Übersicht

Posts für Suchanfrage vasalis werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage vasalis werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Dienstag, 25. September 2018

M. Vasalis. Zeit.


Ähnliches Foto
M. Vasalis 

(1909 - 1998)

Zeit

Mir träumte, dass ich langsam lebte
langsamer, als das älteste Gestein.
Es war entsetzlich, es stürzte auf mich ein
und schoss hinauf, es zuckte oder bebte
was reglos scheint. Ich sah den Trieb mit dem
die Bäume sich nach oben rangen
dieweil sie heiser stockend sangen;
dieweil die Jahreszeiten flogen
schimmernd wie ein Regenbogen...

Des Meeres Tremor konnt' ich sehen, mit dem
es schwillt und hastig schwindet, wie das Zucken
eines großen Schlunds beim Schlucken
und Tag und Nacht von kurzer Dauer
aufflammen und erlöschen: wie ein Funkenschauer.
- Die Verzweiflung und Beredsamkeit
in den Gebärden aller Dinge,
die sonst starr sind und ihr Ringen,
ihren atemlosen, gnadenlosen Streit...

Wie konnt' ich das nicht früher wissen,
war es nicht klar in der Vergangenheit?
Wie tilge ich es je aus meinem Wissen?

Vasalis,
uit Parken en Woestijnen.
Uitgeverij van Oorschot 1940

Vasalis

Übersetzung Jaap Hoepelman 25.09.2018




Samstag, 11. Januar 2025

M. Vasalis. Der Idiot im Bad.

M. Vasalis 1909-1998
(Margaretha Droogleever Fortuyn-Leenmans)
 


M. Vasalis


Der Idiot im Bad.


Die Schulter hochgezogen, die Augen feste

Zu, im Halbtrab, immer stolpernd als er auf die Matte trat, 

Hässlich und unbeholfen, gebeugt am Arm der Schwester

Geht einmal jede Woche der Idiot ins Bad.


Der warme Dampf, der überm Wasser steht

Beruhigt ihn: Der weiße Dampf...

Mit jedem Kleidungsstück, das von ihm geht,

Lindert ein altvertrauter Traum den Krampf.


Die Schwester lässt ihn in das Wasser gleiten,

Er faltet seine dünnen Arme auf der Brust

Er seufzt, als ob er löscht den ersten Durst

Und Seligkeit will sich um seinen Mund verbreiten.


Die angsterfüllten Züge sind leer und schön geworden,

Die dünnen Füße stehen wie ein bleicher Blumenstrauß,

Die langen, bleichen Beine, dürr geworden,

Schimmern wie Birkenstämme aus dem Grün heraus.


Er ist in diesem grünen Wasser noch wie ungeboren,

Er weiß nicht, dass es Früchte gibt, die niemals reifen,

Er hat die Körperweisheit nicht verloren

Und Geistessachen muss er nicht begreifen.


Und jedes Mal, als er aus dem Wasser wird gezogen,

Und kräftig abgerieben mit den rauen Anstaltswischen

Und ihm die steife Anstaltskluft wird angezogen,

Dann wehrt er sich und weint ein bisschen.


Und jede Woche wird er wieder neu geboren

Und roh getrennt vom sicheren Wasserdasein,

Und jede Woche ist ihm das Los beschoren

Wieder nur angsterfüllt ein Idiot zu sein.


Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025


De idioot in het bad    

Aus: Parken en Woestijnen
Uitgeverij Van Oorschot, Amsterdam.
1940

Mehr von und über M. Vasalis in diesem Blog.


Montag, 6. Januar 2025

M. Vasalis. Der Tod



M. Vasalis 1909-1998

M. Vasalis, Pseudonym von Margaretha Droogleever Fortuyn-Leenmans. Von Beruf Kinderpsychiaterin hat sie in ihrem Leben nur sehr wenig veröffentlicht: Drei Bündel zwischen 1940 und 1954 und postum das von ihren Kindern besorgte "De Oude Kustlijn". Dafür gehören diese zu den am meisten verkauften Dichtbündeln der niederländischen Literatur und ihre Zeilen gehören zum klassischen Zitatenschatz.  Zu den großen Erneuern gehörte sie wohl nicht, dazu sind ihre Gedichte zu Regelkonform. Auch fand ihr erster kreativer Ausbruch gerade vor der Periode der "Fünfziger" statt, eine Gruppe, zu der sie qua Hintergrund und Habitus nicht gehören konnte. Sie schien etwas "aus der Zeit gefallen". Dafür können ihre besten Gedichte es mit denen der Fünfziger, die sie heftig beschimpften (warum doch immer diese Agression bei den "Erneuern"?), mühelos aufnehmen. Ich vergleiche ihre Kunst gerne mit der des Gerrit Achterbergs, der es auch hervorragend verstand die Dinge und die Sprache des Alltags poetisch aufzuladen. Sie wurde 1974 ausgezeichnet mit dem Constantijn Huyghenspreis und 1982 mit dem P.C. Hooftpreis für Poesie.
Meine früheren Versuche ihre Poesie ins Deutsche zu übersetzen finden sie hier.
Als eine Leserin dieses Blogs mich darauf hinwies, dass der kleine Sohn der Dichterin in WWII während einer Polio-Epidemie verstarb, bekam für mich die Zeile "Bevor er ging, gab er ein kleines Bild mir..." (mit dem brillanten Reim "portretje...maar wat let je") eine fast profetische Ausdruckskraft.    


 Der Tod


Der Tod hat mir gezeigt die kleinen, interessanten Dinge:

schau, ein Nagel - sagte der Tod - und das sind Taue

Ich schau ihn an, ein Kind. Er ist mein Meister,

den ich bewundre, dem ich traue

der Tod.


Er zeigte alles: Getränke, eine Pille,

Pistolen, Gashahn, steile Hänge,

ein Bad, Rasierer, Laken zum Erhängen

"einfach so" - für wenn das ist dein Wille,

der Tod.


Bevor er ging, gab er ein kleines Bild mir...

"Ich weiß nicht, man vergisst so leicht,

es kommt gerade recht vielleicht

für wenn's nicht mehr dein Wille

ist, zu sterben,

doch überleg es dir.'

sagte der Tod.



Aus "Parken en Woestijnen"
van Oorschot B.V. 1940

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025

De Dood


Samstag, 4. Januar 2025

M. Vasalis. Der blinde Passagier.

 

Der blinde Passagier


Wenn ein Geschöpf geboren wird,

die Reise antritt, schifft in den Raum der Tod

sich ein. Er macht sich mit dem Schiff vertraut,

dringt ein in jedes Brett der Außenhaut, 

des Spants, des Masts, der Kabel, Taue,

Segel, kauert im Rettungsboot.


Es sind die kleinen Kinder, die ihn kennen

und ihn nicht fürchten: Sie sind gerade eben

ausgefahren aus der Nacht,

zu ungewohnt ist noch das Tageslicht.

So wie der Schatten passt zum Licht,

so wird das Leben stets vom Tod bewohnt.


De Verstekeling

Übersetzung Jaap Hoepelman Januar 2025

Samstag, 28. Juni 2025

de Afsluitdijk - der Abschlussdeich










M. Vasalis (1909 -1998)
(Margaretha Drooglever-Fortuyn-Leenmans)



Afsluitdijk - Abschlussdeich

Der Bus fährt wie ein Zimmer durch die Nacht
Die Straße ist gerade und der Deich ist endlos
links liegt das Meer, gezähmt doch ruhelos,
wir schauen raus, ein sanfter Mond scheint schwach.

Vor mir die jungen frischrasierten Nacken
von zwei Matrosen, die verhalten gähnen
sich später locker dehnen und danach
unschuldig schlafend an den Schultern lehnen.

Dann seh' ich plötzlich, wie im Traum, im Glas
dünn und durchsichtig mit uns'rem fest verbunden
mal klar wie wir, dann wiederum im Meer ertrunken,
den Geist von uns'rem Bus; das Gras
zerschneidet die Matrosen glatt entzwei.
Dort seh' ich auch mich selbst. Allein
mein Kopf wogt auf der Wasserfläche,
bewegt den Mund als spräche
er, ein märchenhafter Beifang.
Es gibt kein Ende oder Anfang
an dieser Fahrt, das Gestern und das Morgen angehalten,
nur dieses lange Heute, wunderlich gespalten.



Aus : Parken en Woestijnen. Amsterdam: Stols, 1940

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2025)

Der "Afsluitdijk" (Abschlussdeich), Schnurgerade verlaufend zwischen den Provinzen Noord-Holland und Friesland, trennt er die Gewässer des Wattenmeers (NL: Waddenzee) vom Meerbusen "Zuiderzee" (NL: zee = D: Meer), der sich infolgedessen allmählig in einen Süßwassersee, "IJsselmeer" (D: See = NL: meer - können Sie noch folgen?) verwandelte. Es war eine Spitzenleistung der Wissenschaft und Ingenieurskunst, passend zum "zweiten goldenen Jahrhundert". Die erforderlichen Untersuchungen und Berechnungen wurden durchgeführt für den Staatsausschuß "Zuiderzee" unter der Leitung des Physiknobelpreisträgers Hendrik Antoon Lorenz, der mit dieser Arbeit fast zehn Jahre lang beschäftigt war. Am 28 Mai 1932 wurde die letzte Öffnung geschlossen. Es war auch höchste Zeit: Die "Zuiderzee" war ein ausgesprochen gefährliches Gewässer, das bei den Stürmen das Land regelmäßig überflutete, der letzte in Januar 1916, als große Bereiche der Zuiderzeeküste überflutet wurden (bis Amsterdam, mein Vater erzählte gerne darüber). Ein Jahr später wurde der Verkehrsweg über den Deich eröffnet. In den 1930-Jahren war eine Busfahrt über den über 32 Kilometer langen Deich selbstverständlich etwas ganz besonderes (und ist es eigentlich immer noch). Als technisches Hochständchen mutet ein Deich nicht auf Anhieb als Grund für poetische Ergüsse an. Aber für Vasalis war er der Anlass für eines der bekanntesten Gedichte der niederländischen Literatur. Der "Abschlussdeich" handelt von Zweiteilung, von Vorher und Nachher, von der Trennung von Nordsee und Zuiderzee, von der Bezwingung des ehemaligen Wasserungeheuers zum süßen (obwohl unruhigen, die Gefahr ist immer da) Binnenmeer, von Traum und Wirklichkeit, von Ordnung und Unordnung. Diese Zweiteilung wird aber Aufgehoben in der untrennbaren Verdoppelung des Spiegelbildes des fahrenden Wohnzimmers. Diese Aufhebung bestimmt auch die Struktur des Gedichtes. Der Anfang wird gemacht durch zwei faktisch beschreibende (bis zur Nackenrasur der Matrosen) ordentliche Quartette, die ein Sonett in der besten poetischen Tradition erwarten lassen. Wenn die Matrosen in der letzten Zeile des zweiten Quartetts einschlafen, ist das die Zäsur: Von einem wohlgefügten Sonett kann keine Rede mehr sein. Die Matrosen werden gnadenlos Zerschnitten, eine Zweiteilung diesmal ganz ohne Folgen. Der Kopf der Dichterin spricht wogend über Wasser wie ein Märchenwesen, Anfang und Ende, Gestern und Morgen verschwinden. Es bleibt nur ein rätselhaftes, unbeweglich zweigeteiltes Heute. 
So viele Bilder, geballt in so wenigen Zeilen...ich finde es schön.



Sonntag, 4. März 2018

Die Mutter das Wasser. Kopland und die Mutter die Frau.

Afbeeldingsresultaat


Rutger Kopland nahm Nijhoffs "Die Mutter die Frau" als Vorlage für eine Fürbitte für seine Mutter. Es lohnt sich Koplands Gedicht mit dem Nijhoffs zu vergleichen (Post 17.02.2018, hierunter übersetzt noch einmal abgedruckt).
Kopland war Psychiater (wie auch die Dichterin Vasalis) und Professor an der Universität Groningen, einer der beliebtesten neueren Dichter, Träger einer Reihe literarischen Preise, unter denen der P. C. Hooftpreis für das Gesamtwerk.

Rutger Kopland (Rutger Hendrik van den Hoofdakker. 1934-2012)


Die Mutter das Wasser

Ich besuchte Mutter, mal sehen, geht's ihr gut
Ich sah die fremde Frau. Ihr Blick war weit
und leer, als ob sie schaute auf die and're Seite
eines breiten Flusses, nicht auf mich. Vielleicht wär's gut,

- als ich da auf dem Rasen stand, kleines Pils genommen
in der Altersheimkantine, die Zeit
ging langsam in der gottvergessenen Einsamkeit -

wär's gut gewesen, hätt' man einen Psalm vernommen.

Es war die Mutter, ihre zerbrechliche Gestalt, die reglos dort
im Gras stand, nur ihre dünnen Haare
bewegten sich im Wind, ein wenig, wie zum Segeln, fort

über stille Gewässer zum unendlichen Da-und-
dort, 
zu ihrem Gott. Es gibt Gott nicht, aber ich flehte doch:
halt bitte Dein Versprechen. Deine Hand soll sie bewahren.

Rutger Kopland
Aus: Tot het ons loslaat
Amsterdam, Van Oorschot, 1997

De moeder het water


Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018.




Die Mutter die Frau (1933)

Ich zog nach Bommel, die neue Brücke sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Gegenseiten
die sich einmal schienen zu vermeiden,
wurden wieder Nachbarn. Minuten, vielleicht zehn,
dass ich dort lag, im Gras, meinen Tee getrunken,
mein Kopf gefüllt mit Landschaft weit und breit -
dass unvermittelt inmitten der Unendlichkeit
mir eine Stimme in den Ohren hat geklungen.

Eine Frau war es. Das Schiff auf dem sie fuhr
fuhr langsam mit dem Strom unter der Brücke durch.
Sie war allein am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie sang, dass hörte ich, das Psalmen waren.
O, dachte ich, o, dass da die Mutter würde fahren.
Preise Gott, sang sie, Seine Hand wird dich bewahren.

Martinus Nijhoff (1894-1953)

Uit: Verzamelde Gedichten
Uitgever: Bert Bakker, 4de dr. 1974

Übersetzung Jaap Hoepelman November 2017


Montag, 22. September 2025

Ed Hoornik. Prophetisches im Alltäglichen.



Pogrom 
1938

                                                                                       Ed Hoornik 1910-1970

Die Poesie der Pfarrer wurde von den "Achtzigern" (wir sprechen vom 19. Jahrhundert) als hausbacken verspottet und regelrecht in die Verdammnis geschrieben. Die Achtziger ersetzten sie durch die Anbetung der poetischen Schönheit und den individuellsten Ausdruck der individuellsten Gefühle. Nach den Schrecken des ersten Weltkriegs aber war die Zeit der formvollendeten Lyrik vorbei. In Flandern, wo der erste Weltkrieg heftig wütete, beendete Paul van Ostaijen das Erbe der Achtziger. Er schrieb in Umgangssprache und scherte sich nicht um die ehrwürdigen Formen der überlieferten Poetik. Die Niederlande waren von der Katastrophe verschont geblieben; hier wirkte die Tradition der Achtziger länger nach, z.B. in sehr beachtlichen Dichtern wie Leopold und Boutens. Als die Zeiten immer bedrohlicher wurden, war es auch in den Niederlanden mit der Tradition der dichterlichen Dichter vorbei. In der Zeitschrift "Forum" wurde der Ausdruck eines persönlichen Standpunktes gefordert, anstatt eines wohligen Verbleibs in der makellosen Form. Die Diskussion trug den Namen "Vorm of Vent" ("Muse oder Macker"). Der Literat du Perron verzichtete, wie van Ostaijen, auf die poetische Sprache zugunsten der Umgangssprache. Diesen Stil nannte man "Parlando". Er hatte großen Einfluß, auch bei "unpolitischen" Dichtern, wie Achterberg und Vasalis.
In Amsterdam übernahmen Maurits Mok, Jac. van Hattum, Gerard den Brabander und Ed Hoornik diesen Stil, mit einer Vorliebe für die kleinen Dinge, das Anekdotische, den Spott, die Umgangssprache, das "Normale". Wenn man an die Genremalerei denkt, sind das eigentlich sehr "niederländische" Besonderheiten. Die vier wurden sogar zur "Amsterdamer Schule" erhoben.
Die drei letztgenannten gaben einen gemeinsamen Gedichtband heraus mit dem Titel "Drie op één Perron" (Drei auf einem Bahnsteig), damit anspielend auf den Einfluß du Perrons. Heute werden sie nur noch selten zitiert, dafür haben van Hattums schöne Schlußzeilen aus "140 Pond" ("140 Pfund") in alter Frische überlebt:

"Hoe meer ik drink, hoe meer ik eet,
  Hoe meer gewicht van Hattum heet".

"Je mehr getrunken, je mehr gespeist,
je mehr Gewicht van Hattum heißt"

Die kleinen Themen, das Normale und Anekdotische waren sowieso für keinen der Dichter besonders tragfähige Konzepte, und Hoornik wendete sich aus einem besonderen Grund von ihnen ab: 
Er war eine sehr prominente literarische Persönlichkeit. Er war Romanschreiber Dichter Zeitschriftenredakteur, Theaterautor, Rezensent - und ein ausgesprochener Gegner des Nationalsozialismus'. Als Zeitungsrezensent befolgte er nicht die Zensurvorschriften der deutschen Besatzung, sein hier übersetztes Gedicht wahr wohlbekannt. Infolgedessen musste er untertauchen, wurde aber verhaftet und in das Gefangenenlager Vught verbracht, in dem viele Vertreter der niederländischen Prominenz als Geiseln gehalten wurden. Einer von ihnen war der Romanautor und Dichter Simon Vestdijk, von dem ich in diesem Blog ein Gedicht übersetzt habe.
In Mai 1944 wurde Hoornik nach Dachau transportiert, wo er von den Amerikanern befreit wurde. Nach all dem Erlebten war eine Weiterführung der Poesie des "Alltäglichen" nicht länger möglich und Hoornik wandte sich einer eher theologischen und metaphysischen Thematik zu. 
Aber gerade in der Poesie des Alltäglichen und Normalen war Hoornik imstande, in einem klassisch gewordenen Gedicht das ganz und gar nicht Alltägliche und Normale, das da kommen würde, zu prophezeien:

Pogrom

Ist das der Mond, in seinem letzten Viertel
oder ein Gesicht, im Qualm- und Flammenrahmen?
Wo ist Berlin, und wo das Scheunenviertel?
Flüchtete der Junge, als die Banden kamen?
-
Ist das sein Schatten, der am Ufer steht
ist dies das Wasser, das ihn langsam nahm,
ist dies die Grenadierstraße, von dem es hin zur Spree geht?
Es ist der Amstelstrom, und dies ist Amsterdam.
-
Am Rembrandtsplein geht jetzt der Tag zu Ende,
über den Dächern beenden Lichtfontänen ihn...
Ich press' die Nägel tiefer in die Hände.
-
De Jodenbreestraat führt zu einem Abgrund hin;
ich sehe meinen Schatten zucken an den Wänden...
Zehn Stunden dauert nur die Bahnfahrt nach Berlin.


Ed. Hoornik (1910 – 1970)
aus: Steenen (1939)
Verlag: A.A.M. Stols

Übersetzung Jaap Hoepelman September 2025




 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Mittwoch, 28. Juli 2021

Jan Kal und der Mont Ventoux

                               Jan Kal 1946 - 

Nach dem Krieg  machte es für viele Dichter  (wie LodeizenKouwenaarLucebertAndreus) keinen Sinn, die althergebrachten Formen weiter zu betreiben. Andere (wie M. Vasalis und Gerrit Achterberg) blieben bei der Tradition und wurden auch weiterhin geschätzt. Trotzdem machte die Beherrschung des Handwerks in dieser Zeit oft einen etwas verschämten Eindruck und versteckte sich gerne unter der Maske der Spaßpoesie. In den Siebzigern aber gewannen Dichter, die Wert legten auf die Beherrschung des Metiers wieder an Selbstvertrauen, nicht zuletzt durch den Einfluss von Gerrit Komrij. Das Sonett (war es nicht immer ein Gipfel der Dichtkunst gewesen?) fand wieder Beachtung. Auch das letzte Gedicht des Hans Andreus, geschrieben auf dem Sterbebett, ist ein Sonett. Elemente der Spaßpoesie hatten aber ihren Einzug gehalten, darunter welche des Sports, der in akademischen Seminaren mit Verachtung bestraft wird. Sport findet man z.B. bei Scheepmaker und bei Jan Kal, dessen erstes Bündel Gedichte sogar eine Sportart im Titel trägt. Kal hat als Student der Medizin angefangen und sich dann aus romantischen Gründen aufs Dichten verlegt, romantisch wie Piet Paaltjens, an wie er mich irgendwie erinnert. Kal schreibt sogar fast ausschließlich Sonette. Schon sein erstes Gedicht, "Mont Ventoux", hierunter mein Versuch einer Übersetzung, ist ein Sonett:


                                                                             Der Mont Ventoux
        

                                                                         

                                                                                 

Jan Kal


Mont Ventoux

Dichten ist radeln auf dem Mont Ventoux,

hier steckte Tommy Simpson damals auf.

Todmüde in dem tragischen Verlauf

quälte sich der Weltmeister dem Endstrich zu.


An diesem Col sind viele abgehängt,

erste Kategorie, seitdem tabu.

Es riecht nach Tannenduft, Sunsilk Shampoo,

das braucht man, wenn man an den Abstieg denkt.


Es macht unendlich müde, alles was man tut;

der Mont Ventoux ist wohl die schlimmste Schinderei,

also, man überlege wohl, eh' man beginnt.


Doch schaffe ich, sogar in dieser Glut,

den Gipfel dieser kahlen Wüstenei:

Eitelkeit und Haschen nach dem Wind.


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2021.


Aus: Jan Kal, Fietsen op de Mont Ventoux: (1974) Uitgeverij de Arbeiderspers



                        Denkmal für Tommy Simpson


                                                                                      Mont Ventoux: Höhenprofil


Dichtung, Sport, Leichtigkeit und Ernst lassen sich also sehr wohl mit einander in Verbindung bringen. Nicht umsonst hat Jan Kal als Thema für sein erstes Sonett den Aufstieg auf den Mont Ventoux gewählt: Petrarca, der Vater der Kunst des Sonetts hat 1336 die  Erstbesteigung des Mont Ventoux beschrieben und passend dazu aus den Bekenntnissen des Augustinus zitiert:

"Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber."

Das Sonett schließt, wie es sich gehört für einen niederländischen Dichter, mit einem Zitat aus Prediger 1,12 in dem man die Themen des Gedichtes gebündelt wiederfindet:

"Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind." 


Ich nehme an, dass es Jan Kal gefallen würde zu vernehmen, dass seine Gedanken auch in höchsten philosophischen Kreisen Zustimmung finden:

Sloterdijk: So um die zweieinhalb Stunden. Man muss wissen, dass der Mont Ventoux eine sehr bizarre abweisende Aura hat. Wenn man die Vegetationsgrenze erreicht, ist man plötzlich in einer lunaren Landschaft. Die Rennradfahrer spüren davon natürlich nicht viel, weil sie vor Anstrengung blind sind. Wir Amateure waren am letzten Aufstieg so phänomenal langsam, dass man ständig diese todeszonenhafte Stimmung des Gipfelbereichs gespürt hat. Wenn man dann auch noch an dem Denkmal für den armen Simpson vorbeifährt, der da 1967 kurz vor dem Gipfel verendete, ist man schon ziemlich demoralisiert und denkt für ein paar Sekunden über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nach.

Aus "Hundsgewöhnliche Proletarier", Interview mit Peter Sloterdijk, Der Spiegel, 07,07,2008,



Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...