Übersicht

Mittwoch, 22. Januar 2025

A. Roland Holst. Einmal


 A. Roland Holst (1888-1976)

In einem früheren Post habe ich mich etwas respektlos über den Großdichter Adriaan Roland Holst geäußert. Jetzt schickt mir mein Gedichte-Abo ein raffiniertes Kurzgedicht, das mir sehr gefällt, so dass ich hiermit Abbitte tue:


Einmal

Einmal ist von allen, die
zwischen uns kamen,
jeder weggefallen. Wie
waren noch die Namen ...

Einmal ist die Fehde
aus und vorbei,
nicht mehr ist die Rede
vom bitteren Streit von uns zwei.

Einmal wird es wieder regnen
leise, wie damals am Meer -
du wirst mir begegnen
und zögern nicht mehr.

Aus "Omtrent de grens"

Bert Bakker/Daamen Den Haag 1960


Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025

Samstag, 11. Januar 2025

M. Vasalis. Der Idiot im Bad.

M. Vasalis 1909-1998
(Margaretha Droogleever Fortuyn-Leenmans)
 


M. Vasalis


Der Idiot im Bad.



Die Schulter hoch, die Augen steif geschlossen,
Im Halbtrab, stolpernd, wenn er auf die Matte trat,
Hässlich, gebeugt, im Arm der Schwester fest umschlossen,
Geht einmal jede Woche der Idiot ins Bad.

Der warme Dampf, der überm Wasser steht,
Beruhigt ihn: der weiße Dampf...
Mit jedem Kleidungsstück, das von ihm geht,
Lindert ein alter Traum den Krampf.

Die Schwester lässt ihn in das Wasser gleiten,
Er faltet seine dünnen Arme auf der Brust.
Er seufzt, als löschte er den ersten Durst,
Und Freude will sich um den Mund verbreiten.

Die Züge voller Angst sind leer und schön geworden,
Die Füße stehen wie ein blasser Blumenstrauß,
Die langen, bleichen Beine, dürr geworden,
Wie Birkenstämme schimmern aus dem Grün heraus.

Er ist in diesem grünen Wasser ungeboren,
Er weiß nicht, dass es Früchte gibt, die niemals reifen,
Er hat die Körperweisheit nicht verloren,
Und Geistessachen muss er nicht begreifen.

Und wenn er aus dem Wasser wird gezogen,
Und abgerieben mit den rauen Anstaltswischen,
Und ihm die steife Anszaltskluft wird angezogen,
Dann wehrt er sich und weint ein bisschen.

Und jede Woche wird er wieder neu geboren
Und roh getrennt vom sich'ren Wasserdasein,
Und jede Woche ist ihm dieses Los beschoren:
Wieder nur angstlich, wieder nur ein Idiot zu sein.

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025


De idioot in het bad    

Aus: Parken en Woestijnen
Uitgeverij Van Oorschot, Amsterdam.
1940

Mehr von und über M. Vasalis in diesem Blog.


Montag, 6. Januar 2025

M. Vasalis. Der Tod



M. Vasalis 1909-1998

M. Vasalis, Pseudonym von Margaretha Droogleever Fortuyn-Leenmans. Von Beruf Kinderpsychiaterin hat sie in ihrem Leben nur sehr wenig veröffentlicht: Drei Gedichtbänden zwischen 1940 und 1954 und postum das von ihren Kindern herausgegebene "De Oude Kustlijn". Dennoch gehören diese zu den am meisten verkauften Gedichtbände der niederländischen Literatur und ihre Zeilen gehören zum klassischen Zitatenschatz.  Zu den großen Erneuern gehörte sie wohl nicht, dazu sind ihre Gedichte zu Regelkonform. Auch fand ihr erster kreativer Ausbruch gerade vor der Periode der "Fünfziger" statt, eine Gruppe, zu der sie qua Hintergrund und Habitus nicht gehören konnte. Sie schien etwas "aus der Zeit gefallen". Dafür können ihre besten Gedichte es mit denen der Fünfziger, die sie heftig beschimpften (warum doch immer diese Agression bei den "Erneuern"?), mühelos aufnehmen. Ich vergleiche ihre Kunst gerne mit der des Gerrit Achterbergs, der es auch hervorragend verstand die Dinge und die Sprache des Alltags poetisch aufzuladen. Sie wurde 1974 ausgezeichnet mit dem Constantijn Huyghenspreis und 1982 mit dem P.C. Hooftpreis für Poesie.
Meine früheren Versuche ihre Poesie ins Deutsche zu übersetzen finden sie hier.
Als eine Leserin dieses Blogs mich darauf hinwies, dass der kleine Sohn der Dichterin in WWII während einer Polio-Epidemie verstarb, bekam für mich die Zeile "Bevor er ging, gab er ein kleines Bild mir..." (mit dem brillanten Reim "portretje...maar wat let je") eine fast prophetische Ausdruckskraft.    


 Der Tod


Der Tod hat mir gezeigt die kleinen, interessanten Dinge:

schau, ein Nagel - sagte der Tod - und das sind Taue

Ich schau ihn an, ein Kind. Er ist mein Meister,

den ich bewundre, dem ich traue

der Tod.


Er zeigte alles: Getränke, eine Pille,

Pistolen, Gashahn oder steile

Dächer, Bad, Rasierer oder gute Seile –

„einfach so“ - gesetzt, das ist dein Wille,

der Tod.


Bevor er ging, gab er ein kleines Bild mir...

„Ich weiß nicht, man vergisst so leicht,

es kommt gerade recht vielleicht,

wenn's länger nicht dein Wille

ist, zu sterben,

doch überleg es dir.“

sagte der Tod.



Aus "Parken en Woestijnen"
van Oorschot B.V. 1940

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Januar 2025)

De Dood


Samstag, 4. Januar 2025

M. Vasalis. Der blinde Passagier.

 

Der blinde Passagier


Wenn ein Geschöpf geboren wird,

die Reise antritt, schifft in den Raum der Tod

sich ein. Er macht sich mit dem Schiff vertraut,

dringt ein in jedes Brett der Außenhaut, 

des Spants, des Masts, der Kabel, Taue,

Segel, kauert im Rettungsboot.


Es sind die kleinen Kinder, die ihn kennen

und ihn nicht fürchten: Sie sind gerade eben

erst ausgelaufen aus der Nacht,

zu ungewohnt ist noch das Tageslicht.

So wie das Taglicht passt zum Schatten,

so wird das Leben stets vom Tod bewohnt.


De Verstekeling

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...