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Dienstag, 6. März 2018

Lucebert. Der grimme Neger.

 Gerelateerde afbeelding
 Lucebert gehörte zu der Gruppe der sg. "Fünfziger", Dichter und Maler, die nach dem Krieg, als alles neuer und besser werden musste, mit neuen Formen und Inhalten experimentierte, insbes. die Gruppe "Cobra". Wirklich neu war der Anti-Kolonialismus in "Es ist ein großer grimmer Neger" allerdings nicht, wie wir bei Multatuli gesehen haben, und neue Formen haben Dichter und Maler auch nach dem ersten Weltkrieg verzweifelt gesucht - z.B. van Ostaijen. Lucebert wurde von Staat und Gemeinde vielfach ausgezeichnet. Es sind wirklich sehr hübsche Werke dabei. "Fischer von Ma Yuan" haben wir gesehen. Auch der "große grimme Neger" ist sehr beliebt. "Neger" war zur damaligen Zeit ein unverfängliches Wort der Umgangssprache. Ich kann es nicht ändern.


Lucebert (1924-1994)

Es ist ein großer grimmer Neger
                       (1959)

Es ist ein großer grimmer Neger in mir abgestiegen
der in mir Dinge tut, die niemand sieht
auch ich nicht denn dunkel ist es dort und schwarz

ich bin mir sicher er studiert dort
Art und Struktur der ganzen weißen Allmacht

an morschen Schränken macht er sich zu schaffen
ich spüre es – die Splitter schießen durch die Schulter
jetzt liest er alte Formulare lästig ist das
zu viele Sklaven setzt' ich von der Steuer ab


Lucebert
Übersetzung Jaap Hoepelman 2017

norse neger

Montag, 5. Februar 2018

Fischer von Ma Yuan


Warum länger warten? Van Ostaijens "Melopee" hat mich so stark an ein chinesisches Rollbild erinnert, dass ich lieber gleich die Übersetzung von Luceberts "Fischer von Ma Yuan" poste.
Lucebert ist das Peudonym von Lubertus Jacobus Swaanswijk (1924-1994), Schriftsteller, Maler und Graphiker, einem der Begründer der Gruppe "Cobra", mit intensiven Beziehungen zu Belgien, Dänemark und Frankreich. Auch ohne Cobra hat Lucebert den berühmten Dichter van Ostaijen sicherlich gekannt. Der Bedarf nach Erneuerung nach erstem und zweitem Weltkrieg verbindet beide Dichter auf jeden Fall.

Ma Yuan war ein wichtiger Maler aus der Zeit der Song-Dynastie (12. Jahrhundert).  Hier ist sein Fischer (und hübsches Detail - die erste Darstellung einer Angelrolle):



File:Angler on a Wintry Lake, by Ma Yuan, 1195.jpg


Lucebert 
1953

Fischer von Ma Yuan


Unter Wolken Vögel fahren
Unter Wellen fliegen Fische
Doch dazwischen ruht der Fischer

Wellen werden hohe Wolken
Wolken werden hohe Wellen
Doch inzwischen ruht der Fischer

Aus: van de afgrond en de luchtmens, 1953.

Visser


Übersetzung Jaap Hoepelman 2016

Freitag, 8. Februar 2019

Lucebert. Die Schönheit hat ihr Gesicht verbrannt.

Ähnliches Foto
                                                                                                               
                                                                                                                   Lucebert (1924-1994)


ich versuche auf poetische weise
will sagen
die erleuchteten gewässer der einfalt
den raum des vollständigen lebens
zum ausdruck zu bringen
wäre ich kein mensch gewesen
wie viele menschen
sondern wäre ich der ich war
der steinerne oder flüssige engel
geburt und verwesung hätten mich nicht berührt
der weg von verlassenheit zur gemeinschaft
der steine steine tiere tiere vögel vögel weg
wäre nicht so verdreckt
wie jetzt zu sehen an meinen gedichten
momentaufnahmen dieses weges
in dieser zeit hat was man immer nannte
schönheit schönheit ihr gesicht verbrannt
sie tröstet nicht mehr die menschen
sie tröstet die larven die reptilien die ratten
doch den menschen erschreckt sie
und trifft ihn mit der gewissheit
ein brotkrumen zu sein auf dem rock des universums
nicht mehr nur das böse
der todesstoß macht uns aufsässig oder demütig
sondern auch das gute
die umarmung lässt uns verzweifelt am raum
herum schrauben

ich habe darum die sprache
in ihrer schönheit besucht
hörte dort dass sie nichts mehr menschliches hat
als die sprachfehler des schattens
als die des ohrenbetäubenden sonnenlichts


Lucebert (1924-1994)
aus: apocrief / de analphabetische naam (1952)

ik tracht

Übersetzung Jaap Hoepelman Februar 2019


Mittwoch, 13. November 2024

Hugo Claus. In Flanders Fields.

 



Hugo Claus 1929-2008

Belgien wird wohl das Schlachtfeld Europas genannt. Die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Belgiens und seine strategische Lage zwischen England, Frankreich und den deutschen Staaten führten dazu, dass es immer heftig umkämpft wurde, als Einflussbereich, als Besitz oder als Durchzugsgebiet. Allgemein bekannt ist die Schlacht bei Waterloo mit 50.000 Opfern, andere sind eher in Vergessenheit geraten, waren aber nicht weniger verlustreich. Die Schlachten um Ostende (1601-1604) zum Beispiel, zählten mit insgesamt 100.000 Opfern fast doppelt soviel.  Auf knapp 30.000 km² gibt es in Belgien über 3.000 Schlachtfelder. Zu den grauenhaftesten gehören die Schlachtfelder um Ypern.


Ieper (franz., engl. "Ypres", deutsch "Ypern") ist eine kleine mittelalterliche Stadt im "Westhoek", im Südwesten Belgiens, berühmt durch ihr Tuchgewerbe. Die Tuchhalle, aus dem 13. Jahrhundert, war damals eines der größten bürgerlichen Gebäude nördlich der Alpen.

Die Tuchhalle um 1860

Nach Kriegsende

Vom Norden her, wie es der Schlieffenplan vorsah, gibt der Westhoek über Ypern Zugang zu den Häfen an der Kanalküste.  Also wurde Ypern belagert. Es stellte sich bald heraus, dass die neue Kriegstechnik eher die Verteidigung als den schnellen Durchmarsch ermöglichte. Der deutsche Vormarsch stockte für die Dauer des ganzen Krieges an ungefähr der gleichen Stelle in einem Bogen vor Ypern. Die Deutschen versuchten mit aller Macht an Ypern vorbei die Häfen an der Kanalküste zu erreichen. Das Empire, Frankreich und Belgien versuchten dies mit aller Macht zu verhindern. Von 1914 bis 1918 fanden vor Ypern vier Schlachten statt (oder fünf, je nachdem, wie man zählt). Die Kräfte des Empires versuchten Hill Sixty und Hill Sixty One, die den Deutschen eine gute Übersicht boten, mit gewaltigen Minen zu sprengen. 



Die Belgier öffneten nach der alten Sitte der Niederen Lande die Seeschleusen bei Nieuwpoort, so dass das Wasser der Nordsee das Land überflutete. Ansonsten schickten die Befehlshaber in vier Schlachten ihre Mannschaften immer wieder aus den Laufgräben durch den Schlamm der Äcker durch Stacheldrahtverhaue ins Maschinengewehrfeuer. Ein Weiterkommen war unmöglich.


Das verhinderte nicht die ununterbrochene Beschießungen. Es verhinderte auch nicht den ersten Einsatz von Chlorgas und Senfgas, das entsprechend "Yperit" genannt wird.


Der Ortsname "Poelkapelle" ruft vielleicht keine Erinnerungen wach, aber "Langemarck", unmittelbar daneben auf der Karte, hat noch lange in der deutschen Kriegsfolklore eine Rolle gespielt.


Der Boden in West-Flandern besteht aus dem fettesten, fruchtbarsten Ton, den man sich denken kann. In diesem Boden vergruben die Kriegsparteien sich in einem Geflecht von Laufgräben, gestützt von Säcken aus gestampftem Sand.


Die gute Erde aber hatte sich durch die pausenlosen Bombardements und den Starkregen in eine Art von schlammigem, fettem Schleim verwandelt, in dem Leichen und Leichenteile auftauchten und untergingen und der sich in den Laufgräben sammelte.


"Der fürchterliche Schlamm, das schlimmste, was es gibt, der Schlamm in dem eine Armee herumkriecht, in dem Pferde, Männer, Kanonen, Wagen aussehen wie Ungeziefer, getunkt in Dreck; gärender Eiter, der den flämischen Boden überdeckt und auffrisst, der die Landschaft verschlingt...." (Maurice Duwez ‘La boue des Flandres’).

Es gibt eine Pflanze, die blüht in solchen verwüsteten Böden, wenn andere Pflanzen längst aufgegeben haben: Klatschmohn, eine "Pionierpflanze". Im überdüngten Schlamm um Ypern blühte der Klatschmohn (englisch "poppy") wie besessen.  Durch das Gedicht (1915) des Kanadiers John McCrae, "In Flanders Fields",  wurde die Mohnblume im britischen Empire zum Symbol für den Krieg. 


Das Gedicht steht noch in der Tradition des poetischen Heroismus, zu dem bald keine Poesie mehr passen wollte
So erscheint das Gedicht des Hugo Claus wie ein Kommentar auf McCraes "In Flanders Fields". 

Hugo Claus

In Flanders Fields

Der Ton hier hat die fetteste Krume.

Auch nach all den Jahren ohne Dung,

hier könntest einen Totenlauch du züchten,

der alle Märkte sprengt.

Die wackligen englischen Veteranen werden spärlich.

Jedes Jahr zeigen sie den spärlicheren Kameraden:
Hill Sixty, Hill Sixty One, Poelkapelle.

In Flanders Fields fahren die Mähdrescher

immer engere Kreise um sich windende Gräben

aus gestampften Sandsäcken, die Gedärme des Todes.

Die Butter dieses Landstrichs

schmeckt nach Klatschmohn.


(Übersetzung Jaap Hoepelman, November 2024)

Hugo Claus
Gedichten 1969-1978/De Bezige Bij

Von der schönen Stadt Ypern und ihrer Tuchhalle war nach Kriegsende nur dies übriggeblieben:


Die Zahl der Opfer der Ypernschlachten betrug insgesamt ungefähr 450.000.

Nach diesem Krieg konnten Gedichte in den südlichen Niederlanden nicht mehr die gleichen sein. Die nördlichen Niederlande waren im 1. Weltkrieg neutral geblieben. Der Bruch mit der alten Ästhetik fand dort erst nach dem 2. Welkrieg statt. 

Hugo Claus war ein äußerst produktiver und vielseitiger Schriftsteller. Zu seinen Arbeiten gehören Romane, Gedichte, Theaterstücke und Drehbücher. Er war Filmregisseur, Redakteur, Übersetzer,  Herausgeber und Mitarbeiter avantgardistischer Zeitschriften. Als Maler war er Teil der Gruppe COBRA

als Dichter gehörte er mit Lucebert zu den wichtigsten "Fünfzigern". Er war einer der einflussreichsten niederländisch-sprachigen Schriftsteller; in der Liste seiner Preise und Auszeichnungen fällt nur der Nobel-Preis durch Abwesenheit auf, aber man munkelt, dass nicht viel gefehlt hat.

Belgien, zersplittert und umkämpft, auf der Bruchlinie der Sprachen und Kulturen, hat große Kunst und häufig darin das Karikaturale, Groteske, Surrealistische und Absurde hervorgebracht. 

          
        James Ensor 1891
Muziek in de Vlaanderenstraat
Musik in der Flandernstrasse


James Ensor. 1889
De Intrede van Christus in Brussel
Christus' Einzug in Brüssel

Es ist kein Zufall, dass der Stoffumschlag von Claus' Magnum Opus "Het verdriet van Belgie",  ("Der Kummer Belgiens"),  das Gemälde "Musik in der Flandernstrasse" des James Ensor (1860-1949) zeigt. Ensor war alles auf einmal: grotesk, surreal und karikatural und "Der Kummer Belgiens" ist es auch. Und mit 775 Seiten ein voluminöser Entwicklungsroman über einen Jungen in einer Umgebung in einem Land zwischen den Blöcken, in dem jede Entscheidung, jede Wahl nur eine falsche sein kann. 
Nur Lüge und Verstellung bleiben übrig. Und so entwickelt der kleine Junge sich zum Schriftsteller, zum Autor der ersten Romanhälfte.





Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Mittwoch, 28. Juli 2021

Jan Kal und der Mont Ventoux

                               Jan Kal 1946 - 

Nach dem Krieg  machte es für viele Dichter  (wie LodeizenKouwenaarLucebertAndreus) keinen Sinn, die althergebrachten Formen weiter zu betreiben. Andere (wie M. Vasalis und Gerrit Achterberg) blieben bei der Tradition und wurden auch weiterhin geschätzt. Trotzdem machte die Beherrschung des Handwerks in dieser Zeit oft einen etwas verschämten Eindruck und versteckte sich gerne unter der Maske der Spaßpoesie. In den Siebzigern aber gewannen Dichter, die Wert legten auf die Beherrschung des Metiers wieder an Selbstvertrauen, nicht zuletzt durch den Einfluss von Gerrit Komrij. Das Sonett (war es nicht immer ein Gipfel der Dichtkunst gewesen?) fand wieder Beachtung. Auch das letzte Gedicht des Hans Andreus, geschrieben auf dem Sterbebett, ist ein Sonett. Elemente der Spaßpoesie hatten aber ihren Einzug gehalten, darunter welche des Sports, der in akademischen Seminaren mit Verachtung bestraft wird. Sport findet man z.B. bei Scheepmaker und bei Jan Kal, dessen erstes Bündel Gedichte sogar eine Sportart im Titel trägt. Kal hat als Student der Medizin angefangen und sich dann aus romantischen Gründen aufs Dichten verlegt, romantisch wie Piet Paaltjens, an wie er mich irgendwie erinnert. Kal schreibt sogar fast ausschließlich Sonette. Schon sein erstes Gedicht, "Mont Ventoux", hierunter mein Versuch einer Übersetzung, ist ein Sonett:


                                                                             Der Mont Ventoux
        

                                                                         

                                                                                 

Jan Kal


Mont Ventoux

Dichten ist radeln auf dem Mont Ventoux,

hier steckte Tommy Simpson damals auf.

Todmüde in dem tragischen Verlauf

quälte sich der Weltmeister dem Endstrich zu.


An diesem Col sind viele abgehängt,

erste Kategorie, seitdem tabu.

Es riecht nach Tannenduft, Sunsilk Shampoo,

das braucht man, wenn man an den Abstieg denkt.


Es macht unendlich müde, alles was man tut;

der Mont Ventoux ist wohl die schlimmste Schinderei,

also, man überlege wohl, eh' man beginnt.


Doch schaffe ich, sogar in dieser Glut,

den Gipfel dieser kahlen Wüstenei:

Eitelkeit und Haschen nach dem Wind.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2021.


Aus: Jan Kal, Fietsen op de Mont Ventoux: (1974) Uitgeverij de Arbeiderspers



                        Denkmal für Tommy Simpson


                                                                                      Mont Ventoux: Höhenprofil


Dichtung, Sport, Leichtigkeit und Ernst lassen sich also sehr wohl mit einander in Verbindung bringen. Nicht umsonst hat Jan Kal als Thema für sein erstes Sonett den Aufstieg auf den Mont Ventoux gewählt: Petrarca, der Vater der Kunst des Sonetts hat 1336 die  Erstbesteigung des Mont Ventoux beschrieben und passend dazu aus den Bekenntnissen des Augustinus zitiert:

"Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber."

Das Sonett schließt, wie es sich gehört für einen niederländischen Dichter, mit einem Zitat aus Prediger 1,12 in dem man die Themen des Gedichtes gebündelt wiederfindet:

"Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind." 


Ich nehme an, dass es Jan Kal gefallen würde zu vernehmen, dass seine Gedanken auch in höchsten philosophischen Kreisen Zustimmung finden:

Sloterdijk: So um die zweieinhalb Stunden. Man muss wissen, dass der Mont Ventoux eine sehr bizarre abweisende Aura hat. Wenn man die Vegetationsgrenze erreicht, ist man plötzlich in einer lunaren Landschaft. Die Rennradfahrer spüren davon natürlich nicht viel, weil sie vor Anstrengung blind sind. Wir Amateure waren am letzten Aufstieg so phänomenal langsam, dass man ständig diese todeszonenhafte Stimmung des Gipfelbereichs gespürt hat. Wenn man dann auch noch an dem Denkmal für den armen Simpson vorbeifährt, der da 1967 kurz vor dem Gipfel verendete, ist man schon ziemlich demoralisiert und denkt für ein paar Sekunden über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nach.

Aus "Hundsgewöhnliche Proletarier", Interview mit Peter Sloterdijk, Der Spiegel, 07,07,2008,



Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...