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Freitag, 25. Juni 2021

van Maerlant, der erste Großdichter

 

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290


Im "Binnenhof", im Regierungsviertel in Den Haag, befindet sich der altehrwürdige "Ridderzaal". 

                                       

Der Saal ist immer noch in Gebrauch. Jedes Jahr, am 3. Dienstag in September, wird hier vom Staatsoberhaupt die Thronrede verlesen.


Graf Willem II hat 1248 den Bau des Rittersaals angefangen und sein Sohn, Floris V, hat das Werk rund 1280 vollendet. Glück hat der Bau seinen Erbauern nicht gebracht. 


Willem II, 1227 - 1256, war Graf von Holland und Zeeland. 1248 wurde er in Aachen vom Erzbischof zum Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches gekrönt, aber erst nach einer 5-monatigen Belagerung der Stadt. Willem hatte den Sieg der Hilfe der Friesen und ihrer Wasserbaukunst zu verdanken. Die Friesen nämlich erhofften sich die Wiederherstellung der Privilegien, die ihnen schon Karl der Große verliehen hatte. Nachdem die Friesen ihre Schuldigkeit getan hatten, hatte Willem den Rücken frei für die Fortsetzung der holländisch-friesischen Kriege zur Erweiterung seines Machtbereichs. 1254 griff er die West-Friesen an und plünderte sie aus. Eine Übersichtskarte zeigt, wo die West-Friesen siedelten und wo Willem versuchte sein Gebiet zu erweitern.



Die Detailkarte zeigt die damalige Lage der Westfriesen. Sie bewohnten die Halbinsel nördlich von Utrecht, westlich von Friesland. Vom Kernfriesland waren sie schon früher getrennt worden durch die Entstehung der Zuiderzee. Es wäre also ein Versuch wert, die Landzunge zum Brückenkopf einer Eroberung zu machen. Nur war die Geographie äußerst problematisch, wie die Detailkarte zeigt. Eine Sumpflandschaft, in der man kaum ausmachen konnte, wo das Land anfing und das Wasser aufhörte. Kein Wunder, das die Friesen nicht nur Meister des Wasserbaus, sondern auch des Sumpfkriegs waren. 


Die Sumpflandschaft Waterlands und 
die Lage der späteren Zwingburgen
des Floris V.

Der Sommer 1255 war regenreich gewesen, und Willems Armee kam ausgehend vom Städtchen Alkmaar gegen die Friesen nicht voran. In Februar 1256 aber setzte der Frost ein. Der Augenblick schien günstig, über die zugefrorenen Seen in Richtung Hoogwoud zu ziehen. Willem zog mit einer kleinen Gruppe Kundschafter über das zugefrorene Berkmeer (NL "meer" =  D "See") in Richtung Hoogwoud. Es war sehr tapfer. Es war auch sehr töricht. Das Eis auf dem Berkmeer konnte Pferd mitsamt Ritter und Rüstung nicht tragen. 

Willem II bricht ein

Hätte Willem nur van Maerlants Übersetzung des "Secretum Secretorum", "Geheimnis der Geheimnisse" gelesen, in dem nicht nur Tapferkeit, sondern auch Verstand als wahre Tugend eines Fürsten gepriesen werden. Aber van Maerlants Opus entstand erst 10 Jahre später. 


               Willem II im Eis von den Friesen erschlagen

Die friesischen Partisanen kamen aus einem Hinterhalt im Schilf hervor und erschlugen den Kurfürst.
Die Friesen waren ein wehrhafter Stamm, sehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht. 754 wurde der Apostel Bonifatius beim Ort Dokkum von ihnen erschlagen, als er gegen ihre Verehrung der Wotaneiche predigte. 
Bonifatius verteidigt sich mit seiner Bibel 
gegen die Schwerthiebe der Friesen

Für  den frommen van Maerlant, fest mit dem holländischen Grafenhaus verbunden, sprach womöglich noch mehr gegen die Friesen, dass sie Willems Leichnam nicht herausgaben, wie es sich für eine ehrenhafte Beerdigung geziemt. Willems Leiche wurde unter einer Feuerstelle in einem Bauernhof verscharrt.
Van Maerlant hatte also keine hohe Meinung vom garstigen Friesenstamm:


Wat sal seghel ende was
 
Ende brieve, die ghewaghen das
 
Van dat dese heren gheven?
 
Hets al niet, hets een ghedwas;
 
Alse lief hadt mi een wilt Sas
 
Oft een Vriese bescreven.
 
Trouwe es brooscher dan een glas;
 
Die hier te voren so sterc was,
 
Soe es tebroken bleven.
 
Ic waens noit landshere ghenas
 
Die scalke te sinen rade las,
 
Hine moeste int ende sneven
 
Ende sulc sijn slands verdreven.’

Was soll der Siegel, und das Wachs,
Was das Siegelstück? Alles nur ein Klacks
In feierlichem Herrensprech!
Nichts ist's, nur Gewäsch,
Leeres Geschwätz, von Sächs'scher
Wilden, ohne Wert, nur Friesenblech.
Treue ist zerbrechlicher als Glas.
Einst fest, zerschellt auf immer das, was
Heil war. Gebrochen bleibt gebrochen eben.
Kein Landsherr hat sich je davon erholt,
Der sich bei Schwindlern Rat geholt.
Manche mussten zahlen mit dem Leben, 
Eignes Land hat mancher aufgegeben.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2021 nach Text und Prosaübersetzung der "Wapene Martijn" in der DBNL)

Als Willem schmählich bei Hoogwoud zu Grunde ging, war sein kleiner Sohn, Floris V, erst 2 Jahre alt. An dieser Stelle können wir den Faden unserer Erzählung mit van Maerlants Patronin, Aleide d'Avesnes, 1228-1294, aufnehmen, auf die Gefahr hin, selber in das Eis der adligen Querelen einzubrechen. 

           Aleide d'Avesnes,
  Gräfin von Holland vor den Resten
 ihrer Burg "te Riviere" in Schiedam

Aleide d'Avesnes war die Schwester des Kurfürsten, und sich ihrer gehobenen Stellung sehr bewusst. Aleides Bruder, Floris IV, wurde zum Stellvertreter Willems und zum Vogt dessen Sohnes. 1258 aber starb Floris IV in einem Turnier in Antwerpen. Aleide wurde Vogtin des kleinen Floris und Truchsessin von Holland und Zeeland.  Van Oostrom* vermutet, wie Aleide und Van Maerlant zusammen gekommen sein könnten: Es gab intensive Auseinandersetzungen zwischen Flandern und Holland über den Besitz der zeeländischen (seeländischen; NL "zee" = D "Meer") Inseln westlich der Schelde. Diese beherrschten den Handelsweg zwischen England und Brügge. Es ging also um viel Macht und viel Geld. Brügge war die wichtigste Schaltstelle in den Beziehungen zwischen der Hanse, England, Frankreich und dem Mittelmeer. Für die flämische Tuchproduktion war Brügge der Stapelplatz für englische Wolle.  

Der Belfried in Brügge

Der Vorhafen Brügges im 13. Jahrhundert war Damme. Dort genoss Van Maerlant in der Kapittelschule Sankt-Donaas eine gründliche Ausbildung und wurde Kleriker niederen Weihegrads. Die Kapittelschule war ein intellektuelles Zentrum und Van Maerlant wird sich in den artes liberales geübt, hervorragend Latein und Französisch gesprochen und geschrieben haben, wie seine Muttersprache, Flämisch. 

Die Lage von Brugge und Damme


Die Kapittelschule verfügte über eine reichhaltige Lehr-Bibliothek, in der Van Maerlant sich gründlich eingelesen hat. Hier hat er  die Fähigkeiten erworben, über die ein Schreiber an einem gräflichen Hof verfügen musste. 
Während der französischen Revolution konnte die Sankt Donaas Kathedrale dem Fortschreiten des Weltgeistes leider nicht standhalten und wurde vollständig geschleift.

             Die Sankt Donaas -Kathedrale


                                                                                                            Van Eyck: Madonna mit Kanonikus van der Paele. 
                                                                                       Im blauen Ornat der heilige Bischof Donatius.


Denkmal für Van Maerlant 
auf dem Marktplatz in Damme

Zum Verhältnis der Flamen und Holländer trug 1246 der französische König Ludwig IV ("der heilige") dadurch bei, dass er den Dampierres das reiche Flandern zuteilte und den Avesnes das armselige Holland. Die Avesnes fühlten sich auf das Höchste benachteiligt. Als pikante Komplikation verlief der Graben quer durch eine einzige Familie. Margaretha, Gräfin von Konstantinopel (nur damit die Verhältnisse klar sind), war die Mutter von 3 Avesnes und mindestens 2 Dampierres, aus 2 Ehen. Sie entledigte sich ihres ersten Ehemannes, Bouchard d'Avesnes, durch Enthauptung, was von den Avesnes nicht positiv aufgenommen wurde. 
Für Flandern war der Besitz der seeländischen Inseln westlich der Schelde entscheidend, weil diese den Zugang nach Brügge beherrschten. Margaretha war durch ein Urteil des deutschen Kurfürstes, Willem II von Avesnes eben, ihrer Besitztümer Verlustig gegangen. Selbstverständlich verleibte Willem sich dabei den Lehen Seeland ein. Margarethe versammelte daraufhin ein großes flämisch-französisches Heer, das am 4 Juli 1253 zur Insel Walcheren übersetzte. Die Vorbereitungen waren aber nicht verborgen geblieben und die Seeländer und Holländer hatten Zeit, sich auf den Angriff vorzubereiten. Die Flamen wurden schwer geschlagen. Es ist vorstellbar, dass Van Maerlant  als Scriptor mit eingeschifft war und in der Schlacht gefangen genommen wurde.
Van Maerlants Begabung wird Aleide nicht entgangen sein, und so wurde er auf der Insel Voorne, wo die verbundene seeländische Familie van Cats eine "Motte" besaß, festgesetzt und später 


Voorne-Putten um 1300. Mit guten Augen kann man den Ort Maerlant erkennen, 
nach dem unser Dichter sich benannte.


als Küster und Lehrer im Örtchen Maerlant eingestellt, damit beauftragt Floris V auf dessen fürstliche Pflichten vorzubereiten. Aleide erwartete von Floris nicht weniger, als dass er den Leichnam seines Vaters, ihres Bruders, heimholen und bestatten und an den Friesen Rache nehmen würde. Zu van Maerlants Aufgaben gehörte die Aufbereitung von Literatur, die zu einem fürstlichen Curriculum gehörte. Van Maerlants Produktivität dabei ist erstaunlich. Seine Arbeiten aus der Zeit auf Voorne umfassen unter anderem einen Alexanderroman, die Gralsgeschichte, die Geschichte Trojas, eine Erzählung über den jungen Helden Torec, Sachliteratur über Träume und Steine und das "Geheimnis der Geheimnisse", einen Fürstenspiegel nach dem im Mittelalter sehr beliebten Secretum Secretorum, das als angebliches Werk des Aristoteles höchste Autorität genoss.  Um 1270 kehrte van Maerlant zurück nach Damme wo er in "der naturen bloeme" ("Blume der Natur", oder "Blütenlese der Natur"das damalige Naturwissen zusammenfasste. Außerdem schuf er mit einer gereimten Bibel ("rijmbijbel") die erste vollständige Bibel in niederländischer Sprache, dazu eine Vita des Franciscus von Assisi, und eine Weltgeschichte, die "Spiegel Historiael". Eine Reihe strofischer Werke stellt eine eher persönliche Seite seines Schaffens dar. Darunter die "Martijn"- Gedichte, seine heute noch am meisten geschätzten Werke.
Eine veritable Schatztruhe aus 300.000 Zeilen Paarreime in der Volkssprache, aus lateinischen Quellen; mehr hatte kein Zeitgenosse aufzuweisen. Zu seiner Zeit und noch Jahrhunderte später war van Maerlant ein gefeierter Dichter.

                                                                                                                                        Floris V                                                                               
Floris V führte den Krieg gegen die friesischen Bauern mit wechselnden Geschicken weiter. Entscheidend für die Niederlage der Friesen waren aber erst die Sturmfluten in 1287 und 1288, die Teilen West-Frieslands verwüsteten. 
Floris war ein großer Burgenbauer. 1285 entsteht das Muiderslot an der Grenze zwischen Utrecht und Holland. 

Das Muiderschloss

Das Schloss stand an der richtigen Stelle. Floris hatte gerade der aufstrebenden Niederlassung Amsterdam die Stadtrechte verliehen und das Schloss füllte durch Zolleinnahmen die Kriegskasse des jungen Grafen. Es wurde ihm aber auch zum Verhängnis:  1296 verschworen sich einige Adelige gegen ihn, vermutlich dazu angestiftet durch den englischen König Edward I, weil Floris als Anwärter auf den schottischen Thron galt. Floris wurde im Muiderschloss festgesetzt, um nach England entführt zu werden. Eine andere Version der Geschichte lautet, dass die Entführung eingefädelt wurde durch Gerard van Velzen, der sich wegen der Vergewaltigung seiner Ehefrau an Floris rächen wollte. Eine dritte Version besagt, dass Floris den Bürgern und Bauern zu viele Zugeständnisse gemacht hatte, was dem Adel überhaupt nicht passte. Floris' Spitzname war tatsächlich "Der Keerlen God" und als die "Kerle" das Muiderschloss belagerten, flüchteten die Entführer zu Pferde, Floris gefesselt in ihrer Mitte. Unter den Befreiern ironischerweise auch die Friesen, die sich vielleicht die Wiederherstellung ihrer Rechte erhofften. Van Velzen ergriff seine Chance und erstach Floris. 


Van Velzen aber wurde gefasst, verurteilt, gefoltert und in einem Nagelfass durch die Stadt Leiden gerollt. Andere Quellen sagen, dass er einfach nur gevierteilt wurde. 
Nebenbei: Das Muiderschloss spielte Jahrhunderte später eine wichtige Rolle in der niederländischen Literatur. Ab 1621 traf sich eine Gesellschaft mit den prominentesten Gelehrten, Musikern und Dichtern des niederländischen Goldenen Zeitalters um den Dichter Pieter Corneliszoon Hooft regelmäßig im Muiderschloss, um sich über Literatur und Musik zu unterhalten. Joost van den Vondel, auch er ein Mitglied des "Muiderkring" (Muiderkreises), schrieb das Eröffnungsdrama für das in Stein neu erbaute Amsterdamer Stadttheater, den "Gijsbrecht van Aemstel". Das Bühnenstück beschreibt wie van Aemstel, zu Unrecht der Komplizenschaft am Mord auf Floris verdächtigt, aus seinem Amsterdamer Stadtschloss vertrieben wird.
Zurück zu van Maerlant: Er war ungeheuer einflussreich. Van Oostrom** schreibt, dass man kaum einen Autor zwischen 1250 und 1450 erwähnen kann, der nicht in irgendeiner Art und Weise von ihm beeinflusst wurde und nennt ihn den ersten niederländischen Schriftsteller von dem man sagen kann, dass er im eigentlichen Sinne Schule gemacht hat. Es entstanden zahllose Abschriften seiner Arbeiten. Einige erhaltene Exemplare zeigen prachtvolle Illustrationen, z.B. die "Rijmbijbel" (Reimbibel), die "Naturen Bloeme" (Blume der Natur) und die "Spieghel Historiael".

Der naturen bloeme
Utrechter Handschrift, etwa 1340

Solche Prachtbände kosteten  ein Vermögen. Van Maerlant war selbstverständlich kein Dichter des allerpersönlichsten Ausdrucks allerpersönlichster Gefühle, sondern einer, der genau umschriebene  Stoffe für eine genau umschriebene Leserschaft in der Volkssprache aufbereitete. Er ging dabei aber nicht sklavisch vor, sondern passte seine Dichtung kreativ den Erwartungen und Bedürfnisse seines Publikums und seines Landstrichs an. Am freiesten dichtet Van Maerlant in den Dialogen, welche unter dem Namen "Wapene Martijn" (dem Anfang des ersten Dialogs) bekannt geworden sind. Diese Gedichte haben die Form dreizehnzeiliger Strofen, mit dem Reimschema  aabaabaabaabb. Einige davon habe ich in diesem Post versucht zu übersetzen.
Auch in den weniger freien Werken gibt es genug zu bewundern und zu schmunzeln, insbesondere in der Kombination mit den Illustrationen. Van Maerlant schrieb seine "naturen Bloeme" nach dem Theologen Thomas von Cantimprés De natura rerum. und so dienen die Naturbeschreibungen immer auch ein erzieherisches Ziel: Die Natur ist voll der erstaunlichsten Beweise von Gottes Allmacht und Beispiele von Tugend und Untugend.  Uns, die wir heute umgeben sind von treuen Hunden, edlen Pferden und freundlichen Wölfen, kommt das bekannt vor. 
Als ganz außergewöhnliches Tier wird uns der Biber vorgestellt:

Van Maerlants Biber bei einer seiner typischen Tätigkeiten

Castor, dit woert in Latijn
 
Mach in Dietsche een bever sijn.
 
Castorium heten haere hoeden,
   Die sijn vele te nuttene noden,
 
Ende dat es daer mense omme jaghet.
 
Ende als den bever dan wanhaghet,
 
So bijt hise selve of te waren:
 
Dan laten die jaghers varen.
   Eist datmenne anderwarf jaghet,
 
Hi toghet dat hi niet en draghet,
 
Ende vallet voer den jagher neder.
 
Die Pollaene segghen dan weder,
 
Haer bevre hebben die hoeden binnen,
  Recht als wi nieren legghen kinnen.
 
Hoe moghen si danne hem selven vueren?

Als Castor ist er auf Latein bekannt,
Biber wird er hier genannt.
Castorium, die Hoden auf Latein,
Sind wirksam gegen Zipperlein.
Deswegen wird ihm nachgestellt.
Fühlt er sich zu sehr umstellt,
Dann, wahrlich, beißt er diese ab.
Dann lassen Jäger von ihm ab.
Jagt man ihn dann später wieder,
Legt der Biber sich danieder
Hier, so zeigt er, gibt es nichts zu holen.
Wiederum heißt's bei den Polen,
Die Hoden liegen drinnen, wie die Nieren.
Aber können solche Biber sich kastrieren?

Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2020 nach dem Text in der DBNL (mit der dort vorgeschlagenen Korrektur)

Van Maerlants Tiergeschichten sind spannender und lehrreicher als TERRA-X Dokufilme, in denen viele Tiere schmerzhaft vermisst werden, wie 

der Elefant als wütende Gießkanne,

 
die Auster des Misvergnügens,       oder der Schildquerulant.

Sowieso sind van Maerlants Tiere auffällig schlecht gelaunt. Aber sind nicht in jedem Stück die Bösen interessanter als die Braven?

Auch unter den Menschen gibt es genug zu bestaunen. Zwei Beispiele nur: Die Einfüßler, die ihren Riesenfuß als Sonnenschirm benutzen, oder die Kopflosen, mit den Augen im Rumpf.



Ich beende diesen Post mit einem Gedicht aus dem "Wapene Martijn" über die Frauen, über die van Maerlant in Anbetracht des Missgeschicks mit dem Apfel überraschend milde urteilt:

Martijn:

Jacop, alle Welt macht groß Gewese,
Der Frauen Schuld sei es gewesen,
Dass wir in Sünde müssen Sterben:
Durch Evas erster Sündenfall
Müssen im Erdental wir alle
Als Vertriebene verderben.
Es sagen alle, keiner ausgenommen:
Eva hat Adams Herz genommen,
Adam ward von ihr vergeben°.
Sag mir, liegt's nicht auf der Hand
Dass man hier die Schuldige fand?
Ihretwegen zittern wir und beben
Wenn zu Ende geht das Leben.

Jacop:

Martin, jeder ist im Kopf nicht gut,
Der andern vorwirft, was er selber tut,
Egal ob es ihm Vorteil bringt.
Seh' ich das Meer, oder den Fluss, 
Steig' ich hinein mit einem Fuß,
Wie wenn ein Blöder in die Fluten springt -
Wem werf' ich vor den Übermut,
Wenn mich ergreift die wilde Flut,
Und dass mit mir ein Schwein versinkt?
Wenn einer weiß von Bös' und Gut,
Hartnäckig stets das Böse tut,
Dann gibt es viele, denen's stinkt,
Dann schert es nicht, ob der ertrinkt.


(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2021, Nach Biesheuvel, Originaltext mit Prosaversion )

Zum Schluss noch ein Gedicht, das bis heute seine Gültigkeit behalten hat:

Jacop:

Um diese Worte geht's allein:
Es sind die Worte "mein" und "dein"
Könnt' man endlich sie vertreiben
Allüberall würd' Frieden sein
Und Freiheit wäre allgemein.
Mann noch Frau leibeigen bleiben,
Gemeinfrei wären Korn und Wein.
Über's Meer oder den Rhein
Würd' man keinen mehr entleiben.
Doch das Gift der Habgier steckt in
Allen Dingen leider, Martin.
So wie's ist muss alles bleiben,
Dies Gesetz nur kann es schreiben. 

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2021, Nach Biesheuvel, Originaltext mit Prosaversion )

Jan van Boendale, ein Dichter der nächsten Generation, nennt van Maerlant "Vater der niederländischen Dichter insgesamt"**, *** . Dieser Vater ist heute gründlich in Vergessenheit geraten. Darum hier für ihn, obwohl erst 200 Jahre nach Maerlants Zeit entstanden, die Missa de Sancto Donatiano des Jacob Obrecht. Vom Brügger Komponisten Obrecht für den Brügger Namenspatron Sankt Donatian, den Patron auch der Kapittelschule Sankt Donaas, für den Brügger Dichter van Maerlant: Vertreter der erstaunlichen Kultur der südlichen Niederlande im Mittelalter.


Meine Weisheit über van Maerlant, seine Zeit und Dichtung entstammt zum größten Teil Frits van Oostroms Magnum Opus "Maerlants Wereld" [Prometheus, Amsterdam,1996].
Für den Link zur "der naturen bloeme" - "die Wunder der Natur": siehe hier.
° vergeben - vergiftet
(*van Oostrom s. 122-124, **van Oostrom s. 386, 387, *** Boendale schreibt "Diets" für "niederländisch")

Donnerstag, 10. Februar 2022

Van Maerlant, die Wunder der Natur. Die Tierwelt.

 

       Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290

Ausführlicher über van Maerlant habe ich hier. berichtet.
Van Maerlants Text in der "DBNL" findet man hier.
In "Der Naturen Bloeme" blättern kann man hier


Zu Maerlants Zeiten besaßen die aristotelischen Lehrmeinungen höchste Autorität und Maerlants Abhandlung über die Wunder der Tierwelt fängt getreulich mit der Anrufung der aristotelischen Lehre über das Blut und die Gefäße bei den Tieren an. Nach Aristoteles sind die Insekten blutlos und so lehrt es auch van Maerlant. Es wird noch bis Swammerdam dauern, bis man zu einer anderen Auffassung gelangt.


Von den Tieren

Ich will beim Hergebrachten bleiben,
und die Tiernatur beschreiben,
die allen Tieren ist gemein,
danach von jedem Tier allein.
Hat allgemein ein Tier zwei Beine, 
oder vier, oder aber hat es keine,
(die hat Aristoteles im Sinn), 
hat es Gefäße mitsamt Blut darin.
Zwar haben manche Tiere mehr
als vier, die sind jedoch blutleer.
Dass man sich bitte nicht vertut:
Ich sprech' vom Blutgefäß und Blut.
Blut haben Würmer, wie man unschwer sieht,
Gefäße nicht. Das ist der Unterschied.
...
...

Nach einer ausführlichen Auseinandersetzung über die allgemeine Natur der unterschiedlichen Tierarten fängt van Maerlant zu guter Letzt mit A, wie Asinus, der Beschreibung des gewöhnlichen Esels an. Manchmal sind die Beschreibungen etwas länglich, deshalb werde ich mich für jedes Tier auf wenige Abschnitte beschränken, in der Hoffnung, auf diese Weise ausreichend lehrreiches Material für den Leser bereit zu stellen. Ich werde schrittweise vorangehen, die Übersetzungen in Teilen anfertigen  und hin und wieder nach Lust und Laune ins Netz stellen. Die Reime habe ich, wie van Maerlant auch, nach den lateinischen Tiernamen alphabetisch geordnet.


Der Esel

Der Esel im Zeichen des Kreuzes

“Asinus“ heißt “Esel“, wird uns beigebracht,

hässlich ist er, ungeschlacht,

groß der Kopf, die Ohren lang

und sehr langsam ist sein Gang:

Eine halbe, magere Portion.

Am Rücken aber steht das Zeichen der Passion,

weil der Herr uns Demut hat gelehrt

auf dem Eselsrücken, nicht auf einem Pferd.
...
...

 Der Biber

Der Biber bei einer  typischen Tätigkeit

Als Castor ist er auf Latein bekannt,

Biber wird er hier genannt.

Castorium, die Hoden auf Latein,

sind wirksam gegen Zipperlein.

Deswegen wird ihm nachgestellt.

Fühlt er sich zu sehr umstellt,

dann, wahrlich, beißt er diese ab,

dann lassen Jäger von ihm ab.

Jagt man ihn dann später wieder,

legt der Biber sich danieder.

Hier, zeigt er, gibt es nichts zu holen.

Wiederum heißt's bei den Polen,

die Hoden liegen drinnen, wie die Nieren.

Aber können solche Biber sich kastrieren?


Aus van Maerlants Beschreibung des Dachses geht klar hervor, dass auch die heutige alternative Heilkunde mittelalterliches Wissen zu ihrem Vorteil anwenden könnte. Meine Übersetzung konzentriert sich deswegen auf die heilkräftige Seiten des kleinen Raubtiers. 


Der Dachs

Linke und rechte Pfoten eines Dachses sind ungleich lang

Dachs heißt Daxus auf Latein,

vom Dachsenfett wird meine Rede sein.
...
...
Das Fett des Dachses kommt und geht, 

weil's mit dem Mond im Wechsel steht.

Zerlegt man ihn bei Neumond um sein Fett,

so stellt man fest: Fett fehlt komplett.

Dachsenfett gibt wirkungsvolle Salben

für kranke Glieder allenthalben.
...
...
Aesculapius der Weise

empfiehlt den Dachs in dieser Weise:

Mit seinem Fett sind Glieder einzustreichen,

dadurch wird jedes Fieber weichen.

Schambeschwerden werden flugs gemindert,

und durch Hirn, gekocht in Öl, verhindert.

Dachsenblut und Salz auf Glieder aufgetragen

schützen den Mann an dreien Tagen:

Keine Krankheit wird ihn plagen.

Gesottenen Hoden in Honig, hört man sagen,

genommen auf den leeren Magen,

sollte kein verschnupfter Mann entsagen:

Drei Tage krank, und dann, wie immer,

spielt er das Spiel der Frauenzimmer.



Das Elfentier



Elephas heißt Elefant.

Elfentier wird's auch genannt.

Groß und stark ist dieses Tier,

den langen Schnabel sieht man hier.

Den Schnabel braucht der Riese auch,

es geht nicht ohne diesen Schlauch.

Will es fressen oder saufen, dann

käm' es sonst an nichts heran.

Jakob von Vitry, uns wohlbekannt,

sagt wie er kämpft, der Elefant:

Mit dem Schnabel in der Schlacht

hat manchen Feind er totgemacht.


Nicht nur die Biologie des Elefanten ist interessant. In der Heilkunde findet das Elfentier ungeahnte Anwendungen.


Lange Zähne hat das Elfentier


sie stechen raus, so lesen wir.


Krumm und lang 2 Cubitus,


man verbrennt sie gern zu Ruß.


Aus gebranntem Zahn sodann,


macht segensreiches Pulver man,


Medizin, die wertvoll ist und gut, 


Durchfall stoppt und Nasenblut.


Monatsbluten stillt der Zahn im Nu,


Hämorrhoiden macht er zu.


Und hilft einmal die Kur dir  nicht,


trink es mit Saft vom Wegerich.



Wenn es um Moral und Sitte geht, kann der Elefant dem Menschen als Vorbild dienen:



Aristoteles macht klar,

 

ein Elfentierenpaar im Jahr


tut es 2 Mal miteinander,


2 lange Jahre nacheinander.


Dann, in größter Heimlichkeit,


treiben schamhaft sie's zu zweit.


Haben beide sich vereinigt,


wird sich in einem Fluss gereinigt,


damit ein jedes sauber werde.


Erst dann geht es zurück zur Herde.


Die Tiere leben treu zu zweit,


kein Überspiel führt je zum Streit.


O Mensch! Welch höfische Manieren


bei solch plumpen, tumben Tieren!

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...