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Freitag, 15. März 2019

P.C. Boutens. Christ, Symbolist, Platonist.


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P. C. Boutens
1870 – 1943

Pieter Cornelis Boutens gehört zur Nachfolgegeneration der Dichter der achtziger Jahre. Von diesen übernahm er die Neigung zu Wortneuschöpfungen und -zusammensetzungen. Inhaltlich wollte er es nicht beim allerpersönlichsten Eindruck und beim allerpersönlichsten Gefühl belassen. Es ging ihm um die platonische Idee der Schönheit, der Wahrheit, der Liebe, wie nur der Dichter sie erleben kann. Seine Arbeiten sind schwer zugänglich, trotzdem gehören einige seiner Gedichte zu den bekanntesten und beliebtesten der niederländischen Poesie, wie das hier übersetzte "Guter Tod". Wie vor ihm Gezelle, war Boutens Lehrer an einem Institut für Knaben. War Gezelle streng katholisch, Boutens stammte aus einem steif evangelischen Milieu. Das Christentum blieb Zeit seines Lebens einer der Quellen seiner Denk- und Sprachwelt, z.B. auch im Gedicht "Guter Tod": "Land von Most, Getreide" (Joell, 2:19). Boutens war Altphilologe, er unterrichtete 1894-1904 an einem vornehmen Kolleg im vornehmen Ort Voorschoten. Wie Gezelle fand er unter den Schülern Verehrer, wie den jungen Baron van Herzeele, dessen Mittel es ihm erlaubten dem Dichter eine Villa in den Haag zur Verfügung zu stellen und ihn im späteren Leben als Privatier zu unterstützen.
1919 veröffentlichte er die "Nachgelassenen Strophen des Andries de Hoghe". Nur unter dieser Verstellung war es Boutens möglich, seine Schuldgefühle einem jungen Author gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dessen Gedichte er einmal schroff abgelehnt hatte, obwohl er sie, wie ihm später klar wurde, hätte erkennen müssen als einen Versuch, ihm, dem berühmten Dichter, für offenherzigere, aber noch nicht gezeigte Gedichte zu interessieren. Der junge Dichter brachte sich wenig später um und Boutens litt lebenslänglich unter Schuldgefühlen. Die Strophen sind in ihrer Art expliziter als Boutens sonstige Arbeiten, aber er konnte nie zugeben, der Autor der "Strophen" zu sein. Vielleicht empfand er es als eine Art Buße, die eigene Natur am Besten zum Ausdruck gebracht zu haben in Gedichten dessen Autorschaft er leugnete*. Wie richtig Boutens lag mit seiner Einschätzung geht schon daraus hervor, dass die Regierung 1930 sich weigerte Boutens eine königliche Auszeichnung zu zuerkennen, aufgrund von hartnäckigen "Gerüchten".
Ein Fragment der neunten Strophe des Andries de Hoghe habe ich hierunter versucht zu übersetzen. Für Germanisten ist vielleicht noch interessant zu erwähnen, dass Boutens intensive Kontakte mit von Hoffmannsthal pflegte. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Hoffmannsthal den "Jedermann" bearbeitete, während Boutens sich das mittelalterliche Spiel "Beatrijs" vorgenommen hat.

Guter Tod

Guter Tod, wes reines Pfeifen
Ins erstillte Leben sticht,
Der zum lächelnden Begreifen
Junge, Schöne, gleich besticht,

Für den lachend Kinder, Weise
Hören auf zu lesen, spielen,
Vor dem einzig Zittergreise
In der klammen Klause trielen.

Mir ist jeder Tag verleidet,
Der dein Locken nicht vernimmt;
Dieses Land von Most, Getreide -
Ist schön, nur nicht für mich bestimmt;

Niemals konnte ich hier trinken
Seelentrunk, nach dem es mich verlangt,
Oder hörte ich dich singen,
Nie dein fernes Lied erklang.

Alles Schöne, das die Erd' kann geben,
Ist nur ein Weg, der zu dir führt,
Und nur dann ist Leben Leben,
Wenn es uns zu Tode rührt.


Goede Dood, aus: Stemmen (1907)

*diese Daten entnehme ich Polak und Goddijn, in ihrem Blogspot "Boutens"

Übersetzung Jaap Hoepelman, März 2019



...
Und andre mittlerweil', wie finstre Schemen,
Augen hinter Schattenlarve schwelend,
schleichen und gleiten durch das dichteste Gewühle,
und oft mir nähert sich unmerklich eine Geste
dem dumpfen Grienen gleich: "Du bist einer wie wir"-
und von den Lippen tropft heiseres Geflüster,
Sprache in der ein Mensch nicht singen kann,
 ...
Übersetzung Jaap Hoepelman März 2019

...
En andren onderwijl, als duistre schimmen,
met oogen achter schaduwmom versmeuld,
sluipen en duiken door het dichtst gewoel,
en vaak benadert mij hun half gebaar
als een dof grijnzen: 'gij zijt één van ons'-
en van hun lippen valt een heesch gefluister,
een taal waarin geen schepsel zingen kan,
...

Sonntag, 3. Mai 2020

Boutens, Omar Khayyam und der Tod

Tertulia literaria Benigànim: El vino y la luna. "Rubaiyat ...
Omar Khayyam 1048-1123
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Fleurs du Mal » Boutens, P.C.
P. C. Boutens 1870 - 1943

Nach der Übersetzung von Edward FitzGerald in 1859 wurden die Vierzeiler des Omar Khayyam im "Rubaiyat" ("Buch der Vierzeiler") ein durchschlagender Erfolg in der englischsprachigen Welt. Omar Khayyam ist bekannt als Mathematiker und Astronom, aber welche von den berühmten 1200 (oder sogar 2000) Vierzeilern nun wirklich von ihm stammen, ist unklar. FitzGerald wiederum hat seine Auswahl ziemlich frei ins Englische übersetzt. Seine skeptische, stoische oder epikurische Nachdichtungen, nach dem Schema AABA oder AAAA, trafen einen Nerv und wurden überall nachgefolgt, auch in der niederländischen Literatur. Von den älteren Dichtern haben z.B. Leopold und Boutens sich der Form gewidmet. Boutens hat sich nach FitzGerald und nach deutschen Kollegen gerichtet, und deutete unbestimmt an, dass er auch aus dem Persischen übersetzt hätte.
Wie dem auch sei, Kayyams drei- oder viermal gefilterte Vierzeiler gehören zu Boutens besseren Arbeiten. Boutens eigene fast freudige Erwartung des Todes passt hervorragend zu Kayyams gleichgültiger Einstellung dem Tod gegenüber.
Zunächst meine Übersetzung von Boutens "Niet veel":

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.

(Boutens, nach Omar Kayyam.)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Mai 2020

Zum Vergleich die Neubearbeitung meiner Übersetzung von Boutens "Goede Dood"

Guter Tod

Guter Tod, wes reines Pfeifen
Ins erstillte Leben sticht,
Der zum lächelnden Begreifen
Junge, Schöne, gleich besticht,

Für den lachend Kinder, Weise
Hören auf zu lesen, spielen,
Vor dem einzig Zittergreise
In der klammen Klause trielen.

Mir ist jeder Tag verleidet,
Der dein Locken nicht vernimmt;
Dieses Land von Most, Getreide -
Es ist schön, doch nicht für mich bestimmt;

Niemals konnte ich hier trinken
Seelentrunk, nach dem es mich verlangt,
Oder hörte ich dich singen,
Nie dein fernes Lied erklang:

Alles Schöne, das die Erd' kann geben,
Ist der Weg, der zu dir führt,
Und nur dann ist Leben Leben,
Wenn es uns zu Tode rührt.

(Boutens. Goede Dood, aus: "Stemmen", 1907)

Übersetzung Jaap Hoepelman, März 2019, Mai 2020.






Donnerstag, 8. Februar 2024

Anna Blaman. Auftakt zu den 60ern.



Anna Blaman (Johanna Vrugt)

1905 -1960



Die Spinne


Der silbern wogende Schoß,

mein Liebes, das jungfernhaft heile Netz,

das grauenhaft schöne Trauungsbett

das Fanggespinst des Todes -

ich hab' es gesponnen zwischen den Bäumen,

zwischen Sonne und Erde gestreckt

und überall, wo ich entdeckte

deine süß-summenden Sucherträume. 

Ich fange dich auf im wiegenden Bett

Oh Wunde in meinem Jungfernnetz,

Oh Liebes, verloren in meinem Schoß,

Oh Klammergriff in Liebesnot -

ich wickle dich ein in Seidengewalt,

ich halte mit tausend Armen dich umkrallt,

ich ersticke dich im Kokon aus Glut,

ich trinke dein sanftes weißes Blut,

das rinnend schwallt und schreit -


und sattgetrunken auf der Nabe

meines zerrissenen Totenrades

ich lieg' gerädert und befreit.


Anna Blaman (1906-1960)
aus: Anna Blaman over zichzelf en anderen (1963)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Februar 2024

De Spin


Ich hab mal über Pieter Cornelis Boutens geschrieben und seine Angst, sich zu dem zu bekennen, was er war. Er verneinte lebenslänglich vehement der Autor der offenherzigen  "Nachgelassenen Strophen des Andries de Hoghe" zu sein, aus denen ein Fragment an einige Zeilen  der "Spinne" erinnert:

"...
Und andre mittlerweil', wie finstre Schemen,
Augen hinter Schattenlarve schwelend,
schleichen und gleiten durch das dichteste Gewühle,
und oft mir nähert sich unmerklich eine Geste
dem dumpfen Grienen gleich: "Du bist einer wie wir"-
und von den Lippen tropft heiseres Geflüster,
Sprache in der ein Mensch nicht singen kann,
 ..."

Auf gleichgeschlechtliche Liebe lag zu Boutens Zeiten noch ein schweres Tabu.  In 1930 verweigerte die Regierung Boutens eine königliche Auszeichnung, aufgrund von hartnäckigen "Gerüchten", obwohl Boutens zu den prominentesten Dichtern der Niederlande zählte. Der Schriftsteller und Arzt Aletrino, obwohl Autor einer aufgeklärten Studie aus 1897, in der Homosexualität als gesund und normal beschrieben wird, versuchte panisch, zusammen mit de Haans Ehefrau, die Auflage des Romans "Pijpelijntjes" von Jacob Israel de Haan aus dem Markt zu kaufen.  Pijpelijntjes hat als Thema die homoerotische Beziehung zweier Freunde, die leicht als de Haan und Aletrino zu erkennen sind. De Haan verlor über die Affäre seine Anstellungen. Der Dichter Kloos tauchte ab in einer Scheinehe, Couperus ebenso, de Haans Ehe wird als "Verstandsehe" beschrieben, Gezelle war sowieso Priester. Gerrit Komrij mit seiner  Sottise "Jeder Künstler der Neues bringt, jeder Avant-Garde-Dichter, ist Homo. Das Umgekehrte gilt nicht"  lag nicht weit daneben. In den Kriegsjahren wurde die Lage richtig bedrohlich. Das (etwas kostengünstig geratene) "Homomonument" in Amsterdam erinnert an die Verfolgung Homosexueller weltweit. 


Es dauerte bis zu den 60ern, bis die Herrschaft der Tabus in vielen Bereichen sich langsam zu lösen anfing. Der Krieg war vorbei, das Kolonialreich hatte sich aufgelöst, die Autoritäten, die kläglich versagt hatten, wurden in Frage gestellt, gegen den Krieg in Vietnam und die Regimes in Spanien und Portugal wurde demonstriert. Eine Art fröhlicher  Anarchismus, die "Provo-Bewegung" ("Provo" wie "Provokation"), fand großen Anklang. Das Umweltthema kam auf, "Witte fietsen", "Witkarren" (weiße Fahrräder und weiße Wägelchen für alle) wurden ausprobiert, die Kirchen verloren rapide an Ansehen. Der Schriftsteller Gerard Reve bekannte sich offen zu seiner Homosexualität, trat paradoxerweise trotzdem in die katholischen Kirche ein,  beschrieb in seinem Roman "Nader tot U" ("Näher zu Dir") seine Vorstellung sich mit Gott "in Gestalt eines einjährigen, mausgrauen Esels" zu vereinigen und gewann den darauf folgenden Prozess,  der 1966 wegen Blasphemie gegen ihn eröffnet wurde. Es war ein ziemliches Durcheinander. Das Königshaus wurde mit manchmal nicht ganz feinen Mitteln angegriffen, so wurde Königin Juliana in einer Karikatur als Schaufensterhure zum Lohn von 5,2 Millionen Gulden (die Zulage des Königshauses) dargestellt. Interessanterweise wurde der Zeichner nicht verurteilt, was in dialektisch versierten Kreisen als besonders perfide Form der repressiven Toleranz aufgefasst wurde.
Anna Blaman starb zu früh für diese Minirevolution, aber sie hatte wichtige Weichen gesetzt: Sie arbeitete als Dramaturgin und Übersetzerin am Theater in Rotterdam, sie lebte ihre Sexualität als etwas selbstverständliches und sie arbeitete das Selbstverständliche in ihre Werke ein, z.B. im Roman Eenzaam Avontuur (Einsames Abenteuer) aus 1948, der ein großer Erfolg war und viele Auflagen kannte. Obwohl Homosexualiteit unter Frauen in Kirche und Gesellschaft nicht so rabiat verfolgt wurde wie unter Männern und enge Beziehungen unter Autorinnen in den Niederlanden wohlbekannt waren, wie die von Betje Wolff und Aagje Deken, 

führte Einsames Abenteuer zu gewaltiger Erregung in konservativen Kreisen. "Miserabel", "schmierig", "extravagant", "zusammenhangslos", "schwachsinnig", urteilten einige Kitiker. Es wurde sogar quasi im Scherz ein Büchertribunal errichtet, das Blaman sehr betroffen machte (und womit die Organisatoren unbewusst daran erinnerten, dass Frauen als Homosexuelle vielleicht weniger verurteilt wurden, dafür in der Vergangenheit als Hexen um so mehr und zwar im Wesentlichen aus dem gleichen Grund).
Die Anerkennung für ihre Werke aber wuchs und Anna Blaman wurde mit wichtigen Auszeichnungen geehrt, darunter der Prosapreis der Stadt Amsterdam (1956) und der P.C. Hooft-Preis, der wichtigste Literaturpreis der Niederlande (1957). In Rotterdam wurde ein Denkmal für sie errichtet in Form eines silbernen Motorrades.  


Anna Blaman fuhr Motorrad eben mit der gleichen Selbstverständlichkeit mit der sie über Homosexualität schrieb - Sensationen in den 40ern und den 50ern.


Die königliche Anerkennung, die Boutens - auf Betreiben der Regierung - verweigert wurde, wurde Anna Blaman dann doch zuteil, wie eine Art verspätete Wiedergutmachung: Sie traf sich mit Königin Juliana während des Bücherballs 1958.



Montag, 22. Februar 2021

Boutens: Die Wertschätzung kommt mit dem Alter.


 Pieter Cornelis Boutens 1870-1943

Pieter Cornelis Boutens war eine wichtige Gestalt der niederländischen Literatur, Ende des 19. , Anfang des 20. Jahrhunderts. Einige seiner Gedichte habe ich in diesem Blog übersetzt und einiges zur Person hinzugefügt. Eigentlich konnte ich mich lange nicht mit seiner Kunst anfreunden, zu literarisch-dichterisch, zu abgehoben waren seine Gedichte nach meinem Geschmack, in einer Zeit, in der z. B. van Ostaijen unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges der niederländischen Poesie eine völlig neue Richtung gab. Trotzdem - es sind kräftige und schöne darunter, ich habe versucht von einigen bekannten einen Eindruck zu geben. Mit "Lethe", obwohl auch sehr bekannt,  konnte ich bis vor kurzem nichts anfangen, aber jetzt bin ich selber im richtigen Alter und siehe! das Gedicht ist schön, perfekt und wahr. Was kann man mehr verlangen? Mea Culpa!


Boutens


Lethe

 

Wie, über den blinden, brennenden Basalt

Kann ich den Weg zur Lethe finden?

Oh, dass die Gedanken schwinden,

Noch vor dem Abendfall.

 

Ich weiß, dass Tod und Dunkel kommen,

Wenn Tages Blendlicht einmal war,

Doch ich will Ruhe, tief und klar,

Und jeder Traum von mir genommen.

 

Denn wer, wie ich, von Kind bis Knabe,

Von Mann bis Graubart darbt,

Liegt, wenn er denn des Todes starb,

Nur ruhelos im Grabe...

 

Die süße Macht des Lachens und der Tränen

Gab mir und nahm mir's Leben

Doch meine Augen konnten sehen    

Und stets die Füße gehen

 

Wie oft zog seitdem, ob ich saß, ob ging,

Vor meinem wachen Auge, einerlei

Der lange Zug vorbei

Erinnerung an Lust, die nie verging?

 

Warum nur muss ich ständig sehen, was ich weiß?

Alles rettungslos Vollbrachte,

Alles rettungslos Gedachte:

Wen kümmern noch die Taten eines Greis'?


Oh, bevor der Tod die Glieder bindet

Und sie für ewig bettet  

Gibt's nichts, das mir das Auge rettet,  

Und aus dem Alb den Ausweg findet?

 

Oh klare Seele, rotes Blut,

Oh Herz, das irr dazwischen liegt

Gibt's keinen, der in Schlaf euch wiegt

Zusammen und für gut? 

                                                    

Mein Fuß kann vor dem Abendfall

Noch viele Meilen gehen.

Hilft keiner mir begehen

Den Weg in Lethes Tal?

 

Wer, über den blinden, brennenden Basalt

Hilft mir zur Lethe finden?

Oh, dass die Gedanken schwinden

Noch vor dem Abendfall!


Aus "Stemmen", 1907


Übersetzung Jaap Hoepelman,  Februar 2021

Montag, 8. Juli 2019

Boutens. Berlin 1910.

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P. C. Boutens
1870 -1943




Rosengarten
Berlin

1910


Ich habe etwas beinah schönes angeschaut
Hier, wo die Jagd der Oberflächlichkeit
Alles schöne feil für Gold
Besitzen will, und so entweiht -
Ich habe etwas beinah schönes angeschaut:
Im vom Verkehr umsummten Park
Abseits von seinen Asphaltwegen,
Wie in einer Straße eine zugebaute Kirche,
Fand einen Rosengarten ich gelegen:
Dort in sonndurchstrahlter Blumenwolke
Schwiegen vom unbehobelbaren Volke
Leeres Geschwätz, hohles Getue.
Einen Augenblick der Ruhe...
Nur Rosenstauden, Rosenständer!
So dacht' ich - mittendrin
Stand von der doofen Kaiserin
Der doofere Kleiderständer.

Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2019



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Mittwoch, 17. Januar 2024

Gerrit Komrij. Dichter des Vaterlandes.

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Gerrit Komrij
1944-2012

Gerrit Komrij war Dichter, Theaterschriftsteller, Kritiker, Übersetzer und vieles mehr. Seine Beiträge erwartete man gespannt mit jeder neuen Zeitungsauflage. Als Dichter war er ein strenger Vertreter der vollendeten Form und der perfekten Beherrschung des Handwerks. Er hatte nur wenig übrig für die freien Formen der Fünfziger.

Um der Tradition der niederländischen Dichtung wieder zu mehr Wertschätzung zu verhelfen, gab Komrij drei Bände heraus mit einer persönlichen Auswahl aus 10 Jahrhunderten Poesie, später bekannt unter dem Namen "Der Große Komrij".

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Komrij hatte eine gewisse Vorliebe für Außenseiter und Außenseiterliteratur und er verfügte über einen reichhaltigen Fundus. Sein Standardwerk in dieser Hinsicht ist die enzyklopädische "Kakafonie" in der Nachfolge des Josef Feinhals. 

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Auch die unten stehende "Patentuhr" zeigt diese Vorliebe. Zu monieren wäre höchstens, dass Komrij in der "Patentuhr" nicht, Feinhals zu Ehren, die in höheren Kreisen gerne benutzte Cohiba, sondern eine Gouda-Kerze genommen hat.
Die Literatur, die sich mit dem Hintern und dessen elementaren Funktionen beschäftigt, ist, kann man sagen, überwältigend. Die "Patentuhr" befindet sich in der guter Gesellschaft von beispielsweise Tomi Ungerer 

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und Wolfgang Amadé Mozart

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Auch die Komödien des Römers Plautus kamen nicht ohne einen erheiternden Flatus aus. Dagegen wurde mit dem Tode bestraft, wer während eines Gelages des Kaisers Caracalla einen streichen ließ, womit die ganze Bandbreite der Rezeption von Ungehörigkeiten dargestellt wäre. 
In der frühen Aufklärung der Niederlande des 17. Jahrhunderts veröffentlichte Adriaan Beverland einige Schriften zur Sexualität. 


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Adriaan Beverland und eine Partnerin.
Das provokant gezeigte Buch ist das 
verabscheute "Peccatum Originale".

In diesen griff er Spinozas Gedanken auf, dass die Bibel ein Werk von Menschen für Menschen sei  und schloss, dass die biblischen Gebote und Verbote betreffs der Fleischeslust ebenso Menschenwerk seien. Beverland trat offen ein für die Gleichheit und Gleichwertigkeit von männlicher und weiblicher Lust und er lebte seine Überzeugung. Es war ein unerhörter Affront für die calvinistische Gesellschaft. Beverland wurde aus den Niederlanden verbannt und er verbrachte den Rest seines Lebens im Exil in London.* Noch 1930 verweigerte die niederländische Regierung dem berühmten Dichter P. C. Boutens eine königliche Auszeichnung, wegen "Gerüchten", obwohl Boutens seine Autorschaft der notorischen "Strophen des Andries de Hoghe" vehement leugnete.
Komrij aber wurden 70 Jahre später viele und wichtige Ehrungen zuteil und gegen Ende seines Lebens wurde er sogar Dichter des Vaterlandes. Spinozas Aufklärungswille hatte sich in den Niederlanden dann doch erhalten, wenn auch manchmal unterschwellig. 

Spaßdichtung und Obszönität sind aber nur Nebensache in der "Patentweckuhr". Sie sind die Maske, hinter denen ein romantischer Dichter seine Melancholie verbirgt, wenn er leicht spöttisch einen Jüngling beschreibt, der begeistert wie ein junges Fohlen losspringt bei jeder blödsinnigen Idee. Er selbst? Komrij mochte Gefühlswallungen nicht und mied das lyrische "ich". Das distanzierte "du" war ihm lieber. Manchmal auch sicherte ein schöner Ausrutscher ins Absurde den nötigen Distanz. 




Komrijs Patentweckuhr

I

Du hattest immer leise den Verdacht
Dass du im Herzen trugst den Funken des Genies.
Du erfandst dauernd Neues, Tag und Nacht.
(Denn du erwarbst das Reifezeugnis

Ja nicht vergebens, nicht umsonst, oh nein.)
In hundertsiebenzehn Patenten warst du drin.
Du konntest Heil und Segen sein
Der Menschheit; fast wie eine Heilssoldatin.

Doch dann fiel dir der Wecker ein, der kann
"Es" ohne Lärm - ein Weilchen ist es her. Jedoch
Bedarf es eines Bleistifts oder Kreidestücks, sodann
Die gute Kerze, zum Schluss das eigne Arschloch.

2

So könnte man es nennen: Göttliche Simpelheit!
Form folgt Funktion! Beinahe kostenlos!
Dazu poetisch! Nicht länger kam die Zeit
Giftig und blechern scheppernd aus der Dose.

Zuerst mit Bleistift machtest du zehn Striche
Rundum der Kerze; Eine für jede Stunde in der Nacht,
Die du normalerweise schliefst. Kerben ging auch, statt Striche.
Dann schobst du sie, sanft strahlend, mit Bedacht

Hinein in die Rosette, senkrecht: Sechs Striche tief,
Hattest du vier Stund' zu schlafen vor;
Acht tief, zwei Stunden Schlaf; So einfach lief
Es: Die Stunden, die du schliefst lugten hervor.

3

So ruhest du mit einem Feuerchen am Darm.
Und wenn die Zeit zum Aufsteh'n wieder da ist
Berührt das treue Flämmchen sanft und warm
Ganz zärtlich deinen Ausgang, bis du wach bist.

Du tänzelst aus der Bettstatt, frisch und pumperlgsund
(Besorg' dir aber Kerzen einer guten Qualität
Damit das Wachs dir nicht den Arsch verklumpt)
Wonach es fröhlich pfeifend an die Arbeit geht.

Vor kurzem wolltest du früh raus, und triebst
Die Uhr wohl sieben Strich um Strich zutiefst
Hinein. Bis dir ein Furz die Flamme ausblies
Und du dich unberührt verschliefst.

4

Nochmal, dein Wecker ist ja fast perfekt.
Der Nachteil, klar, du liegst auf deinem Bauch
und schläfst voll nackt, den Hintern hochgestreckt.
Das kalkulierst du mit, dann funktioniert es auch.

Du hast erneut Patent beantragt. Warum nicht?
Denn während Weckuhren der alten Sorte
Verlässlich sind, so wie ein Netz winddicht,
Glost deine Uhr, die Nacht erleuchtend, fort.

Und jeden Morgen, siehe: Schon schmort der Stopfen;
Man hüpft vom Bett in edelster Gesinnung
Geht auf die Straße, bittend generös zu opfern
Für die Laken- und die Daunendeckeninnung.

Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2019

Komrij liest "De Patentwekker"


*Jonathan Israel

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...