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Freitag, 23. Februar 2018

Hans Andreus. Das letzte Gedicht.



 Ã„hnliches Foto


"Das letzte Gedicht" schreibt Andreus auf seinem Sterbebett.  Er findet zurück zum Sonett, eine Form, die auf strenge Einhaltung der Formalien beruht. Andreus beherrscht sie frei und ohne Probleme, aber an einer Stelle macht er einen kleinen Sprach"fehler", den ich persönlich das Berührendste finde vom ganzen Gedicht. "Dit wordt het laatste gedicht wat ik schrijf,". Die Standardsprache (ABN, Algemeen Beschaafd Nederlands, Allgemeingültiges Zivilisiertes Niederländisch - das gibt es) verlangt Relativpronomen "dat" statt "wat" an dieser Stelle. Aber es war ihm egal. Ihm fehlte einfach die Kraft, daran noch etwas zu ändern in seiner Ansprache an den Herrn. Ich habe für die Übersetzung das Pronomen "wo" gewählt. Ich habe es in der Form häufiger im Schwäbischen gehört und habe mich früher darüber gewundert. Die können wohl kein Deutsch, meinte ich. Ich lag natürlich falsch. Alles, nur kein Hochdeutsch, wurde ich später von offizieller Seite belehrt.
"wo bleibe ich mit diesem Licht von mir" spricht ein ständig wiederkehrendes Thema von Andreus an, das ihn fast bis zum Wahnsinn beherrschte. Sie finden es z.B. auch im "Maulwurf", vom vorherigen Blogpost.


Hans Andreus
(Johan Wilhelm van der Zant)
1926-1977

Das letzte Gedicht

Dies wird das letzte Gedicht wo ich schreibe,
jetzt wo mein Leben fast vorbei ist,
ist mir die Schöpferwut etwas verleidet:
es wütet mir der Krebs im Leibe,

und, Herr (so sprech' ich dich mal wieder an,
obwohl Du mir nicht recht vorstellbar bist,
aber ich quassle lieber einen an
als nur so in den Raum und es ist

derart am leichtesten mit Dir zu sprechen),
wie nun weiter, wo bleibe ich mit diesem Licht
von mir, von Dir, wenn das Fallen, weg in

das unvermittelt Unbenennbare beginnt?
Oder, dass Du mir unverdichtest
Ein ungesagtes Wort, das Du erfindest?




Aus: VERZAMELDE GEDICHTEN (ed. Gerrit Borgers, Jan van der Vegt en Pim de Vroomen) (1983)
Uitgever: Bert Bakker, Amsterdam 


Laatste Gedicht


Übersetzung Jaap Hoepelman Dezember 2017

Montag, 9. März 2026

Murren gegen die Sterne

Luuk Gruwez


Die Religion hat in der Poesie der Niederlande ("Niederlande" im weitestem Sinne) immer eine beherrschende Rolle gespielt, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts paradoxerweise auch dadurch, dass man Gott anzweifelte oder Ihm Vorwürfe machte, sogar vorwarf, dass Er nicht existiere, oder Ihn ansprach mangels besserer Alternativen. 
Als Beispiele gebe ich hier ein Fragment aus  Multatulis "Gebet des Unwissenden", sowie Andreus "Das letzte Gedicht" und Koplands "Die Mutter das Wasser":

Multatuli

Gebet des Unwissenden
...
...
So wimmert der Unwissende am selbstgewählten Kreuz,
und windet sich in Schmerzen und jammert, dass ihn durstet...
Der Weise - er, der weiß...der Gott wohl kennt - verhöhnt den Toren,
Und überreicht ihm Galle, jauchzt: "Hört her, er ruft den Vater!"
Und murmelt: "Dank o Herr, dass ich nicht bin wie er!"
Und singt den Psalm: "Wohl dem, der in gottlosem Rat
Nicht wandelt, nie Schritte auf dem Weg der Sünder tat..."
Der Weise...sich zur Börse schleicht, und schachert Wertpapiere.

Der Vater schweigt...O Gott, es gibt Gott nicht!
===

Andreus

Das letzte Gedicht

Dies wird das letzte Gedicht, wo ich schreibe,
jetzt wo mein Leben fast vorbei ist,
ist mir die Schöpferwut etwas verleidet:
Es wütet mir der Krebs im Leibe,

und, Herr (so sprech' ich dich mal wieder an,
obwohl Du mir nicht recht vorstellbar bist,
aber ich quassle lieber einen an
als nur so in den Raum und es ist

derart am leichtesten mit Dir zu sprechen),
wie nun weiter, wo bleibe ich mit diesem Licht
von mir, von Dir, wenn das Fallen, weg in

das unvermittelt Unbenennbare beginnt?
Oder, dass Du mir unverdichtest
Ein ungesagtes Wort, das Du erfindest?
===


Kopland

Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, kleines Pils genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
Halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.



Mein über alles Lob erhabene Gedichte-Abo schickt mir jetzt ein Gedicht des mir noch unbekannten belgischen Dichters Luuk Gruwez, das ohne Zweifel zur Tradition des "Motzen über Gott" gehört. "Gläubiges Gebet", so habe ich gelesen, ist ein Lehrbegriff für aufrichtige, mit innerer Überzeugung gesprochene Gebete. Paradox...ich sagte es schon.

 Gläubiges Gebet

Du glaubtest wohl, das Ganze voll im Griff zu haben,

doch mehr als Himmel und Erde bewegen

konntest Du nicht. Wie hast Du mich mit Haken 

und Ösen zusammen geflickt: Siehe beispielsweise

den Reißverschluß an einer Seele, der weder zu- noch aufgeht?


Ich konnte also nicht anders, als Dir ähnlich sein. Manchmal

erfolgreich, öfters stümpernd mit meinem viel zu schnell

vermatschten Genie. Heil sind wir natürlich nie,

außer mit einem intus, immer auf der Suche

nach einem Splitter in einem Finger oder nach nichts,


erhältlich in den traurigsten Kneipen auf Erden.

Außerdem, lieber Gott, fange ich an zu glauben, dass Du

kaum an Dichselber glaubst. So grenzenlos bist Du,

dass Du Dir an einem blöden Tag, verirrt in Deinem

Selbstgeschaffenem, nichts mehr merken kannst:


höchste Zeit für Dich, um uns zu lieben.


Luuk Gruwez
aus: Morren tegen de sterren (Querido, 2026)

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2026

Samstag, 2. August 2025

Jeremias de Decker und der Hexenglaube

 



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Rembrandt, Porträt
des Jeremias de Decker 1609-1666

1782 wurde Anna Göldi in Glarus in der Schweiz als letzte Hexe in Europa verbrannt. Das war fast 100 Jahre nachdem in Amsterdam 1691 Balthazar Bekkers "Betoverde Wereld" erschienen war (1693 auf Deutsch als "Die Bezauberte Welt" veröffentlicht)

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Balthazar Bekker
1634 - 1698

Bekkers Fundamentalkritik wurde in ganz Europa eifrig  studiert. Sein Buch wurde ihm aber von der reformierten Kirche nicht in Dank abgenommen. Die Kirche setzte ihn als Prediger ab und schloss ihn vom Abendmahl aus. Der Oberbürgermeister von Amsterdam jedoch, der Mathematiker Johannes Hudde, bestimmte, dass Bekkers Gehalt weiterhin bezahlt wurde, was diesem ermöglichte zu überleben und zu arbeiten.
Noch einmal fast hundert Jahre früher, 1603, fand in der Provinz Holland die letzte Hexenverbrennung statt. Das Gedicht von Jeremias de Decker zeigt, dass Kritik am Hexenglauben sich wenig später allgemein verbreitet hatte. 
De Decker war Händler in Gewürzen und auch der Mennonit Abraham Palingh, zu dessen Traktat de Deckers Gedicht die Einleitung darstellte, war ein kleiner Kaufmann. 



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Palinghs "Maske der Zauberei abgerissen"

Kritik am Hexenglauben hatte es immer schon gegeben, sie kam aber von gelehrten Theologen und Doktores der Medizin. Das besondere an de Decker und Palingh war, dass sie nicht zur intellektuellen Elite gehörten, wobei de Decker sich durchaus zum geachteten und erfolgreichen Dichter entwickelt hatte. Beide waren eben Kaufleute in einer Republik von Kaufleuten, die mit der nüchternen Überprüfung von Rechnungen, Menge und Qualität von Gütern und der Zuverlässigkeit von Atlanten beschäftigt waren - nicht mit Hexengeschichten. Dazu kam, dass die Wissenschaft sich inzwischen sprunghaft entwickelt hatte. Es war die Zeit, dass man anfing, genau wahrzunehmen. Nicht länger nahm man fantastische Geschichten begeistert oder verängstigt hin, sondern man traute sich, einfach hinzuschauen, auch wenn es um Dinge ging, die eng mit Aberglauben und Ängsten verbunden waren. Zu Deckers Zeiten entdeckte Leeuwenhoek mit seinem Mikroskop Samenzellen, Bakterien im Mundschleim und vieles andere mehr, ohne Scheu vor den magischen Eigenschaften der Flüssigkeiten. Auch Leeuwenhoek war "nur" ein Kaufmann, und er entschuldigte sich in Briefen an die Royal Society ausführlich dafür, dass er nur Niederländisch konnte und kein Latein. Die Lage erinnert ein wenig an die Gründung der HBS in 1863.                                     
Der Arzt Swammerdam analysierte mit Hilfe des Mikroskops die Anatomie der bis dahin als wenig interessant betrachteten Insekten, entdeckte die roten Blutkörperchen, Ovarialfollikel, Kontraktion des Froschmuskels usw., usw.,


Bildergebnis für swammerdam



während Huygens, der kühle Physiker, die Ringe des Saturns, des Planeten der Alchimisten und Magier, beobachtete und den Mond Titan entdeckte, womöglich mit von Spinoza geschliffenen Linsen. Auch entwickelte er die Pendeluhr, unerlässlich für die genaue Wahrnehmung in naturwissenschaftliche Experimente und für genaue Positionsbestimmungen auf See.

      Bildergebnis für huygens pendeluhr

Hudde war kein unbedeutender Mathematiker. Er korrespondierte u.a. mit Leibniz, Newton, Bernoulli, Huygens und Spinoza. Er half seinem ehemaligen Kommilitonen Johan de Witt, dem "Raadspensionaris" (Premier) der Niederlande, mithilfe von Logarithmentafeln neuartige Tabellen für die Lebensversicherung zu entwickeln. Auch bestimmte er Methoden, die optimale Zuladung der VOC-Schiffe zu berechnen. Es waren keine guten Zeiten für den Hexenglauben: Aus einer breiten Schicht der Bevölkerung gingen Appelle an die Vernunft hervor, wie in diesem Gedicht aus 1659, 11 Jahre vor der Erscheinung von Spinozas Tractatus Theologico-Politicus und lange bevor die Aufklärung sich in gelehrten Kreisen verbreitet hatte.
Die Geschichte von Balthazar Bekker und der reformierten Kirche zeigt aber, dass noch ein langer Weg zu gehen war, auch in Holland.



Auf Abraham Palinghs
"Die Maske der Hexerei abgerissen"


Warum verliert die Zauberei
Diese verfluchte Raserei
An den Orten ihre Macht,
Wo der Glauben hingebracht,
Und nicht Menschenfirlefanz
Will verdunkeln seinen Glanz,
Zwingt Vernunft und Schrift zu schweigen
Und zu tanzen nach Roms Reigen?
Weil der Deibel flieht die Klarheit
Der neu hergestellten Wahrheit,
Und den blendendhellen Tag
Sein Auge nicht ertragen mag?
Oder ist es, weil am Tiber
Man mit Aberglaubenfieber
Geschäfte macht und dreist
Träufelt in den schlichten Geist
Einfacher Laien ohne Schrift
Ständig ein das Zaubergift,
Damit die Traum- und Lügenlehre
Man beständig hält in Ehren?
Ja, das ist es, das der Grund,
Dass in Rom zu jeder Stund'
Man ständig mit Papisten eifert,
Ständig gegen Hexen geifert,
Foltert, mordet außer Rand und Band!
Wenn doch nur Richter mit Verstand
Sich ernsthaft würden überlegen:
Nichts davon kann man belegen!
Und anstatt von Pfaffenthemen
Die Vernuft als Richtschnur nehmen;
Und nicht länger rasend schänden
Ihr Gewissen, dabei die Hände
Tunkend, blind, in wilder Wut,
In Strömen von unschuld'gem Blut!
Ihr schrägen Richter am Gericht,
Glaubt Ihr denn die Wahngeschicht',
Die Märe, dass ein armes Weib
Mit weichem Herz und schwachem Leib,
Ängstlich Schrecken meidend, Grauen,
Sich wohl tollkühn würde trauen
Sich mit dem Teufel einzulassen,
Erlauben ihm sie anzufassen
Und sie wäre dann im Stande
(Welch' verleumderische Schande!
Wie sie gottloser nicht sein kann!)
Zu bewirken, was nur Gott kann?
Wem, ja wem um alles in der Welt
Solcher Kinderkram gefällt?
Doch warum weilt Ihr noch hier?
Sucht Bescheid bei Johan Wier,
Oder Scots gelehrte Bände
Nehmt einmal in eure Hände,
Nicht Spinäus, nicht Bodin:
Wendet euch zum Palingh hin,
Der der faulen Zaubergeschicht'
Die Maske reißt vom Angesicht;
Den ganzen Irrsinn zerrt ins Licht;
Der mit dem Aberglauben bricht,
Der im Gekrös' von Opfertieren,
Im Vogelflug und Tirilieren,
Und in den Linien der Hand
Nie ein Quentchen Wahrheit fand;
Der hirnverbrannte Ceromanten,
Hydromanten, Geomanten,
Das ganze Wünschelrutenpack
Steckt in den großen Lügensack.
Der Amuletten, Salben, Zauberbrei
Entlarvt als Mumpitz, Augenwischerei,
Und die Magier der Ahnen,
Dardanos, Zalmolxis, zeigt als Scharlatane.
Du Zauberrichter, wenn Du dieses liest,
Dein Tun Dich trotzdem nicht verdrießt,
Du Dich noch immer nicht bekehrst,
Stur Deinen Stiefel weiter fährst,
Willst immer noch den Deibel fangen
Mit Feuer und mit Folterzangen,
Dann sei Dir sicher und gewiss,
Dass der Fürst der Finsternis,
Der Dich spornt mit scharfen Sporen,
Dich fester hat bei Hals und Ohren,
Hockend tief in Deinen Eingeweiden,
Als diejenigen, die Deinen Feuertod erleiden.

J. de Decker.
1659


Übersetzung Jaap Hoepelman August 2019.


Ceromantie - Wahrsagerei mittels Würfeln.
Hydromantie- Wahrsagerei aus der Bewegung von Wasseroberflächen.
Geomantie - Wahrsagerei aus Sandfiguren.
Zalmolxis wurde von den Thrakiern als Gottheit verehrt. Sein Ehrendienst
ging einher mit einer Prozedur, darin bestehend, dass ein Bote mit verschiedenen Bitten zu Zalmolxis (der sich im Verborgenen hielt) geschickt wurde. Dann wurde der Bote in dazu aufgestellte Speere geworfen. Starb er, war er ein guter Bote gewesen. Starb er nicht, war er ein schlechter Bote und musste deswegen sterben. Die Ähnlichkeit mit der Wasserprobe für Hexen ist offensichtlich und wird auch de Decker nicht entgangen sein.
Dardanos war der mythische Vater der Trojaner. Er soll sich in einen Magier
verwandelt haben. Unter dem Titel "Schwert des Dardanos" war eine Anleitung
zur Herstellung magischer Amulette bekannt.
Spiräus, Bodin: Zwei fanatische Hexenjäger.
Johannes Wier, Reginald Scot kämpften gegen den Hexenglauben bereits im 16. Jahrhundert.


Afgeruckt Momaensicht







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Mittwoch, 28. Juli 2021

Jan Kal und der Mont Ventoux

                               Jan Kal 1946 - 

Nach dem Krieg  machte es für viele Dichter  (wie LodeizenKouwenaarLucebertAndreus) keinen Sinn, die althergebrachten Formen weiter zu betreiben. Andere (wie M. Vasalis und Gerrit Achterberg) blieben bei der Tradition und wurden auch weiterhin geschätzt. Trotzdem machte die Beherrschung des Handwerks in dieser Zeit oft einen etwas verschämten Eindruck und versteckte sich gerne unter der Maske der Spaßpoesie. In den Siebzigern aber gewannen Dichter, die Wert legten auf die Beherrschung des Metiers wieder an Selbstvertrauen, nicht zuletzt durch den Einfluss von Gerrit Komrij. Das Sonett (war es nicht immer ein Gipfel der Dichtkunst gewesen?) fand wieder Beachtung. Auch das letzte Gedicht des Hans Andreus, geschrieben auf dem Sterbebett, ist ein Sonett. Elemente der Spaßpoesie hatten aber ihren Einzug gehalten, darunter welche des Sports, der in akademischen Seminaren mit Verachtung bestraft wird. Sport findet man z.B. bei Scheepmaker und bei Jan Kal, dessen erstes Bündel Gedichte sogar eine Sportart im Titel trägt. Kal hat als Student der Medizin angefangen und sich dann aus romantischen Gründen aufs Dichten verlegt, romantisch wie Piet Paaltjens, an wie er mich irgendwie erinnert. Kal schreibt sogar fast ausschließlich Sonette. Schon sein erstes Gedicht, "Mont Ventoux", hierunter mein Versuch einer Übersetzung, ist ein Sonett:


                                                                             Der Mont Ventoux
        

                                                                         

                                                                                 

Jan Kal


Mont Ventoux

Dichten ist radeln auf dem Mont Ventoux,

hier steckte Tommy Simpson damals auf.

Todmüde in dem tragischen Verlauf

quälte sich der Weltmeister dem Endstrich zu.


An diesem Col sind viele abgehängt,

erste Kategorie, seitdem tabu.

Es riecht nach Tannenduft, Sunsilk Shampoo,

das braucht man, wenn man an den Abstieg denkt.


Es macht unendlich müde, alles was man tut;

der Mont Ventoux ist wohl die schlimmste Schinderei,

also, man überlege wohl, eh' man beginnt.


Doch schaffe ich, sogar in dieser Glut,

den Gipfel dieser kahlen Wüstenei:

Eitelkeit und Haschen nach dem Wind.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2021.


Aus: Jan Kal, Fietsen op de Mont Ventoux: (1974) Uitgeverij de Arbeiderspers



                        Denkmal für Tommy Simpson


                                                                                      Mont Ventoux: Höhenprofil


Dichtung, Sport, Leichtigkeit und Ernst lassen sich also sehr wohl mit einander in Verbindung bringen. Nicht umsonst hat Jan Kal als Thema für sein erstes Sonett den Aufstieg auf den Mont Ventoux gewählt: Petrarca, der Vater der Kunst des Sonetts hat 1336 die  Erstbesteigung des Mont Ventoux beschrieben und passend dazu aus den Bekenntnissen des Augustinus zitiert:

"Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber."

Das Sonett schließt, wie es sich gehört für einen niederländischen Dichter, mit einem Zitat aus Prediger 1,12 in dem man die Themen des Gedichtes gebündelt wiederfindet:

"Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind." 


Ich nehme an, dass es Jan Kal gefallen würde zu vernehmen, dass seine Gedanken auch in höchsten philosophischen Kreisen Zustimmung finden:

Sloterdijk: So um die zweieinhalb Stunden. Man muss wissen, dass der Mont Ventoux eine sehr bizarre abweisende Aura hat. Wenn man die Vegetationsgrenze erreicht, ist man plötzlich in einer lunaren Landschaft. Die Rennradfahrer spüren davon natürlich nicht viel, weil sie vor Anstrengung blind sind. Wir Amateure waren am letzten Aufstieg so phänomenal langsam, dass man ständig diese todeszonenhafte Stimmung des Gipfelbereichs gespürt hat. Wenn man dann auch noch an dem Denkmal für den armen Simpson vorbeifährt, der da 1967 kurz vor dem Gipfel verendete, ist man schon ziemlich demoralisiert und denkt für ein paar Sekunden über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nach.

Aus "Hundsgewöhnliche Proletarier", Interview mit Peter Sloterdijk, Der Spiegel, 07,07,2008,



Mittwoch, 16. Januar 2019

Hans Andreus und der heilige Sebastian.


Hans Andreus 
(Johan Wilhelm van der Zant)
1926 – 1977



Bildergebnis für hans andreus


Das Licht war ein großes Thema bei Andreus. Wir sind in Amsterdam. 
Fast naiv wie ein Kind, wie van Ostaijens Marc in "Marc grüßt morgens die Dinge" will Andreus das Morgenlicht grüßen, wohl wissend, dass das eigentlich nicht geht. Deswegen grüßt er lieber die Füße, das einzige, das man auf dem Gehsteig vor einer Amsterdamer Kellerwohnung von den Passanten wahrnehmen kann. Aber die Füße hören nicht, freuen sich nicht und hasten weiter. Die Dinge aber können sich freuen. Sogar das Wasser in der Gracht badet sich im Morgenlicht und wird heilig, 
wie der heilige Sebastian. Der Mann mit dem Heringskarren und die Heringe begrüßen das Licht, 
der Dichter selber stimmt in den Chor ein, aber es wird klar, 
dass es um mehr geht als um irgendeinen schönen Morgen und irgendein Licht. 
Wir haben keine Wahl. Es ist DAS LICHT. 3x "Wir müssen". Weil es das Morgenlicht ist, 
stärker noch, weil wir sonst nichts sehen, es ist unser Gesicht, und noch stärker: wir müssen uns beeilen, bald ist es vorbei. Andreus war kein Christ im herkömmlichen Sinne 
(vergleiche "Das letzte Gedicht"), aber der Bezug zu christlichen Vorstellungen liegt auf der Hand. 
Das ist der Punkt, an dem auch Sebastian und die Amsterdamer Grachten ins Spiel kommen. 
Der heilige Sebastian war Offizier der Leibgarde des Kaisers Diokletian. 
Er führte ein tadelloses Leben und bekehrte sich zum Christentum. Dies behagte Diokletian nicht, der Sebastian als Zielscheibe für seine nubischen Bogenschützen benutzen ließ, 
die Sebastian für tot an der Martersäule zurückließen. Doch Sebastian starb nicht, sondern wurde gerettet von der Witwe Irene ("Frieden"). 
Er gab seine Bekehrungsarbeit nicht auf und forderte dadurch Diokletian heraus. 
Dieser ließ Sebastian zu Tode peitschen, und den Leichnam in die "Cloaca Maxima" werfen. 
In der christlichen Ikonographie wird Sebastian als besonders hell und weiß dargestellt, um seine Reinheit und den Kontrast zur pestverseuchten Cloaca Maxima heraus zu stellen. 
Darauf beruht die Verehrung Sebastians als Schutzheiliger gegen die Pest und andere Seuchen.


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 Andreus' Gedicht stammt  aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wer in dieser Zeit das Pech hatte in eine Amsterdamer Gracht hinein zu purzeln, dem musste unverzüglich der Magen ausgepumpt werden, andernfalls er dringend auf die Hilfe des heiligen Sebastians angewiesen war. Es war im Übrigen ein durchaus nicht seltenes Ereignis, insbesondere nach Kneipenschluss. Der Vergleich mit der Cloaca Maxima war also nicht weit hergeholt. Wenn dieses Grachtenwasser so heilig werden konnte wie der heilige Sebastian, sogar befreit von Kleidern (ist es nur eine Metapher? was oder wer schwamm alles in den Grachten herum?), muss Andreus' Licht wohl gewaltige Reinigungskraft besessen haben.


Das Lied des Morgenlichts

Ich grüsse das Morgenlicht aber lässt es sich wohl grüßen
die Füße der Passanten lassen sich besser grüßen
wir müssen sagen sie trotz des Morgenlichtes
ich nicke zu nur Mut erheitert euch das Licht denn nicht
sie nicken auch sie glauben nicht und halten nicht

Das Morgenlicht beschäftigt sich jetzt mit den Dingen
der frischgewaschenen Straßenbahn den Schienen Gauben
den Fahrradlenkern Fenstern Oberleitung
an Morgenlicht können die Dinge glauben
das Wasser in der Gracht wird ohne Kleider an
so heilig wie der heilige Sebastian.

Und auch der Heringmann die Heringe auf dem Karren
sie rufen wie aus einem Mund wie selbstverständlich
das Morgenlicht herbei und auch ich selber ich grüße
das Morgenlicht aber lässt es sich wohl grüßen
wir müssen sagen wir dies ist das Morgenlicht
wir müssen sagen wir uns ist das Licht Gesicht
wir müssen sagen wir das Licht macht einmal dicht.


Aus: Muziek voor kijkdieren,

Bert Bakker, Amsterdam, 1983.


Übersetzung Jaap Hoepelman
Januar 2019

Het lied van het morgenlicht.

Samstag, 15. September 2018

Andreus. Dem Lieben Leser.

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Hans Andreus
(Johan Wilhelm van der Zant)
1926-1977


Dem lieben Leser

Wörter der Bequemlichkeit,
Wörter des rosigen Schlummers,
Die Zimmertapete aus pastellfarbenen Träumen,
das ist die Poesie, die Sie mögen.

Volierevögelchen flattern darin umher
und die Mädchen haben einen sehr süßen Hals
und der Dichter steht niemals vor Ihnen
als gekleidet im blassblauen Abendanzug
des Mondes.

Aber die Poesie, die will sagen,
dass unser aller Bruder der Mensch ist
ein elender Bruder,
eine kalte Schwester,
eine schlagende Erde -
und vielleicht auch eine ferne Sonne der Liebe,
aber diese nur zu betrachten mittels
eines schwarzen Scheibchens ins Auge gepflanzt,

diese Poesie
ist Ihnen schnell über, nicht wahr?

Und dass nur ein Kiesel
sieht, wie der Himmel sich paart mit der Erde,
das hörst du aber hörst du nicht -

und faltest die in sich verliebten Hände
und denkst ach ich, ach ja und amen.

Uit: Luisteren met het lichaam (1960)
Uitgever: De Beuk, Amsterdam


Voor de lieve lezer


Übersetzung Jaap Hoepelman 15.09.2018





Samstag, 4. März 2023

Nijhoff: Awater



 Bildergebnis für nijhoff

Der Niederländer Martinus Nijhoff (1894-1953) war gleich alt wie der Belgier van Ostaijen, aber ihre Werke könnten unterschiedlicher nicht sein. Der erste Weltkrieg hatte in Belgien verheerend gewütet, während die Niederlande verschont geblieben waren. Van Ostaijen und Nijhoff waren beide Meister der Umgangssprache, aber van Ostaijen legte nach den Erfahrungen des Krieges die traditionelle Verstechnik ab (siehe z.B. seine kabarettreife Alpenlieder, oder Singer). In den Niederlanden setzte sich dieser Umschwung erst nach dem zweiten Weltkrieg bei den "Fünfzigern" so richtig durch (z.B. Lodeizen). Nijhoff legte somit noch großen Wert auf die traditionelle geschliffene Verstechnik. Eines seiner bekanntesten Gedichte, ist "Awater", eines der wichtigsten der niederländischen Dichtkunst des 20. Jahrhunderts: Unter einer leicht leserlichen Oberfläche verstecken sich dermaßen viele Bilder und Symbolen, dass ganze Bibliotheken mit Interpretationen dieses Versepos vollgeschrieben wurden.
Der Name "Awater" an sich war Anlass unzähliger Interpretationsversuche, sogar so geistlose, wie dass es nur eine Abkürzung sei für die Zeile 36, die das ganze Gedicht zu beherrschen scheint: "Lees maar, er staat niet wat er staat..." (Lies nur, da steht nicht, was da steht"). ..."wat er staat" - "waterstaat". Waterstaat is der Sammelbegriff für alle Struktur- und Sicherheitsmaßnahmen im Bereich Wasser und Verkehr. Also vielleicht auch für die Niederlande insgesamt, die bestimmt ein "Waterstaat" sind. Nijhoff, der Mystifizierungen mochte, hat selber darauf hingewiesen, dass "A" an sich schon "Wasser" bedeutet, und "Awater" also "Wasserwasser". Niederländischer geht nicht. Bei so viel Freiheit erlaube ich mir auch einen Versuch."Awater" erinnert unmittelbar an "Avatar", ein Begriff, der in unserer IT-Gesellschaft neu in Mode gekommen ist. Aber er ist alt, sehr alt sogar. Im Hinduismus ist der Avatar (Sanskrit "avatara", der Hinabsteigende) die Inkarnation oder Erscheinung einer Gottheit. Im Gedicht weisen einige Stellen darauf hin:

"Sei hier anwesend, allererster Geist,
der Du am Anfang über den Gewässern streichst."

"Auf einmal Awater; er tritt aus einem Korridor hervor.
Ich sehe, wie blinzelnd er herunter kommt."

Kann Nijhoff den Begriff gekannt haben? Nun, er war ein belesener Mensch und kannte z.B. die anglo-amerikanische Literatur sehr gut. Ungefähr zur gleichen Zeit nimmt T.S. Eliot in seinem "Waste Land" ausführlich Bezug auf die Upanischad. Nijhoff war außerdem befreundet mit dem Dichter Johan Andreas dèr Mouw, pseudonym "Adwaita", der als Kenner des Sanskrit, (und des lateinischen und griechischen) zweifellos mit dem Begriff vertraut war. Zumindest klanglich sind "Adwaita" und "Awater" nicht weit aus einander entfernt. Wenn es jetzt ans Wortspielen geht: "Er staat niet, wat er staat": "niet wat er staat": "niet wat er". Das griechische aber auch das Sanskrit-Präfix für "un", "niet" oder "nicht" ist "a-". "Awater", "Avatar", "A-dwaita" - "Nicht-Zweiheit" eben. Eine schöne Mystifikation. Und so wahr: "Er staat niet wat er staat" - "Da steht nicht, was da steht".
Im Übrigen kommt "Awater" in den Niederlanden und in Deutschland als ganz gewöhnlicher Nachname vor.
Die Abschnitte des "Awater" reimen sich meist nicht, dafür hat Nijhoff das Gedicht in durchgehender Vokalharmonie geschrieben: Der erste Vers in "-ee-", der zweite und dritte in -aa-, der vierte in -oo- usw. In der Übersetzung habe ich versucht, diese Tonalitäten beizubehalten.


Awater

"ich suche einen Mitreisenden"

Sei hier anwesend, allererster Geist,
der Du am Anfang über den Gewässern streichst.
Dein gutes Auge möge über dieser Arbeit weiden,
die wüst und leer ist, der Welt in soweit gleich.
Sie will nicht wie die letzte Ära sein,
vor Trümmerbergen stehend von Schönwetter leiern,
denn Singen, das ist Leidenschaft, die eitert,
was anfangs war, konnten nie Trümmer sein.
Nicht lange liegen bleibt der erste Stein.
Erneuert wird die Stille, die das Wort entzweit.
Das, was geschieht, kann nur erstmalig sein.
Gepriesen! Noah baut die Arche, aber keine zweite
und Jona predigt, doch zu Ninive für keinen.

Ich habe einen Mann gesehen. Der Mann hat keinen Namen.
Gib ihm auf einmal unser aller Namen.
Sohn einer Frau und eines Vaters.
Sobald die Sonne rot ist aufgegangen
geht er vorbei an meinem Fenster in die Stadt
und kehrt erst wieder, blau ist der Abend schon gefallen.
Er schafft in einem Büro, heißt dort Awater.
Schaut auf ihn. Bekleidet ist er mit Kamelhaar,
geheftet durch die Nadel. Sein Leib ist mager,
Heuschrecken und Honig sind ihm Nahrung.
Niemand hat je das, was er ruft verstanden.
Es ist Wüste, wo er Gebärden macht.
Mönchisches, Soldatisches haftet ihm an,
doch es wird nicht gebetet, nicht geblasen,
wenn man im Büro das Hauptbuch aufmacht.
Wie in einem Tempel sitzt man an der Tafel,
man schreibt auf Italienisch und Arabisch.
In Ziffern, niederrieselnd grau wie Asche,
steigen die Zahlenreihen in Orakelsprache.
Ruhe kehrt ein, das Thermometer steigt im Saal.
Dünn und salzig weht das ratternde Metall.
Die Schreibmaschine grübelt Irrensprache.
Lies nur, da steht nicht, was da steht. Was steht da?
"Mutter, niemals wirst den Pelz du tragen
wofür du jeden Pfennig hast gespart,
und nie mehr gehe ich an freien Tagen
mit einem Strauß zum Hospital,
sondern bringe Rosen dir zur Friedhofsgasse..."
Das ist es, was da steht; Awaters Züge sind erstarrt
als seine Rührung rührungslos verharrt.
Wie spät ist es? Awaters Müdigkeit macht sich bemerkbar.
Das Telefon schläft auf dem Schreibpult seinen Schlaf.
Teetassen werden emsig eingesammelt.
Die Uhr tickt, tickt, schlägt, bis es schlägt sechs minus halb.
Dann werden ausgedreht die grünen Lampen.

Heute, als ich die Fensterblumen goss
ist mir das Vorhaben gekommen,
Awater abzuholen im Büro.
Ich habe, seit mein Bruder starb, auf Reisen keinen mitgenommen.
Wenn ich einen Gefährten suche, bin ich's gewohnt
zu sehen, ob es passt, dass ist doch üblich so.
Heut' Abend folge ich Awaters Spur also,
ich schau mal, wie der Hase läuft, so sagt man wohl,
und morgen dann, geht alles gut, stell' ich mich vor.
So steh' ich vor der hohen Treppe, und ich scheue noch.
Es schlägt halb sechs. Die Zeit wird grenzenlos.
Passanten ziehen durch die Straße in einem dichten Strom.
In jedem Schatten wird nun Licht verstromt,
im Nebel suchen Umrisse die Form.    
O Bruder, du im Himmel, schau hervor.
Beschütze mich, damit kein Licht in meinem Schatten wohnt.
Lasse mich bitte ohne Bild und Ton. 
Auf einmal tritt Awater aus einem Korridor hervor.
Ich sehe, wie blinzelnd er herunter kommt.
Nicht Sterbliche, noch Stadt, noch Abendrot
gibt es für ihn. Er sputet sich von oben,
Stufen aus Sandstein entlang, vorbei an Schlangen Kupferrohr.
Es ist, als ob er einen Saum sieht, einen Horizont,
aus dem ohn' Unterlass ein Wetterleuchten glost,
als hätt' er das, von dem er träumt, im Ohr
und sieht den Ort, wo er's zu finden hofft.
So sputet er an mir vorbei - ich fühle mich durchbohrt.
Er hastet in die Eingangshalle vor.
Er steckt den Schlüssel in das vorbestimmte Schloss.
Vor ihm steht ausgedorrt ein Distelstock,
er nimmt den Stock, er wandelt pfeifend fort.
Er hat bedeckt, doch ich entblöße jetzt den Kopf:
Sei hier, noch einmal, Du, der Du in Höhen wohnst
so unbewohnbar wie Calvario.

Der Asphalt auf den Straßen ist einer Decke gleich.
Ich merke, dass der Widerhall, der mich begleitete
in der gefliesten Eingangshalle, draußen schweigt.
Die Stadt verleiht dem Fuß Unhörbarkeit.
Autos schieben, wie Karawanen aufgereiht,
mit leisem Lederknarzen sich an uns vorbei.
Awater hat sich, scheint's, beeilt.
Ja, doch, der Schein trügt nicht, er will auf Reisen.
Vor einem Modeladen hält er ein.
Er sieht, was eine Gruppe Puppen 
scheint
mit Plaid und Fernglas für die Reise,
die am gelben Strand des Nils verweilt,
Palme und Pyramide zeigen es zweifelsfrei.
Awater, was du dir überlegst, ich glaube, dass ich's weiß.
Beim Bild der Schifffahrtslinie, etwas weiter,
auf dem ein Beduine ein Schiff willkommen heißt,
das weiß am Horizont erscheint,
und beim Palast der Bank, noch etwas weiter,
gibt eine Liste über den Wechselkurs Bescheid.
So zieh'n wir beide weiter, am Schein der Schaufenster vorbei.

Er biegt auf einmal in eine Nebengasse ein.
Es klingelt eine Klingel. Da drinnen muss er sein.
Auf einem Schild: Rasieren, Haareschneiden.
Ein kleiner Raum, Schränke an beiden Seiten,
scheint durch den starken Duft von allerlei
Parfums und Wässerchen noch kleiner.
Awater - in der Drängelei
muss ich gestehen, wär' er mir fast enteilt -
sitzt in einem Umhang aus gestärktem Leinen
vor einem porzellanen Becken, blütenweiß.
Der Friseur macht seine Arbeit, ich setze mich derweil
als einer der bald dran ist auf einen Stuhl zur Seite.
Awater sah ich nie von so dicht bei,
wie jetzt im Spiegel; nie schien er mir dabei
so weit entfernt zu gleicher Zeit.
Zwischen den Flaschen, glitzernd wie Splittereis,
seh' ich, dass er im Spiegel einem Eisberg gleicht,
an dem entlang die glatte Schere seinen Schnabel streicht.
Doch es wird Frühling, und während breit
der Nebel hängt des Regengusses, der vorüber treibt,
pflügt durch durchwühltes Haar der Kamm die Scheitel.
Awater nimmt dann Abschied und zieht weiter
und ich verlasse das Geschäft als zweiter.

Der Zufall nimmt zum Ziel oft eine Kürzung.
Zufall, dass Awater an der Stelle landen musste
im gleichen Kaffeehaus, das ich mit meinem Bruder oft besuchte?
Kein Zufall, dieser Tisch war meistens frei für uns.
Ich setze mich woanders hin. Platz gibt's genug.
Der Kellner kennt mich. Zweimal schon hat er den Tisch geputzt,
was kann er sonst noch für mich tun?
Er zögert noch, in seiner Hand das weiße Tuch
und schweigt jetzt lange, neben meinem Stuhl.
"Die Zeiten sind vorbei" sagt er. Es ist ein Spruch nur,
aber ich verstehe, er denkt an meinen Bruder,
den Hund bei Fuß, und wie er mit dem Hut
keck auf dem Hinterkopf in das Lokal hineinfuhr
und wie der Wind es füllte mit einem kleinen Aufruhr.
Der gleiche Sand wie damals liegt noch auf der Flur,
Die gleiche Taube gurrt im Käfig den immer gleichen Ruf.
Hui, ruft der Wind, fort, fort! Jetzt ist es gut.
Und wer ist das? frag' ich, weil ich was sagen muss.
Er hat sofort das Richtige vermutet:
"Ein Kunde, der zum ersten Mal dieses Lokal besucht"
Dann zieht er hinter sich das Tresengitter zu.
An der Spüle wird das Spültuch jetzt benutzt. 
Was ist es, das Awater jetzt in seiner Tasche sucht?
In Maroquin gebunden, ein kleines, grünes Buch.
Ein Schachspiel für die Tasche, so könnte man vermuten.
Die Hand, die trommelt auf den Tisch, schöpft Mut
für die Vision, die hinter seiner Stirn sich auftut:
Schneeflocken schwirren zwischen Tropfen Blut.
Das Spiel wird neu gefügt zur nie gewesenen Figur.
Das Glas steht unberührt im Zigarettendunst,
der kerzengerade steigt; ein Rosenstock mahlt an der Decke Blumen.
Er sitzt allein, ein Mensch, der in sich ruht.
Er hat, was ein Planet hat, oder eine Blume,
den innerlichen Trieb, der ruht auf tiefem Grund.
Er leert das Glas und schließt das Buch.
Still vor sich schauend wird er von Traurigkeit besucht.
Er schaut in meine Richtung, so dass ich fast vermute,
dass er nach mir ruft, als er den Kellner ruft.
Doch nein, er rechnet ab, ich bitte um die Rechnung
und bald ziehen wir weiter zusammen durch's Gewusel.

Das Licht blitzt unaufhörlich den Schriftzug in Kopie
des Etablissements, wo Doppelreihen von Besuchern, wie
PKWs im Stau den Türwarter passieren,
der an der Eingangstüre die Glasmühle bedient.
Wir treten ein und es erklingt Musik.
Awater ist, so scheint's, kein unbekannter hier.
Wo er sich hin bewegt, drehen die Köpfe sich.
"Wie?" so sagt einer "kennen Sie Awater nicht?
"Ich meine, dass er so etwas wie Accountant ist.
Ich kenne ihn, aber intim nicht wirklich.
Welche sagen, abends liest er Griechisch,
andere behaupten, es sei Irisch..." -
bis plötzlich Ungewöhnliches geschieht:
Auf dem Podest erhebt ein Herr sich,
der Awater seinen Platz anbietet.
"Ich spreche" sagt er "im Namen aller hier.
In unserer Mitte ist ein überragender Artist."
Awater, zeigend auf das Tischgeschirr,
deutet an, dass er zu speisen vorzieht
und dass ihm lieber wär', wenn man ihn ließe.
Nicht oft passiert's, dass man am Billard eine Serie unterbricht.
Es tritt totenstille ein. Oben verdrängt man sich
an der Brüstung der Etage, voller Neugier.
Langsam drehen sich die Ventilatorschwingen.
Dann erhebt Awater sich und singt sein Lied:
"Stets hat sie mich getröstet, stets hat sie, als ich schlief
mit ihrer Ankunft sich gesorgt um mich
die Angebetete; doch heute kommt sie und zerbricht
den letzten Halt, der im Verlust mir blieb.
Ich seh' sie vor mir, wie sie danieder kniet,
in tiefem Kummer, angstvermischt;
ich hör', wie sie von Glauben spricht,
doch Freude oder Hoffnung bringt es nicht:
"Erinnere dich an diesen letzten Abend, als ich dich verließ,
ersparen wollt' ich dir die Tränen im Gesicht,
als ohne Abschied ich die Welt verließ.
Ich konnte nicht, ich wollte nicht dir melden den Bericht,
dass du begreifen musst, wie unser Urteil hieß:
Zu sehen hier auf Erden mich je wieder - hoffe nicht."
Awater schweigt. Er 
ist erstarrt zur Säule aus Granit.
Man applaudiert, wirft bunte Serpentinen.
Awater, steif wie eine Puppe, die
nicht trägt die eigene Mechanik,
wankt nun dem Ausgang zu, 
und sieht die Menge nicht.
Von seinem Rücken flattert noch Papier,
ein schmaler Streifen. Ich folge ihm von hier.

Ich versuche - still ist es in dieser Gasse -
jeden von Awaters Schritte zu erfassen.
Er merkt es, wenn ich einen nur verpasse.
Meine Bedenken lassen nicht mehr nach:
die Post war da, ich hab' der Putzfrau, dass
ich auf Reisen gehen könnte, gar nicht gesagt,
das Fenster angelehnt, das Feuer im Kamin ist an,
ich habe nichts dabei, und überhaupt - was soll das,
auf Reisen gehen. - An einer Schnur taumelt der Drache
und die Bedenken steigen, aber bei jedem Umschlag
hellt die Besorgnis auf: Egal! Es ist mir doch egal!
Ich führe das Gespräch mit mir als Diskutant,
den Kopf geduckt, den Kragen aufgeschlagen.
Die Straße weitet sich. Es tropft aus den Platanen.
Vor uns, gerade aus, verläuft die Eisenbahn.
Wird hier, um Mitternacht, ein Meeting abgehalten?
Der Platz ist proppenvoll. Von flackernden Fackeln
angeleuchtet, auf dem Podest aus Latten
steht eine junge Frau, sie trägt die Tracht
der Heilsarmee. Touristen, rucksackbepackt,
Kinder, Frauen, Arbeiter im Blaumann
gehören der Besuchermenge an.
"Wir leben" sagt sie "unser ganzes Leben falsch."
Awater, 
seine Schritte innehaltend,
dreht sich zu mir um, als hätte er mich immer schon gekannt.
Woher? In der Theaterpause? In der Straßenbahn?
Im Blick, womit er mich betrachtet liegt die Frage,
während er - weil's kräftig weht - den Hutrand
festhält. 
Der Wind, der spielt mit ihrem Haar
legt eine goldne Schleife auf den Ärmel der Soldatin.
"Der Liebe" sagt sie, "traut man sich nie vergebens an."
Awater bleibt, ich gehe fort, ich haste,
als eilte ich zu einem Zug, als ob ich den verpasste.

Schaufelweise wirft der Heizer Kohle in den heißen Schlund,
der Maschinist hält Ausschau durch das Augenrund
und vor der Überdachung, über den Gleisfiguren,
fangen die Signale an mit dem Präludium.
Die Uhr springt von Minute zu Minute.
Wieder ruft die Lokomotive, ununterbrochen ruft sie,
rufend, dass der Plan keine Verspätung duldet.
Die Seufzersäule wird zum Wolkendutt.
Doch glaube ja nicht, dass der Orient Express sich kümmert darum,
wie es dir geht; er teilt nicht deinen Jubel
wenn du die Namenschilder siehst einer Kultur,
die dich mit Klang von Abenteuern ruft.
Sein Fahrplan kennt nicht die Berufung.
Verschiebst du, oder hegst du eine Hoffnung -
egal. Noch einmal: Ihm ist es egal. Auch für den Selbstbetrug
eines Gefährten ist er immun.
Dass du, alleingelassen, in seinem Luxus
beengt dich fühlst, und an der Fensterscheibe kurbelst
und zurückschaust auf den Bahnsteig; oder dass du
das größte Glück erfährst, das für das Individuum
bereit liegt: Zu wissen, dass gelenkt ich wurde,
umsonst war's nicht, ich war wohl nicht der Dumme, -
Es sei drum! - Ihm ist es egal. Er glänzt Azur,
klirrende Kettenglieder formen seine Rüstung.
Die Lokomotive singt, sie hebt das Knie, gibt nach dem Druck.
Der Zug fährt ab zur festgelegten Stunde.

Martinus Nijhoff

1934


Übersetzung Jaap Hoepelman
Januar/August 2018


Awater NL

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...