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Mittwoch, 16. September 2020

Van Schagens Kunst ohne Kunst.


        J. C. van Schagen 1891-1985

In einem früheren Blogpost konnte ich den Dichter und Graphiker J. C. van Schagen vorstellen, zu seiner Zeit ein Außenseiter der niederländischen Literatur. Trotz ihres Erfolgs beim Leserpublikum passten seine vordergründig kunstlosen Prosagedichte nicht zum Kanon des offiziellen Literaturbetriebs weshalb er mehr oder weniger beiseite geschoben wurde. In der Nachkriegszeit schätzte man ihn höher ein, wie Buddingh’s Kurzgedicht „Wie das Blatt sich wenden kann“ zeigt:

Wie das Blatt sich wenden kann
um 1936
lasen wir alle
begeistert und voller Ehrfurcht
Marsman und Slauerhoff
jetzt, dreißig Jahre später,
dreißig Jahre weiser,
halte ich es lieber mit
Noordstar und van Schagen.


(C. Buddingh’, Gedichten 1938–1970)

Übersetzung Jaap Hoepelman September 2020

Laut eigener Aussage suchte van Schagen die kunstvolle Form nicht, sondern nahm sie, wenn sie kam, wie sie kam, so wie er das Leben im Sinne Spinozas mit fröhlichem Gleichmut hinnahm. Wobei man bei genauerem Hinschauen die Gleichgültigkeit der kunstvollen Form gegenüber mit einem Körnchen Salz nehmen muss. Dazu sind seine Sätze rhythmisch zu raffiniert, seine Wortbedeutungen und der Aufbau der Gedichte zu kunstvoll.

Ich hatte schon lange vor, meine Übersetzungen einiger Gedichte von J. C. van Schagen mit dem Gedicht „Kentern“ abzurunden:


Kentern


Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Ich war beim Spiel mit Schmuck und bunten Perlen;
Mein Tisch war voller Gold und Seide und glitzernder Steinen;
Mein Haus ein Raum der Kostbarkeit, selten, gewollt,
Warm wie im Orient, und viel war es und prächtig.
Im reichen Dunkel schienen schwere Leuchter. -
Doch jetzt ist gerufen worden, ich komme, und Freude ist und Licht.
Im Garten singt ein Vogel.
Ich gehe jetzt heraus und lasse alles zurück.

Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Es war ein großes Konzert, tausend Herren mühten sich,
Schwarze Schwalbenschwänze, appretierte Westen, rote Köpfe, Bärte wallten in Ekstasen.
In Staffeln grollten Kontrabässe, es waren süße, kühle Flöten, kupferne Signale,
Blitze und Lanzen, Flaggen und Flammen und Schwärme schmeichelnder Geigen.
Es schwebte ein Schwarm von Düften und Locken von warmen Frauen, munteres Plappern und Weichheit von Haaren.
Es war reich und schön und so kunstvoll. -
Dann wurde leise gewarnt und ich bin aufgestanden.
Draußen stand hoch und ewig die Nacht.
Ich werde ihre Kälte jetzt trinken und versteinern.

Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.
Ich war bei der Arbeit an den Aufgaben, ich hatte vieles angefangen.
Es war wohl berechnet, eingeteilt und überlegt.
Es war geordnet und geplant, in Schemen, Zeichnungen und Tabellen, in den Schränken abgelegt und in den Aktenmappen.
Das Material bereit, Fertigungsteile, Konstruktionen, halbfertig und neu angefangen, Programme lagen vor und Skizzen.
Produkte standen fertig aufgereiht.
Eine Agenda gab's für jeden Tag.
Immer wusste ich, wie spät es war und was heute zu vollenden sei.
Ich ging methodisch vor, nach bewährtem Muster,
Die Zeit war eingeteilt und eine Klingel verkündete das Ende einer jeden Zeile.
Die Tage waren abgezählt, die Wochen aufgeschichtet und im Voraus vollgebucht,
So regierte ich das Jahr und stopfte es, wie eine Wurst.
Ja, ich war sehr beschäftigt, ich schuftete und schwitzte; vieles scheiterte
An der dumpfen Wirklichkeit, die ohne Regel ist und Form,
Ich musste krabbeln wie die Ameise mit dem Ästchen, sieben Mal den gleichen Klumpen hoch.
Doch mein Gewinn war groß und dick war das Buch der Besitztümer. -
Dann ist kurz geflüstert worden und ich bin gegangen,
Kühle Milde umweht nun meine Schläfe;
Ich liege jetzt entbunden in grenzenloser Ruhe.
Jetzt weiß ich es, ab jetzt gehöre ich einem Werk, das still ist und heimlich,
Das ist von den Bäumen, sich wiegend im Wind, das ist von der Sonne, glitzernd auf dem Fluss,
Das ist vom Regen, rauschend im Gras, das ist von den feuchten Augen der Tiere.
Ich werde jetzt für immer frei sein und alles verlieren.
Ich werde nur wandeln und zuschauen.
Um mich herum sind Zeit und Raum, wie um Gottselber.
Ja, ich werde jetzt wohl nichts mehr fertigstellen.

Aus: van Schagen Narren-Wijsheid 1925


Übersetzung Jaap Hoepelman September 2020



Donnerstag, 25. April 2019

J. C. van Schagen und J. C. Noordstar: Zwei Außenseiter.


Ähnliches Foto

J. C. van Schagen
1891-1985

J. C. van Schagen steht etwas abseits des Kanons der niederländischen Poesie. Er war Jurist und hatte promoviert mit einer Arbeit über das Fischereiwesen. 1942 kündigte er seine Stellung bei der  Stadtverwaltung in Rotterdam um sich als Graphiker und Maler weiterzuentwickeln. 1925 erschien sein erster Gedichtband "Narrenweisheit" mit Prosagedichten, in denen auf Reim und Metrum verzichtet wurde. Van Schagen lehnte jede Form von absichtlich herbeigeführte Künstlichkeit ab, um in spinozistischem Gleichmut Urteile, Bilder und Symbole zu nehmen, wie sie kommen, oder auch nicht. "Narrenweisheit" ist ein Motto aus Spinozas "Ethik" vorangestellt:
 "Wem klar ist, dass alles aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur hervorgeht und geschieht nach den ewigen Gesetzen dieser Natur, der wird nichts finden, das er für hassenswert, lächerlich oder minderwertig erachten könnte und er wird niemanden bemitleiden."

Die einzig existierende Abschrift 
von Spinozas "Ethica". Vaticanbibliothek


Krankentrost

Wenn ich jetzt sterbe,
wird das große Meer mich nehmen
Und ich werde sein in den endlosen Wogen.
Und ich werde sein in der Brandung an fernen Stränden und in
den weißen Feiern der Mondnacht,
Im Wasserwirbel in der Pfahlbuhne.
Immer dasselbe. Immer.

Wenn ich jetzt sterbe
Wird der große Wind mich nehmen
Und ich werde sein in seinem ewigen Zug.
Ich werde sein im Treiben der Wolken und in der tiefen
Rührung des Herbstes,
In dem Märchen, das warnt an deinem Ohr, in der
Nacht, auf dem einsamen Weg.
Immer dasselbe. Immer.

Wenn ich jetzt sterbe,
Wird die große Erde mich nehmen
Und ich werde sein in ihrem warmen Atem.
Ich werde sein im Gras am stillen Weg und im
Nebel abends über den Landen,
Im fernen Schrei eines hoch vorbeiziehenden
Vogels, an einem Septembermittag.
Immer dasselbe. Immer.

Aus Narrenwijsheid 1925

Übersetzung Jaap Hoepelman April 2019


"Narrenweisheit" wollte nicht so recht in die symbol-, reim-, metrum- und gefühlsgeladene Dichtung seiner Zeit passen, aber der Band war ein großer Erfolg. 

In seinen späteren Arbeiten verknappte er die Form immer mehr, bis seine Dichtung sich den japanischen Haikus annäherte.

Irgendwo muss es sein
irgendwo muss es sein
so ein verwilderter Garten
alter Stille

der Baum vor dem Haus
leise diesigt er seine Geschichte
niemand begreift es

es hat geregnet
der Garten dampft gute Gerüche
Erde, die verlangt.

"Ergens moet het zijn"

Übersetzung Jaap Hoepelman April 2019
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Ich kam viel herum
gar von Hemd bis Hose, sagte der Floh
des Bettlers

Der mathematische Floh
lotet das endlose Nichts
in dem einen Punkt

"Klein vlooientheater"

Übersetzung Jaap Hoepelman April 2019

Van Schagens Motto über dem Band "Ik ga maar en ben" ("Dann gehe ich mal und bin") war folgerichtig: "Meine letzte Arbeit wird ein weißes Blatt sein".

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Obwohl gerne gelesen, wurde van Schagen vom offiziellen Literaturbetrieb nicht ganz ernst genommen. Diese Haltung hat sich aber ziemlich geändert, und einige sind der Meinung, dass der Außenseiter seiner Zeit weit voraus war.




Ähnliches Foto
J. C. Noordstar 1907-1987

J. C. Noordstar war das Pseudonym von Arnold Jan Pieter Tammes, Professor für Völkerrecht und internationale Beziehungen an der Universität Amsterdam. Als gutes Beispiel für seine kunstlose Kunst zeige ich hier:

Als ich ein kleiner Junge war

Als ich ein kleiner Junge war
legte ich mich abends zwischen den kalten Laken.
Mein Bett war groß und weit wie das Weltmeer,
ich kuschelte mich wie eine zusammengerollte Schnecke.
Doch später wurde mein Körper größer und härter, 
und wenn ich jetzt die Beine strecke
dann stößt mein harter Kopf gegen die Bettplanke.
Oh ja, wenn du größer wirst
stößt dein Kopf gegen die Bettplanke.



Übersetzung Jaap Hoepelman April 2019

Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Donnerstag, 9. Mai 2019

Adriaan Roland Holst und das Nationaldenkmal.


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Adriaan Roland Holst  1888-1976


Nach einem abgebrochenen Studium Englisch und keltische Mythologie in Oxford machten es die Mittel seines wohlhabenden Vaters Roland Holst möglich, sich ausschließlich der Dichtkunst zu widmen. Seine raunende Symbolsprache, sein verschlungener Satzbau und nicht weniger seine hervorragenden Kontakte zur Obrigkeit und Kunstwelt - auch über Tante Henriette Roland Holst und seinen Onkel, den Maler Richard Roland Holst - 


Richard Roland Holst 1868-1938
Affiche zu Vondels Trauerspiel "Lucifer".

prädestinierten ihn für seine Rolle als Großpoet, als „Prinz der Dichter“. In den höheren Kreisen kam er hervorragend an. Man liest, dass bei Claus und Beatrix auf Schloss Drakensteyn sogar ein Zimmer für ihn reserviert war.

1956 enthüllte Königin Juliana das Nationaldenkmal auf dem Dam in Amsterdam. 


Ähnliches Foto

Der Text auf der hohlen Seite der Rückwand stammt von Roland Holst und ist in doppelter Hinsicht unleserlich: Wer sich bis zum Satzende durch die Unwegsamkeiten von Wortwahl und Grammatik vorgekämpft hat und den Blick zum Satzanfang zurückwendet, um mittels höherer Hermeneutik das Gelesene auch zu verstehen, muss feststellen, dass im Halbrund Satzende und Satzanfang nicht von einem Punkt aus erfasst werden können. Nach einigen Versuchen erscheint es dann ratsam, sich nicht dem Nationalgefühl, sondern dem Nationalgetränk zu widmen. Probierstuben gibt es in der Gegend in ausreichendem Maße. 

Denkmal und Text wurden von Anfang an heftig angegriffen, am heftigsten wohl von einem anderen Großliteraten: Harry Mulisch. Nachdem in den Unruhen von 1966 in riesigen blauen Lettern das Wort MORD an der Wand gepinselt worden war, schrieb Mulisch: "Es ist diese Regentenmentalität in der Literatur, die auf einmal blau überstrichen wurde mit dem klaren, lesbaren, genauen Wort MORD".*

Nehmen wir als Beispiel für Roland Holsts symbolischen Hohlraum mal den Anfang des einst berühmten Gedichts, "Landstreichers Liebe" - man kann es heute einfach nicht lesen ohne zu schmunzeln:

Zwerversliefde

Laten wij zacht zijn voor elkander, kind - 
want, o de maatloze verlatenheden, 
die over onze moe gezworven leden 
onder de sterren waaie' in de oude wind.

...usw. usw. ...

Nach Lektüre der Biografie Roland Holsts wäre eine passende Übersetzung:

Landstreichers Liebe

Lasst uns sanft sein zueinander Kind -
denn, oh die allzu engen Mieder,
drückend deine müden Glieder
lass sie fliegen in dem alten Wind.

Jaap Hoepelman, frei nach 'Zwerversliefde'.


Auch van Schagen, der Dichter unseres vorherigen Posts, schrieb einen netten kleinen Spottvers auf Roland Holst, den ich hier etwas verkürzt darstelle:
...
wo der Mond ist am vollsten
und der Sturm ist am dollsten
kannst du einen drauf lassen
da ist Roland am Holsten. 

Jaap Hoepelman, frei nach J. C. van Schagen


Zusammenfassend: Mehr als einige Kurzgedichte, wie:

Diese Insel

Wie kamen wir an Land
wozu...von wo?
und liegt an diesem Strand
das fremde Schiff noch irgendwo?
und wenn der Anker wird gelichtet -
das Ziel ist wo?

Still, schließt die Türen dicht
und liebt euch einfach so...


Aus:  'Voorbij de wegen', 1920.
Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2019

oder ein vereinzeltes Zitat, wie

"Ich sah eine Frau, die schritt, als würde sie nie sterben" 


Aus: De afspraak, 1923 S. 89
Übersetzung Jaap Hoepelman Mai 2019

kann ich dem Œuvre des Dichterfürsten nicht abgewinnen.


*Für die hartgesottenen, hier der Text der Gedenkwand:

'Nimmer, van Erts tot Arend, was enig schepsel vrij onder de zon, noch de zon zelve, noch de gesternten. Maar Geest brak Wet en stelde op de geslagen bres de Mens. Uit die Eersteling daalden de ontelbaren. Duchtend zijn hoge blik deinsden hun zwermen binnen de Wet terug en werden volken en stonden elkander naar het leven: onder nachtgewolkten verward treurspel, dat Wereld heet. Sindsdien werd geen mens vrij dan ontboden van boven zijn dak, geen volk dan beheerst van boven zijn torens. Blijve dat ons bij, verlost als wij werden uit het schrikbewind van een onderwereld. Niet onbeheerst, doch enkel beheerst van boven de wereld blijft vrijheid ons deel.' 







Dienstag, 17. Januar 2023

Hendrik van Teylingen. Ein perfektes Sonett und Gleichmut.





Hendrik van Teylingen

(Sri Hayesvar Das)

(1938 -1998)


Der Dichter und Übersetzer Hendrik van Teylingen nimmt keinen herausragenden Platz in der niederländischen Literaturlandschaft ein. Er war ein Außenseiter, aber es hat davon in der niederländischen Literatur einige gegeben, wie van Schagen, Noordstar, Ashetu oder auch Focquenbroch, deren Gedichte ich oft höher einschätze, als manche schnarchende Beiträge im offiziellen Literaturkanon. Als Sohn eines evangelisch-reformierten Pfarrers, was in den Niederlanden manchmal zu bemerkenwerten Lebensläufen und bemerkenswerter  Literatur geführt hat, kann man sein Leben wohl abwechslungsreich nennen

Als Kriegsdienstverweigerer verbrachte er eine Zeit im militärischen Straflager "Nieuwersluis" (das gab's damals noch in den Niederlanden, ein Ort dessen Namen einen gewissen bedrohlichen Klang hatte). Das Erlebte verarbeitete er im Roman  "Depot voor Discipline" 

.

 Er war hatte verschiedene Ehefrauen und Kindern mit ihnen. Die Liebe zu der bekannten surinamischen Schriftstellerin Bea Vianen führte ihn nach Paramaribo. Die Berichte aus Suriname in dieser Zeit bündelte er in "Bedek je schande; Suriname van binnenuit" ("Verhülle deine Schande; Innenaufnahmen aus Suriname").

1975 wurde er Mitglied der Hare-Krishna-Bewegung, die er 1981 verlassen musste. Ab 1985 gründete er eine eigene Sri Chaitanya- Gemeinschaft. Aus den Grundlagen seiner neuen Religion hat er 4 Übersetzungen der Bhagavad-gita ins Niederländische erstellt. 





Als die Zahl der aus den vielen Verbindungen hervorgegangenen Nachkommen doch etwas hoch wurde, so wird berichtet, ließ er sich mittels Vasektomie sterilisieren, aber ohne Betäubung, welche er aus Überzeugung ablehnte. Es hat doch wohl höllisch weh getan, teilte er später mit. 

Nun sind dies alles Besonderheiten, die uns nicht besonders interessieren müssen und van Teylingens Bemühungen in der Krishna-Bewegung haben auch nicht zu meiner größeren Aufmerksamkeit geführt, aber er war doch ein Sprachvirtuose der besonderen Art, mit einer beiläufigen Perfektion, die wir auch bei Vroman oder Komrij finden. Bei Gerrit Komrij bin ich auf ein Gedicht des van Teylingen gestoßen, das mich getroffen hat: Wie geschaffen für Komrij: ein perfektes Sonett! Perfektion in der Verbindung der kleinkindgerechten Sprache, mit Trauer, Staunen und leichtem, geheimnisvollem Grauen. Was ist da Entsetzliches passiert? 

Das Sonett ist im makellosen 4-4-3-3 Schema geschrieben, und mühelos ABBA-ABBA-CDE-CDE gereimt. Ich hoffe, dass meine Übersetzung eine Ahnung dieser Perfektion vermitteln kann. Das niederländische Original füge ich bei.

Hendrik van Teylingen

Kastanjes

Als we de steen mogen geloven,
Dan rust jij, Wim, vier lentes net, 
Hier haast een halve eeuw al met 
Je broertje Joris, dat van boven 
Boem! Op je buikje werd geschoven 
Als veels te groot verjaarspakket - 
Geen toetertje deed rettettet, 
Geen wimpeltje werd rondgewoven. 
Er is sindsdien maar weinig leven 
Behalve soms die doffe ploffen 
Zo'n zes voet boven jullie bol. 
Als jullie samen nu eens even 
Naar buiten kwamen, zou je boffen: 
Kastanjes, kerels! 't Ligt hier vol!'



Kastanien

Kann man dem Grabstein glauben schenken, 
Liegst du, klein Wim, gerade einmal vier, 
Demnächst fast fünfzig Jahre hier. 
Mit Brüderchen klein Joris in der Senke, 
Das plumps! auf dein Bäuchlein ward gesenkt, 
Geschenk - ohne Geschenkpapier, 
Geburtstagströten tröteten nicht hier, 
Und Fähnchen wurden nicht geschwenkt. 
Seitdem gibt's nicht viel zu erleben,
Es hüpft mal leis' mit leichten Schlägen
Auf eure Erde, wie ein kleiner Ball.
Wenn ihr zusammen nur mal eben
Herauskämt, spielen auf den Friedhofswegen -
Kastanien! Jungs! Sie liegen überall!

Übersetzung: Jaap Hoepelman Januar 2023

aus: Gerrit Komrij op zijn stekeligst


Fehlende Sentimentalität dem Tod gegenüber ist ein Charakteristikum bei van Teylingen, wohl in Übereinstimmung mit seinem Hinduismus.  Auch ein anderes, ziemlich bekanntes Kurzgedicht handelt von Tod und Kindern, aber aus einer anderen Perspektive: Nicht die Kinder sind tot, sondern ihr Haustier, die Landschildkröte Basti und das Gedicht beschreibt das kindlich beiläufige Spiel mit dem Tod, so wie der Dichter mit den toten Kindern spielen möchte in "Kastanien".  Ein kleines Gedicht, dieses "Exit", aber mit großer Raffinesse.


Exit Testudo graeca

Ende Mai wurde entschieden, dass 
Bastis Winterschlaf genug gedauert hatte.
Wir buddelten ihn aus, wischten die Erde
von seiner grauen Schale, schüttelten etwas,

Doch kriegten ihn nicht wach. Danach,
Von immer weiter oben, knallten wir ihn
flach aufs Laminat, mit jedem Mal
mehr Krach, dann ab ins Kehrichtfach.

Übersetzung Jaap Hoepelman

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Bernardo Ashetu. Ein Außenseiter aus Suriname wird allmählich entdeckt.

Über Bernardo Ashetu hatte ich schon in einem älteren Post berichtet. Als ich den alten Beitrag wieder besuchte, wurde mir noch einmal  bewusst, wie raffiniert und poetisch, wenn auch manchmal schwer verständlich seine Gedichte sind. Poetisch? Ja. Aber frag' lieber nicht genauer nach: Es gibt Poesie, die ist poetisch und es gibt Poesie, die ist es nicht. Ich entschied mich, noch einmal zu versuchen einige seiner Gedichte zu übersetzen und hier in den Blog zu stellen, mit darunter die Wiederholung des damaligen Posts.



Dass ich sang

Dass ich einmal
so klein wurde

dass ich in meinem Wesen
sang und glomm.

Als wär' ich Teil
von einem Gong.

So war es im
hinsterbenden Klang,
dass ich sang.


===
Saloneis

Ich bin Herr Saloneis
Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle?
Nun denn, ich bin Herr Saloneis,
Kinder fressen an meinem Herzen
Es macht mich so müde und ich
werde ausgelutscht. Großer Gott, ich werde ausgelutscht.

===

Warte lange

Zieh dich an
und warte bei der Brücke
Warte lange.
Warte bis der erste Stern aufsteigt.
Dieses Haus wird leer sein.
Rufe meinen Namen
und achte auf das Wasser.
Achte auf eine kleine
Regung im Schlamm entlang der
Gracht und warte bis das Licht
aller Sterne den Himmel hat schön
und berauschend gemacht.
Warte auf mich bei der Brücke.
Warte lange.


==
Tot

Wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
wir bleiben nicht ewig jung,
ich fiel um
um 
und um
in Blättern erschreckend rot
Und wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
sind die Matrosen bleich
sie sind bleich
sie sind tot.


==
Unkraut

Verhöhne mich nicht
heute
wo nichts stimmt
mit meiner Malkreide.
Die Töne sind
zu schwach der
schönen Klarinette.
Verhöhne mich nicht
heute
wo ich mit dem 
Spaten wühle im
Garten voller bitteren Unkrauts.


==
Schlangenholz

Was zwischen uns gewesen ist,
es ist nicht mehr, als ich 
erzählen kann. Es ist schlecht und es ist
nie gut gewesen, ein schlechtes Stück 
Schlangenholz, das schlecht passt zu
innigen Blumen. Doch bist du auch sanft
gewesen, sanft für mich wie ein früher
Morgen, in dem ich faul, mich streckend und
warm aufwache unter kühlen tropischen
 Pflanzen. Und du bist blutwarm gewesen,
obwohl du auch schlecht gewesen bist mit
einer stillen, spitzigen Genugtuung.


===
Letztes Wort

Dass ich dich liebe
steht außer Zweifel,
dass ich dich liebe
ist mein letztes Wort.
Ach, die weißen Flammen
und der nackte Brahma,
der wüste Tempel und 
der schlaffe Akkord,
kein nackter Buddha spielte
je Klavier, aber siehe die
Möwen draußen und höre mein
letztes Wort.


===
Nachrichten

Die neuesten Nachrichten:
Ein Kind
ist von einer Stange gefallen
krank danieder liegend
hat es Winter und Sommer
Sommer und Winter
zugehört das schrille Raunen
von Hexen und Faunen
von Faunen und Hexen.
Dann ist es
nach den allerneuesten Nachrichten
auf eine Stange geklettert
auf eine lange Stange geklettert
und hat es
eine Geschichte fantasiert,
die rot mit gelb und blau
aufsteigend tollt
tollend aufsteigt zur hohen Sonne.


===
Traurig

Traurig kann man sagen, spricht das Kind
Traurig kann man sagen, färbt der Stein gegen einen lila
Hintergrund.
Man kann sagen, dass der Hundekopf auf dem Bild so traurig
schaut.
Traurig klingt der Gesang, den wir hören Tag und Nacht.
Traurig ist das Land auf das ein reines Sonnenlicht fällt.
Und traurig, tief-traurig, kann man sagen, setzt die Dunkelheit
ein.


Übersetzungen Jaap Hoepelman Oktober 2025




Bernardo Ashetu
1929-1982


Bernardo Ashetu (Pseud. von Henk van Ommeren), geboren 1929 in Paramaribo (Suriname), war Sohn des Arztes und späteren Vorsitzenden des surinamischen Parlaments Hendrik van Ommeren und Juliette Nassy. Damit Vater Hendrik das Medizinstudium abschließen konnte, zog die Familie in die Niederlande, aber Mutter Juliette und Sohn Henk mussten vor den Nazis nach Paramaribo fliehen, während Vater Hendrik in den Niederlanden zurückblieb. Gegen den Willen seines Vaters, der Größeres mit ihm vorhatte, wurde Ashetu Schiffsfunker. Nach dem Krieg fand der abgemusterte Funker eine Stelle bei Radio Holland, IJmuiden. Vater van Ommeren, ein sehr dominanter Mann, verachtete gleichermaßen den Funker und den Dichter Ashetu. Es wird vermutet, dass diese Verachtung Ashetu dazu brachte, nach dem ersten Dichtband "Yanacuna" (1959) keine Zeile mehr zu veröffentlichen. Er blieb also beinahe völlig unbekannt.  "Yanacuna" erhielt sogar eine Einleitung von Cola Debrot, dem bekannten Schriftsteller und späteren Gouverneur der niederländischen Antillen, aber vergebens. In Ashetus Nachlass wurden nicht weniger als 29 unveröffentlichte Bände gefunden.
Die Verachtung seines Vaters und die Probleme einer buntgemischten Gesellschaft hatten wohl eine ungünstige Wirkung auf Ashetus labile Psyche und er musste sich in psychiatrische Behandlung begeben. Nach einem zurückgezogenen Leben starb er 1982 an Darmkrebs.
Erst in letzter Zeit wird Ashetus Gedichten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. 2007 erschien eine Auswahl aus den Arbeiten "Dat ik zong" ("Dass ich sang"), ausgewählt von Gerrit Komrij und 2011 eine ausführliche Anthologie durch Michiel van Kempen, Professor für niederländisch-karibische Literatur an der Uni Amsterdam, "Dat ik je liefheb" ("Dass ich dich liebe"). Van Kempens Nachwort "'Ik ben een neger" poezie als graf voor Surinaamse demonen"' habe ich im Übrigen viel Material für diesen Post entnommen.

Liebhaber der niederländischen Poesie denken unweigerlich an Slauerhoff, den anderen Seemann und Schiffsarzt (das wäre eher nach dem Geschmack von Vater van Ommeren gewesen), der auch auf die Südamerikaroute fuhr. Slauerhoffs Gedicht "O Enjeitado" endet mit den Zeilen

Auch mich hat der Wahn überkommen;
Auch ich hab' entdeckt und genommen,
Der ich später alles verlor,
Um an des trägen Stromes Saum
Am Grab des grandiosen Traums
Zu sterben: “tudo é dor”.

Auch Ashetu besuchte Portugal. "Tudo é dor" und am Ufer des Tejo zu sterben waren Motive, die ihn ansprachen und von ihm benutzt wurden. "Enjeitado" bedeutet "Findelkind", und vielleicht fühlte der von seinem Vater verachtete Ashetu sich so. Auch der Titel des ersten Dichtbandes, ("Yanacuna", in Sranantongo, d.h. im Surinamischen: Yana - weit weg, Spanisch: Cuna - Wiege, in van Kempens Interpretation) könnte in diese Richtung weisen.
Es gibt andere Außenseiter, an die Ashetus Kunst mich erinnert, z.B. Lodeizen und Achterberg, beide Meister darin, mit Alltagswörtern rätselhafte Spannung hervorzurufen, oder van Schagen und Noordstar, die in ihren Gedichten auf "Poesie" verzichteten und dementsprechend erst viel später Anerkennung fanden. Buddinghs Glosse:

Wie das Blatt sich wenden kann

um 1936
lasen wir alle
begeistert und voller Ehrfurcht
Marsman und Slauerhoff
jetzt, dreißig Jahre später,
dreißig Jahre weiser,
halte ich es lieber mit
Noordstar und van Schagen.

(C. Buddingh', Gedichten 1938-1970)

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2019

könnte man getrost um "Bernardo Ashetu" erweitern.
Ashetus Poesie ist  kryptisch, aber vielleicht sind die schönsten Gedichte nicht unbedingt die, die man versteht, sondern die, die man verstehen möchte.

Wehmut

Es war in diesem Winter, dass
der Neger mit dem langen roten
Mund mir seine Bananen anbot.
den bitterkalten schneebedeckten Weg, auf dem
er sich endlos weiterschleppte, hatte
er vollgestreut mit Millionen
Ananaswürfeln, und als ich
ihn bezahlte mit einer strahlenden
Scheibe Tropensonne, lachte er sanft
und sehr wehmütig.


Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2024

Marcel

Er schlich sich auf Spitzen von
hellen Schleichern vom Dach

Seine Sitten waren erquicklich leicht.

Er stürzte auf rote Steine
bei klarem Winterwetter
und niemand verstand den fremden
Pfau bei seiner kostbaren Bestattung.

Nur Gott.
Und dies war der süße Marcel.

Marcel

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020


Bring Blumen

So sprach der Wind,
so das Wasser und
so dunkel waren die
Wolken nie gewesen.
Ein weißer Vogel flog scheu,
flog aufgeschreckt, flog trunken zur Küste
während der Jüngling
auf dem ächzenden Schiff hastig
schrieb:
bring Blumen, schrieb er,
bring Blumen auf das Grab
von dem, der nicht mehr ist.

Breng bloemen

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020 

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...