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Freitag, 9. Januar 2026

Betje Wolff: Über die Sklaverei im Land der Pfarrer und Kaufleute.





Vlissingen ist eine kleine Stadt im äußersten Südwesten der Niederlande auf der Insel Walcheren in der Provinz Zeeland. Klein, aber nicht ohne Bedeutung. Durch die Lage an der Mündung der Schelde beherrscht sie den Zugang zum Antwerpener Hafen und war entsprechend begehrt und umkämpft. Spanier, Engländer, Franzosen, Deutsche wechselten bei den Versuchen ab, diesen Schlüsselort zu beherrschen und sie geizten nicht mit Bomben und Raketen. Im vorläufig letzten Waffengang, Anfang November 1944,  nahmen britische und kanadische Truppen Vlissingen nach schweren Kämpfen ein. Durch die Bombardierung der Deiche wurde die Insel unter Wasser gesetzt und Vlissingen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Durch die exponierte Lage, war Vlissingen vorbestimmt, Handels- und Kriegsmarinehafen und reich zu werden. Der Reichtum der Stadt wurde seit dem Mittelalter
durch Fisch, Salz, Wein und Schiffsbau bestimmt, im 17. und 18. Jahrhundert auch durch Kolonialwaren, wie Gewürze, Textilien und Porzellan. Es gab aber noch andere Vlissinger Wirtschaftszweige – sehr wichtige sogar – aber lange Zeit nur zögerlich erwähnt: Piraterei und Sklavenhandel. Sklaven waren Handelsware und der Sklavenhandel war ein Industriezweig, mit Haupt- und Zulieferbetrieben für den Dreieckshandel: Die Handelsschiffe wurden in Vlissingen mit Gütern beladen, die an der Westküste Afrikas begehrt waren und gehandelt gegen die dort angebotenen Sklaven. Diese wurden in die Karibik verfrachtet und verkauft, woraufhin die Schiffe nach Vlissingen zurück segelten mit Produkten aus den amerikanischen Plantagen. Es wird geschätzt, dass 70% der niederländischen Sklavenschiffe von Vlissinger Kaufleuten ausgestattet wurden. Die Piraterei war ebenfalls eine wirtschaftliche Aktivität von größter Bedeutung.  In wissenschaftlichen Studien wird Vlissingen ein "Piratennest" genannt. Vlissinger Piraten waren in der ganzen Karibik berüchtigt. Das spanische Wort "pichelingue" für Pirat ist sogar abgeleitet von "Vlissingen"– eine Ehre, die nicht jede Kleinstadt für sich in Anspruch nehmen kann.
Die Niederlande werden wohl als ein Land von Kaufleuten und Pfarrern bezeichnet. Im Vlissingen des 18en Jahrhunderts funktionierte diese Arbeitsteilung nahezu reibungslos. Die Kaufleute kümmerten sich um den Umsatz und wurden in ihrer merkantilen Flexibilität nur gelegentlich durch moralische Bedenken gehemmt. Die Pfarrer wiederum sorgten sich um den sittlich einwandfreihen Lebenswandel der Bürger. Als die quirlige, begabte Elisabeth ("Betje") Bekker *, die 17-jährige Tochter eines Gewürzhändlers, 1755 mit einem Fähnrich der Armee der Republik durchbrannte, löste das einen gewaltigen Skandal aus. Betjes Teilhabe am Abendmahl wurde verboten, sie mußte öffentlich ihre Schuld bekennen und wurde vom sozialen Leben der Stadt ausgeschlossen. Sie war nicht länger eine akzeptable Partie für ehrsame Kaufmannssöhne. Die fromme Atmosphäre des Hafenstädchens, nur gemildert durch ihr Selbststudium der Philosophie und Literatur der Aufklärung, muss für Elisabeth unerträglich gewesen sein. In einem Porträt wird sie als angeblich 16-jährige dargestellt, mit einer Kopie von Popes "Essay on Man" demonstrativ in der Hand. Marita Mathijsen hat in ihrem Blog nachgewiesen, dass Betje zur Zeit des Entstehens dieses Bildes unmöglich erst 16 gewesen sein kann . Man hat die Fehldeutung lange bedenkenlos geglaubt. Sie zeigt, wie sehr man von den Fähigkeiten der jungen Savante überzeugt war. Später hat Betje Wolff Popes "Essay on Man" tatsächlich als "Proeve over den Mensch" ("Versuch über den Menschen") übersetzt. 



Ein Ausweg für die junge Elisabeth Bekker war die Ehe 1759 mit dem 30 Jahre älteren Adrianus Wolff, einem freisinniger Pastor im weit entfernten Polder "de Beemster". Die Eheleute hatten sich durch ihre beidseitigen literarischen Interessen und Aktivitäten kennengelernt. Dies spricht dafür, dass der intellektuelle Umgang mit der Teenagerin zumindest nicht als unter der Würde des gelehrten Pastors betrachtet wurde.  

Das Pfarrhaus in Middenbeemster
„De Beemster“ lag damals wirklich weitab vom Schuss. Am Ende des 16. Jahrhunderts gab es dort noch keinen Polder, sondern eine große See nördlich von Amsterdam – Teil einer Sumpflandschaft, die sich immer bedrohlicher in das Land hineinfraß.

Der See "De Beemster", ungefähr in der Mitte der Seenplatte

Als Betje Wolff in 1759 zu ihrem Pfarrer nach Middenbeemster, dem Hauptort des Beemster Polders zog, hatte sich die Lage vollkommen geändert. Durch Verbesserungen im Windmühlenbau und in der Vermessungskunde konnten, angefangen im Jahr 1596, die Nord-Holländischen Seen einer nach dem anderen trocken gelegt werden. „De Beemster“ lag 3,5 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Trockenlegung dauerte von 1607 bis 1612. Überraschend schnell, in meinen Augen. Das Ergebnis war eine streng geometrisch angelegte Landschaft, eine der ersten dieser Art:

Geodätische Karte von "de Beemster" 1658


Als die neue Frau Pastorin Wolff nach Middenbeemster zog, war der Polder 150 Jahre alt und hatte sich in eine blühenden Landschaft verwandelt. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch Kaufleute, die ihre Gewinne aus der VOC, später auch aus der WIC (Verenigde Oostindische Compagnie, bzw. West Indische Compagnie) als Risikokapital in die Trockenlegungen investierten. Nach und nach wurden in de Beemster stattliche Landhäuser gebaut, in denen die Kaufleute die Sommermonate verbringen konnten. Nach dem "Katastrophenjahr" 1672, ging es mit der Republik bergab, politisch, wirtschaftlich und kulturell. Als klares Zeichen für den Niedergang und das allmählig fehlende Kapital kann man der Abriss im 18. und 19. Jahrhundert dieser Landhäuser werten.  Um 1640 hatte es in de Beemster von ihnen ungefähr 50 gegeben. Das einzig erhaltene Beemster Landhaus „Rustenhove“ vermittelt, obwohl es nicht einam das imposanteste war, einen Eindruck dieser Epoche:


Trotz aller Ingenieurskunst blieb eine Reise nach "de Beemster" ein größeres Unterfangen. Im Sommer, der bevorzugten Zeit der Landhausbesitzer, war die Anreise machbar. Im Herbst zogen sich die Herrschaften zurück in die Stadt und im Winter war der Polder fast unzugänglich. Man könnte annehmen, dass die Frau Pastorin Wolff in provinzieller Einsamkeit verkümmern würde. Davon konnte aber keine Rede sein. Sie vertrieb sich die Zeit mit frenetischer Lese- und Schreibarbeit, die unter anderem zu "Beemster-Winter-Buitenleven" - "Beemster-Winter-Landleben" (verfasst 1775, veröffentlicht 1778) führte, eine "voyage autour de ma chambre" avant la lettre, verfasst in zwei Briefen "an eine Freundin"** . Die Briefe bestehen aus gereimten Überlegungen, Erinnerungen, Eindrücken und Stimmungen aus der Polder-Einsamkeit in lockerer Abfolge. 
Das "Beemster-Winter-Landleben" enthält ein sehr bekannt gewordenes Fragment über die Sklaverei. Betje verabscheute die Sklaverei zutiefst und vermutete, dass ihre eigene Familie davon profitiert hat (mehr dazu weiter unten). Die Ironie der Geschichte wollte es, dass die Flucht von Vlissingen nach "de Beemster" auch eine Flucht von einem Ort, der durch den Sklavenhandel reich geworden war,  an einen Ort war, in dem Kapital aus Kolonialgeschäften aller Art, auch aus Sklavenhandel, gewinnbringend angelegt worden war. Man entkommt seiner Zeit und seiner Gesellschaft eben nicht. 
Betjes Entrüstung über den Sklavenhandel, insbesondere nachdem sie, zusammen mit Aagje Deken, zu einer landesweit bekannten Autorin aufgestiegen war – spielte sicherlich in aufgeklärten Kreisen eine bedeutende Rolle. Dennoch dauerte es in den Niederlanden noch lange, bevor die Sklaverei endgültig abgeschafft wurde (1863-1873 in Suriname).

 Wenn Wissbegierde es verlangt,

Steig' ich den Alpenhang entlang;

Besuche Chinas Mauerwehr;

Steure entschlossen übers Meer.

Gerade lenk' ich nach Amerika,

Doch bin ich dort den Tränen nah,

Seh' ich das Volk, gesetzlos übermachtet,

Gar wie das red'los' Vieh verachtet,

Durch Habsucht und durch Tyrannei

Verdammt zu schwerster Sklaverei:

Grausam getrieben in den Berg,

Zur Fron verschleppt ins Erzbergwerk.

Hör auf du europäischer Barbar!

Sind dir die Seufzer denn nicht klar?

Die Klagen und der Tränenfluss,

Der selbst ein Monster rühren muss?

Der Sklav', dem du die Frau entrissen hast,

Erdrückt von schwerer Trauerlast,

Dem du die Kinder hast entwendet,

Der angekettet, wie ein Tier verendet,

Mit Kummer, Mangel, Sorge, Streit,

Ein Dasein voller Schmerz erleidet.

Durch Gier zum Tode ausgezehrt,

Auf Feldern von der Sonn' versehrt,

In Minen, wo beim matten Schein

Der Fackeln atmet Stickluft ein,

Und keuchend schnödes Gold auftut,

Das für dich gilt als höchstes Gut;

Du gierst nach Golde, wie ein Unmensch –

Der Sklave, Unhold!, ist ein Mensch!

Er ist ein Mensch. Schaudre beim Wort!

Der Allmächt'ge, der sieht den Tort,

Und sieht das Unrecht, das man tut,

Er schuf uns alle von demselben Blut.

Ich suche Trost im üpp'gen Ort von Penn.

Friedliches Pennsylvanien!

Wo nur die Nächstenliebe Menschen leitet;

Kein Mensch das Sklavenlos erleidet,

Wo wie ein Freund der Herr dem Knecht,

Der dient ihm nach Gesetz und Recht.

Dem wahren Christentum zur Ehre

Gereichen die, welche die Sittenlehre

des Evangeliums betrachten,

Geschöpfe Gottes niemals verachten,

Die im Unglück sich befinden,

Doch für sie Mitgefühl empfinden.

(Beemster-Winter-Buitenleven, Seite 43-45.)

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2025)

Betje Wolffs Beschreibung enthält schablonenhafte Elemente der damaligen kritischen Literatur über das Schicksal der süd-amerikanischen Ureinwohner in den Goldminen im 16. Jahrhundert, wie z.B. in Nicolaas Simon van Winters "Monzogo" (1774). Diese Herangehensweise hatten den Vorteil, dass nicht unmittelbar auf realen Aufstände der Sklaven in der Karibik eingegangen werden musste, wie etwa den Berbice-Aufstand in 1763. Wolffs Erwähnung der paradiesischen Umständen in Pennsylvanien, wo die Quaker 1774 die Sklaverei beendet hatten, läßt zudem vermuten, dass sie im Jahr 1775 wohl ein realistischeres Bild der Sklaverei in Nord-Amerika hatte, als in ihrem Gedicht dargestellt wird.    Betje Wolffs Abneigung vertiefte sich als sie im französischen Exil (nach der orangistischen Konterrevolution) den Pastor Benjamin-Sigismond Frossard kennen lernte, dessen abolitionistische Verhandlung "La cause des esclaves nègres (1789)" sie im Jahr 1790 übersetzte. Im quasi-autobiographischen "Geschrift eener bejaarde vrouw" ("Aufzeichnungen einer alten Frau") (1802, gemeinsam mit Aagje Deken) wird an diese Ablehnung noch einmal aufgegeriffen und die Vermutung ausgesprochen, dass die eigene Familie nicht unbeteiligt war. ^Bereits 1798 schrieb Betje einer Freundin, dass sie Verwandten in Vlissingen nicht besuchen wollte, weil ihr – wie sie schrieb –  Sklavenhändler zuwider waren.*** Im Übrigen wird dem/r postmodernen Leser/in nicht entgangen sein, dass Wolffs Gedicht aus heutiger Sicht nicht gänzlich frei ist von inkorrekten Wendungen. Man entkommt seiner Zeit und seiner Gesellschaft nicht, wie ich schon sagte.

William Penn

Nach dem Ableben des Pastors Wolff zog Betjes Brieffreundin Aagje Deken zu ihr. Die Zusammenarbeit der beiden Schriftstellerinnen entwickelte sich so intensiv, dass sich nicht mehr bestimmen lässt, wer für welchen Teil der mit großem Erfolg entstandenen Schlüsselromane der Emanzipation in den Niederlanden wie "Sara Burgerhart" und "Willem Leevend" zuständig gewesen ist. Das, allerdings, wäre ein Thema für einen anderen Blog.


Aagje Deken, Betje Wolff. Punktgravuren.
Rijksmuseum Amsterdam.****

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Nach dem Auszug aus dem alten Pfarrhaus wohten Betje und Aagje von 1777 bis1782 zusammen im  "de Rijp", unermüdlich arbeitend an ihrem ständig wachsendem Oeuvre. De Rijp ist ein reizvolles, gut erhaltenes Dorf auf dem alten Land an der Grenze des Beemster Polders. Leicht kann der Verbleib in der beengten Behausung nicht gewesen sein. Die Atmosphäre war ungesund; die Schriftstellerinnen litten unter zahlreichen Krankheiten. Es war feucht und es stank. Aagje beschwerte sich in einem Brief über den penetranten Gestank vom Walfischtran aus gekochtem Walfischspeck und von den faulenden Fellen und Häuten der Gerbereien in unmittelbarer Nachbarschaft. Walfisch? De Rijp war ein wohlhabender Ort und eines der größten Walfangdörfer der Niederlande. Ein Großteil der niederländischen Walfangflotte wurde dort ausgerüstet. Heute organisiert das "Scheepvaartmuseum" regelmäßige Ausflüge zu den historischen Schauplätzen der Rijper Walfahrt. Von den Grundlagen der Wohlfahrt zur Museumspädagogik der Walfahrt – man würde fast beginnen an Hegels Dialektik der Geschichte zu glauben.

De Rijp, Dorfkern. 

Heutiger Zustand der Häuschen
 in denen Betje Wolff und Aagje Deken lebten 
von 1777 bis 1782

Eine Biografie der Betje Wolff (auf Niederländisch) 

** Maria Van der Mieden-CardinaalP.J. Buijnsters.

***  Material aus Willy Tibergien und Dick Welsink , Aarts' letterkundige almanak, 1988/1991.

**** Die Punktgravure war eine im 18. Jahrhundert in den Niederlanden entwickelte Technik der Glasgravur. Frauenporträts in dieser Technik sind selten, als bekanntes Beispiel wird oft eine Darstellung der Wilhelmine von Preußen genannt. Dass die Porträts der Schriftstellerinnen in dieser anspruchsvollen Technik ausgeführt wurden, unterstreicht die herausragende Rolle, die sie spielten.

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...