Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Ashetu, Bernardo
Bloem, Jacques
de Haan, Jakob Israel
Jan Hanlo
Kopland, Rutger
Kouwenaar, Gerrit
Revius
de Ridder
Roland Holst, Adriaan
Roland Holst, Henriette
van Schagen, J. C.
Scheepmaker, Nico
Gedichte in niederländischer Sprache sind im deutschen Sprachgebiet ziemlich unbekannt. Vielleicht vermittelt dieses Blog etwas vom Flair der Poesie im niederländischen Sprachgebiet. "<" und ">" bzw. "Ältere Posts", "Neuere Posts" führen zu vorhergehenden bzw. folgenden Beiträgen.
J. C. van Schagen 1891-1985
Kentern
Es ist gerufen worden, ich habe verstanden.Willem Godschalck van Fockenbroch
1640-1670
Dichter sind Außenseiter. In diesem Blog haben wir sie kennengelernt: Piet Paaltjens, de Schoolmeester, van Schagen, Ashetu, Achterberg, Slauerhoff, Komrij,...die Liste kann mühelos fortgesetzt werden. Über Willem Godschalck van Fockenbroch ist wenig bekannt, aber er trieb das Außenseitertum sehr weit. Sein mageres Gehalt als Armenarzt reichte nicht zum Leben, dazu litt er heftig unter Liebeskummer (darin, allerdings, war er keine Ausnahme). Um seinen Schwermut zu vertreiben rauchte er Pfeife. Er war richtig süchtig. Ob er, als Amsterdamer, die Pfeife nur mit Tabak stopfte ist mir leider nicht bekannt. Sein Lebensmotto passt zur seiner Sucht und zu seiner Stimmung: "Fumus Gloria Mundi" - "Der Welten Glanz ist nichts als Rauch". Zu seiner Melancholie passte das Genre der Burleske, das sich gerne über Feierliches lustig macht, wie Focquenbroch sich über seine vergeblich Angebeteten und über sich selbst traurig-lustig machte. So verknüpfte er gerne das petrarkische Sonett, in dem klassisch-erhaben unerreichbare Schönheit bejammert wird mit unverschnitten Erotischem, Unanständigem und Fäkalischem, was ihm bis in unsere Zeit übel genommen wurde:
"Seine Arbeiten sind so schmierig und platt, wie sie in unserer Literatur selten Vergleichbares finden...er suhlt sich in Wolllust und Schmutz wie ein Schwein im Schlamm", entrüstete sich der Literaturhistoriker Kalff noch Anfang des 20. Jahrhunderts.
Focquenbroch hatte also einiges mit dem Spott der Dichter der Romantik gemein und er wird heute, wo der Anstand andere Formen angenommen hat, zunehmend geschätzt.
Durch Geldmangel und Liebeskummer getrieben, musterte Focquenbroch 1668 an bei der West-Indischen Compagnie (WIC) als "Fiscaal", eine Art Zollbeamter.
Die WIC hatte das Alleinrecht für die Niederlande auf die Ausfuhren aus der Elfenbein-, der Gold- , und der Sklavenküste. Die Handelsware entsprach im Wesentlichen den Namen der Küsten.
Der "Fiscaal" hatte als eine seiner Aufgaben die Bekämpfung der Schmuggler, gegen Teilhabe an der beschlagnahmten Schmuggelware. Focquenbrochs Standort war Elmina an der West-Afrikanischen Küste, der wichtigste niederländische Stützpunkt dort, aber auch andere Mächte hatten sich in West-Afrika festgekrallt, darunter Frankreich, England, Dänemark, Schweden und Brandenburg.
Elmina wurde als Hölle auf Erden beschrieben, zweifellos für die dort eingelieferten Sklaven, aber auch die Überlebensdauer der Holländer wird mit 60 Wochen angegeben.
Aus Elmina schickte Focquenbroch seine Gedichte dem Freund Ulaeus zu, der sie unter dem Titel " Thalia of Geurige Sang-Goddin" (1668, 1669) und posthum als "Afrikaense Thalia" veröffentlichte.
Der Titel ist ein gutes Beispiel für Focks (so nannte er sich oft) burlesken Humor: Thalia ist die Muse der komischen Dichtung, aber "geurig" bedeutete im 17. Jahrhundert nicht nur "wohlriechend" und "verspielt", sondern auch "anrüchig".
Focquenbroch starb 1670 mit 30 Jahren, vermutlich an Gelbfieber.
Fort Elmina, 17. Jahrhundert.
Focquenbrochs Motto passt in gewissem Sinne auch zur WIC. 1792 ging die Kompanie pleite und wurde aufgelöst. 1821 wurden die meisten Archivalien einem Altpapierhändler verkauft (vielleicht aus Scham?) während die übriggebliebenen während eines Feuers im Marinedepartement in Rauch aufgingen (1844). Somit blieb von Fock außer einer Reihe von Gedichten und einiger Komödien fast nichts übrig. Eine ausgeklopfte Pfeife und etwas Rauch.
Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021
Das obige Sonett kam noch ziemlich gesittet daher, aber Focqenbroch konnte auch anders, z.B. um sich an einem Nebenbuhler zu rächen, zur ewigen Entrüstung der Sittenmeister:
Grabschrift
Hier liegt ein Geck, der wohl daran
verstarb, dass er mit seinem Schaft
aus Tollerei und Leidenschaft,
gespielt hat auf dem Nachbarsweib.
Wo er jetzt ist? Ich kann nur raten,
ich rate nur – und weiß es doch:
Todsicher wird er in den Himmel nicht geraten,
wenn er den Eingang sucht durch dieses Loch.
Aus: Tweede Deel Van Thalia, of Geurige Zang-Goddin (1668)
Übersetzung Jaap Hoepelman, Dez. 2021
"er suhlt sich in Wolllust und Schmutz, wie ein Schwein im Schlamm" meinte der gute Kalff und trotz neuerlicher Wertschätzung bleibt Focquenbrochs Ruf ziemlich ruiniert. Weitere Beispiele seiner Schweinereien können uns also nicht genieren:
Auf die schwarzen Zähne des
Fräulein N.N.
Dein Mund, Gesims aus schwarzgerauchten Zähnen,
Zeigt deutlich dem, der was von Glut versteht:
Man braucht das heiße Feuer deines Ofens nicht erwähnen,
von dem der heiße Rauch bis hoch ans Kauwerk geht.
(uit "Alle de Werken van Willem Godschalck van Focquenbroch")
Übersetzung Jaap Hoepelman Dez. 2021
Obwohl ich damit angedeutet,
Wie heftig ich Dir zugeneigt,
Obwohl Du's leider anders deutest,
Ich liebe Dich in Ewigkeit.
Hendrik van Teylingen
(Sri Hayesvar Das)
(1938 -1998)
Der Dichter und Übersetzer Hendrik van Teylingen nimmt keinen herausragenden Platz in der niederländischen Literaturlandschaft ein. Er war ein Außenseiter, aber es hat davon in der niederländischen Literatur einige gegeben, wie van Schagen, Noordstar, Ashetu oder auch Focquenbroch, deren Gedichte ich oft höher einschätze, als manche schnarchende Beiträge im offiziellen Literaturkanon. Als Sohn eines evangelisch-reformierten Pfarrers, was in den Niederlanden manchmal zu bemerkenwerten Lebensläufen und bemerkenswerter Literatur geführt hat, kann man sein Leben wohl abwechslungsreich nennen:
Als Kriegsdienstverweigerer verbrachte er eine Zeit im militärischen Straflager "Nieuwersluis" (das gab's damals noch in den Niederlanden, ein Ort dessen Namen einen gewissen bedrohlichen Klang hatte). Das Erlebte verarbeitete er im Roman "Depot voor Discipline"
Er war hatte verschiedene Ehefrauen und Kindern mit ihnen. Die Liebe zu der bekannten surinamischen Schriftstellerin Bea Vianen führte ihn nach Paramaribo. Die Berichte aus Suriname in dieser Zeit bündelte er in "Bedek je schande; Suriname van binnenuit" ("Verhülle deine Schande; Innenaufnahmen aus Suriname").
1975 wurde er Mitglied der Hare-Krishna-Bewegung, die er 1981 verlassen musste. Ab 1985 gründete er eine eigene Sri Chaitanya- Gemeinschaft. Aus den Grundlagen seiner neuen Religion hat er 4 Übersetzungen der Bhagavad-gita ins Niederländische erstellt.
Als die Zahl der aus den vielen Verbindungen hervorgegangenen Nachkommen doch etwas hoch wurde, so wird berichtet, ließ er sich mittels Vasektomie sterilisieren, aber ohne Betäubung, welche er aus Überzeugung ablehnte. Es hat doch wohl höllisch weh getan, teilte er später mit.
Nun sind dies alles Besonderheiten, die uns nicht besonders interessieren müssen und van Teylingens Bemühungen in der Krishna-Bewegung haben auch nicht zu meiner größeren Aufmerksamkeit geführt, aber er war doch ein Sprachvirtuose der besonderen Art, mit einer beiläufigen Perfektion, die wir auch bei Vroman oder Komrij finden. Bei Gerrit Komrij bin ich auf ein Gedicht des van Teylingen gestoßen, das mich getroffen hat: Wie geschaffen für Komrij: ein perfektes Sonett! Perfektion in der Verbindung der kleinkindgerechten Sprache, mit Trauer, Staunen und leichtem, geheimnisvollem Grauen. Was ist da Entsetzliches passiert?
Das Sonett ist im makellosen 4-4-3-3 Schema geschrieben, und mühelos ABBA-ABBA-CDE-CDE gereimt. Ich hoffe, dass meine Übersetzung eine Ahnung dieser Perfektion vermitteln kann. Das niederländische Original füge ich bei.
Hendrik van TeylingenÜbersetzung: Jaap Hoepelman Januar 2023
aus: Gerrit Komrij op zijn stekeligst
Fehlende Sentimentalität dem Tod gegenüber ist ein Charakteristikum bei van Teylingen, wohl in Übereinstimmung mit seinem Hinduismus. Auch ein anderes, ziemlich bekanntes Kurzgedicht handelt von Tod und Kindern, aber aus einer anderen Perspektive: Nicht die Kinder sind tot, sondern ihr Haustier, die Landschildkröte Basti und das Gedicht beschreibt das kindlich beiläufige Spiel mit dem Tod, so wie der Dichter mit den toten Kindern spielen möchte in "Kastanien". Ein kleines Gedicht, dieses "Exit", aber mit großer Raffinesse.
In einem früheren Blogpost konnte ich den Dichter und Graphiker J. C. van Schagen vorstellen, zu seiner Zeit ein Außenseiter der niederländischen Literatur. Trotz ihres Erfolgs beim Leserpublikum passten seine vordergründig kunstlosen Prosagedichte nicht zum Kanon des offiziellen Literaturbetriebs weshalb er mehr oder weniger beiseite geschoben wurde. In der Nachkriegszeit schätzte man ihn höher ein, wie Buddingh’s Kurzgedicht „Wie das Blatt sich wenden kann“ zeigt:
Wie das Blatt sich wenden kann
um 1936
lasen wir alle
begeistert und voller Ehrfurcht
Marsman und Slauerhoff
jetzt, dreißig Jahre später,
dreißig Jahre weiser,
halte ich es lieber mit
Noordstar und van Schagen.
(C. Buddingh’, Gedichten 1938–1970)
Übersetzung Jaap Hoepelman September 2020
Laut eigener Aussage suchte van Schagen die kunstvolle Form nicht, sondern nahm sie, wenn sie kam, wie sie kam, so wie er das Leben im Sinne Spinozas mit fröhlichem Gleichmut hinnahm. Wobei man bei genauerem Hinschauen die Gleichgültigkeit der kunstvollen Form gegenüber mit einem Körnchen Salz nehmen muss. Dazu sind seine Sätze rhythmisch zu raffiniert, seine Wortbedeutungen und der Aufbau der Gedichte zu kunstvoll.
Ich hatte schon lange vor, meine Übersetzungen einiger Gedichte von J. C. van Schagen mit dem Gedicht „Kentern“ abzurunden:
Kentern
Aus: van Schagen Narren-Wijsheid 1925
Übersetzung Jaap Hoepelman September 2020
1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...