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Donnerstag, 27. Juni 2019

Erinnerung an Holland

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Hendrik Marsman (1899-1940)

 Laut einer Umfrage hat Hendrik Marsman das beliebteste Gedicht der Niederlande geschaffen: "Erinnerung an Holland". Es ist kein Gedicht, das uns in die Abgründe der Metaphysik führt (Gottseidank, hätte ich fast gesagt), es ist eher schlicht, aber die Vision einer unendlich weiten, friedlichen Landschaft gepaart mit der unterschwelligen Angst vor der Drohung des Wassers hat einen niederländischen Nerv getroffen. Der weitgereiste Marsman schrieb es in Frankreich (deswegen "Erinnerung"), wo er 1936 bis 1940 lebte. Nach Kriegsausbruch versuchte er Juni 1940 mit seiner Frau auf dem Dampfer Berenice nach Falmouth zu entkommen, das Schiff wurde aber torpediert. Marsman war nicht unter den Überlebenden.



1936

Erinnerung an Holland

Denkend an Holland
seh' ich breite Gewässer
träge durch endloses
Flachland gehen,
Reihen unfassbar
hingehauchte Pappeln
wie hohe Fahnen
in der Ferne stehen;
und in der gewaltigen
Weite versunken
die Bauernhöfe
verteilt übers Land,
Baumgruppen, Dörfer,
gekappte Türme,
Kirchen und Ulme
in grandiosem Verband.
Der Himmel hängt tief,
die Sonne ist langsam
in grau-bunten
Schwaden verschwommen,
und in jeglichem Landstrich
wird die Stimme des Wassers
und sein ewiges Unheil
mit Bangen vernommen

Herinnering aan Holland

Übersetzung Jaap Hoepelman Dezember 2017

Andere Dichter haben das Gedicht gerne parodiert und als Anlass genommen, Holland aus verschiedenen Blickwinkeln sehr kritisch unter die Lupe zu nehmen. In den siebzigern spielten die Affären um Pieter Menten und Cornelis Verolme eine große Rolle. Menten hatte während des Krieges in Polen ein Vermögen zusammen geraubt, Verolme war ein Schiffsbauer, der in die Kritik geriet wegen Geschäften mit der süd-afrikanischen Apartheidsregierung.
Die parlamentarische Behandlung der beiden Affären, war, gelinde gesagt, unbefriedigend.
Gerrit Komrijs Parodie verwandelt die holländische Idylle in eine sarkastische Kritik an der bleiernen Zeit der siebziger Jahre.
Das Thema der verlogenen Kanzelmoral ist ein fester Topos, mindestens seit Multatuli.

Gerrit Komrij (1981)

Hollands innerster Kreis

Denkend an Holland
seh' ich Wertpapiere
schnell durch begierige
Finger gehen,

Reihen auf Handel
geile Bataver
als Sittenapostel
auf der Kanzel stehen;

und in den gewaltigen
Bankkatakomben
den Tankerdollar
und den Krügerrand,

Tafelpapiere
bigotte Mores,
Menten, Verolme,
in grandiosem Verband.

Der Himmel hängt tief
und der Geist wird allmählich
in parlamentarischen
Suaden geschmort,

und in allen Bereichen
kommt die Stimme des Kaufmanns,
seine ethischen Krämpfe,
am meisten zu Wort.

Herinnering_aan_Holland
Aus: Onherstelbaar verbeterd
Uitgeverij  C.J. Aarts, 1994

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2019


Die Zeiten ändern sich, und die Gründe für Kritik ändern sich mit ihnen.
Wie man sieht, hat sich an Hollands lieblicher Landschaft (und nicht nur daran) einiges geändert:


Ähnliches Foto



August Agasi (2017)

Erinnerung an Holland

Denkend an Holland
seh' ich begradigte Flüsse
gelangweilt durch neuparzelliertes
Flachland gehen,

Endlose Reihen Windturbinen
Als irre Druiden
Das Schicksal beschwörend
In der Ferne stehen

und in der überbevölkerten
Ferne versunken
die Neubauviertel
verteilt übers Land.

Gewerbegebiete,
Megaställe, Kreisverkehre
planmäßig geordnet
in grandiosem Verband.

Der Himmel hängt tief,
die Sonne ist langsam
von Schwaden von Gülle
und Feinstaub benommen

und in jeglichem Landstrich
wird der Ruf nach mehr Asphalt
nach limitlosem Fahren
gelobt und vernommen.

Agassis herinnering

Übersetzung Jaap Hoepelman Februar 2018

Freitag, 16. Mai 2025

Marsman. Eine Vorahnung?


Hendrik Marsman 1899-1940


In einem früheren Post berichtete ich, wie Hendrik Marsman, der Schöpfer des "beliebtesten Gedichtes der Niederlande", 1940 versuchte an Bord des Dampfers "Berenice" von Frankreich nach England zu entkommen und dabei durch einen Torpedoangriff umkam. Das Meer und Schiffe spielen eine wichtige Rolle in Marsmans Poesie und weil in der Literatur nun einmal "alles geht" ist es kein Wunder, dass das Gedicht "Überfahrt" gerne als "Vorzeichen" gedeutet wird: 

Die Überfahrt

Das einsame schwarze Boot
fährt bei Nacht und Nebel
durch eine Finsternis, grausam und groß,
dem Tod, dem Tod entgegen.

ich liege tief im stöhnenden Raum,
kalt, verängstigt und allein
und ich weine um das klare Land,
das am Horizont verschwand
und ich weine um das düstre Land,
das blass am Horizont erscheint.

wer von der Liebe getroffen ist
und ist vom Blut übermannt,
der erfuhr noch das Dunkelste nicht,
dessen Leben verging nicht für immer;
denn die letzte Niederlage
trifft das Herz wenn es kämpft mit dem Tod.

oh! die Fahrt zum ewigen Land
durch die Finsternis grimmig und groß
in der nie verblassenden Angst,
dass der Tod das Ende nicht ist.

De Overtocht 1929

Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2025

Donnerstag, 4. Januar 2024

Du Perron: Vorm of Vent - Muse oder Macker.

 

Charles Edgard (Eddy) du Perron 
1899-1940

Wie Couperus (1863-1923) war Charles Edgar du Perron ein Kind der niederländischen
 Kolonialgesellschaft,    
                                                                           

wie Couperus erwies du Perron sich als ungeeignet für die traditionelle Schulbildung, wie Couperus schaffte er es trotzdem, die Ausbildung mit einem Diplom als Niederländischlehrer abzuschließen  und wie Couperus entwickelte du Perron sich zu einem Autor mit weit über die Niederlande hinausgehenden literarischen Kontakten und Interessen. Die französische Großgrundbesitzer-Familie du Perron war in Indien vermögend geworden und der junge Charles Edgar konnte sich seine mäßigen schulischen Ergebnisse recht unbekümmert leisten.  1921 verkaufte die Familie ihre umfangreichen Besitztümer in einem Ort mit dem kuriosen Namen "Meester Cornelis", um 1926 nach wallonisch Belgien umzusiedeln, wo sie das Schloss Gistoux erworben hatte.

Schloss Gistoux

Der junge mehrsprachige (darunter auch  Malaiisch) du Perron hatte schon in "Meester Cornelis" mit journalistischen und literarischen Aktivitäten angefangen  und, eingeengt auf Gistoux, fühlte er sich bald von den Niederlanden, aber mehr noch von Brüssel und Paris angezogen, wo er sich eifrig in das literarische und künstlerische Leben stürzte. Er hatte intensive Kontakte zu André Malraux, der ihm sein magnum Opus "La Condition Humaine" widmete. Zu einem anderen Aspekt seiner Persönlichkeit gehörten seine Beziehungen zu den etwas aus dem üblichen literarischen Rahmen fallenden Schriftstellern Pascal Pia und René Bonnel. Während einer der Pariser Soirées, an der eine glänzende Auswahl an Künstlern und Intellektuellen teilnahm, hat unser heißblütiger, hoffnungsvoller Dichter Clairette Petrucci kennengelernt, die Adressatin des hier übersetzten Abschiedsgedicht "P.P.C." ("Pour Prendre Congé", "Zum Abschied").  

Clairette Petrucci

Abgesehen von den persönlichen Affären war du Perron ein konzentrierter, ja besessener Arbeiter und Leser. Erste Arbeiten konnte er auf eigene Kosten herausgeben und er konnte seinen Wirkungskreis bald durch einschneidende Kritiken und Essays erweitern.  Sein Einfluss in Belgien und den Niederlanden war beträchtlich. Zu den niederländischen und belgischen Literaten seines Kreises gehörten u.a. van Ostaijen, Elsschot, Slauerhoff und Roland Holst. 1932 gründete er zusammen mit dem niederländischen Kritiker und Essayisten Menno ter Braak und dem flämischen Romanautor und Dichter Maurice Roelants die Zeitschrift "Forum", mit dem Ziel, die flämischen und niederländischen Beiträge gemeinsam herauszugeben. Das Vorhaben erwies sich als nicht lebensfähig und "Forum" wurde in flämische und niederländische Bereiche aufgespalten, der niederländische Bereich unter der Leitung des Romanautors und Dichters Simon Vestdijk. Die Zeitschrift überlebte nur bis 1935, hatte aber einen großen Einfluss, dessen Spuren durch scharfe Polemik, Essayistik und den Stil der "neuen Sachlichkeit" bis heute nachspürbar sind.  Das hier übersetzte "P.P.C." aus dem entsprechend "Parlando" ("Sprechenderweise") genannten Gedichtband ist hierfür ein gutes Beispiel.
In einer Zeit zunehmender politischer Bedrohung schien die Beschäftigung mit schöngeistiger Literatur, mit Poesie um der schönen Form willen - zum Teil noch herübergeschwappt von den Achtzigern - den Forumsfreunden immer weniger angebracht. Wichtiger erschien die Kunst, die den aufrichtigen persönlichen Standpunkt - nicht unbedingt politisch - sichtbar machte. Diese Diskussion klang noch lange nach in der niederländischen Literatur, unter dem nicht ganz ernst gemeinten Schlagwort "vorm of vent", in etwa "Muse oder Macker".
 Schloss Gistoux entwickelte sich zu einem Treffpunkt niederländischer, belgischer und französischer Literaten, aber als 1936 du Perrons Mutter starb (der Vater hatte sich 1922 umgebracht), stellte sich in der tiefsten wirtschaftlichen Depression heraus, dass Schloss Gistoux unverkäuflich war. Du Perron war ruiniert und versuchte in Niederländisch-Indien wieder Fuß zu fassen. Das Vorhaben missglückte, teils weil sich herausstellte, dass die von ihm verhasste national-sozialistische Haltung sich in der Kolonial-Gesellschaft tiefer verbreitet hatte, als es du Perron ertragen konnte. Zurück in den Niederlanden ließ du Perron sich in der niederländischen Künstlerkolonie Bergen 1939 nieder. Dort starb er - immer schon ein Asthmapatient -  am14. Mai 1940 an Herzversagen, nach der Nachricht des deutschen Überfalls auf die Niederlande, am gleichen Tag wie der Künstlerfreund Menno ter Braak, der sich aus gleichem Grund umbrachte. Nebenbei bemerkt, wurde im Juni 1940 das Schiff, auf dem der Freund beider, der Dichter Hendrik Marsman, von Frankreich nach England zu entkommen versuchte, torpediert. Marsman gehörte nicht zu den Überlebenden. Der Dichter Leo Vroman konnte sich gerade noch mit einem Segelboot nach England retten. Die Zeiten waren nicht die besten...
Als ein Hauptwerk du Perrons gilt "Het land van Herkomst" ("Das Herkunftsland"), ein teilweise autobiografischer, teilweise essayistischer und zeitkritischer Roman, der von einigen zum Besten der niederländischen Literatur zwischen den Weltkriegen gerechnet wird. Dem von ihm und ter Braak bewunderten Schriftsteller Multatuli widmete er 4 Werke.
Zu seinen Arbeiten gehört des weiteren eine Reihe von Erotika, Essays und Polemiken, zudem Gedichtbände, darunter eben "Parlando".
Die abgekanzelte Clairette Petrucci, die Adressatin der perronschen gekränkten Schimpfe in "P.P.C.", war alles andere als beschränkt und engstirnig. Nach allem, was ich gelesen habe, war Clairette eine höhere Tochter, ein begabtes, kunstsinniges, modernes, unabhängiges Mädchen. Ihr Vater war der Kunsthistoriker und Sinologe an der Sorbonne Marquis Raphael Petrucci, ihre Mutter die Flämin Claire Verwee, Tochter eines bekannten Malers und zuhause in einer breit gestreuten Gesellschaft bekannter Künstler, darunter der berühmte Hendrik Willem Mesdag, der Schöpfer des Mesdag Panoramas in den Haag. Auch Clairettes unmittelbarer Bekanntenkreis war exzellent und man kann sagen, dass sie dem kolonialen Provinzbub in vielen Hinsichten voraus war, gerade auch in den neuesten literarischen Entwicklungen, was seinen Eifer zusätzlich angestachelt haben mag.

Panorama Mesdag den Haag.
Detail.

Clairette hatte nun wirklich keinen Grund auf die Avancen des so wohlhabenden wie unreifen Teenagers einzugehen. Du Perrons Wutausbruch war wohl in erster Linie das Ergebnis jugendlicher Sturheit. In der Liebe gekränkte Poeten können sowieso auf eine lange, ehrwürdige Tradition zurückblicken, 
wie z.B. Focquenbroch

Sonett

Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir
gefallen, ich, der ich als Mensch geboren
und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,
der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.

Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest
das weibliche Geschlecht zur Liebe ist bereit.
Herr Jupiter begriff es, als vor langer Zeit
er öfters göttlich aufs Gesicht gefallen ist,

weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,
für Leda hat den Schwan herausgekehrt
und Frau Europa hat entführt als Stier.

Es kann also noch Mensch noch Gott gewinnen:
Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,
muss mehr nicht sein, als nur ein Tier.

(Klinkdicht)

Übersetzung Jaap Hoepelman,
Dez. 2021 

Billet Doux

Ich wollte ein Gedicht auf einem Fächer schreiben,
Sodass du mit den Worten wedeln kannst
Und die Zeilen, möchtest du im Traum verbleiben
Ungerührt zusammenfalten kannst.

Doch mehr noch wollte ich, dass ich sie innen
Drin auf deinem Kleidchen schreiben könnte
So dass zugleich mit Seide oder feinem Linnen
Mit Gedanken ich dich streicheln könnte.

Ich schriebe diesen blöden Wunsch dir nicht
Wäre ein gänzlich irrer mir erfüllt gewesen:
Einmal zu halten in den Armen dich...
Engelsgeduld ist es gewesen.

Billet Doux (aus "verzamelde gedichten", 1947)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Januar 2020

Du Perron reiht sich somit virtuos in ein gerne geübtes literarisches Genre ein:

P.P.C. (Pour Prendre Congé)
Eduard Du Perron (1899-1940)

Lebwohl, Clary. Ich sage nicht mach's gut.
Das klingt so dumm, bei denen gar, die's meinen.
Du hast Dich gut verkauft. Und ruhig Blut
im Übrigen: Denn alle Menschen weinen.

Dein Haus war klein. Dein Herr machte es groß.
Sein Reichtum, hieß es, sei erheblich.
Dein Ruhm wird groß und bald ist man mich los.
Dein Geist blieb klein. Ich mühte mich vergeblich.

Dein Leib ist gut. Du bist ein schönes Weib.
Dem Gatten wirst Du viele schöne Kinder schenken.
Dein Herz ist eng; ich wette, dass Du bei ihm bleibst.
Hochstehend wirst Du stets den guten Ruf bedenken.

Lebwohl Clary: Mich wirst du nicht mehr sehen.
Ich werd' Dich meiden, in den Träumen allemal.
Du warst mein Traum; ich lernte Dich verstehen:
Bleib wie Du bist. Ich hasse Dich total.

Übersetzung Jaap Hoepelman
Dezember 2023

P.P.C.  (Parlando  Verzamelde gedichten. 1941)

Nach einer etwas wilden Periode, die ihm über den Verlust hinweghalf, heiratete du Perron 1932 die Kunstkritikerin, Übersetzerin und Essayistin Elisabeth de Roos, die sich um den Nachlass ihres Mannes kümmerte.

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Bernardo Ashetu. Ein Außenseiter aus Suriname wird allmählich entdeckt.

Über Bernardo Ashetu hatte ich schon in einem älteren Post berichtet. Als ich den alten Beitrag wieder besuchte, wurde mir noch einmal  bewusst, wie raffiniert und poetisch, wenn auch manchmal schwer verständlich seine Gedichte sind. Poetisch? Ja. Aber frag' lieber nicht genauer nach: Es gibt Poesie, die ist poetisch und es gibt Poesie, die ist es nicht. Ich entschied mich, noch einmal zu versuchen einige seiner Gedichte zu übersetzen und hier in den Blog zu stellen, mit darunter die Wiederholung des damaligen Posts.



Dass ich sang

Dass ich einmal
so klein wurde

dass ich in meinem Wesen
sang und glomm.

Als wär' ich Teil
von einem Gong.

So war es im
hinsterbenden Klang,
dass ich sang.


===
Saloneis

Ich bin Herr Saloneis
Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle?
Nun denn, ich bin Herr Saloneis,
Kinder fressen an meinem Herzen
Es macht mich so müde und ich
werde ausgelutscht. Großer Gott, ich werde ausgelutscht.

===

Warte lange

Zieh dich an
und warte bei der Brücke
Warte lange.
Warte bis der erste Stern aufsteigt.
Dieses Haus wird leer sein.
Rufe meinen Namen
und achte auf das Wasser.
Achte auf eine kleine
Regung im Schlamm entlang der
Gracht und warte bis das Licht
aller Sterne den Himmel hat schön
und berauschend gemacht.
Warte auf mich bei der Brücke.
Warte lange.


==
Tot

Wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
wir bleiben nicht ewig jung,
ich fiel um
um 
und um
in Blättern erschreckend rot
Und wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
sind die Matrosen bleich
sie sind bleich
sie sind tot.


==
Unkraut

Verhöhne mich nicht
heute
wo nichts stimmt
mit meiner Malkreide.
Die Töne sind
zu schwach der
schönen Klarinette.
Verhöhne mich nicht
heute
wo ich mit dem 
Spaten wühle im
Garten voller bitteren Unkrauts.


==
Schlangenholz

Was zwischen uns gewesen ist,
es ist nicht mehr, als ich 
erzählen kann. Es ist schlecht und es ist
nie gut gewesen, ein schlechtes Stück 
Schlangenholz, das schlecht passt zu
innigen Blumen. Doch bist du auch sanft
gewesen, sanft für mich wie ein früher
Morgen, in dem ich faul, mich streckend und
warm aufwache unter kühlen tropischen
 Pflanzen. Und du bist blutwarm gewesen,
obwohl du auch schlecht gewesen bist mit
einer stillen, spitzigen Genugtuung.


===
Letztes Wort

Dass ich dich liebe
steht außer Zweifel,
dass ich dich liebe
ist mein letztes Wort.
Ach, die weißen Flammen
und der nackte Brahma,
der wüste Tempel und 
der schlaffe Akkord,
kein nackter Buddha spielte
je Klavier, aber siehe die
Möwen draußen und höre mein
letztes Wort.


===
Nachrichten

Die neuesten Nachrichten:
Ein Kind
ist von einer Stange gefallen
krank danieder liegend
hat es Winter und Sommer
Sommer und Winter
zugehört das schrille Raunen
von Hexen und Faunen
von Faunen und Hexen.
Dann ist es
nach den allerneuesten Nachrichten
auf eine Stange geklettert
auf eine lange Stange geklettert
und hat es
eine Geschichte fantasiert,
die rot mit gelb und blau
aufsteigend tollt
tollend aufsteigt zur hohen Sonne.


===
Traurig

Traurig kann man sagen, spricht das Kind
Traurig kann man sagen, färbt der Stein gegen einen lila
Hintergrund.
Man kann sagen, dass der Hundekopf auf dem Bild so traurig
schaut.
Traurig klingt der Gesang, den wir hören Tag und Nacht.
Traurig ist das Land auf das ein reines Sonnenlicht fällt.
Und traurig, tief-traurig, kann man sagen, setzt die Dunkelheit
ein.


Übersetzungen Jaap Hoepelman Oktober 2025




Bernardo Ashetu
1929-1982


Bernardo Ashetu (Pseud. von Henk van Ommeren), geboren 1929 in Paramaribo (Suriname), war Sohn des Arztes und späteren Vorsitzenden der Surinamischen Nationalstaaten (Parlament) Hendrik van Ommeren und Juliette Nassy. Damit Vater Hendrik das Medizinstudium abschließen konnte, zog die Familie in die Niederlande, aber Mutter Juliette und Sohn Henk mussten vor den Nazis nach Paramaribo fliehen, während Vater Hendrik in den Niederlanden zurückblieb. Gegen den Willen seines Vaters, der größeres mit ihm vorhatte, wurde Ashetu Schiffsfunker. Nach dem Krieg fand der abgemusterte Funker eine Stelle bei Radio Holland, IJmuiden. Vater van Ommeren, ein sehr dominanter Mann, verachtete gleichermaßen den Funker und den Dichter Ashetu. Es wird vermutet, dass diese Verachtung der Grund war, dass Ashetu nach dem ersten Dichtband "Yanacuna" (1959) keine Zeile mehr veröffentlichte. Er blieb also beinahe völlig unbekannt.  "Yanacuna" erhielt sogar eine Einleitung von Cola Debrot, dem bekannten Schriftsteller und späteren Gouverneur der niederländischen Antillen, aber vergebens. In Ashetus Nachlass wurden nicht weniger als 29 unveröffentlichte Bände gefunden.
Die Verachtung seines Vaters und die Probleme einer buntgemischten Gesellschaft hatten wohl eine ungünstige Wirkung auf Ashetus labile Psyche und er musste sich in psychiatrische Behandlung begeben. Nach einem zurückgezogenen Leben starb er 1982 an Darmkrebs.
Erst in letzter Zeit wird Ashetus Gedichten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. 2007 erschien eine Auswahl aus den Arbeiten "Dat ik zong" ("Dass ich sang"), ausgewählt durch Gerrit Komrij und 2011 eine ausführliche Anthologie durch Michiel van Kempen, Professor für niederländisch-karibische Literatur an der Uni Amsterdam, "Dat ik je liefheb" ("Dass ich dich liebe"). Van Kempens Nachwort "'Ik ben een neger" poezie als graf voor Surinaamse demonen"' habe ich im Übrigen viel Material für diesen Post entnommen.

Liebhaber der niederländischen Poesie denken unweigerlich an Slauerhoff, den anderen Seemann und Schiffsarzt (das wäre eher nach dem Geschmack von Vater van Ommeren gewesen), der auch auf Süd-Amerika fuhr. Slauerhoffs Gedicht "O Enjeitado" endet mit den Zeilen

Auch mich hat der Wahn überkommen;
Auch ich hab' entdeckt und genommen,
Der ich später alles verlor,
Um an des trägen Stromes Saum
Am Grab des grandiosen Traums
Zu sterben: “tudo é dor”.

Auch Ashetu besuchte Portugal. "Tudo é dor" und am Ufer des Tejo zu sterben waren Motive, die ihn ansprachen und von ihm benutzt wurden. "Enjeitado" bedeutet "Findelkind", und vielleicht fühlte der von seinem Vater verachtete Ashetu sich so. Auch der Titel des ersten Dichtbandes, ("Yanacuna", in Sranantongo, d.h. im Surinamischen: Yana - weit weg, Spanisch: Cuna - Wiege, in van Kempens Interpretation) könnte in diese Richtung weisen.
Es gibt andere Außenseiter, an die Ashetus Kunst mich erinnert, z.B. Lodeizen und Achterberg, beide Meister darin, mit Alltagswörtern rätselhafte Spannung hervorzurufen, oder van Schagen und Noordstar, die in ihren Gedichten auf "Poesie" verzichteten und dementsprechend erst viel später Anerkennung fanden. Buddingh's Glosse:

Wie das Blatt sich wenden kann

um 1936
lasen wir alle
begeistert und voller Ehrfurcht
Marsman und Slauerhoff
jetzt, dreißig Jahre später,
dreißig Jahre weiser,
halte ich es lieber mit
Noordstar und van Schagen.

(C. Buddingh', Gedichten 1938-1970)

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2019

könnte man getrost um "Bernardo Ashetu" erweitern.
Ashetus Poesie ist  kryptisch, aber vielleicht sind die schönsten Gedichte nicht unbedingt die, die man versteht, sondern die, die man verstehen möchte.

Wehmut

Es war in diesem Winter, dass
der Neger mit dem langen roten
Mund mir seine Bananen anbot.
den bitterkalten schneebedeckten Weg auf dem
er sich endlos weiterschleppte, hatte
er vollgestreut mit Millionen
Ananaswürfeln, und als ich
ihn bezahlte mit einer strahlenden
Scheibe Tropensonne, lachte er sanft
und sehr wehmütig.


Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2024

Marcel

Er schlich sich auf Spitzen von
hellen Schleichern vom Dach

Seine Sitten waren erquicklich leicht.

Er stürzte auf rote Steine
bei klarem Winterwetter
und niemand verstand den fremden
Pfau bei seiner teuren Beerdigung.

Nur Gott.
Und dies war der süße Marcel.

Marcel

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020


Bring Blumen

So sprach der Wind,
so das Wasser und
so dunkel waren die
Wolken nie gewesen.
Ein weißer Vogel flog scheu,
flog aufgeschreckt, flog trunken zur Küste
während der Jüngling
auf dem ächzenden Schiff hastig
schrieb,
bring Blumen, schrieb er,
bring Blumen auf das Grab
von dem, der nicht mehr ist.

Breng bloemen

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Mittwoch, 16. September 2020

Van Schagens Kunst ohne Kunst.


        J. C. van Schagen 1891-1985

In einem früheren Blogpost konnte ich den Dichter und Graphiker J. C. van Schagen vorstellen, zu seiner Zeit ein Außenseiter der niederländischen Literatur. Obwohl ein Erfolg beim Leserpublikum, passten seine vordergründig kunstlosen Prosagedichte nicht zum Kanon des offiziellen Literaturbetriebs und er wurde mehr oder weniger beiseite gelassen. In der Nachkriegszeit schätzte man ihn höher ein, wie Buddinghs Kurzgedicht "Wie das Blatt sich wenden kann" zeigt:

Wie das Blatt sich wenden kann
um 1936
lasen wir alle
begeistert und voller Ehrfurcht
Marsman und Slauerhoff
jetzt, dreißig Jahre später,
dreißig Jahre weiser,
halte ich es lieber mit
Noordstar und van Schagen.

(C. Buddingh', Gedichten 1938-1970)

Übersetzung Jaap Hoepelman September 2020

Laut eigener Aussage suchte van Schagen die kunstvolle Form nicht, sondern nahm sie, wenn sie kam, wie sie kam, so wie er das Leben im Sinne Spinozas mit fröhlichem Gleichmut hinnahm. Wobei man, bei genauerem Hinschauen, die Gleichgültigkeit der kunstvollen Form gegenüber mit einem Körnchen Salz nehmen muss. Dazu sind seine Sätze rhythmisch zu raffiniert, seine Wortbedeutungen und der Aufbau der Gedichte zu kunstvoll.

Ich hatte schon lange vor, meine Übersetzungen einiger Gedichte von J. C. van Schagen mit dem Gedicht "Kentern" ab zu runden:


Kentern


Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Ich war beim Spiel mit Schmuck und bunten Perlen;
Mein Tisch war voller Gold und Seide und glitzernden Steinen;
Mein Haus ein Raum der Kostbarkeit, selten, gewollt,
Warm wie im Orient, und viel war es und prächtig.
Im reichen Dunkel schienen schwere Leuchter. -
Doch jetzt ist gerufen worden, ich komme, und Freude ist und Licht.
Im Garten singt ein Vogel.
Ich gehe jetzt heraus und lasse alles zurück.

Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Es war ein großes Konzert, tausend Herren mühten sich,
Schwarze Schwalbenschwänze, appretierte Westen, rote Köpfe, Bärte wallten in Ekstasen.
In Staffeln grollten Kontrabässe, es waren süße, kühle Flöten, kupferne Signale,
Blitze und Lanzen, Flaggen und Flammen und Schwärme schmeichelnder Geigen.
Es schwebte ein Schwarm von Düften und Locken von warmen Frauen, munteres Plappern und Weichheit von Haaren.
Es war reich und schön und so kunstvoll.-
Dann wurde leise gewarnt und ich bin aufgestanden.
Draußen stand hoch und ewig die Nacht.
Ich werde ihre Kälte jetzt trinken und versteinern.

Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Ich war bei der Arbeit an den Aufgaben, ich hatte vieles angefangen.
Es war wohl berechnet, eingeteilt und überlegt.
Es war geordnet und geplant, in Schemen, Zeichnungen und Tabellen, in den Schränken abgelegt und in den Aktenmappen.
Das Material bereit, Fertigungsteile, Konstruktionen, halbfertig und neu angefangen, Programme lagen vor und Skizzen.
Produkte standen fertig aufgereiht.
Eine Agenda gab's für jeden Tag.
Immer wusste ich wie spät es war und was heute zu vollenden sei.
Ich ging methodisch vor, nach bewährtem Muster,
Die Zeit war eingeteilt und eine Klingel verkündete das Ende einer jeden Zeile.
Die Tage waren abgezählt, die Wochen aufgeschichtet und im Voraus vollgebucht,
So regierte ich das Jahr und stopfte es, wie eine Wurst.
Ja, ich war sehr beschäftigt, ich schuftete und schwitzte; vieles scheiterte
An der dumpfen Wirklichkeit, die ohne Regel ist und Form,
Ich musste krabbeln wie die Ameise mit dem Ästchen, sieben Mal den gleichen Klumpen hoch.
Doch mein Gewinn war groß und dick war das Buch der Besitztümer. -
Dann ist kurz geflüstert worden und ich bin gegangen,
Kühle Milde umweht nun meine Schläfe;
Ich liege jetzt entbunden in grenzenloser Ruhe.
Jetzt weiß ich es, ab jetzt gehöre ich einem Werk, das still ist und heimlich,
Das ist von den Bäumen, sich wiegend im Wind, das ist von der Sonne, glitzernd auf dem Fluss,
Das ist vom Regen, rauschend im Gras, das ist von den feuchten Augen der Tiere.
Ich werde jetzt für immer frei sein und alles verlieren.
Ich werde nur wandeln und zuschauen.
Um mich herum sind Zeit und Raum, wie um Gottselber.
Ja, ich werde jetzt wohl nichts mehr fertigstellen.

Aus: van Schagen Narren-Wijsheid 1925


Übersetzung Jaap Hoepelman September 2020



Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...