte ich aus dem gleichen Band schon mal ein Gedicht übersetzt, das düster profetische "Pogrom".
Auch ein anderes Sonett aus der gleichen Sammlung trauert um ein ertrunkenes Kind:

"Requiem"

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

Nüchterne Nachricht aus dem Abendblatt:

Neben einem Schober, der sich entzündet hatte

und einem Lastkahn, im Kanal gesunken.

-

Sechs Tage hat es in mir nachgeklungen.

Kollegen fragten: sag mal, hast du was?

Ich schaffte weiter, doch stets wieder hör' ich das:

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

-

Und Zeitungen verwehen, werden älter,

die Tage werden kürzer und die Nächte kälter,

doch über's Wasser kommt die kleine Stimme.

-

- In Middelharnis, denk' ich, in Gedanken bei ihm

und halt' sein Köpfchen zwischen Herz und Schulter fest

und sing' für es die kleine Totenmesse.


Aus: Verzamelde Gedichten (1966), Herausg. J.M. Meulenhoff

Ursprünglich in ‘Requiem’, in "Steenen" (1939), Herausg. A.A.M. Stols


Te Middelharnis

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026



Dienstag, 31. März 2026

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

 



Jacobus Bellamy (1757-1786)

Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für eine leichtere Note. Ich hatte schon mal einen Beitrag über den Vlissinger Dichter Bellamy erstellt, der ein glühender Patriot d.h. Republikaner und Gegner der Oranier war. Sein ziemlich wüstes Gedicht über den Statthalter Willem V hatte ich folgendermaßen übersetzt:

Einem Verräter des Vaterlandes

Es war Nacht, als Deine Mutter kreißte
Die Nacht, die schwarz war wie noch nie.
Reigen Höllengeister kreisten,
Die Welt der Vögel dreimal schrie,
Im Spukwald konnte man es hören.
Die Meereswellen rasten, kochten,
Dass bis in den Himmelschören
Sogar die Engelsherzen zitternd pochten!
Dich sah die Mutter - und das Leben
Floh aus dem bedrückten Herz!
Dein Vater stand, fing an zu beben,
Dann sank er hin, gefällt vom Schmerz,
Dann, wie Donner, eine Stimme hallte,
Hallte in dem Haus, das dich empfing:
"Dass fern von diesem Kind sich jeder halte,
"Die Natur gebar ein Teufelsding!
"Sie gebar zur Strafe der Nation,
"Als Anzeichen des Himmels Grimm!
"Der Geister übelster Patron
"Sei auf der Erd' zum Schütze ihm!
"Er wird das Vaterland verraten!
"Der Freiheit treten auf die Brust!
"Kein Gold in Massen wird ihn je behagen,
"Denn unersättlich ist sein Durst!
"Es dürstet ihn nach Gold und Seide,
"Er wird der Fürsten liederlichster Knecht!
"Sieht er der Unschuld Blut und Leiden
"So  ist's ihm Freud', so ist's ihm recht!
"Falschheit ist das Wesen seiner Seele,
"Der Betrug bewohnt sein Sabberloch!
"Keine Furcht kennt seine Höllenseele;
"Immer denkend; "Ätsch! mich gibt es noch!"....
"Vergebens ist's sein Tun zu unterbrechen!
"Vergebens wäre hier Gewalt!
"Geboren wurde er zum Vaterlandsverbrecher,
"Zum Fluch des Volkes die Gestalt!"

Verräter, Monster! Fluch der Erde!
Du, Geschöpf, beleidigst die Natur!
Gottes Fluch, der Dich noch nicht verheerte
Wird Dich verbrennen, warte nur!

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2024


Bellamy konnte aber auch anders. Seine Erfolge feierte er mit lockeren, reimlosen Gedichten passend zum Rokoko und zur neuen Empfindsamkeit. 
Ein schönes Beispiel, in dem die neue Leichtigkeit und der Empirismus des späten 18. Jahrhunderts sich treffen in der Art, in der Bellamy es zur großen Beliebtheit gebracht hat, findet man im "gescheiterten Versuch":

Der gescheiterte Versuch


Ich war bei meiner Fillis,
Nachdenklich saß sie da,
Nach einer Weile fragt sie:
Weißt du wohl, was ein Kuss ist?
Ich sprach: Mein liebstes Mädchen,
Das ist zu philosophisch,
Ein Kuss kann man erfühlen,
Er lässt sich nicht beschreiben,
Vielleicht, dass wir das Wesen,
Als auch die Art der Küsse,
Wohl eher durch Versuch
Und Irrtum je ergründen.
Ich nahm sie in die Arme
Und drückte meine Lippen
Auf ihren hübschen Mund.
So küssten wir einander,
Als suchten wir Beweise.
Ich haftete fast reglos
An ihren lieben Lippen,
Doch eifrigstes Versuchen
Brachte es nicht zu Stande,
Den Kuss zu definieren.
Ich sagte: "Liebe Fillis,
Wir werden's nie ergründen!" -
"Nun", sprach darauf mein Mädchen,
"Läßt du die Hoffnung fahren?
Wer weiß! Falls der Versuch
Nur oft genug gemacht wird,
Ob wir's nicht doch entdecken!"

De vergeefsche proefonderneming
Gezangen mijner jeugd (1782)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Sonntag, 29. März 2026

Gedicht des Monats

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290 

Aus "Wapene Martijn"- überraschende Einsichten aus dem Mittelalter.

Martijn erwähnt die angebliche Schuld der Frauen an der Sündhaftigkeit der Menschen:

Martijn:


Jacop, alle Welt macht groß Gewese,
Der Frauen Schuld sei es gewesen,
Dass wir in Sünde müssen Sterben:
Durch Evas erster Sündenfall
Müssen im Erdental wir alle
Als Vertriebene verderben.
Es sagen alle, keiner ausgenommen:
Eva hat Adams Herz genommen,
Adam ward von ihr vergeben.
Sag mir, liegt's nicht auf der Hand
Dass man hier die Schuldige fand?
Ihretwegen zittern wir und beben
Wenn zu Ende geht das Leben.

Und hier Jacops Erwiderung:
Jacop:

Martin, jeder ist im Kopf nicht gut,
Der andern vorwirft, was er selber tut,
Egal ob es ihm Vorteil bringt.
Seh' ich das Meer, oder den Fluss, 
Steig' ich hinein mit einem Fuß,
Wie wenn ein Blöder in die Fluten springt -
Wem werf' ich vor den Übermut,
Wenn mich ergreift die wilde Flut,
Und dass mit mir ein Schwein versinkt?
Wenn einer weiß von Bös' und Gut,
Hartnäckig stets das Böse tut,
Dann gibt es viele, denen's stinkt,
Dann schert es nicht, wenn der ertrinkt.


Zum Schluß eine auch heute noch aktuelle Beobachtung:

Jacop:

Um diese Worte geht's allein:
Es sind die Worte "mein" und "dein"
Könnt' man endlich sie vertreiben
Allüberall würd' Frieden sein
Und Freiheit wäre allgemein.
Mann noch Frau leibeigen bleiben,
Gemeinfrei wären Korn und Wein.
Über's Meer oder den Rhein
Würd' man keinen mehr entleiben.
Doch das Gift der Habgier steckt in
Allen Dingen leider, Martin.
So wie's ist muss alles bleiben,
Dies Gesetz nur kann es schreiben. 


Montag, 9. März 2026

Murren gegen die Sterne

Luuk Gruwez


Die Religion hat in der Poesie der Niederlande ("Niederlande" im weitestem Sinne) immer eine beherrschende Rolle gespielt, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts paradoxerweise auch dadurch, dass man Gott anzweifelte oder Ihm Vorwürfe machte, sogar vorwarf, dass Er nicht existiere, oder Ihn ansprach mangels besserer Alternativen. 
Als Beispiele gebe ich hier ein Fragment aus  Multatulis "Gebet des Unwissenden", sowie Andreus "Das letzte Gedicht" und Koplands "Die Mutter das Wasser":

Multatuli

Gebet des Unwissenden
...
...
So wimmert der Unwissende am selbstgewählten Kreuz,
und windet sich in Schmerzen und jammert, dass ihn durstet...
Der Weise - er, der weiß...der Gott wohl kennt - verhöhnt den Toren,
Und überreicht ihm Galle, jauchzt: "Hört her, er ruft den Vater!"
Und murmelt: "Dank o Herr, dass ich nicht bin wie er!"
Und singt den Psalm: "Wohl dem, der in gottlosem Rat
Nicht wandelt, nie Schritte auf dem Weg der Sünder tat..."
Der Weise...sich zur Börse schleicht, und schachert Wertpapiere.

Der Vater schweigt...O Gott, es gibt Gott nicht!
===

Andreus

Das letzte Gedicht

Dies wird das letzte Gedicht, wo ich schreibe,
jetzt wo mein Leben fast vorbei ist,
ist mir die Schöpferwut etwas verleidet:
Es wütet mir der Krebs im Leibe,

und, Herr (so sprech' ich dich mal wieder an,
obwohl Du mir nicht recht vorstellbar bist,
aber ich quassle lieber einen an
als nur so in den Raum und es ist

derart am leichtesten mit Dir zu sprechen),
wie nun weiter, wo bleibe ich mit diesem Licht
von mir, von Dir, wenn das Fallen, weg in

das unvermittelt Unbenennbare beginnt?
Oder, dass Du mir unverdichtest
Ein ungesagtes Wort, das Du erfindest?
===


Kopland

Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, kleines Pils genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
Halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.



Mein über alles Lob erhabene Gedichte-Abo schickt mir jetzt ein Gedicht des mir noch unbekannten belgischen Dichters Luuk Gruwez, das ohne Zweifel zur Tradition des "Motzen über Gott" gehört. "Gläubiges Gebet", so habe ich gelesen, ist ein Lehrbegriff für aufrichtige, mit innerer Überzeugung gesprochene Gebete. Paradox...ich sagte es schon.

 Gläubiges Gebet

Du glaubtest wohl, das Ganze voll im Griff zu haben,

doch mehr als Himmel und Erde bewegen

konntest Du nicht. Wie hast Du mich mit Haken 

und Ösen zusammen geflickt: Siehe beispielsweise

den Reißverschluß an einer Seele, der weder zu- noch aufgeht?


Ich konnte also nicht anders, als Dir ähnlich sein. Manchmal

erfolgreich, öfters stümpernd mit meinem viel zu schnell

vermatschten Genie. Heil sind wir natürlich nie,

außer mit einem intus, immer auf der Suche

nach einem Splitter in einem Finger oder nach nichts,


erhältlich in den traurigsten Kneipen auf Erden.

Außerdem, lieber Gott, fange ich an zu glauben, dass Du

kaum an Dichselber glaubst. So grenzenlos bist Du,

dass Du Dir an einem blöden Tag, verirrt in Deinem

Selbstgeschaffenem, nichts mehr merken kannst:


höchste Zeit für Dich, um uns zu lieben.


Luuk Gruwez
aus: Morren tegen de sterren (Querido, 2026)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Van Maerlant und Reineke Fuchs

 Van Maerlant, aus den "Wundern der Natur": "Von fremden Ländern und Menschen" und "Die Tierwelt".


      Van Maerlant. Die Wunder der Natur                                                             


Willem die Madocke maecte: "Reineke Fuchs", in einer vollständige Version.

Reineke Fuchs oder van de vos Reynaerde 

 


Freitag, 23. Januar 2026

Die Rosa Poetica.


Die Rose ist schön, sie duftet, sie ist vergänglich und sie kann stechen. Voilà die Zutaten für eine feine Sauce auf einer unüberschaubar langen Speisekarte, auch in der poetischen Küche der Niederlande. 
Zunächst einige Beispiele, an denen ich mich schon mal versucht habe:


Jonker Jan van der Noot wollte mit Schönheit und Zerbrechlichkeit verführen:                                                                ...

Ode

Es war April, als Flora sich daran macht
Das Erdreich lieblich zu verschönern
Mit neu gewachs'ner Blumenpracht,
Als ich sie ansprach, meine ersehnte Schöne.

Liebste, sprach ich, schauen wir die Rose an
Die heute früh sich auf das herrlichste entfaltet hat.
Wir standen an der Stelle eine Zeitlang
Und suchten wo die Blume sich verborgen hat.

Wir fanden keine Rose, allein
Die Blütenblätter, alle abgefallen,
Beraubt von allen schönen, reinen
Farben, womit sie hat am Morgen uns gefallen.

Ach Liebste, sprach ich, ist's nicht schade,
Dass diese schöne Blume so schnell ist ausgefallen
Bevor einem erwiesen wurd' die Gnade
Sich zu erfreuen ihres Dufts, das Köstlichste von allem?

Oh ja, sprach sie, schön war die Blume, wirklich.
Deswegen, Liebste, sieh doch wie schnell es geht.
Erlaube, dass bald ich nenne dich
Barmherzig, Liebste, in allen Ehren, früh und spät.

Nutze die Zeit, um die es geht,
Es ist die schönste Zeit deines Bestehens,
Auf dass es dir auch nicht ergeht,
Wie mit der Blume ist geschehen.


Pieter Cornelis Boutens  kontrastiert die Schönheit der Rose mit der Lächerlichkeit einer Statue in "Rosengarten, Berlijn":
                                                                                                                  
Rosengarten
Berlin

1910

Ich habe etwas beinah schönes angeschaut
Hier, wo die Jagd der Oberflächlichkeit
Alles schöne feil für Gold
Besitzen will, und so entweiht -
Ich habe etwas beinah schönes angeschaut:
Im vom Verkehr umtobten Park
Abseits von seinen Asphaltwegen,
Wie in einer Straße eine zugebaute Kirche,
Fand einen Rosengarten ich gelegen:
Dort in sonndurchstrahlter Blumenwolke
Schwiegen vom unbehobelbaren Volke
Leeres Geschwätz, hohles Getue.
Einen Augenblick der Ruhe...
Nur Rosenstauden, Rosenständer!
So dacht' ich - mittendrin
Stand von der doofen Kaiserin
Der doofere Kleiderständer.



Staatsanwalt van Lennep trug seine Sicht der Dinge im Herrenverein "
Saturdagsch Gezelschap" vor:




An ein Röslein

Sanftgefärbte Frühlingsblüte,
Was du wohl auf Selindes Busen tust,
Dass du kuschlig auf den Brüsten
Wie zwischen daunen Pfühlen ruhst!
Artig's Röschen, frisch entfaltet,
Wär' dein selig's Schicksal meins,
Läg' auch ich sanft festgehalten
Wo das Halssatin sich spreitzt,
Ich läge nicht, wie Du, bewusstlos
Das Köpfchen abgeknickt beiseits;
Nein, die Neugier schaute ruh'los
Auf die Landschaft nahebei.
Angespornt von heißen Lüsten
Auf die Brüste, weiß und weich,
Drückt' ich tausend, tausend Küsse
Auf Schultern, Hals und Nacken gleich.
Ich würd' zusammen auch vergleichen
Beide Kugeln, weiß und rund:
Welcher ich den Lorbeer reiche
Woraus bestünde der Befund?
Wo die Venen blauer schienen,
Wo das Weiß am weißten war,
Welcher die größte Federkraft verliehen,
Welche der Beere röter war.
Dann versucht' ich nach zu spüren,
Wohin die hohle Gasse leitet,
Wohin die Furche mich will führen,
Die ein Rund vom anderen scheidet,
Die stillschweigend mir bedeutet,
Dass die Gass' nach unten führt,
Dort, wo warten ungeahnte Freuden,
Von keinem Sterblichen berührt.
Ich nähm die Gasse, lustgetrieben wie ich war,
Bis ich den Schatz in Augenschein genommen
Und sich auftat, was geheim geblieben war,
Bis ich in Cypris' Rosenhof war angekommen.



Ein berühmtes Rosengedicht für seinen Schüler Eugeen van Oye trug der flämische Priester Guido Gezelle bei:

Der Abend und die Rose

Hab' manche, manche Stund' bei Dir
verbracht und sie genossen,
und nie hat mich die Stund' mit Dir
ein einz'ges Mal verdrossen.
Hab' manche, manche Blume Dir
gelesen und geschenkt,
wie eine Biene, ich, mit Dir, mit Dir,
mit Seim wurde getränkt;
doch war die Stunde nie so lieb mit Dir,
so lang' sie dauern sollte,
doch war die Stunde nie so trüb' mit Dir,
als gehen ich nicht wollte,
als jene Stund', an der ich nah bei Dir,
den Abend, hingesessen bin,
ich sagen hört' und sagte Dir
was ist im Herzen innen drin.
Noch keine Blume war so schön, von Dir
gesucht, gepflückt, gelesen,
als die, den Abend...schien auf Dir,
von mir geschenkt gewesen!
Obwohl, sowohl bei mir als Dir,
- wer wird die Wund' genesen? -
die Stund' bei mir, die Stund' bei Dir
ist Stund' nicht lang' gewesen;
obwohl bei mir, obwohl bei Dir,
wenn lieb und handverlesen,
die Rose, auch die Ros' von Dir,
ist Ros' nicht lang gewesen,
doch lange hegt, dies sag' ich Dir,
egal was bringt das Los,
mein Herz drei teure Bilder: Von Dir,
dem Abend  - und - der Ros'!

Gegen Ende des 18e. Jahrhunderts verbreitete sich die Pädagogik der Aufklärung in der Literatur für Kinder und es entstand eine Tendenz zur Vereinfachung der Sprache, von der unsere Schüler bis zum heutigen Tag die Früchte pflücken dürfen:

Hieronimus van Alphen (1746-1803)

In Deutschland hatten Christian Felix Weiße und Gotlob Burmann Kindergedichte veröffentlicht und in den Niederlanden folgte Hieronimus van Alphen (1746-1803) ihnen nach, mit den  "Proeve van Kleine Gedigten voor Kinderen"  ("Versuch einiger kleinen Gedichte für Kinder", 1778). Van Alphens Versuch eine vereinfachte, kindgerechte Sprache zu schreiben wurde sofort zum Erfolg. Das Bändchen wird bis heute in Facsimile herausgegeben. Natürlich wurden die lieben Kleinen zu Gottesfurcht und Tugend angehalten. War die Zartheit der Rose bei van der Noot ein "Carpe Diem" - ergreife die Gelegenheit, morgen ist's zu spät! -, bei van Alphen muss ihre Vergänglichkeit die Kinder zu Ehrfurcht vor Gottes Weisheit anhalten: 


Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Preise man nicht mit Krittelei.


Die Verwelkte Rose

Warum verwelkt die Rose über Nacht?
Sagt kleiner Jan: Wär's anders nur gemacht!
Diente es Gott nicht eher zur Ehre,
Wenn frisch die Ros' geblieben wäre?
****
Du glaubst, dass es an Ehr' gebricht,
Mein lieber Jan! Es ist so nicht.
Denn der Schöpfer weiß von allen
Am besten wie die Blätter fallen;
Dadurch, so will Er, gibst du Obacht,
Wie Schönheit hin ist über Nacht.
Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Preise man nicht mit Krittelei.


(Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2026)


Betje Wolff, Aagje Deken

Am Ende des 18. Jahrhunderts ging es der alten Republik schlecht. Nach dem Katastrophenjahr, 1672, hatte sich eine lange Periode des Niedergangs vollzogen, gipfelnd in der französischen Invasion (1795) und der Sperrung des Handels durch die englische Flotte nach dem verlorenen Seekrieg 1780-1784. Die Verelendung der Bevölkerung war massiv. In dieser Lage versuchten die Aufklärerinnen Betje Wolff und Aagje Deken die Moral zu heben durch ihre "Economische Liedjes" ("Ökonomische Liedchen" 1781), geschrieben in einfacher Sprache. Es war ein großer Erfolg. In den "Liedchen" werden die Berufe durch ihre Betreiber sprechend eingeführt, wie in den sehr bekannten Emblematabüchern z.B. des Gravierers und Dichters Jan Luyken (1649-1712) "Spiegel van het menselyk bedryf" ("Spiegel des menschlichen Gewerbes"). 

Jan Luyken "Der Küfer"

Weil sie die moralische und sittliche Erziehung der Kinder als Voraussetzung für die Entwicklung der Bevölkerung betrachteten, schufen sie auch Fabeln für Kinder gleichfalls in einfacher Sprache, häufig nach französischem Vorbild. Einfache Kindersprache? Aus heutiger Sicht traute man den Kindern offensichtlich einiges zu. Die "Fabelen Voor De Nederlandsche Jeugd" ("Fabeln für die Niederländische Jugend" 1784) kannten viele Auflagen und wurden bis ins 20. Jahrhundert in verschiedenen Versionen herausgegeben.
Die schnell welkende Rose ist eine Warnung vor der Wollust von der nur der Stachel der Trauer übrigbleibt. 
Für Betje Wolff hatte "Coosje und ihre Mutter" bestimmt einen persönlichen Bezug. Sie war zarte 17 Jahre alt, als sie mit einem Fähnrich durchbrannte, dem sie ihr Leben lang nachtrauerte. Die kluge  Mutter im Gedicht hat sie wohl an die eigene jung verstorbene geliebte Mutter erinnert.
"Plaisir d'amour ne dure qu'un moment, chagrin d'amour dure toute la vie",
wie auch Kollege Fabeldichter Jean-Pierre Claris de Florian wusste.


VIIIe Fabel

Coosje und ihre Mutter


Coosje, mit kaum vierzehn Jahren,
Fragte, froh und ohne Ahnung,
"Mutti, was mag Wollust sein"?
In kluger, mütterlicher Überlegung
Sah die Dame glasklar ein,
Dass sie, falls sie dieser Frage auswich,
Die Wissbegierte nur belebte,
Also scheute sie die Finte nicht
Um die Schwierigkeit zu meiden.
"Was ist Wollust? Liebe Coosje,
"Deine Mutti sagt es dir,
"Wollust, ach! Ist eine Rose".
"Ei! Ist's möglich, sprach das Mädchen,
"Das ist die kleinste aller Sachen;
"Wenn dem so ist, will ich's betrachten;
"Den kleinen Spaß werd' ich mir machen".
Und hüpfend sprang das liebe Mädchen
Zum Garten, wo der Ros'baum stand
Und pflückte kurzerhand ein Röslein,
Das sie gar liebreizend fand,
Durch den Satin der weichen Blätter,
Durch den Duft, den Glanz, die Glut:
Coosje gab ihm liebe Küsschen,
Wie duftete das Röslein gut!
Es wurde an die Brust geschmiegt.
Damit aber nicht zufrieden,
Legt sie auf den Pfühl die Blume,
Wollte sich zur Ruhe legen...
Doch undenkbar, so zu ruhen,
Schlafen ohne Ros', ei was!
Die Augen konnte sie nicht schließen,
Weit entfernt von ihrem Schatz.
Fast war sie dann eingeschlafen,
da streckte sie das Händchen aus,
Ergriff die Rose, schloß die Augen,
Wie die Braut mit einem Strauß.
Früh erwacht sie, vom Verlangen,
Die Blume wieder an zu schauen..."
"Wie! Betrügen mich die Augen?
"Unmöglich! Kann ich ihnen trauen?
Sprach sie traurig und erstaunt,
"Röslein! Bist du so zerbrechlich...
"Ach. Ein Dorn hat mich gestochen!
"Die selbe Rose? So vergänglich?
"Dein ganzer Glanz ist jetzt verschwunden!
"Dein ganzer Duft verschwand im Wind".
Weinend lief sie hin zur Mutter:
"Gräm dich nicht, mein liebes Kind,
"Getäuscht hab' ich dich nicht, mein Engel;
"Sei das Röslein dir ein Bild. Es schmeichelt,
"Wie die zauberhafte Wollust,
"Die das Herz berührt und streichelt
"Mit den schönsten Lieblichkeiten:
"Liebes Coosje! Trau ihr nicht!
"Bald verwelkt sie und was bleibt dir?
"Dass dich der Dorn der Trauer sticht!"

Fleury

"Fleury" auf den pflichgemäß verwiesen wird, ist der französische schriftsteller Arnaud Berquin (1747-1791), der veröffentlichte unter dem Pseudonym Monsieur Fleury oder Abbé Fleury. Die Fabel ist wohl in seiner Manier geschrieben.

Middelharnis

Ed. Hoornik 1910-1970   Von Ed- Hoornik hatte ich aus dem gleichen Band schon mal ein Gedicht übersetzt, das düster profetische " Pogro...