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Samstag, 13. Dezember 2025

So wie ich einmal liebte,




              Snikken en Grimlachjes            
              Piet Paaltjens (1835-1894)         

                                                                                         
Ich habe in diesem Blog bereits verschiedene Gedichte von Piet Paaltjens (1835–1894) übersetzt, der ohnehin zu meinen absoluten Lieblingsdichtern des 19. Jahrhunderts gehört. Als ich vor Kurzem in Marita Mathijsens Blog die Beschreibung ihres Besuchs an Paaltjens Grabstätte in Schiedam las – und wie sie auf dem Grabstein einige Rosen sowie eine Kopie der Snikken en Grimlachjes fand, aufgeschlagen bei einer der Immortellen, dort hinterlegt von einer Schulklasse –, entschied ich mich spontan, die alten Übersetzungen noch einmal nach vorne zu stellen.



 Ich habe in diesem Blog bereits verschiedene Gedichte von Piet Paaltjens (1835–1894) übersetzt, der ohnehin zu meinen absoluten Lieblingsdichtern des 19. Jahrhunderts gehört. Als ich vor Kurzem in Marita Mathijsens Blog die Beschreibung ihres Besuchs an Paaltjens Grabstätte in Schiedam las – und wie sie auf dem Grabstein einige Rosen sowie eine Kopie der Snikken en Grimlachjes fand, aufgeschlagen bei einer der Immortellen, dort hinterlegt von einer Schulklasse –, entschied ich mich spontan, die alten Übersetzungen noch einmal nach vorne zu stellen.
Ich wollte mich an eine Neuübersetzung wagen, die eine wunderbare, hochromantische Absage an die Romantik selbst ist. „Immortelle“ ist der französische Ausdruck für die Strohblume: schön, vertrocknet, unvergänglich, aber eben längst vergangen. Der Titel des Gedichtbands, Snikken en Grimlachjes, lässt sich wunderbar als „Schluchzer und grimmige Lächeln“ übersetzen. „Grimlachje“ ist dabei eine Wortschöpfung von Paaltjens: Ein glimlach ist ein Lächeln, ein glimlachje ein kleines, verschmitztes Lächeln. Gekreuzt mit dem Wort grim (grimmig) entsteht das Grimlachje – ein kleines, zutiefst unfröhliches, galliges Lächeln. Unfassbar viel Bedeutung, verpackt in einer einzigen Portmanteau-Wortschöpfung. Wahres Futter für Übersetzer!
Immortelle  C.

 So wie ich einmal liebte,

So liebte auf Erden noch niemand,

Nur, dass ich, wohin ich mich wandte,

Nur Herzen aus Eis und aus Stein fand.


Es erstarb mein Glauben an Freundschaft,

Weder Hoffnung noch Liebe bestand,

Und so, wie mein Herz dann hasste,

So hasste auf Erden noch niemand.


Manch düsteres, bitteres Lied

Den Weg aus der Brust in die Welt fand;

So düster und bitter ich sang,

So sang hier auf Erden noch niemand.


Bis ich dann das immerfort Hassen,

Das Singen und Weinen als öde empfand.

Ich schwieg und so wie ich jetzt schweige,

So schwieg hier auf Erden noch niemand.


(Übersetzung Jaap Hoepelman Dezember 2025)

Immortelle C

Paaltjens, Sempre, die türkische Trommel und Probleme der Übersetzung.

Piet Paaltjens - Literatuurmuseum
Piet Paaltjens
(François Haverschmidt, auch HaverSchmidt
1835 - 1894)

Hör ich auf Sempre ein Waldhorn
Oder auch türkische Trommel -
Das kann mich zu Tränen bewegen
Und - ich weiß selbst nicht weswegen.

Fragt mich ein aktives Mitglied:
Was an der türkischen Trommel
Oder dem Waldhorn ist dir gelegen? -
Dann weiß ich selbst nicht weswegen

Ist's weil in besseren Tagen
Ein Freund die türkische Trommel
nicht ungeschickt konnte regen?
Ach - ich weiß selbst nicht weswegen.


Aus: Immortellen, 1850-1852.

Übersetzung Jaap Hoepelman
August 2019

Romantiek (1800-1900) – Leeskunst

Das kleine Gedicht ist eines meiner Lieblingsgedichte der Romantik. Die geheimnisvolle erste Zeile! Was bedeutet "Sempre"* ? Was hat das Waldhorn mit diesem unbekannten Wort zu tun? Wieso "auf Sempre"? Das Waldhorn ist ein schwieriges Instrument, das Geschick erfordert und romantische Gefühle hervorruft. Aber die türkische Trommel? Und wieso verschwindet das Waldhorn in der dritten Strophe und bleibt nur die türkische Trommel übrig?
Das Gedicht gibt also Rätsel auf, es ist ironisch, es übertreibt, es parodiert die gängigen tränenreichen Genres und es lässt Nicht-Zusammenpassendes unvermittelt auf einander stoßen. Es ist das Musterbeispiel eines romantischen traurigen Verses, der zur gleichen Zeit seine eigene Parodie ist. Man kann aber nicht sagen, dass der Dichter sich anstellte und nur posierte: Als die unbeschwerte (nun ja) Studentenzeit vorbei war und HaverSchmidt seinem Ruf als Pfarrer folgen musste, hat seine Trauer ihn nach und nach eingeholt und er hat sich umgebracht.

Ich hatte schon lange den Wunsch, mich an diesem in den Niederlanden berühmten Gedicht zu versuchen. Es war nicht einfach. Ich muss gestehen, dass ich als Übersetzer eigentlich gescheitert bin: Die niederländische Fassung enthält nur ein einziges, sich wiederholendes Reim in den Zeilen 2 und 4:

"... Turkse Trom"
-             ...
"...ik zelf niet waarom"

Es gelang mir einfach nicht, dazu die passenden deutschen Reime zu finden. Die "türkische Trommel" wollte sich nun mal nicht mit "warum" paaren, und widersetzte sich allen Kniffen. Deswegen habe ich den Reim auf die Zeilen 3 und 4 gelegt. Mit schlechtem Gewissen. Etwas ganz Wichtiges im Rhythmus und Klang habe ich nicht hinbekommen: " trom, waarom/trom, waarom/trom, waarom"....Darauf reimt sich "bom, bom, bom" (kurzes "o"), d.h. "bumm, bumm, bumm" - genau wie der dumpfe Klang der türkischen Trommel, vielleicht in einem Trauermarsch. Genau wie in einem Trauermarsch erfolgen die Schläge im gemessenen langsamen Rhythmus, d.h. mit einer Zeile dazwischen, nicht in zwei schnell aufeinander folgenden Reimen. Ein anderes Gedicht aus der gleichen Sammlung lässt die Vermutung zu, dass es sich hier tatsächlich um einen verstorbenen Freund handelt.
Mit meinen "e"-Reimen konnte ich diese Klangwirkung nicht erreichen. Schade, aber vielleicht bleibt trotzdem etwas übrig von der überempfindlichen Stimmung der Zeit. Tuberkulose, Cholera, Syphilis, Typhus...und Heines Buch der Lieder. Für Trauer und Melancholie gab es ausreichend Grund und Vorbilder.
Für einen besseren Eindruck bringe ich hier das niederländische Original. Schwer zu verstehen ist es ja nicht.

Piet Paaltjens

Hoor ik op Sempre een waldhoorn
Of ook wel een Turkse trom,
Dan moet ik zo bitter wenen;
En - ik weet zelf niet waarom.

Vraagt een der werkende leden:
'Hoe kan een Turkse trom
Of een waldhoorn u zo roeren? -
Dan weet ik zelf niet waarom.

Is 't wijl in beetre dagen
Een vriend de Turkse trom
Niet onverdienstlijk bespeelde?-
Ach, ik weet zelf niet waarom.

Aus: Immortellen, 1850-1852.

* "Sempre" steht für für "Sempre Crescendo",
die Musikgesellschaft der Studenten in der Universitätsstadt Leiden.

Wenn ich den Leichbitter sehe,



Wenn Realität und Melancholie auf einander treffen, entsteht sardonischer Humor. Der Pfarrer-Dichter, Piet Paaltjens (Pseudonym von François HaverSchmidt (1835 – 1894)) versteckte, man könnte auch sagen verstärkte seine Melancholie durch die Zusammenführung beider Bereiche, bis die Melancholie die Überhand gewann und er sich umbrachte. In der Romantik waren Tod, Selbstmord und gescheiterte Liebe ständig wiederholte Themen, auch in Paaltjens Studentenpoesie, versteckt hinter virtuosem Spott. Ob dazu beitrug, dass François einwohnte bei einem Leichbitter sei dahin gestellt:

Immortelle XXIV

    Als ik een bidder zie lopen,
    Dan slaat mij ’t hart zo blij,
    Dan denk ik, hoe hij weldra
    Uit bidden zal gaan voor mij. 


Aus Immortellen, 1850-1852.


Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.


Übers. Jaap Hoepelman, Jan. 2018


Der Zusammenstoß zweier Welten kann katastrophal ausgehen und zu den Spaltprodukten gehört bissiger Spott mit den romantischen Klischees. Auf alle Fälle gehört "An Rika" zu den ersten niederländischen Gedichten, in denen der Zug eine Hauptrolle spielt. Für mich ist überraschend, dass schon in einem Gedicht aus 1850 die Rede ist von einem "Schnellzug", wobei die erste Bahnlinie in Holland erst gut zehn Jahre zuvor fertiggestellt worden war. Vergleichbare Verkehrsprojekte brauchen heute länger.


An Rika

Nur einmal hab ich Dich gesehen. Du warst
gesessen in einem Schnellzug, der den Zug
in dem ich saß, passierte in voller Fahrt.
Der Augenblick war wahrlich kurz genug.

Trotzdem, er dauerte so lang, dass ich
den langen Lebensweg mit mattem Lachen
nur verfolgen kann. Ach! Seit ich Dich
sah, kann nichts mir Freude machen.

Warum nur hast Du dieses blonde Haar,
das sonst den Engeln eigen ist? Und dann,
Warum die blauen Augen, wundertief und klar?
Du wusstest wohl, dass ich die nicht ertragen kann!

Und warum bist Du denn an mir vorbeigeflogen,
Und hast nicht, wie der Blitz, die Türe aufgerissen,
Und hast mich nicht an Deine Brust gezogen,
Und meinen Mund bedeckt mit Deinen heißen Küssen?

Du hattest Angst vielleicht um den Betriebsablauf?
Doch, Rika, könnt' ich höh're Seligkeit erreichen
Denn, unter höllischem Gestampfe und Geschnauf,
Mit Dir zerquetscht zwischen den Weichen?

Piet Paaltjens 1852


Rika

Übersetzung Jaap Hoepelman 2017

Piet Paaltjens und die Schrecken der Romantik

 


Der Selbstmord war ein beliebtes Thema in der Romantik, auch bei Paaltjens (1835-1894). Sogar der doppelte Selbstmord, besonders gerne in Verbindung mit verschmähter Liebe.
Auch im nächsten Gesang geht es um den Suizid. Aber wo ist die verschmähte Liebe? Wo ist die Geliebte und wer ist sie? Fragen über Fragen...

Der Selbstmörder

Es war dunkel im Wald
- Zudem Herbst und sehr kalt -
Und ein Herr irrt' umher ganz alleene.
Ach sein Blick war so so stumpf!
Seine Kleider zerlumpt!
Und er mahlte und knirschte die Zähne.

„Ha!“ so rief er erregt,
„Hab' 'ne Natter gehegt,
„Nein, schlimmer, an der Brust hier ein Untier!“
Und er schlug sich ans Paletot
Und in den Matsch trat er so,
Dass es spritzte ihm an den Hals schier.

Und jetzt suchte sein Blick
Einen Eichenast, dick
Genug um den Körper zu tragen.
Danach, mit Geschick,
Knüpfte er einen Strick
Und kein Schlick spritzte mehr bis zum Kragen.

Es ward still nun im Wald
Und noch zehnmal so kalt,
Denn der Winter kam näher und näher.
Und inzwischen am Ast
Ganz entspannt, ohne Hast,
Hing der Herr, zum Erstaunen der Häher.

Und der Winter ging hin
Denn der Frühling erschien
Daraufhin war der Sommer gekommen.
Zu der Zeit – es war warm –
Ging ein Paar Arm in Arm
Durch den Wald. Und ihm wurde der Atem genommen!

Als sie gingen, ganz zärtlich,
Dachte kosend das Paar sich,
Dass unter dem Baum wär' gut knutschen.
Und genau zu der Zeit
War ein Stiefel bereit
Vom gehangenen Schenkel zu rutschen.

„Ach du gütiger Himmel! Wo-
her kommt denn der Stiefel?“ so
Starrte das Pärchen empor.
Und es sah mit Entsetzen
Diesen Herrn; aus zerschlissenen Fetzen
Stach bleich ein Gerippe hervor.

Auf dem grinsenden Kopf
Stand der Hut wie ein Topf,
Denn es fehlte der Rand. Alles Linnen
War zerfressen und grau,
Durch ein Loch schau-
ten Käfer und Würmer und Spinnen.

Seine Uhr stand längst still,
Und ein Glas seiner Brill'
War zerbrochen, das and're beschlagen.
Und am Kamm seines Beckens
befand sich 'ne Schnecke,
Eine schleimige Schnecke, und nagte.

Doch die Lust sich zu lieben
war auf ein Mal vertrieben
Nicht ein Sterbenswort sprachen die beiden.
Und vor Schreck kreidebleich
Sah das Paar geistergleich
Aus wie Laken gebleicht auf der Weide.

Piet Paaltjens 1852

zelfmoordenaar

(Übers. Jaap Hoepelman April 2017)

Dienstag, 30. April 2024

Focquenbroch. Ein böser Bub aus dem 17. Jahrhundert, oder Fumus Gloria Mundi

Willem Godschalck van Fockenbroch 

1640-1670


Dichter sind Außenseiter. In diesem Blog haben wir sie kennengelernt: Piet Paaltjens, de Schoolmeester, van Schagen, AshetuAchterberg, Slauerhoff, Komrij,...die Liste kann mühelos fortgesetzt werden. Über Willem Godschalck van Fockenbroch ist wenig bekannt, aber er trieb das Außenseitertum sehr weit. Sein mageres Gehalt als Armenarzt reichte nicht zum Leben, dazu litt er heftig unter Liebeskummer (darin, allerdings, war er keine Ausnahme). Um seinen Schwermut zu vertreiben rauchte er Pfeife. Er war richtig süchtig. Ob er, als Amsterdamer, die Pfeife nur mit Tabak stopfte ist mir leider nicht bekannt. Sein Lebensmotto passt zur seiner Sucht und zu seiner Stimmung: "Fumus Gloria Mundi" - "Der Welten Glanz ist nichts als Rauch". Zu seiner Melancholie passte das Genre der Burleske, das sich gerne über Feierliches lustig macht, wie Focquenbroch sich über seine vergeblich Angebeteten und über sich selbst traurig-lustig machte. So verknüpfte er gerne das petrarkische Sonett, in dem klassisch-erhaben unerreichbare Schönheit bejammert wird mit unverschnitten Erotischem, Unanständigem und Fäkalischem, was ihm bis in unsere Zeit übel genommen wurde:

"Seine Arbeiten sind so schmierig und platt, wie sie in unserer Literatur selten Vergleichbares finden...er suhlt sich in Wolllust und Schmutz wie ein Schwein im Schlamm", entrüstete sich der Literaturhistoriker Kalff noch Anfang des 20. Jahrhunderts.

Focquenbroch hatte also einiges mit dem Spott der Dichter der Romantik gemein und er wird heute, wo der Anstand andere Formen angenommen hat, zunehmend geschätzt.

Durch Geldmangel und Liebeskummer getrieben, musterte Focquenbroch 1668 an bei der West-Indischen Compagnie (WIC) als "Fiscaal", eine Art Zollbeamter. 

              Das Lager der WIC. Amsterdam, 1655

                                                                            Hauptniederlassung des WIC in Amsterdam
                                              (1623-1647) 

Die WIC hatte das Alleinrecht für die Niederlande auf  die Ausfuhren aus der Elfenbein-, der Gold- , und der Sklavenküste. Die Handelsware entsprach im Wesentlichen den Namen der Küsten. 


Elfenbein-,Gold- und Sklavenküste um 1650

Der "Fiscaal" hatte als eine seiner Aufgaben die Bekämpfung der Schmuggler, gegen Teilhabe an der beschlagnahmten Schmuggelware. Focquenbrochs Standort war Elmina an der West-Afrikanischen Küste, der wichtigste niederländische Stützpunkt dort, aber auch andere Mächte hatten sich in West-Afrika festgekrallt, darunter Frankreich, England, Dänemark, Schweden und Brandenburg. 

Elmina wurde als Hölle auf Erden beschrieben, zweifellos für die dort eingelieferten Sklaven, aber auch die Überlebensdauer der Holländer wird mit 60 Wochen angegeben. 

Aus Elmina schickte Focquenbroch seine Gedichte dem Freund Ulaeus zu, der sie unter dem Titel " Thalia of Geurige Sang-Goddin" (1668, 1669) und posthum als "Afrikaense Thalia" veröffentlichte.

Der Titel ist ein gutes Beispiel für Focks (so nannte er sich oft) burlesken Humor: Thalia ist die Muse der komischen Dichtung, aber "geurig" bedeutete im 17. Jahrhundert nicht nur "wohlriechend" und "verspielt", sondern auch "anrüchig".

Focquenbroch starb 1670 mit 30 Jahren, vermutlich an Gelbfieber.

                        Fort Elmina, 17. Jahrhundert.

Focquenbrochs Motto passt in gewissem Sinne auch zur WIC. 1792 ging die Kompanie pleite und wurde aufgelöst. 1821 wurden die meisten Archivalien einem Altpapierhändler verkauft (vielleicht aus Scham?) während die übriggebliebenen während eines Feuers im Marinedepartement in Rauch aufgingen (1844). Somit blieb von Fock außer einer Reihe von Gedichten und einiger Komödien fast nichts übrig. Eine ausgeklopfte Pfeife und etwas Rauch.


Sonett


Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir

gefallen, ich, der ich als Mensch geboren

und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,

der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.


Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest

das weibliche Geschlecht zur Liebe willig ist.

Herr Jupiter begriff es, als vor langer Frist

der Obergott so oft umsonst gekommen ist.


weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,

als Schwan die schöne Leda hat begehrt

und er Europa raubte, als ein weißer Stier.


Es kann also kein Mensch und auch kein Gott gewinnen

Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,

muss nichts mehr sein, als nur ein Tier.


(Klinkdicht)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021


Das obige Sonett kam noch ziemlich gesittet daher, aber Focqenbroch konnte auch anders, z.B. um sich an einem Nebenbuhler zu rächen, zur ewigen Entrüstung der Sittenmeister:


Grabschrift


Hier liegt ein Geck, der wohl daran

verstarb, dass er mit seinem Schaft

aus Tollerei und Leidenschaft,

gespielt hat auf dem Nachbarsweib.


Wo er jetzt ist? Ich kann nur raten, 

ich rate nur – und weiß es doch:

Todsicher wird er in den Himmel nicht geraten,

wenn er den Eingang sucht durch dieses Loch.


(Graf-Schrift)

Aus: Tweede Deel Van Thalia, of Geurige Zang-Goddin (1668)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021


"er suhlt sich in Wolllust und Schmutz, wie ein Schwein im Schlamm" meinte der gute Kalff und trotz neuerlicher Wertschätzung bleibt Focquenbrochs Ruf ziemlich ruiniert. Weitere Beispiele seiner Schweinereien können uns also nicht genieren:


Auf die schwarzen Zähne des

 Fräulein N.N.


Dein Mund, Gesims aus schwarzgerauchten Zähnen,

Zeigt deutlich dem, der was von Glut versteht:

Man braucht das heiße Feuer deines Ofens nicht erwähnen,

von dem der heiße Rauch bis hoch ans Kauwerk geht.


(uit "Alle de Werken van Willem Godschalck van Focquenbroch")

Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2021



Auf Gret


Gret sagt, sie lässt zu sich nur ihre Freunde rein;

Ich sage, wo im Lande mögen ihre Feinde sein?


Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2021


Um das Bild Focquenbrochs abzurunden, hier noch ein ernsthaftes Gedicht. Obwohl, bei der Arbeit kommen mir dann doch Zweifel, ob sich nicht auch hier die Burleske das böse Köpfchen erhebt. 

Wertester Engel, trotz Deiner Strenge,
Trotz Deines Ekels, trotz Deiner Enge,
Trotz Deines Hasses, der mir nichts verzeiht
Ich liebe Dich in Ewigkeit.

Obwohl du neulich konntest mich vertreiben,
Obwohl ich leb' in hoffnungsloser Zeit,
Obwohl ich, todgeweihter, muss lebendig bleiben,
Ich liebe Dich in Ewigkeit.

Obwohl ich muss den Hass ertragen,
Ein Wörtchen nur! Leichtfertigkeit!,
(Darüber muss ich bitter klagen),
Ich liebe Dich in Ewigkeit.


Obwohl ich damit angedeutet,
Wie heftig ich Dir zugeneigt,
Obwohl Du's leider anders deutest,
Ich liebe Dich in Ewigkeit.


O ja, obwohl mein Herz, unschuldig,
Groß Unglück trägt und großes Leid,
Ich ertrag' all dies geduldig,
Ich liebe Dich in Ewigkeit.

Eranemite (aus der Afrikaense Thalia)

Übersetzung Jaap Hoepelman 2021



Hendrick Goltzius, 
Das Gesicht 1576


Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zu tausend Scherben klein,
am Vortag, als ich erwacht von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung, noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann;
die Kanne reicht umher, aus Deinem Staub
formt eine zweite Kanne bald ein Werkmann.
 



(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
nicht mal die Ahnung einer Ahnung,
kein Nebel bleibt, nicht mal ein Duft.
+++
Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen
 weiter, mit den Karavanen
unterwegs, seit siebentausend Jahren.
+++
Zu den Ehrenmännern hat er sich stets bekannt,
er hat die Art des Zweifels nie gekannt,
der mürbe macht. Und den wahren Zweiflern
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Mittwoch, 28. Juli 2021

Jan Kal und der Mont Ventoux

                               Jan Kal 1946 - 

Nach dem Krieg  machte es für viele Dichter  (wie LodeizenKouwenaarLucebertAndreus) keinen Sinn, die althergebrachten Formen weiter zu betreiben. Andere (wie M. Vasalis und Gerrit Achterberg) blieben bei der Tradition und wurden auch weiterhin geschätzt. Trotzdem machte die Beherrschung des Handwerks in dieser Zeit oft einen etwas verschämten Eindruck und versteckte sich gerne unter der Maske der Spaßpoesie. In den Siebzigern aber gewannen Dichter, die Wert legten auf die Beherrschung des Metiers wieder an Selbstvertrauen, nicht zuletzt durch den Einfluss von Gerrit Komrij. Das Sonett (war es nicht immer ein Gipfel der Dichtkunst gewesen?) fand wieder Beachtung. Auch das letzte Gedicht des Hans Andreus, geschrieben auf dem Sterbebett, ist ein Sonett. Elemente der Spaßpoesie hatten aber ihren Einzug gehalten, darunter welche des Sports, der in akademischen Seminaren mit Verachtung bestraft wird. Sport findet man z.B. bei Scheepmaker und bei Jan Kal, dessen erstes Bündel Gedichte sogar eine Sportart im Titel trägt. Kal hat als Student der Medizin angefangen und sich dann aus romantischen Gründen aufs Dichten verlegt, romantisch wie Piet Paaltjens, an wie er mich irgendwie erinnert. Kal schreibt sogar fast ausschließlich Sonette. Schon sein erstes Gedicht, "Mont Ventoux", hierunter mein Versuch einer Übersetzung, ist ein Sonett:


                                                                             Der Mont Ventoux
        

                                                                         

                                                                                 

Jan Kal


Mont Ventoux

Dichten ist radeln auf dem Mont Ventoux,

hier steckte Tommy Simpson damals auf.

Todmüde in dem tragischen Verlauf

quälte sich der Weltmeister dem Endstrich zu.


An diesem Col sind viele abgehängt,

erste Kategorie, seitdem tabu.

Es riecht nach Tannenduft, Sunsilk Shampoo,

das braucht man, wenn man an den Abstieg denkt.


Es macht unendlich müde, alles was man tut;

der Mont Ventoux ist wohl die schlimmste Schinderei,

also, man überlege wohl, eh' man beginnt.


Doch schaffe ich, sogar in dieser Glut,

den Gipfel dieser kahlen Wüstenei:

Eitelkeit und Haschen nach dem Wind.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2021.


Aus: Jan Kal, Fietsen op de Mont Ventoux: (1974) Uitgeverij de Arbeiderspers



                        Denkmal für Tommy Simpson


                                                                                      Mont Ventoux: Höhenprofil


Dichtung, Sport, Leichtigkeit und Ernst lassen sich also sehr wohl mit einander in Verbindung bringen. Nicht umsonst hat Jan Kal als Thema für sein erstes Sonett den Aufstieg auf den Mont Ventoux gewählt: Petrarca, der Vater der Kunst des Sonetts hat 1336 die  Erstbesteigung des Mont Ventoux beschrieben und passend dazu aus den Bekenntnissen des Augustinus zitiert:

"Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber."

Das Sonett schließt, wie es sich gehört für einen niederländischen Dichter, mit einem Zitat aus Prediger 1,12 in dem man die Themen des Gedichtes gebündelt wiederfindet:

"Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind." 


Ich nehme an, dass es Jan Kal gefallen würde zu vernehmen, dass seine Gedanken auch in höchsten philosophischen Kreisen Zustimmung finden:

Sloterdijk: So um die zweieinhalb Stunden. Man muss wissen, dass der Mont Ventoux eine sehr bizarre abweisende Aura hat. Wenn man die Vegetationsgrenze erreicht, ist man plötzlich in einer lunaren Landschaft. Die Rennradfahrer spüren davon natürlich nicht viel, weil sie vor Anstrengung blind sind. Wir Amateure waren am letzten Aufstieg so phänomenal langsam, dass man ständig diese todeszonenhafte Stimmung des Gipfelbereichs gespürt hat. Wenn man dann auch noch an dem Denkmal für den armen Simpson vorbeifährt, der da 1967 kurz vor dem Gipfel verendete, ist man schon ziemlich demoralisiert und denkt für ein paar Sekunden über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nach.

Aus "Hundsgewöhnliche Proletarier", Interview mit Peter Sloterdijk, Der Spiegel, 07,07,2008,



Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...