Übersicht

Dienstag, 9. Juni 2026

Mehr aus Leopolds Khayyam-Übersetzung.

 Hier wieder einige Vierzeiler aus Leopolds Khayyam-Übersetzung. Es ist Poesiekonzentrat, also in kleineren Dosen zu sich nehmen: 

       Omar Khayyam 1048-1123

                                                                                                                       
                                                                         
                                                                             J.H. Leopold 1865-1925


Die Welt gesehen, nicht gesehen, nach Belieben; Es ist nichts.
ob Du gehört, ob Du gesagt hast, oder geschrieben: Es ist nichts.
gereist durch Himmelstriche alle sieben: Es ist nichts.
zum Studieren, Kontemplieren daheim geblieben: Es ist nichts.

Gestaltet ist die Welt, wie's Dir gefällt - und dann?
gelesen ist der Brief von Anfang bis zum End' - und dann?
hundert Jahre Leben Dir geschenkt
und noch mal hundert Jahre, wie's Dir gefällt - und dann?

Auf diesem Rummelplatz such Freund nicht, noch Verwandtschaft,
hör' auf mein Wort: Bitt' nicht um Hilfsbereitschaft,
nimm hin das Leid, im Schmerz sei guter Dinge
und denke nicht, dass irgend jemand Trost schafft.


(Übersetzung J. Hoepelman, Juni 2026)

Samstag, 6. Juni 2026

Omar Khayyam in den Niederlanden.

 Tertulia literaria Benigànim: El vino y la luna. "Rubaiyat ... Omar Khayyam 1048-1123

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Fleurs du Mal » Boutens, P.C.
P. C. Boutens 1870 - 1943

Nach der Übersetzung von Edward FitzGerald in 1859 wurden die Vierzeiler des "Rubaiyat" ("Buch der Vierzeiler" - Vierzeiler nach dem Schema AABA oder AAAA) ein durchschlagender Erfolg in der englischsprachigen Welt. Omar Khayyam ist bekannt als Mathematiker und Astronom, aber welche von den berühmten 1200 (oder sogar 2000) Vierzeilern nun wirklich von ihm stammen, ist unklar. FitzGerald wiederum hat seine Auswahl ziemlich frei ins Englische übersetzt. Die skeptischen, stoischen oder epikurischen Nachdichtungen trafen einen Nerv und wurden überall nachgeahmt, auch in der niederländischen Literatur. Von den älteren Dichtern haben z.B. Leopold und Boutens sich der Form gewidmet. Boutens hat sich nach FitzGerald und nach deutschen Kollegen gerichtet und deutete an, dass er auch aus dem Persischen übersetzt hätte.

Wie dem auch sei, Khayyams drei- oder viermal gefilterte Vierzeiler gehören zu Boutens besseren Arbeiten. Boutens eigene fast freudige Erwartung des Todes passt hervorragend zu Khayyams gleichgültiger Einstellung gegenüber dem Tod.
Hier Boutens "Niet veel":

Niet veel is 't wat de wereld om u gaf.
 
Zij zal u amper missen in uw graf.
 
Uw dood zoo zeer omslachtig in Uw oogen -
 
De wereld doet hem in een omzien af.

und hier mein kleiner Versuch:

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.

(Boutens, nach Omar Kayyam.)


J.H. Leopold · dbnl                                                                                                                 
J.H. Leopold (1865-1925)

Omar Jayam - Wikipedia, la enciclopedia libreJ. H. Leopold - Omar Khayam - 1953 - Catawiki



Wie Boutens fühlte Leopold sich von der Rubaiyat sehr angesprochen. Er hat viele Vierzeiler aus Omar Khayyams Sammlung verfasst, meistens nach Whinfield oder nach deutschen Übersetzungen.
Sie entsprachen wohl seinem Wesen - ein Bruder Leichtfuß war er nicht.

Wir gehen und wir kommen - und der Gewinn ist wo?
und weben Fäden und das Kleid ist wo?
unter des Himmels Wölbung sind zu Staub verbrannt
Viele Wohlmeinende; und ihr Rauch ist wo?

Es ging und geht die Zeit; die Welt ist längst vorbei,
mein Wissen ging, mein Ruhm ist längst vorbei.
Vor unsrem Ankunft wurden wir nicht vermisst,
das ist, nach unsrem Weggang, nicht vorbei.


"Wij gaan en komen"
"De Wereld gaat en gaat"

J.H. Leopold nach Omar Khayyam

Ich muss gestehen, dass mich das Khayyam-Fieber auch gepackt hat. Ich mag den hedonistischen Zweifler, von denen wir in allen Kulturen viel zu wenige haben. Ich werde versuchen, nach und nach Leopolds Khayyam-Vierzeiler zu übersetzen. Ich weiß, dass es im deutschen Sprachgebiet eine Reihe Übersetzungen des Rubaiyat gibt. Manche sind durch verschiedene Sprachfilter hindurch gegangen, manche werden als eigenständige Kunstwerke anerkannt. So auch Boutens und Leopold in der Literatur der Niederlande. So habe auch ich meinen Filter dazwischen gelegt, um ein wenig Persisch-Niederländisches Aroma beizutragen. (Oostersch II, Seite 215 ff.)


Der Frühlingsregen sprüht den Klatschmohn ab
steh auf, steh auf, hebe den Krug vom Boden ab;
was heute aufgewachsen dich entzückt,
ist morgen voll erblüht auf deinem Grab.

Was kräht im Morgenstund der Gockelhahn?
dass du von deinem Lebensplan,
noch einmal von der festgelegten Zeit
noch einmal eine Nacht gefühllos hast vertan.

Ich bin nicht wert, in einen Tempel einzutreten,
unfassbar, wer aus welchem Ton mich wollte kneten.
ich ketzerischer Lump, ich scheele Dirne,
ich, ohne Gott, ohne Gebot, ohn' Jenseits zum betreten.

Die Ente spricht den Fisch beim Garen an:
"denkst Du, dass je ein Fluss stromaufwärts gehen kann?"
Der andre: "Wenn wir gegart sind, ob das All
Fata Morgana oder Meer ist, kommt es darauf an?

Die Welt ist einer, der dir die Welt verspricht,
ein Flunkerer und Räuber, der hinterrücks ersticht;
sieh doch die Freundschaft zwischen Krug und Glas,
von Mund zu Mund ein Blutfluß, den sie nie unterbricht.

Lache über das Vergängliche, hienieden
nur Gewese; komm, trinke, freue dich in Frieden;
wäre die Welt eine Hetäre,
sie hätte trotzdem dich gemieden.

Ich will die Nacht mir um die Ohren hauen,
im Festlicht will dem Weinkrug auf den Boden schauen,
will Abschied nehmen von Vernunft und Glauben
will mich mit des Rebstocks Tochter trauen.

Ein liebes Antlitz seh'n im Wasserspiegel blinken,
Rosen und Wein, ich möcht' darin ertrinken,
seit der Geburt, jetzt, bis zum Tode
hab' ich getrunken, trinke ich und werd' ich trinken.

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)


Mittwoch, 3. Juni 2026

Gedicht des Monats

 

Van Ostaijen hatte mit Freunden Bayern besucht und mit ihrer Hilfe sogar die Benediktenwand erstiegen. Wie wir im "Malheur" lesen können, hat dieses Erlebnis einen unauslöslichen Eindruck auf ihn gemacht.


Paul van Ostaijen
1928

Malheur

Warmer Qualmstall
Herr Privatdozent K.
in der Sommerfrische aus Breslau
versucht ob er mittels eines konvergierenden Glases
seine Zigarre Übersee Bismarck anzünden kann

In 2 Metern Entfernung vom Gipfel
fällt sein Zylinder den Abgrund hinunter
ein wertvolles Bekleidungsteil für einen Privatdozenten unersetzlich
was Herr K. voll erfasst
er versucht zu fassen seinen fallenden Zylinder
wobei er selber fällt in den Abgrund
dem Zylinder hinterher
Differenz Luftwiderstand
so gelingt es Herrn K. gleichzeitig mit dem Zylinder
den Boden zu erreichen
Unbeschädigt Zylinder R.I.P. Privatdozent K.

Man schmückt die Bahre des armen Alpentouristen
mit Edelweiss
Der überschwere Trauerschleier seiner Gattin
wird von einem Eilzug erfasst
und infolge dessen auch die trauernden Hinterbliebenen

Alpentragödie die Tageblätter


 Paul van Ostaijen, Verzamelde gedichten. (Verzameld werk deel 1 + 2) Bert Bakker, Amsterdam 1996


(Übersetzung Jaap Hoepelman 2017)

Sonntag, 24. Mai 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Sonntag, 17. Mai 2026

Gorter. Ein neuer Frühling und ein neuer Klang.

 


Herman Gorter (1864-1927)




November 1888 vollendete Herman Gorter den ersten Gesang seines epischen Gedichtes "Mai". Die 3 Gesänge umfassen 4381 Zeilen, in der Gorter eine Liebe in Metaphern und Rhythmen besingt, die einen Höhepunkt und Endpunkt der Poesie der Achtziger darstellen. Der "Mai" war neu in Mystik, Naturlyrik, Erotik auch - aber er bestand nun mal aus 4381 Zeilen. Es überrascht also nicht ganz, dass eigentlich nur die ersten 20 Zeilen, die ich hier übersetzt habe, berühmt geworden sind. Sie gehören dafür zum Kanon der niederländischen Poesie, sogar in diesen poesielosen Zeiten. 

1890 erschien das Gedichtband "Verzen", das dem "Sensitivismus" zugerechnet wird, in dem, radikaler noch als im "Mai", traditionelle Vorgaben in Grammatik und Semantik der herkömmlichen Verslehre aufgegeben werden, um den Eindruck des Gefühlten unvermittelt hervorzubringen. 

Gorter war mehr als nur ein impressionistischer Dichter. Er war Altphilologe und Gymnasiallehrer, Übersetzer der Ethica von Spinoza. Später war er aktiv in der sozialistischen und danach in der kommunistischen Bewegung zum Teil zusammen mit Henriette Roland Holst.


Gorter (dritter von Links) bei einem Meeting der Sociaal Democratische Partij.
Auf seinen Strohhut wollte er nicht verzichten.


1918 übersiedelte er nach Deutschland, wo er die radikaleren Positionen der KPD, anschließend der KAPD vertrat. Er war Mitglied des west-europäischen Sekretariats der Komintern, aber wurde 1920 aus der Führung hinausgeworfen: Seine kompromisslose Kritik an Lenins Broschüre "Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit des Kommunismus" wurde ihm nicht in Dank abgenommen, genau so wenig, wie sein Streitgespräch mit Lenin. Von Trotzki wurde er verspottet. Spätere Entwicklungen zeigen, dass Gorter vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Nach einigen Aktivitäten in marginalen radikal-sozialistischen Bewegungen, zwangen Herzprobleme ihn dazu, die politische Bühne zu verlassen. Er starb 1927 in der Schweiz, wo er gehofft hatte sich von seinem Herzleiden zu erholen.

Herman Gorter, aus “Mai“, 1888.

I

Ein neuer Frühling und ein neuer Klang:
Ich möcht', dass dieses Lied pfeift wie der Vogelsang,
Den ich öfters hörte vor der Sommernacht
In der kleinen, alten Stadt, entlang der Wassergracht -
Im Haus war's dunkel, doch die Straße am Kanal
Sammelte Dämmer, am Abendhimmel blinkte fahl
Noch Licht, es fiel ein dunkelgoldner Schein
Auf eingerahmte Giebelreihn.
Dann pfiff ein Knabe - so wie eine Orgelpfeife,
Die Klänge schüttelnd in der Luft - so wie reife,
junge Kirschen, wenn der Frühlingswind
Steigt im Gebüsch und seinen Flug beginnt.
Er zog über die Brücken, auf dem Wall
am Wasser, langsam gehend, überall
wie ein junger Vogel pfeifend, unbewusst
der Abendwonnenlebenslust.
Manch müder Mann beim Abendessen
Hörte zu, eine Geschichte, längst vergessen,
Lächelnd, die Hand am Fenstergriff,
Zögerte zeitweilig, während der Knabe pfiff.

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020


Mei, I, 1889.

Een nieuwe lente en een nieuw geluid:

Ein Beispiel für Gorters Sensitivismus ist das Liebesgedicht "Zie je ik hou van je" aus "Verzen", 1890,

in dem die Dichterliebe durch hilfloses Gestammel fühlbar gemacht wird. Gekonnte Naivität, freilich. Aber vergleichen wir es mit Jacques Perks Epos "Iris", aus 1881, das seinerzeit als erneuernd galt:


Aus "Iris" (1881)

Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem Seufzer der tosenden See,
Die hoch ist gestiegen, um wie Regen zu fliegen,
Geschwollen vor Verzweiflung und Weh:
Meine Gewänder Perlen durchweben, die beben
Wie Tau auf der Ros', die erblüht,
Wenn schamvoll die Tagbraut zu baden sich traut,
Und vor ihr ein flammender Fächer erglüht.


Damit verglichen stellt Gorters tastende Einfalt tatsächlich etwas völlig Neuartiges dar:

Siehst du

Siehst du ich liebe dich,
ich find' dich so leicht wie das Licht -
deine Augen sind so voller Licht,
ich liebe dich, ich liebe dich.

Und deine Nase und dein Mund und dein Haar
und deine Augen und dein Hals, dar-
um das Kräglein und dein Ohr
mit dem Haar davor.

Siehst du ich wollte gerne sein
du, aber es kann nicht sein,
das Licht ist um dich, du bist
nun doch was du nun einmal bist.

O ja, ich liebe dich,
so fürchterlich liebe ich dich,
ich wollte das alles ganz sagen -
Aber kann es doch nicht sagen.

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020

Wie bei Henriette Roland Holst war Gorters Kommunismus hauptsächlich ein dichterischer Traum, der mit der hemdsärmeligen Bereitschaft zur gnadenlosen Tyrannei nicht viel zu tun hatte. Dass er nicht bereit war, auf elitäre bzw. großbürgerliche Schrullen zu verzichten, wie das Tennisspiel und das Tragen von eleganten Strohhüten, ist in meinen Augen sympathisch, aber trug gewiss nicht zu seiner Beliebtheit in der revolutionären Bewegung bei.

Zu den Gesängen der späten sozial-revolutionären Periode gehört das Gedicht "Kommt, proben wir zusammen neue Tänze" ("Komt, laat ons samen nu een pasje dansen") -  unsereins wird es nicht mehr erleben, aber wir können felsenfest vom künftigen Licht des Glücks überzeugt sein. So felsenfest, dass die übliche Grammatik nicht mehr ausreicht. Dass es zum Schluß "wird" steht fest:

Kommt, proben wir zusammen neue Tänze,
Brüder, wir können es, der Augenblick ist klar.
Kommt, wir tanzen große, runde Kränze,
denn in unsern Herzen steigt die Freude wunderbar.

Auf mit den Füßen, nieder mit den Füßen,
alle, die der Kampf der Arbeiter beglückt,
nie werden wir das reine Glück begrüßen,
dafür zu kämpfen, das ist unser Glück.

Auf die Füße, nieder die Füße, laß klingen
wenn feierlich der Takt der Reigen schwirrt,
tanzend um's Licht, das Glück uns bringen
in der Zukunft, als wir alle starben, wird.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2026)


Freitag, 1. Mai 2026

Ida Gerhardt. Eine Klassikerin in der falschen Zeit.

Ida Gerhardt 1905-1997

Ida Gerhardt war Dichterin einer Generation, die sozusagen zwischen die Zeiten gefallen war. Nach dem 2. Weltkrieg wurden formfeste Ästhetik, Versmaß, Reimschemen - kurzum, das ganze Instrumentarium der klassischen Poetik im experimentellen Furor der "Fünfziger" als altbacken empfunden. Es hat lange gedauert, bis "Traditionalisten" wie Vasalis, über die ich in einigen Posts berichtet habe, oder eben Ida Gerhardt, wieder Anerkennung fanden. Gerhardt hat unter fehlender Anerkennung gelitten: Ihre psychisch instabile Mutter hatte sie gehasst und abgelehnt als kläglichen Ersatz für ein früh gestorbenes Brüderchen. Sie musste sich den Zugang zum altsprachlichen Gymnasium gegen den Wunsch der Familie erkämpfen, verlor als Studentin die finanzielle Unterstützung und erkrankte aus Armut schwer in ihrer ersten Zeit als Studentin. Aber sie war Schülerin des berühmten Dichters Leopold, der Altsprachen-Lehrer an ihrem Gymnasium war, in dessen Nachfolge sie klassische Philologie studierte und der sie zur eigenen dichterischen Laufbahn inspirierte. Sie promovierte "cum laude" mit einer kommentierten Übersetzung der "De Rerum Natura" des Dichters Lukrez. Einen Namen machte sie sich auch mit einer Übersetzung der "Georgica" des römischen Dichters Vergil und mit der Übersetzung der Psalmen (zusammen mit ihrer Lebensgefährtin), für die sie Hebräisch studierte. Somit überrascht es nicht, dass ihre strenge Poesie sich nach den klassischen Vorbildern richtete und in den turbulenten Zeiten nach dem Krieg nur mühsam Anerkennung fand. Aber diese kam endlich doch: Gerhard bekam die höchsten literarischen Preise der Niederlande und wurde Ritter und Offizier im Orden von Oranje-Nassau. Literaturpreise wurden nach ihr benannt. Das Trauma der Ablehnung in der frühen Jugend konnte sie aber nie überwinden. Es ist das Thema des Gedichtbandes "Het  Levend Monogram" ("Das lebendige Monogramm"), dessen erster Teil die Überschrift "In Memoriam Matris" trägt. "Tristis Imago", das "Jämmerliche Bild" tritt auf in Vergils Aeneis. In ihm sucht Aeneas seinen Vater in der Unterwelt, angespornt durch dessen "Tristis Imago", das ihn nicht ruhen lässt. Das Gedicht "Tristis Imago" ist Teil des "Lebendigen Monogramms", aber das Bild der Aeneis ist in "Tristis Imago" umgedreht: Nicht die Dichterin sucht ihre Mutter, im Gegenteil, sie will eine Begegnung mit aller Macht vermeiden. Es ist die Mutter, die sich mit Gewalt aufdrängt und die keine Ruhe geben will.


Tristis Imago

Was stehst Du neben meinem Bett, Mutter aus dem Jenseits?
Was machst Du im Gemach in schwarzer Nacht?
Ist denn mein Dasein nie befreit von Deinem Dasein,
dass Deine Heimlichkeit den Schlaf mir drückt wie eine Fracht?

Was redest Du mir zu, Mutter aus dem Jenseits?
Aufwachen will ich nicht, solang Du bei mir bist.
Mein Herz zerspringt, wenn ich muss erleiden
den fürchterlichen Vorwurf auf dem ausgelöschten Antlitz.

Ida Gerhardt (1905-1997)

(Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026)


Tristis Imago 

In "Het Levend Monogram" Van Gorcum 1955

Im hohen Alter litt Ida Gerhardt unter der paranoide Wahnvorstellung, von Jugendlichen angegriffen zu werden. Es ist nicht ohne Tragik, dass auch ihr Mentor Leopold mit zunehmendem Alter von Wahnvorstellungen gequält wurde, auch er leidend unter fehlender Anerkennung - für eine Professur wurde er übergangen, der Abiturprüfungsausschuß wurde ihm verwehrt, weil er im Unterricht dem grammatikalischen Handwerk zu wenig Aufmerksamkeit widmete. Last not least war seine Liebesbeziehung ein tragisches Fiasko. In seiner Paranoia, verstärkt durch zunehmende Taubheit, umgeben von "Feinden", beendete er immer mehr Freundschaften, plötzlich und ohne Erklärung. Auch die mit Ida Gerhardt, die schockiert war, aber ihn weiterhin verehrte.

Ein Bruder Leichtfuß war er wahrlich nicht. Als ich an der Übersetzung des "Tristis Imago" arbeitete, musste ich an meinen alten Post über eines seiner Gedichte denken:

"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.

Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen beruhigt
ein Warten auf dich, ein Warten sein"




Samstag, 11. April 2026

Middelharnis

Ed. Hoornik 1910-1970
 



Von Ed- Hoornik hatte ich aus dem gleichen Band schon mal ein Gedicht übersetzt, das düster profetische "Pogrom".
Auch ein anderes Sonett aus der gleichen Sammlung trauert um ein ertrunkenes Kind:

"Requiem"

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

Nüchterne Nachricht aus dem Abendblatt:

Neben einem Schober, der sich entzündet hatte

und einem Lastkahn, im Kanal gesunken.

-

Sechs Tage hat es in mir nachgeklungen.

Kollegen fragten: sag mal, hast du was?

Ich schaffte weiter, doch stets wieder hör' ich das:

In Middelharnis ist ein Kind ertrunken.

-

Und Zeitungen verwehen, werden älter,

die Tage werden kürzer und die Nächte kälter,

doch über's Wasser kommt die kleine Stimme.

-

- In Middelharnis, denk' ich, in Gedanken bei ihm

und halt' sein Köpfchen zwischen Herz und Schulter fest

und sing' für es die kleine Totenmesse.


Aus: Verzamelde Gedichten (1966), Herausg. J.M. Meulenhoff

Ursprünglich in ‘Requiem’, in "Steenen" (1939), Herausg. A.A.M. Stols


Te Middelharnis

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026



Dienstag, 31. März 2026

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

 



Jacobus Bellamy (1757-1786)

Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für eine leichtere Note. Ich hatte schon mal einen Beitrag über den Vlissinger Dichter Bellamy erstellt, der ein glühender Patriot d.h. Republikaner und Gegner der Oranier war. Sein ziemlich wüstes Gedicht über den Statthalter Willem V hatte ich folgendermaßen übersetzt:

Einem Verräter des Vaterlandes

Es war Nacht, als Deine Mutter kreißte
Die Nacht, die schwarz war wie noch nie.
Reigen Höllengeister kreisten,
Die Welt der Vögel dreimal schrie,
Im Spukwald konnte man es hören.
Die Meereswellen rasten, kochten,
Dass bis in den Himmelschören
Sogar die Engelsherzen zitternd pochten!
Dich sah die Mutter - und das Leben
Floh aus dem bedrückten Herz!
Dein Vater stand, fing an zu beben,
Dann sank er hin, gefällt vom Schmerz,
Dann, wie Donner, eine Stimme hallte,
Hallte in dem Haus, das dich empfing:
"Dass fern von diesem Kind sich jeder halte,
"Die Natur gebar ein Teufelsding!
"Sie gebar zur Strafe der Nation,
"Als Anzeichen des Himmels Grimm!
"Der Geister übelster Patron
"Sei auf der Erd' zum Schütze ihm!
"Er wird das Vaterland verraten!
"Der Freiheit treten auf die Brust!
"Kein Gold in Massen wird ihn je behagen,
"Denn unersättlich ist sein Durst!
"Es dürstet ihn nach Gold und Seide,
"Er wird der Fürsten liederlichster Knecht!
"Sieht er der Unschuld Blut und Leiden
"So  ist's ihm Freud', so ist's ihm recht!
"Falschheit ist das Wesen seiner Seele,
"Der Betrug bewohnt sein Sabberloch!
"Keine Furcht kennt seine Höllenseele;
"Immer denkend; "Ätsch! mich gibt es noch!"....
"Vergebens ist's sein Tun zu unterbrechen!
"Vergebens wäre hier Gewalt!
"Geboren wurde er zum Vaterlandsverbrecher,
"Zum Fluch des Volkes die Gestalt!"

Verräter, Monster! Fluch der Erde!
Du, Geschöpf, beleidigst die Natur!
Gottes Fluch, der Dich noch nicht verheerte
Wird Dich verbrennen, warte nur!

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2024


Bellamy konnte aber auch anders. Seine Erfolge feierte er mit lockeren, reimlosen Gedichten passend zum Rokoko und zur neuen Empfindsamkeit. 
Ein schönes Beispiel, in dem die neue Leichtigkeit und der Empirismus des späten 18. Jahrhunderts sich treffen in der Art, in der Bellamy es zur großen Beliebtheit gebracht hat, findet man im "gescheiterten Versuch":

Der gescheiterte Versuch


Ich war bei meiner Fillis,
Nachdenklich saß sie da,
Nach einer Weile fragt sie:
Weißt du wohl, was ein Kuss ist?
Ich sprach: Mein liebstes Mädchen,
Das ist zu philosophisch,
Ein Kuss kann man erfühlen,
Er lässt sich nicht beschreiben,
Vielleicht, dass wir das Wesen,
Als auch die Art der Küsse,
Wohl eher durch Versuch
Und Irrtum je ergründen.
Ich nahm sie in die Arme
Und drückte meine Lippen
Auf ihren hübschen Mund.
So küssten wir einander,
Als suchten wir Beweise.
Ich haftete fast reglos
An ihren lieben Lippen,
Doch eifrigstes Versuchen
Brachte es nicht zu Stande,
Den Kuss zu definieren.
Ich sagte: "Liebe Fillis,
Wir werden's nie ergründen!" -
"Nun", sprach darauf mein Mädchen,
"Läßt du die Hoffnung fahren?
Wer weiß! Falls der Versuch
Nur oft genug gemacht wird,
Ob wir's nicht doch entdecken!"

De vergeefsche proefonderneming
Gezangen mijner jeugd (1782)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Montag, 9. März 2026

Murren gegen die Sterne

Luuk Gruwez


Die Religion hat in der Poesie der Niederlande ("Niederlande" im weitestem Sinne) immer eine beherrschende Rolle gespielt, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts paradoxerweise auch dadurch, dass man Gott anzweifelte oder Ihm Vorwürfe machte, sogar vorwarf, dass Er nicht existiere, oder Ihn ansprach mangels besserer Alternativen. 
Als Beispiele gebe ich hier ein Fragment aus  Multatulis "Gebet des Unwissenden", sowie Andreus "Das letzte Gedicht" und Koplands "Die Mutter das Wasser":

Multatuli

Gebet des Unwissenden
...
...
So wimmert der Unwissende am selbstgewählten Kreuz,
und windet sich in Schmerzen und jammert, dass ihn durstet...
Der Weise - er, der weiß...der Gott wohl kennt - verhöhnt den Toren,
Und überreicht ihm Galle, jauchzt: "Hört her, er ruft den Vater!"
Und murmelt: "Dank o Herr, dass ich nicht bin wie er!"
Und singt den Psalm: "Wohl dem, der in gottlosem Rat
Nicht wandelt, nie Schritte auf dem Weg der Sünder tat..."
Der Weise...sich zur Börse schleicht, und schachert Wertpapiere.

Der Vater schweigt...O Gott, es gibt Gott nicht!
===

Andreus

Das letzte Gedicht

Dies wird das letzte Gedicht, wo ich schreibe,
jetzt wo mein Leben fast vorbei ist,
ist mir die Schöpferwut etwas verleidet:
Es wütet mir der Krebs im Leibe,

und, Herr (so sprech' ich dich mal wieder an,
obwohl Du mir nicht recht vorstellbar bist,
aber ich quassle lieber einen an
als nur so in den Raum und es ist

derart am leichtesten mit Dir zu sprechen),
wie nun weiter, wo bleibe ich mit diesem Licht
von mir, von Dir, wenn das Fallen, weg in

das unvermittelt Unbenennbare beginnt?
Oder, dass Du mir unverdichtest
Ein ungesagtes Wort, das Du erfindest?
===


Kopland

Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, kleines Pils genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
Halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.



Mein über alles Lob erhabene Gedichte-Abo schickt mir jetzt ein Gedicht des mir noch unbekannten belgischen Dichters Luuk Gruwez, das ohne Zweifel zur Tradition des "Motzen über Gott" gehört. "Gläubiges Gebet", so habe ich gelesen, ist ein Lehrbegriff für aufrichtige, mit innerer Überzeugung gesprochene Gebete. Paradox...ich sagte es schon.

 Gläubiges Gebet

Du glaubtest wohl, das Ganze voll im Griff zu haben,

doch mehr als Himmel und Erde bewegen

konntest Du nicht. Wie hast Du mich mit Haken 

und Ösen zusammen geflickt: Siehe beispielsweise

den Reißverschluß an einer Seele, der weder zu- noch aufgeht?


Ich konnte also nicht anders, als Dir ähnlich sein. Manchmal

erfolgreich, öfters stümpernd mit meinem viel zu schnell

vermatschten Genie. Heil sind wir natürlich nie,

außer mit einem intus, immer auf der Suche

nach einem Splitter in einem Finger oder nach nichts,


erhältlich in den traurigsten Kneipen auf Erden.

Außerdem, lieber Gott, fange ich an zu glauben, dass Du

kaum an Dichselber glaubst. So grenzenlos bist Du,

dass Du Dir an einem blöden Tag, verirrt in Deinem

Selbstgeschaffenem, nichts mehr merken kannst:


höchste Zeit für Dich, um uns zu lieben.


Luuk Gruwez
aus: Morren tegen de sterren (Querido, 2026)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Donnerstag, 29. Januar 2026

Van Maerlant und Reineke Fuchs

 Van Maerlant, aus den "Wundern der Natur": "Von fremden Ländern und Menschen" und "Die Tierwelt".


      Van Maerlant. Die Wunder der Natur                                                             


Willem die Madocke maecte: "Reineke Fuchs", in einer vollständige Version.

Reineke Fuchs oder van de vos Reynaerde 

 


Freitag, 23. Januar 2026

Die Rosa Poetica.


Die Rose ist schön, sie duftet, sie ist vergänglich und sie kann stechen. Voilà die Zutaten für eine feine Sauce auf einer unüberschaubar langen Speisekarte, auch in der poetischen Küche der Niederlande. 
Zunächst einige Beispiele, an denen ich mich schon mal versucht habe:


Jonker Jan van der Noot wollte mit Schönheit und Zerbrechlichkeit verführen:                                                                ...

Ode

Es war April, als Flora sich daran macht
Das Erdreich lieblich zu verschönern
Mit neu gewachs'ner Blumenpracht,
Als ich sie ansprach, meine ersehnte Schöne.

Liebste, sprach ich, schauen wir die Rose an
Die heute früh sich auf das herrlichste entfaltet hat.
Wir standen an der Stelle eine Zeitlang
Und suchten wo die Blume sich verborgen hat.

Wir fanden keine Rose, allein
Die Blütenblätter, alle abgefallen,
Beraubt von allen schönen, reinen
Farben, womit sie hat am Morgen uns gefallen.

Ach Liebste, sprach ich, ist's nicht schade,
Dass diese schöne Blume so schnell ist ausgefallen
Bevor einem erwiesen wurd' die Gnade
Sich zu erfreuen ihres Dufts, das Köstlichste von allem?

Oh ja, sprach sie, schön war die Blume, wirklich.
Deswegen, Liebste, sieh doch wie schnell es geht.
Erlaube, dass bald ich nenne dich
Barmherzig, Liebste, in allen Ehren, früh und spät.

Nutze die Zeit, um die es geht,
Es ist die schönste Zeit deines Bestehens,
Auf dass es dir auch nicht ergeht,
Wie mit der Blume ist geschehen.


Pieter Cornelis Boutens  kontrastiert die Schönheit der Rose mit der Lächerlichkeit einer Statue in "Rosengarten, Berlijn":
                                                                                                                  
Rosengarten
Berlin

1910

Ich habe etwas beinah schönes angeschaut
Hier, wo die Jagd der Oberflächlichkeit
Alles schöne feil für Gold
Besitzen will, und so entweiht -
Ich habe etwas beinah schönes angeschaut:
Im vom Verkehr umtobten Park
Abseits von seinen Asphaltwegen,
Wie in einer Straße eine zugebaute Kirche,
Fand einen Rosengarten ich gelegen:
Dort in sonndurchstrahlter Blumenwolke
Schwiegen vom unbehobelbaren Volke
Leeres Geschwätz, hohles Getue.
Einen Augenblick der Ruhe...
Nur Rosenstauden, Rosenständer!
So dacht' ich - mittendrin
Stand von der doofen Kaiserin
Der doofere Kleiderständer.



Staatsanwalt van Lennep trug seine Sicht der Dinge im Herrenverein "
Saturdagsch Gezelschap" vor:




An ein Röslein

Sanftgefärbte Frühlingsblüte,
Was du wohl auf Selindes Busen tust,
Dass du kuschlig auf den Brüsten
Wie zwischen daunen Pfühlen ruhst!
Artig's Röschen, frisch entfaltet,
Wär' dein selig's Schicksal meins,
Läg' auch ich sanft festgehalten
Wo das Halssatin sich spreitzt,
Ich läge nicht, wie Du, bewusstlos
Das Köpfchen abgeknickt beiseits;
Nein, die Neugier schaute ruh'los
Auf die Landschaft nahebei.
Angespornt von heißen Lüsten
Auf die Brüste, weiß und weich,
Drückt' ich tausend, tausend Küsse
Auf Schultern, Hals und Nacken gleich.
Ich würd' zusammen auch vergleichen
Beide Kugeln, weiß und rund:
Welcher ich den Lorbeer reiche
Woraus bestünde der Befund?
Wo die Venen blauer schienen,
Wo das Weiß am weißten war,
Welcher die größte Federkraft verliehen,
Welche der Beere röter war.
Dann versucht' ich nach zu spüren,
Wohin die hohle Gasse leitet,
Wohin die Furche mich will führen,
Die ein Rund vom anderen scheidet,
Die stillschweigend mir bedeutet,
Dass die Gass' nach unten führt,
Dort, wo warten ungeahnte Freuden,
Von keinem Sterblichen berührt.
Ich nähm die Gasse, lustgetrieben wie ich war,
Bis ich den Schatz in Augenschein genommen
Und sich auftat, was geheim geblieben war,
Bis ich in Cypris' Rosenhof war angekommen.



Ein berühmtes Rosengedicht für seinen Schüler Eugeen van Oye trug der flämische Priester Guido Gezelle bei:

Der Abend und die Rose

Hab' manche, manche Stund' bei Dir
verbracht und sie genossen,
und nie hat mich die Stund' mit Dir
ein einz'ges Mal verdrossen.
Hab' manche, manche Blume Dir
gelesen und geschenkt,
wie eine Biene, ich, mit Dir, mit Dir,
mit Seim wurde getränkt;
doch war die Stunde nie so lieb mit Dir,
so lang' sie dauern sollte,
doch war die Stunde nie so trüb' mit Dir,
als gehen ich nicht wollte,
als jene Stund', an der ich nah bei Dir,
den Abend, hingesessen bin,
ich sagen hört' und sagte Dir
was ist im Herzen innen drin.
Noch keine Blume war so schön, von Dir
gesucht, gepflückt, gelesen,
als die, den Abend...schien auf Dir,
von mir geschenkt gewesen!
Obwohl, sowohl bei mir als Dir,
- wer wird die Wund' genesen? -
die Stund' bei mir, die Stund' bei Dir
ist Stund' nicht lang' gewesen;
obwohl bei mir, obwohl bei Dir,
wenn lieb und handverlesen,
die Rose, auch die Ros' von Dir,
ist Ros' nicht lang gewesen,
doch lange hegt, dies sag' ich Dir,
egal was bringt das Los,
mein Herz drei teure Bilder: Von Dir,
dem Abend  - und - der Ros'!

Gegen Ende des 18e. Jahrhunderts verbreitete sich die Pädagogik der Aufklärung in der Literatur für Kinder und es entstand eine Tendenz zur Vereinfachung der Sprache, von der unsere Schüler bis zum heutigen Tag die Früchte pflücken dürfen:

Hieronimus van Alphen (1746-1803)

In Deutschland hatten Christian Felix Weiße und Gotlob Burmann Kindergedichte veröffentlicht und in den Niederlanden folgte Hieronimus van Alphen (1746-1803) ihnen nach, mit den  "Proeve van Kleine Gedigten voor Kinderen"  ("Versuch einiger kleinen Gedichte für Kinder", 1778). Van Alphens Versuch eine vereinfachte, kindgerechte Sprache zu schreiben wurde sofort zum Erfolg. Das Bändchen wird bis heute in Facsimile herausgegeben. Natürlich wurden die lieben Kleinen zu Gottesfurcht und Tugend angehalten. War die Zartheit der Rose bei van der Noot ein "Carpe Diem" - ergreife die Gelegenheit, morgen ist's zu spät! -, bei van Alphen muss ihre Vergänglichkeit die Kinder zu Ehrfurcht vor Gottes Weisheit anhalten: 


Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Preise man nicht mit Krittelei.


Die Verwelkte Rose

Warum verwelkt die Rose über Nacht?
Sagt kleiner Jan: Wär's anders nur gemacht!
Diente es Gott nicht eher zur Ehre,
Wenn frisch die Ros' geblieben wäre?
****
Du glaubst, dass es an Ehr' gebricht,
Mein lieber Jan! Es ist so nicht.
Denn der Schöpfer weiß von allen
Am besten wie die Blätter fallen;
Dadurch, so will Er, gibst du Obacht,
Wie Schönheit hin ist über Nacht.
Wenn geziemt die Ehrfurcht sei,
Preise man nicht mit Krittelei.


(Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2026)


Betje Wolff, Aagje Deken

Am Ende des 18. Jahrhunderts ging es der alten Republik schlecht. Nach dem Katastrophenjahr, 1672, hatte sich eine lange Periode des Niedergangs vollzogen, gipfelnd in der französischen Invasion (1795) und der Sperrung des Handels durch die englische Flotte nach dem verlorenen Seekrieg 1780-1784. Die Verelendung der Bevölkerung war massiv. In dieser Lage versuchten die Aufklärerinnen Betje Wolff und Aagje Deken die Moral zu heben durch ihre "Economische Liedjes" ("Ökonomische Liedchen" 1781), geschrieben in einfacher Sprache. Es war ein großer Erfolg. In den "Liedchen" werden die Berufe durch ihre Betreiber sprechend eingeführt, wie in den sehr bekannten Emblematabüchern z.B. des Gravierers und Dichters Jan Luyken (1649-1712) "Spiegel van het menselyk bedryf" ("Spiegel des menschlichen Gewerbes"). 

Jan Luyken "Der Küfer"

Weil sie die moralische und sittliche Erziehung der Kinder als Voraussetzung für die Entwicklung der Bevölkerung betrachteten, schufen sie auch Fabeln für Kinder gleichfalls in einfacher Sprache, häufig nach französischem Vorbild. Einfache Kindersprache? Aus heutiger Sicht traute man den Kindern offensichtlich einiges zu. Die "Fabelen Voor De Nederlandsche Jeugd" ("Fabeln für die Niederländische Jugend" 1784) kannten viele Auflagen und wurden bis ins 20. Jahrhundert in verschiedenen Versionen herausgegeben.
Die schnell welkende Rose ist eine Warnung vor der Wollust von der nur der Stachel der Trauer übrigbleibt. 
Für Betje Wolff hatte "Coosje und ihre Mutter" bestimmt einen persönlichen Bezug. Sie war zarte 17 Jahre alt, als sie mit einem Fähnrich durchbrannte, dem sie ihr Leben lang nachtrauerte. Die kluge  Mutter im Gedicht hat sie wohl an die eigene jung verstorbene geliebte Mutter erinnert.
"Plaisir d'amour ne dure qu'un moment, chagrin d'amour dure toute la vie",
wie auch Kollege Fabeldichter Jean-Pierre Claris de Florian wusste.


VIIIe Fabel

Coosje und ihre Mutter


Coosje, mit kaum vierzehn Jahren,
Fragte, froh und ohne Ahnung,
"Mutti, was mag Wollust sein"?
In kluger, mütterlicher Überlegung
Sah die Dame glasklar ein,
Dass sie, falls sie dieser Frage auswich,
Die Wissbegierte nur belebte,
Also scheute sie die Finte nicht
Um die Schwierigkeit zu meiden.
"Was ist Wollust? Liebe Coosje,
"Deine Mutti sagt es dir,
"Wollust, ach! Ist eine Rose".
"Ei! Ist's möglich, sprach das Mädchen,
"Das ist die kleinste aller Sachen;
"Wenn dem so ist, will ich's betrachten;
"Den kleinen Spaß werd' ich mir machen".
Und hüpfend sprang das liebe Mädchen
Zum Garten, wo der Ros'baum stand
Und pflückte kurzerhand ein Röslein,
Das sie gar liebreizend fand,
Durch den Satin der weichen Blätter,
Durch den Duft, den Glanz, die Glut:
Coosje gab ihm liebe Küsschen,
Wie duftete das Röslein gut!
Es wurde an die Brust geschmiegt.
Damit aber nicht zufrieden,
Legt sie auf den Pfühl die Blume,
Wollte sich zur Ruhe legen...
Doch undenkbar, so zu ruhen,
Schlafen ohne Ros', ei was!
Die Augen konnte sie nicht schließen,
Weit entfernt von ihrem Schatz.
Fast war sie dann eingeschlafen,
da streckte sie das Händchen aus,
Ergriff die Rose, schloß die Augen,
Wie die Braut mit einem Strauß.
Früh erwacht sie, vom Verlangen,
Die Blume wieder an zu schauen..."
"Wie! Betrügen mich die Augen?
"Unmöglich! Kann ich ihnen trauen?
Sprach sie traurig und erstaunt,
"Röslein! Bist du so zerbrechlich...
"Ach. Ein Dorn hat mich gestochen!
"Die selbe Rose? So vergänglich?
"Dein ganzer Glanz ist jetzt verschwunden!
"Dein ganzer Duft verschwand im Wind".
Weinend lief sie hin zur Mutter:
"Gräm dich nicht, mein liebes Kind,
"Getäuscht hab' ich dich nicht, mein Engel;
"Sei das Röslein dir ein Bild. Es schmeichelt,
"Wie die zauberhafte Wollust,
"Die das Herz berührt und streichelt
"Mit den schönsten Lieblichkeiten:
"Liebes Coosje! Trau ihr nicht!
"Bald verwelkt sie und was bleibt dir?
"Dass dich der Dorn der Trauer sticht!"

Fleury

"Fleury" auf den pflichgemäß verwiesen wird, ist der französische schriftsteller Arnaud Berquin (1747-1791), der veröffentlichte unter dem Pseudonym Monsieur Fleury oder Abbé Fleury. Die Fabel ist wohl in seiner Manier geschrieben.

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