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Donnerstag, 23. August 2018

Gerrit van de Linde: Der Schulmeister. Liebe ist das nicht...

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Gerrit van de Linde (Pseudonym "De Schoolmeester"- "Der Schulmeister")(Rotterdam, 1808 – London, 1858) bereitete sich in Leiden auf das Pfarramt vor, bis ihn ein bedauerlicher Vorfall an der Weiterführung seiner Studien hinderte. Er beschreibt den Grund folgendermaßen: "lieber als mich noch länger auf dem ausgetretenen und dürren Trampfelpfad der theologischen Lehrmeinungen aufzuhalten, warf ich mich mit Leib und Seele auf ein vernachlässigtes und nicht ausreichend erforschtes Kapitel der Chemie": Der junge, hoffnungsfrohe Student der Gottesgelehrtheit hatte eine Affäre mit der Ehefrau des Leidener Chemieprofessors van der Boon Mesch angefangen. Der Chemieprofessor rächte sich, indem er van de Linde in den Niederlanden dermaßen unmöglich machte, dass dieser sein Theologiestudium aufgeben und nach London flüchten musste. Dort gründete er eine erfolgreiche Schule gründete, offensichtlich nicht gehindert durch mangelnde Englischkenntnisse. Der Verlust für die Theologie kann nicht übermäßig groß gewesen sein, der Gewinn für die Sprachkunst war dafür umso größer. Denn van der Linde war ein Virtuose der Sprache und seine heiteren Verse erfreuten sich lange großer Beliebtheit. Ansonsten war das Leben eines Schulmeisters eine mühselige und durch Armut geplagte Quälerei, wie es aus der Jammerklacht an den Freund van Lennep hervorgeht. Hoffentlich empfinden heutige Schulmeister es anders.

Schulmeister

Er, der aus freier Kaprice,
In einer Hinterkammer,
Kopfschmerzen wie ein Hammer,
Und eine verstopfte Nase
Und eine beklemmte Blase,
Und Gelüste wie ein Bock,
Ein Nacken wie im Stock,
Und Türen, die nicht schließen,
Und alle Scheiben leck,
Podagra in den Füßen,
und aussieht wie ein Geck;
Ist minder zu beklagen,
Als der, der drei Paar Tage,
Die Klassenzimmerblagen,
Die Furzluft und den Dreck,
Rotznasen, Eselsfragen,
Das ekelhafte Nägelnagen,
Das kratzend Läusejagen,
Die schmutzig weißen Kragen,
Das gottverdammte Plagen
Der Jugend muss ertragen.


De Schoolmeester, um 1834.

Schulmeister


Übersetzung Jaap Hoepelman November 2017

Dass van de Linde wahrlich nicht für das Studium der Theologie geeignet war, geht auch aus folgender Glosse an van Lennep hervor (Jacob van Lennep), die ein interessantes Licht auf Sitten und Moral im frühen 19. Jahrhundert wirft.. Van Lennep, im Übrigen, war selber ein einflussreicher Dichter und Schriftsteller,

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"Rijksadvocaat" (eine Stellung vergleichbar mit der des Staatsanwalts). Er war ein liberaler Mann, Erstherausgeber von Multatulis "Max Havelaar" und Herausgeber von Vondels Gesamtwerke, ein treuer Unterstützer van de Lindes und der richtige Adressat für den folgenden kleinen Reim:

Gerrit van de Linde
Für van Lennep
1834
-----
Wenn manchmal die bösen Fleischeslüste dich tun plagen
empfehle ich dir du weisst schon was ich meine bis Holland zu vertagen
Denn die englischen Huren wird keiner dir rekommandieren
Sie liegen in den Pfühlen wie Statuen nach dem Gefrieren
Und um dafür zu sorgen, dass eine englische Hurfrau beim Ficken sich ein wenig regt
Musst du eine andere darunter legen, die vom Schluckauf wird bewegt.


Übersetzung Jaap Hoepelman

August 2018



Gerrit van de Linde
voor van Lennep

1834

‘Als somtijds de booze lusten van het vleesch je mogten kwellen
Zou ik je maar raden om je weet wel wat ik meen tot in Holland uit te stellen
Want de Engelsche hoeren zal niemand je recommanderen
Ze liggen net als bevroren monumenten in de veren
En om te maken dat een Engelsche hoervrouw onder het naayen een beetje leeft
Zou je er een andere onder moeten leggen die den hik heeft’.

Samstag, 16. August 2025

Jacob van Lennep. An ein Röslein.

 


In Amsterdam hat vor Kurzem ein Wandgemälde einigen Staub aufgewirbelt. Zu sehen sind an einer Häuserwand eine teilweise verpixelte nackte Schöne, ein Bewunderer, der vor lauter intensiver Betrachtung das Gleichgewicht verliert und ein nur teilweise abgebildetes Gedicht, das aber so viel preisgibt, dass der Leser ohne viel Mühe den Inhalt entschlüsseln kann. Verpixelt wurde ein Teil des Bildes als Kompromiss erst nachträglich vom Künstler, weil das Original Unmut in der Nachbarschaft verursacht hatte und zuvor mit  Farbbomben und politischen Bannern verunstaltet worden war. Paradoxerweise zieht die Verpixelung die Blicke nun eher auf sich, als das unverpixelte Original.  Der Dichter war der "rijksadvocaat" (eine Art Fiskalanwalt für den Staat) und spätere Staatsanwalt Jacob van Lennep.*  Das Gedicht schmückt passenderweise eine Wand an dem nach ihm benannten Kai, der "Jacob van Lennep Kade".


Jacob van Lennep 1802-1868

Die "Jacob van Lennep Kade" ist kein Kai an einer der ikonischen Amsterdamer Grachten. Standesgemäßer wohnte Staatsanwalt van Lennep an der Keizersgracht 560:


Das Haus steht noch heute und wird von einem Giebelstein geschmückt: 


Die van Lenneps gehörten zum Amsterdamer Patriziat. Um einen Eindruck zu vermitteln:  Sie hatten zB. Verbindungen zu den Familien Trip und Six.



                    Jacob Trip
              Rembrandt van Rijn
                                                                                                                           Jan Six
                                                                                                                      Rembrandt van Rijn

Nicht ganz überraschend war Jacob van Lennep politisch konservativ, jedoch geprägt von jener nonchalanten Liberalität, die mit entsprechender gesellschaftlicher Stellung und ebensolchem Vermögen oft einher geht. So wird berichtet, dass er sich um passende Kleidung nicht sonderlich kümmerte oder auch schon mal in einer Art Kaftan herumspazierte. Er war unglaublich produktiv, verfasste historische Romane (wie sie in jener Epoche durch Walter Scott in Mode kamen), Gedichte, Übersetzungen sowie Schauspiele. Zudem schrieb er historische Abhandlungen, sammelte und beschrieb völkerkundliche Materialien, war sprachwissenschaftlich tätig, war Mitglied des Parlaments, der Veterinärkommission und beschäftigte sich mit der Landesgesundheit, usw. usw...Eines seiner wichtigsten Projekte war die Organisation der Amsterdamer Trinkwasserleitung,  ein Vorhaben  von höchster Dringlichkeit: da Choleraepidemien im Amsterdam des 19. Jahrhunderts erschreckend häufig waren. Sie entstanden in Elendsvierteln wie diesem:


Van Lenneps liberale Einstellung zeigte sich auch in seiner Hilfsbereitschaft für weniger vom Schicksal begünstigte Kollegen. So ermöglichte er Multatuli, die Veröffentlichung des staatskritischen Romans "Max Havelaar" - (darüber gäbe es noch viel mehr zu erzählen - zuviel für den Moment). Ein anderer Fall war Gerrit van der Linde, der ein kümmerliches Dasein als Schulmeister in London fristete, der aber in seiner Korrespondenz eine erstaunliche Unbekümmertheit an den Tag legt. Vielleicht, hatte van Lennep in van der Linde eine verwandte Seele entdeckt. Van Lennep, man kann es nicht anders sagen, war so etwas wie ein mit zahlreichen Kindern gesegneter "schuinsmarcheerder", ein Lebemann. Das war allgemein bekannt, es hat ihn wahrscheinlich die Ernennung zum Geschichtsprofessor gekostet. Van der Linde wiederum hatte es, nach einer Affäre im akademischen Milieu, Hals über Kopf nach London verschlagen. Aus van der Lindes Bettelbriefen geht hervor, dass er seine alte Gewohnheiten nicht ganz abgelegt hatte, worüber er mit Ihro Staatsanwaltschaft völlig auf Augenhöhe verkehrte. Hier die erste Zeile eines Reims in einem Schreiben an van Lennep:

Wenn manchmal die bösen Fleischeslüste dich tun plagen...

Van Lenneps Leben scheint durch seinen Lebensstil weniger durcheinander gebracht worden zu sein: Quod licet Iovi.... Auf alle Fälle konnte er sein unmissverständliches Gedicht "An ein Röslein" unbeschwert im Kreise seiner Kollegen-Patrizier im Herrenverein "Saterdagsch Gezelschap"** vortragen: 

An ein Röslein***

Sanftgefärbte Frühlingsblüte,
Was du wohl auf Selindes Busen tust,****
Dass du kuschlig auf den Brüsten
Wie zwischen daunenen Pfühlen ruhst!
Artiges Röschen, frisch entfaltet,
Wäre dein seliges Schicksal meins,
Läg' auch ich sanft festgehalten
Wo das Halssatin sich spreizt,
Ich läge nicht, wie du, bewusstlos
Das Köpfchen abgeknickt zur Seit;
Nein, die Neugier schaute rastlos
Auf die nahe Herrlichkeit.
Angespornt von heißen Lüsten
Auf die Brüste, weiß und weich,
Drückt' ich tausend, tausend Küsse
Auf Schultern, Hals und Nacken gleich.
Ich würd' zusammen auch vergleichen
Beide Kugeln, weiß und rund:
Welcher ich den Lorbeer reiche
Woraus bestünde der Befund?
Wo die Venen blauer schienen,
Wo das Weiß am weißesten war,
Welcher die größte Federkraft verliehen,
Welche der Beere röter war.
Dann versucht' ich nach zu spüren,
Wohin die hohle Gasse leitet,
Wohin die Furche mich will führen,
Die ein Rund vom anderen scheidet,
Die stillschweigend mir bedeutet,
Dass die Gass' nach unten führt,
Dort, wo warten ungeahnte Freuden,
Von keinem Sterblichen berührt.
Ich nähm die Gasse, lustgetrieben wie ich war,
Bis ich den Schatz in Augenschein genommen
Und sich auftat, was geheim geblieben war,
Bis ich in Cypris' Rosenhof war angekommen.*****

Übersetzung Jaap Hoepelman August 2025


* Jacob van Lennep war eine bunte Gestalt in einem Jahrhundert, das an sich viel bunter war als es in den Niederlanden im Allgemeinen dargestellt wird. Marita Mathijsen hat ihm eine ausführliche Biographie gewidmet: "Een bezielde Schavuit. Jacob van Lennep". Auf Niederländisch natürlich - für die geneigte Leserschaft dieses Blogs kann das nur ein Anreiz sein.


*** Die Rose war ein gerne benutztes literarisches Motiv, das Lust, Zärtlichkeit, Kurzlebigkeit, Wohlriechendheit, Wehrhaftigkeit und Trauer in unterschiedlichen Kombinationen miteinander verband, wie, ziemlich drastisch, in Goethes „Heideröslein“:

„Half ihm doch kein Weh und Ach, musst' es eben leiden“

Goethe war wahrlich nicht der erste, der das Rosenmotiv nutzte. Um nur einige Beispiele zu nennen: wir sahen es Jahrhunderte früher bei van der Noot und Ronsard, und auch als Emblem in einem Trostgedicht für ein früh verstorbenes Kind bei François de Malherbe

Et, rose, elle a vécu ce que vivent les roses,
L'espace d'un matin.


**** „Selinde“ war eine in der Romantik gerne wegen ihrer Schönheit besungene Frauengestalt. So lauten z.B. die ersten Zeilen des Gedichtes „Selinde“ von Gellert  

Das schönste Kind zu ihren Zeiten 
Selinde, reich an Lieblichkeiten

Während Gellert die Tugendhaftigkeit Selindes besingt, bereimt Friedrich Schlegel in „An Selinde“ eher die körperlichen Freuden:

Die süße Stunde werd ich nie vergessen,
als mich der liebe Leib so süß umschlungen,
auch Du von meinem Leben warst durchdrungen,
uns beid umschwebt ein seliges Vergessen!

Franz Schubert kommt in den ersten Zeilen des Liedes „Stimme der Liebe“ (Text Graf zu Stolberg), ohne Umschweifen zur Sache:

Meine Selinde! Denn mit Engelsstimme
Singt die Liebe mir zu: sie wird Deine!

***** „Cypris“ steht für Venus, die der Legende nach auf Zypern geboren wurde.







Mittwoch, 21. März 2018

Drs. P. und das "Ollekebolleke".


 Afbeeldingsresultaat


Wir haben van de Linde, Hoekstra, Stip und Wilmink bereits als Spaßdichter kennengelernt, und diese gloriose Reihe möchte ich jetzt erweitern um Drs. P.. Drs.?? Drs. ist die Abkürzung von doctorandus/a, "der/die noch Doktor werden muss" (Latein, Gerundivum). Es war in den Niederlanden der übliche Titel für das, was jetzt meistens "Master" genannt wird. Der Qualität des akademischen Unterrichts hat dieser Namenswechsel selbstverständlich enorm gutgetan. Ehrlich gesagt, wurde der Titel "Drs." manchmal belächelt, insbesondere von denjenigen, die es bis zum Dr. geschafft hatten. Die meisten Drs. aber waren mit ihrem Titel zufrieden und verbreiteten sich über Ämter und Ministerien wie Ameisen über einen Kuchen. In ‚Drs. P.‘ steckt also eine Menge Selbstspott. Vornehm, förmlich, korrekt, aber etwas gehemmt. "Drs. P." ist das Pseudonym für Heinz Hermann Polzer (1919-2015), ein Ökonom mit Schweizer Nationalität, Komponist, Liedermacher, Kabarettist, Dichter, Sänger...
Drs. P. war ein etwas hüftsteifer, äußerst förmlicher Mann, dem man ansah, dass er gute Zigarren zu schätzen wusste. Er sprach Niederländisch mit dem vornehmen Akzent, den man nicht anders als "bekakt" nennen kann (darauf können Sie sich selber einen Reim machen), und der wahrscheinlich ausgestorben ist; er war ein großer Sprachvirtuose, und er war KULT. Es gelingt mir leider meistens nicht, meinen deutschen Bekannten klarzumachen, warum, aber vielleicht kann diese Aufnahme von "Todesritt" einiges erklären (aber Achtung! nicht ganz einfach, man müsste sich eigentlich schon eine Weile mit den Gepflogenheiten des kuriosen Nachbarvölkchens beschäftigt haben).

    Drs. P.
 



Drs. P. hat das von ihm so genannte "Ollekebolleke" in die niederländische Literatur eingeführt. Das "Ollekebolleke" ist eine amerikanische Erfindung und heißt dort "Jiggery Pokery", "Higgledy Piggledy" oder "Double Dactyl". "Doppelter Daktylus"... ist ein doppelter Daktylus, wie "Ollekebolleke" im niederländischen Kinderlied. Ein echtes, gutes Ollekebolleke jedoch unterliegt strengen Vorschriften. Ich könnte sie hier alle aufschreiben, aber dieser Post wird schon zu lang. Ich adaptiere hier lieber eins, so dass jeder versuchen kann, die Regeln aus der Form zu destillieren.

Drs. P.

Dagelijks voorstelling!
Wreedheden! Bloedbaden!
Roofdieren! Christenen!
Actie! mimiek!

Ware juweeltjes van
Liefhebberijtoneel
Voor het geachte
Romeinse publiek!


Tägliche Darbietung!
Grausamkeit! Blutlachen!
Raubtiere! Märtyrer!
Tötungsgeschick!

Richtige Perlen von
Amateurschauspielkunst
Plaudite Cives! So
Schön fast wie Krieg!

(Jaap Hoepelman März 2018, frei nach Drs. P.)

Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Freitag, 2. März 2018

Epigramm, pleziervers oder Spaßgedicht.

 Gerelateerde afbeelding


Mit Hoekstra und Wilmink haben wir den geraden, aber schmalen Weg der ernsten Dichtkunst verlassen. Die Sünde schmeckt aber und Dichter die sich dem "pleziervers" (Spaßdichtung, light verse) widmen, hat die niederländische Literatur einige. Im Übrigen kann man auch Gerrit van de Linde problemlos dazu rechnen. Einer der prominentesten war Kees Stip (Cornelis Jan Stip 1913 - 2001), nach dessen Pseudoniem "Trijntje Fop" eine eigene Gattung benannt wurde (vgl. "Limerick"). Das "Trijntje Fop" ist ein Epigramm nach dem Muster: Tiername, Ortsname, in der letzten Zeile eine Pointe. Reimschema: AABBCC. Stip hat davon Hunderte geschrieben und in der Zeitung veröffentlicht. Sprachtechnisch standen sie auf höchstem Niveau, aber fein genug für offizielle Ehrungen war Stips Kunst nicht. Vielleicht weil das englische "light verse" viel vornehmer klingt als "pleziervers", nimmt die Wertschätzung dieser Kunstform in letzter Zeit wieder zu. Immerhin war das Epigramm in der Antike eine hochgeschätzte Dichtform. Wenigstens trägt eine Auszeichnung jetzt Stips Name. Ich habe hier zwei "Trijntje Fops" übersetzt und wer aufmerksam liest, wird entdecken, das manchmal mehr dahinter steckt, als man auf dem ersten Blick vermuten würde.


Kees Stip (1913-2001)


Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund
wenn lodernd wird das Sonnenrund
zum Horizont wird fort getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"


Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018


An eine Made


Im Juli ging ein Grüppchen Maden
In Zandvoort in den Wellen baden
Das Cleverle der Kompanie
Sprach: "Leute, spinn' ich oder wie?
Es sind hier Maden mit von der Partie
Die made sind in Germany."

(Übersetzung Jaap Hoepelman 2017)


(Kees Stip. Lachen in een leeuw. Verzamelde gedichten. Amsterdam 1993.)

Samstag, 20. September 2025

Reineke Fuchs. Der Hoftag.

 

Jan de Putter | Just another WordPress.com site

Reineke Fuchs
oder
Van de vos Reynaerde


von
Willem die Madocke maecte
 
Übersetzung Jaap Hoepelman 

Aus dem Mittelniederländischen,  Januar 2021.

"Reineke Fuchs? Den kennen wir doch?" Schon, aber wenig bekannt ist, dass Goethes Nachdichtung auf einer  flämisch-niederländische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert basiert. Auch diese hatte eine lange Vorgeschichte. Die flämische Version wurde von einem Autor geschrieben, der sich "Willem die Madocke maecte"  ("Willem, der Madocke machte“) nannte, der aus Ost-Flandern stammte,  über den ansonsten wenig bekannt ist. 
"Van de Vos Reynaerde" gilt als ein Höhepunkt der mittelniederländischen Literatur. Der Text ist überraschend modern in seinem Sarkasmus ohne aufgesetzte Kunstfertigkeit. Willem gelang eine Kombination von Gesellschaftskritik, Satire, Abenteuergeschichte und Bubenstück. "Reynaerde" wird in dieser Übertragung "Reynaert" oder "Reyn" genannt. "Reynaert" bedeutet ""mit reinem Charakter". Nomen est omen...Reynaert zeigt in "Van de vos Reynaerde" nicht die Spur der moralischen Makellosigkeit eines ordentlichen Helden. Er war ein Betrüger, Sadist, Räuber, Schänder, Lügner... Seine Opfer waren aber nicht besser, nur dümmer, verschwiemelter, frömmelnder, habgieriger und verlogener. Der „Reynaert“ ist mittelalterlich drastisch, aber für Willems Zeitgenossen muss es ein Genuss gewesen sein, dass wirklich alle ihr Fett abbekamen.

Wer Lust und Zeit hat, die vollständige Geschichte zu lesen, um festzustellen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, der klicke hier

I

Der Hoftag

De Middel-Nederlandse Reinaert-verhalen in toegankelijke ...

Es war Pfingsten und zum Dank,
dass der Geist herniedersank
stand nun der Lenz in voller Blüte,
die Schwalben zeigten sich; es grünte
allenthalben. König Nobel nutzte die Gelegenheit,
zu zeigen sich in voller Wichtigkeit.
Also erging der bindende
Befehl, sich unverweilt am Hofe einzufinden,
und alle Tiere, groß und klein,
trafen sich zum Hoftag ein.
Reynaert Fuchs hatte verzichtet,
viel Böses wurde über ihn berichtet,
es wär' wohl schlauer, meinte Reyn, 
am Hoftag nicht dabei zu sein.

Alle Tiere hatten Grund zur Klage. Insbesondere Isengrim, der Wolf. Warum Reynaert gerade ihn auf dem Kieker hatte?  Nun, Isengrim ist ein grobschlächtiger Blödmann, aber ein großes Raubtier, und somit von hohem Adel. Reynaert ist ihm intellektuell weit überlegen, jedoch als kleines Raubtier nur von niederem Adel. Wie im richtigen Leben: Das bringt Hass und Neid hervor, die hier hemmungslos ausgelebt werden...
Den Anfang machte Isengrim.
Er hatte Grund für seinen Grimm!
„Sire, Ihro Majestät!
Kein Unrecht, das vor Ihrem Blick besteht,
kein Tort, wie uns von Reynaert angetan.
Was hat er meiner Frau getan,
und mich verdroschen und verhöhnt nicht minder!
Schlimmer noch! Was tat er meinen Kindern?!
Er tat was unverzeihlich ist:
Im Schlaf hat er sie vollgepisst.
Stockblind seitdem das erste Kind,
das zweite, und das dritte, Sire: Blind!

Auch Courtois der Mops und Kater Tybeert tragen dem König ihre Beschwerden vor. Bedauerlicher Weise widersprechen ihre Aussagen sich in einem zentralen Punkt: Wem die gestohlenen Würste gehören...

Der Mops beklagte en français das Schicksal,
das ihm, dem armen Hund, nicht mal
un petit morceau de la saucisse
in aller Ruhe fressen ließe,
nichts blieb Courtois von diesem 'appeng
weil salopard Renard! es konnte schnappeng!
"Und dies, bedenken Majesté,
im Winter war, bei Frost und Schnee!"
Jetzt aber, aufgebracht, im Zorn,
schleicht Kater Tybeert sich nach vorn.
"Nicht nur Majestät allein
hat Gründe, außer sich zu sein.
Niemand hier in diesem Rund
hat zu klagen keinen Grund.
Doch Courtois erstaunt mich sehr -
die Würstchen - das ist lange her.
Zudem, sie waren gar nicht seine,
Majestät, die Würstchen waren meine!

Nicht ohne die eigene Rolle in ein möglichst günstiges Licht zu rücken, berichtet Pancer der Biber von Reynaerts merkwürdigem Umgang mit dem niederen Grasfresser Cuwaert dem Hasen, der im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine überaus traurige Rolle spielen wird:

Pancer, der Biber, wiederum
sprach "Majestät, ich frage mich, warum
lässt man ihn laufen, diesen Mörder und Halunken!
Was hat er nicht erlogen und erstunken!
Meine Herren! Majestät! auch Sie
düpiert er für ein Federvieh!
Dem Hasen Cuwaert - neben mir -,
hört was Reynaert tat dem tadellosen Tier.
Cuwaert hat sich nämlich ernsthaft vor-
genommen Kapellan zu werden. Chor-
gesang gehört dazu. Fleißig übte er vokal
das Kredo, doch mit einem Mal,
beim „homo factus“, hört die Messe auf.

Opdrachten Middeleeuwen blok 3

Ich beschleunigte den Lauf
und sah, wie Reynaert mit dem kleinen,
festgeklemmt zwischen den Beinen,
sich an des Hasen Kopf und Kragen macht,
fast hätte er ihn umgebracht,
wenn ich nicht, Sire Majestät,
dank Gott, es war noch nicht zu spät,
entschlossen eingeschritten wäre
zu beenden diese fromme Lehre.
Edle Herren! Wie ist er  versehrt!
Wie stehen Kopf und Hals verkehrt!
Offensichtlich ist dem Dieb
nicht mal des Königs Frieden lieb!"

Die feudale Gesellschaft war in Sippen gegliedert, deren Mitglieder bedingungslos zusammenhielten. Also springt Dachs Grimbeert, von niederem Adel, seinem Onkel Reynaert bei:

Doch Grimbeert Dachs, der nicht verknuste
was er vom Oheim hören musste,
trat auf als Reynaerts Advokat.
Ein Sprüchlein hatte er parat:
„'Feindes Mund,
tut Falsches kund!':
Wieso steht Isengrims Gelichter
nicht als erstes vor dem Richter?"

Grimbeert fährt fort, das Verhältnis zwischen Isengrim und Reynaert näher zu beleuchten:

"Wer, vom Karren voller Fischen
warf die Schollen und die Klieschen?
Du warst es! Und wer sammelte sie alle,
als sie in den Staub gefallen?
Du! Wer fraß sie alle in sich,
und ließ für ihn nur Gräten übrig?
Du! Dazu am Strick die Seite Speck?
Ein Happen und der Speck war weg!
Vergessen? Und als Reyn dich fragt dabei,
ob etwas für ihn übrig sei,
da höhntest du: 'Hier ist der Strick,
aber Vorsicht, Fett macht dick!'"

Auch andere Aspekte ihrer Beziehung werden eingehend besprochen:

"Es heult der treue Ehemann:
„Meine Frau nahm Reynaert ran!“.
Mindestens sind‘s sieben Jahre,
dass die zwei sich öfters paaren.
Durch ihre geile Lust getrieben
sind sie einander treu geblieben.
Was ist dabei? Eine Begattung! -
das Gegenteil einer Bestattung!"

Die auf französisch vorgebrachte Beschwerde des Mopshundes Courtois wird einwandfrei widerlegt:

"Und dann Courtois und die Saucisse,
die aber Reynaert seine ieße!
Die Klage folglich ohne Gegenstand!
Wo geht es hin mit diesem Land?
Der Mops, noch nicht einmal Jurist,
erklärt, dass mopsen Sünde ist?!"

Zum Schluss wartet Grimbeert mit der Nachricht auf, die alles Vorhergehende überflüssig machen und zum endgültigen Freispruch führen soll:

"Doch edle Herren allesamt,
längst ist es nicht mehr relevant,
denn Reynaert trägt ein haaren Kleid,
seit  Frieden und Gerechtigkeit
per Gesetz in Wirkung traten.
Deshalb - die erste seiner  Taten -
ist Reyn in eine Klause eingetreten,
wo seine Zeit vergeht mit beten.
Ja, die tägliche Kasteiung
ist für den Sünder wie Befreiung.
Aus Bußetuung schöpft er Kraft
isst Hirsebrei, trinkt Wurzelsaft.
Manpertus, seine Burg, hat er begeben.
Mager, bleich und fleischlos will er leben.
Sündenfreiheit  hofft er zu erreichen
und alle Schäden auszugleichen."

Genau in diesem Augenblick tritt eine Wendung ein, die ernste Zweifel an Reynaerts sittlicher Besserung aufkommen lässt:
Gerade wollte Grimm den Schluss erreichen,
da sah man einen Zug vom Hang herunter steigen,
vorne Canteclair, dahinter Coppe ohne Kopf.
Reyn hatte sie bei Kopf und Kropf
gepackt und alles abgebissen.
Dies ungeheure Sakrileg mußte der König wissen.
Canteclair, breit  schreitend von den Hügeln,
schlug langsam mit den beiden Flügeln.
Zur Linken und zur Rechten kam geschritten
die Vertretung aus der Sippe.
Cantaert ging links, und rechts befand,
in voller Pracht, sich Hahn Crayant,
der schönste Hahn im Flandernland.

illustratie

Canteclair schildert bewegt, mit welch unheiligem Trick es Reynaert gelingt ein Massaker unter den süßen Kücken anzurichten:

"der Frühling kam mit Blütenpracht,
die Schar wuchs auf; der Söhne acht,
der Töchter waren's geschätzte sieben.
Wie viele Spiele haben sie getrieben!
Bebrütet hat sie Henne Rode,
wie kunstvoll kratzte sie am Boden!
Sie waren stramm, gesund und rund;
und ihr Zuhause war ein Grund-
stück, geschützt mit einer Mauer,
kein Räuber lag hier auf der Lauer,
denn wurde einer zu begehrlich,
so wurde es für ihn gefährlich:
Im Schuppen hausten scharfe Bracken,
abgerichtet Räuberfleisch zu packen.
Die kleinen scharrten also unbesorgt.
Doch ach! Die Zeit war nur geborgt!
Zwei Wochen ließ er uns in Frieden,
mehr war uns leider nicht beschieden.

 The Tobacco Pipe Artistory: Reineke Fuchs and Meerschaum Pipes

Wenig später stand er draußen
wie ein reuevoller Klausner,
mit einem Siegelstück, das sagte,
dass es Majestät behagte,
dass alle Tiere aller Arten
treu des Königs Frieden wahrten.
Dazu noch führt der Schurke aus,
dass er wohnt in einer Klause,
sich mit Regelmaß kasteit
für seiner Seele Seligkeit.
Pilgerstab und Kutte fromm dabei
aus Langaerde, der Abtei,
und ein haaren Büßerkleid.
'Canteclair, von Sorgen sei befreit,
auf der Kasel habe ich geschworen:
Nichts haben Fleisch und Schmalz verloren
in meinem Alter und ich bete  - alldieweil,
es geht jetzt um mein Seelenheil.
Vesper, Non und Prim hab' ich zu sagen
jede Stunde, alle Tage.'
Er spricht den Segen über mich
und setzt mit frommer Miene sich
zum Beten. Frohgemut ließ ich die Kinder
scharren. Diese freuten sich nicht minder!
Bald hat das Beten er gelassen,
um uns draußen abzupassen.
Ich konnte leider nicht verhindern,
dass er das kleinste von den Kindern
hat gerissen. Er war wie im Delirium.
Der Anfang des Martyriums!
Er war auf den Geschmack gekommen,
mehr und mehr hat er genommen!
Nicht länger halfen uns die Bracken,
er konnte viele Küken packen,
bis von der ganzen Kinderschar
nur eine Vierzahl übrig war."

Auch wenn es sich nur um Hühner handelt, einen derart eklatanten Verstoß gegen das von ihm erlassene Friedensgebot kann Nobel unmöglich hinnehmen. Zunächst jedoch ist königliche Besinnlichkeit angesagt:

"Wir konnten Coppes Zeit nur borgen,
Gottvater wird für ihre Seele sorgen.
Ich befehle, dass für Coppe nun erklinge
die Vigilie. Fanget an zu singen!

 Reynaert in tweevoud. Deel 1. Van den vos Reynaerde · dbnl

Sodann erwarten wir den Rat,
wie man bestraft ihn für die Tat."
Nun fing der Hofstaat an mit "do"
des "Placebo Domino".
Alle Verse mit Responsen, alle Texte zum Geleit,
leider reicht uns nicht die Zeit.
    Bei der Linde, tief bewegt,
wurde Coppe abgelegt.
In ein Grab ließ man sie ein,
darauf ein weißer Marmorstein,
auf dem, in schönster Antiqua,
legte man ihr Schicksal dar:
'Hier liegt begraben Henne Coppe,
  beim Kratzen war sie nicht zu toppen.
Reynaert hat den Mord verrichtet,
die Hühnersippe fast vernichtet.'

Im Anschluss wird Braun Bär vom Hofrat zum königlichen Emissär bestimmt. Er soll Reynaert unter Androhung schrecklichster Strafen endgültig vor den  Hof laden.  Brauns Schicksal nimmt seinen Lauf:

"Doch diese Warnung merk‘ dir gut:
Vor Reynaert sei wohl auf der Hut!
Du weißt doch, dass er Streiche tut!
Er fleht, er lügt, er schwört beim Blut,
Wenn's ihm gelingt, das sei dir klar,
stehst du wie Narr und Blödbär da."
"Majestät, ich danke für die Predigt,
doch dieser Fuchs ist fast erledigt.
Der spielt bald keine Streiche mehr,
ich bin ja nicht umsonst ein Bär!"

Tiecelijn. Jaargang 7 · dbnl




Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...