Hendrik van Teylingen
(Sri Hayesvar Das)
(1938 -1998)
Der Dichter und Übersetzer Hendrik van Teylingen nimmt keinen herausragenden Platz in der niederländischen Literaturlandschaft ein. Er war ein Außenseiter, aber es hat davon in der niederländischen Literatur einige gegeben, wie van Schagen, Noordstar, Ashetu oder auch Focquenbroch, deren Gedichte ich oft höher einschätze, als manche schnarchende Beiträge im offiziellen Literaturkanon. Als Sohn eines evangelisch-reformierten Pfarrers, was in den Niederlanden manchmal zu bemerkenwerten Lebensläufen und bemerkenswerter Literatur geführt hat, kann man sein Leben wohl abwechslungsreich nennen:
Als Kriegsdienstverweigerer verbrachte er eine Zeit im militärischen Straflager "Nieuwersluis" (das gab's damals noch in den Niederlanden, ein Ort dessen Namen einen gewissen bedrohlichen Klang hatte). Das Erlebte verarbeitete er im Roman "Depot voor Discipline"
Er war hatte verschiedene Ehefrauen und Kindern mit ihnen. Die Liebe zu der bekannten surinamischen Schriftstellerin Bea Vianen führte ihn nach Paramaribo. Die Berichte aus Suriname in dieser Zeit bündelte er in "Bedek je schande; Suriname van binnenuit" ("Verhülle deine Schande; Innenaufnahmen aus Suriname").
1975 wurde er Mitglied der Hare-Krishna-Bewegung, die er 1981 verlassen musste. Ab 1985 gründete er eine eigene Sri Chaitanya- Gemeinschaft. Aus den Grundlagen seiner neuen Religion hat er 4 Übersetzungen der Bhagavad-gita ins Niederländische erstellt.
Als die Zahl der aus den vielen Verbindungen hervorgegangenen Nachkommen doch etwas hoch wurde, so wird berichtet, ließ er sich mittels Vasektomie sterilisieren, aber ohne Betäubung, welche er aus Überzeugung ablehnte. Es hat doch wohl höllisch weh getan, teilte er später mit.
Nun sind dies alles Besonderheiten, die uns nicht besonders interessieren müssen und van Teylingens Bemühungen in der Krishna-Bewegung haben auch nicht zu meiner größeren Aufmerksamkeit geführt, aber er war doch ein Sprachvirtuose der besonderen Art, mit einer beiläufigen Perfektion, die wir auch bei Vroman oder Komrij finden. Bei Gerrit Komrij bin ich auf ein Gedicht des van Teylingen gestoßen, das mich getroffen hat: Wie geschaffen für Komrij: ein perfektes Sonett! Perfektion in der Verbindung der kleinkindgerechten Sprache, mit Trauer, Staunen und leichtem, geheimnisvollem Grauen. Was ist da Entsetzliches passiert?
Das Sonett ist im makellosen 4-4-3-3 Schema geschrieben, und mühelos ABBA-ABBA-CDE-CDE gereimt. Ich hoffe, dass meine Übersetzung eine Ahnung dieser Perfektion vermitteln kann. Das niederländische Original füge ich bei.
Hendrik van TeylingenAls we de steen mogen geloven,
Dan rust jij, Wim, vier lentes net,
Übersetzung: Jaap Hoepelman Januar 2023
aus: Gerrit Komrij op zijn stekeligst
Fehlende Sentimentalität dem Tod gegenüber ist ein Charakteristikum bei van Teylingen, wohl in Übereinstimmung mit seinem Hinduismus. Auch ein anderes, ziemlich bekanntes Kurzgedicht handelt von Tod und Kindern, aber aus einer anderen Perspektive: Nicht die Kinder sind tot, sondern ihr Haustier, die Landschildkröte Basti und das Gedicht beschreibt das kindlich beiläufige Spiel mit dem Tod, so wie der Dichter mit den toten Kindern spielen möchte in "Kastanien". Ein kleines Gedicht, dieses "Exit", aber mit großer Raffinesse.
Exit Testudo graeca
Ende Mai wurde entschieden, dass
Wir buddelten ihn aus, wischten die Erde
von seiner grauen Schale, schüttelten etwas,
Doch kriegten ihn nicht wach. Danach,
Von immer weiter oben, knallten wir ihn
flach aufs Laminat, mit jedem Mal
mehr Krach, dann ab ins Kehrichtfach.