Han G. Hoekstra
1906-1988
Hieronymus van Alphens Kindergedichte waren für artige Kinder der besseren Kreise geschrieben. Passende Lektüre und liebevolle Ermahnungen sollten die kindliche Entwicklung in die gewünschte Richtung lenken und die elterliche Autorität - war die elterliche Autorität, die unverrüttelbare elterliche Autorität. Nach hundertsiebzig Jahren voller Krisen und Kriege war davon nicht mehr viel übrig. 1947 schuf der Dichter-Journalist Han G. Hoekstra mit "Het verloren schaap" ("Das verlorene Schaf") eine Sammlung Kindergedichte, in der zum ersten Mal in den Niederlanden nicht die artigen, sondern die unartigen Kinder im Mittelpunkt standen und die Unartigkeit gepriesen wurde. "Spielt mal mit den Schmuddelkindern" könnte man sagen. Hoekstras Gedicht für Erwachsene "Die Zeder" gehört übrigens zu den beliebtesten der niederländischen Literatur.
Während der Kriegszeit hatte Hoekstra sich geweigert in die Kulturkammer einzutreten, in der die niederländischen Künstler gleichgeschaltet werden sollten. Er konnte also nicht mehr veröffentlichen und fing an für die eigenen Kinder Gedichte zu schreiben. Hoekstra gehörte zur Redaktion der ehemaligen Widerstandszeitung "het Parool", die eine wichtige Rolle spielte in der Nachkriegsliteratur mit u.a. Simon Carmiggelt, Annie M. G. Schmidt und Zeichnern wie Fiep Westendorp
und
Wim Bijmoer.
De Kinderen uit de Rozenstraat
Die Kinder aus der Rosenstrasse.
Die Kinder aus der Rozenstrasse,
haben immer schwarze Knie,
sie haben Löcher in den Ärmeln
und putzen sich die Zähne nie.
Die Kinder aus der Rozenstrasse,
die haben Splitter in der Hand,
sie haben ungekämmte Haare,
und sind verknubbelt und verschrammt.
Die Kinder aus der Rosenstrasse,
die gehen meist auf nackten Füßen,
und sie sind immer auf der Gasse,
als ob sie nie zum Essen müssen.
Die Kinder aus der Rozenstrasse,
die müssen glaub' ich nie ins Bad,
sie dürfen alles, was ich nicht darf.
Ich möchte wohnen in der Rozenstraat...
Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2020
De Kinderen uit de Rozenstraat
De Rozenstraat (Rosenstrasse - sprich das "z" wie das weiche deutsche "s") liegt im Jordaan-Viertel, heute ein angesagtes Viertel für Touristen, Feinkostgeschäfte und Künstler, vor hundert bis einhundertfünfzig Jahren ein Viertel der extremsten Armut mit bis 90.000 Einwohnern, eine in sich zusammengefallene Brutstätte von Seuchen aller Art. Sein zu wollen wie die Barfußkinder aus der Rozenstraat war wirklich etwas ganz anderes als sich über einen Hut voller Pflaumen von Herrn Papa zu freuen...
Unter diesen Umständen war eine nicht gerade brave und obrigkeitshörige Bevölkerungsschicht entstanden. Man pflegte eine eigene Kultur und einen eigenen Dialekt. Die Leute begehrten oft auf, das letzte Mal vor dem Krieg, 1934 ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise und von der Armee mal wieder niedergeschlagen. Manchmal muten die Gründe für den Protest auf den ersten Blick skurril an, wie beim"Aalaufruhr" von 1886. Aus ethisch-ästhetischen Gründen hatte die Obrigkeit den Leuten das grausame Volksspiel des "Aalziehens" verboten. Diese wollten sich aber eine ihrer wenigen Vergnügungen nicht verbieten lassen. Auch dieses Mal wurde der Aufstand durch die Armee unterdrückt. Es gab an die dreißig Tote.

Aalziehen
In 1947 waren durch Sanierungsarbeiten der Gemeinde die Wohnumstände in einigen anderen Armenvierteln etwas verbessert worden, aber im Jordaan war man zu der Zeit noch nicht sehr weit gekommen. Hoekstras "Kinder aus der Rozenstraat" nagte also nicht einfach an der Autorität. Es zeigte in kindgerechter Sprache wohlerzogenen Kindern aus wohlanständigen Verhältnissen, dass Kinder aus ganz anderen Umständen sogar beneidenswert sein konnten. Eine schöne, aber doch sehr romantische Vorstellung:
Unter diesen Umständen war eine nicht gerade brave und obrigkeitshörige Bevölkerungsschicht entstanden. Man pflegte eine eigene Kultur und einen eigenen Dialekt. Die Leute begehrten oft auf, das letzte Mal vor dem Krieg, 1934 ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise und von der Armee mal wieder niedergeschlagen. Manchmal muten die Gründe für den Protest auf den ersten Blick skurril an, wie beim"Aalaufruhr" von 1886. Aus ethisch-ästhetischen Gründen hatte die Obrigkeit den Leuten das grausame Volksspiel des "Aalziehens" verboten. Diese wollten sich aber eine ihrer wenigen Vergnügungen nicht verbieten lassen. Auch dieses Mal wurde der Aufstand durch die Armee unterdrückt. Es gab an die dreißig Tote.
Aalziehen

Der Aalaufruhr 1886
In 1947 waren durch Sanierungsarbeiten der Gemeinde die Wohnumstände in einigen anderen Armenvierteln etwas verbessert worden, aber im Jordaan war man zu der Zeit noch nicht sehr weit gekommen. Hoekstras "Kinder aus der Rozenstraat" nagte also nicht einfach an der Autorität. Es zeigte in kindgerechter Sprache wohlerzogenen Kindern aus wohlanständigen Verhältnissen, dass Kinder aus ganz anderen Umständen sogar beneidenswert sein konnten. Eine schöne, aber doch sehr romantische Vorstellung:
Der Jordaan: Eine einzige Bruchbude