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Samstag, 4. März 2023

Nijhoff: Awater



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Der Niederländer Martinus Nijhoff (1894-1953) war gleich alt wie der Belgier van Ostaijen, aber ihre Werke könnten unterschiedlicher nicht sein. Der erste Weltkrieg hatte in Belgien verheerend gewütet, während die Niederlande verschont geblieben waren. Van Ostaijen und Nijhoff waren beide Meister der Umgangssprache, aber van Ostaijen legte nach den Erfahrungen des Krieges die traditionelle Verstechnik ab (siehe z.B. seine kabarettreife Alpenlieder, oder Singer). In den Niederlanden setzte sich dieser Umschwung erst nach dem zweiten Weltkrieg bei den "Fünfzigern" so richtig durch (z.B. Lodeizen). Nijhoff legte somit noch großen Wert auf die traditionelle geschliffene Verstechnik. Eines seiner bekanntesten Gedichte, ist "Awater", eines der wichtigsten der niederländischen Dichtkunst des 20. Jahrhunderts: Unter einer leicht leserlichen Oberfläche verstecken sich dermaßen viele Bilder und Symbolen, dass ganze Bibliotheken mit Interpretationen dieses Versepos vollgeschrieben wurden.
Der Name "Awater" an sich war Anlass unzähliger Interpretationsversuche, sogar so geistlose, wie dass es nur eine Abkürzung sei für die Zeile 36, die das ganze Gedicht zu beherrschen scheint: "Lees maar, er staat niet wat er staat..." (Lies nur, da steht nicht, was da steht"). ..."wat er staat" - "waterstaat". Waterstaat is der Sammelbegriff für alle Struktur- und Sicherheitsmaßnahmen im Bereich Wasser und Verkehr. Also vielleicht auch für die Niederlande insgesamt, die bestimmt ein "Waterstaat" sind. Nijhoff, der Mystifizierungen mochte, hat selber darauf hingewiesen, dass "A" an sich schon "Wasser" bedeutet, und "Awater" also "Wasserwasser". Niederländischer geht nicht. Bei so viel Freiheit erlaube ich mir auch einen Versuch."Awater" erinnert unmittelbar an "Avatar", ein Begriff, der in unserer IT-Gesellschaft neu in Mode gekommen ist. Aber er ist alt, sehr alt sogar. Im Hinduismus ist der Avatar (Sanskrit "avatara", der Hinabsteigende) die Inkarnation oder Erscheinung einer Gottheit. Im Gedicht weisen einige Stellen darauf hin:

"Sei hier anwesend, allererster Geist,
der Du am Anfang über den Gewässern streichst."

"Auf einmal Awater; er tritt aus einem Korridor hervor.
Ich sehe, wie blinzelnd er herunter kommt."

Kann Nijhoff den Begriff gekannt haben? Nun, er war ein belesener Mensch und kannte z.B. die anglo-amerikanische Literatur sehr gut. Ungefähr zur gleichen Zeit nimmt T.S. Eliot in seinem "Waste Land" ausführlich Bezug auf die Upanischad. Nijhoff war außerdem befreundet mit dem Dichter Johan Andreas dèr Mouw, pseudonym "Adwaita", der als Kenner des Sanskrit, (und des lateinischen und griechischen) zweifellos mit dem Begriff vertraut war. Zumindest klanglich sind "Adwaita" und "Awater" nicht weit aus einander entfernt. Wenn es jetzt ans Wortspielen geht: "Er staat niet, wat er staat": "niet wat er staat": "niet wat er". Das griechische aber auch das Sanskrit-Präfix für "un", "niet" oder "nicht" ist "a-". "Awater", "Avatar", "A-dwaita" - "Nicht-Zweiheit" eben. Eine schöne Mystifikation. Und so wahr: "Er staat niet wat er staat" - "Da steht nicht, was da steht".
Im Übrigen kommt "Awater" in den Niederlanden und in Deutschland als ganz gewöhnlicher Nachname vor.
Die Abschnitte des "Awater" reimen sich meist nicht, dafür hat Nijhoff das Gedicht in durchgehender Vokalharmonie geschrieben: Der erste Vers in "-ee-", der zweite und dritte in -aa-, der vierte in -oo- usw. In der Übersetzung habe ich versucht, diese Tonalitäten beizubehalten.


Awater

"ich suche einen Mitreisenden"

Sei hier anwesend, allererster Geist,
der Du am Anfang über den Gewässern streichst.
Dein gutes Auge möge über dieser Arbeit weiden,
die wüst und leer ist, der Welt in soweit gleich.
Sie will nicht wie die letzte Ära sein,
vor Trümmerbergen stehend von Schönwetter leiern,
denn Singen, das ist Leidenschaft, die eitert,
was anfangs war, konnten nie Trümmer sein.
Nicht lange liegen bleibt der erste Stein.
Erneuert wird die Stille, die das Wort entzweit.
Das, was geschieht, kann nur erstmalig sein.
Gepriesen! Noah baut die Arche, aber keine zweite
und Jona predigt, doch zu Ninive für keinen.

Ich habe einen Mann gesehen. Der Mann hat keinen Namen.
Gib ihm auf einmal unser aller Namen.
Sohn einer Frau und eines Vaters.
Sobald die Sonne rot ist aufgegangen
geht er vorbei an meinem Fenster in die Stadt
und kehrt erst wieder, blau ist der Abend schon gefallen.
Er schafft in einem Büro, heißt dort Awater.
Schaut auf ihn. Bekleidet ist er mit Kamelhaar,
geheftet durch die Nadel. Sein Leib ist mager,
Heuschrecken und Honig sind ihm Nahrung.
Niemand hat je das, was er ruft verstanden.
Es ist Wüste, wo er Gebärden macht.
Mönchisches, Soldatisches haftet ihm an,
doch es wird nicht gebetet, nicht geblasen,
wenn man im Büro das Hauptbuch aufmacht.
Wie in einem Tempel sitzt man an der Tafel,
man schreibt auf Italienisch und Arabisch.
In Ziffern, niederrieselnd grau wie Asche,
steigen die Zahlenreihen in Orakelsprache.
Ruhe kehrt ein, das Thermometer steigt im Saal.
Dünn und salzig weht das ratternde Metall.
Die Schreibmaschine grübelt Irrensprache.
Lies nur, da steht nicht, was da steht. Was steht da?
"Mutter, niemals wirst den Pelz du tragen
wofür du jeden Pfennig hast gespart,
und nie mehr gehe ich an freien Tagen
mit einem Strauß zum Hospital,
sondern bringe Rosen dir zur Friedhofsgasse..."
Das ist es, was da steht; Awaters Züge sind erstarrt
als seine Rührung rührungslos verharrt.
Wie spät ist es? Awaters Müdigkeit macht sich bemerkbar.
Das Telefon schläft auf dem Schreibpult seinen Schlaf.
Teetassen werden emsig eingesammelt.
Die Uhr tickt, tickt, schlägt, bis es schlägt sechs minus halb.
Dann werden ausgedreht die grünen Lampen.

Heute, als ich die Fensterblumen goss
ist mir das Vorhaben gekommen,
Awater abzuholen im Büro.
Ich habe, seit mein Bruder starb, auf Reisen keinen mitgenommen.
Wenn ich einen Gefährten suche, bin ich's gewohnt
zu sehen, ob es passt, dass ist doch üblich so.
Heut' Abend folge ich Awaters Spur also,
ich schau mal, wie der Hase läuft, so sagt man wohl,
und morgen dann, geht alles gut, stell' ich mich vor.
So steh' ich vor der hohen Treppe, und ich scheue noch.
Es schlägt halb sechs. Die Zeit wird grenzenlos.
Passanten ziehen durch die Straße in einem dichten Strom.
In jedem Schatten wird nun Licht verstromt,
im Nebel suchen Umrisse die Form.    
O Bruder, du im Himmel, schau hervor.
Beschütze mich, damit kein Licht in meinem Schatten wohnt.
Lasse mich bitte ohne Bild und Ton. 
Auf einmal tritt Awater aus einem Korridor hervor.
Ich sehe, wie blinzelnd er herunter kommt.
Nicht Sterbliche, noch Stadt, noch Abendrot
gibt es für ihn. Er sputet sich von oben,
Stufen aus Sandstein entlang, vorbei an Schlangen Kupferrohr.
Es ist, als ob er einen Saum sieht, einen Horizont,
aus dem ohn' Unterlass ein Wetterleuchten glost,
als hätt' er das, von dem er träumt, im Ohr
und sieht den Ort, wo er's zu finden hofft.
So sputet er an mir vorbei - ich fühle mich durchbohrt.
Er hastet in die Eingangshalle vor.
Er steckt den Schlüssel in das vorbestimmte Schloss.
Vor ihm steht ausgedorrt ein Distelstock,
er nimmt den Stock, er wandelt pfeifend fort.
Er hat bedeckt, doch ich entblöße jetzt den Kopf:
Sei hier, noch einmal, Du, der Du in Höhen wohnst
so unbewohnbar wie Calvario.

Der Asphalt auf den Straßen ist einer Decke gleich.
Ich merke, dass der Widerhall, der mich begleitete
in der gefliesten Eingangshalle, draußen schweigt.
Die Stadt verleiht dem Fuß Unhörbarkeit.
Autos schieben, wie Karawanen aufgereiht,
mit leisem Lederknarzen sich an uns vorbei.
Awater hat sich, scheint's, beeilt.
Ja, doch, der Schein trügt nicht, er will auf Reisen.
Vor einem Modeladen hält er ein.
Er sieht, was eine Gruppe Puppen 
scheint
mit Plaid und Fernglas für die Reise,
die am gelben Strand des Nils verweilt,
Palme und Pyramide zeigen es zweifelsfrei.
Awater, was du dir überlegst, ich glaube, dass ich's weiß.
Beim Bild der Schifffahrtslinie, etwas weiter,
auf dem ein Beduine ein Schiff willkommen heißt,
das weiß am Horizont erscheint,
und beim Palast der Bank, noch etwas weiter,
gibt eine Liste über den Wechselkurs Bescheid.
So zieh'n wir beide weiter, am Schein der Schaufenster vorbei.

Er biegt auf einmal in eine Nebengasse ein.
Es klingelt eine Klingel. Da drinnen muss er sein.
Auf einem Schild: Rasieren, Haareschneiden.
Ein kleiner Raum, Schränke an beiden Seiten,
scheint durch den starken Duft von allerlei
Parfums und Wässerchen noch kleiner.
Awater - in der Drängelei
muss ich gestehen, wär' er mir fast enteilt -
sitzt in einem Umhang aus gestärktem Leinen
vor einem porzellanen Becken, blütenweiß.
Der Friseur macht seine Arbeit, ich setze mich derweil
als einer der bald dran ist auf einen Stuhl zur Seite.
Awater sah ich nie von so dicht bei,
wie jetzt im Spiegel; nie schien er mir dabei
so weit entfernt zu gleicher Zeit.
Zwischen den Flaschen, glitzernd wie Splittereis,
seh' ich, dass er im Spiegel einem Eisberg gleicht,
an dem entlang die glatte Schere seinen Schnabel streicht.
Doch es wird Frühling, und während breit
der Nebel hängt des Regengusses, der vorüber treibt,
pflügt durch durchwühltes Haar der Kamm die Scheitel.
Awater nimmt dann Abschied und zieht weiter
und ich verlasse das Geschäft als zweiter.

Der Zufall nimmt zum Ziel oft eine Kürzung.
Zufall, dass Awater an der Stelle landen musste
im gleichen Kaffeehaus, das ich mit meinem Bruder oft besuchte?
Kein Zufall, dieser Tisch war meistens frei für uns.
Ich setze mich woanders hin. Platz gibt's genug.
Der Kellner kennt mich. Zweimal schon hat er den Tisch geputzt,
was kann er sonst noch für mich tun?
Er zögert noch, in seiner Hand das weiße Tuch
und schweigt jetzt lange, neben meinem Stuhl.
"Die Zeiten sind vorbei" sagt er. Es ist ein Spruch nur,
aber ich verstehe, er denkt an meinen Bruder,
den Hund bei Fuß, und wie er mit dem Hut
keck auf dem Hinterkopf in das Lokal hineinfuhr
und wie der Wind es füllte mit einem kleinen Aufruhr.
Der gleiche Sand wie damals liegt noch auf der Flur,
Die gleiche Taube gurrt im Käfig den immer gleichen Ruf.
Hui, ruft der Wind, fort, fort! Jetzt ist es gut.
Und wer ist das? frag' ich, weil ich was sagen muss.
Er hat sofort das Richtige vermutet:
"Ein Kunde, der zum ersten Mal dieses Lokal besucht"
Dann zieht er hinter sich das Tresengitter zu.
An der Spüle wird das Spültuch jetzt benutzt. 
Was ist es, das Awater jetzt in seiner Tasche sucht?
In Maroquin gebunden, ein kleines, grünes Buch.
Ein Schachspiel für die Tasche, so könnte man vermuten.
Die Hand, die trommelt auf den Tisch, schöpft Mut
für die Vision, die hinter seiner Stirn sich auftut:
Schneeflocken schwirren zwischen Tropfen Blut.
Das Spiel wird neu gefügt zur nie gewesenen Figur.
Das Glas steht unberührt im Zigarettendunst,
der kerzengerade steigt; ein Rosenstock mahlt an der Decke Blumen.
Er sitzt allein, ein Mensch, der in sich ruht.
Er hat, was ein Planet hat, oder eine Blume,
den innerlichen Trieb, der ruht auf tiefem Grund.
Er leert das Glas und schließt das Buch.
Still vor sich schauend wird er von Traurigkeit besucht.
Er schaut in meine Richtung, so dass ich fast vermute,
dass er nach mir ruft, als er den Kellner ruft.
Doch nein, er rechnet ab, ich bitte um die Rechnung
und bald ziehen wir weiter zusammen durch's Gewusel.

Das Licht blitzt unaufhörlich den Schriftzug in Kopie
des Etablissements, wo Doppelreihen von Besuchern, wie
PKWs im Stau den Türwarter passieren,
der an der Eingangstüre die Glasmühle bedient.
Wir treten ein und es erklingt Musik.
Awater ist, so scheint's, kein unbekannter hier.
Wo er sich hin bewegt, drehen die Köpfe sich.
"Wie?" so sagt einer "kennen Sie Awater nicht?
"Ich meine, dass er so etwas wie Accountant ist.
Ich kenne ihn, aber intim nicht wirklich.
Welche sagen, abends liest er Griechisch,
andere behaupten, es sei Irisch..." -
bis plötzlich Ungewöhnliches geschieht:
Auf dem Podest erhebt ein Herr sich,
der Awater seinen Platz anbietet.
"Ich spreche" sagt er "im Namen aller hier.
In unserer Mitte ist ein überragender Artist."
Awater, zeigend auf das Tischgeschirr,
deutet an, dass er zu speisen vorzieht
und dass ihm lieber wär', wenn man ihn ließe.
Nicht oft passiert's, dass man am Billard eine Serie unterbricht.
Es tritt totenstille ein. Oben verdrängt man sich
an der Brüstung der Etage, voller Neugier.
Langsam drehen sich die Ventilatorschwingen.
Dann erhebt Awater sich und singt sein Lied:
"Stets hat sie mich getröstet, stets hat sie, als ich schlief
mit ihrer Ankunft sich gesorgt um mich
die Angebetete; doch heute kommt sie und zerbricht
den letzten Halt, der im Verlust mir blieb.
Ich seh' sie vor mir, wie sie danieder kniet,
in tiefem Kummer, angstvermischt;
ich hör', wie sie von Glauben spricht,
doch Freude oder Hoffnung bringt es nicht:
"Erinnere dich an diesen letzten Abend, als ich dich verließ,
ersparen wollt' ich dir die Tränen im Gesicht,
als ohne Abschied ich die Welt verließ.
Ich konnte nicht, ich wollte nicht dir melden den Bericht,
dass du begreifen musst, wie unser Urteil hieß:
Zu sehen hier auf Erden mich je wieder - hoffe nicht."
Awater schweigt. Er 
ist erstarrt zur Säule aus Granit.
Man applaudiert, wirft bunte Serpentinen.
Awater, steif wie eine Puppe, die
nicht trägt die eigene Mechanik,
wankt nun dem Ausgang zu, 
und sieht die Menge nicht.
Von seinem Rücken flattert noch Papier,
ein schmaler Streifen. Ich folge ihm von hier.

Ich versuche - still ist es in dieser Gasse -
jeden von Awaters Schritte zu erfassen.
Er merkt es, wenn ich einen nur verpasse.
Meine Bedenken lassen nicht mehr nach:
die Post war da, ich hab' der Putzfrau, dass
ich auf Reisen gehen könnte, gar nicht gesagt,
das Fenster angelehnt, das Feuer im Kamin ist an,
ich habe nichts dabei, und überhaupt - was soll das,
auf Reisen gehen. - An einer Schnur taumelt der Drache
und die Bedenken steigen, aber bei jedem Umschlag
hellt die Besorgnis auf: Egal! Es ist mir doch egal!
Ich führe das Gespräch mit mir als Diskutant,
den Kopf geduckt, den Kragen aufgeschlagen.
Die Straße weitet sich. Es tropft aus den Platanen.
Vor uns, gerade aus, verläuft die Eisenbahn.
Wird hier, um Mitternacht, ein Meeting abgehalten?
Der Platz ist proppenvoll. Von flackernden Fackeln
angeleuchtet, auf dem Podest aus Latten
steht eine junge Frau, sie trägt die Tracht
der Heilsarmee. Touristen, rucksackbepackt,
Kinder, Frauen, Arbeiter im Blaumann
gehören der Besuchermenge an.
"Wir leben" sagt sie "unser ganzes Leben falsch."
Awater, 
seine Schritte innehaltend,
dreht sich zu mir um, als hätte er mich immer schon gekannt.
Woher? In der Theaterpause? In der Straßenbahn?
Im Blick, womit er mich betrachtet liegt die Frage,
während er - weil's kräftig weht - den Hutrand
festhält. 
Der Wind, der spielt mit ihrem Haar
legt eine goldne Schleife auf den Ärmel der Soldatin.
"Der Liebe" sagt sie, "traut man sich nie vergebens an."
Awater bleibt, ich gehe fort, ich haste,
als eilte ich zu einem Zug, als ob ich den verpasste.

Schaufelweise wirft der Heizer Kohle in den heißen Schlund,
der Maschinist hält Ausschau durch das Augenrund
und vor der Überdachung, über den Gleisfiguren,
fangen die Signale an mit dem Präludium.
Die Uhr springt von Minute zu Minute.
Wieder ruft die Lokomotive, ununterbrochen ruft sie,
rufend, dass der Plan keine Verspätung duldet.
Die Seufzersäule wird zum Wolkendutt.
Doch glaube ja nicht, dass der Orient Express sich kümmert darum,
wie es dir geht; er teilt nicht deinen Jubel
wenn du die Namenschilder siehst einer Kultur,
die dich mit Klang von Abenteuern ruft.
Sein Fahrplan kennt nicht die Berufung.
Verschiebst du, oder hegst du eine Hoffnung -
egal. Noch einmal: Ihm ist es egal. Auch für den Selbstbetrug
eines Gefährten ist er immun.
Dass du, alleingelassen, in seinem Luxus
beengt dich fühlst, und an der Fensterscheibe kurbelst
und zurückschaust auf den Bahnsteig; oder dass du
das größte Glück erfährst, das für das Individuum
bereit liegt: Zu wissen, dass gelenkt ich wurde,
umsonst war's nicht, ich war wohl nicht der Dumme, -
Es sei drum! - Ihm ist es egal. Er glänzt Azur,
klirrende Kettenglieder formen seine Rüstung.
Die Lokomotive singt, sie hebt das Knie, gibt nach dem Druck.
Der Zug fährt ab zur festgelegten Stunde.

Martinus Nijhoff

1934


Übersetzung Jaap Hoepelman
Januar/August 2018


Awater NL

Donnerstag, 24. September 2020

Elsschot: Dichten ohne Schnörkel

 

Alphons Josephus de Ridder,
Pseud. Willem Elsschot 1882 - 1960

Der Flame Alphons Josephus de Ridder (Pseud. Willem Elsschot) gehörte zur gleichen Generation wie Van Ostaijen und Nijhoff. Seine Romane spielen überwiegend in der Geschäfts- und Werbewelt. Mit Werbung hatte er Erfahrung als Mitarbeiter und Redakteur der Zeitschrift "Revue Générale Illustrée de l'Industrie, des Arts et du Commerce", eine typische Werbefalle und so nimmt es nicht Wunder, dass der Betrug ein essentielles Thema in seinen Schriften darstellt. Er wird zu den größten niederländisch-sprachigen Schriftstellern gerechnet und ist Träger des flämischen und des niederländischen Staatspreises für Literatur. Wie bei Van Ostaijen und Nijhoff ist seine Sprache die moderne niederländische Umgangssprache, aber er setzt sie völlig anders ein. Symbolisches Ränkespiel wie bei Nijhoff sucht man hier vergebens. Aber was für eine Sprache. Im Gedicht "Brief" geht es eher rustikalisch zu: Auf die Fresse. Elsschot arbeitete 1908 bis 1911 auf einer Werft in Rotterdam und im "Brief" drückt er eine Wut aus, die ihn 1934 immer noch nicht verlassen hatte. 

Frans Masereel 1929


Brief

Alter Drecksack, mit dem Bart,
dürr im Geist, doch dicht behaart,
der auf uns schaute wie der Spieß,
der die Rekruten zittern ließ.

Ich weiß es noch, verdammtes Tier,
hockst du auch weit weg von hier,
ein Greis, verschanzt in seinen Runzeln
in einem Bunker mit Penunzen.

Dass du Stein hast plattgemacht,
kaum hatte der dir klargemacht,                     
wie du Schätze kannst verdienen
mit dem Bau seiner Maschinen.

Wie du für ein paar Moneten
hast Barends in den Dreck getreten,
wegen Kleingeld in den Miesen
konnte er das Jahr nicht schließen.

Wie dem Lehrling, Haut und Knochen,
von zwei Gulden für zwei Wochen
der halbe Lohn  wurde genommen,
denn er war zu spät gekommen.

Ich weiß es noch, du siehst es richtig,
aber mir ist nicht einsichtig,
wie aus der Untertanenherde
nicht ein Mucks kam, keine Beschwerde.

Hätt' ein Gericht aus unsrer Mitte,
nach abgelehnter Gnadenbitte,
dich mal eben angefasst,
dir eine in das Maul verpasst,

Dir mal kurz den Bart geschoren,
ob mit, ob ohne deine Ohren,
aus dem Beinkleid dich geholt
und dir dann den Arsch versohlt.

Doch ist die Rache aufgeschoben,
sie ist gewiss nicht aufgehoben,
wir können uns auch an dir rächen
ohne dir 's Genick zu brechen.

Denn es kommt die rote Zeit,
wenn der Sklave sich befreit,
noch bevor deinen Kadaver
man verscharrt ohne Palaver.

Du wirst verurteilt, hundert pro,
zum Schrubben von Pissoir und Klo,
dann kannst du weiter spekulieren
über den Wert von Wertpapieren.


 Übersetzung Jaap Hoepelman Fassung September 2020

Sonntag, 9. November 2025

Nijhoff als Übersetzer


Martinus Nijhoff 1894-1953

Der Dichter Martinus Nijhoff war auch ein großer Übersetzer.
Eine seiner Übersetzungen, das 250. Sonett aus Francesco Petrarcas Canzoniere, hat er im Gedichtepos Awater versteckt. Awaters Lied findet sich in dem Teil des Epos, das im "i-Modus" geschrieben ist: Jede Zeile endet auf einen i-Klang. Ich habe versucht auch die deutsche Übersetzung im "i- modus" aus zu führen.

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Petrarca

Stets hat sie mich getröstet, stets hat sie, als ich schlief
mit ihrer Ankunft sich gesorgt um mich
die Angebetete; doch heute kommt sie und zerbricht
den letzten Halt, der im Verlust mir blieb.
Ich seh sie vor mir, wie sie kniet danieder
in tiefem Kummer, angstvermischt;
ich hör', wie sie vom Glauben spricht,
doch Freude oder Hoffnung bringt's nicht wieder:
"Erinnerst du dich an den letzten Abend, als ich dich verließ,
ersparen wollt' ich dir die Tränen im Gesicht
als ohne Abschied ich die Welt verstieß?
Ich konnte nicht, ich wollte nicht dir melden den Bericht,
dass du begreifen musst, wie unser Urteil hieß:
Zu sehen hier auf Erden mich je wieder - hoffe nicht.

(Übersetzung J. Hoepelman)


Sonnetto 250

Solea lontana in sonno consolarme
con quella dolce angelica sua vista
madonna; or mi spaventa et mi contrista,
ne di duol ne di tema posso aitarme;
che spesso nel suo volto veder parme
vera pieta con grave dolor mista,
et udir cose onde 'l cor fede acquista
che di gioia et di speme si disarme.
"Non ti soven di quella ultima sera
dice ella " ch'i' lasciai li occhi tuoi molli
et sforzata dal tempo me n'andai?
I' non tel potei dir, allor, ne volli;
or tel dico per cosa experta et vera:
non sperar di vedermi in terra mai".

Samstag, 17. Februar 2018

Das zweitbeliebteste Gedicht


Nijhoffs Gedicht "De moeder de vrouw" (die Mutter die Frau) wurde in einer Umfrage zum zweitbeliebtesten Gedicht der Niederlande gekürt. An erster Stelle stand, bezeichnenderweise, ein Gedicht mit der gleichen Thematik. Breite Flüsse, die unendlich weite Landschaft, die dadurch hervorgerufene Seelen- und Gefühlslage. Die Anfangszeile des Gedichts "Ik ging naar Bommel om de brug te zien." kennt in den Niederlanden fast jeder (so war es wenigstens mal). Bommel, das nur nebenbei, ist die kleine Stadt, wo sich die Brücke befindet. Nijhoff ruft eine überreiche Bilder- und Bedeutungslandschaft hervor, in der Umgangssprache zwar, aber in makelloser Sonettform. Geht es hier um Leben und Tod, getrennt durch den Fluss des Lebens? Die Brücke als Verbindung zwischen beiden? Die Frau beim (nicht "am") Schiffsruder - sie lenkt also nicht wirklich und wird vielmehr fortgetrieben, wie jeder versteht, der mal im Rhein versucht hat zu baden? Wer lenkt das Schiff? Wie jeder im Fluss des Lebens von Gott fortgetrieben wird?
Die Brücke war für die damalige Zeit ein technisches Meisterwerk, und das Gedicht schlägt zwischen erster und letzter Zeile eine Brücke zwischen Technik und Gott - so kann man es auch lesen. So kann man nicht nur, so sollte man es lesen. Nicht im Sinne von "es geht hier um", das war nicht richtig ausgedrückt. Aber das Kaleidoskop von Bildern, Gefühlen und Gedanken bei der Betrachtung einer niederländischen Landschaft, das darf man sich schon leisten.



    

Die Eisenbahnbrücke bei (Zalt)bommel


 Martinus Nijhoff (1894-1953)

          Die Mutter die Frau
 (1933)

Ich zog nach Bommel, die neue Brücke sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Gegenseiten
die einmal einander wollten meiden,
wurden wieder Nachbarn. Minuten, vielleicht zehn,
dass ich dort lag, im Gras; meinen Tee getrunken,
mein Kopf gefüllt mit Landschaft weit und breit -
dass unvermittelt inmitten der Unendlichkeit
mir eine Stimme in den Ohren hat geklungen.

Eine Frau war es. Das Schiff auf dem sie fuhr
fuhr langsam mit dem Strom unter der Brücke durch.
Sie war allein am Deck, sie stand beim Ruder,

und was sie sang, dass hörte ich, das Psalmen waren.
O, dachte ich, o, dass da die Mutter würde fahren.
Preise Gott, sang sie, Seine Hand wird dich bewahren.


Übersetzung Jaap Hoepelman November 2017

De moeder de vrouw

Aus: Verzamelde gedichten
Amsterdam, Bert Bakker, 1978

Die Erweiterung der alten Brücke wurde 1933 eingeweiht. Sie war also
zur Entstehungszeit des Gedichts wirklich neu.
Den Krieg hat sie nicht unbeschädigt überstanden.
Sie wurde wieder instand gesetzt und viel später
durch eine Neukonstruktion ersetzt.

  Afbeeldingsresultaat voor bommelse brug


            

Afbeeldingsresultaat voor bommelse brug
 Die neue Brücke wurde zu Ehren des Dichters "Martinus Nijhoff Brücke" getauft.

Dienstag, 13. Februar 2018

Nijhoff, dèr Mouw, Awater und Adwaita.


                                                                                                                     
Nach Nijhoffs geballter Poesie wenden wir uns kurz Adwaita (1863-1919) zu, der mit dem Namen Awater vielleicht mehr zu tun hatte, als wohl gedacht wird. Johan Andreas dèr Mouw (Adwaita) war Sprachwissenschaftler, Philosoph und Dichter. Sanskrit war eine der Sprachen, die er studierte neben Latein und Griechisch. "Adwaita" bedeutet soviel wie Nicht-Doppelheit, Nicht-Dualität, Einheit: Sanskrit "a-dwaita" - "Nicht-Zweiheit". (im Wortstamm "dwai" ist unschwer "zwei" zu erkennen). Das "A-" in "Awater" war Nijhoff  nicht fremd: Nijhoff und dèr Mouw hatten eine Beziehung, in der Philosophie und Poesie eine große Rolle spielten bis zu dèr Mouws Tod in 1919.
Das Streben nach Einheit in allem, wie es dèr Mouws Pseudonym ausdrückte, war schwer durchzuhalten und die Zweiheit von  täglichem Leben und absolutem Sein konnte einen wie dèr Mouw, der ein brillianter aber schwieriger, in verschiedener Hinsicht gespaltener Mensch war, und zudem Brahman, schier zur Verzweiflung bringen:


       


Johan Andreas dèr Mouw (1863-1919)


Ich bin Brahman
*
Ich bin Brahman
*
Ich bin Brahman. Aber die Magd kommt nimmer.
So schaffe ich zuhause das Bisschen, das ich kann:
Spülwasser schütt' ich fort und befülle neu die Kanne;
nur hab' ich keinen Lappen und ich verschütte immer.

Síe sagt, die Arbeit taugt ja nicht für einen Mann.
Ich komm' mir hilflos vor und sie tut mir so Leid,
wenn sie die lang verwöhnte praktische Unfähigkeit
verwöhnt mit allem was sie in der Pfanne zaubern kann.

Und stets verehrt' ich Ihn, der stetig sich erweitert
Im Zauberwerk der Welt, der Kunst, des Wissens:

wenn sie mir reicht den Teller Haferbrei,
und ich an ihren Fingern seh' die Risse,

dann fühle ich die gleiche Andacht brennen
für Sonne, Bach, und Kant, und ihre schwiel'gen Hände.

Johan Andreas dèr Mouw (1863-1919)
Uit: Volledig dichtwerk (1986) Uitgever: G.A. van Oorschot , Amsterdam

Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2017, 
Mai 2019 mit Anregungen von Paul Claes.



Donnerstag, 3. Oktober 2024

Nijhoff: Das Lied der törichten Bienen.

 



Ähnliches Foto



Das Lied der törichten Bienen ist ein Klassiker der niederländischen Poesie. Die Sprache ist manchmal exaltiert, aber bleibt trotzdem in der Nähe der Umgangssprache. Das Gedicht ist dermaßen mit Bildern, Metaphern und Assoziationen aufgeladen, dass es viele Generationen Niederlandisten in Lohn und Brot gehalten hat. Das Gleichnis der Bienen geht sowieso zurück bis auf die Antike, wie das des Dichters, der bis zur Selbstvernichtung das Höhere anstrebt. Das Reimschema, eine Verkettung a-b-aa, b-c-bb, c-d-cc , usw., wie aneinander geschaltete Glieder einer Kette erinnert an die "Scala Naturae", "die große Stufenleiter der Natur". Aufstieg und Fall des Ikaros! Zu dicht an die Sonne geraten! Der fallende Schnee, der ewige Kreislauf der Natur, des Weltalls meinetwegen...

(Andere Gedichte Nijhoffs in diesem Blog: Awater, Het Uur U, De Moeder de Vrouw)


                  Martinus Nijhoff  (1894-1953) 
                  
1925


            
      Das Lied der törichten Bienen                             


Ein Duft von höhrem Seim
verbitterte die Blumen,
ein Duft von höhrem Seim
trieb uns aus unsrem Heim.

Der Duft, und leises Summen,
im Himmelblau gefroren,
der Duft, und leises Summen,
ein stetig früh Verstummen

riet uns, Gedankenlosen,
die Gärten aufzugeben,
rief uns, Bedenkenlosen,
zu rätselhaften Rosen, 

weit weg von Volk und Leben,
auf Abenteuer aus,
weit weg von Volk und Leben,
jauchzend hinauf zu schweben.

Niemand stellt von Natur aus
sich seinem Trieb entgegen,
niemand hält von Natur aus
leibhaft den eignen Tod aus.

Stets heftiger erlegen
und strahlender erleuchtet,
stets heftiger erlegen
dem Zeichen zu begegnen

stiegen wir, entfleuchend,
entführt, verklärt, entdorben,
stiegen wir, entfleuchend,
als Glitzerungen leuchtend -

Es schneit, wir sind gestorben,
heimwärts hinab gerieselt -
es schneit, wir sind gestorben.
Es schneit auf unsrem Korbe.

Übersetzung Jaap Hoepelman 
Oktober/November 2020

Sonntag, 4. März 2018

Die Mutter das Wasser. Kopland und die Mutter die Frau.

Afbeeldingsresultaat


Rutger Kopland nahm Nijhoffs "Die Mutter die Frau" als Vorlage für eine Fürbitte für seine Mutter. Es lohnt sich Koplands Gedicht mit dem Nijhoffs zu vergleichen (Post 17.02.2018, hierunter übersetzt noch einmal abgedruckt).
Kopland war Psychiater (wie auch die Dichterin Vasalis) und Professor an der Universität Groningen, einer der beliebtesten neueren Dichter, Träger einer Reihe literarischen Preise, unter denen der P. C. Hooftpreis für das Gesamtwerk.

Rutger Kopland (Rutger Hendrik van den Hoofdakker. 1934-2012)


Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, kleines Pils genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.

Rutger Kopland
Aus: Tot het ons loslaat
Amsterdam, Van Oorschot, 1997

De moeder het water


Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018.




Die Mutter die Frau (1933)

Ich zog nach Bommel, die neue Brücke sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Gegenseiten
die sich einmal schienen zu vermeiden,
wurden wieder Nachbarn. Minuten, vielleicht zehn,
dass ich dort lag, im Gras, meinen Tee getrunken,
mein Kopf gefüllt mit Landschaft weit und breit -
dass unvermittelt inmitten der Unendlichkeit
mir eine Stimme in den Ohren hat geklungen.

Eine Frau war es. Das Schiff auf dem sie fuhr
fuhr langsam mit dem Strom unter der Brücke durch.
Sie war allein am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie sang, dass hörte ich, das Psalmen waren.
O, dachte ich, o, dass da die Mutter würde fahren.
Preise Gott, sang sie, Seine Hand wird dich bewahren.

Martinus Nijhoff (1894-1953)

Uit: Verzamelde Gedichten
Uitgever: Bert Bakker, 4de dr. 1974

Übersetzung Jaap Hoepelman November 2017


Sonntag, 22. September 2019

Joost Baars


Bildergebnis für joost baars
1975 -

Nach den vielen hier vorgestellten aber toten Dichtern(m/w/d) wollte ich meine Aufmerksamkeit etwas mehr den heutigen Dichtern(m/w/d) der niederländischen Sprache zuwenden, aber so leicht entkomme ich der Geschichte und den "niederländischen" Themen nicht.
In 1784, wir sind wieder zurück in den aufgeklärten Zeiten eines Antoni Staring, wurde von einigen Bürgern "De Maatschappij tot Nut van 't Algemeen", die "Gesellschaft zum Nutzen der Allgemeinheit", gegründet. Die Gesellschaft strebte danach, den allgemeinen Wohlstand zu erhöhen durch die Entwicklung des Allgemeinwissens, durch Gründung von Schulen, Bibliotheken, einer nicht-gewinnorientierten Sparkasse und sonstigen wohllöblichen Maßnahmen. Auch künstlerische Aktivitäten wurden gefördert und die jeweiligen Nachfolgeorganisationen der Sparkasse verwalten bis zum heutigen Tag Fonds zur Unterstützung der Kunst und der Künstlern. 


Tagung der "Gesellschaft" in der 
alten lutherische Kirche zu Amsterdam,
1791

Der VSB-Preis* für die beste Neuerscheinung des Jahres wurde 2018 Joost Baars verliehen. Baars ist Buchhändler, er dichtet, schreibt Essays und gibt Anthologien heraus. Obwohl er sich nach eigenem Bekunden keiner der offiziellen Kirchen zugehörig fühlt, wird es jedoch treuen Lesern dieses Blogs sehr bekannt vorkommen, dass die religiöse Einstellung, die die Kultur der Niederlande zum größten Teil ihrer Geschichte charakterisiert, auch in den Motiven der "Kosmologie der Brücke" mühelos wieder zu erkennen ist. Ich kann keine detaillierte Gedichtanalyse betreiben, aber soviel ist klar: Baars verbindet Alltagsleben und Religion, Leben und Tod mittels Begriffe der neueren Physik, eingebettet einer biblisch anmutenden Sprache (z.B. Jesaja 43.1 "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du bist mein!") - und nicht zuletzt die eigene Panik, womit wir bei einem festen Moment der neueren niederländischen Dichtung wären, wie bei Nijhoff, Hanlo, Elsschot oder Achterberg.
Baars neues Gedichtband und insbesondere dieses Gedicht erwiesen sich als großer Erfolg, und wie ich glaube, zurecht.

Kosmologie der Brücke

da öffnete sich unter ihr in was genannt wurde Brücke ein Wurmloch

da erfasste die Materie die wie selbstverständlich sie umgab         
             Wohnraum Leuchte Laminat Tisch Bücherbrett
              und Zelle um Zelle das Gewebe in dem sie war verfasst

      sie griff sich an den Polen fest

da in der Schwerkraft das was genannt wird Schwerkraft
             woraus was uns gründet entliehen wird
             wie ein Magnetfeld rundum den Planeten
             das dem zum Schluss nicht widersteht

da 112te ich die Sprache die ich hatte
             die Adresse (und es gab)
             den Krankenwagen (und er kam)
             es ist ihr Herz (sie war noch da)
             das wegfällt (Wurmloch)

da klang die Stimme und es war Zeit
             genug für das was sich vollziehen musste

da lag sie auf dem Teppich wie ein Neugeborenes
             das ohne Namen auf den Nenner wartet

Joost Baars (1975)

Kosmologie van het Tapijt

Aus: Binnenplaats (2017),
Verleger: Van Oorschot.

* VSB: Die "Verenigde Spaarbanken"

Übersetzung Jaap Hoepelman, September 2019.

Freitag, 29. März 2024

Jan van Nijlen, Antwerpen 1884 - Vorst1965


Dieses mal ein Dichter, der altmodisch unprätentiös war, mit einem leichten Zug ins Ironische, wie alle Romantiker. Er wird nicht mehr viel gelesen, aber wer liest denn überhaupt noch Dichter?

Das Leben des flämischen Dichters Jan (Joannes-Baptista Maria Ignatius) van Nijlen war spektakulär unspektakulär, etwas, das ihm von einigen seiner Biografen fast verübelt wird, denn wie eine packende Biografie schreiben, wenn skurrile Extravaganzen, appetitliche Verhältnisse, politische Fehlgriffe oder dramatische Ausflüge in die experimentelle Dichtung fehlen? Dabei hatte van Nijlen intensive Kontakte insbesondere mit niederländischen Kollegen, auch mit den prominentesten. Wir sehen ihn hier im literarischen Treffpunkt Schloss Gistoux, mit Kollegen Greshoff, Heller und du Perron

An einer Reihe flämischer und niederländischer Zeitschriften und Zeitungen arbeitete er mit. Als élève des Jesuitischen Collège Notre Dame (wo Flämisch sprechen verboten war), war er ein Kenner der französischen Sprache und Literatur, berichtete über französische Neuerscheinungen in der niederländischen Presse und schrieb Monografien. Nach seinem Verbleib in den Niederlanden, wo er bei Freund Greshoff Zuflucht gesucht hatte, als Antwerpen im ersten Weltkrieg unter deutschem Beschuss lag, fand er eine Anstellung als Übersetzer im Brüsseler Justiz-Ministerium, wo er nach und nach ganz regulär aufstieg zum Direktor der Übersetzungsabteilung. 

Dramatisches trug sich in seinem Leben dann doch durchaus zu. Sein Sohn wurde im zweiten Weltkrieg von der Gestapo verhaftet und starb 1945 im Außenlager Ellrich. Neben einer Unmenge Umzügen gibt es, zum Leidwesen der Literaturkritiker, außer dieser Katastrophe tatsächlich wenig zu berichten. Es hat ja auch gereicht. 

Nach einem anfänglich blumig-poetischen Stil in der Tradition der Achtziger entwickelte van Nijlens Sprache sich immer mehr in der Richtung des Parlando, wie es du Perron, Greshoff und Nijhoff betrieben. Bericht an die Reisenden ist dafür ein gutes Beispiel. Van Nijlen legt dar, dass auch der ganz durchschnittliche Mensch, auf ganz normalem Wege zu wunderbarer Poesie geraten kann. Und tatsächlich: Wer von den wenig gelesenen Dichtern hat schon eine der berühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur geschrieben, verewigt als Wandmalerei mitsamt dem dazugehörigen Gedicht im Antwerpener Zentralbahnhof, einem der schönsten Bahnhöfe Europas? Wie der Dichter sagt: Es führen viele poetische Wege nach Rom.





An offizieller Anerkennung hat es dann doch nicht gemangelt. Van Nijlen empfing unter anderem den belgischen Staatspreis und den niederländischen Constantijn Huygenspreis. Es kennzeichnet ihn, dass er bei keinem der Ehrungen (es gab mehr als die hier genannten) je persönlich erschien.


Bericht an die Reisenden


Steig' nie in einen Zug ohne Dein Gepäck mit Träumen:

Du schläfst in jeder Stadt in ordentlichen Räumen.


Sitz ruhig und geduldig, lass' das Fenster auf

Du bist ein Reisender, und keinem fällst Du auf.


Finde im Deinem Damals den Kinderblick zurück,

schau  unbestimmt und scharf, traumhaft und verzückt.


Und was Du wachsen siehst, die frische Frühlingsschicht, 

sei überzeugt: Es ist für Dich, für andre nicht.


Und wenn ein Handelsreisender tut seine Meinung kund,

und sei es über Filmzensur: Gott lächelt und Er wählt die Stund'.


Grüße in seinem Schalter zuvorkommend den Bahnhofsvorstand,

denn ohne seine Pfeife fährt kein einziger Zug ins Land.


Doch fährt der Zug nicht ab, lass' es nicht Schade sein 

um Deine Lust und Hoffnung und Deinen teuren Fahrschein,


behalte ruhig Blut und öffne Dein Gepäck; schöpfe aus dem Befund

und Du wirst spüren: Du verlierst nicht eine Stund'.


Und hält der Zug an einem sonderbaren Ort,

von dem Du nie gehört hast, noch mit keinem Wort,


dann ist das Ziel erreicht, und Du begreifst, was Reisen

heißt für die Verirrten und die wahren Weisen...


Sei nicht erstaunt, dass Du vorbei an Normwald, auf normalen Gleisen

im stinknormalen Zug, zum Herzen Roms kannst reisen.


Jan van Nijlen

Bericht aan de reizigers

Aus Verzamelde gedichten 1903-1964 

Uitg. v. Oorschot


Übersetzung Jaap Hoepelman März 2024

Sonntag, 25. Februar 2018

De Dapperstraat

 Afbeeldingsresultaat



 Jacques Bloem (gesprochen "Blum") gehörte mit dem gleichaltrigen P.N. van Eyck zur - grobgerechnet - gleichen Generation wie van Ostaijen und Nijhoff. Verlust, Sehnsucht, unerreichtes Verlangen waren Themen eines Mannes, der, wie man sagte, mit 16 schon den Eindruck eines Greises machte. Für fleißige amtliche Tätigkeiten war er, der mit Mühe sein Jurastudium abgeschlossen hatte, wahrlich nicht geeignet. Er lebte für die Literatur und für seine Poesie, an der er unablässig schliff.  In 1949 bekam er den Constantijn Huygens Preis für sein Gesamtwerk. Er behört zu den am meisten geliebten Dichtern der Niederlande, seine gesammelten Gedichte sind (laut Königlicher Bibliothek) bis heute 18 Mal neu aufgelegt worden.  Ich habe versucht ein wenig weg zu kommen vom Thema Tod und Trauer und ausgerechnet bei Bloem bin ich fündig geworden. "Schlichtweg glücklich" ist der Anfang der letzten Zeile seines Sonetts "De Dapperstraat". Dazu muss man wissen, das de Dapperstraat im Osten Amsterdams die traurigste, heruntergekommenste Häuserschlucht war, die man sich nur vorstellen kann. Wer das braucht zum Glücklichsein - ist Bloem. "Kennen Sie fröhliche Musik? Ich nicht.", scheint Schubert einmal gesagt zu haben. Bloem hätte es über seine Poesie sagen können.



 Jakobus Cornelis (Jacques) Bloem (1887 – 1966)
 1945.
De Dapperstraat

Natur ist für Zufriedene und Leere.
Zumal: Was ist Natur in diesem Land?
Ein Wald wie eine Zeitung und am Rand
Zwei Villen und nur Ortsverkehre.

Dann sind mir lieber in der Stadt die grauen Wege,
Die Grachten in der Kaiwand eingepasst.
Die Wolken sind am schönsten wenn sie umfasst
Von Gauben sich durch die Luft bewegen.

Alles ist viel für den, der wenig Hoffnung hegt
Die Wunder dieses Lebens sind verborgen
Bis sie sich plötzlich zeigen in ihrer wahren Art.

Dies habe ich mir nämlich überlegt
Verregnet an einem miesen Morgen,
Schlichtweg glücklich in De Dapperstraat.


J.C. Bloem (1887-1966)
Übersetzung Jaap Hoepelman Oktober 2017

Dapperstraat

Das Bild zeigt de "Vrolikstraat" ("Fröhlich-Straße") im gleichen Viertel. Nicht die "Dapperstraat". Aber ich fand es irgendwie passend.

Afbeeldingsresultaat voor "De Dapperstraat"


Im allmählig veryuppende Dapperviertel wird Bloem inzwischen an einer Häuserwand geehrt:






Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Gedicht des Monats

J.H. Leopold 1865 - 1925 In meinem Beitrag über Ida Gerhardt zitierte ich ein Gedicht ihres Lehrers Leopold, eines der vornehmsten Dichter  ...