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Mittwoch, 10. November 2021

Jan Hanlo. Knack. Tschilp!

 



Jan Hanlo (1912-1969)


Ein Grundton in vielen niederländischen bzw. belgischen Gedichten ist 
eine trockene, unsentimentale Sprache, wie z.B.  bei Elsschot, oder van Ostaijen.
So ist auch Jan Hanlos Sprache: Trauer ohne Trara.


HUND MIT SPITZNAMEN KNACK

Gott, segne Knack,
Er ist jetzt tot.
Zunge und Gaumen waren rot,
Sie wurden weiß,
Dann war er tot.
Gott, segne Knack.

Er war ein Hund
Mit Namen Knack.
In seinem Balg steckte im Grund
Eine Seele von Hund,
Ein ferner Ahne,
Ein alter Bund.
Gott, segne Knack.

aus: Verzamelde Gedichten
Amsterdam, Van Oorschot 2006

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2017

Knak


Am schönsten findet man diese Vorliebe für Klarheit in „Der Spatz“, auch von Hanlo. Wenn das keine konkrete Poesie ist!

Der Spatz

Tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp
Tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp
Tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp tschilp
Tschilp tschilp tschilp

Tschilp
usw.


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Jan Hanlo
aus: Gedichten (1949)

Dem Übersetzer fiel die Vermittlung zwischen den Kulturen in diesem Fall etwas leichter.
Wer auf YouTube geht, findet den nachdenklichen Text in Musik gesetzt.

De Mus

Mittwoch, 28. Juli 2021

Jan Kal und der Mont Ventoux

                               Jan Kal 1946 - 

Nach dem Krieg  machte es für viele Dichter  (wie LodeizenKouwenaarLucebertAndreus) keinen Sinn, die althergebrachten Formen weiterzubetreiben. Andere (wie M. Vasalis und Gerrit Achterberg) blieben bei der Tradition und wurden auch weiterhin geschätzt. Trotzdem machte die Beherrschung des Handwerks in dieser Zeit oft einen etwas verschämten Eindruck und versteckte sich gerne unter der Maske der Spaßpoesie. In den Siebzigern aber gewannen Dichter, die Wert auf die Beherrschung des Metiers legten wieder an Selbstvertrauen, nicht zuletzt durch den Einfluss von Gerrit Komrij. Das Sonett (war es nicht immer ein Gipfel der Dichtkunst gewesen?) fand wieder Beachtung. Auch das letzte Gedicht des Hans Andreus, geschrieben auf dem Sterbebett, ist ein Sonett. Elemente der Spaßpoesie hatten aber ihren Einzug gehalten, darunter welche des Sports, der in akademischen Seminaren oft mit Verachtung bestraft wird. Sport findet man z.B. bei Scheepmaker und bei Jan Kal, dessen erstes Gedichtband sogar eine Sportart im Titel trägt. Kal hat als Student der Medizin angefangen und sich dann aus romantischen Gründen aufs Dichten verlegt, romantisch wie Piet Paaltjens, an den er mich irgendwie erinnert. Kal schreibt fast ausschließlich Sonette. Schon sein erstes Gedicht, "Mont Ventoux", (hier unten mein Versuch einer Übersetzung), ist ein Sonett:


                                                                             Der Mont Ventoux
        

                                                                         

                                                                                 

Jan Kal


Mont Ventoux

Dichten ist radeln auf dem Mont Ventoux,

hier steckte Tommy Simpson damals auf.

Todmüde in dem tragischen Verlauf

quälte sich der Weltmeister dem Endstrich zu.


An diesem Col sind viele abgehängt,

erste Kategorie, seitdem tabu.

Es riecht nach Tannenduft, Sunsilk Shampoo,

das braucht man, wenn man an den Abstieg denkt.


Es macht unendlich müde, alles was man tut;

der Mont Ventoux ist wohl die schlimmste Schinderei,

also, man überlege wohl, eh' man beginnt.


Doch schaffe ich, sogar in dieser Glut,

den Gipfel dieser kahlen Wüstenei:

Eitelkeit und Haschen nach dem Wind.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2021.


Aus: Jan Kal, Fietsen op de Mont Ventoux: (1974) Uitgeverij de Arbeiderspers



                        Denkmal für Tommy Simpson


                                                                                      Mont Ventoux: Höhenprofil


Dichtung, Sport, Leichtigkeit und Ernst lassen sich also sehr wohl miteinander in Verbindung bringen. Nicht umsonst hat Jan Kal als Thema für sein erstes Sonett den Aufstieg auf den Mont Ventoux gewählt: Petrarca, der Vater der Kunst des Sonetts, hat 1336 die  Erstbesteigung des Mont Ventoux beschrieben und passend dazu aus den Bekenntnissen des Augustinus zitiert:

"Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber."

Das Sonett schließt, wie es sich für einen niederländischen Dichter gehört, mit einem Zitat aus Prediger 1,12 , in dem man die Themen des Gedichtes gebündelt wiederfindet:

"Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind." 


Ich nehme an, dass es Jan Kal gefallen würde zu vernehmen, dass seine Gedanken auch in höchsten philosophischen Kreisen Zustimmung finden:

Sloterdijk: So um die zweieinhalb Stunden. Man muss wissen, dass der Mont Ventoux eine sehr bizarre abweisende Aura hat. Wenn man die Vegetationsgrenze erreicht, ist man plötzlich in einer lunaren Landschaft. Die Rennradfahrer spüren davon natürlich nicht viel, weil sie vor Anstrengung blind sind. Wir Amateure waren am letzten Aufstieg so phänomenal langsam, dass man ständig diese todeszonenhafte Stimmung des Gipfelbereichs gespürt hat. Wenn man dann auch noch an dem Denkmal für den armen Simpson vorbeifährt, der da 1967 kurz vor dem Gipfel verendete, ist man schon ziemlich demoralisiert und denkt für ein paar Sekunden über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nach.

Aus "Hundsgewöhnliche Proletarier", Interview mit Peter Sloterdijk, Der Spiegel, 07,07,2008,



Freitag, 25. Juni 2021

van Maerlant, der erste Großdichter

 

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290


Im berühmten „Binnenhof“, dem heutigen Regierungsviertel in Den Haag, befindet sich der altehrwürdige Ridderzaal (Rittersaal). 

                                       

Das monumentale Gebäude ist bis heute in Gebrauch: Jedes Jahr am dritten Dienstag im September verliest das niederländische Staatsoberhaupt hier am Prinsjesdag die Thronrede.


Graf Willem II. von Holland begann 1248 mit dem Bau dieses Saals, den sein Sohn Floris V. um 1280 vollendete. Doch den Erbauern brachte das Prachtwerk kein Glück.
    

Willem II. (1227–1256), Graf von Holland und Zeeland, wurde 1248 in Aachen vom Erzbischof zum Gegenkönig des Heiligen Römischen Reiches gekrönt – allerdings erst nach einer zermürbenden, fünfmonatigen Belagerung der Stadt. Diesen Triumph verdankte Willem der tatkräftigen Hilfe der Friesen und deren meisterhafter Wasserbaukunst. Die Friesen erhofften sich im Gegenzug die Wiederherstellung jener Privilegien, die ihnen einst Karl der Große verliehen haben soll.
Die damalige Heimat der Westfriesen lag auf der Halbinsel nördlich von Utrecht und westlich des friesischen Kernlandes. Vom eigentlichen Friesland waren sie bereits Generationen zuvor durch die Entstehung der Zuiderzee getrennt worden. Für Willem II. war diese Landzunge der ideale Brückenkopf für eine geplante Eroberung.
Die Geografie der Region war jedoch mörderisch: Eine tückische Sumpflandschaft, in der man kaum ausmachen konnte, wo das feste Land aufhörte und das Wasser anfing. Es war kein Wunder, dass die Friesen nicht nur Meister des Wasserbaus, sondern auch des Sumpfkrieges waren.

Die Sumpflandschaft Waterlands und 
die Lage der späteren Zwingburgen
des Floris V.

Der Sommer 1255 war extrem regenreich gewesen, und Willems Armee kam vom Städtchen Alkmaar aus gegen die Friesen kaum voran. Im Februar 1256 setzte jedoch starker Frost ein. Der Moment schien günstig, um über die zugefrorenen Seen in Richtung Hoogwoud vorzurücken. Willem zog mit einer kleinen Gruppe von Kundschaftern über das zugefrorene Berkmeer voran. Es war ein überaus tapferes, aber ebenso törichtes Unterfangen: Das dünne Eis des Sees konnte das enorme Gewicht eines Schlachtrosses mitsamt Ritter und schwerer Rüstung nicht tragen.

Willem II bricht ein

Hätte Willem nur van Maerlants spätere Übersetzung des Secretum Secretorum („Geheimnis der Geheimnisse“) gelesen! Darin wird nicht die blinde Tapferkeit, sondern der kluge Verstand als die wahre Tugend eines Fürsten gepriesen. Doch van Maerlants Opus entstand erst zehn Jahre nach dieser Katastrophe.


               Willem II im Eis von den Friesen erschlagen

Friesische Partisanen stürmten aus einem Hinterhalt im Schilf hervor und erschlugen den wehrlosen römisch-deutschen König im Eis. Die Friesen waren seit jeher ein wehrhafter Stamm, der verbissen über seine Unabhängigkeit wachte. Bereits im Jahr 754 hatten sie den heiligen Apostel Bonifatius beim Ort Dokkum erschlagen, als dieser gegen die Verehrung ihrer heiligen Wotaneiche predigte.

Bonifatius verteidigt sich mit seiner Bibel 
gegen die Schwerthiebe der Friesen

Für den frommen Jacob van Maerlant, der eng mit dem holländischen Grafenhaus verbunden war, wog das Verbrechen der Friesen doppelt schwer: Sie verweigerten dem erschlagenen Willem eine ehrenhafte, christliche Beerdigung. Seine Leiche wurde stattdessen klammheimlich unter der Feuerstelle eines friesischen Bauernhofs verscharrt.
Entsprechend schlecht war Maerlants Meinung über den „garstigen Friesenstamm“, was er in seinem Werk Wapene Martijn unmissverständlich zum Ausdruck brachte:


Wat sal seghel ende was
 
Ende brieve, die ghewaghen das
 
Van dat dese heren gheven?
 
Hets al niet, hets een ghedwas;
 
Alse lief hadt mi een wilt Sas
 
Oft een Vriese bescreven.
 
Trouwe es brooscher dan een glas;
 
Die hier te voren so sterc was,
 
Soe es tebroken bleven.
 
Ic waens noit landshere ghenas
 
Die scalke te sinen rade las,
 
Hine moeste int ende sneven
 
Ende sulc sijn slands verdreven.’

Was soll der Siegel, und das Wachs,
Was das Siegelstück? Alles nur ein Klacks
In feierlichem Herrensprech!
Nichts ist's, nur Gewäsch,
Leeres Geschwätz, von Sächs'scher
Wilden, ohne Wert, nur Friesenblech.
Treue ist zerbrechlicher als Glas.
Einst fest, zerschellt auf immer das, was
Heil war. Gebrochen bleibt gebrochen eben.
Kein Landsherr hat sich je davon erholt,
Der sich bei Schwindlern Rat geholt.
Manche mussten zahlen mit dem Leben, 
Eignes Land hat mancher aufgegeben.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2021 nach Text und Prosaübersetzung der "Wapene Martijn" in der DBNL)

Als Willem II. bei Hoogwoud so schmählich zugrunde ging, war sein Sohn und Erbe, der spätere Floris V., gerade einmal zwei Jahre alt. An dieser Stelle betritt van Maerlants bedeutende Gönnerin die Bühne: Aleide d'Avesnes, (1228–1294).

           Aleide d'Avesnes,
  Gräfin von Holland vor den Resten
 ihrer Burg "te Riviere" in Schiedam

Aleide war die Schwester des erschlagenen Königs und sich ihrer hochadligen Stellung überaus bewusst. Zunächst übernahm ihr Bruder, Floris der Vogt, die Vormundschaft für den kindlichen Thronerben. Als Floris der Vogt jedoch 1258 bei einem Turnier in Antwerpen ums Leben kam, riss Aleide die Macht an sich: Sie wurde Vogtin des kleinen Floris und Regentin von Holland und Zeeland.
Der Historiker Frits van Oostrom vermutet, dass hier die Verbindung zu Jacob van Maerlant geknüpft wurde. Zu dieser Zeit tobten erbitterte Konflikte zwischen Flandern und Holland um den Besitz der seeländischen Inseln westlich der Schelde. Wer diese Inseln kontrollierte, beherrschte den gesamten Handelsweg zwischen England und Brügge. Es ging um sehr viel Macht und Geld.
Brügge war damals das schlagende Herz des europäischen Handels, die wichtigste Schnittstelle zwischen der Hanse, England, Frankreich und dem Mittelmeerraum. Für die flämische Tuchindustrie war Brügge zudem der zentrale Stapelplatz für englische Wolle.

Der Belfried in Brügge

Der eigentliche Vorhafen von Brügge war im 13. Jahrhundert die Stadt Damme. Genau dort, an der renommierten Kapittelschule Sankt-Donaas, genoss der junge Jacob van Maerlant eine gründliche Ausbildung und erhielt die niederen Klerikerweihen. Die Schule war ein intellektuelles Zentrum. Hier übte sich Maerlant in den Artes liberales und lernte, Latein und Französisch ebenso brillant in Wort und Schrift zu beherrschen wie seine flämische Muttersprache.

Die Lage von Brugge und Damme


Die Bibliothek der Kapittelschule verfügte über einen reichhaltigen Schatz an Lehrbüchern, in die sich Maerlant tief einlas. Hier erwarb er jene Gelehrsamkeit, die ihn später zum perfekten Schreiber an einem gräflichen Hof qualifizieren sollte. Während der Französischen Revolution wurde die stolze Sankt-Donaas-Kathedrale vollständig geschleift, im Züge der unaufhaltsam voranschreitenden Zeitgeist, nehme ich an.

             Die Sankt Donaas -Kathedrale


                                                                                                            Van Eyck: Madonna mit Kanonikus van der Paele. 
                                                                                       Im blauen Ornat der heilige Bischof Donatius.


Denkmal für Van Maerlant 
auf dem Marktplatz in Damme

Zum ohnehin angespannten Verhältnis zwischen Flamen und Holländern trug der französische König Ludwig IX. („der Heilige“) im Jahr 1246 entscheidend bei: Er teilte den Dampierres das reiche Flandern zu, während er die Familie der Avesnes mit dem vergleichsweise armseligen Holland abspeiste. Die Avesnes fühlten sich zutiefst gedemütigt.
Die pikante Tragik daran: Dieser tiefe Graben verlief mitten durch ein und dieselbe Familie! Margaretha von Konstantinopel, Gräfin von Flandern und Hennegau, war die Mutter dreier Avesnes-Söhne aus ihrer ersten Ehe und zweier Dampierre-Söhne aus ihrer zweiten Ehe. Ihren ersten Ehemann, Bouchard d’Avesnes, hatte sie kurzerhand durch Enthauptung entsorgen lassen – ein Akt, den die Söhne aus dieser Verbindung nicht positiv aufnahmen.
Für Flandern war die Kontrolle über die seeländischen Inseln westlich der Schelde überlebenswichtig, da sie den Zugang zum reichen Brügge sicherten. Margaretha hatte diese strategischen Gebiete jedoch durch ein Urteil des deutschen Königs – eben jenes Willem II. aus dem Hause Avesnes – verloren, der sich das Lehen Seeland prompt selbst einverleibte.
Margaretha dachte nicht daran, das hinzunehmen. Sie stampfte ein gewaltiges flämisch-französisches Heer aus dem Boden, das am 4. Juli 1253 zur Invasion der Insel Walcheren ansetzte. Doch die Kriegsvorbereitungen waren nicht unbemerkt geblieben. Die Seeländer und Holländer hatten wertvolle Zeit gewonnen, um sich auf den bevorstehenden Schlag vorzubereiten...



Voorne-Putten um 1300. Mit guten Augen kann man den Ort Maerlant erkennen, 
nach dem unser Dichter sich benannte.

Die Invasion der Holländer und Seeländer endete für Flandern in einem Desaster: Die Flamen wurden in der Schlacht von Walcheren vernichtend geschlagen. Es ist gut vorstellbar, dass der junge Jacob van Maerlant als Scriptor mit eingeschifft war und in den Wirren der Schlacht gefangen genommen wurde.
Maerlants außergewöhnliche Begabung blieb der Regentin Aleide d’Avesnes jedoch nicht lange verborgen. Er wurde auf der Insel Voorne festgesetzt, wo die mit dem holländischen Grafenhaus verbundene Familie van Cats eine Erdhügelburg (eine sogenannte Motte) besaß. Später stellte man ihn als Küster und Lehrer im kleinen Örtchen Maerlant an.
Hier erhielt er einen monumentalen Auftrag: Er sollte den jungen Thronerben Floris V. auf seine künftigen fürstlichen Pflichten vorbereiten. Aleide erwartete von ihrem Mündel nicht weniger, als dass er den Leichnam seines in Friesland verscharrten Vaters heimholen, würdig bestatten und unbarmherzige Rache an den Friesen nehmen würde.
Zu van Maerlants Aufgaben gehörte die Aufbereitung jener Literatur, die feste Bestandteile eines fürstlichen Curriculums bildete. Seine literarische Produktivität in dieser Zeit auf Voorne war atemberaubend. Er verfasste unter anderem einen Alexanderroman, die Gralsgeschichte, die Geschichte Trojas sowie die Erzählung über den jungen Helden Torec. Hinzu kamen Sachschriften über Träume und Edelsteine sowie das Geheimnis der Geheimnisse – ein Fürstenspiegel nach dem im Mittelalter überaus beliebten Secretum Secretorum, das als angebliches Werk des Aristoteles höchste Autorität genoss.

 Um 1270 kehrte Jacob van Maerlant schließlich nach Damme zurück. Dort fasste er in seinem monumentalen Werk Der naturen bloeme („Die Blüte der Natur“ oder „Blütenlese der Natur“) das gesamte zoologische und naturwissenschaftliche Wissen seiner Epoche zusammen.
Darüber hinaus schuf er mit seiner Rijmbijbel (Reimbibel) die allererste vollständige Bibelübersetzung in niederländischer Sprache, verfasste eine Biografie des heiligen Franziskus von Assisi und vollendete mit dem Spieghel Historiael eine monumentale Weltgeschichte. Eine Reihe strophischer Gedichte bildet die persönlichere Seite seines Schaffens – darunter die Martijn-Gedichte, die bis heute als seine künstlerisch wertvollsten Werke geschätzt werden.
Das Ergebnis war eine veritable Schatztruhe aus über 300.000 Zeilen in Paarreimen, verfasst in der Volkssprache auf der Basis lateinischer Quellen. Kein anderer Zeitgenosse in Europa konnte eine solche Produktivität vorweisen. Zu seiner Zeit und noch Jahrhunderte danach war van Maerlant ein gefeierter und hochverehrter Dichter.

                                                                                                                                        Floris V                                                                               
Während sein ehemaliger Lehrer schrieb, führte Graf Floris V. den Krieg gegen die friesischen Bauern mit wechselndem Erfolg fort. Den Ausschlag für die endgültige Niederlage der Friesen gaben letztlich verheerende Sturmfluten in den Jahren 1287 und 1288, die weite Teile Westfrieslands verwüsteten.
Floris erwies sich zudem als ambitionierter Burgenbauer: 1285 ließ er das strategisch wichtige Muiderslot (Muiderschloss) an der Grenze zwischen Utrecht und Holland errichten.

Das Muiderschloss

Die Festung stand am perfekten Ort. Floris hatte kurz zuvor der aufstrebenden Siedlung Amsterdam die Stadtrechte verliehen, und das Schloss füllte durch saftige Zolleinnahmen die Kriegskasse des jungen Grafen. Doch die Burg sollte ihm zum Verhängnis werden: 1296 verschworen sich unzufriedene Adlige gegen ihn – vermutlich angestiftet vom englischen König Edward I., der in Floris einen gefährlichen Rivalen um den schottischen Thron sah. Floris wurde im eigenen Muiderschloss gefangengesetzt, um nach England entführt zu werden.
Die historische Überlieferung bietet verschiedene Motive für dieses Drama: Eine Version besagt, dass die Entführung von Gerard van Velzen eingefädelt wurde, der sich für die Vergewaltigung seiner Ehefrau durch den Grafen rächen wollte. Eine andere Quelle betont, dass Floris den einfachen Bürgern und Bauern zu viele Privilegien eingeräumt hatte, was dem Adel ein Dorn im Auge war. Floris’ Spitzname lautete nicht umsonst Der Keerlen God („Der Gott der Kerle/Bauern“).
Als die wütenden „Kerle“ das Muiderschloss belagerten, flohen die Entführer zu Pferd und nahmen den gefesselten Grafen in ihre Mitte. Unter den herbeieilenden Befreiern befanden sich ironischerweise auch Friesen, die sich wohl eine Wiederherstellung ihrer alten Rechte erhofften. In der allgemeinen Panik ergriff Gerard van Velzen seine Chance und erstach Floris V.
Der Mörder wurde kurz darauf gefasst, grausam gefoltert und in einem mit Nägeln gespickten Fass durch die Stadt Leiden gerollt; andere Chroniken berichten schlicht von seiner Vierteilung.

Der berühmte „Muiderkreis“


Jahrhunderte später sollte das Muiderschloss eine zweite, glanzvolle Hauptrolle in der niederländischen Kulturgeschichte spielen. Ab 1621 traf sich dort regelmäßig eine erlesene Gesellschaft der prominentesten Gelehrten, Musiker und Dichter des Goldenen Zeitalters rund um den Schlossherrn und Dichter Pieter Corneliszoon Hooft.
Joost van den Vondel, das berühmteste Mitglied dieses sogenannten Muiderkring (Muiderkreises), schrieb das Eröffnungsdrama für das neu errichtete Amsterdamer Stadttheater: den Gijsbrecht van Aemstel. Das Bühnenstück beschreibt, wie der Titelheld Gijsbrecht – zu Unrecht der Komplizenschaft am Mord an Floris V. verdächtigt – aus seinem Amsterdamer Stadtschloss vertrieben wird.
Zurück zu Jacob van Maerlant: Sein Einfluss auf die Literatur war immens. Der Historiker Frits van Oostrom betont, dass man kaum einen Autor zwischen 1250 und 1450 nennen kann, der nicht in irgendeiner Form von ihm beeinflusst wurde. Maerlant war der erste niederländische Schriftsteller, der im eigentlichen Sinne Schule machte.
Es entstanden zahllose Abschriften seiner Werke. Einige der erhaltenen Prachtexemplare glänzen mit prachtvollen Buchmalereien, insbesondere die Rijmbijbel, Der naturen bloeme und der Spieghel Historiael.

Der naturen bloeme
Utrechter Handschrift, etwa 1340

Solche Prachtbände kosteten damals ein Vermögen. Natürlich war van Maerlant kein Dichter des modernen, hochpersönlichen Gefühlsausdrucks. Er war ein Gelehrter, der präzise vorgegebene Stoffe für eine exakt definierte, adlige und bildungsbürgerliche Leserschaft in der Volkssprache aufbereitete. Dabei ging er jedoch keineswegs sklavisch vor, sondern passte die Vorlagen kreativ den Erwartungen und Bedürfnissen seines Publikums an.
Am freiesten dichtete er in seinen Dialogen, die unter dem Namen Wapene Martijn bekannt wurden. Diese Gedichte nutzen eine anspruchsvolle, dreizehnzeilige Strophenform mit dem Reimschema aabaabaabaabb.
Selbst in seinen weniger freien Werken gibt es für moderne Leser viel zu bewundern und zu schmunzeln – besonders in Kombination mit den kuriosen mittelalterlichen Illustrationen. Van Maerlant verfasste seine Naturen bloeme nach dem Vorbild des Theologen Thomas von Cantimpré (De natura rerum). Seine Naturbeschreibungen verfolgten stets ein erzieherisches Ziel: Die Tierwelt sollte als lebendiger Beweis für Gottes Allmacht sowie als moralisches Beispiel für Tugend und Untugend dienen.
Als ganz außergewöhnliches Tier wird dem Leser der Biber vorgestellt:

Van Maerlants Biber bei einer seiner typischen Tätigkeiten

Castor, dit woert in Latijn
 
Mach in Dietsche een bever sijn.
 
Castorium heten haere hoeden,
   Die sijn vele te nuttene noden,
 
Ende dat es daer mense omme jaghet.
 
Ende als den bever dan wanhaghet,
 
So bijt hise selve of te waren:
 
Dan laten die jaghers varen.
   Eist datmenne anderwarf jaghet,
 
Hi toghet dat hi niet en draghet,
 
Ende vallet voer den jagher neder.
 
Die Pollaene segghen dan weder,
 
Haer bevre hebben die hoeden binnen,
  Recht als wi nieren legghen kinnen.
 
Hoe moghen si danne hem selven vueren?

Als Castor ist er auf Latein bekannt,
Biber wird er hier genannt.
Castorium, die Hoden auf Latein,
Sind wirksam gegen Zipperlein.
Deswegen wird ihm nachgestellt.
Fühlt er sich zu sehr umstellt,
Dann, wahrlich, beißt er diese ab.
Dann lassen Jäger von ihm ab.
Jagt man ihn dann später wieder,
Legt der Biber sich danieder
Hier, so zeigt er, gibt es nichts zu holen.
Wiederum heißt's bei den Polen,
Die Hoden liegen drinnen, wie die Nieren.
Aber können solche Biber sich kastrieren?

Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2020 nach dem Text in der DBNL (mit der dort vorgeschlagenen Korrektur)

Van Maerlants Tiergeschichten sind oft spannender und lehrreicher als moderne Fernseh-Dokumentationen, in denen man so manche skurrile Kreatur schmerzhaft vermisst. Man denke nur an den Elefanten, der sich wie eine wütende Gießkanne gebärdet, die „Auster des Missvergnügens“ oder den chronisch unzufriedenen „Schildquerulanten“. Ohnehin wirken van Maerlants Tiere auf den zeitgenössischen Miniaturen auffällig schlecht gelaunt. Aber sind nicht in jeder guten Geschichte die Bösewichte ohnehin viel interessanter als die Tugendhaften?

 
die Auster des Misvergnügens,       oder der Schildquerulant.

Doch nicht nur in der Tierwelt, auch unter den Menschen gibt es bei Maerlant genug zu bestaunen. Zwei kuriose Beispiele aus den fernen Randgebieten der mittelalterlichen Weltkarte genügen: Die Sckiampoden (Einfüßler), die sich bei Hitze flach auf den Rücken legen und ihren einzigen Riesenfuß als praktischen Sonnenschirm benutzen, oder die Kopflosen, deren Augen mitten im Rumpf sitzen.


Weit weniger fantastisch, dafür überraschend aufgeklärt, zeigt sich Maerlant in seinen Dialogen. In Anbetracht des biblischen Sündenfalls und des Missgeschicks mit dem verbotenen Apfel urteilt der Dichter über die Frauen überraschend milde und modern. Im Wapene Martijn entspinnt sich dazu folgendes Gespräch:


Martijn:

Jacop, alle Welt macht groß Gewese,
Der Frauen Schuld sei es gewesen,
Dass wir in Sünde müssen Sterben:
Durch Evas erster Sündenfall
Müssen im Erdental wir alle
Als Vertriebene verderben.
Es sagen alle, keiner ausgenommen:
Eva hat Adams Herz genommen,
Adam ward von ihr vergeben°.
Sag mir, liegt's nicht auf der Hand
Dass man hier die Schuldige fand?
Ihretwegen zittern wir und beben
Wenn zu Ende geht das Leben.

Jacop:

Martin, jeder ist im Kopf nicht gut,
Der andern vorwirft, was er selber tut,
Egal ob es ihm Vorteil bringt.
Seh' ich das Meer, oder den Fluss, 
Steig' ich hinein mit einem Fuß,
Wie wenn ein Blöder in die Fluten springt -
Wem werf' ich vor den Übermut,
Wenn mich ergreift die wilde Flut,
Und dass mit mir ein Schwein versinkt?
Wenn einer weiß von Bös' und Gut,
Hartnäckig stets das Böse tut,
Dann gibt es viele, denen's stinkt,
Dann schert es nicht, ob der ertrinkt.


(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2021, Nach Biesheuvel, Originaltext mit Prosaversion )

Zum Abschluss folgt ein Plädoyer Maerlants gegen die menschliche Habgier. Es ist ein Text, der im 13. Jahrhundert verfasst wurde und dennoch bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat:

Jacop:

Um diese Worte geht's allein:
Es sind die Worte "mein" und "dein"
Könnt' man endlich sie vertreiben
Allüberall würd' Frieden sein
Und Freiheit wäre allgemein.
Mann noch Frau leibeigen bleiben,
Gemeinfrei wären Korn und Wein.
Über's Meer oder den Rhein

Jan van Boendale, ein bedeutender Dichter der nachfolgenden Generation, nannte Jacob van Maerlant ehrfürchtig den „Vater aller niederländischen Dichter insgesamt“. Doch dieser literarische Urvater ist heute im kollektiven Gedächtnis – besonders im deutschen Sprachraum – gründlich in Vergessenheit geraten.
Um sein Andenken zu ehren und die Epoche lebendig zu machen, empfiehlt sich ein akustischer Ausflug in seine Heimat: Die Missa de Sancto Donatiano des bedeutenden Jacob Obrecht. Sie wurde zwar erst rund zweihundert Jahre nach Maerlants Tod komponiert, schließt aber den Kreis perfekt.
Geschrieben von dem Brügger Komponisten Obrecht für den Brügger Namenspatron Sankt Donatian – den Schutzheiligen jener Kapittelschule Sankt-Donaas, an der einst Jacob van Maerlant lernte. Dichter und Komponist beredte Zeugen für die erstaunlichen Kultur der südlichen Niederlande im Mittelalter.
Zu den Quellen:
Die historischen Hintergründe über Jacob van Maerlant, seine Epoche und sein Schaffen basieren maßgeblich auf Frits van Oostroms Standardwerk Maerlants Wereld (Prometheus, Amsterdam 1996).
Wer selbst einen Blick in die faszinierenden, reich bebilderten Originalseiten von Der naturen bloeme („Die Wunder der Natur“) werfen möchte, findet den digitalen Zugang direkt über die Online-Archive der DBNL.

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...