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Dienstag, 30. April 2024

Focquenbroch. Ein böser Bub aus dem 17. Jahrhundert, oder Fumus Gloria Mundi

    

Willem Godschalck van Fockenbroch 

1640-1670


Dichter sind Außenseiter. In diesem Blog haben wir sie kennengelernt: Piet Paaltjens, de Schoolmeester, van Schagen, AshetuAchterberg, Slauerhoff, Komrij,...die Liste kann mühelos fortgesetzt werden. Über Willem Godschalck van Fockenbroch ist wenig bekannt, aber er trieb das Außenseitertum sehr weit. Sein mageres Gehalt als Armenarzt reichte nicht zum Leben, dazu litt er heftig unter Liebeskummer (darin, allerdings, war er keine Ausnahme). Um seinen Schwermut zu vertreiben rauchte er Pfeife. Er war richtig süchtig. Ob er, als Amsterdamer, die Pfeife nur mit Tabak stopfte ist mir leider nicht bekannt. Sein Lebensmotto passt zur seiner Sucht und zu seiner Stimmung: "Fumus Gloria Mundi" - "Der Welten Glanz ist nichts als Rauch". Zu seiner Melancholie passte das Genre der Burleske, das sich gerne über Feierliches lustig macht, wie Focquenbroch sich über seine vergeblich Angebeteten und über sich selbst traurig-lustig machte. So verknüpfte er gerne das petrarkische Sonett, in dem klassisch-erhaben unerreichbare Schönheit bejammert wird mit unverschnitten Erotischem, Unanständigem und Fäkalischem, was ihm bis in unsere Zeit übel genommen wurde:

"Seine Arbeiten sind so schmierig und platt, wie sie in unserer Literatur selten Vergleichbares finden...er suhlt sich in Wolllust und Schmutz wie ein Schwein im Schlamm", entrüstete sich der Literaturhistoriker Kalff noch Anfang des 20. Jahrhunderts.

Focquenbroch hatte also einiges mit dem Spott der Dichter der Romantik gemein und er wird heute, wo der Anstand andere Formen angenommen hat, zunehmend geschätzt.

Durch Geldmangel und Liebeskummer getrieben, musterte Focquenbroch 1668 an bei der West-Indischen Compagnie (WIC) als "Fiscaal", eine Art Zollbeamter. 

              Das Lager der WIC. Amsterdam, 1655

                                                                            Hauptniederlassung des WIC in Amsterdam
                                              (1623-1647) 

Die WIC hatte das Alleinrecht für die Niederlande auf  die Ausfuhren aus der Elfenbein-, der Gold- , und der Sklavenküste. Die Handelsware entsprach im Wesentlichen den Namen der Küsten. 


Elfenbein-,Gold- und Sklavenküste um 1650

Der "Fiscaal" hatte als eine seiner Aufgaben die Bekämpfung der Schmuggler, gegen Teilhabe an der beschlagnahmten Schmuggelware. Focquenbrochs Standort war Elmina an der West-Afrikanischen Küste, der wichtigste niederländische Stützpunkt dort, aber auch andere Mächte hatten sich in West-Afrika festgekrallt, darunter Frankreich, England, Dänemark, Schweden und Brandenburg. 

Elmina wurde als Hölle auf Erden beschrieben, zweifellos für die dort eingelieferten Sklaven, aber auch die Überlebensdauer der Holländer wird mit 60 Wochen angegeben. 

Aus Elmina schickte Focquenbroch seine Gedichte dem Freund Ulaeus zu, der sie unter dem Titel " Thalia of Geurige Sang-Goddin" (1668, 1669) und posthum als "Afrikaense Thalia" veröffentlichte.

Der Titel ist ein gutes Beispiel für Focks (so nannte er sich oft) burlesken Humor: Thalia ist die Muse der komischen Dichtung, aber "geurig" bedeutete im 17. Jahrhundert nicht nur "wohlriechend" und "verspielt", sondern auch "anrüchig".

Focquenbroch starb 1670 mit 30 Jahren, vermutlich an Gelbfieber.

                        Fort Elmina, 17. Jahrhundert.

Focquenbrochs Motto passt in gewissem Sinne auch zur WIC. 1792 ging die Kompanie pleite und wurde aufgelöst. 1821 wurden die meisten Archivalien einem Altpapierhändler verkauft (vielleicht aus Scham?) während die übriggebliebenen während eines Feuers im Marinedepartement in Rauch aufgingen (1844). Somit blieb von Fock außer einer Reihe von Gedichten und einiger Komödien fast nichts übrig. Eine ausgeklopfte Pfeife und etwas Rauch.


Sonett


Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir

gefallen, ich, der ich als Mensch geboren

und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,

der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.


Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest

das weibliche Geschlecht zur Liebe ist bereit.

Herr Jupiter begriff es, als vor langer Zeit

er öfters göttlich aufs Gesicht gefallen ist,


weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,

für Leda hat den Schwan herausgekehrt

und Frau Europa hat entführt als Stier.


Es kann also noch Mensch noch Gott gewinnen:

Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,

muss mehr nicht sein, als nur ein Tier.


(Klinkdicht)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021


Das obige Sonett kam noch ziemlich gesittet daher, aber Fock konnte auch anders, z.B. um sich an einem Nebenbuhler zu rächen,  zur ewigen Entrüstung der Sittenmeister:


Grabschrift


Hier liegt ein feiner Pinkel, der wohl daran

verstarb, dass er mit seinem Ballermann

aus Tollerei, aus Zeitvertreib,

gespielt hat auf dem Nachbarinnenleib.

Wo er jetzt ist? Ich kann nur raten,

ich glaube nach wie vor jedoch:

Todsicher wird er in den Himmel nicht geraten,

wenn er den Eingang sucht durch dieses Loch.


(Graf-Schrift)

Aus: Tweede Deel Van Thalia, of Geurige Zang-Goddin (1668)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021


"er suhlt sich in Wolllust und Schmutz, wie ein Schwein im Schlamm" meinte der gute Kalff und trotz neuerlicher Wertschätzung bleibt Focquenbrochs Ruf ziemlich ruiniert. Weitere Beispiele seiner Schweinereien können uns also nicht genieren:


Auf die schwarzen Zähne des

 Fräulein N.N.


Dein Mund, Gesims aus angerauchten Zähnen,

Zeigt deutlich dem, der was davon versteht:

Man braucht das heiße Feuer deines Ofens nicht erwähnen,

von dem der schwarze Rauch bis hoch ans Kauwerk geht.


(uit "Alle de Werken van Willem Godschalck van Focquenbroch")

Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2021



Auf Gret


Gret sagt, sie lässt zu sich nur ihre Freunde rein;

Ja, wo im Lande, sag' ich, mögen ihre Feinde sein?


Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2021


Um das Bild Focquenbrochs abzurunden, hier noch ein ernsthaftes Gedicht. Obwohl, bei der Arbeit kommen mir dann doch Zweifel, ob sich nicht auch hier die Burleske das böse Köpfchen erhebt. 


Eranemite (aus der Afrikaense Thalia)

Übersetzung Jaap Hoepelman 2021



Hendrick Goltzius, 
Das Gesicht 1576


Donnerstag, 4. Januar 2024

Du Perron: Vorm of Vent - Muse oder Macker.

 

Charles Edgard (Eddy) du Perron 
1899-1940

Wie Couperus (1863-1923) war Charles Edgar du Perron ein Kind der niederländischen
 Kolonialgesellschaft,    
                                                                           

wie Couperus erwies du Perron sich als ungeeignet für die traditionelle Schulbildung, wie Couperus schaffte er es trotzdem, die Ausbildung mit einem Diplom als Niederländischlehrer abzuschließen  und wie Couperus entwickelte du Perron sich zu einem Autor mit weit über die Niederlande hinausgehenden literarischen Kontakten und Interessen. Die französische Großgrundbesitzer-Familie du Perron war in Indien vermögend geworden und der junge Charles Edgar konnte sich seine mäßigen schulischen Ergebnisse recht unbekümmert leisten.  1921 verkaufte die Familie ihre umfangreichen Besitztümer in einem Ort mit dem kuriosen Namen "Meester Cornelis", um 1926 nach wallonisch Belgien umzusiedeln, wo sie das Schloss Gistoux erworben hatte.

Schloss Gistoux

Der junge mehrsprachige (darunter auch  Malaiisch) du Perron hatte schon in "Meester Cornelis" mit journalistischen und literarischen Aktivitäten angefangen  und, eingeengt auf Gistoux, fühlte er sich bald von den Niederlanden, aber mehr noch von Brüssel und Paris angezogen, wo er sich eifrig in das literarische und künstlerische Leben stürzte. Er hatte intensive Kontakte zu André Malraux, der ihm sein magnum Opus "La Condition Humaine" widmete. Zu einem anderen Aspekt seiner Persönlichkeit gehörten seine Beziehungen zu den etwas aus dem üblichen literarischen Rahmen fallenden Schriftstellern Pascal Pia und René Bonnel. Während einer der Pariser Soirées, an der eine glänzende Auswahl an Künstlern und Intellektuellen teilnahm, hat unser heißblütiger, hoffnungsvoller Dichter Clairette Petrucci kennengelernt, die Adressatin des hier übersetzten Abschiedsgedicht "P.P.C." ("Pour Prendre Congé", "Zum Abschied").  

Clairette Petrucci

Abgesehen von den persönlichen Affären war du Perron ein konzentrierter, ja besessener Arbeiter und Leser. Erste Arbeiten konnte er auf eigene Kosten herausgeben und er konnte seinen Wirkungskreis bald durch einschneidende Kritiken und Essays erweitern.  Sein Einfluss in Belgien und den Niederlanden war beträchtlich. Zu den niederländischen und belgischen Literaten seines Kreises gehörten u.a. van Ostaijen, Elsschot, Slauerhoff und Roland Holst. 1932 gründete er zusammen mit dem niederländischen Kritiker und Essayisten Menno ter Braak und dem flämischen Romanautor und Dichter Maurice Roelants die Zeitschrift "Forum", mit dem Ziel, die flämischen und niederländischen Beiträge gemeinsam herauszugeben. Das Vorhaben erwies sich als nicht lebensfähig und "Forum" wurde in flämische und niederländische Bereiche aufgespalten, der niederländische Bereich unter der Leitung des Romanautors und Dichters Simon Vestdijk. Die Zeitschrift überlebte nur bis 1935, hatte aber einen großen Einfluss, dessen Spuren durch scharfe Polemik, Essayistik und den Stil der "neuen Sachlichkeit" bis heute nachspürbar sind.  Das hier übersetzte "P.P.C." aus dem entsprechend "Parlando" ("Sprechenderweise") genannten Gedichtband ist hierfür ein gutes Beispiel.
In einer Zeit zunehmender politischer Bedrohung schien die Beschäftigung mit schöngeistiger Literatur, mit Poesie um der schönen Form willen - zum Teil noch herübergeschwappt von den Achtzigern - den Forumsfreunden immer weniger angebracht. Wichtiger erschien die Kunst, die den aufrichtigen persönlichen Standpunkt - nicht unbedingt politisch - sichtbar machte. Diese Diskussion klang noch lange nach in der niederländischen Literatur, unter dem nicht ganz ernst gemeinten Schlagwort "vorm of vent", in etwa "Muse oder Macker".
 Schloss Gistoux entwickelte sich zu einem Treffpunkt niederländischer, belgischer und französischer Literaten, aber als 1936 du Perrons Mutter starb (der Vater hatte sich 1922 umgebracht), stellte sich in der tiefsten wirtschaftlichen Depression heraus, dass Schloss Gistoux unverkäuflich war. Du Perron war ruiniert und versuchte in Niederländisch-Indien wieder Fuß zu fassen. Das Vorhaben missglückte, teils weil sich herausstellte, dass die von ihm verhasste national-sozialistische Haltung sich in der Kolonial-Gesellschaft tiefer verbreitet hatte, als es du Perron ertragen konnte. Zurück in den Niederlanden ließ du Perron sich in der niederländischen Künstlerkolonie Bergen 1939 nieder. Dort starb er - immer schon ein Asthmapatient -  am14. Mai 1940 an Herzversagen, nach der Nachricht des deutschen Überfalls auf die Niederlande, am gleichen Tag wie der Künstlerfreund Menno ter Braak, der sich aus gleichem Grund umbrachte. Nebenbei bemerkt, wurde im Juni 1940 das Schiff, auf dem der Freund beider, der Dichter Hendrik Marsman, von Frankreich nach England zu entkommen versuchte, torpediert. Marsman gehörte nicht zu den Überlebenden. Der Dichter Leo Vroman konnte sich gerade noch mit einem Segelboot nach England retten. Die Zeiten waren nicht die besten...
Als ein Hauptwerk du Perrons gilt "Het land van Herkomst" ("Das Herkunftsland"), ein teilweise autobiografischer, teilweise essayistischer und zeitkritischer Roman, der von einigen zum Besten der niederländischen Literatur zwischen den Weltkriegen gerechnet wird. Dem von ihm und ter Braak bewunderten Schriftsteller Multatuli widmete er 4 Werke.
Zu seinen Arbeiten gehört des weiteren eine Reihe von Erotika, Essays und Polemiken, zudem Gedichtbände, darunter eben "Parlando".
Die abgekanzelte Clairette Petrucci, die Adressatin der perronschen gekränkten Schimpfe in "P.P.C.", war alles andere als beschränkt und engstirnig. Nach allem, was ich gelesen habe, war Clairette eine höhere Tochter, ein begabtes, kunstsinniges, modernes, unabhängiges Mädchen. Ihr Vater war der Kunsthistoriker und Sinologe an der Sorbonne Marquis Raphael Petrucci, ihre Mutter die Flämin Claire Verwee, Tochter eines bekannten Malers und zuhause in einer breit gestreuten Gesellschaft bekannter Künstler, darunter der berühmte Hendrik Willem Mesdag, der Schöpfer des Mesdag Panoramas in den Haag. Auch Clairettes unmittelbarer Bekanntenkreis war exzellent und man kann sagen, dass sie dem kolonialen Provinzbub in vielen Hinsichten voraus war, gerade auch in den neuesten literarischen Entwicklungen, was seinen Eifer zusätzlich angestachelt haben mag.

Panorama Mesdag den Haag.
Detail.

Clairette hatte nun wirklich keinen Grund auf die Avancen des so wohlhabenden wie unreifen Teenagers einzugehen. Du Perrons Wutausbruch war wohl in erster Linie das Ergebnis jugendlicher Sturheit. In der Liebe gekränkte Poeten können sowieso auf eine lange, ehrwürdige Tradition zurückblicken, 
wie z.B. Focquenbroch

Sonett

Wie könnte ich, o schöne Klorimene, dir
gefallen, ich, der ich als Mensch geboren
und du, so scheint's, hast einen dir erkoren,
der jetzt dein Herz hat, einen wie ein Tier.

Ach, jetzt versteh' ich: nur mit einem Biest
das weibliche Geschlecht zur Liebe ist bereit.
Herr Jupiter begriff es, als vor langer Zeit
er öfters göttlich aufs Gesicht gefallen ist,

weswegen endlich er, zum Besseren belehrt,
für Leda hat den Schwan herausgekehrt
und Frau Europa hat entführt als Stier.

Es kann also noch Mensch noch Gott gewinnen:
Wer eine Liebschaft will mit einer Frau beginnen,
muss mehr nicht sein, als nur ein Tier.

(Klinkdicht)

Übersetzung Jaap Hoepelman,
Dez. 2021 

Billet Doux

Ich wollte ein Gedicht auf einem Fächer schreiben,
Sodass du mit den Worten wedeln kannst
Und die Zeilen, möchtest du im Traum verbleiben
Ungerührt zusammenfalten kannst.

Doch mehr noch wollte ich, dass ich sie innen
Drin auf deinem Kleidchen schreiben könnte
So dass zugleich mit Seide oder feinem Linnen
Mit Gedanken ich dich streicheln könnte.

Ich schriebe diesen blöden Wunsch dir nicht
Wäre ein gänzlich irrer mir erfüllt gewesen:
Einmal zu halten in den Armen dich...
Engelsgeduld ist es gewesen.

Billet Doux (aus "verzamelde gedichten", 1947)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Januar 2020

Du Perron reiht sich somit virtuos in ein gerne geübtes literarisches Genre ein:

P.P.C. (Pour Prendre Congé)
Eduard Du Perron (1899-1940)

Lebwohl, Clary. Ich sage nicht mach's gut.
Das klingt so dumm, bei denen gar, die's meinen.
Du hast Dich gut verkauft. Und ruhig Blut
im Übrigen: Denn alle Menschen weinen.

Dein Haus war klein. Dein Herr machte es groß.
Sein Reichtum, hieß es, sei erheblich.
Dein Ruhm wird groß und bald ist man mich los.
Dein Geist blieb klein. Ich mühte mich vergeblich.

Dein Leib ist gut. Du bist ein schönes Weib.
Dem Gatten wirst Du viele schöne Kinder schenken.
Dein Herz ist eng; ich wette, dass Du bei ihm bleibst.
Hochstehend wirst Du stets den guten Ruf bedenken.

Lebwohl Clary: Mich wirst du nicht mehr sehen.
Ich werd' Dich meiden, in den Träumen allemal.
Du warst mein Traum; ich lernte Dich verstehen:
Bleib wie Du bist. Ich hasse Dich total.

Übersetzung Jaap Hoepelman
Dezember 2023

P.P.C.  (Parlando  Verzamelde gedichten. 1941)

Nach einer etwas wilden Periode, die ihm über den Verlust hinweghalf, heiratete du Perron 1932 die Kunstkritikerin, Übersetzerin und Essayistin Elisabeth de Roos, die sich um den Nachlass ihres Mannes kümmerte.

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Dienstag, 17. Januar 2023

Hendrik van Teylingen. Ein perfektes Sonett und Gleichmut.





Hendrik van Teylingen

(Sri Hayesvar Das)

(1938 -1998)


Der Dichter und Übersetzer Hendrik van Teylingen nimmt keinen herausragenden Platz in der niederländischen Literaturlandschaft ein. Er war ein Außenseiter, aber es hat davon in der niederländischen Literatur einige gegeben, wie van Schagen, Noordstar, Ashetu oder auch Focquenbroch, derer Gedichte ich oft höher einschätze, als manchen schnarchenden Beitrag im offiziellen Literaturkanon. Als Sohn eines evangelisch-reformierten Pfarrers, was in den Niederlanden manchmal zu bemerkenwerten Lebensläufen und bemerkenswerter  Literatur geführt hat, kann man sein Leben wohl abwechslungsreich nennen

Als Kriegsdiensverweigerer verbrachte er eine Zeit im militärischen Straflager "Nieuwersluis" (das gab's damals noch in den Niederlanden, ein Ort dessen Namen einen gewissen bedrohlichen Klang hatte). Das Erlebte verarbeitete er im Roman  "Depot voor Discipline" 

.

 Er war zusammen mit verschiedenen Ehefrauen und Kindern. Die Liebe zu der bekannten surinamischen Schrifstellerin Bea Vianen führte ihn nach Paramaribo. Die Berichte aus Suriname in dieser Zeit bündelte er in "Bedek je schande; Suriname van binnenuit" ("Verhülle deine Schande; Innenaufnahmen aus Suriname").

1975 wurde er Mitglied der Hara-Krishna Bewegung, die er 1981 verlassen musste. Ab 1985 gründete er eine eigene Sri Chaitanya- Gemeinschaft. Aus den Grundlagen seiner neuen Religion hat er 4 Übersetzungen der Bhagavad-gita ins Niederländische erstellt. 





Als die Zahl der aus den vielen Verbindungen hervorgegangenen Nachkommen doch etwas hoch wurde, so wird berichtet, ließ er sich mittels Vasektomie sterilisieren, aber ohne Betäubung, welche er aus Überzeugung ablehnte. Es hat doch wohl höllisch weh getan, teilte er später mit. 

Nun sind dies alles Besonderheiten, die uns nicht besonders interessieren müssen und Teylings Bemühungen in der Krishna-Bewegung haben auch nicht zu meiner größeren Aufmerksamkeit geführt, aber er war doch ein Sprachvirtuose der besonderen Art, mit einer beiläufigen Perfektion, die wir auch bei Vroman oder Komrij finden. Bei Gerrit Komrij bin ich auf ein Gedicht des van Teylingen gestoßen, das mich getroffen hat: Wie geschaffen für Komrij: ein perfektes Sonett! Perfektion in der Verbindung der kleinkindgerechten Sprache, mit Trauer, Staunen und leichtem, geheimnisvollem Grauen. Was ist da Entsetzliches passiert? 

Das Sonett ist im makellosen 4-4-3-3 Schema geschrieben, und mühelos ABBA-ABBA-CDE-CDE gereimt. Leider ist mir in der Übersetzung nicht gelungen diese Perfektion zu erreichen, weder in der Form, noch in der Sprache. Deswegen zeige ich vor meinen beiden Versuchen einer Übersetzung das Original und hoffe, das sich trotzdem eine Ahnung eines vollendeten Sonetts einstellen kann. Eine Link zur Stelle, wo ich das Gedicht gefunden habe, füge ich bei.

Hendrik van Teylingen

Kastanjes

Als we de steen mogen geloven,
Dan rust jij, Wim, vier lentes net, 
Hier haast een halve eeuw al met 
Je broertje Joris, dat van boven 
Boem! Op je buikje werd geschoven 
Als veels te groot verjaarspakket - 
Geen toetertje deed rettettet, 
Geen wimpeltje werd rondgewoven. 
Er is sindsdien maar weinig leven 
Behalve soms die doffe ploffen 
Zo'n zes voet boven jullie bol. 
Als jullie samen nu eens even 
Naar buiten kwamen, zou je boffen: 
Kastanjes, kerels! 't Ligt hier vol!'


Kastanien (I)

Wie man dem Grabstein glauben muss,
Liegst du, klein Wim, gerade einmal vier,
Demnächst fast fünfzig Jahre hier
Mit Brüderchen klein Joris, das leichterhand
Plumps! auf dein Bäuchlein ist gelandet,
Als übergroßes Geburtstagspaket.
Doch keine Tröte machte Rätätät,
Es fehlten Fähnchen und Girlanden.
Seitdem gab's nicht viel zu erleben,
Ein Poltern manchmal hat's gegeben
Über euren Köpfchen, gut sechs Fuß.
Wenn ihr zusammen nur mal eben
Heraus kämt, das wär' toll!
Kastanien! Jungs! Alles liegt hier voll!


Kastanien (II)

Kann man dem Grabstein glauben schenken,
Liegst du, klein Wim, gerade einmal vier,
Demnächst fast fünfzig Jahre hier
Mit Brüderchen klein Joris, das in dieser Senke
Plumps! auf dein Bäuchlein ist versenkt,
Geburtstagsgeschenk ohne Geschenkpapier,
Doch keine Tröten tröteten hier
Und Fähnchen wurden nicht geschwenkt.
Seitdem gab's nicht viel zu erleben,
Mal, dass es über euren Köpfchen grollte
Als Erdreich sechs Fuß herunter rollte.
Wenn ihr zusammen nur mal eben
Heraus kämt, das wär' toll!
Kastanien! Jungs! Alles liegt hier voll!

Übersetzung: Jaap Hoepelman Januar 2023

aus: Gerrit Komrij op zijn stekeligst


Fehlende Sentimentalität dem Tod gegenüber ist ein Charakteristikum bei van Teylingen, wohl in Übereinstimmung mit seinem Hinduismus.  Auch ein anderes, ziemlich bekanntes Kurzgedicht handelt von Tod und Kindern, aber aus einer anderen Perspektive: Nicht die Kinder sind tot, sondern ihr Haustier, die Landschildkröte Basti und das Gedicht beschreibt das kindlich beiläufige Spiel mit dem Tod, so wie der Dichter mit den toten Kindern spielen möchte in "Kastanien".  Ein kleines Gedicht, dieses "Exit", aber mit großer Raffinesse.


Exit Testudo graeca

Ende Mai wurde entschieden, dass 
Bastis Winterschlaf genug gedauert hatte.
Wir buddelten ihn aus, wischten die Erde
von seiner grauen Schale, schüttelten etwas,

Doch kriegten ihn nicht wach. Danach,
Von immer weiter oben, knallten wir ihn
flach aufs Laminat, mit jedem Mal
mehr Krach, dann ab ins Kehrichtfach.

Übersetzung Jaap Hoepelman

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...