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Dienstag, 1. April 2025

Hans Lodeizen. Der Perk der Fünfziger...?

 

Hans Lodeizen 1924 - 1950


Hans Lodeizen war der Sohn des Generaldirektors der Rotterdamer Reederei Müller&Co* und war als solcher aller materiellen Sorgen enthoben. Seit seiner frühen Jugend litt er aber unter einer schwachen Gesundheit, einem Asthma, das ihn zu einem einsamen Kind machte und ihn im Gymnasium behinderte. Später fing er ein Studium an der Universität von Amherst (Mass.) an, das er nicht abschließen konnte. In Amherst traten erste Symptome der Leukämie auf, an der er 1950 in Lausanne starb. In seinem kurzen Leben erschien von ihm nur ein Gedichtband, "Het innerlijk Behang" - "Die innerliche Tapete". Weil er sehr jung starb, weil seine Poesie neu und andersartig war als die der Vorgänger, und weil bald nach seinem Tod mit der Bewegung der Fünfziger eine Welle der Erneuerung einsetzte, wird er gerne mit Jacques Perk, dem Vorläufer der Achtziger des 19. Jahrhunderts verglichen. Perks hochgestimmte Feier der Dichtkunst war ihm aber völlig fremd. Lodeizens Gedichte sind unprätentiöse, reimfreie, scheinbar lose zusammengefügte Prosatexte voller Bilder und Assoziationen über Verlassenheid und Trauer. Lodeizen passte nicht in dieses Leben und als Homosexueller schon gar nicht in das Leben während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Als Erneuerer kurz nach einem Krieg, nach dem es keinen Sinn mehr hatte, in den hergebrachten Formen weiterzumachen, erinnert er eher noch an Paul van Ostaijen, kurz nach dem ersten Weltkrieg, auch er jung gestorben, auch er ein großer Beender der Tradition. Lodeizens neue Dichtkunst kam jedoch sehr gut an. Vom einzigen Band "Het innerlijk Behang" gab es bis 1990 15 Auflagen. In 1996 erschien eine vollständige wissenschaftliche Ausgabe "Gesammelte Gedichte" (Uitgeverij G. A. van Oorschot, Amsterdam, 1996)

Die Melancholie eines Unverstandenen erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber die besten Gedichte sind nicht die, die man sofort  versteht, sondern die, die man verstehen möchte.

[Erzählungen und Unglücke]

Erzählungen und Unglücke gingen immer zusammen
in diesem Land; der König
ging im Hermelinmantel zu Bett
inmitten seiner Hofdiener
und schlief schlecht wegen des unaufhörlichen
Gewirrs der Stimmen um ihn herum;
zwei Kammerdiener, die sich stritten um sein Beinkleid
oder ein Page, der Witze über seine Strümpfe riss;
Es war ein Land mit fremdartigen Leuten,

und doch: hier lebte er und war glücklich, unter
dem Pöbel war er zuhause, wie unter der Elite;
er kannte keinen Frieden
groß genug um die unermesslichen
Strände seines Gefühls zu füllen, kein Ruf
war schnell genug, die Winde einzuholen
- es war ein aussichtsloses Unterfangen
zu klagen und er klagte nicht.


aus: Hans Lodeizen "Het innerlijk behang" Van Oorschot Amsterdam (1949).

(Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2025)

Langsamer



Winter, du bist ein Schlechter,
in den Häusern versteckst du dich
wie ein Kind sehe ich dich, wie du in alle Schulen
hinein rennst mit deinem Leib
versteckt im Ranzen oh Winter du bist
ein schlechter Lehrer.

Ein kleines bisschen Feuerwerk damit
bin ich zufrieden o Winter gib mir
etwas Fröhlichkeit schneide eine Scheibe
ab von diesem Mittag wirf ein Märchen
in das Gewässer der Nacht
oh schlechter Lehrer.

Tag schlechter Winter, Scherenschleifer,
mit verschrammten Knien rennst du
über den Schulhof wie Murmeln
aus den Wolken eines Himmels zum blauen
Hemd, wo die weiße Kreide reitet eines
schlechten Lehrers.

aus: Hans Lodeizen "Het innerlijk behang" Van Oorschot Amsterdam (1949).

(Übersetzung: Jaap Hoepelman Februar 2019)


*Es ist ein "fait divers" in diesem Zusammenhang, aber es vermittelt doch einen Eindruck von Lodeizens Umgebung. Das Handelsunternehmen Müller & Co. dessen Vorstandsvorsitzender Lodeizens Vater war, wurde 1876 in Düsseldorf gegründet. In 1889 übernahm Anton Kröller (verheiratet mit Hélene Müller, der Tochter von Wilhelm Müller) die Leitung der Rotterdamer Niederlassung. Hélene Müller ist die Stifterin der Sammlung Kröller-Müller, beheimatet auf einem Landgut in Osten der Niederlande, mit einem Museum und einem vom berühmten Architekten Berlage entworfenen Jagdschloss.
Ähnliches Foto

Das Museum enthält eine berühmte Skulpturen- und Gemäldesammlung, insbesondere die, nach dem Van Gogh Museum in Amsterdam, zweitgrößte Sammlung Van Goghs der Welt. 

Ähnliches Foto



Ein gutes Beispiel für Lodeizens lakonische aber bedeutungsreiche Bildersprache fand ich immer "An einem sehr warmen Sommertag", in dem Titel und Gedicht nahtlos in einander übergehen:

An einem sehr warmen Sommertag

er hatte
alle Formen der Trauer
im Körper ertränkt

doch Angst
mit Hut und Regenschirm
wartete im Vestibül.

aus: Hans Lodeizen "Het innerlijk behang" Van Oorschot Amsterdam (1949).

Übersetzungen: Jaap Hoepelman Februar 2019, April 2025

Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Mittwoch, 28. Juli 2021

Jan Kal und der Mont Ventoux

                               Jan Kal 1946 - 

Nach dem Krieg  machte es für viele Dichter  (wie LodeizenKouwenaarLucebertAndreus) keinen Sinn, die althergebrachten Formen weiterzubetreiben. Andere (wie M. Vasalis und Gerrit Achterberg) blieben bei der Tradition und wurden auch weiterhin geschätzt. Trotzdem machte die Beherrschung des Handwerks in dieser Zeit oft einen etwas verschämten Eindruck und versteckte sich gerne unter der Maske der Spaßpoesie. In den Siebzigern aber gewannen Dichter, die Wert auf die Beherrschung des Metiers legten wieder an Selbstvertrauen, nicht zuletzt durch den Einfluss von Gerrit Komrij. Das Sonett (war es nicht immer ein Gipfel der Dichtkunst gewesen?) fand wieder Beachtung. Auch das letzte Gedicht des Hans Andreus, geschrieben auf dem Sterbebett, ist ein Sonett. Elemente der Spaßpoesie hatten aber ihren Einzug gehalten, darunter welche des Sports, der in akademischen Seminaren oft mit Verachtung bestraft wird. Sport findet man z.B. bei Scheepmaker und bei Jan Kal, dessen erstes Gedichtband sogar eine Sportart im Titel trägt. Kal hat als Student der Medizin angefangen und sich dann aus romantischen Gründen aufs Dichten verlegt, romantisch wie Piet Paaltjens, an den er mich irgendwie erinnert. Kal schreibt fast ausschließlich Sonette. Schon sein erstes Gedicht, "Mont Ventoux", (hier unten mein Versuch einer Übersetzung), ist ein Sonett:


                                                                             Der Mont Ventoux
        

                                                                         

                                                                                 

Jan Kal


Mont Ventoux

Dichten ist radeln auf dem Mont Ventoux,

hier steckte Tommy Simpson damals auf.

Todmüde in dem tragischen Verlauf

quälte sich der Weltmeister dem Endstrich zu.


An diesem Col sind viele abgehängt,

erste Kategorie, seitdem tabu.

Es riecht nach Tannenduft, Sunsilk Shampoo,

das braucht man, wenn man an den Abstieg denkt.


Es macht unendlich müde, alles was man tut;

der Mont Ventoux ist wohl die schlimmste Schinderei,

also, man überlege wohl, eh' man beginnt.


Doch schaffe ich, sogar in dieser Glut,

den Gipfel dieser kahlen Wüstenei:

Eitelkeit und Haschen nach dem Wind.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2021.


Aus: Jan Kal, Fietsen op de Mont Ventoux: (1974) Uitgeverij de Arbeiderspers



                        Denkmal für Tommy Simpson


                                                                                      Mont Ventoux: Höhenprofil


Dichtung, Sport, Leichtigkeit und Ernst lassen sich also sehr wohl miteinander in Verbindung bringen. Nicht umsonst hat Jan Kal als Thema für sein erstes Sonett den Aufstieg auf den Mont Ventoux gewählt: Petrarca, der Vater der Kunst des Sonetts, hat 1336 die  Erstbesteigung des Mont Ventoux beschrieben und passend dazu aus den Bekenntnissen des Augustinus zitiert:

"Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber."

Das Sonett schließt, wie es sich für einen niederländischen Dichter gehört, mit einem Zitat aus Prediger 1,12 , in dem man die Themen des Gedichtes gebündelt wiederfindet:

"Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind." 


Ich nehme an, dass es Jan Kal gefallen würde zu vernehmen, dass seine Gedanken auch in höchsten philosophischen Kreisen Zustimmung finden:

Sloterdijk: So um die zweieinhalb Stunden. Man muss wissen, dass der Mont Ventoux eine sehr bizarre abweisende Aura hat. Wenn man die Vegetationsgrenze erreicht, ist man plötzlich in einer lunaren Landschaft. Die Rennradfahrer spüren davon natürlich nicht viel, weil sie vor Anstrengung blind sind. Wir Amateure waren am letzten Aufstieg so phänomenal langsam, dass man ständig diese todeszonenhafte Stimmung des Gipfelbereichs gespürt hat. Wenn man dann auch noch an dem Denkmal für den armen Simpson vorbeifährt, der da 1967 kurz vor dem Gipfel verendete, ist man schon ziemlich demoralisiert und denkt für ein paar Sekunden über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nach.

Aus "Hundsgewöhnliche Proletarier", Interview mit Peter Sloterdijk, Der Spiegel, 07,07,2008,



Samstag, 4. März 2023

Nijhoff: Awater



 Bildergebnis für nijhoff

Der Niederländer Martinus Nijhoff (1894-1953) war genauso alt wie der Belgier van Ostaijen, aber ihre Werke könnten unterschiedlicher nicht sein. Der erste Weltkrieg hatte in Belgien verheerend gewütet, während die Niederlande verschont geblieben waren. Van Ostaijen und Nijhoff waren beide Meister der Umgangssprache, aber van Ostaijen legte nach den Erfahrungen des Krieges die traditionelle Verstechnik ab (siehe z.B. seine kabarettreife Alpenlieder, oder Singer). In den Niederlanden setzte sich dieser Umschwung erst nach dem zweiten Weltkrieg bei den "Fünfzigern" ("Vijftigers") so richtig durch (z.B. Lodeizen). Nijhoff legte somit noch großen Wert auf die traditionelle geschliffene Verstechnik. Eines seiner bekanntesten Gedichte, ist "Awater", eines der wichtigsten der niederländischen Dichtkunst des 20. Jahrhunderts: Unter einer leicht lesbaren Oberfläche verstecken sich dermaßen viele Bilder und Symbolen, dass ganze Bibliotheken mit Interpretationen dieses Versepos vollgeschrieben wurden.
Der Name "Awater" an sich war Anlass unzähliger Interpretationsversuche, sogar so geistlose, es handele sich nur eine Abkürzung von Zeile 36, die das ganze Gedicht zu beherrschen scheint: "Lees maar, er staat niet wat er staat..." (Lies nur, da steht nicht, was da steht"). ..."wat er staat" - "waterstaat". Waterstaat is der Sammelbegriff für alle Struktur- und Sicherheitsmaßnahmen im Bereich Wasser und Verkehr. Also vielleicht ein Metapher für die Niederlande insgesamt, die bestimmt ein "Waterstaat" sind. Nijhoff selbst, der Mystifikationen mochte, hat selber darauf hingewiesen, dass "A" an sich schon "Wasser" bedeutet, und "Awater" also "Wasserwasser". Niederländischer geht kaum. Bei so viel interpretatorischer Freiheit erlaube ich mir auch einen Versuch."Awater" erinnert unmittelbar an "Avatar", ein Begriff, der in unserer IT-Gesellschaft neu in Mode gekommen ist. Er ist jedoch uralt. Im Hinduismus ist der Avatar (Sanskrit "avatara", der Hinabsteigende) die Inkarnation oder Erscheinung einer Gottheit. Im Gedicht weisen einige Stellen darauf hin:

"Sei hier anwesend, allererster Geist,
der Du am Anfang über den Gewässern streichst."

"Auf einmal Awater; er tritt aus einem Korridor hervor.
Ich sehe, wie blinzelnd er herunterkommt."

Kann Nijhoff den Begriff gekannt haben? Nun, er war ein äußerst belesener Mensch und kannte beispielsweise die anglo-amerikanische Literatur sehr gut. Ungefähr zur gleichen Zeit nahm T.S. Eliot in seinem "Waste Land" ausführlich Bezug auf die Upanischaden. Nijhoff war außerdem befreundet mit dem Dichter Johan Andreas dèr Mouw, pseudonym "Adwaita", der als Kenner des Sanskrit, (und des lateinischen und griechischen) zweifellos mit dem Begriff vertraut war. Zumindest klanglich sind "Adwaita" und "Awater" nicht weit voneinander entfernt. Wenn man das Wortspiel weitertreibt: "Er staat niet, wat er staat": "niet wat er staat": "niet wat er". Das griechische aber auch das Sanskrit-Präfix für "un", "niet" oder "nicht" ist das "a-". "Awater", "Avatar", "A-dwaita" - "Nicht-Zweiheit" eben. Eine schöne Mystifikation. Und so wahr: "Er staat niet wat er staat" - "Da steht nicht, was da steht".
Im Übrigen kommt "Awater" in den Niederlanden und in Deutschland als ganz gewöhnlicher Nachname vor.
Die Abschnitte des "Awater" reimen sich meist nicht auf herkömmliche Weise. Dafür hat Nijhoff das Gedicht in einer durchgehenden Vokalharmonie geschrieben: Der erste Vers auf "-ee-", der zweite und dritte auf -aa-, der vierte auf -oo- usw. In der Übersetzung habe ich versucht, diese Tonalitäten beizubehalten.


Awater

"ich suche einen Mitreisenden"

Sei hier anwesend, allererster Geist,
der Du am Anfang über den Gewässern streichst.
Dein gutes Auge möge über dieser Arbeit weiden,
die wüst und leer ist, der Welt in soweit gleich.
Sie will nicht wie die letzte Ära sein,
vor Trümmerbergen stehend von Schönwetter leiern,
denn Singen, das ist Leidenschaft, die eitert,
was anfangs war, konnten nie Trümmer sein.
Nicht lange liegen bleibt der erste Stein.
Erneuert wird die Stille, die das Wort entzweit.
Das, was geschieht, kann nur erstmalig sein.
Gepriesen! Noah baut die Arche, aber keine zweite
und Jona predigt, doch zu Ninive für keinen.

Ich habe einen Mann gesehen. Der Mann hat keinen Namen.
Gib ihm auf einmal unser aller Namen.
Sohn einer Frau und eines Vaters.
Sobald die Sonne rot ist aufgegangen
geht er vorbei an meinem Fenster in die Stadt
und kehrt erst wieder, blau ist der Abend schon gefallen.
Er schafft in einem Büro, heißt dort Awater.
Schaut auf ihn. Bekleidet ist er mit Kamelhaar,
geheftet durch die Nadel. Sein Leib ist mager,
Heuschrecken und Honig sind ihm Nahrung.
Niemand hat je das, was er ruft, verstanden.
Es ist Wüste, wo er Gebärden macht.
Mönchisches, Soldatisches haftet ihm an,
doch es wird nicht gebetet, nicht geblasen,
wenn man im Büro das Hauptbuch aufmacht.
Wie in einem Tempel sitzt man an einer Tafel,
man schreibt auf Italienisch und Arabisch.
In Ziffern, niederrieselnd grau wie Asche,
steigen die Zahlenreihen in Orakelsprache.
Ruhe kehrt ein, das Thermometer steigt im Saal.
Dünn und salzig weht das ratternde Metall.
Die Schreibmaschine grübelt Irrensprache.
Lies nur, da steht nicht, was da steht. Was steht da?
"Mutter, niemals wirst den Pelz du tragen
wofür du jeden Pfennig hast gespart,
und nie mehr gehe ich an freien Tagen
mit einem Strauß zum Hospital,
sondern bringe Rosen dir zur Friedhofsgasse..."
Das ist es, was da steht; Awaters Züge sind erstarrt
als seine Rührung rührungslos verharrt.
Wie spät ist es? Awaters Müdigkeit macht sich bemerkbar.
Das Telefon schläft auf dem Schreibpult seinen Schlaf.
Teetassen werden emsig eingesammelt.
Die Uhr tickt, tickt, schlägt, bis es schlägt sechs minus halb.
Dann werden ausgedreht die grünen Lampen.

Heute, als ich die Fensterblumen goss
ist mir das Vorhaben gekommen,
Awater abzuholen im Büro.
Ich habe, seit mein Bruder starb, auf Reisen keinen mitgenommen.
Wenn ich einen Gefährten suche, bin ich's gewohnt
zu sehen, ob es passt, das ist doch üblich so.
Heut' Abend folge ich Awaters Spur also,
ich schau mal, wie der Hase läuft, so sagt man wohl,
und morgen dann, geht alles gut, stell' ich mich vor.
So steh' ich vor der hohen Treppe, und ich scheue noch.
Es schlägt halb sechs. Die Zeit wird grenzenlos.
Passanten ziehen durch die Straße in einem dichten Strom.
In jedem Schatten wird nun Licht verstromt,
im Nebel suchen Umrisse die Form.    
O Bruder, du im Himmel, schau hervor.
Beschütze mich, damit kein Licht in meinem Schatten wohnt.
Lasse mich bitte ohne Bild und Ton. 
Auf einmal tritt Awater aus einem Korridor hervor.
Ich sehe, wie blinzelnd er herunter kommt.
Nicht Sterbliche, noch Stadt, noch Abendrot
gibt es für ihn. Er sputet sich von oben,
Stufen aus Sandstein entlang, vorbei an Schlangen Kupferrohr.
Es ist, als ob er einen Saum sieht, einen Horizont,
aus dem ohn' Unterlass ein Wetterleuchten glost,
als hätt' er das, von dem er träumt, im Ohr
und sieht den Ort, wo er's zu finden hofft.
So sputet er an mir vorbei - ich fühle mich durchbohrt.
Er hastet in die Eingangshalle vor.
Er steckt den Schlüssel in das vorbestimmte Schloss.
Vor ihm steht ausgedorrt ein Distelstock,
er nimmt den Stock, er wandelt pfeifend fort.
Er hat bedeckt, doch ich entblöße jetzt den Kopf:
Sei hier, noch einmal, Du, der Du in Höhen wohnst
so unbewohnbar wie Calvario.

Der Asphalt auf den Straßen ist einer Decke gleich.
Ich merke, dass der Widerhall, der mich begleitete
in der gefliesten Eingangshalle, draußen schweigt.
Die Stadt verleiht dem Schritte nun Unhörbarkeit.
Autos schieben, wie Karawanen aufgereiht,
mit leisem Lederknarzen sich an uns vorbei.
Awater hat sich, scheint's, beeilt.
Ja, doch, der Schein trügt nicht, er will auf Reisen.
Vor einem Modeladen hält er ein.
Musternd, was eine Gruppe Puppen 
scheint
mit Plaid und Fernglas für die Reise,
die am gelben Strand des Nils verweilt,
das zeigen Palme sowie Pyramide zweifelsfrei.
Awater, was du dir überlegst, ich glaube, dass ich's weiß.
Beim Bild der Schifffahrtslinie, etwas weiter,
auf dem ein Beduine ein Schiff willkommen heißt,
das weiß am Horizont erscheint,
und beim Palast der Bank, noch etwas weiter,
gibt eine Liste über den Wechselkurs Bescheid.
So zieh'n wir aufgeklärt, am Schein der Schaufenster vorbei.

Er biegt auf einmal in eine Nebengasse ein.
Es klingelt eine Klingel. Da drinnen muss er sein.
Auf einem Schild: Rasieren, Haareschneiden.
Ein kleiner Raum, Schränke an beiden Seiten,
scheint durch den starken Duft von allerlei
Parfums und Wässerchen noch kleiner.
Awater - in der Drängelei
muss ich gestehen, wär' er mir fast enteilt -
sitzt in einem Umhang aus gestärktem Leinen
vor einem porzellanen Becken, blütenweiß.
Der Friseur macht seine Arbeit, ich setze mich derweil
als einer der bald dran ist auf einen Stuhl zur Seite.
Awater sah ich nie von so dicht bei,
wie jetzt im Spiegel; nie schien er mir dabei
so weit entfernt zu gleicher Zeit.
Zwischen den Flaschen, glitzernd wie Splittereis,
seh' ich, dass er im Spiegel einem Eisberg gleicht,
an dem entlang die glatte Schere seinen Schnabel streicht.
Doch es wird Frühling, und während breit
ein Nebel wie ein Regenguss an der Frisur vorüber treibt,
pflügt durch durchwühltes Haar der Kamm den Scheitel.
Awater nimmt dann Abschied und zieht weiter
und ich verlasse das Geschäft als zweiter.

Der Zufall nimmt zum Ziel oft eine Kürzung.
Zufall, dass Awater an der Stelle landen musste
im gleichen Kaffeehaus, das ich mit meinem Bruder oft besuchte?
Kein Zufall, dieser Tisch war meistens frei für uns.
Ich setze mich woanders hin. Platz gibt's genug.
Der Kellner kennt mich. Zweimal schon hat er den Tisch geputzt,
was kann er sonst noch für mich tun?
Er zögert noch, in seiner Hand das weiße Tuch
und schweigt jetzt lange, neben meinem Stuhl.
"Die Zeiten sind vorbei" sagt er. Es ist ein Spruch nur,
aber ich verstehe, er denkt an meinen Bruder,
den Hund bei Fuß, und wie er mit dem Hut
keck auf dem Hinterkopf in das Lokal hineinfuhr
und wie der Wind es füllte mit einem kleinen Aufruhr.
Der gleiche Sand wie damals liegt noch auf der Flur,
Die gleiche Taube gurrt im Käfig den immer gleichen Ruf.
Hui, ruft der Wind, fort, fort! Jetzt ist es gut.
Und wer ist das? frag' ich, weil ich was sagen muss.
Er hat sofort das Richtige vermutet:
"Ein Kunde, der zum ersten Mal dieses Lokal besucht"
Dann zieht er hinter sich das Tresengitter zu.
An der Spüle wird das Spültuch jetzt benutzt. 
Was ist es, das Awater jetzt in seiner Tasche sucht?
In Maroquin gebunden, ein kleines, grünes Buch.
Ein Schachspiel für die Tasche, so könnte man vermuten.
Die Hand, die trommelt auf den Tisch, schöpft Mut
für die Vision, die hinter seiner Stirn sich auftut:
Schneeflocken schwirren zwischen Tropfen Blut.
Das Spiel wird neu gefügt zur nie gewesenen Struktur.
Das Glas steht unberührt im Zigarettendunst,
der gerade aufsteigt: ein Rosenstock malt an der Decke Blumen.
Er sitzt allein, ein Mensch, der in sich ruht.
Er hat, was ein Planet hat, oder eine Blume,
den innerlichen Trieb, der wurzelt tief im Grund.
Er leert das Glas und schließt das Buch.
Still vor sich schauend wird er von Traurigkeit besucht.
Er schaut in meine Richtung, so dass ich fast vermute,
dass er nach mir ruft, als er den Kellner ruft.
Doch nein, er rechnet ab, auch ich bitt' um die Rechnung
und bald ziehen wir weiter zusammen durch's Gewusel.

Das Licht blitzt unaufhörlich den Schriftzug in Kopie
des Etablissements, wo Doppelreihen von Besuchern, wie
PKWs im Stau den Türwarter passieren,
der an der Eingangstüre die Glasmühle bedient.
Wir treten ein und es erklingt Musik.
Awater ist, so scheint's, kein unbekannter hier.
Wo er sich hin bewegt, drehen die Köpfe sich.
"Wie?" so sagt einer "kennen Sie Awater nicht?
"Ich meine, dass er so etwas wie Accountant ist.
Ich kenne ihn, aber intim nicht wirklich.
Welche sagen, abends liest er Griechisch,
andere behaupten, es sei Irisch..." -
bis plötzlich Ungewöhnliches geschieht:
Auf dem Podest erhebt ein Herr sich,
der Awater seinen Platz anbietet.
"Ich spreche" sagt er "im Namen aller hier.
In unserer Mitte ist ein überragender Artist."
Awater, zeigend auf das Tischgeschirr,
deutet an, dass er zu speisen vorzieht
und dass ihm lieber wär', wenn man ihn ließe.
Nicht oft passiert's, dass man am Billard eine Serie unterbricht.
Es tritt totenstille ein. Oben verdrängt man sich
an der Brüstung der Etage, voller Neugier.
Langsam drehen sich die Ventilatorschwingen.
Dann erhebt Awater sich und singt sein Lied:
"Stets hat sie mich getröstet, stets hat sie, als ich schlief
mit ihrer Ankunft sich gesorgt um mich
die Angebetete; doch heute kommt sie und zerbricht
den letzten Halt, der im Verlust mir blieb.
Ich seh' sie vor mir, wie sie danieder kniet,
in tiefem Kummer, angstvermischt;
ich hör', wie sie von Glauben spricht,
doch Freude oder Hoffnung bringt es nicht:
"Erinnere dich an diesen letzten Abend, als ich dich verließ,
ersparen wollt' ich dir die Tränen im Gesicht,
als ohne Abschied ich die Welt verstieß.
Ich konnte nicht, ich wollte nicht dir melden den Bericht,
dass du begreifen musst, wie unser Urteil hieß:
Zu sehen hier auf Erden mich je wieder - hoffe nicht."
Awater schweigt. Er 
ist erstarrt zur Säule aus Granit.
Man applaudiert, wirft bunte Serpentinen.
Awater, steif wie eine Puppe, die
holpernd über die eigene Mechanik,
wankt nun dem Ausgang zu, 
und sieht die Menge nicht.
Von seinem Rücken flattert noch Papier,
ein schmaler Streifen. Ich folge ihm von hier.

Ich versuche - still ist es in dieser Gasse -
jeden von Awaters Schritten zu erfassen.
Er merkt es, wenn ich einen nur verpasse.
Meine Bedenken lassen nicht mehr nach:
die Post war da, ich hab' der Putzfrau, dass
ich auf Reisen gehe, überhaupt noch nicht gesagt,
das Fenster angelehnt, das Feuer im Kamin ist an,
ich habe nichts dabei, und überhaupt - was soll das,
auf Reisen gehen. - An einer Schnur taumelt der Drache
und die Bedenken steigen, aber bei jedem Umschlag
hellt die Besorgnis auf: Egal! Es ist mir doch egal!
Ich führe das Gespräch mit mir als Diskutant,
den Kopf geduckt, den Kragen aufgeschlagen.
Die Straße weitet sich. Es tropft aus den Platanen.
Vor uns, gerade aus, verläuft die Eisenbahn.
Wird hier, um Mitternacht, ein Meeting abgehalten?
Der Platz ist proppenvoll. Von flackernden Fackeln
angeleuchtet, auf dem Podest aus Latten
steht eine junge Frau, sie trägt die Tracht
der Heilsarmee. Touristen, rucksackbepackt,
Kinder, Frauen, Arbeiter im Blaumann
gehören der Besuchermenge an.
"Wir leben" sagt sie "unser ganzes Leben falsch."
Awater, 
seine Schritte innehaltend,
dreht sich zu mir um, als hätte er mich immer schon gekannt.
Woher? In der Theaterpause? In der Straßenbahn?
Im Blick, womit er mich betrachtet liegt die Frage,
während er - weil's kräftig weht - den Hutrand
festhält. 
Der Wind, der spielt mit ihrem Haar
legt eine goldne Schleife auf den Ärmel der Soldatin.
"Der Liebe" sagt sie, "traut man sich nie vergebens an."
Awater bleibt, ich gehe fort, ich haste,
als eilte ich zu einem Zug, als ob ich den verpasste.

Schaufelweise wirft der Heizer Kohle in den heißen Schlund,
der Maschinist hält Ausschau durch das Augenrund
und vor der Überdachung, über den Gleisfiguren,
fangen die Signale an mit dem Präludium.
Die Uhr springt von Minute zu Minute.
Wieder ruft die Lokomotive, ununterbrochen ruft sie,
rufend, dass der Plan keine Verspätung duldet.
Die Seufzersäule wird zum Wolkendutt.
Doch glaube ja nicht, dass der Orient Express sich darum
schert, wie es dir geht; er teilt nicht deinen Jubel
wenn du die Namenschilder siehst einer Kultur,
die dich mit Klang von Abenteuern ruft.
Sein Fahrplan kennt nicht die Berufung.
Verschiebst du, oder hegst du eine Hoffnung -
egal. Noch einmal: Ihm ist es egal. Auch für den Selbstbetrug
eines Gefährten ist er immun.
Dass du, alleingelassen, in seinem Luxus
beengt dich fühlst, und an der Fensterscheibe kurbelst
und zurückschaust auf den Bahnsteig; oder dass du
das größte Glück erfährst, das für das Individuum
bereit liegt: Zu wissen, dass gelenkt ich wurde,
umsonst war's nicht, ich war wohl nicht der Dumme, -
Es sei drum! - Ihm ist es egal. Er glänzt Azur,
klirrende Kettenglieder formen seine Rüstung.
Die Lokomotive singt, sie hebt das Knie, gibt nach dem Druck.
Der Zug fährt ab zur festgelegten Stunde.

Martinus Nijhoff

1934


Übersetzung Jaap Hoepelman
Januar/August 2018


Awater NL

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Bernardo Ashetu. Ein Außenseiter aus Suriname wird allmählich entdeckt.

Über Bernardo Ashetu hatte ich schon in einem älteren Post berichtet. Als ich den alten Beitrag wieder besuchte, wurde mir noch einmal  bewusst, wie raffiniert und poetisch, wenn auch manchmal schwer verständlich seine Gedichte sind. Poetisch? Ja. Aber frag' lieber nicht genauer nach: Es gibt Poesie, die ist poetisch und es gibt Poesie, die ist es nicht. Ich entschied mich, noch einmal zu versuchen einige seiner Gedichte zu übersetzen und hier in den Blog zu stellen, mit darunter die Wiederholung des damaligen Posts.



Dass ich sang

Dass ich einmal
so klein wurde

dass ich in meinem Wesen
sang und glomm.

Als wär' ich Teil
von einem Gong.

So war es im
hinsterbenden Klang,
dass ich sang.


===
Saloneis

Ich bin Herr Saloneis
Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle?
Nun denn, ich bin Herr Saloneis,
Kinder fressen an meinem Herzen
Es macht mich so müde und ich
werde ausgelutscht. Großer Gott, ich werde ausgelutscht.

===

Warte lange

Zieh dich an
und warte bei der Brücke
Warte lange.
Warte bis der erste Stern aufsteigt.
Dieses Haus wird leer sein.
Rufe meinen Namen
und achte auf das Wasser.
Achte auf eine kleine
Regung im Schlamm entlang der
Gracht und warte bis das Licht
aller Sterne den Himmel hat schön
und berauschend gemacht.
Warte auf mich bei der Brücke.
Warte lange.


==
Tot

Wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
wir bleiben nicht ewig jung,
ich fiel um
um 
und um
in Blättern erschreckend rot
Und wie ich dir sagte
von diesem Segelboot
sind die Matrosen bleich
sie sind bleich
sie sind tot.


==
Unkraut

Verhöhne mich nicht
heute
wo nichts stimmt
mit meiner Malkreide.
Die Töne sind
zu schwach der
schönen Klarinette.
Verhöhne mich nicht
heute
wo ich mit dem 
Spaten wühle im
Garten voller bitteren Unkrauts.


==
Schlangenholz

Was zwischen uns gewesen ist,
es ist nicht mehr, als ich 
erzählen kann. Es ist schlecht und es ist
nie gut gewesen, ein schlechtes Stück 
Schlangenholz, das schlecht passt zu
innigen Blumen. Doch bist du auch sanft
gewesen, sanft für mich wie ein früher
Morgen, in dem ich faul, mich streckend und
warm aufwache unter kühlen tropischen
 Pflanzen. Und du bist blutwarm gewesen,
obwohl du auch schlecht gewesen bist mit
einer stillen, spitzigen Genugtuung.


===
Letztes Wort

Dass ich dich liebe
steht außer Zweifel,
dass ich dich liebe
ist mein letztes Wort.
Ach, die weißen Flammen
und der nackte Brahma,
der wüste Tempel und 
der schlaffe Akkord,
kein nackter Buddha spielte
je Klavier, aber siehe die
Möwen draußen und höre mein
letztes Wort.


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Nachrichten

Die neuesten Nachrichten:
Ein Kind
ist von einer Stange gefallen
krank danieder liegend
hat es Winter und Sommer
Sommer und Winter
zugehört das schrille Raunen
von Hexen und Faunen
von Faunen und Hexen.
Dann ist es
nach den allerneuesten Nachrichten
auf eine Stange geklettert
auf eine lange Stange geklettert
und hat es
eine Geschichte fantasiert,
die rot mit gelb und blau
aufsteigend tollt
tollend aufsteigt zur hohen Sonne.


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Traurig

Traurig kann man sagen, spricht das Kind
Traurig kann man sagen, färbt der Stein gegen einen lila
Hintergrund.
Man kann sagen, dass der Hundekopf auf dem Bild so traurig
schaut.
Traurig klingt der Gesang, den wir hören Tag und Nacht.
Traurig ist das Land auf das ein reines Sonnenlicht fällt.
Und traurig, tief-traurig, kann man sagen, setzt die Dunkelheit
ein.


Übersetzungen Jaap Hoepelman Oktober 2025




Bernardo Ashetu
1929-1982


Bernardo Ashetu (Pseud. von Henk van Ommeren), geboren 1929 in Paramaribo (Suriname), war Sohn des Arztes und späteren Vorsitzenden des surinamischen Parlaments Hendrik van Ommeren und Juliette Nassy. Damit Vater Hendrik das Medizinstudium abschließen konnte, zog die Familie in die Niederlande, aber Mutter Juliette und Sohn Henk mussten vor den Nazis nach Paramaribo fliehen, während Vater Hendrik in den Niederlanden zurückblieb. Gegen den Willen seines Vaters, der Größeres mit ihm vorhatte, wurde Ashetu Schiffsfunker. Nach dem Krieg fand der abgemusterte Funker eine Stelle bei Radio Holland, IJmuiden. Vater van Ommeren, ein sehr dominanter Mann, verachtete gleichermaßen den Funker und den Dichter Ashetu. Es wird vermutet, dass diese Verachtung Ashetu dazu brachte, nach dem ersten Dichtband "Yanacuna" (1959) keine Zeile mehr zu veröffentlichen. Er blieb also beinahe völlig unbekannt.  "Yanacuna" erhielt sogar eine Einleitung von Cola Debrot, dem bekannten Schriftsteller und späteren Gouverneur der niederländischen Antillen, aber vergebens. In Ashetus Nachlass wurden nicht weniger als 29 unveröffentlichte Bände gefunden.
Die Verachtung seines Vaters und die Probleme einer buntgemischten Gesellschaft hatten wohl eine ungünstige Wirkung auf Ashetus labile Psyche und er musste sich in psychiatrische Behandlung begeben. Nach einem zurückgezogenen Leben starb er 1982 an Darmkrebs.
Erst in letzter Zeit wird Ashetus Gedichten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. 2007 erschien eine Auswahl aus den Arbeiten "Dat ik zong" ("Dass ich sang"), ausgewählt von Gerrit Komrij und 2011 eine ausführliche Anthologie durch Michiel van Kempen, Professor für niederländisch-karibische Literatur an der Uni Amsterdam, "Dat ik je liefheb" ("Dass ich dich liebe"). Van Kempens Nachwort "'Ik ben een neger" poezie als graf voor Surinaamse demonen"' habe ich im Übrigen viel Material für diesen Post entnommen.

Liebhaber der niederländischen Poesie denken unweigerlich an Slauerhoff, den anderen Seemann und Schiffsarzt (das wäre eher nach dem Geschmack von Vater van Ommeren gewesen), der auch auf die Südamerikaroute fuhr. Slauerhoffs Gedicht "O Enjeitado" endet mit den Zeilen

Auch mich hat der Wahn überkommen;
Auch ich hab' entdeckt und genommen,
Der ich später alles verlor,
Um an des trägen Stromes Saum
Am Grab des grandiosen Traums
Zu sterben: “tudo é dor”.

Auch Ashetu besuchte Portugal. "Tudo é dor" und am Ufer des Tejo zu sterben waren Motive, die ihn ansprachen und von ihm benutzt wurden. "Enjeitado" bedeutet "Findelkind", und vielleicht fühlte der von seinem Vater verachtete Ashetu sich so. Auch der Titel des ersten Dichtbandes, ("Yanacuna", in Sranantongo, d.h. im Surinamischen: Yana - weit weg, Spanisch: Cuna - Wiege, in van Kempens Interpretation) könnte in diese Richtung weisen.
Es gibt andere Außenseiter, an die Ashetus Kunst mich erinnert, z.B. Lodeizen und Achterberg, beide Meister darin, mit Alltagswörtern rätselhafte Spannung hervorzurufen, oder van Schagen und Noordstar, die in ihren Gedichten auf "Poesie" verzichteten und dementsprechend erst viel später Anerkennung fanden. Buddinghs Glosse:

Wie das Blatt sich wenden kann

um 1936
lasen wir alle
begeistert und voller Ehrfurcht
Marsman und Slauerhoff
jetzt, dreißig Jahre später,
dreißig Jahre weiser,
halte ich es lieber mit
Noordstar und van Schagen.

(C. Buddingh', Gedichten 1938-1970)

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2019

könnte man getrost um "Bernardo Ashetu" erweitern.
Ashetus Poesie ist  kryptisch, aber vielleicht sind die schönsten Gedichte nicht unbedingt die, die man versteht, sondern die, die man verstehen möchte.

Wehmut

Es war in diesem Winter, dass
der Neger mit dem langen roten
Mund mir seine Bananen anbot.
den bitterkalten schneebedeckten Weg, auf dem
er sich endlos weiterschleppte, hatte
er vollgestreut mit Millionen
Ananaswürfeln, und als ich
ihn bezahlte mit einer strahlenden
Scheibe Tropensonne, lachte er sanft
und sehr wehmütig.


Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2024

Marcel

Er schlich sich auf Spitzen von
hellen Schleichern vom Dach

Seine Sitten waren erquicklich leicht.

Er stürzte auf rote Steine
bei klarem Winterwetter
und niemand verstand den fremden
Pfau bei seiner kostbaren Bestattung.

Nur Gott.
Und dies war der süße Marcel.

Marcel

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020


Bring Blumen

So sprach der Wind,
so das Wasser und
so dunkel waren die
Wolken nie gewesen.
Ein weißer Vogel flog scheu,
flog aufgeschreckt, flog trunken zur Küste
während der Jüngling
auf dem ächzenden Schiff hastig
schrieb:
bring Blumen, schrieb er,
bring Blumen auf das Grab
von dem, der nicht mehr ist.

Breng bloemen

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2020 

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...