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Mittwoch, 12. September 2018

Elsschot. Der Buckel spricht.

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Willem Elsschot
1882 - 1960
Antwerpen

In 1934 erschien ein Bändchen "Verzen van Vroeger" - "Verse von Früher" mit 10 Gedichten die Elsschot schon in den Jahren 1910-1912 geschrieben hatte. Es dauerte aber bis 1934 bis er - nach langem Drängen von bekannten Literaten - der Veröffentlichung des Bändchens zustimmte. 6 der Gedichte waren in 1932-33 in der Zeitschrift "Forum" erschienen, der führenden Literaturzeitschrift der Zeit, die sich stark machte gegen den manchmal überkandidelten Ästhetizismus, der sich in der Nachfolge der Achtziger in der Literatur breitgemacht hatte. Elsschots unsentimentale Umgangssprache, noch dazu bereits in den Jahren 1910-12 geschrieben, passte zu der neu-sachlichen Ästhetik des "Forums". Die Zeitschrift setzte sich außerdem für ein engeres Zusammengehen der niederländischen und der flämischen Literatur ein. Der Belgier Elsschot passte also in jeder Hinsicht zur Philosophie der Redaktion. Elsschot hatte schon vorher 4 Romane geschrieben, die kaum wahrgenommen worden waren. Er hatte seine literarische Aktivitäten praktisch aufgegeben und sich seiner Arbeit als Werbemann gewidmet, als seine Gedichte erschienen und sich als großen Erfolg erwiesen. Seitdem ist Elsschot Vorbild für Generationen von Dichtern und Schrifstellern, die eher der unsentimentalen, kunstlosen, sachlichen, umgangssprachlichen Seite des Métiers zugeneigt sind. "Am Totenlager eines Kindes", "Die Ehe" und der "Brief" habe ich in diesem Blog schon übersetzt. Alle zeichnen sich aus durch den verzweifelten Versuch sich einer Lage zu widersetzen, die nicht gut zu machen ist. Der Tod eines Kindes, die Hölle einer Ehe, die vergebliche Rache. Mich erinnern alle an die Ballade des Pendus des François Villon, mit ihrem "envoy" in den Schlusszeilen:


.........
"Prince Jhesus, qui sur tous a maistrie, 
Garde qu'Enfer n'ait de nous seigneurie :
A luy n'avons que faire ne que souldre.
Hommes, icy n'a point de mocquerie;
Mais priez Dieu que tous nous vueille absouldre.."


 So auch "Der Buckel spricht", nur dass der zum Schluss Angesprochene nicht Jesus ist:


Willem Elsschot

Rotterdam 1910.


Der Buckel spricht

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Hier ist der Buckel, das Klappergestell
der Knubbelkerl, der drollige Gesell',
der Zwerg, der hochdreht das Gesicht
wenn er mit den Söhnen spricht

Der Baumstumpf mit dem schrägen Stamm,
mit obendrauf ein Riesenschwamm,
nistend dort für alle Tage,
und den kein Mensch davon kann jagen.

Er hockt, solang ich denken kann
ein Teufel mir von Kind bis Mann,
der alles hat versaut, verdorben,
zu meinem Unglück hat er Ruhm erworben.

Auf der Hochzeit mit dabei
den Frack zerschnitten für das Ei,
die Braut beschämt, das Fest geklaut,
spuckt Galle auf den Strauß der Braut.

So verübte und verübt er Mord nach Mord,
wenn er nur sitzt und spricht kein Wort,
nicht sieht noch hört, macht keinen Laut,
frißt er mich ganz, mit Haar und Haut.

Ihr, denen keiner kann vergeben
was ihr verbrochen habt im Leben;
Gesindel mit dem schwärzesten Gewissen,
die weder ruhig schlaft, noch esst nur einen Bissen,

die voller Scheu im Schattenreich verkehrt,
kommt her, gebt mir was euch beschwert,
ich werd' es heben ohne Klagen,
wenn ihr für mich das Ding wollt tragen.


Übersetzung Jaap Hoepelman 11.09.2018

Dienstag, 20. Februar 2018

Die Ehe bei Elsschot


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In Rotterdam schrieb Elsschot "die Ehe", die drastische Beschreibung einer ausgelöschten Ehe, in dem poetische Ornamentalik keinen Platz hat. Erstaunlich, profetisch mit 28! Die Zeile "denn zwischen Traum und Tat steht das Gesetz im Weg' und praktische Probleme", in ihrer sarkastischen Gegenüberstellung von geträumtem Mord und nicht erfolgter Tat, ist eine feste Größe im niederländischen Zitatenschatz. Es ist aber nicht die Frau, sondern der Mann, der als ekelhaft, bedrohlich und feige dargestellt wird. Gottvergessen - eigentlich erstaunlich, dass Elsschot, der nicht gerade ein Kirchengänger war, dieses Attribut benutzt um einen besonders widerlichen Menschen zu beschreiben. Es lässt mich daran zweifeln, ob "er sah die größte Sünde sich in Teufelspflicht verkehren" nur eine ironische Anspielung auf die katholische Morallehre ist. Zumindest kann man sagen, dass man der christlichen Vorstellungswelt nicht leicht entkommt. "O Gott, es gibt keinen Gott" dichtete Multatuli (den Elsschot sehr bewunderte ) im "Gebet des Unwissenden", (Gebed). In Elsschots "Am Totenlager eines Kindes" kehrt diese Spannung wieder. Ich hebe es auf für den nächsten Post.




Willem Elsschot (1882-1960)

1910

Die Ehe

Als er verspürte, wie in der Nebelwand der Zeit
das Leuchten in den Augen seiner Frau nicht mal mehr funzelte,
die Wangen welkten, und die glatte Stirn verrunzelte
da wandte er sich ab und tat sich rasend Leid.

Er fluchte und er tobte, wurde vor Wut verzehrt
und maß sie mit dem Blick, doch konnte nicht begehren,
er sah die größte Sünde sich in Teufelspflicht verkehren
und wie sie zu ihm hoch sah wie ein krankes Pferd.

Doch krank wurde sie nicht, obwohl sein Höllenmund
ihr saugte die Gebeine aus, die weiter mussten tragen.
Zu sprechen traute sie sich nicht, zu fragen oder klagen,
sie zitterte und stand und lebte und blieb gesund.

Er dachte: ich erschlage sie, setze das Haus in Brand.
Ich muss den Schimmel von den steifen Füßen waschen
und waten durch das Wasser, rennen durch heiße Asche    
zu einer anderen Liebsten in einem anderen Land.

Erschlagen tat er aber nicht, denn zwischen Traum und Tat
steht das Gesetz im Weg' und praktische Probleme,
und Wehmut auch, die niemand dir kann nehmen,
die vor dem Schlafen kommt, als sich der Abend naht.

Und so verging die Zeit. Den Kindern wurde klar -
sie sahen, dass der Mann, den Vater sie genannt
reglos und stumm am Feuerplatz gebannt,
ein gottverfluchter, grauenhafter Popanz war.

Huwelijk


Übersetzung Jaap Hoepelman, Mai 2017

Donnerstag, 24. September 2020

Elsschot: Dichten ohne Schnörkel

 

Alphons Josephus de Ridder,
Pseud. Willem Elsschot 1882 - 1960

Der Flame Alphons Josephus de Ridder (Pseud. Willem Elsschot) gehörte zur gleichen Generation wie Van Ostaijen und Nijhoff. Seine Romane spielen überwiegend in der Geschäfts- und Werbewelt. Mit Werbung hatte er Erfahrung als Mitarbeiter und Redakteur der Zeitschrift "Revue Générale Illustrée de l'Industrie, des Arts et du Commerce", eine typische Werbefalle und so nimmt es nicht Wunder, dass der Betrug ein essentielles Thema in seinen Schriften darstellt. Er wird zu den größten niederländisch-sprachigen Schriftstellern gerechnet und ist Träger des flämischen und des niederländischen Staatspreises für Literatur. Wie bei Van Ostaijen und Nijhoff ist seine Sprache die moderne niederländische Umgangssprache, aber er setzt sie völlig anders ein. Symbolisches Ränkespiel wie bei Nijhoff sucht man hier vergebens. Aber was für eine Sprache. Im Gedicht "Brief" geht es eher rustikalisch zu: Auf die Fresse. Elsschot arbeitete 1908 bis 1911 auf einer Werft in Rotterdam und im "Brief" drückt er eine Wut aus, die ihn 1934 immer noch nicht verlassen hatte. 

Frans Masereel 1929


Brief

Alter Drecksack, mit dem Bart,
dürr im Geist, doch dicht behaart,
der auf uns schaute wie der Spieß,
der die Rekruten zittern ließ.

Ich weiß es noch, verdammtes Tier,
hockst du auch weit weg von hier,
ein Greis, verschanzt in seinen Runzeln
in einem Bunker mit Penunzen.

Dass du Stein hast plattgemacht,
kaum hatte der dir klargemacht,                     
wie du Schätze kannst verdienen
mit dem Bau seiner Maschinen.

Wie du für ein paar Moneten
hast Barends in den Dreck getreten,
wegen Kleingeld in den Miesen
konnte er das Jahr nicht schließen.

Wie dem Lehrling, Haut und Knochen,
von zwei Gulden für zwei Wochen
der halbe Lohn  wurde genommen,
denn er war zu spät gekommen.

Ich weiß es noch, du siehst es richtig,
aber mir ist nicht einsichtig,
wie aus der Untertanenherde
nicht ein Mucks kam, keine Beschwerde.

Hätt' ein Gericht aus unsrer Mitte,
nach abgelehnter Gnadenbitte,
dich mal eben angefasst,
dir eine in das Maul verpasst,

Dir mal kurz den Bart geschoren,
ob mit, ob ohne deine Ohren,
aus dem Beinkleid dich geholt
und dir dann den Arsch versohlt.

Doch ist die Rache aufgeschoben,
sie ist gewiss nicht aufgehoben,
wir können uns auch an dir rächen
ohne dir 's Genick zu brechen.

Denn es kommt die rote Zeit,
wenn der Sklave sich befreit,
noch bevor deinen Kadaver
man verscharrt ohne Palaver.

Du wirst verurteilt, hundert pro,
zum Schrubben von Pissoir und Klo,
dann kannst du weiter spekulieren
über den Wert von Wertpapieren.


 Übersetzung Jaap Hoepelman Fassung September 2020

Sonntag, 23. September 2018

Willem Elsschot. Die Klage des Alten.



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Noch eine Ballade aus den "Versen von Früher" und wieder ist das Thema die hoffnungslos gescheiterte Existenz. Wir wissen nicht, ob der Alte ein Verrückter, ein Verbrecher oder nur ein alter Idiot ist - so oder so, es ist nicht mehr gut zu machen. Und wer ist es? Der Dichter selber, oder vielleicht der Alte aus dem Gedicht "Die Ehe"? Und an wen richtet sich das Envoy? An Jesus? Einen Prinzen? Oder an uns, das "poetische Ihr"?




Willem Elsschot 

1882-1960


Die Klage des Alten

Das Altsein, ich gewöhn' mich nicht daran.
Das Lichterloh, das nicht mehr kann
köchelt tief noch in den Knochen,
und wenn es könnt', wär's ausgebrochen.

Gewiss, es tat mir durchaus Leid,
vergeudet hab' ich viel, viel Zeit 
damit, nach oben aufzuschauen,
beten zu lernen, Gottvertrauen.

Leider, es musste wohl so kommen, 
bin ich doch zu sehr verkommen,
denn Gott und Seele, diese Dinge
wovon die Menschen Psalmen singen,

Gewissen, Vaterland in Not
Der Sternenhimmel und der Tod,
es sagt mir, nein es sagt mir nichts,
mein Mühen bricht den Panzer nicht.

Wofür ich stets zu haben bin,
dass ich für jedes junge Ding,
wie sie zu hunderttausend laufen,
die Kleider mir vom Leib verkaufe,

das ganze Haus, die ganze Frau
ich tu's. Und kein Bedauern
kann in meinem Blick man lesen,
auch wenn's Verbrechen ist gewesen.

Entlang den Häusern mich verdrückend
linst man mir nach, einem Verrückten
dessen Arglist, dessen Tücken
sind ihm geschrieben auf dem Rücken.

Ich bin ein Schurke, bin ein Hund,
nicht ruhen könnt' ich in geweihtem Grund,
und Lösegelder will ich zahlen
für jedes Bündel Sonnenstrahlen:

Doch lasst mich tun mit Feuersinn,
was mir gefällt, solang ich bin
und quält uns nicht: mich armen Racker
und Satanlieb, den letzten Macker.

Rotterdam, 1910.



Übersetzung Jaap Hoepelman 23.09.2018

Mittwoch, 21. Februar 2018

Elsschot ein Zyniker?


Elsschot wird wohl als Zyniker dargestellt. Und ja, sein Wortgebrauch kann drastisch sein. Aber braucht nicht gerade der überempfindliche Mensch Drastik als Schutzschild? Wer "Am Totenlager eines Kindes" liest, kann ihn nicht als Zyniker betrachten, ganz im Gegenteil. Ich empfinde das Gedicht als schmerzhafte Erinnerung an Mattheus 28, 16-20 eines Nicht- oder Nichtmehrgläubigen. "Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." Das erste Vers unseres Gedichtes sagt klar und deutlich, dass die Welt eben nicht untergegangen ist. Sie hätte es aber tun sollen. Nicht einmal das blöde Haus ist in sich zusammengefallen. Ein Heiland ist unser zynischer Agnostiker wohl nicht. Was kann er, Hilfloser, sonst tun? "Es ist vollbracht" - aber nicht an ihm, dem Nichtheiland, sondern an einem Kind. Was bleibt übrig? "Wenn ihr zum Beten bittet
bleib’ ich ein Weilchen noch in eurer Mitte,". Nicht zum Ende der Welt, aber immerhin...Das Gedicht endet mit der verzweifelte Bitte, nicht um Auferstehung, wie bei der Tochter des Jairus, sondern um Verschonung von Verderb und Verrottung. Wenigstens das...

 W. Elsschot (1882-1960)
1908     



Am Totenbett eines Kindes

Die Erde hat nicht aufgehört zu gehen,
als dein Herzchen stehen blieb
das Sternenlicht ist angeblieben
und auch das Haus blieb einfach stehen.

Klagen und Schluchzen halfen nicht.
Man hatte tröstend zum Kaffee gedeckt:
es hat dein Stimmchen nicht erweckt,
in deinen Augen kam kein Licht.

Du wirst wohl nimmermehr erwachen,
denn du bliebst reglos, während man im Flur
das leise Knarren unterm Fuß erfuhr
desjenigen, der kam um zu zu machen.

Seht, liebe Leute, es ist vollbracht.
Was tun? Wenn ihr zum Beten bittet,
bleib’ ich ein Weilchen noch in eurer Mitte,
denn schlafen ist wohl nicht heut’ Nacht.

Aber gibt’s nicht unter Ihnen allen
doch ein verborgenes Genie
das mir versichern kann, dass sie
den Würmern nicht anheim wird fallen?

 
Übersetzung J. Hoepelman   Juni 2017

Doodsbed van een kind

Matthäusevangelium 28,16–20,
http://bibeltext.com/mark/5-41.htm

Sonntag, 22. September 2019

Joost Baars


Bildergebnis für joost baars
1975 -

Nach den vielen hier vorgestellten aber toten Dichtern(m/w/d) wollte ich meine Aufmerksamkeit etwas mehr den heutigen Dichtern(m/w/d) der niederländischen Sprache zuwenden, aber so leicht entkomme ich der Geschichte und den "niederländischen" Themen nicht.
In 1784, wir sind wieder zurück in den aufgeklärten Zeiten eines Antoni Staring, wurde von einigen Bürgern "De Maatschappij tot Nut van 't Algemeen", die "Gesellschaft zum Nutzen der Allgemeinheit", gegründet. Die Gesellschaft strebte danach, den allgemeinen Wohlstand zu erhöhen durch die Entwicklung des Allgemeinwissens, durch Gründung von Schulen, Bibliotheken, einer nicht-gewinnorientierten Sparkasse und sonstigen wohllöblichen Maßnahmen. Auch künstlerische Aktivitäten wurden gefördert und die jeweiligen Nachfolgeorganisationen der Sparkasse verwalten bis zum heutigen Tag Fonds zur Unterstützung der Kunst und der Künstlern. 


Tagung der "Gesellschaft" in der 
alten lutherische Kirche zu Amsterdam,
1791

Der VSB-Preis* für die beste Neuerscheinung des Jahres wurde 2018 Joost Baars verliehen. Baars ist Buchhändler, er dichtet, schreibt Essays und gibt Anthologien heraus. Obwohl er sich nach eigenem Bekunden keiner der offiziellen Kirchen zugehörig fühlt, wird es jedoch treuen Lesern dieses Blogs sehr bekannt vorkommen, dass die religiöse Einstellung, die die Kultur der Niederlande zum größten Teil ihrer Geschichte charakterisiert, auch in den Motiven der "Kosmologie der Brücke" mühelos wieder zu erkennen ist. Ich kann keine detaillierte Gedichtanalyse betreiben, aber soviel ist klar: Baars verbindet Alltagsleben und Religion, Leben und Tod mittels Begriffe der neueren Physik, eingebettet einer biblisch anmutenden Sprache (z.B. Jesaja 43.1 "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du bist mein!") - und nicht zuletzt die eigene Panik, womit wir bei einem festen Moment der neueren niederländischen Dichtung wären, wie bei Nijhoff, Hanlo, Elsschot oder Achterberg.
Baars neues Gedichtband und insbesondere dieses Gedicht erwiesen sich als großer Erfolg, und wie ich glaube, zurecht.

Kosmologie der Brücke

da öffnete sich unter ihr in was genannt wurde Brücke ein Wurmloch

da erfasste die Materie die wie selbstverständlich sie umgab         
             Wohnraum Leuchte Laminat Tisch Bücherbrett
              und Zelle um Zelle das Gewebe in dem sie war verfasst

      sie griff sich an den Polen fest

da in der Schwerkraft das was genannt wird Schwerkraft
             woraus was uns gründet entliehen wird
             wie ein Magnetfeld rundum den Planeten
             das dem zum Schluss nicht widersteht

da 112te ich die Sprache die ich hatte
             die Adresse (und es gab)
             den Krankenwagen (und er kam)
             es ist ihr Herz (sie war noch da)
             das wegfällt (Wurmloch)

da klang die Stimme und es war Zeit
             genug für das was sich vollziehen musste

da lag sie auf dem Teppich wie ein Neugeborenes
             das ohne Namen auf den Nenner wartet

Joost Baars (1975)

Kosmologie van het Tapijt

Aus: Binnenplaats (2017),
Verleger: Van Oorschot.

* VSB: Die "Verenigde Spaarbanken"

Übersetzung Jaap Hoepelman, September 2019.

Donnerstag, 4. Januar 2024

Du Perron: Vorm of Vent - Muse oder Macker.

 

Charles Edgard (Eddy) du Perron 
1899-1940

Wie Couperus (1863-1923) war Charles Edgar du Perron ein Kind der niederländischen
 Kolonialgesellschaft,    
                                                                           

wie Couperus erwies du Perron sich als ungeeignet für die traditionelle Schulbildung, wie Couperus schaffte er es trotzdem, die Ausbildung mit einem Diplom als Niederländischlehrer abzuschließen  und wie Couperus entwickelte du Perron sich zu einem Autor mit weit über die Niederlande hinausgehenden literarischen Kontakten und Interessen. Die französische Großgrundbesitzer-Familie du Perron war in Indien vermögend geworden und der junge Charles Edgar konnte sich seine mäßigen schulischen Ergebnisse recht unbekümmert leisten.  1921 verkaufte die Familie ihre umfangreichen Besitztümer in einem Ort mit dem kuriosen Namen "Meester Cornelis", um 1926 nach wallonisch Belgien umzusiedeln, wo sie das Schloss Gistoux erworben hatte.

Schloss Gistoux

Der junge mehrsprachige (darunter auch  Malaiisch) du Perron hatte schon in "Meester Cornelis" mit journalistischen und literarischen Aktivitäten angefangen  und, eingeengt auf Gistoux, fühlte er sich bald von den Niederlanden, aber mehr noch von Brüssel und Paris angezogen, wo er sich eifrig in das literarische und künstlerische Leben stürzte. Er hatte intensive Kontakte zu André Malraux, der ihm sein magnum Opus "La Condition Humaine" widmete. Zu einem anderen Aspekt seiner Persönlichkeit gehörten seine Beziehungen zu den etwas aus dem üblichen literarischen Rahmen fallenden Schriftstellern Pascal Pia und René Bonnel. Während einer der Pariser Soirées, an der eine glänzende Auswahl an Künstlern und Intellektuellen teilnahm, hat unser heißblütiger, hoffnungsvoller Dichter Clairette Petrucci kennengelernt, die Adressatin des hier übersetzten Abschiedsgedicht "P.P.C." ("Pour Prendre Congé", "Zum Abschied").  

Clairette Petrucci

Abgesehen von den persönlichen Affären war du Perron ein konzentrierter, ja besessener Arbeiter und Leser. Erste Arbeiten konnte er auf eigene Kosten herausgeben und er konnte seinen Wirkungskreis bald durch einschneidende Kritiken und Essays erweitern.  Sein Einfluss in Belgien und den Niederlanden war beträchtlich. Zu den niederländischen und belgischen Literaten seines Kreises gehörten u.a. van Ostaijen, Elsschot, Slauerhoff und Roland Holst. 1932 gründete er zusammen mit dem niederländischen Kritiker und Essayisten Menno ter Braak und dem flämischen Romanautor und Dichter Maurice Roelants die Zeitschrift "Forum", mit dem Ziel, die flämischen und niederländischen Beiträge gemeinsam herauszugeben. Das Vorhaben erwies sich als nicht lebensfähig und "Forum" wurde in flämische und niederländische Bereiche aufgespalten, der niederländische Bereich unter der Leitung des Romanautors und Dichters Simon Vestdijk. Die Zeitschrift überlebte nur bis 1935, hatte aber einen großen Einfluss, dessen Spuren durch scharfe Polemik, Essayistik und den Stil der "neuen Sachlichkeit" bis heute nachspürbar sind.  Das hier übersetzte "P.P.C." aus dem entsprechend "Parlando" ("Sprechenderweise") genannten Gedichtband ist hierfür ein gutes Beispiel.
In einer Zeit zunehmender politischer Bedrohung schien die Beschäftigung mit schöngeistiger Literatur, mit Poesie um der schönen Form willen - zum Teil noch herübergeschwappt von den Achtzigern - den Forumsfreunden immer weniger angebracht. Wichtiger erschien die Kunst, die den aufrichtigen persönlichen Standpunkt - nicht unbedingt politisch - sichtbar machte. Diese Diskussion klang noch lange nach in der niederländischen Literatur, unter dem nicht ganz ernst gemeinten Schlagwort "vorm of vent", in etwa "Muse oder Macker".
 Schloss Gistoux entwickelte sich zu einem Treffpunkt niederländischer, belgischer und französischer Literaten, aber als 1936 du Perrons Mutter starb (der Vater hatte sich 1922 umgebracht), stellte sich in der tiefsten wirtschaftlichen Depression heraus, dass Schloss Gistoux unverkäuflich war. Du Perron war ruiniert und versuchte in Niederländisch-Indien wieder Fuß zu fassen. Das Vorhaben missglückte, teils weil sich herausstellte, dass die von ihm verhasste national-sozialistische Haltung sich in der Kolonial-Gesellschaft tiefer verbreitet hatte, als es du Perron ertragen konnte. Zurück in den Niederlanden ließ du Perron sich in der niederländischen Künstlerkolonie Bergen 1939 nieder. Dort starb er - immer schon ein Asthmapatient -  am14. Mai 1940 an Herzversagen, nach der Nachricht des deutschen Überfalls auf die Niederlande, am gleichen Tag wie der Künstlerfreund Menno ter Braak, der sich aus gleichem Grund umbrachte. Nebenbei bemerkt, wurde im Juni 1940 das Schiff, auf dem der Freund beider, der Dichter Hendrik Marsman, von Frankreich nach England zu entkommen versuchte, torpediert. Marsman gehörte nicht zu den Überlebenden. Der Dichter Leo Vroman konnte sich gerade noch mit einem Segelboot nach England retten. Die Zeiten waren nicht die besten...
Als ein Hauptwerk du Perrons gilt "Het land van Herkomst" ("Das Herkunftsland"), ein teilweise autobiografischer, teilweise essayistischer und zeitkritischer Roman, der von einigen zum Besten der niederländischen Literatur zwischen den Weltkriegen gerechnet wird. Dem von ihm und ter Braak bewunderten Schriftsteller Multatuli widmete er 4 Werke.
Zu seinen Arbeiten gehört des weiteren eine Reihe von Erotika, Essays und Polemiken, zudem Gedichtbände, darunter eben "Parlando".
Die abgekanzelte Clairette Petrucci, die Adressatin der perronschen gekränkten Schimpfe in "P.P.C.", war alles andere als beschränkt und engstirnig. Nach allem, was ich gelesen habe, war Clairette eine höhere Tochter, ein begabtes, kunstsinniges, modernes, unabhängiges Mädchen. Ihr Vater war der Kunsthistoriker und Sinologe an der Sorbonne Marquis Raphael Petrucci, ihre Mutter die Flämin Claire Verwee, Tochter eines bekannten Malers und zuhause in einer breit gestreuten Gesellschaft bekannter Künstler, darunter der berühmte Hendrik Willem Mesdag, der Schöpfer des Mesdag Panoramas in den Haag. Auch Clairettes unmittelbarer Bekanntenkreis war exzellent und man kann sagen, dass sie dem kolonialen Provinzbub in vielen Hinsichten voraus war, gerade auch in den neuesten literarischen Entwicklungen, was seinen Eifer zusätzlich angestachelt haben mag.

Panorama Mesdag den Haag.
Detail.

Clairette hatte nun wirklich keinen Grund auf die Avancen des so wohlhabenden wie unreifen Teenagers einzugehen. Du Perrons Wutausbruch war wohl in erster Linie das Ergebnis jugendlicher Sturheit. In der Liebe gekränkte Poeten können sowieso auf eine lange, ehrwürdige Tradition zurückblicken, 
wie z.B. Focquenbroch

Sonett

Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir
gefallen, ich, der ich als Mensch geboren
und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,
der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.

Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest
das weibliche Geschlecht zur Liebe ist bereit.
Herr Jupiter begriff es, als vor langer Zeit
er öfters göttlich aufs Gesicht gefallen ist,

weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,
für Leda hat den Schwan herausgekehrt
und Frau Europa hat entführt als Stier.

Es kann also noch Mensch noch Gott gewinnen:
Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,
muss mehr nicht sein, als nur ein Tier.

(Klinkdicht)

Übersetzung Jaap Hoepelman,
Dez. 2021 

Billet Doux

Ich wollte ein Gedicht auf einem Fächer schreiben,
Sodass du mit den Worten wedeln kannst
Und die Zeilen, möchtest du im Traum verbleiben
Ungerührt zusammenfalten kannst.

Doch mehr noch wollte ich, dass ich sie innen
Drin auf deinem Kleidchen schreiben könnte
So dass zugleich mit Seide oder feinem Linnen
Mit Gedanken ich dich streicheln könnte.

Ich schriebe diesen blöden Wunsch dir nicht
Wäre ein gänzlich irrer mir erfüllt gewesen:
Einmal zu halten in den Armen dich...
Engelsgeduld ist es gewesen.

Billet Doux (aus "verzamelde gedichten", 1947)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Januar 2020

Du Perron reiht sich somit virtuos in ein gerne geübtes literarisches Genre ein:

P.P.C. (Pour Prendre Congé)
Eduard Du Perron (1899-1940)

Lebwohl, Clary. Ich sage nicht mach's gut.
Das klingt so dumm, bei denen gar, die's meinen.
Du hast Dich gut verkauft. Und ruhig Blut
im Übrigen: Denn alle Menschen weinen.

Dein Haus war klein. Dein Herr machte es groß.
Sein Reichtum, hieß es, sei erheblich.
Dein Ruhm wird groß und bald ist man mich los.
Dein Geist blieb klein. Ich mühte mich vergeblich.

Dein Leib ist gut. Du bist ein schönes Weib.
Dem Gatten wirst Du viele schöne Kinder schenken.
Dein Herz ist eng; ich wette, dass Du bei ihm bleibst.
Hochstehend wirst Du stets den guten Ruf bedenken.

Lebwohl Clary: Mich wirst du nicht mehr sehen.
Ich werd' Dich meiden, in den Träumen allemal.
Du warst mein Traum; ich lernte Dich verstehen:
Bleib wie Du bist. Ich hasse Dich total.

Übersetzung Jaap Hoepelman
Dezember 2023

P.P.C.  (Parlando  Verzamelde gedichten. 1941)

Nach einer etwas wilden Periode, die ihm über den Verlust hinweghalf, heiratete du Perron 1932 die Kunstkritikerin, Übersetzerin und Essayistin Elisabeth de Roos, die sich um den Nachlass ihres Mannes kümmerte.

Mittwoch, 10. November 2021

Jan Hanlo. Knack. Tschilp!

 



Jan Hanlo (1912-1969)


Ein Grundton in vielen niederländischen bzw. belgischen Gedichten ist 
eine trockene, unsentimentale Sprache, wie z.B.  bei Elsschot, oder van Ostaijen.
So ist auch Jan Hanlos Sprache: Trauer ohne Trara.


HUND MIT SPITZNAMEN KNACK

Gott, segne Knack
Er ist jetzt tot
Zunge und Gaumen waren rot
Sie wurden weiß
Dann war er tot
Gott, segne Knack

Er war ein Hund
Mit Namen Knack
In seinem Balg steckte im Grund
Eine Seele von Hund
Ein ferner Ahne
Ein alter Bund
Gott, segne Knack

aus: Verzamelde Gedichten
Amsterdam, Van Oorschot 2006

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2017

Knak


Am schönsten findet man diese Vorliebe für Klarheit in "Spatz", auch von Hanlo. Wenn das keine konkrete Poesie ist!

Der Spatz

Tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp
Tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp
Tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp
Tschilp tschilp tschilp

Tschilp
usw.


--------------------------
Jan Hanlo
aus: Gedichten (1949)

Dem Übersetzer fiel die Vermittlung zwischen den Kulturen in diesem Fall etwas leichter.
Wer auf YouTube geht, findet den nachdenklichen Text in Musik gesetzt

De Mus

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Dienstag, 1. August 2023

Dichter und Bauer

Hubert Poot
1689 - 1733

Ta douleur, Du Périer, sera donc éternelle,

Et les tristes discours

Que te met en l'esprit l'amitié paternelle

L'augmenteront toujours ?

...

Mais elle était au monde où les plus belles choses

Ont le pire destin ;

Et, rose, elle a vécu ce que vivent les roses,

L'espace d'un matin.

...

De murmurer contre elle et perdre patience,

Il est mal à propos ;

Vouloir ce que Dieu veut est la seule science

Qui nous met en repos.


(François de Malherbe

Consolation à Monsieur Du Périer, 1599)


Für Trauergedichte auf den Tod kleiner Kinder hatten die Poeten der Vergangenheit mehr als ausreichend Gelegenheit: Es war ein Wunder, wenn die Kleinen die ersten Jahre überlebten. Ich habe diesem Post einige berühmte Strophen der "Consolation à Monsieur Du Périer" des François de Malherbe aus 1599 vorangestellt. In der "Consolation" finden wir die Elemente gesammelt, die - insbesondere in der älteren Trauerpoesie - zu finden sind: Trauer um das verstorbene Kind, sein unbeschwertes Dasein bei Gott, der Gedanke, dass es dessen Wille war, dem sich zu beugen unser einziger Trost sein kann.

In der niederländischen Literatur ist Vondels "Kinder-lyck", das auf diesen Elementen aufbaut, berühmt. Hubert Corneliszoon Poot, der Dichter dieses Posts, ahmte dem älteren, bewunderten Dichter-Kollegen nach. Dieser konnte der trauernden Mutter nicht viel mehr bieten als eine theologische Belehrung. Jedoch gelang es Poot die traditionellen Elemente - Trauer, Trost und Ergebenheit - viel persönlicher für die Mutter (in Malherbes Poem noch abwesend) zum Ausdruck zu  bringen. Im Übrigen: Vondel, zu seiner Zeit, konnte gar nicht anders, eine andere Herangehensweise wäre völlig undenkbar gewesen. Persönlich hatte er Grund genug zu trauern.

Die poetische Haltung in den Kinder-Trauergedichten hat sich im Laufe der Zeit ziemlich geändert, wie man in diesem Blog sehen kann: Der schwergeprüfte De Génestet reagierte mit einem sardonischen Spruch, Elsschot wütend und aufständisch, van Teylingen mit trauriger Fröhlichkeit.

Die Nachfolge von Vondel und den anderen Großen des "goldenen Jahrhunderts" hatte einen ganz einfachen Grund: Poot war Bauer, ein wirklicher Bauer, der hinter dem Pflug auf der Scholle seinen Lebensunterhalt verdiente in Abtswoude, einem Dorf nahe der Stadt Delft. Als Kind wurde seine Begabung durchaus erkannt, aber zuerst kam die Arbeit auf dem Lande. Seine Bildung war die Dorfschule, mehr nicht. Seine bäuerliche Sprechweise fiel den Zeitgenossen sogar auf. Fremdsprachen kannte er nicht, geschweige denn Latein, so dass er sich nur an seinen niederländischen Vorgängern ausrichten konnte, von denen er erstaunlich viel lernte. Dabei entwickelte er leider eine Neigung, quasi als Kompensierung für die fehlende Bildung, zur Überfrachtung seiner Gedichte mit sprachlicher Kunstfertigkeit und klassischer Mythologie. Es gelang ihm trotzdem manchmal einen persönlichen Ton zu finden, etwas Neues für ein Publikum, das von der Dichtkunst sowieso eine gute Prise klassischer Mythologie erwartete. 1716 veröffentlichte Poot mit großem Erfolg den ersten Gedichtband und er wurde das Ziel einer Art Dichtertourismus, der das erstaunliche Phänomen eines dichtenden Ackermanns mit eigenen Augen anschauen wollte. Irregeführt durch den vielversprechenden Anfang zog Poot in die Stadt Delft, in der Hoffnung dort mit literarischen Aktivitäten seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ohne Erfolg. Niedergeschlagen und alkoholkrank kehrte er zurück zum väterlichen Hof und  heiratete nach langem Werben (denn er war nur ein Bauer!, der Standesunterschied!) seine geliebte Neeltje 't Hart. Wieder zurück in Delft fing er einen Tabakhandel an, aber folgte auch erneut dem Ruf der Dichtkunst, dieses Mal nicht ohne Erfolg. Es erschienen mehrere Bände, die guten Anklang fanden. Von seinen Verlegern wurde er entsprechend übers Ohr gehauen. Aber die Tätigkeit eines Tabakhändlers und Gelegenheitsdichters deprimierten ihn. Delft war (und ist) ein bemerkenswerter kleiner Ort. Der bekannteste seiner Bürger ist wohl Johannes Vermeer. Der Anatom de Graaf (der von den Ovarialfollikeln) wirkte  dort, wie Antonie van Leeuwenhoek (der von der Mikroskopie). Poot's Lobgesang auf van Leeuwenhoek ist ein Beispiel einer solchen Gelegenheitsarbeit, und nicht einmal das schlechteste. Poot kannte van Leeuwenhoek auch persönlich und das Grabgedicht für van Leeuwenhoeks Grab in der Delfter alten Kirche stammt von ihm. 



Wie eng die Beziehungen in der kleinen Stadt gewesen sind geht auch aus der Tatsache hervor, dass van Leeuwenhoek Vermeers Testamentsvollstrecker gewesen ist. 


Johannes Vermeer, 
Ansicht von Delft

Johannes Vermeer, 
Bildnis des Antonie van Leeuwenhoek

Bei aller Gelegenheitsarbeit gelangen ihm bis heute bekannte Werke, z.B. das immer noch ansprechende arkadische Gedicht (nach Horaz) "Akkerleven" (Bauernleben) mit der berühmten (und angesichts Poots eigenen Lebens wohl leicht parodistischen) Anfangszeile "Wie vergnüglich fließt das Leben des zufriedenen Landmanns hin..." .

Es war ein mühsames, von Verlegern und Nierensteinen geplagtes Dasein. Den Tod seines kleinen Töchterchens hat Poot nicht überwunden. Ein halbes Jahr nach seinem persönlichsten Gedicht ist er gestorben.


Auf den Tod meines Töchterchens


Jakoba trat mit Widerstreben

hinein ins böse Leben;

und hat sich schuldlos in den Tod geweint,

nicht war sie für die Welt gemeint.

Kaum zu leben angefangen,

ist sie wohl gern gegangen.

Die Mutter küsst' das liebe Wichtchen

auf ihr lebloses Gesichtchen.

Das kleine Seelchen, leicht und schlicht,

es hörte auf die Mutter nicht,

und, hastig aufgefahren,

ist's nun bei Gottes Scharen.

Dort spielt und lacht es schon

rund um den höchsten Thron;

und spannt die kleinen Schwingen,

befreit von ird'schen Dingen.

Blume von dreizehn Tagen,

dein Heil verbietet's uns, zu klagen. 

(Juli, 1733)


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2023


Hubert Poot, Op de dood van mijn dochtertje


Poots Ansehen als Dichter hat mit der Zeit ziemlich gelitten. Kollege-Dichter De Schoolmeester hatte für ihn nicht mehr als folgendes lakonisches Epitaph übrig:

Hier ligt Poot

Hij is dood.

(Hier liegt Poot

Er ist tot.)

Dienstag, 12. Februar 2019

Pol de Mont. Die Anerkennung der flämischen Literatur.

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Pol de Mont
1857 - 1931

Pol de Mont spielte eine wichtige Rolle im mühsamen Prozess der Anerkennung der flämischen (bzw. niederländischen) Sprache im Königreich Belgien.
Schon als Student war er aktiv in einer Reihe von Studentenbewegungen, veröffentlichte verschiedene Gedichtsammlungen und bekam 1880, mit 23, den Staatspreis für flämische Literatur.
Wie die Bewegung der Achtziger in den Niederlanden, half er mit, die flämische Literatur in Belgien aus der Erstarrung des 19. Jahrhunderts zu befreien. Er gründete verschiedene Zeitschriften in denen er Aufsätze über Literatur, Kunst und Völkerkunde veröffentlichte.
1904 wurde er als Konservator des Museums für schöne Künste in Antwerpen
ernannt, wo er wichtige Erneuerungen durchführte. 1882 wurde er Lehrer am Athenaeum in Antwerpen, wo Alfons de Ridder (Willem Elsschot) zu seinen Schülern gehörte. 1882 - 1886 war er Mitglied des Antwerpener Provinzrats.
1905 hatte de Mont, der Krieg war noch weit weg, in Dresden einen Vortrag über die flämische Bewegung gehalten und sich dabei für den Pangermanismus ausgesprochen. Diese und vergleichbare Strömungen konnten keine gute Grundlage für die Entwicklung einer eigenständigen flämischen Kultur sein. Nach 1914 versuchte die deutsche Besatzung, die Gegensätze zwischen Flamen und Wallonen zu verschärfen. Unter den Flamen entstand eine Spaltung zwischen "Aktivisten", denjenigen, die es aktiv darauf anlegten, die flämische Eigenständigkeit mit Hilfe deutscher Maßnahmen zu erreichen, und den "Passivisten", denjenigen die unter diesen Umständen lieber auf die Eigenständigkeit  verzichteten, und zum Teil lieber in die Niederlande flüchteten (im Übrigen flüchteten ungefähr 1 Million Belgier - Flamen sowohl als Wallonen - in die Niederlande). Obwohl de Mont auf Grund seiner Ideale vielleicht eher zu den "Aktivisten" gerechnet werden konnte, verzichtete er auf einen Lehrstuhl an der Universität Gent, als diese, auf deutsche Anordnung, vollständig auf Niederländisch umgestellt wurde. Trotzdem wurde de Mont, nach Ende des Krieges heftig als "Aktivist" angegriffen, worauf er erbittert in die Niederlande zog.
Er blieb kulturell aktiv und gründete die auf flämische Interessen gerichtete Zeitschrift "de Schelde" an der auch Paul van Ostaijen und die Dichterin Alice Nahon mitarbeiteten.
Mit den neuen literarischen Entwicklungen konnte de Mont nicht mithalten, aber in seiner letzten Sammlung, "Zomervlammen" ("Sommerflammen") veröffentlichte
er auf einmal schnörkellose, sehr ansprechende Gedichte, wie das folgende, reimlose "Steineklopfer":

Der Steineklopfer

Der Sack auf dem gekrümmten Rücken, die Kleider
aus der Naht, zerrissen, Haare weder Bart gekämmt
steht, neben einem Haufen Steine, in der prallen Sonne,
ein Mann, steinalt. Mit strammen Händen schwingt er
den Eisenhammer, der mit dumpfem Schlag
schlägt auf den Brocken, dass die Funkensplitter
fliegen. Mit dem Ärmel wischt
der Greis den Schweiß, der glänzt auf seiner Stirn,
und schuftet unentwegt, mit dumpfem Schlag auf Schlag,
die groben Klötze, Trumm um Trumm zermalmend.
Und hörbar klinkt, bei jedem Schwung der Hand,
ein rauer Klang, - das Röcheln eines Sterbenden -,
aus dem Hals des Alten, von keinem Schluck gelabt...

Hoch oben, auf den Bergen, über Fels und Menschen,
entwächst der Kerbe, reif und gelb, die Traube an der Rebe.

aus: Zomervlammen
A.W. Sijthoff, Leiden 1922


Übersetzung Jaap Hoepelman Februar 2019

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...