Nicolaas Beets 1814-1903
In den "Grassprietjes" von Cornelis Paradijs wurde so gründlich mit der bis in den 80. Jahren des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Poesie der Pfarrer-Dichter aufgeräumt, dass bis tief ins 20. Jahrhundert kein Mensch noch auf die Idee gekommen wäre, ihre Arbeiten auch nur eines Blickes zu würdigen. Im Gymnasiumunterricht wurde uns mehr als deutlich gemacht, dass es sich hier um frömmelnde Reimemacherei handelte, die dazu noch, ein vernichtender Vorwurf, kleinbürgerlich sei und die man am besten schleunigst hinter sich lassen sollte, auf dem Weg zur freien Poesie der allerpersönlichsten Gefühle. Van Eeden, alias Cornelis Paradijs – selbst kein schlechter Dicht er –fertigte die Pfarrer mit Versen wie diesen ab:
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Ein überaus prominenter Pfarrer-Dichter war Nicolaas Beets: Prediger am Dom zu Utrecht, Professor für Kirchengeschichte und christlicher Ethik an der Universität Utrecht, Rektor der Universität, Ehrendoktor, Mitglied der niederländischen Akademie der Wissenschaften, Ehrenmitglied der Gesellschaft der niederländischen Literatur, Ritter des Ordens vom niederländischen Löwen, Ritter des Leopoldsordens von Belgien, Offizier des Ordens von der Eichenkrone und Ritter des goldenen Löwen von Nassau. Er wurde dementsprechend von Cornelis Paradijs mit unter anderem mit folgenden Zeilen ins Fadenkreuz genommen:
O Beets! Wär's nicht verbotenVon Gott in den Geboten,
Wie würd' ich Dich anbeten.
Jetzt muss Er Dich vertreten.
Flach lege ich mich hin,
Hab Ehr' und Lob im Sinn:
und so stand er als Dichter lange auf der Liste der Verfemten. Bereits 1837 begann Beets als Student mit der "Camera Obscura", eine Sammlung humoristischer Skizzen aus dem holländischen Alltagsleben, die in kürzester Zeit unglaublich beliebt wurde. In Wikipedia zähle ich 73 Auflagen bis zum Jahr 2008. Dennoch konnte auch die "Camera Obscura" ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute nicht mehr mit dem Beifall der offiziellen Literaturkritik rechnen. Zu altbacken, zu selbstgefällig, zu kleinbürgerlich, zu....aus der Zeit gefallen. Das erklärt den enormen Erfolg der Camera im Geringsten nicht. Aber das ist vielleicht auch nicht Aufgabe der Literaturkritik.
Leider wurde und wird eine andere Aktivität des frömmelnden Kleinbürgers Beets bis heute kaum zur Kenntnis genommen: Sein Engagement gegen die Sklaverei – ein Engagement, in dem die Niederlande sich nicht gerade als Vorreitern hervortaten. In 1856, hielt Beets seinen Vortrag "Die Befreiung der Sklaven" für die "Gesellschaft zur Förderung der Abschaffung der Sklaverei". Es dauerte jedoch noch bis 1863 bis die Niederlande die Sklaverei in Suriname offiziell und bis 1873 bis sie sie in der Praxis abgeschafft hatten.(Darüber, wie diese Praxis aussah siehe "Anton de Kom")
In der Poesie dauerte es bis Gerrit Komrij (wahrlich kein Fürsprecher der Frommigkeit) Beets 1979 in seiner Anthologie der niederländischen Poesie mit nicht weniger als 11 Gedichten würdigte, darunter "De moerbijtoppen ruisten", das ich hierunter als kleine Wiedergutmachung übersetzt habe.
Nicolaas Beets, 1884
"Die Maulbeerwipfel rauschten"
Gott strich entlang;
Nein, nicht entlang, er harrte
Er wusste, wie ich warte
Und sprach mich an;
Sprach zu mir in der stillen,
Der stillen Nacht;
Gedanken, die entsetzten,
Verfolgten und verletzten
Vertrieb er sacht.
Ließ seinen Frieden sinken
auf Seel und Sinn;
Von seinem Vaterarm gestützt
War umsorgt ich und geschützt,
Und schlief darin.
Den Morgen, der mich weckte
Begrüßt' ich sorgenfrei;
Kein Traum konnt' mich erschrecken
Und Du, mein Schild und Stecken,
Warst nahebei.
Aus: Dennenaalden (1900)
(Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2022)