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Mittwoch, 15. Juli 2026

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden


Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert,
die Harfe klingt...und David psalmodiert,
Was war, was sein wird, kann dir schnuppe sein,
genieß was ist; ein Tor, wer nach Erfüllung giert.
+++
Oh höchster Herrscher dieser Welt
Du fragst, wann mir der Wein die Seel' erhellt?
Es ist am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch
Donners-, Frei- und Samstag, wie's mir eben fällt.
+++
Das Veilchen will sich bunt die Kleider färben,
Im Morgenwind die Rosen für sich werben,
Der Weise, neben einer Frau gesessen,
den Becher leert und schlägt ihn dann in Scherben.
+++
Mein Weinkrug war im Liebesbann,
glänzend schwarze Haare zog er an,
der Henkel eine schlanke Hand,
geschwungen wie ein Frauenspann.
+++
Während Gelächter sich ergießt,
der Wein, der rot aus der Karaffe fließt
wird Herzensblut und das Kristall
wird eine Träne, die's umschließt.
+++
Viel kostbar Blut spülte der Weltenlauf schon fort
und manche Blume ist im Sonnenlauf verdorrt;
brüste Dich nicht mit Jugend und mit Glanz,
früh aufgeblühte Knospen welken hin am Ort.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, nach J. H. Leopold, Juni 2026)


Es gibt interessante Parallelen zwischen den Dichtern Omar Khayyam und Constantijn Huygens, auch wenn sie zeitlich und kulturell weit von einander entfernt scheinen. Beide waren universell begabt, beide waren sehr hohe, vielbeschäftigte Staatsdiener, beide hatten eine Abneigung gegen verknöcherte Intoleranz in der Religion, beide waren sich der Endlichkeit des Lebens und folglich der Notwendigkeit, den Tag zu genießen, sehr bewusst - die universellen Themen des "Memento Mori" und des "Carpe Diem". Und beide haben tausende Kurzgedichte geschrieben, in denen diese Themen angesprochen wurden. Khayyam kommt manchmal etwas parfümiert daher, eine Stimmung, die in Fitzgeralds romantischer Übersetzung (die im Westen am meisten Bekannt war) noch verstärkt wurde. Das passte auch zum Jugendstil um den Jahrhundertwechsel 1900, wobei Leopold lieber Whinfields genauere Übersetzung benutzt hat.
Huygens dagegen konnte - in der alt-niederländischen Tradition -  drastisch und sehr direkt sein, wie Anna Bijns, Adriaan Brouwers, Focquenbroch oder auch Rembrandt und ehrlich gesagt betrachte ich das als Kontrastprogramm manchmal als sehr erfrischend:

Josef und Potiphars Weib


Das "Carpe Diem" bei Khayyam bedeutet nicht, dass der Dichter regelmäßig, in Gesellschaft hübscher Frauen, benommen in einer romantischen Landschaft herumlag. Als hoher Beamter, Astronom, Mathematiker und Kalenderreformer konnte Khayyam sich das auch gar nicht leisten. Ich vermute mal, dass er für seine Aufgaben unermüdlich arbeiten musste. 

                                                                       Astronomen im Observatorium zu Isfahan

Wein und Entgrenzung waren gängige poetische Versatzstücke, um unserer Endlichkeit, Unwichtigkeit und Beschränktheit besonderen Nachdruck zu verleihen. Wein war dazu nicht unbedingt eine Voraussetzung. Einer der weinlosen Vierteiler Khayyams lautet:

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.


(Boutens, nach Omar Khayyam. Übersetzung Jaap Hoepelman)

Khayyams Stellung, sein "Memento Mori", seine Mathematik und Astronomie, auch seine theoretische Arbeiten über die Musik laden zu einem Vergleich mit Huygens ein. Was Khayyam im Übrigen von den Luminarien seiner Zeit hielt, drückte er im folgenden Vierzeiler aus:

Wie auf den Polarstern sind wir auf sie gefahren,
sie, die wie Feuerbaken an der Weisheit Küste waren,
sie konnten in der Todesnacht den Kurs nicht wahren,
ein letztes Wort gestammelt, dann gestreckt auf ihren Bahren.

(Jaap Hoepelman, Juni 2026, nach Leopolds Übersetzung)

Für den Calvinisten Huygens war das "Memento Mori" ein wiederkehrendes Thema, um so mehr im 17. Jahrhundert, in dem der unerwartete Tod allgegenwärtig war:

Das Darlehen

Mein Leben ist ein Lehen, die Sterblichkeit das Pfand,
Gott fordert's morgen ein, es liegt in Seiner Hand.
Wer jetzt gerade geht und prahlt, wie's um ihn steht,
Ahnt nicht den morschen Steg, auf dem er gerade geht.

Das daraus folgende "Carpe Diem", bedeutete für den Calvinisten Huygens nicht "genieße deine Zeit", sondern "genieße deine Zeit dadurch, dass du sie nutzt und verbringst mit gottgefälligen Werken". Also verbrachte Huygens die Zeit neben seinen diplomatischen Aufgaben mit praktischen Projekten, wie:
Dem Bau einer gepflasterten Straße von Den Haag nach Scheveningen;


 der Komposition von über 150 Parfums (sehr nützlich, angesichts der Duft-Palette des Goldenen Jahrhunderts); der Pflege eines Beziehungsnetzes mit den europäischen Geistesgrößen, darunter sehr intensive mit Descartes; der Zusammenarbeit mit seinen Söhnen Constantijn Jr. und Christiaan beim Linsenschleifen und Entwerfen von Messinstrumenten; Architektur; Städtebau; Gartenentwurf ... (ich nehme an, dass Christiaan ihm in der Mathematik bald enteilt ist)...

Christiaan Huygens Pendeluhr


Das rohrlose Teleskop von 
Christiaan und Constantijn Jr. Huygens,
eingesetzt bei der weiteren Erforschung
der Ringe des Saturn.


Das von Constantijn Huygens entworfene Gut "Hofwijck"

Der von Huygens nach Vitruvs Idealmaßen 
gestaltete Garten von "Hofwijck"

Von Huygens Kompositionen, über 700,  sind die meisten leider verloren gegangen, aber einige stehen uns heute noch zur Verfügung:


Last but not least, ein Konvolut von Schriftstücken, literarischen Werken, Übersetzungen, Briefen, darunter eben die über 2000 "Sneldichten" oder "Puntdichten" - manchmal als Kalendersprüche, manchmal als bissige Satire oder Kommentar, manchmal nachdenklich, als "Memento" im weiten Sinne...und manchmal mit einem nicht ganz so frommen Zungenschlag.

Epitaph auf einen Weltling

Der Mann da unten hatte auf der Welt Gewicht,
Ob Lot, ob Pfund; hier zählt Gewichtsmaß nicht.
Fragt nicht, was er verlor, was er hat beigetragen;
Die Erde trägt ihn nicht, er muss jetzt Erde tragen.
+++
Baum

Die Bäume, die wir seh’n,
Sie recken sich zum Himmel hoch, mit ausgestreckten Armen.
Sie sind wie Gottlose in Not, so wie sie aufwärts barmen
Und wissen nicht, an wen.
+++
Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.
+++
Aus den "Johannes Gedichten":

"Johann, siehst du das Tor zum Galgenfeld?
Zu eng, als dass es jedem würde passen!"
"Von Dienern des Staates klug bestellt:
Nicht großen Dieben, nur um die kleinen durch zu lassen".
+++
Der letzte Klatsch in unsrer Stadt,
Ist, dass Johann mit Neel geschlafen hat.
Damit die Sprüche sie nicht trafen,
Beendet Neel den Tratsch geschwind:
"Wenn der Johannes hätt' geschlafen,
So wär' die Neel jetzt nicht mit Kind."
+++
Katrins Beichte

Katrin beichtet, unter vielen Sünden, dass sie ins Heu
gelangt war, with a fine English boy.
Und was ist dort geschehen? Dein Beicht'ger muss es wissen!
Ein alter Tor, meint Trien, wer sowas ernsthaft fragt,
Als ob Du gar nicht wüstest, was eine junge Magd
Mit einem jungen Knecht macht, mit weichem Heu als Kissen!

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2026)






Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Gedicht des Monats


     Willem Wilmink 1936-2003



                                        Hans Elefant



Nach „Jan Olifant“ von Willem Wilmink 

Ihr lieben Kleinen, hier in Schland,
Das Leben von Hans Elefant
Wird jetzt, bis ins Detail belegt,
Von Doktor Hoepelman verlegt.
Es geht hierbei nicht um Gewinn,
Nicht Geld hat Hoepelman im Sinn.
Nein, nein, nur Sittsamkeit und Tugend
Der allerliebsten schlandschen Jugend.

Hans Elefant, das glaube mir,
War echt ein riesenhaftes Tier.
Das größte Tier im Zirkus Knie
Litt oftmals an Melancholie.
Das ist, wenn übergroße Tiere
Lebensfreud' und -lust verlieren.

Keiner, der das so traurig fand
Als unser Hans, der Elefant:
    „In der Piste klein gehalten,
Kann sich kein Elefant entfalten.
Ich will im Zirkus Knie nicht sein,
Will in die weite Welt hinein.“
In der von Knie verkannten Lage
Hörte niemand Hansens Klage,
Bis, unter Beifall und Applaus,
Auf Musik von Johann Strauß,
Der Elefant den Ausgang fand,
Den Hintern zeigte und verschwand.

      Hans trabte keuchend durch die Gassen,


Hier konnte man ihn nicht mehr fassen.
Im Stadtpark setzte er sich hin,
Dann kam ihm plötzlich in den Sinn:
„Der Park ist gar nicht überdacht,
Ich brauch `ne Bleibe für die Nacht!“ 


Doch da kommt Rettung in der Not,
Die Heilsarmee in Schwarz und Rot.
Es wird gesungen und gepfiffen,
Hannes ist zutiefst ergriffen.
Ein Bett und eine alte Hose
Hat die Armee für Obdachlose.
„Ein feste Burg“ klingt aus, und dann
Schließt unser Hans sich denen an.

Wochenlang ging es ihm gut,
Man gab ihm Essen, einen Hut,
Mit dem er überglücklich winkte,
Und dabei die Tür ausklinkte –


Und gestärkt durchs Evangelium
Sah sich nach einer Bude um.

Die Wirtin, in den besten Jahren,
Liess vor Schrecken einen fahren
Und rief: “Ich hab‘ nur Herren hier,
Vermiete keinem Rüsseltier.“
„Gnä Frau“, sagt Hans, „Sie seh'n nicht gut.
Kein Rüsseltier trägt einen Hut“.



Das stimmt. So wird er angenommen,
Bekommt anständig Unterkommen.
Die Wirtin hat sich abgeregt:
„Er ist ein Herr der Rüssel trägt.“ 

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Durchfall hat der arme Tropf,
Sitzt immer wieder auf dem Topf.
Beim kleinsten Pupser, müsst ihr wissen,
  Hat er sich gleich vollgesch…

Schon klingelt es. Ein Polizist,
Der mit dem Zweck gekommen ist,
Zu prüfen, ob wer da so spritzt
 Den Personalausweis besitzt.
 Doch leider ist dem Elefant
Der Ausdruck völlig unbekannt.
Ein Personalausweis? Wieso? 
Am Kopf nicht. Ob vielleicht am Po?
Nicht ohne Zirkuseleganz
Dreht sich Hans in Richtung Schwanz.
Doch die Ermittlungen ergeben
Nur ein mittelschweres Beben.     

         Mit einem Knall der Scheiben sprengt
Wird der Schutzmann angesengt.
Halt! Sie begehen ein Verbrechen…“
Der Kommissar will weitersprechen,
Doch keiner hört den Polizeiwachtmeister,
Geschmort im Elefantenkleister.

Ich bin nicht sicher ob du weißt,
Dass, wer eine Amtsperson bescheißt,
Oftmals bestraft wird auf Bewährung,
Sozusagen zur Belehrung.
Doch wer Pech hat mit dem Richter
Geht auf Jahre in den Trichter.

Hans Elefant erging es schlecht.
Streng sprach Herr Schräg, der Richter, Recht:   
„Ähem! Dies ist ein freies Land,
Sogar für einen Elefant.
Sich persönlich einzukoten
Ist im Gesetzbuch nicht verboten.
A A auf einen Privatier
Ist erlaubt laut BGB.
Strengstens zu bestrafen ist der Kleister
 auf einen Polizeiwachtmeister"

 Ein ganzes Jahr gesiebte Luft,
Anstaltsfraß und Abortduft.
Gerne mag an großen Tieren
Man Exempel statuieren.

Neue Freunde gab es bald,
Knastbrüder in der Haftanstalt.
Da gab es Heinz, den Panzerknacker,
Und Barnabas, den Software-Hacker,
Und auch die Brüder Gaunering,
Sie drehten schon so manches Ding.
Verurteilt für Erbschleicherei
War eine Gräfin mit dabei.
Solch kriminelle Energie -
Das gab es nicht im Zirkus Knie.

Im Hof trafen sich Gangsterrunden,
Fluchtpläne wurden bald gefunden.
Man würde…doch ich schweige still,
Weil ich noch länger leben will. 

In den Nachrichten, um acht
Wurden diese News gebracht:
„Aus der Anstalt Oberkochen
Sind Verbrecher ausgebrochen.
Alle wurden schnell gefasst,
Das Personal hat aufgepasst.


 Nur Loxodonta Indicus
Vor dem man sich sehr hüten muss
(Auch genannt „die alte Falte“),‏
Wurde vom Zaun nicht aufgehalten“.

Wieder trabt nun Hans dahin,
In den Süden zieht es ihn.
Das ist ein Gangsterparadies,
Dort gibt es jede Menge Kies.
Falscher Adel und Halbseiden
Müssen keinen Mangel leiden.

Chancen gibt es dort zuhauf,
Z.B. für den Kunstverkauf.
Ein Originalimpressionist,
Wenn man Finanzberater ist.
Für die betuchte Haute Volée
Eröffnet Hans ein Atelier.
Rembrandt, Spitzweg, Albrecht Dürer –




Bildhauerwerke für den Führer.
 Große Kunst in Öl auf Leinen,
Großformatig und im Kleinen:
Von Töpfertisch und Staffelei,
Für jeden ist etwas dabei.

Jetzt also, durch Kitsch und Tand
Wird Hans ein reicher Elefant,
Besucht mit Regelmaß die Bank
Mit wohlgefülltem Panzerschrank.

Das Personal ist sehr beflissen,
Trotzdem wird Hans angeschissen.
Hans ist nicht dumm, er spürt sehr wohl -
Leer ist die Freundlichkeit und hohl.

Abends liegt er dann allein,
Schläft vor Traurigkeit nicht ein.
Das Leben hat so keinen Sinn,
So ohne Elepartnerin,
Elefrau mit Hirn und Herz,
Kumpelin im Faltennerz,
Um zu teilen sich die Schüssel
Und zu schlafen Rüss- an Rüssel.

„Fantin sucht Fant“: Im Abendblatt
Gibt es Inserate satt,
Doch im trüben Einerlei
Ist die Eine nicht dabei.
Doch dann, an einem Sonntagmorgen,
Hat‘s ein Ende mit den Sorgen:
„Elefrau, noch jung in Jahren
Sucht Elemann, gern auch erfahren.
Nur bei echtem Interesse
Schreib an diese Postadresse.“ 

 Nichts, das jetzt den Hans noch hält.
Er schreibt umgehend und…gefällt.
Und nach einem Probejahr
Sind sie und er ein Elepaar.

Sie leben meistens sorgenfrei,
Auch Fantilein sind bald dabei
 Und beim Besuch im Zirkus Knie
Schaut sie auf ihn und er auf sie.

                                                             Die zärtlichste Beziehungskiste
Fing an in einer Zirkuspiste.



Dienstag, 30. Juni 2026

Mehr Khayyam

                       
                                     Omar Khayyam 1048- 1131
   

Aus Khayyams "Rubhaiyat":

Der feste Leib, das stoffliche Gewicht; was ist es?
der Himmelskreis, der Erde Angesicht; was ist es?
in dieser Fehde zwischen Tod und Leben
trägt uns ein Atemhauch – mehr nicht; was ist es? 

+++
Er, der den Himmel schuf, das Rund der Welt,
welch' brennend Leid hat er bereit gestellt!
wieviel rubinen Lippen, wieviel Moschushaar
begrub er unter dunkler Erde, wo's zerfällt
+++
In roter Schönheit ausgebreitet lieg' ich dar;
wozu der Schmerz der Presse gut gewesen war?“
flüstert die Rose. Darauf die Nachtigall:
„ein Tag gelacht, aber geweint ein Jahr.“
+++
Die Welt ist wie ein Beutel Quälerei
ohne den Wein, das Singen der Schalmei;
sinnvoll allein ist das, was Freude macht,
Feste und Frohsinn, der Rest ist einerlei.
+++
Ein Mundvoll Weins wiegt auf den Fürst Kawuss,
das Zepter des Kobads, den Thron des Thuss.*
Ein Liebesseufzer morgens übertrifft
des Tempels Murmeln und den frommen Redefluß.
+++
Wie lang noch werde ich um meine Zukunft beben?
Wie lang noch um mein Glück in Sorge schweben?
Schenk ein; ich weiß nicht mal,
ob ich den Atemzug noch werde überleben.
+++
Aus den Tavernen drängen Stimmen in die Gassen.
Ihr Säufer, die hier Gut und Geld verprassen,
steht auf und füllt die Maß randvoll mit Wein,
denn bald, an andrem Maß, müßt ihr euch messen lassen.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman nach J. H. Leopold, Juni 2026)

* "Kobad", "Kawus": Mythische Großfürsten aus der persischen epischen Geschichte, stehend für absolute Macht un absolutes Herrschertum. "Thus": Der Name ihres Machtzentrums, gegründet vom Fürsten Thus - aber geballte Macht und Herrlichkeit sind nichts gegen einen Schluck Wein...







Dienstag, 23. Juni 2026

Mehr Khayyam, mehr Leopold.

              1048 - 1131

                                                                                                                  
                                                                                                                                                                                  Leopolds Arbeitszimmer


Wo lila Tulpen, Rosen rot gesprossen,
dort ist zeitweilig Königsblut geflossen,
doch unter lila Veilchen liegt
ein Frauenhaupt, von weichem Haar umschlossen.
+++
„Ich bin die Yusufblume*; mein goldner Mund
tut Dir mit Schmuck von meiner Hoheit kund“,
so raunt die Rose. Ich: „Ein Zeichen noch!“
„Die Farbe meines Kleides: Frag nicht nach dem Grund.“
 
Rembrandt 1634. Josef und Potiphars Weib
(Nebenbei gesagt: Bei genauerer Betrachtung wird man feststellen, dass nach Rembrandts Darstellung, "Keuschheit" wohl nicht Josefs Hauptmotiv war.)

Tausend Tage schien das Licht
bis tausend Nächte. Ahnungsloser! trample nicht
auf diesen stumpfen Staub, vielleicht war es
ein Augenapfel, Stern im lieblichen Gesicht.
+++
Töpfer, halt ein! Wahre Scheu und Anstand!
Zum schnöden Haushaltsgegenstand
formst du aus Lehm die stolzen Finger
von Kai Chosrau, von Feridun die Hand.**
+++
Ich liebe Wein und und glaub' an das, was richtig ist.
Mein Glaube ist, dass mir der Glaube schnuppe ist;
Die Welt ist meine Braut; als Mitgift wünscht sie sich?
"Ein unbeschwertes Herz ist, was mir wichtig ist".
+++
Ich ging hin; Unverstand gab's unentwegt,
die Kette meiner Perlen wurde nie gepflegt;
Die Toren! Hundert Kostbarkeiten, erschaut
von mir allein, sind mit mir abgelegt.



(Übersetzungen Jaap Hoepelman, Juni 2026)


*"Yusufblume": Die Geschichte von Yusuf (Josef), Potiphar und Suleicha im alten Testament (Gen 39:1-6, 7-12,13-20) findet man auch im Koran (Sura 12 "Yusuf"). Der Vergleich der Rose, als die schönste Blume, mit dem schönen, keuschen Josef, der sich dagegen wehrt "entblättert" zu werden, war ein beliebtes Motiv in der persischen Literatur (Saadi, Golistan), und wie man sieht war die Josefsgeschichte in ihrer Drastik auch beliebt im niederländischen 17. Jahrhundert.

**Kai Chosrau war ein mythischer, gerechter Herrscher aus dem Geschlecht der Kayaniden.
Feridun: Ein mythischer König aus der Pishdadier-dynastie, Symbol für Gerechtigkeit und Sieg.



Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zu tausend Scherben klein,
am Vortag, als ich erwacht von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung, noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann;
die Kanne reicht umher, aus Deinem Staub
formt eine zweite Kanne bald ein Werkmann.
 



(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
nicht mal die Ahnung einer Ahnung,
kein Nebel bleibt, nicht mal ein Duft.
+++
Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen
 weiter, mit den Karavanen
unterwegs, seit siebentausend Jahren.
+++
Zu den Ehrenmännern hat er sich stets bekannt,
er hat die Art des Zweifels nie gekannt,
der mürbe macht. Und den wahren Zweiflern
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...