Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Ashetu, Bernardo
Bloem, Jacques
de Haan, Jakob Israel
Jan Hanlo
Kopland, Rutger
Kouwenaar, Gerrit
Revius
de Ridder
Roland Holst, Adriaan
Roland Holst, Henriette
van Schagen, J. C.
Scheepmaker, Nico
Vroman, Leo
Gedichte in niederländischer Sprache sind im deutschen Sprachgebiet ziemlich unbekannt. Vielleicht vermittelt dieses Blog etwas vom Flair der Poesie im niederländischen Sprachgebiet. "<" und ">" bzw. "Ältere Posts", "Neuere Posts" führen zu vorhergehenden bzw. folgenden Beiträgen.
November 1888 vollendete Herman Gorter den ersten Gesang seines epischen Gedichtes "Mai". Die 3 Gesänge umfassen 4381 Zeilen, in der Gorter eine Liebe in Metaphern und Rhythmen besingt, die einen Höhepunkt und Endpunkt der Poesie der Achtziger darstellen. Der "Mai" war neu in Mystik, Naturlyrik, Erotik auch - aber er bestand nun mal aus 4381 Zeilen. Es überrascht also nicht ganz, dass eigentlich nur die ersten 20 Zeilen, die ich hier übersetzt habe, berühmt geworden sind. Sie gehören dafür zum Kanon der niederländischen Poesie, sogar in diesen poesielosen Zeiten.
1890 erschien das Gedichtband "Verzen", das dem "Sensitivismus" zugerechnet wird, in dem, radikaler noch als im "Mai", traditionelle Vorgaben in Grammatik und Semantik der herkömmlichen Verslehre aufgegeben werden, um den Eindruck des Gefühlten unvermittelt hervorzubringen.
Gorter war mehr als nur ein impressionistischer Dichter. Er war Altphilologe und Gymnasiallehrer, Übersetzer der Ethica von Spinoza. Später war er aktiv in der sozialistischen und danach in der kommunistischen Bewegung zum Teil zusammen mit Henriette Roland Holst.
1918 übersiedelte er nach Deutschland, wo er die radikaleren Positionen der KPD, anschließend der KAPD vertrat. Er war Mitglied des west-europäischen Sekretariats der Komintern, aber wurde 1920 aus der Führung hinausgeworfen: Seine kompromisslose Kritik an Lenins Broschüre "Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit des Kommunismus" wurde ihm nicht in Dank abgenommen, genau so wenig, wie sein Streitgespräch mit Lenin. Von Trotzki wurde er verspottet. Spätere Entwicklungen zeigen, dass Gorter vielleicht nicht ganz unrecht hatte. Nach einigen Aktivitäten in marginalen radikal-sozialistischen Bewegungen, zwangen Herzprobleme ihn dazu, die politische Bühne zu verlassen. Er starb 1927 in der Schweiz, wo er gehofft hatte sich von seinem Herzleiden zu erholen.
Herman Gorter, aus “Mai“, 1888.
I
Ein neuer Frühling und ein neuer Klang:Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020
Mei, I, 1889.
Een nieuwe lente en een nieuw geluid:
Ein Beispiel für Gorters Sensitivismus ist das Liebesgedicht "Zie je ik hou van je" aus "Verzen", 1890,
in dem die Dichterliebe durch hilfloses Gestammel fühlbar gemacht wird. Gekonnte Naivität, freilich. Aber vergleichen wir es mit Jacques Perks Epos "Iris", aus 1881, das seinerzeit als erneuernd galt:
Damit verglichen stellt Gorters tastende Einfalt tatsächlich etwas völlig Neuartiges dar:
Siehst du
Siehst du ich liebe dich,Übersetzung Jaap Hoepelman, Dezember 2020
Wie bei Henriette Roland Holst war Gorters Kommunismus hauptsächlich ein dichterischer Traum, der mit der hemdsärmeligen Bereitschaft zur gnadenlosen Tyrannei nicht viel zu tun hatte. Dass er nicht bereit war, auf elitäre bzw. großbürgerliche Schrullen zu verzichten, wie das Tennisspiel und das Tragen von eleganten Strohhüten, ist in meinen Augen sympathisch, aber trug gewiss nicht zu seiner Beliebtheit in der revolutionären Bewegung bei.Ida Gerhardt war Dichterin einer Generation, die sozusagen zwischen die Zeiten gefallen war. Nach dem 2. Weltkrieg wurden formfeste Ästhetik, Versmaß, Reimschemen - kurzum, das ganze Instrumentarium der klassischen Poetik im experimentellen Furor der "Fünfziger" als altbacken empfunden. Es hat lange gedauert, bis "Traditionalisten" wie Vasalis, über die ich in einigen Posts berichtet habe, oder eben Ida Gerhardt, wieder Anerkennung fanden. Gerhardt hat unter fehlender Anerkennung gelitten: Ihre psychisch instabile Mutter hatte sie gehasst und abgelehnt als kläglichen Ersatz für ein früh gestorbenes Brüderchen. Sie musste sich den Zugang zum altsprachlichen Gymnasium gegen den Wunsch der Familie erkämpfen, verlor als Studentin die finanzielle Unterstützung und erkrankte aus Armut schwer in ihrer ersten Zeit als Studentin. Aber sie war Schülerin des berühmten Dichters Leopold, der Altsprachen-Lehrer an ihrem Gymnasium war, in dessen Nachfolge sie klassische Philologie studierte und der sie zur eigenen dichterischen Laufbahn inspirierte. Sie promovierte "cum laude" mit einer kommentierten Übersetzung der "De Rerum Natura" des Dichters Lukrez. Einen Namen machte sie sich auch mit einer Übersetzung der "Georgica" des römischen Dichters Vergil und mit der Übersetzung der Psalmen (zusammen mit ihrer Lebensgefährtin), für die sie Hebräisch studierte. Somit überrascht es nicht, dass ihre strenge Poesie sich nach den klassischen Vorbildern richtete und in den turbulenten Zeiten nach dem Krieg nur mühsam Anerkennung fand. Aber diese kam endlich doch: Gerhard bekam die höchsten literarischen Preise der Niederlande und wurde Ritter und Offizier im Orden von Oranje-Nassau. Literaturpreise wurden nach ihr benannt. Das Trauma der Ablehnung in der frühen Jugend konnte sie aber nie überwinden. Es ist das Thema des Gedichtbandes "Het Levend Monogram" ("Das lebendige Monogramm"), dessen erster Teil die Überschrift "In Memoriam Matris" trägt. "Tristis Imago", das "Jämmerliche Bild" tritt auf in Vergils Aeneis. In ihm sucht Aeneas seinen Vater in der Unterwelt, angespornt durch dessen "Tristis Imago", das ihn nicht ruhen lässt. Das Gedicht "Tristis Imago" ist Teil des "Lebendigen Monogramms", aber das Bild der Aeneis ist in "Tristis Imago" umgedreht: Nicht die Dichterin sucht ihre Mutter, im Gegenteil, sie will eine Begegnung mit aller Macht vermeiden. Es ist die Mutter, die sich mit Gewalt aufdrängt und die keine Ruhe geben will.
Tristis Imago
Was stehst Du neben meinem Bett, Mutter aus dem Jenseits?Ida Gerhardt (1905-1997)
(Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026)
In "Het Levend Monogram" Van Gorcum 1955
Im hohen Alter litt Ida Gerhardt unter der paranoide Wahnvorstellung, von Jugendlichen angegriffen zu werden. Es ist nicht ohne Tragik, dass auch ihr Mentor Leopold mit zunehmendem Alter von Wahnvorstellungen gequält wurde, auch er leidend unter fehlender Anerkennung - für eine Professur wurde er übergangen, der Abiturprüfungsausschuß wurde ihm verwehrt, weil er im Unterricht dem grammatikalischen Handwerk zu wenig Aufmerksamkeit widmete. Last not least war seine Liebesbeziehung ein tragisches Fiasko. In seiner Paranoia, verstärkt durch zunehmende Taubheit, umgeben von "Feinden", beendete er immer mehr Freundschaften, plötzlich und ohne Erklärung. Auch die mit Ida Gerhardt, die schockiert war, aber ihn weiterhin verehrte.
Ein Bruder Leichtfuß war er wahrlich nicht. Als ich an der Übersetzung des "Tristis Imago" arbeitete, musste ich an meinen alten Post über eines seiner Gedichte denken:
"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.
Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen beruhigt
ein Warten auf dich, ein Warten sein"
Hier wieder einige Vierzeiler aus Leopolds Khayyam-Übersetzung. Es ist Poesiekonzentrat, also in kleineren Dosen zu sich nehmen: O...