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Mittwoch, 8. Oktober 2025

Bernardo Ashetu. Ein Außenseiter aus Suriname wird allmählich entdeckt.

Über Bernardo Ashetu hatte ich schon in einem älteren Post berichtet. Als ich den alten Beitrag wieder besuchte, wurde mir noch einmal  bewusst, wie raffiniert und poetisch, wenn auch manchmal schwer verständlich seine Gedichte sind. Poetisch? Ja. Aber frag' lieber nicht genauer nach: Es gibt Poesie, die ist poetisch und es gibt Poesie, die ist es nicht. Ich entschied mich, noch einmal zu versuchen einige seiner Gedichte zu übersetzen und hier in den Blog zu stellen, mit darunter die Wiederholung des damaligen Posts.



Dass ich sang

Dass ich einmal
so klein wurde

dass ich in meinem Wesen
sang und glomm.

Als wär' ich Teil
von einem Gong.

So war es im
hinsterbenden Klang,
dass ich sang.


===
Saloneis

Ich bin Herr Saloneis
Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle?
Nun denn, ich bin Herr Saloneis,
Kinder fressen an meinem Herzen
Es macht mich so müde und ich
werde ausgelutscht. Großer Gott, ich werde ausgelutscht.

===

Warte lange

Zieh dich an
und warte bei der Brücke
Warte lange.
Warte bis der erste Stern aufsteigt.
Dieses Haus wird leer sein.
Rufe meinen Namen
und achte auf das Wasser.
Achte auf eine kleine
Regung im Schlamm entlang der
Gracht und warte bis das Licht
aller Sterne den Himmel hat schön
und berauschend gemacht.
Warte auf mich bei der Brücke.
Warte lange.


==
Tot

Wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
wir bleiben nicht ewig jung,
ich fiel um
um 
und um
in Blättern erschreckend rot
Und wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
sind die Matrosen bleich
sie sind bleich
sie sind tot.


==
Unkraut

Verhöhne mich nicht
heute
wo nichts stimmt
mit meiner Malkreide.
Die Töne sind
zu schwach der
schönen Klarinette.
Verhöhne mich nicht
heute
wo ich mit dem 
Spaten wühle im
Garten voller bitteren Unkrauts.


==
Schlangenholz

Was zwischen uns gewesen ist,
es ist nicht mehr, als ich 
erzählen kann. Es ist schlecht und es ist
nie gut gewesen, ein schlechtes Stück 
Schlangenholz, das schlecht passt zu
innigen Blumen. Doch bist du auch sanft
gewesen, sanft für mich wie ein früher
Morgen, in dem ich faul, mich streckend und
warm aufwache unter kühlen tropischen
 Pflanzen. Und du bist blutwarm gewesen,
obwohl du auch schlecht gewesen bist mit
einer stillen, spitzigen Genugtuung.


===
Letztes Wort

Dass ich dich liebe
steht außer Zweifel,
dass ich dich liebe
ist mein letztes Wort.
Ach, die weißen Flammen
und der nackte Brahma,
der wüste Tempel und 
der schlaffe Akkord,
kein nackter Buddha spielte
je Klavier, aber siehe die
Möwen draußen und höre mein
letztes Wort.


===
Nachrichten

Die neuesten Nachrichten:
Ein Kind
ist von einer Stange gefallen
krank danieder liegend
hat es Winter und Sommer
Sommer und Winter
zugehört das schrille Raunen
von Hexen und Faunen
von Faunen und Hexen.
Dann ist es
nach den allerneuesten Nachrichten
auf eine Stange geklettert
auf eine lange Stange geklettert
und hat es
eine Geschichte fantasiert,
die rot mit gelb und blau
aufsteigend tollt
tollend aufsteigt zur hohen Sonne.


===
Traurig

Traurig kann man sagen, spricht das Kind
Traurig kann man sagen, färbt der Stein gegen einen lila
Hintergrund.
Man kann sagen, dass der Hundekopf auf dem Bild so traurig
schaut.
Traurig klingt der Gesang, den wir hören Tag und Nacht.
Traurig ist das Land auf das ein reines Sonnenlicht fällt.
Und traurig, tief-traurig, kann man sagen, setzt die Dunkelheit
ein.


Übersetzungen Jaap Hoepelman Oktober 2025




Bernardo Ashetu
1929-1982


Bernardo Ashetu (Pseud. von Henk van Ommeren), geboren 1929 in Paramaribo (Suriname), war Sohn des Arztes und späteren Vorsitzenden der Surinamischen Nationalstaaten (Parlament) Hendrik van Ommeren und Juliette Nassy. Damit Vater Hendrik das Medizinstudium abschließen konnte, zog die Familie in die Niederlande, aber Mutter Juliette und Sohn Henk mussten vor den Nazis nach Paramaribo fliehen, während Vater Hendrik in den Niederlanden zurückblieb. Gegen den Willen seines Vaters, der größeres mit ihm vorhatte, wurde Ashetu Schiffsfunker. Nach dem Krieg fand der abgemusterte Funker eine Stelle bei Radio Holland, IJmuiden. Vater van Ommeren, ein sehr dominanter Mann, verachtete gleichermaßen den Funker und den Dichter Ashetu. Es wird vermutet, dass diese Verachtung der Grund war, dass Ashetu nach dem ersten Dichtband "Yanacuna" (1959) keine Zeile mehr veröffentlichte. Er blieb also beinahe völlig unbekannt.  "Yanacuna" erhielt sogar eine Einleitung von Cola Debrot, dem bekannten Schriftsteller und späteren Gouverneur der niederländischen Antillen, aber vergebens. In Ashetus Nachlass wurden nicht weniger als 29 unveröffentlichte Bände gefunden.
Die Verachtung seines Vaters und die Probleme einer buntgemischten Gesellschaft hatten wohl eine ungünstige Wirkung auf Ashetus labile Psyche und er musste sich in psychiatrische Behandlung begeben. Nach einem zurückgezogenen Leben starb er 1982 an Darmkrebs.
Erst in letzter Zeit wird Ashetus Gedichten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. 2007 erschien eine Auswahl aus den Arbeiten "Dat ik zong" ("Dass ich sang"), ausgewählt durch Gerrit Komrij und 2011 eine ausführliche Anthologie durch Michiel van Kempen, Professor für niederländisch-karibische Literatur an der Uni Amsterdam, "Dat ik je liefheb" ("Dass ich dich liebe"). Van Kempens Nachwort "'Ik ben een neger" poezie als graf voor Surinaamse demonen"' habe ich im Übrigen viel Material für diesen Post entnommen.

Liebhaber der niederländischen Poesie denken unweigerlich an Slauerhoff, den anderen Seemann und Schiffsarzt (das wäre eher nach dem Geschmack von Vater van Ommeren gewesen), der auch auf Süd-Amerika fuhr. Slauerhoffs Gedicht "O Enjeitado" endet mit den Zeilen

Auch mich hat der Wahn überkommen;
Auch ich hab' entdeckt und genommen,
Der ich später alles verlor,
Um an des trägen Stromes Saum
Am Grab des grandiosen Traums
Zu sterben: “tudo é dor”.

Auch Ashetu besuchte Portugal. "Tudo é dor" und am Ufer des Tejo zu sterben waren Motive, die ihn ansprachen und von ihm benutzt wurden. "Enjeitado" bedeutet "Findelkind", und vielleicht fühlte der von seinem Vater verachtete Ashetu sich so. Auch der Titel des ersten Dichtbandes, ("Yanacuna", in Sranantongo, d.h. im Surinamischen: Yana - weit weg, Spanisch: Cuna - Wiege, in van Kempens Interpretation) könnte in diese Richtung weisen.
Es gibt andere Außenseiter, an die Ashetus Kunst mich erinnert, z.B. Lodeizen und Achterberg, beide Meister darin, mit Alltagswörtern rätselhafte Spannung hervorzurufen, oder van Schagen und Noordstar, die in ihren Gedichten auf "Poesie" verzichteten und dementsprechend erst viel später Anerkennung fanden. Buddingh's Glosse:

Wie das Blatt sich wenden kann

um 1936
lasen wir alle
begeistert und voller Ehrfurcht
Marsman und Slauerhoff
jetzt, dreißig Jahre später,
dreißig Jahre weiser,
halte ich es lieber mit
Noordstar und van Schagen.

(C. Buddingh', Gedichten 1938-1970)

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2019

könnte man getrost um "Bernardo Ashetu" erweitern.
Ashetus Poesie ist  kryptisch, aber vielleicht sind die schönsten Gedichte nicht unbedingt die, die man versteht, sondern die, die man verstehen möchte.

Wehmut

Es war in diesem Winter, dass
der Neger mit dem langen roten
Mund mir seine Bananen anbot.
den bitterkalten schneebedeckten Weg auf dem
er sich endlos weiterschleppte, hatte
er vollgestreut mit Millionen
Ananaswürfeln, und als ich
ihn bezahlte mit einer strahlenden
Scheibe Tropensonne, lachte er sanft
und sehr wehmütig.


Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2024

Marcel

Er schlich sich auf Spitzen von
hellen Schleichern vom Dach

Seine Sitten waren erquicklich leicht.

Er stürzte auf rote Steine
bei klarem Winterwetter
und niemand verstand den fremden
Pfau bei seiner teuren Beerdigung.

Nur Gott.
Und dies war der süße Marcel.

Marcel

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020


Bring Blumen

So sprach der Wind,
so das Wasser und
so dunkel waren die
Wolken nie gewesen.
Ein weißer Vogel flog scheu,
flog aufgeschreckt, flog trunken zur Küste
während der Jüngling
auf dem ächzenden Schiff hastig
schrieb,
bring Blumen, schrieb er,
bring Blumen auf das Grab
von dem, der nicht mehr ist.

Breng bloemen

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020 

Dienstag, 30. April 2024

Focquenbroch. Ein böser Bub aus dem 17. Jahrhundert, oder Fumus Gloria Mundi

    

Willem Godschalck van Fockenbroch 

1640-1670


Dichter sind Außenseiter. In diesem Blog haben wir sie kennengelernt: Piet Paaltjens, de Schoolmeester, van Schagen, AshetuAchterberg, Slauerhoff, Komrij,...die Liste kann mühelos fortgesetzt werden. Über Willem Godschalck van Fockenbroch ist wenig bekannt, aber er trieb das Außenseitertum sehr weit. Sein mageres Gehalt als Armenarzt reichte nicht zum Leben, dazu litt er heftig unter Liebeskummer (darin, allerdings, war er keine Ausnahme). Um seinen Schwermut zu vertreiben rauchte er Pfeife. Er war richtig süchtig. Ob er, als Amsterdamer, die Pfeife nur mit Tabak stopfte ist mir leider nicht bekannt. Sein Lebensmotto passt zur seiner Sucht und zu seiner Stimmung: "Fumus Gloria Mundi" - "Der Welten Glanz ist nichts als Rauch". Zu seiner Melancholie passte das Genre der Burleske, das sich gerne über Feierliches lustig macht, wie Focquenbroch sich über seine vergeblich Angebeteten und über sich selbst traurig-lustig machte. So verknüpfte er gerne das petrarkische Sonett, in dem klassisch-erhaben unerreichbare Schönheit bejammert wird mit unverschnitten Erotischem, Unanständigem und Fäkalischem, was ihm bis in unsere Zeit übel genommen wurde:

"Seine Arbeiten sind so schmierig und platt, wie sie in unserer Literatur selten Vergleichbares finden...er suhlt sich in Wolllust und Schmutz wie ein Schwein im Schlamm", entrüstete sich der Literaturhistoriker Kalff noch Anfang des 20. Jahrhunderts.

Focquenbroch hatte also einiges mit dem Spott der Dichter der Romantik gemein und er wird heute, wo der Anstand andere Formen angenommen hat, zunehmend geschätzt.

Durch Geldmangel und Liebeskummer getrieben, musterte Focquenbroch 1668 an bei der West-Indischen Compagnie (WIC) als "Fiscaal", eine Art Zollbeamter. 

              Das Lager der WIC. Amsterdam, 1655

                                                                            Hauptniederlassung des WIC in Amsterdam
                                              (1623-1647) 

Die WIC hatte das Alleinrecht für die Niederlande auf  die Ausfuhren aus der Elfenbein-, der Gold- , und der Sklavenküste. Die Handelsware entsprach im Wesentlichen den Namen der Küsten. 


Elfenbein-,Gold- und Sklavenküste um 1650

Der "Fiscaal" hatte als eine seiner Aufgaben die Bekämpfung der Schmuggler, gegen Teilhabe an der beschlagnahmten Schmuggelware. Focquenbrochs Standort war Elmina an der West-Afrikanischen Küste, der wichtigste niederländische Stützpunkt dort, aber auch andere Mächte hatten sich in West-Afrika festgekrallt, darunter Frankreich, England, Dänemark, Schweden und Brandenburg. 

Elmina wurde als Hölle auf Erden beschrieben, zweifellos für die dort eingelieferten Sklaven, aber auch die Überlebensdauer der Holländer wird mit 60 Wochen angegeben. 

Aus Elmina schickte Focquenbroch seine Gedichte dem Freund Ulaeus zu, der sie unter dem Titel " Thalia of Geurige Sang-Goddin" (1668, 1669) und posthum als "Afrikaense Thalia" veröffentlichte.

Der Titel ist ein gutes Beispiel für Focks (so nannte er sich oft) burlesken Humor: Thalia ist die Muse der komischen Dichtung, aber "geurig" bedeutete im 17. Jahrhundert nicht nur "wohlriechend" und "verspielt", sondern auch "anrüchig".

Focquenbroch starb 1670 mit 30 Jahren, vermutlich an Gelbfieber.

                        Fort Elmina, 17. Jahrhundert.

Focquenbrochs Motto passt in gewissem Sinne auch zur WIC. 1792 ging die Kompanie pleite und wurde aufgelöst. 1821 wurden die meisten Archivalien einem Altpapierhändler verkauft (vielleicht aus Scham?) während die übriggebliebenen während eines Feuers im Marinedepartement in Rauch aufgingen (1844). Somit blieb von Fock außer einer Reihe von Gedichten und einiger Komödien fast nichts übrig. Eine ausgeklopfte Pfeife und etwas Rauch.


Sonett


Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir

gefallen, ich, der ich als Mensch geboren

und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,

der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.


Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest

das weibliche Geschlecht zur Liebe ist bereit.

Herr Jupiter begriff es, als vor langer Zeit

er öfters göttlich aufs Gesicht gefallen ist,


weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,

für Leda hat den Schwan herausgekehrt

und Frau Europa hat entführt als Stier.


Es kann also noch Mensch noch Gott gewinnen:

Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,

muss mehr nicht sein, als nur ein Tier.


(Klinkdicht)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021


Das obige Sonett kam noch ziemlich gesittet daher, aber Fock konnte auch anders, z.B. um sich an einem Nebenbuhler zu rächen,  zur ewigen Entrüstung der Sittenmeister:


Grabschrift


Hier liegt ein feiner Pinkel, der wohl daran

verstarb, dass er mit seinem Ballermann

aus Tollerei, aus Zeitvertreib,

gespielt hat auf dem Nachbarinnenleib.

Wo er jetzt ist? Ich kann nur raten,

ich glaube nach wie vor jedoch:

Todsicher wird er in den Himmel nicht geraten,

wenn er den Eingang sucht durch dieses Loch.


(Graf-Schrift)

Aus: Tweede Deel Van Thalia, of Geurige Zang-Goddin (1668)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021


"er suhlt sich in Wolllust und Schmutz, wie ein Schwein im Schlamm" meinte der gute Kalff und trotz neuerlicher Wertschätzung bleibt Focquenbrochs Ruf ziemlich ruiniert. Weitere Beispiele seiner Schweinereien können uns also nicht genieren:


Auf die schwarzen Zähne des

 Fräulein N.N.


Dein Mund, Gesims aus angerauchten Zähnen,

Zeigt deutlich dem, der was davon versteht:

Man braucht das heiße Feuer deines Ofens nicht erwähnen,

von dem der schwarze Rauch bis hoch ans Kauwerk geht.


(uit "Alle de Werken van Willem Godschalck van Focquenbroch")

Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2021



Auf Gret


Gret sagt, sie lässt zu sich nur ihre Freunde rein;

Ja, wo im Lande, sag' ich, mögen ihre Feinde sein?


Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2021


Um das Bild Focquenbrochs abzurunden, hier noch ein ernsthaftes Gedicht. Obwohl, bei der Arbeit kommen mir dann doch Zweifel, ob sich nicht auch hier die Burleske das böse Köpfchen erhebt. 


Eranemite (aus der Afrikaense Thalia)

Übersetzung Jaap Hoepelman 2021



Hendrick Goltzius, 
Das Gesicht 1576


Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Dienstag, 17. Januar 2023

Hendrik van Teylingen. Ein perfektes Sonett und Gleichmut.





Hendrik van Teylingen

(Sri Hayesvar Das)

(1938 -1998)


Der Dichter und Übersetzer Hendrik van Teylingen nimmt keinen herausragenden Platz in der niederländischen Literaturlandschaft ein. Er war ein Außenseiter, aber es hat davon in der niederländischen Literatur einige gegeben, wie van Schagen, Noordstar, Ashetu oder auch Focquenbroch, derer Gedichte ich oft höher einschätze, als manchen schnarchenden Beitrag im offiziellen Literaturkanon. Als Sohn eines evangelisch-reformierten Pfarrers, was in den Niederlanden manchmal zu bemerkenwerten Lebensläufen und bemerkenswerter  Literatur geführt hat, kann man sein Leben wohl abwechslungsreich nennen

Als Kriegsdiensverweigerer verbrachte er eine Zeit im militärischen Straflager "Nieuwersluis" (das gab's damals noch in den Niederlanden, ein Ort dessen Namen einen gewissen bedrohlichen Klang hatte). Das Erlebte verarbeitete er im Roman  "Depot voor Discipline" 

.

 Er war zusammen mit verschiedenen Ehefrauen und Kindern. Die Liebe zu der bekannten surinamischen Schrifstellerin Bea Vianen führte ihn nach Paramaribo. Die Berichte aus Suriname in dieser Zeit bündelte er in "Bedek je schande; Suriname van binnenuit" ("Verhülle deine Schande; Innenaufnahmen aus Suriname").

1975 wurde er Mitglied der Hara-Krishna Bewegung, die er 1981 verlassen musste. Ab 1985 gründete er eine eigene Sri Chaitanya- Gemeinschaft. Aus den Grundlagen seiner neuen Religion hat er 4 Übersetzungen der Bhagavad-gita ins Niederländische erstellt. 





Als die Zahl der aus den vielen Verbindungen hervorgegangenen Nachkommen doch etwas hoch wurde, so wird berichtet, ließ er sich mittels Vasektomie sterilisieren, aber ohne Betäubung, welche er aus Überzeugung ablehnte. Es hat doch wohl höllisch weh getan, teilte er später mit. 

Nun sind dies alles Besonderheiten, die uns nicht besonders interessieren müssen und Teylings Bemühungen in der Krishna-Bewegung haben auch nicht zu meiner größeren Aufmerksamkeit geführt, aber er war doch ein Sprachvirtuose der besonderen Art, mit einer beiläufigen Perfektion, die wir auch bei Vroman oder Komrij finden. Bei Gerrit Komrij bin ich auf ein Gedicht des van Teylingen gestoßen, das mich getroffen hat: Wie geschaffen für Komrij: ein perfektes Sonett! Perfektion in der Verbindung der kleinkindgerechten Sprache, mit Trauer, Staunen und leichtem, geheimnisvollem Grauen. Was ist da Entsetzliches passiert? 

Das Sonett ist im makellosen 4-4-3-3 Schema geschrieben, und mühelos ABBA-ABBA-CDE-CDE gereimt. Leider ist mir in der Übersetzung nicht gelungen diese Perfektion zu erreichen, weder in der Form, noch in der Sprache. Deswegen zeige ich vor meinen beiden Versuchen einer Übersetzung das Original und hoffe, das sich trotzdem eine Ahnung eines vollendeten Sonetts einstellen kann. Eine Link zur Stelle, wo ich das Gedicht gefunden habe, füge ich bei.

Hendrik van Teylingen

Kastanjes

Als we de steen mogen geloven,
Dan rust jij, Wim, vier lentes net, 
Hier haast een halve eeuw al met 
Je broertje Joris, dat van boven 
Boem! Op je buikje werd geschoven 
Als veels te groot verjaarspakket - 
Geen toetertje deed rettettet, 
Geen wimpeltje werd rondgewoven. 
Er is sindsdien maar weinig leven 
Behalve soms die doffe ploffen 
Zo'n zes voet boven jullie bol. 
Als jullie samen nu eens even 
Naar buiten kwamen, zou je boffen: 
Kastanjes, kerels! 't Ligt hier vol!'


Kastanien (I)

Wie man dem Grabstein glauben muss,
Liegst du, klein Wim, gerade einmal vier,
Demnächst fast fünfzig Jahre hier
Mit Brüderchen klein Joris, das leichterhand
Plumps! auf dein Bäuchlein ist gelandet,
Als übergroßes Geburtstagspaket.
Doch keine Tröte machte Rätätät,
Es fehlten Fähnchen und Girlanden.
Seitdem gab's nicht viel zu erleben,
Ein Poltern manchmal hat's gegeben
Über euren Köpfchen, gut sechs Fuß.
Wenn ihr zusammen nur mal eben
Heraus kämt, das wär' toll!
Kastanien! Jungs! Alles liegt hier voll!


Kastanien (II)

Kann man dem Grabstein glauben schenken,
Liegst du, klein Wim, gerade einmal vier,
Demnächst fast fünfzig Jahre hier
Mit Brüderchen klein Joris, das in dieser Senke
Plumps! auf dein Bäuchlein ist versenkt,
Geburtstagsgeschenk ohne Geschenkpapier,
Doch keine Tröten tröteten hier
Und Fähnchen wurden nicht geschwenkt.
Seitdem gab's nicht viel zu erleben,
Mal, dass es über euren Köpfchen grollte
Als Erdreich sechs Fuß herunter rollte.
Wenn ihr zusammen nur mal eben
Heraus kämt, das wär' toll!
Kastanien! Jungs! Alles liegt hier voll!

Übersetzung: Jaap Hoepelman Januar 2023

aus: Gerrit Komrij op zijn stekeligst


Fehlende Sentimentalität dem Tod gegenüber ist ein Charakteristikum bei van Teylingen, wohl in Übereinstimmung mit seinem Hinduismus.  Auch ein anderes, ziemlich bekanntes Kurzgedicht handelt von Tod und Kindern, aber aus einer anderen Perspektive: Nicht die Kinder sind tot, sondern ihr Haustier, die Landschildkröte Basti und das Gedicht beschreibt das kindlich beiläufige Spiel mit dem Tod, so wie der Dichter mit den toten Kindern spielen möchte in "Kastanien".  Ein kleines Gedicht, dieses "Exit", aber mit großer Raffinesse.


Exit Testudo graeca

Ende Mai wurde entschieden, dass 
Bastis Winterschlaf genug gedauert hatte.
Wir buddelten ihn aus, wischten die Erde
von seiner grauen Schale, schüttelten etwas,

Doch kriegten ihn nicht wach. Danach,
Von immer weiter oben, knallten wir ihn
flach aufs Laminat, mit jedem Mal
mehr Krach, dann ab ins Kehrichtfach.

Übersetzung Jaap Hoepelman

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...