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Dienstag, 8. Mai 2018

Huygens. Auf Sterres Tod

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Constantijn Huygens (1596-1687) und 
Suzanna van Baerle (1599-1637)
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Die "Sterre" in diesem Gedicht ist Huygens Ehefrau, Suzanna van Baerle. Sie war eine begabte Dichterin, Zeichnerin, Malerin und bewegte sich mühelos in den höchsten Kreisen, in denen auch Huygens verkehrte. Das Ehepaar bekam 5 Kinder (darunter der spätere Mathematiker und Naturwissenschaftler Christiaan). Suzanna starb nach der Geburt des fünften Kindes 1637. Huygens war am Boden zerstört. Er heiratete nicht wieder. "Cupio Dissolvi" - "Ich verlange ausgelöscht zu werden" (eine Bibelstelle) ist ein Trauergedicht in der Tradition der petrarkischen Sonette - und so wie Petrarca seine Laura auch "Stella" nannte, so nannte Huygens seine Suzanna "Sterre"; "Stern". Huygens schrieb das Sonett 1638 auf Maria Tesselschades Rat hin, die hoffte, ihn dadurch aus seiner Trauer erlösen zu können. Das Gedicht gehört zu den beliebtesten des 17. Jahrhunderts.


      CUPIO DISSOLVI. AUF STERRES TOD.


Träume ich, und ist es Nacht, ist meine Sterre hin?
Ich träume nicht, ich bin hellwach, und sehe Sterre nicht
O Himmel, du, der sie zu sehen nicht
gestattest, sprich wie ein Mensch, sag mir, wo ist sie hin?

Der Himmel spricht, ich höre es im Schluchzen meiner Pein,
und sagt, mein Sternchen ist im heiligen Gebiet,
wo sie die Gottheit, wo die Gottheit sie besieht,
und ist dort Lachen angebracht, lacht über mein Gewein.

Du, Tod, bist nur ein Schluchzer, ein Dasein und Vorbeisein,
ein Durchgangstor vom Leiden hin zum Leben,
ein dünnes Vlies, verlass' mich nicht, ich werde dir vergeben;
komm, Tod, und lass' mich frei vom Leid sein.

Ich sehne mich, zu sehen, wie wir im Lichte schweben:
mein Heil, mein Lieb, mein Leib, mein Gott, mein Stern, mein Sein.

Constantijn Huygens, 1638
In: Koren-bloemen, 1658.


Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2018

Cupio dissolvi. Op de dood van Sterre
Of droom ick, en is ’t nacht, of is mijn, Sterr verdwenen?
Ick waeck, en ’t is hoogh dagh, en sie mijn’ Sterre niet.
O Hemelen, die mij haer aengesicht verbiedt,
Spreeckt menschen-tael, en seght, waer is mijn, Sterre henen?
Den Hemel slaet geluyd, ick hoor hem door mijn stenen,
En seght, mijn’ Sterre staet in ’t heilighe gebied,
Daer sij de Godheid, daer de Godheid haer besiet,
En, voeght het lacchen daer, belacht mijn ijdel weenen.
Nu, Dood, nu Snick, met-een verschenen en verbij,
Nu, doorgang van een’ Steen, van een gesteên, ten leven,
Dunn Schutsel, staet naer bij, ’ksal ’t v te danck vergeven;
Komt, dood, en maeckt mij korts van deze Cortsen vrij:
’Kverlang in ’teewigh licht te samen te sien sweven
Mijn Heil, mijn Lief, mijn Lijf, mijn’ God, mijn’ Sterr en mij.

Constantijn Huygens, 1638.



Mittwoch, 15. Juli 2026

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden


Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert,
die Harfe klingt...und David psalmodiert,
Was war, was sein wird, kann dir schnuppe sein,
genieß was ist; ein Tor, wer nach Erfüllung giert.
+++
Oh höchster Herrscher dieser Welt
Du fragst, wann mir der Wein die Seel' erhellt?
Es ist am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch
Donners-, Frei- und Samstag, wie's mir eben fällt.
+++
Das Veilchen will sich bunt die Kleider färben,
Im Morgenwind die Rosen für sich werben,
Der Weise, neben einer Frau gesessen,
den Becher leert und schlägt ihn dann in Scherben.
+++
Mein Weinkrug war im Liebesbann,
glänzend schwarze Haare zog er an,
der Henkel eine schlanke Hand,
geschwungen wie ein Frauenspann.
+++
Während Gelächter sich ergießt,
der Wein, der rot aus der Karaffe fließt
wird Herzensblut und das Kristall
wird eine Träne, die's umschließt.
+++
Viel kostbar Blut spülte der Weltenlauf schon fort
und manche Blume ist im Sonnenlauf verdorrt;
brüste Dich nicht mit Jugend und mit Glanz,
früh aufgeblühte Knospen welken hin am Ort.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, nach J. H. Leopold, Juni 2026)


Es gibt interessante Parallelen zwischen den Dichtern Omar Khayyam und Constantijn Huygens, auch wenn sie zeitlich und kulturell weit von einander entfernt scheinen. Beide waren universell begabt, beide waren sehr hohe, vielbeschäftigte Staatsdiener, beide hatten eine Abneigung gegen verknöcherte Intoleranz in der Religion, beide waren sich der Endlichkeit des Lebens und folglich der Notwendigkeit, den Tag zu genießen, sehr bewusst - die universellen Themen des "Memento Mori" und des "Carpe Diem". Und beide haben tausende Kurzgedichte geschrieben, in denen diese Themen angesprochen wurden. Khayyam kommt manchmal etwas parfümiert daher, eine Stimmung, die in Fitzgeralds romantischer Übersetzung (die im Westen am meisten Bekannt war) noch verstärkt wurde. Das passte auch zum Jugendstil um den Jahrhundertwechsel 1900, wobei Leopold lieber Whinfields genauere Übersetzung benutzt hat.
Huygens dagegen konnte - in der alt-niederländischen Tradition -  drastisch und sehr direkt sein, wie Anna Bijns, Adriaan Brouwers, Focquenbroch oder auch Rembrandt und ehrlich gesagt betrachte ich das als Kontrastprogramm manchmal als sehr erfrischend:

Josef und Potiphars Weib


Das "Carpe Diem" bei Khayyam bedeutet nicht, dass der Dichter regelmäßig, in Gesellschaft hübscher Frauen, benommen in einer romantischen Landschaft herumlag. Als hoher Beamter, Astronom, Mathematiker und Kalenderreformer konnte Khayyam sich das auch gar nicht leisten. Ich vermute mal, dass er für seine Aufgaben unermüdlich arbeiten musste. 

                                                                       Astronomen im Observatorium zu Isfahan

Wein und Entgrenzung waren gängige poetische Versatzstücke, um unserer Endlichkeit, Unwichtigkeit und Beschränktheit besonderen Nachdruck zu verleihen. Wein war dazu nicht unbedingt eine Voraussetzung. Einer der weinlosen Vierteiler Khayyams lautet:

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.


(Boutens, nach Omar Khayyam. Übersetzung Jaap Hoepelman)

Khayyams Stellung, sein "Memento Mori", seine Mathematik und Astronomie, auch seine theoretische Arbeiten über die Musik laden zu einem Vergleich mit Huygens ein. Was Khayyam im Übrigen von den Luminarien seiner Zeit hielt, drückte er im folgenden Vierzeiler aus:

Wie auf den Polarstern sind wir auf sie gefahren,
sie, die wie Feuerbaken an der Weisheit Küste waren,
sie konnten in der Todesnacht den Kurs nicht wahren,
ein letztes Wort gestammelt, dann gestreckt auf ihren Bahren.

(Jaap Hoepelman, Juni 2026, nach Leopolds Übersetzung)

Für den Calvinisten Huygens war das "Memento Mori" ein wiederkehrendes Thema, um so mehr im 17. Jahrhundert, in dem der unerwartete Tod allgegenwärtig war:

Das Darlehen

Mein Leben ist ein Lehen, die Sterblichkeit das Pfand,
Gott fordert's morgen ein, es liegt in Seiner Hand.
Wer jetzt gerade geht und prahlt, wie's um ihn steht,
Ahnt nicht den morschen Steg, auf dem er gerade geht.

Das daraus folgende "Carpe Diem", bedeutete für den Calvinisten Huygens nicht "genieße deine Zeit", sondern "genieße deine Zeit dadurch, dass du sie nutzt und verbringst mit gottgefälligen Werken". Also verbrachte Huygens die Zeit neben seinen diplomatischen Aufgaben mit praktischen Projekten, wie:
Dem Bau einer gepflasterten Straße von Den Haag nach Scheveningen;


 der Komposition von über 150 Parfums (sehr nützlich, angesichts der Duft-Palette des Goldenen Jahrhunderts); der Pflege eines Beziehungsnetzes mit den europäischen Geistesgrößen, darunter sehr intensive mit Descartes; der Zusammenarbeit mit seinen Söhnen Constantijn Jr. und Christiaan beim Linsenschleifen und Entwerfen von Messinstrumenten; Architektur; Städtebau; Gartenentwurf ... (ich nehme an, dass Christiaan ihm in der Mathematik bald enteilt ist)...

Christiaan Huygens Pendeluhr


Das rohrlose Teleskop von 
Christiaan und Constantijn Jr. Huygens,
eingesetzt bei der weiteren Erforschung
der Ringe des Saturn.


Das von Constantijn Huygens entworfene Gut "Hofwijck"

Der von Huygens nach Vitruvs Idealmaßen 
gestaltete Garten von "Hofwijck"

Von Huygens Kompositionen, über 700,  sind die meisten leider verloren gegangen, aber einige stehen uns heute noch zur Verfügung:


Last but not least, ein Konvolut von Schriftstücken, literarischen Werken, Übersetzungen, Briefen, darunter eben die über 2000 "Sneldichten" oder "Puntdichten" - manchmal als Kalendersprüche, manchmal als bissige Satire oder Kommentar, manchmal nachdenklich, als "Memento" im weiten Sinne...und manchmal mit einem nicht ganz so frommen Zungenschlag.

Epitaph auf einen Weltling

Der Mann da unten hatte auf der Welt Gewicht,
Ob Lot, ob Pfund; hier zählt Gewichtsmaß nicht.
Fragt nicht, was er verlor, was er hat beigetragen;
Die Erde trägt ihn nicht, er muss jetzt Erde tragen.
+++
Baum

Die Bäume, die wir seh’n,
Sie recken sich zum Himmel hoch, mit ausgestreckten Armen.
Sie sind wie Gottlose in Not, so wie sie aufwärts barmen
Und wissen nicht, an wen.
+++
Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.
+++
Aus den "Johannes Gedichten":

"Johann, siehst du das Tor zum Galgenfeld?
Zu eng, als dass es jedem würde passen!"
"Von Dienern des Staates klug bestellt:
Nicht großen Dieben, nur um die kleinen durch zu lassen".
+++
Der letzte Klatsch in unsrer Stadt,
Ist, dass Johann mit Neel geschlafen hat.
Damit die Sprüche sie nicht trafen,
Beendet Neel den Tratsch geschwind:
"Wenn der Johannes hätt' geschlafen,
So wär' die Neel jetzt nicht mit Kind."
+++
Katrins Beichte

Katrin beichtet, unter vielen Sünden, dass sie ins Heu
gelangt war, with a fine English boy.
Und was ist dort geschehen? Dein Beicht'ger muss es wissen!
Ein alter Tor, meint Trien, wer sowas ernsthaft fragt,
Als ob Du gar nicht wüstest, was eine junge Magd
Mit einem jungen Knecht macht, mit weichem Heu als Kissen!

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2026)






Freitag, 30. März 2018

Huygens? Hatte der nicht mit Saturn zu tun?

                                                                   Afbeeldingsresultaat                                                         
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Constantijn Huygens (1596 – 1687) war Architekt, Komponist, Diplomat, Dichter, Schriftsteller, Gambist, Cembalist, Gitarrist und Lautist und Ratsmann, Verwalter, Sekretär in Diensten von drei Oraniern. Er beherrschte Französisch, Latein, Griechisch, Italienisch, Englisch und, klar, Niederländisch. Seine Vita verbindet ihn mit einer unabsehbaren Reihe Geistesgroßen und Personen der Zeitgeschichte aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlanden und dem Ausland, wie Spinoza, Donne, Rembrandt, Descartes, De Witt, Mersenne, Corneille, Francis Bacon.... Als Architekt entwarf er 1642 sein Refugium "Hofwyck" (vergl. "sans-soucis" oder "solitude"), das heute als Museum zugänglich ist.

                                                                                  

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Unter seinen Kindern ist der bekannteste wohl Christiaan Huygens, Mathematiker, Physiker und Astronom, Entdecker der Ringe des Saturns, Erfinder der Pendeluhr, Mit-Entwickler der Analyse und anderen physikalisch-mathematischen Großtaten.


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Huygens schrieb einige längere Vers-Epen, ein bekanntes Trauergedicht, auch ein Lustspiel, aber sich selber nahm er in erster Linie wahr als Komponist. Mehr als 700 Kompositionen hat er geschrieben, die meisten aber sind leider verloren gegangen. 
 Aufnahmen seiner Lieder "Pathodia Sacra et Profana" findet man hier:

Pathodia

In den Niederlanden sind insbesondere seine epigrammatische Kurzgedichte ("puntdichten") bekannt. Er stand fest auf dem Boden der reformierten (protestantischen) Staatskirche und man kann sich leicht vorstellen, wie sehr ihn der Übertritt der Maria Tesselschade (s.U.) zum Katholizismus schockiert haben muss. Für seinen festen Glauben steht hier das Kurzgedicht "Baum", für den Schock, den Tesselschade ihm bereitete "Die zweite Tesselschade":

Baum

Die Bäume, die wir seh’n,
Sie recken sich zum Himmel hoch, mit ausgestreckten Armen.
Sie sind wie Gottlose in Not, so wie sie aufwärts barmen
Und wissen nicht, an wen.

Die zweite Tesselschade *
(plm. 1641)

Hat Tessel unterwegs nach Rom Genf hinter sich gelassen?
Hat ihre weggelockte Seele sich in Puppenkram verfangen?
Wie konnte diese Grübelei ihr in das hohe Herz gelangen?
Läßt Pfaffen-Dunkel Gottes Licht in ihr verblassen?
Und hat im Dunkeln sie der klare Sinn verlassen?
Und sind im trüben Auge die weißen Gründe schwarz,
die rechte Spur zu schlicht, das sanfte Joch zu hart?

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018

* Der Name "Tesselschade" bedarf ein wenig der Erklärung. Maria Tesselschade Roemers(dochter) Visscher war Tochter des Getreidehändlers und Schiffsversicherers Roemer Visscher, der 1593, kurz vor ihrer Geburt,  in einer Schiffskatastrophe 44 vollbeladene Schiffe verlor vor der Küste Texels (eine Insel bei Nord-Holland). Auf die Idee, seine kleine Tochter nach einer Schiffskatastrophe zu nennen ("Tesselschade" - "Die Katastrophe/der Schaden bei Tessel"), kommt so schnell keiner, außer er ist Amsterdamer Kaufmann (oder vielleicht Hamburger).
 Maria Tesselschade war eine begabte Sängerin, Dichterin, Graviererin, Mitglied in den wichtigsten Künstlerkreisen und bekannt mit allen, die Rang und Namen hatten, auch mit Huygens. Huygens bissiges Epigramm  "Die zweite Tessel-Katastrophe" hat jedoch nicht zu einer dauerhaften Verstimmung zwischen ihm und Tesselschade geführt, was für die tolerante Einstellung der beiden spricht.



Träume

Tagsüber denkt mir, dass ich träume - dass ich sähe, träumt mir in der Nacht:
Wär's nächtens nicht so dunkel, und so hell nicht wär' am Tage
Ich sähe keinen Weg heraus aus den geträumten Träumen,
Ob meine Träume Denken sind, ob Denken meine Träume.

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018

Das Gedicht "Dromen", "Träume", steht als "Mauergedicht" an einer Außenwand in Den Haag.
Die Stiftung "ArchipelpoëZie" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Haager Wände mit Poezie zu bereichern, welche, und wieviele kann man hier sehen:

muurgedicht

Ich stelle mir nur vor, was passieren würde, wenn jedes dieser Gedichte entfernt werden müsste, weil eine/r sich von irgendeiner Zeile unangenehm berührt fühlte...





Samstag, 2. August 2025

Jeremias de Decker und der Hexenglaube

 



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Rembrandt, Porträt
des Jeremias de Decker 1609-1666

1782 wurde Anna Göldi in Glarus in der Schweiz als letzte Hexe in Europa verbrannt. Das war fast 100 Jahre nachdem in Amsterdam 1691 Balthazar Bekkers "Betoverde Wereld" erschienen war (1693 auf Deutsch als "Die Bezauberte Welt" veröffentlicht)

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Balthazar Bekker
1634 - 1698

Bekkers Fundamentalkritik wurde in ganz Europa eifrig  studiert. Sein Buch wurde ihm aber von der reformierten Kirche nicht in Dank abgenommen. Die Kirche setzte ihn als Prediger ab und schloss ihn vom Abendmahl aus. Der Oberbürgermeister von Amsterdam jedoch, der Mathematiker Johannes Hudde, bestimmte, dass Bekkers Gehalt weiterhin bezahlt wurde, was diesem ermöglichte zu überleben und zu arbeiten.
Noch einmal fast hundert Jahre früher, 1603, fand in der Provinz Holland die letzte Hexenverbrennung statt. Das Gedicht von Jeremias de Decker zeigt, dass Kritik am Hexenglauben sich wenig später allgemein verbreitet hatte. 
De Decker war Händler in Gewürzen und auch der Mennonit Abraham Palingh, zu dessen Traktat de Deckers Gedicht die Einleitung darstellte, war ein kleiner Kaufmann. 



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Palinghs "Maske der Zauberei abgerissen"

Kritik am Hexenglauben hatte es immer schon gegeben, sie kam aber von gelehrten Theologen und Doktores der Medizin. Das besondere an de Decker und Palingh war, dass sie nicht zur intellektuellen Elite gehörten, wobei de Decker sich durchaus zum geachteten und erfolgreichen Dichter entwickelt hatte. Beide waren eben Kaufleute in einer Republik von Kaufleuten, die mit der nüchternen Überprüfung von Rechnungen, Menge und Qualität von Gütern und der Zuverlässigkeit von Atlanten beschäftigt waren - nicht mit Hexengeschichten. Dazu kam, dass die Wissenschaft sich inzwischen sprunghaft entwickelt hatte. Es war die Zeit, dass man anfing, genau wahrzunehmen. Nicht länger nahm man fantastische Geschichten begeistert oder verängstigt hin, sondern man traute sich, einfach hinzuschauen, auch wenn es um Dinge ging, die eng mit Aberglauben und Ängsten verbunden waren. Zu Deckers Zeiten entdeckte Leeuwenhoek mit seinem Mikroskop Samenzellen, Bakterien im Mundschleim und vieles andere mehr, ohne Scheu vor den magischen Eigenschaften der Flüssigkeiten. Auch Leeuwenhoek war "nur" ein Kaufmann, und er entschuldigte sich in Briefen an die Royal Society ausführlich dafür, dass er nur Niederländisch konnte und kein Latein. Die Lage erinnert ein wenig an die Gründung der HBS in 1863.                                     
Der Arzt Swammerdam analysierte mit Hilfe des Mikroskops die Anatomie der bis dahin als wenig interessant betrachteten Insekten, entdeckte die roten Blutkörperchen, Ovarialfollikel, Kontraktion des Froschmuskels usw., usw.,


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während Huygens, der kühle Physiker, die Ringe des Saturns, des Planeten der Alchimisten und Magier, beobachtete und den Mond Titan entdeckte, womöglich mit von Spinoza geschliffenen Linsen. Auch entwickelte er die Pendeluhr, unerlässlich für die genaue Wahrnehmung in naturwissenschaftliche Experimente und für genaue Positionsbestimmungen auf See.

      Bildergebnis für huygens pendeluhr

Hudde war kein unbedeutender Mathematiker. Er korrespondierte u.a. mit Leibniz, Newton, Bernoulli, Huygens und Spinoza. Er half seinem ehemaligen Kommilitonen Johan de Witt, dem "Raadspensionaris" (Premier) der Niederlande, mithilfe von Logarithmentafeln neuartige Tabellen für die Lebensversicherung zu entwickeln. Auch bestimmte er Methoden, die optimale Zuladung der VOC-Schiffe zu berechnen. Es waren keine guten Zeiten für den Hexenglauben: Aus einer breiten Schicht der Bevölkerung gingen Appelle an die Vernunft hervor, wie in diesem Gedicht aus 1659, 11 Jahre vor der Erscheinung von Spinozas Tractatus Theologico-Politicus und lange bevor die Aufklärung sich in gelehrten Kreisen verbreitet hatte.
Die Geschichte von Balthazar Bekker und der reformierten Kirche zeigt aber, dass noch ein langer Weg zu gehen war, auch in Holland.



Auf Abraham Palinghs
"Die Maske der Hexerei abgerissen"


Warum verliert die Zauberei
Diese verfluchte Raserei
An den Orten ihre Macht,
Wo der Glauben hingebracht,
Und nicht Menschenfirlefanz
Will verdunkeln seinen Glanz,
Zwingt Vernunft und Schrift zu schweigen
Und zu tanzen nach Roms Reigen?
Weil der Deibel flieht die Klarheit
Der neu hergestellten Wahrheit,
Und den blendendhellen Tag
Sein Auge nicht ertragen mag?
Oder ist es, weil am Tiber
Man mit Aberglaubenfieber
Geschäfte macht und dreist
Träufelt in den schlichten Geist
Einfacher Laien ohne Schrift
Ständig ein das Zaubergift,
Damit die Traum- und Lügenlehre
Man beständig hält in Ehren?
Ja, das ist der wahre Grund,
Dass in Rom zu jeder Stund'
Man gegen Zauberinnen eifert,
Ständig gegen Hexen geifert,
Foltert, mordet außer Rand und Band!
Wenn doch nur Richter mit Verstand
Sich ernsthaft würden überlegen:
Nichts davon kann man belegen!
Und anstatt von Pfaffenthemen
Die Vernuft als Richtschnur nehmen;
Und nicht länger rasend schänden
Ihr Gewissen, dabei die Hände
Tunkend, blind, in wilder Wut,
In Strömen von unschuld'gem Blut!
Ihr schrägen Richter am Gericht,
Glaubt Ihr denn die Wahngeschicht',
Die Märe, dass ein armes Weib
Mit weichem Herz und schwachem Leib,
Ängstlich Schrecken meidend, Grauen,
Sich wohl tollkühn würde trauen
Sich mit dem Teufel einzulassen,
Erlauben ihm sie anzufassen
Und sie wäre dann im Stande
(Welch' verleumderische Schande!
Wie sie gottloser nicht sein kann!)
Zu bewirken, was nur Gott kann?
Wem, ja wem um alles in der Welt
Solcher Kinderkram gefällt?
Doch warum weilt Ihr alle hier?
Sucht Bescheid bei Johan Wier,
Oder Scots gelehrte Bände
Nehmt einmal in eure Hände,
Nicht Spinäus, nicht Bodin:
Wendet euch zum Palingh hin,
Der der faulen Zaubergeschicht'
Die Maske reißt vom Angesicht;
Den ganzen Irrsinn zerrt ins Licht;
Der mit dem Aberglauben bricht,
Der im Gekrös' von Opfertieren,
Im Vogelflug und Tirilieren,
Und in den Linien der Hand
Nie ein Quentchen Wahrheit fand;
Der hirnverbrannte Ceromanten,
Hydromanten, Geomanten,
Das ganze Wünschelrutenpack
Steckt in den großen Lügensack.
Der Amuletten, Salben, Zauberbrei
Entlarvt als Mumpitz, Augenwischerei,
Und die Magier der Ahnen,
Dardanos, Zalmolxis, zeigt als Scharlatane.
Du Zauberrichter, wenn Du dieses liest,
Dein Tun Dich trotzdem nicht verdrießt,
Du Dich noch immer nicht bekehrst,
Stur Deinen Stiefel weiter fährst,
Willst immer noch den Deibel fangen
Mit Feuer und mit Folterzangen,
Dann sei Dir sicher und gewiss,
Dass Dich der Fürst der Finsternis,
Der Dich spornt mit scharfen Sporen,
Dich fester hat bei Hals und Ohren,
Hockend tief in Deinen Eingeweiden,
Als diejenigen, die Deinen Feuertod erleiden.

J. de Decker.
1659


Übersetzung Jaap Hoepelman August 2019.


Ceromantie - Wahrsagerei mittels Würfeln.
Hydromantie- Wahrsagerei aus der Bewegung von Wasseroberflächen.
Geomantie - Wahrsagerei aus Sandfiguren.
Zalmolxis wurde von den Thrakiern als Gottheit verehrt. Sein Ehrendienst
ging einher mit einer Prozedur, darin bestehend, dass ein Bote mit verschiedenen Bitten zu Zalmolxis (der sich im Verborgenen hielt) geschickt wurde. Dann wurde der Bote in dazu aufgestellte Speere geworfen. Starb er, war er ein guter Bote gewesen. Starb er nicht, war er ein schlechter Bote und musste deswegen sterben. Die Ähnlichkeit mit der Wasserprobe für Hexen ist offensichtlich und wird auch de Decker nicht entgangen sein.
Dardanos war der mythische Vater der Trojaner. Er soll sich in einen Magier
verwandelt haben. Unter dem Titel "Schwert des Dardanos" war eine Anleitung
zur Herstellung magischer Amulette bekannt.
Spiräus, Bodin: Zwei fanatische Hexenjäger.
Johannes Wier, Reginald Scot kämpften gegen den Hexenglauben bereits im 16. Jahrhundert.


Afgeruckt Momaensicht







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Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zu tausend Scherben klein,
am Vortag, als ich erwacht von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung, noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann;
die Kanne reicht umher, aus Deinem Staub
formt eine zweite Kanne bald ein Werkmann.
 



(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
nicht mal die Ahnung einer Ahnung,
kein Nebel bleibt, nicht mal ein Duft.
+++
Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen
 weiter, mit den Karavanen
unterwegs, seit siebentausend Jahren.
+++
Zu den Ehrenmännern hat er sich stets bekannt,
er hat die Art des Zweifels nie gekannt,
der mürbe macht. Und den wahren Zweiflern
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...