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Donnerstag, 3. September 2020

Annie M. G. Schmidt. Das anarchistische Schaf Veronika

 Afl.1: Annie M.G. Schmidt - Een uur Ischa - VPRO

          Annie M. G. Schmidt 1911-1995


Ich hatte schon Gelegenheit zwei Gedichte von Annie M. G. Schmidt vor zu stellen: "Sebastian" und "Einem kleinen Mädchen". Diese reichen aber bei weitem nicht aus um einen Eindruck zu vermitteln ihrer Bedeutung für die Kinderdichtung, insbesondere bei der  Überwindung des Anstandsmuffs der Nachkriegsjahre. Deswegen möchte ich das Schaf Veronika vorstellen:
Zwischen 1950 und 1957 erschien auf der Kinderseite der Zeitung "Het Parool" regelmäßig die Geschichte einer Art WG bestehend aus den beiden Damen Grün, einem evangelischen Pastor und einem sprechenden Schaf. Das ganze hatte leicht absurde, sogar anarchistische Züge: Die Beziehungen zwischen den Personen sind unklar. Der Pastor scheint bei den Damen einzuwohnen (völlig undenkbar in den Fünfzigern), das Schaf ("Veronika") ist sowohl Kind als "Fräulein", ist aber viel klüger als der etwas aufgeblasene Pastor. Die Damen Grün scheinen beschränkt und kleinbürgerlich, machen aber anstandslos bei jedem Wahnsinn mit und sind fähig jedes Abenteuer mithilfe von Esswaren zu einem guten Ende zu bringen. Die Geschichten sind geschrieben in jeweils 5 Vierzeilern in siebenfüßigen Jamben mit gekreuztem Reim, abgeschlossen durch einen Zweizeiler mit Doppelreim. Die Form hat sogar nicht ganz überraschend die Bezeichnung "Schaf Veronika" erhalten.  Annie Schmidt verwendete mühelos gereimte Alltagssprache mit gelegentlichen Ausflügen in anderen Registern. Es waren aber sehr wohl und trotzdem Kindergedichte und als Kind genoss ich den nicht immer verstandenen Spott und die Respektlosigkeit sehr. 
Ich fand beim Aufräumen ein zerfleddertes Exemplar von "Kom, zei het schaap Veronica" 

Wim Bijmoer, een artistieke duizendpoot (2) | Koninklijke ...

und mir kam eine Idee:
Jetzt bin ich selber Opa und vielleicht, ganz vielleicht, hätten die Kleinen in der Familie irgendwann auch Spaß an dem verrückten Schaf, dem Pastor und den Damen Grün? Für deutsche Kinder müsste ich den niederländischen Hintergrund qua "Gefühl" ins deutsche umsetzen. Das wäre doch eine schöne Form der Nostalgie...

Zuerst machen wir die Bekanntschaft mit dem Schaf Veronika. Wir stellen fest, dass die beiden Damen Grün eine gewisse Vorliebe für Süßspeisen haben:

Komm, sprach das Schaf Veronika, wen werd' ich jetzt besuchen,
ich denke mal, die Damen Grün, die mögen süße Sachen,
bei denen gibt es morgens früh bestimmt Kaffee und  Kuchen.
Komm, sprach das Schaf Veronika, ich denk, das werd' ich machen. 

Schau, sprach das Schaf Veronika: Ein Wenig Wollpomade,
das tu ich auf die Löckchen drauf, dann seh ich besser aus
und jetzt noch schnell die Söckchen an, zu spät zu sein wär schade.
Schau, sprach das Schaf Veronika, so kann ich aus dem Haus.

Und Schaf Veronika lief los, die Damen zu besuchen,
sie lief den Lindenweg entlang bis sie die Türe fand,
der Onkel Pastor ließ sie vor zu Kaffeetisch und Kuchen,
dort saßen schon die Damen Grün bei Kaffee und Croissant.

Sieh an! Das Schaf Veronika, das Schaf mit schwarzen Füßen.
Erfreut, sprach Onkel Pastor, sehr erfreut! Und Gott zum Gruß!
Ach, sprach das Schaf Veronika, wie schön Sie zu begrüßen.
Die Damen sagten: Kaffee oder Tee? Vielleicht sogar mit Schuss?

Nun, sprach das Schaf Veronika, dann gerne Tee mit Teilchen, 
die Teilchen sehen so gut aus. Vielleicht darf ich auch tunken?
Das Wetter könnte besser sein, es regnet schon ein Weilchen.
So, sprach das Schaf Veronika, ich habe ausgetrunken.

Auf wiedersehn Herr Pastor, tschüß meine lieben Damen!
Tschüß Fräulein Schaf Veronika, schön dass Sie zu uns kamen.

Übersetzung Jaap Hoepelman 
August 2020

Das Schaf Veronika kommt zurück vom Urlaub am Bodensee und wird von den Damen und dem Pastor vom Zug abgeholt:

Hallöle, sprach Veronika, ein Gruß vom Bodensee,
es war so schön im großen Haus von Onkel Balduin,
ich bin vom Karussell gestürzt, und es tat gar nicht weh,
der Bodensee ist super schön! Sie sollten auch mal hin.

So, so sprachen die Damen Grün, wie war es mit dem Essen?
Und gab es jeden Tag ein Ei? Was reichte man zum Tee?
Moment mal, sprach der Pastor, bevor wir es vergessen,
Was soll das Tier da, in dem Bauer? Auch aus dem Bodensee?

O, sprach das Schaf Veronika, Geschenk von Balduin!
Das ist ein neuer Freund von mir: der Papagei Filou.
Der Pastor sagte: Schönes Kleid, da kommt man nicht umhin,
mir scheint er aber etwas still, den Schnabel hält er zu.

Ein Papagei jedoch, der sagt so Worte, manchmal...
Geschmack und Anstand. Hat er das? Sie wissen was ich mein?
Die Damen Grün erwiderten, wir kennen Balduins Wortwahl
und seine Kreise, meinen wir, sind ausgesprochen fein.

Ja, sprach das Schaf Veronika, Filou spricht sehr gewählt
und das Verhältnis zwischen uns kann eigentlich nicht besser.
Ach, sagten beide Damen Grün, wie schaut er nun beseelt!
Filou tat jetzt den Schnabel auf und sagte: Halt die Fresse.

Komm, sagten nun die Damen Grün, hier ist die Haltestelle.
Zuhause gibt es Bienenstich und Kaffee mit Kamelle.

Übersetzung Jaap Hoepelman, August 2020

Das Kindschaf Veronika, Fräulein Veronika, will manchmal Märchen vorgelesen bekommen. Sie ist aber sehr viel cleverer als der Onkel Pastor, der beim Widerspruch schnell ungehalten wird:

Ach nein, sprach Schaf Veronika, das kann noch gar nicht sein,
ich will noch nicht so früh ins Bett, es ist doch Wochenende.
Doch, sprachen beide Damen Grün: Wir schlafen jetzt schon ein,
die Gutenachtgeschichte noch, dann ist der Tag zu Ende.

Wohlan, sprach Onkel Pastor, was soll es diesmal sein?
Vom Wolf und sieben Geißlein, sprach das Schaf Veronika.
Die Brille kam aus dem Etui. Der Pastor setzte ein,
von sieben Geißlein, ganz allein. Die Mutter war nicht da:

"Und als sie wieder da war, erschrak die Ziegenmutter,
denn alle Kinder waren weg, es fehlte jede Spur.
Der Wolf war eingebrochen, denn auch Wölfe brauchen Futter,
Ein kleines Geißlein gab es noch, versteckt in einer Uhr"

Geht nicht, sprach Schaf Veronika, wie kann so was passieren...
Kein Zicklein passt in eine Uhr, nicht eines ist so klein.
Geht doch, sprach Onkel Pastor, denn das sind ganz kleine Tiere!
In eine Riesenfriesenuhr, da passt ein Zicklein rein.

Ich kenne, sprach Veronika, mehr als nur eine Geiß.
Die passen nicht in eine Uhr, ich wette, die zerbricht. 
Verdorrie! rief der Pastor, hier steht es, schwarz auf weiß!
Ach geh, sprach Schaf Veronika, die Fakten stimmen nicht.

Komm, sprachen nun die Damen Grün, das Märchen ist jetzt aus.
's War wunderschön und vielen Dank. Wir geben einen aus.

Übersetzung Jaap Hoepelman 
August 2020



Montag, 13. August 2018

Annie M. G. Schmidt. Sebastian

Afbeeldingsresultaat voor annie m.g.schmidt



Annie M. G. Schmidt (Kapelle, 1911 - Amsterdam 1995) war eine niederländische Dichterin, die durch Theaterstücke, Cabaret, Lieder, Musicals, Fernsehen und vieles mehr berühmt wurde. Am allermeisten durch ihre Kindergedichten und -geschichten. Ihre Gedichte zeichnen sich durch eine mühelose Virtuosität aus. Sie gehört ohne Übertreibung zum niederländischen und flämischen Erziehungskanon. Ich bin mit ihren Gedichten und Texten groß geworden und ich spürte: Diese Gedichte sind nicht echt für Kinder. Das war das Schöne daran. Durch ihr Humor und durch ihre Respektlosigkeit wurde eine ganze Generation Kinder vor der traditionellen Spruitjeslucht (Rosenkohlmief, vergleichbar mit dem Muff von tausend Jahren in Schland) gerettet. Von einigen wird sie auf einer Stufe mit Astrid Lindgren gestellt. 




Sebastian


Dies ist die Spinne Bastian,
mit dem's kein gutes Ende nahm.
HÖRT ZU!
Er sagte allen anderen Spinnen:
Komisch, was ich jetzt erlebe,
ich spüre einen Drang tief drinnen.
Ein Spinnennetz will ich jetzt weben.
Da sagten alle andere Spinnen:
O, Sebastian, nein, Sebastian,
komm Sebastian, lass das bitte,
willst du echt ein Netz beginnen
bei der Kälte? Das wird bitter. 
Sagte Sebastian den Spinnen:
Groß muss das Netz ja gar nicht sein,
es muss nicht draußen, es geht auch drinnen,
hinter den Gardinen geht's auch klein.
Sagten alle andere Spinnen:
O, Sebastian, nein, Sebastian, 
bitte Sebastian, lass es sein!
Es ist so gefährlich drinnen, 
so gefährlich für uns Spinnen.
Sagte Bastian eigensinnig:
Nein, der Trieb ist mir zu groß.
Sagten alle Spinnen innig:
Sebastian, es wird dein Tod...

O, o, o, Sebastian!
Mit dem's kein gutes Ende nahm.
Durch das Fenster schlüpfte er nach drinnen.
Eigensinnig. Ohne Bange.
Sagten alle andre Spinnen:
Schaut, er hängt mit seinem DRANG!
PAUSE
Etwas später wurde mal eben
diese Nachricht durchgegeben:
Drinnen hat man einen Mord begangen.
Mit dem Kehrwisch wurde Bastian gefangen.


In: Annie M. G. Schmidt
Dit is de spin Sebastiaan (1951)



Übersetzung Jaap Hoepelman
13.08.2018

Sebastian





Donnerstag, 9. August 2018

Annie M. G. Schmidt. Einem kleinen Mädchen.



Afbeeldingsresultaat voor annie m.g. schmidt





Annie M.G. Schmidt (1911-1995)

Einem kleinen Mädchen

Dies ist das Land, wo die Erwachsene wohnen.
Du darfst noch nicht hinein: Hier ist es böse.
Hier gibt es keine Feen, hier gibt's Hormone.
und für alles sucht man eine Lösung.

In diesem Land gibt es das immer gleiche Abenteuer,
es ist von Männern und von Frauen.
Einhörner gibt es nicht und nicht das kleine Ungeheuer.
Und hinter jeder Mauer gibt es neue Mauern.

Und alle Dinge haben hier zwei Seiten
und Teddybären sind hier tot,
und böse Stücke gibt's auf bösen Zeitungsseiten,
die schreiben böse Männer für ihr böses Brot.

Hier ist ein Wald ein Haufen Bäume,
Soldaten sind hier nicht aus Zinn und klein.
Es ist das Land der Großen ohne Träume.
Hab keine Angst, du darfst noch nicht hinein.


In: En wat dan nog?
1950


Übersetzung Jaap Hoepelman, 09.08.2018


Donnerstag, 31. August 2023

"Flüchten geht nicht mehr"; 1971 war die Stimmung auch nicht besser.

 In 1971 schrieb Annie M. G. Schmidt (den Lesern dieses Blogs wohlbekannt) einen Song für das Musical "En nu naar Bed" ("Husch, husch ins Bettchen"). Die Stimmung war damals nicht gut, und ist es auch heute nicht. Der wichtigste Song hat leider nicht an Aktualität verloren. Das Musical aber war ein großer Erfolg  und "Flüchten geht nicht mehr" wurde ein Hit und stand lange in den Charts. Das waren noch Zeiten...

Einen Link zu einer alten Videoaufnahme habe ich diesem Post beigefügt.


Annie M. G. Schmidt, 1911-1995


Flüchten geht nicht mehr, ich wüsste keinen Sinn

Flüchten geht nicht mehr, ich wüsste nicht wohin

Wie weit musst du gehen

Die fernen Länder sind Aufmarschländer

Sicherheitsratsversammlungsländer, Entlaubungsländer, Touristenstrände

Wie weit musst du gehen

Flüchten geht nicht mehr


Auf dem Mond gibt's Messgeräte, und auf  Venus für die Atmosphäre 

Und auf Erden singt der letzte Vogel, wie wenn's der letzte Frühling wäre

Flüchten geht nicht mehr, ich wüsste nicht wie weit

Verkriechen geht vielleicht, verkriechen sich zu zweit

Flüchten geht nicht mehr 

Flüchten geht nicht mehr


Flüchten geht nicht mehr, es macht ja keinen Sinn

Flüchten geht nicht mehr, ich wüsste nicht worin

Wie weit musst du gehen

In Geschäfte oder Arbeit oder  Disziplin

In Yin oder Yang oder  Heroin

In Status oder PKW und Geld verdienen

Wie weit musst du gehen

Flüchten geht nicht mehr


Hier in Holland stirbt der letzte Falter auf der allerletzten Blume

Und alle Musik, die übrig bleibt ist der supersonische Boom


Flüchten geht nicht mehr, ich wüsste nicht wie weit

Verkriechen geht vielleicht, verkriechen eng zu zweit

Das könnte unser Alternativchen  sein, 

Mit oder ohne Eheschein

Mein Liebchen, mein Liebchen, was willst du noch mehr

Flüchten geht nicht mehr

Flüchten geht nicht mehr.

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Übersetzung Jaap Hoepelman, August 2023


Vluchten kan niet meer; Lied

Vluchten kan niet meer , Text




Sonntag, 24. August 2025

Jacobus Bellamy: Patriotismus und Empfindsamkeit.

 

Jacobus Bellamy 1757 - 1786

Jacobus Bellamy stammte aus Vlissingen, ein Städtchen gelegen an einer strategischen Stelle in der Flussmündung der Schelde, wo es den Zugang zum Hafen Antwerpens beherrscht (gegen Ende des 2. Weltkriegs machte diese Lage sich sehr bemerkbar). 


Vlissingen ist Heimat einiger bemerkenswerter Gestalten, darunter der Flotten-Admiral Michiel Adriaansz de Ruyter, der im 17. Jahrhundert eine entscheidende Rolle spielte,

  
Michiel Adriaansz de Ruyter 1607-1667

 aber literarisch interessanter ist das aufklärerische und patriotische  Schriftstellerinnenduo Betje Wolff und Aagje Deken (Deken stammte nicht aus Vlissingen), Autorinnen des ersten niederländischen Briefromans "Sara Burgerhart" (1782), in dessen Romantitel sich das neue Bürgertum und die neue Unabhängigkeit der Frau sich ankündigte. Als Patriotinnen mussten sie später eine Zeitlang in das revolutionäre Frankreich flüchten.

          Betje Wolff, Aagje Deken, (1738-1804 bzw. 1741-1804)

  
Denkmal für Wolff und Deken 
am Bellamypark in Vlissingen

Die Theater- und Kinderbuchautorin und Dichterin Annie M. G. Schmidt war in Vlissingen während
des zweiten Weltkriegs als Leiterin der Bibliothek tätig.

Annie M. G. Schmidt 1911-1995

Die Bibliothek, ebenfalls am Bellamypark in Vlissingen, 

Am gleichen Park finden wir das Geburtshaus des Jacobus Bellamy, jetzt ein Restaurant, mit Plakette für den Dichter. 

Zu Bellamys Zeit war der Park noch ein Hafen, hierunter eine Abbildung, nur um einen Eindruck zu geben, wie anders alles damals aussah.

Der alte Hafen in Vlissingen

 Wie der Bauer-Dichter Poot hatte Bellamy das unstillbare Verlangen zu dichten, trotz einfacher Herkunft und Bildung - um zum Familienunterhalt beizutragen, arbeitete er als Bäckersknecht. Seine Begabung fiel einem Vlissinger Prädikanten auf, der ihn für eine Ausbildung als Prädikant in Utrecht (einer notorischen Patriotenstadt) weiterempfahl und ihn auch ansonsten unterstützte. Anstatt eifrig Theologie zu studieren, widmete Bellamy sich aber Politik und Dichtung und stiftete mit Freunden eine "poetische Gesellschaft", mit deren Hilfe er hoffte, die niederländische Poesie auf eine höhere Ebene zu führen. Nach deutschem Vorbild strebte er dabei eine natürlich fließende Sprache an, im Gegensatz zu der schwerfälligen Dichtung des Barocks. Seine Form war der reimlose, anakreontische Vers. Der anakreontische Vers (ursprünglich im kurz-lang Metrum "UU _ U _ U _ _") war eine typische Rokoko-Form, in der man elegant über persönliche, "leichte" Themen, wie Liebe, Wein, Genuss usw. dichtete. Es ist charakteristisch für den Zeitenwandel, dass der ehemalige Bäckersknecht damit großen Erfolg hatte. Vier Gedichtbände erschienen, die beim Publikum großen Anklang fanden, insbesondere das Gedicht "Roosje" für die lange Zeit unerreichbare Geliebte Fransje Baanen.

Hier dann ein Gedicht passend zum Thema:

Jacobus Bellamy


Die Liebe

Wann ist es, dass die Liebe
Sich zeigt am allerschönsten?
In keuchendem Verlangen?
Nach reichlichem Genießen? -
Wir kosten den Genuss schon
Umarmt von den Gedanken,
Als wir nurmehr verlangen.
Doch nach ausgiebigem Genießen,
Wenn, durch alle Freuden,
Die Saiten der Gedanken
Vollends sind überspannt,
Dann herrscht in unsrer Seele
Trübselige Verwirrung.
Dann bringt der traurige Gedanke:
Wir haben schon genossen!
Der Seele eine Lähmung.
Doch bringt ein Blick der Hoffnung
Neues Leben dem Verlangen,
Dann lebt die Seele und erschafft,
Aus nichts als Hirngespinsten,
Wohl tausend freudige Gedanken.


Übers. Jaap Hoepelman Mai 2024

Aus: Gezangen mijner Jeugd (1782)

Bellamy beschäftigte sich nicht nur mit der Dichtkunst. Etwas in der Vlissinger Atmosphäre scheint zu Aufständischem und Respektlosem anzustacheln. Vielleicht ist es eine gewisse Kleinkariertheit, über die Betje Wolff sich schon heftig beschwerte (wie über die Verwicklung ihrer Vaterstadt im Sklavenhandel). Die patriotische, d.h. anti-orangistische Politik war somit das andere Thema, das Bellamy in der immer unruhigeren Zeit beschäftigte.

Im Europäischen Rahmen sind die Niederlande ein ziemliches Kuriosum. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren die Niederlande Teil des Reichs der spanischen Habsburger. Seit den 1560er Jahren entwickelte sich eine aufständische Bewegung gegen die Habsburger, nicht zuletzt aus religiösen Gründen.  1581 verabschiedeten die Generalstaaten der Niederlande eine Unabhängigkeitserklärung, in der sie sich vom spanischen König, Philipp II, aus dem einfachen Grund lossagten, dass dieser ein Tyrann sei, der die Rechte seiner Untertanen gröblich missachtete (ich vereinfache in unzulässigster Weise). Es war keine geringe Sache. Die Niederlande waren schon im Mittelalter ein wirtschaftlicher Schwerpunkt Europas gewesen und waren es im Habsburger Reich nicht weniger. Philipps Vater, Kaiser Karl V, war sogar in Gent geboren und sprach Niederländisch. Zwar, wie man sagte, nur mit seinem Pferd, aber immerhin. Da ein Staat ohne Fürst unvorstellbar war, trugen die Generalstaaten einer Reihe von Herrschern verzweifelt die Fürstenwürde an. Alle lehnten ab (nur nicht der englische Graf Dudley, der sich durch seine Arroganz selber abschoss). Warum sich Ärger mit Spanien einhandeln, dem mächtigsten Staat Europas, nur wegen eines Küstenstreifens mit einem Haufen aufständischer Bettler? Willem von Oranien, Anführer der Aufständischen, wäre die natürliche Wahl gewesen, aber dieser war 1584 gerade eben ermordet worden. Bereits1572 war Willem von den Generalstaaten zum Statthalter (d. h. zum führenden Beamten mit den Aufgaben eines Fürsten) ernannt worden, so dass jetzt zuerst sein Sohn Maurits, dann dessen Halbbruder Frederik Hendrik den Platz eines Statthaltern einnehmen konnten. In 1588 ernannten die Generalstaaten sich selbst zum Souverän der Niederlande, welche dadurch de facto zu einer Republik mit einem verbeamteten Ersatzkönig wurden. Es war eine einmalige Konstruktion, die zwangsläufig zu Spannungen zwischen den Orangisten und den Republikanern führte. Aber die Oranier hatten sich eine relativ feste Position erschaffen, eine Stellung, die im Auf und Ab von Dynastie und Republik erhalten blieb. In Teilgebieten der Niederlande wurde die Statthalterschaft sogar erblich, in 1747 im ganzen nördlichen Gebiet. Aber die Zeit reichte nicht mehr: Nur noch zwei der Oranier, Willem IV und Willem V, konnten sich über den Titel "Erbstatthalter" der ganzen Niederlande freuen. Nach dem Katastrophenjahr 1682 wurde die Position der Republik unaufhaltsam schwächer. Die vernachlässigte Flotte war nur noch ein Schatten ihrer Selbst. In totaler Verkennung der Lage unterstützte die Republik die amerikanische Revolution durch Waffenlieferungen über die Karibikinsel St. Eustatius gegen den Konkurrenten Großbritannien. Wie zu erwarten, nahm die Konkurrenz das nicht hin. In 1780 ging der Vierte Englische Seekrieg katastrophal verloren. Durch die Ideale der amerikanischen Revolution und der Aufklärung, sowie die allgemeine Unzufriedenheit über die Lage der Republik wurde der Ruf nach mehr Freiheit immer lauter. Die Patrioten führten eine heftige Pressekampagne mit zahlreichen Pamphleten, in denen es hieß, dass  die Freiheit vom Statthalter und seiner Kamarilla unterdrückt wurde - womit wir wieder bei Willem V wären. Willem war als Statthalter völlig ungeeignet. Weil er seinem Vater als Dreijähriger nachgefolgt war, wurden die Staatsgeschäfte von Ludwig-Ernst von Brunswick-Wolfenbüttel wahrgenommen, dessen Nichte, die preußische Prinzessin Friederike Wilhelmine, später Willems Gemahlin wurde. Ludwig-Ernst fand Gefallen an den Staatsgeschäften und er ließ sich die Weiterführung seiner Vogtschaft zusichern, auch nach Willems Erreichen der Volljährigkeit. Als der Geheimvertrag in 1785 bekannt wurde, brach ein Aufstand aus. Willems Position in den Haag war nicht mehr zu halten und er flüchtete mit seiner Gefolgschaft in die immer noch orangistische Provinz Gelderland, zuletzt nach Nimwegen, mit leichten Fluchtmöglichkeiten nach Deutschland. Das also war mit dem "Geldernschen Schwein" des unten gezeigten unflätigen Pamphlets unseres Dichters gemeint. Ob Willem V wirklich so böse war, wie unser von patriotischem Eifer beseelter Pamphletist schreibt, kann angezweifelt werden. Man würde ihn eher als hilflosen Volltrottel beschreiben. Habgier allein unterschied ihn mit Sicherheit nicht von der Masse seiner Standesgenossen. "Ich wünschte mir, dass ich tot wäre, dass mein Vater nie Statthalter geworden wäre. Ich bin dazu unfähig. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht" schrieb er. Man könnte ihn fast bemitleiden.

Bellamy veröffentlichte seine Pamphlete in der patriotischen Zeitung "De Post van den Neder-Rhijn".




Seine Beschreibung des Statthalters ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:



Seine Hoheit als "Geldernsches-Schwein"? Ziemlich keck, für einen Bäckersknecht! Die Zeitung, in der 1782 das Pamphlet erschien, wurde sogar für eine begrenzte Dauer verboten.

Ich versuche die Schmähschrift zu übersetzen, ohne mich auf Poetik zu kaprizieren, was in diesem Fall nicht schwerfällt:

Einem Verräter des Vaterlandes

Es war Nacht, als Deine Mutter kreißte
Die Nacht, die schwarz war wie noch nie.
Reigen Höllengeister kreisten,
Die Welt der Vögel dreimal schrie,
Im Spukwald konnte man es hören.
Die Meereswellen rasten, kochten,
Dass bis in den Himmelschören
Sogar die Engelsherzen zitternd pochten!
Dich sah die Mutter - und das Leben
Floh aus dem bedrückten Herz!
Dein Vater stand, fing an zu beben,
Dann sank er hin, gefällt vom Schmerz,
Dann, wie Donner, eine Stimme hallte,
Hallte in dem Haus, das dich empfing:
"Dass fern von diesem Kind sich jeder halte,
"Die Natur gebar ein Teufelsding!
"Sie gebar zur Strafe der Nation,
"Als Anzeichen des Himmels Grimm!
"Der Geister übelster Patron
"Sei auf der Erd' zum Schütze ihm!
"Er wird das Vaterland verraten!
"Der Freiheit treten auf die Brust!
"Kein Gold in Massen wird ihn je behagen,
"Denn unersättlich ist sein Durst!
"Es dürstet ihn nach Gold und Seide,
"Er wird der Fürsten liederlichster Knecht!
"Sieht er der Unschuld Blut und Leiden
"So  ist's ihm Freud', so ist's ihm recht!
"Falschheit ist das Wesen seiner Seele,
"Der Betrug bewohnt sein Sabberloch!
"Keine Furcht kennt seine Höllenseele;
"Immer denkend; "Ätsch! mich gibt es noch!"....
"Vergebens ist's sein Tun zu unterbrechen!
"Vergebens wäre hier Gewalt!
"Geboren wurde er zum Vaterlandsverbrecher,
"Zum Fluch des Volkes die Gestalt!"

Verräter, Monster! Fluch der Erde!
Du, Geschöpf, beleidigst die Natur!
Gottes Fluch, der Dich noch nicht verheerte
Wird Dich verbrennen, warte nur!

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2024

Bellamy war in verschiedener Hinsicht ein literarischer Erneuer. Er versuchte nicht nur eine neue Dichtung zu entwickeln, sondern gab auch eine Zeitschrift "De poetische Spectator" heraus, in der neue Formen der Literaturkritik betrieben wurden.
Daneben war er ein wahrer politischer Aktivist. Seine patriotischen Gedichte in den "Vaderlandsche gezangen" (1782/1783) unter dem Pseudonym "Zelandus" machten ihn in den Niederlanden überaus beliebt. Jedoch er starb, vollkommen unerwartet, am 11 März 1786. Seine Fransje, die er nun doch bekommen hatte, kam eine Weile in der Gartenklause der Damen Wolff und Deken unter.
1787 konnte Willem V wieder nach Den Haag zurückkehren, aus Nimwegen heraus gehauen durch die preußische Armee. Er hielt sich in Den Haag, bis 1795 die französischen Revolutionsgarden in die Niederlande einzogen, gefolgt von den nach dem preußischen Überfall nach Frankreich geflohenen Patrioten. Willem V zog zu den deutschen Verwandten nach England und beendete sein marginales Dasein in 1806 in Braunschweig.

Man kann schön darüber spekulieren, wie die die Republik und ihre Dichtkunst sich entwickelt hätten, wäre Bellamy mit 27 nicht so frühzeitig verstorben.












Freitag, 2. März 2018

Han G. Hoekstra. Die Zeder. Noch etwas über Kinderpoesie.


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Mit Wilmink, Annie M.G. Schmidt und Simon Carmiggelt gehört Han G. Hoekstra zu einer Generation Dichter, Journalisten und Kabarettisten, die in der Nachkriegszeit aktiv und erfolgreich waren, häufig in Verbindung mit der während des Krieges illegalen Zeitung "Het Parool". Sie hatten wenig mit experimenteller Poesie zu tun, sondern eher mit "Gebrauchspoesie", die z.B. an Kästner erinnert. Einige schrieben viel Prosa und Poesie für Kinder, nicht nur Hoekstra, sondern auch Annie M.G. Schmidt hat hier Großes geleistet. Der braven Angepasstheit der Kinderdichtung wurde mit ihren Arbeiten ein Ende gemacht. Der neue freche, aufsässige, unkonventionelle und sehr witzige Stil geht schon allein aus Aufmachung, Grafik und Titel der neuen Bücher hervor. Als Kind habe ich es genossen. Hier nur ein Beispiel:
Gerelateerde afbeelding
"Die Pudelmütze des Prinzen Karl, und viel mehr"

Auch Hoekstra hat viel für Kinder geschrieben, aber seine allgemein beliebte "Zeder" gehört nicht dazu. Die Gedichtform ist die eines klassischen Rondells, so dass auch die Kulturbeflissenen auf ihre Kosten kommen.
1972 bekam Hoekstra den Huygens-Preis für sein Gesamtwerk.


Han G. Hoekstra (1906-1988)

Die Zeder

Ich habe eine Zeder in den Hof gepflanzt,
Du kannst sie sehen, mir scheint, Du willst nur nicht.
Ein Hinterhof maulst Du, mit Schlacken, Kericht,
und Schimmel hat die blinde Mauer zugepflastert.
Da ist kein Baum, nur grauer Anstrich.
Es gibt ihn wohl, behaupt' ich zittrig.
Ich habe eine Zeder in den Hof gepflanzt,
Du kannst sie sehen, mir scheint, Du willst nur nicht.

Ich zeig' nach draußen, wo schlank und jugendlich
ihr Stamm sich streckt, im Abendlicht,
unnahbar und vom Schicksal unbetastet,
Mächte dieser Welt erschüttern diesen Traum nicht.
Ich habe eine Zeder in den Hof gepflanzt.


Han G. Hoekstra (1906-1988)

Uit: Panopticum (1946)
Uitgever: Amsterdam

Vertaling Jaap Hoepelman November 2017

De Ceder

Sonntag, 23. November 2025

Ben Ali Libi

 

1936-2003

Am 3. November 2025 starb der Schauspieler, Kabarettist und Autor Joost Prinsen, der große Beliebtheit genoß durch seine prominente Rolle in einer langen Reihe von Fernseh- und Theaterprogrammen. Im Theaterprogramm "Uurtje Literatuurtje"* plauderte er mit dem Publikum über seine Begegnungen mit bekannten literarischen Persönlichkeiten, eine davon Willem Wilmink. Prinsens Vortrag von Wilminks Gedicht "Ben Ali Libi"** gehörte zu den beliebtesten seines Repertoirs und stand nach seinem Ableben erneut voll im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Willem Wilmink wurde bekannt durch eine breite Palette von literarischen Aktivitäten, darunter Kinderpoesie, Liedtexte und Übersetzungen. Seine Gedichte zeichnen sich durch eine scheinbar mühelose Eleganz aus, eine Verwandtschaft mit Dichtern die Thalia zugeneigt waren, wie Annie M.G. Schmidt, Han G. Hoekstra, Drs. P.  oder Kees Stip

Ben Ali Libi war der Künstlername eines wirklichen Zauberkünstlers, der es zu einiger Bekanntheit gebracht hatte - Michel Velleman. 


Ben Ali Libi

Von den im Krieg ermordeten Artisten

stand ein Name auf einer der Listen,

der für mich Grund zum Staunen war:

Ben Ali Libi, Zauberer.


Mit einem Lachen, einem Witz, einem Zauberkasten

und einem Alibi, die so gut zu ihm passten,

musst' er sich die Kost zusammenklauben:

Ben Ali Libi, der Zauberer,


Bis dann die Rassenplebejer fanden

es gäb' keinen Platz in den Niederlanden

für die Jüdisch-Bolschewistische Gefahr.

Womit, klar, gemeint der Zauberer war.


Eine Taube verstecken im Blumentopf -

er war ohne Versteck, als es bei ihm hat geklopft.

Der Überfallwagen da draußen war

für Ben Ali Libi, den Zauberer.


Im Konzentrationslager hat er vielleicht

seine lustigsten Tricks noch einmal gezeigt,

mit einem Lachen, einem Witz, Zauberstaub, 

Ben Ali Libi, der Zauberer.


Und jedesmal, wenn mir ein Krakeeler

die Alternative für Demokratie will empfehlen,

denk' ich: Wo, in deinem Paradies der Sauberen,

ist Platz für Ben Ali Libi, den Zauberer...


Ben Ali Libi,  der arme Schlemiel,

Er ruhe in Frieden, so Gott will.


   
                                                                                                                              Michel Velleman 1895-1943   
alias Ben Ali Libi                                  - 



Vertaling Jaap Hoepelman November 2025

*"Uurtje Literatuurtje"...hier schlägt das niederländische Diminutiv voll durch. "Stündchen Literatürchen" wenn Sie so wollen.
** "Ben" ist "bin" auf Niederländisch.

Aus: Verzamelde liedjes en gedichten (Prometheus, 2019)

Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Samstag, 6. Juni 2020

Hieronymus van Alphen. Das niederländische Kinderbuch (für artige Kinder)..



Hiëronymus van Alphen (H.J. Backer, 1836).jpg
Hieronymus van Alphen 
1746-1803

1778 erschien in Utrecht Hieronijmus van Alphens "Proeve van Kleine Gedigten voor Kinderen"  ("Versuch einiger kleinen Gedichte für Kinder"). Van Alphen wollte den Versuch wagen, leichte Gedichte für Kinder in verständlicher Sprache und ansprechender Form anzubieten.
In Deutschland waren Christian Felix Weiße

Christian Felix Weiße 
1726-1804
und Gotlob Burmann ihm mit Gedichten für Kinder vorangegangen, von denen van Alphen sich an einigen Stellen inspirieren ließ. Ganz allgemein hat van Alphen, auch in seinen theoretischen Schriften, viel zum zunehmenden Einfluss der deutschen Literatur in den Niederlanden beigetragen.
Van Alphen war Jurist und avancierte nach einigen Zwischenstationen 1793 zum "thesaurier-generaal" (Finanzminister) der Republik der Vereinten Niederlanden. 1795, nach dem Einzug französischer Truppen und dem Zusammenbruch der Republik trat van Alphen von seinen Ämtern zurück. 
Die "Kleine Gedigten" waren ganz im Stile der neuen, aufgeklärten Pädagogik geschrieben, nach van Alphens Motto "Mein Spielen ist Lernen, Mein Lernen ist Spielen". Sie waren ein sofortiger Erfolg. Ein gewisser niederländischer Utilitarismus war ihnen natürlich nicht fremd. "Dass ich für die Handvoll Pflaumen ungehorsam wäre? Nein.", meint klein Hänschen. Aber unter Umständen könnten einige Aktien und etwas Grundbesitz die Lage ändern.
Das Bändchen wird bis heute in Faksimile herausgegeben. Es war der Anfang der niederländischen Kinderliteratur, die wenigstens zu meiner Zeit blühte und gedieh. In diesem Blog habe ich mich einige Male an Kinder- und Jugendgedichten von bekannten Dichtern versucht, z. B. von Hans Andreus und Paul van Ostaijen. Auch Han G. Hoekstra muss hier erwähnt werden. Ich selber habe die Gedichte von Annie M. G. Schmidt und Willem Wilmink immer besonders gerne gemocht.
Von van Alphen hatten sie sich weit entfernt.


Der Pflaumenbaum
Eine Geschichte
1778


Hieronymus van Alphen
1746-1803


illustratie

Kleiner Hans sah Pflaumen prangen,

O! Sie waren eiergroß.

Scheinbar wollte Hänschen pflücken,

wenn auch Vater es verbot.

Es kommt, sprach er, weder Vater,

noch dem Gärtner zu Gesicht:

Einem Baum, so voll beladen,

fehlen fünf, sechs Pflaumen nicht.

Aber besser, ich gehorche,

pflücke nicht und lass' es sein.

Dass ich für die Handvoll Pflaumen

ungehorsam wäre? Nein.

Fort geht Hänschen: Doch der Vater,

der versteckt gelauschet hat,

trifft ihn beim Spazierengehen

vorne auf dem Mittelpfad.

Komm mein Hänschen, sagt der Vater,

komm mein kleiner Herzensdieb!

Jetzt werd' ich dir Pflaumen pflücken;

jetzt hat Vater Hänschen lieb.

Feste hat Papa geschüttelt,

Hänschen sammelte geschwind;

Hänschens Hut war voller Pflaumen,

im Galopp sprang fort das Kind.

De pruimeboom
Eene vertelling


Und...ach ja, Parodien gab es natürlich reichlich. Hier ist eine von John O'Mill


Kleiner Hans sah Pflaumen prangen
O! Sie waren eiergroß;
Der Gärtner sah die vollen Backen,
Schlug den fiesen Schnorrer tot.


John O'Mill (1915-2005)

Uebersetzungen Jaap Hoepelman
6 Juni 2020.

Montag, 29. Juni 2020

Han G. Hoekstra. Das niederländische Kinderbuch (für unartige Kinder)

Han G. Hoekstra-biografie | Joke Linders
Han G. Hoekstra
1906-1988

Hieronymus van Alphens Kindergedichte waren für artige Kinder der besseren Kreise geschrieben. Passende Lektüre und liebevolle Ermahnungen sollten die kindliche Entwicklung in die gewünschte Richtung lenken und die elterliche Autorität war die elterliche Autorität war die elterliche Autorität. Nach 170 Jahre voller Krisen und Kriege war davon nicht mehr viel übrig. 1947 schuf der Dichter-Journalist Han G. Hoekstra mit "Het verloren schaap" ("Das verlorene Schaf") eine Sammlung Kindergedichte, in dem zum ersten Mal in den Niederlanden nicht die artigen, sondern die unartigen Kinder im Mittelpunkt standen und die Unartigkeit gepriesen wurde. "Spielt mal mit den Schmuddelkindern" könnte man sagen. Hoekstras Gedicht für Erwachsene "Die Zeder" gehört übrigens zu den beliebtesten der niederländischen Literatur.
Während der Kriegszeit hatte Hoekstra sich geweigert in die sg. "Kulturkammer" einzutreten, in der die niederländischen Künstler gleichgeschaltet werden sollten. Er konnte also nicht mehr veröffentlichen und fing an für die eigenen Kinder Gedichte zu schreiben. Hoekstra gehörte zur Redaktion der ehemaligen Widerstandszeitung "het Parool", die eine wichtige rolle spielte in der Nachkriegsliteratur mit u.a. Simon Carmiggelt, Annie M. G. Schmidt und Zeichnern wie Fiep Westendorp
In 10 stappen succesvol illustrator worden
und
Wim Bijmoer.





De Kinderen uit de Rozenstraat
Die Kinder aus der Rosenstrasse.

Die Kinder aus der Rozenstraat,
die haben immer schwarze Knie,
sie haben meistens Löcher in den Ärmeln
und putzen sich die Zähne nie.

Die Kinder aus der Rozenstraat,
die haben immer Splitter in der Hand,
sie haben immer ungekämmte Haare,
und sind verbeult, verknubbelt und verschrammt.

Die Kinder aus der Rosenstrasse,
die gehen meist auf nackten Füßen,
und sie sind immer auf der Gasse,
als ob sie nie zum Essen müssen.

Die Kinder aus der Rozenstraat,
ich glaub, die müssen nie ins Bad,
sie dürfen alles, was ich nicht darf.
Ich möcht mal wohnen in der Rozenstraat...

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2020

De Kinderen uit de Rozenstraat


Überbevölkerung in der Rozenstraat.


De Rozenstraat (Rosenstrasse - sprich "z" wie deutsch "s") liegt im Jordaan-Viertel, heute ein angesagtes Viertel für Touristen, Feinkostgeschäfte und Künstler, vor 100-150 Jahren ein Viertel der extremsten Armut mit bis 90.000 Einwohnern, eine in sich zusammengefallene Brutstätte von Seuchen aller Art. Sein zu wollen wie die Barfußkinder aus der Rozenstraat war wirklich etwas anderes als sich freuen über einen Hut voller Pflaumen von Herrn Papa...
Unter diesen Umständen war eine nicht gerade brave und obrigkeitshörige Bevölkerungsschicht entstanden. Man hatte eine eigene Kultur und einen eigenen Dialekt. Die Leute kamen oft in Aufstand, das letzte Mal vor dem Krieg, 1934 ausgelöst durch die Weltwirtschaftskrise und von der Armee mal wieder niedergeschlagen. Manchmal muten die Gründe auf den ersten Blick skurril an, wie beim"Aalaufruhr" von 1886. Aus ethisch-ästhetischen Gründen hatte die Obrigkeit den Leuten das grausame Spiel des "Aalziehens" verboten. Diese wollten sich aber eine der wenigen Vergnügungen nicht verbieten lassen und auch dieses Mal  wurde der Aufstand durch die Armee unterdrückt. Es gab an die dreißig Tote.


Aalziehen
Der Aalaufruhr 1887


1947 waren durch Sanierungsarbeiten der Gemeinde die Wohnumstände in einigen anderen  Armenvierteln etwas verbessert worden, aber im Jordaan war man zu der Zeit noch nicht sehr weit gekommen. Hoekstras "Kinder aus der Rozenstraat" nagte also nicht einfach an der Autorität. Es zeigte in kindgerechter Sprache wohlerzogenen Kindern aus wohlanständigen Verhältnissen, dass Kinder aus ganz anderen Umständen sogar beneidenswert sein konnten. Eine doch sehr romantische Vorstellung:

Amsterdam liep behoorlijk achter in de 19e eeuw - YouTube
Der Jordaan: Eine einzige Bruchbude

Land van krotten en knechting - NEMO Kennislink
Keine hübsche Grachten sondern offene Kloaken








Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...