Übersicht

Posts für Suchanfrage Kloos werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Kloos werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Montag, 1. Juli 2019

Kloos. Der allerpersönlichste Ausdruck der allerpersönlichsten Gefühle.

Ähnliches Foto
Willem Kloos, 1859-1938

Karel van het Reve (1921- 1999) war Professor für Slavistik in Leiden und als Literaturkritiker einer der witzigsten und schärfsten essayisten seiner Zeit. Eine besondere Begabung hatte er im Bloßstellen von festgefügten Klischees, ob politisch, literarisch oder wissenschaftlich.
In einem früheren Blog schrieb ich über die Rolle der "Achtziger", eine Dichtergruppe, die in den Niederlanden half das Quasi-Monopol der Pfarrer-Dichter zu beenden. Die Achtziger ersetzten die behäbigen Sprache und Moral der Pfarrer-Dichter durch "den allerpersönlichsten Ausdruck der allerindividuellsten Gefühle". So drückte sich Willem Kloos aus, der wohl als Anführer der Gruppe betrachtet wird. Tatsächlich war ihre Sprache neu und ihre Themen waren es auch - verglichen mit denen der Pfarrer-Dichter (und natürlich war Multatuli vorangegangen). Einige ihrer Werke gehören zum Kanon der niederländischen Literatur und kein Schüler kommt drum herum (wenigstens war es so zu meiner Zeit). Es sind gute Gedichte darunter, keine Frage. Aber "allerpersönlichster Ausdruck der allerindividuellsten Gefühle"?
In der Zeitung "NRC" schrieb van het Reve unter dem Pseudonym "Henk Broekhuis":

Ähnliches Foto

"Hier habe ich etwas für Sie, woran Sie bestimmt fest glauben: Künstler drücken Gefühle aus. ... Kloos sagt: "allerpersönlichster Ausdruck der allerindividuellsten Gefühle".  Unsinn natürlich, denn wenn ein Gefühl allerindividuellst wäre, würde es keinen interessieren und wenn dessen Ausdruck allerindividuellst wäre, würde ihn kein Leser* verstehen. Kloos geht ganz anders zu Werke. Er schreibt über Bäume, die verdorren im Herbst und die ihn an den eigenen Tod gemahnen. Das ist kein individuelles Gefühl, sondern ein literarisches Klischee, und Kloos war bei weitem nicht der erste, der es benutzte. Eine überfahrene Katze erinnert viel schärfer an den eigenen Tod....Was den allerindividuellsten Ausdruck anbetrifft: Ein Sonett in dem "spoen" sich reimt auf "seizoen" ("sputen"  auf "Saison", ein ziemlich  gewrungenes Reim bei Kloos, J.H.) kann man auch nicht gerade "allerindividuellst" nennen. ..."

Ähnliches Foto
Karel van het Reve



Alles wahr und ernüchternd natürlich. Aber Kloos hat trotzdem eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt bei der Erneuerung der niederländischen Poesie, und das folgende Gedicht hat - mit anderen - seinen Platz verdient:





Ich wein um Blumen

Ich wein' um Blumen, in der Knosp' gebrochen
Und vor dem Morgen ihrer Blüte schon vergangen,
Ich weine um die Liebe, die ist abgebrochen,
Und um meines Herzens unverstandenes Verlangen.

Du kamst, ich wusste - und Du bist gegangen...
Kaum habe ich gesehen, kein Wort gesprochen:
Bewegungslos im kurzen Wahn gefangen
Im ewigen Schatten meiner Pein verkrochen:

So wie ein Vögelein in stiller Nacht
Auf einmal aufwacht, weil der Himmel leuchtet,
Und meint der Tag bricht an und will ein Liedchen wagen,

Doch noch bevor verschlafen es  die Äuglein aufmacht,
Ist's wieder dunkel, und traurig nur fließt scheu
durch schläfriges Geblätter eine schwache Klage.



Ik ween om bloemen

Willem Kloos
Uit: Verzen (1894)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2019

* Die Verdoppelung, Verdreifachung oder gar Vervierfachung der Endung der Substantive zur         korrekten Darstellung des Personengeschlechtes ist im Niederländischen nicht üblich.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Jacques Perk und das zweite goldene Jahrhundert.

Jacques Perk 
1859 - 1881



Bildergebnis für jacques perk

                                                                                                                    Jacques Perk


1863 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte der Niederlande. In diesem Jahr stellte der liberale Innenminster,  Johan Rudolf Thorbecke, das Gesetz über den Sekundarunterricht vor.

Ähnliches Foto



Es wurde eine neue Schulart, die "HBS", "Hogere Burgerschool" - "Höhere Bürgerschule", als Gegensatz zum herkömmlichen klassischen Gymnasium eingeführt, mit Nachdruck auf den modernen Sprachen - Niederländisch, Deutsch, Französisch, Englisch - und auf den naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern. Das bemerkenswerte dieser Schulform war, wie es der Name schon sagt, dass sie ein Schule für breitere Kreise der Bürgerschaft sein wollte, aber auch, dass das Lehrpersonal höchste Maßstäbe erfüllte (viele hatten promoviert), während zu gleicher Zeit die Form und die Inhalte (innerhalb der gesetzten Rahmenbedingungen) bemerkenswert frei waren. Die HBS war ein durchschlagender Erfolg. Wenige Jahrzehnte nach der Eröffnung der ersten HBS in 1871 wurde ehemaligen Schülern der HBS reihenweise Nobelpreise verliehen. Von den 19 niederländischen Nobelpreisträger bis heute besuchten 14 die HBS. Vincent van Gogh wurde 1866 an der HBS in Tilburg eingeschrieben. 1870 wurde Aletta Jacobs - auch sonst eine hochinteressante Frau -, als erstem Mädchen, der Zugang zur HBS gewährt. Es war, auf dem Sterbebett, Thorbeckes letzte offizielle Handlung. 1879 wurde Jacobs die erste Universitätsstudentin der Niederlande.


Ähnliches Foto
   Aletta Jacobs 1854 -1929

Die Erneuerungsbewegung, die sich bemerkbar machte mit der Einführung der HBS, beendete auch eine Periode der Erstarrung in der Literatur und auch hierin spielte die neue Schulform eine große Rolle. Wichtige Mitglieder der Bewegung der Achtziger waren Schüler gewesen bei Willem Doorenbos, der Geschichte und Niederländisch unterrichtete an einer HBS in Amsterdam. Jacques Perk war einer von Ihnen. Die freiheitliche Einstellung, die Abneigung von belehrender und "nützlicher" Poesie, die Doorenbos, selber Altphilologe, vertrat, wurden vom romantischen Jüngling Perk begierig aufgenommen und sein Gebet an die Schönheit, angelehnt am Vaterunser (Perks Vater war Pfarrer!),  muss von den Zeitgenossen wohl als Provokation aufgefasst worden sein:


Schoonheid, o gij, wier naam geheiligd zij,
Uw wil geschiede; kóme uw heerschappij;
Naast u aanbidde de aarde geen andren god!


aus dem Mathilde-Zyklus, 1879

Schönheit, o du, deren Name geheiligt sei,
Dein Wille geschehe, komme dein Reich;
Neben dir anbete die Erde keinen anderen Gott!

Unter dem Namen "Cornelis Paradijs" hat ein anderer Achtziger, Frederik van Eeden, die Poesie der Pfarrer so gründlich parodiert, dass diese fast vollständig in Vergessenheit geraten ist. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich einen Reim von ihm übersetzt:

Schreibt nur, O Hollands Predigtherren!
Schreibt nur, Ihr, in der Furcht des Herrn:
Schlechten Reim wurde man nie gewahr
Unter Beffchen und Talar.

In der Lampe funzelt heilges Öl
Dichten ist Ihr Monopöl;-
Der Herr sieht zu und überwacht,
Dass Ihr gute Verse macht.

So schreibt und schreibt, Ihr Seelsathleten
Schreibt mehr, bald werdet Ihr Poeten
Segnend, segnend ruhet Gottes Hand
Auf dem Betrieb im Pfarrgewand.


Cornelis Paradijs (Frederik van Eeden)
Aus: Grassprietjes.
1885
Übersetzung Jaap Hoepelman

Neue Gefühle, neue Formen, neue Ausdrucksweisen, "der allerindividuellste Ausdruck allerindividuellster Gefühle", wie sich Willem Kloos (der vielleicht prominenteste Achtziger) in seinem Vorwort zu Perks Gedichten ausdrückte, danach, so meinte Kloos, sollte die Dichtkunst streben und vergaß dabei vielleicht ein Wenig, dass Sonette als Form und Liebes- und sonstiger Kummer als Gefühl nicht gerade das allerindividuellste sind.

Perk aber war eine echte Begabung. Er starb sehr jung, an einem Lungenleiden, mit 22,  zu früh um seine Talente voll in die Bewegung der Achtziger einbringen zu können, aber während der kurzen Zeit, die ihm gegönnt war, entfaltete er in seiner jugendlichen Leidenschaftsfähigkeit eine erstaunliche Produktivität. In 1878 schrieb er das Drama in fünf Aufzügen „Herman en Martha“, ausgelöst durch seine gescheiterte Liebe zur Tochter des Französischlehrers in der HBS - der Pädagoge war nicht begeistert von den Annäherungen des hochromantischen aber brotlosen Verehrers, der anschließend vergebens versuchte auf dem Walfahrer „Willem Barends“ anzuheuern. Vom „Algemeen Handelsblad“, einer Amsterdamer Wirtschaftszeitung, war er inzwischen aus seiner Stelle als Bearbeiter der Französischkorrespondenz entlassen worden, wegen des zu literarischen Charakters seiner Beiträge, eine, aus der Sicht einer Wirtschaftszeitung, vielleicht nicht ganz unverständliche Entscheidung.
In 1879 machte Perk während eines Urlaubsausflugs in den belgischen Ardennen Bekanntschaft mit Mathilde Thomas – der Tourismus hatte schon richtig angefangen, auch wenn die Ziele noch bescheiden waren. Perk verliebte sich unsterblich und schuf nach den Ferien eine Sammlung von über 100 Sonetten, welche er unter dem Titel „Mathilde, ein Sonettenkreis“ erfolglos verschiedenen literarischen Zeitschriften anbot.
Seine Freundschaft mit dem jungen Dichter Willem Kloos, den er an der Universität Amsterdam kennen- und schätzen gelernt hatte führte zu einer Sonettenreihe „ Verzen aan een Vriend“ („Verse an einen Freund“). Inzwischen hatte der Erfolg angefangen sich zögerlich einzustellen. Einige Mathilde-Sonetten wurden veröffentlicht, und Perk erhielt den Auftrag ein Gedicht aus Anlass des 300-Geburtstagsfestes des Renaissance-Dichters P.C. Hooft zu verfassen („De schim van P.C. Hooft“ – „Das Gespenst - oder der Schatten - des P.C. Hooft“).
1881 dann verliebte Perk sich in Joanna Blancke, die Schwester seines künftigen Schwagers. Wieder romantisch, wieder leidenschaftlich, wieder hoffnungslos – die Angebetete war schon verlobt. Sein letztes Gedicht, das mythologische "Iris", das ich hier übersetzt habe, ist ihr gewidmet und beschreibt, ins mythologische gewendet, das ewige Thema der zwei Liebenden, die sich nicht erreichen können. Es zeigt auf der einen Seite den Einfluss des Altphilologen Doorenbos und auf der anderen den Einfluss von Shelleys, "The Cloud", in Form und Inhalt.

Perk wird traditionell zu den Vorläufern der Achtziger gerechnet, nicht nur wegen seiner Emotionalität und neuen Ausdruckskraft, sondern auch wegen des ausführlichen Vorworts seines Freundes Willem Kloos zu Perks posthumen Gedichtband, das wohl als „Manifest der Achtziger“ betrachtet wird.


1974 hat man die segensreiche HBS aufgegeben, vermutlich weil das bürgerliche Wort "Burger" nicht in die Ideologie der Zeit passte und die "Bürger" selber genau so wenig. Selten hat man einen so erfolgreichen Schultyp aus so nichtigem Grund aufgegeben. Die Nachfolge-Institutionen kann man nicht unbedingt als Verbesserung betrachten.

Die Zeit zwischen 1870 und 1940 wird wohl das "zweite goldene Jahrhundert" genannt.
(Zum Thema Sekundarunterricht und Wissenschaft in den Niederlanden siehe Willink 1998.)



Iris (1881)



Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem Seufzer der tosenden See,
Die hoch ist gestiegen, um wie Regen zu fliegen,
Geschwollen vor Verzweiflung und Weh:
Meine Gewänder Perlen durchweben, die beben
Wie Tau auf der Ros', die erblüht,
Wenn schamvoll die Tagbraut zu baden sich traut,
Und vor ihr ein flammender Fächer erglüht.

Mit Tränen im Auge, aus der Tiefe hinauf,
Beuge zum Küssen ich mich herunter:
Meine Locken bringen die Wogen zum Leuchten,
Und meine Tränen lächeln jetzt munter:
Denn der Kuss meines Mundes zerspaltet den Grund
Und es leuchtet die Dünung empor...
Die Erde geht auf und das lockige Haupt
Des Zephirs tut sich lachend hervor.
Er lacht...und sein Hauch schickt mich Ärmste hinauf
Und ein Bogen aus glitzernden Farben
Ist die Spur, wenn ich weich' in das traumhafte Reich
Wo ich ohne den Zephir muss darben.
Er liebt mich, wie ich ihn...nur das Lachen, die Stimme,
Sein Kuss...ist ein Seufzer: Wir weben
Hinauf und hinab ohne Ende; wir wollen beständig,
Doch küssen wir nicht, noch vergehen.-

Der Sterbliche sieht meinen Anschein nicht,
Wenn ich weine hinter wolkigen Orten,
Und Regenschauer mit rieselndem Klagen
Meine unsterblichen Leiden verworten.
Dann tränken die Schmerzen das durstende Herz
Einer Blume, die lechzt nach den Leiden
Und mit dankbarem Blick zu mir aufschaut, wenn ich
Vor Verzweiflung vergesse zu Weinen.

Und dánn - erschein' ich im neblichen Schleier,
Den mein Zephir zerreißt, wenn er fliegt -
Gekrümmt voller Groll...bis der Sonnenschein kommt,
Und auf dem Gespinst meiner Schwingen sich wiegt.
Dann sagt auf der Erde, wer mich gewahr wird:
"Die goldene Iris lacht!"...
Und still übermahl ich das farblose Tal
Mit dem Glühen von Sonnensmaragd. -

Meine Hände sich stützen auf äußersten Küsten
Der Erde, wenn es mich reglos verlangt
- In buntem Begieren - nach meinem Liebsten, den ich verliere,
Wenn hinter der Sonn' er mich bannt.
Nachts sehe die Sterne durch die Arme ich schwärmen
Und das daunige Wolkengewimmel,
Und den Mond, der mich schadet, sich rekelt und badet
In der silbernen Lache des Himmels. -
Meine Zier, wie ein Pfau...ist das Kleid, das verlieh
Mir die Sonne, dem Menschen zum Schutz, der wird sterben,
Wenn in das lichtlose Auge er schaut
Und ihn mein trauriger Blick wird verderben.
Ich umfasse die Spanne mit strahlenden Armen,
Bis mich wehend winkt Zephyrs Gewand,
Und finster ich scheuch' zu dem Ort, wo kein Leuchten
Der lockenden Sonne mich fand. -

Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem feuchten Seufzer der See,
Der auf ist gestiegen, zu fliegen
Wie Regen, geschwollen vor weltlichem Weh. -
Mit mir gemeinsam, wem ebenso einsam
Das Leben aus Sehnsucht besteht,
Und dem in den Tränen die Freuden vergehen
Lächelnd am lieblichsten, wenn er vergeht!





(Übersetzung  Jaap Hoepelman
Dezember 2018)


Iris

Dienstag, 18. April 2023

Louis Couperus. Ein Pantum. Pantum?

           

                                                Louis Couperus
                                                     1863-1923

Pantum (1886)

Oh, zittre, Flöte, voller Tönenzauber!

die Nacht ist wie von Liebe überfüllt 

Und endlos rauscht's im Bambuslaube;

Vanille seufzt ein Duft so schwül....


Die Nacht ist wie von Liebe überfüllt....

Die Liebe wird in meinem Lied entfleuchen

Vanille seufzt ein Duft so schwül....

Aïla! Hör' auf meine Seufzer!


Die Liebe wird in meinem Lied entfleuchen.

Wenn nicht, erweicht von meinem Leid,

Aïla hör' auf meine Seufzer,

Aïla halte auf mein Rufen ein....


Wenn nicht - erweicht von meinem Leid,

Oh, Seele, weich' in meinem Singen!

Aïla! Halte auf mein Rufen ein;

Meine Lippen rufen deine Lippen!


Oh, Seele, weich' in meinem Singen!

Vanille seufzt ein Duft so schwül....

Meine Lippen rufen deine Lippen:

die Nacht ist wie von Liebe überfüllt!


Vanille seufzt ein Duft so schwül....

Und endlos rauscht's im Bambuslaube....

Die Nacht ist wie von Liebe überfüllt....

Oh, zittre, Flöte, voller Tönenzauber!


Louis Couperus (1863-1923)

Pantoem

aus: Orchideeën (1886)



Pantum?


Der Pantum (Nl. pantoem, Fr. pantoum) ist eine ursprünglich malaiische Versform, die auf der Insel Java beliebt war. Ein Pantum besteht aus Vierzeilern, die zur Hälfte im nächsten Vierzeiler wiederkehren und zwar so, dass die Zeilen 2 und 4 der ersten Strophe als Zeilen 1 und 3 der zweiten wiederholt werden und so weiter, bis zur Schlussstrophe, in der die 2. Zeile gleich ist an der 3. und die 4. an der 1. der Anfangsstrophe. Als besonders raffiniert gilt, wenn die sich wiederholenden Zeilen der Form nach identisch sind, ihren Sinn sich, je nach ihrer Stellung im Gedicht, ändert. Pantums können gereimt sein (wie Couperus' hier übersetzter "Pantoem"), aber als halb-improvisierte Form bedienen sie sich sie oft der Assonanzen, eine Freiheit, die ich mir in der Übersetzung auch genommen habe.

Der Pantum wurde1829 in Frankreich durch Victor Hugo eingeführt und von verschiedenen französischen und einigen niederländischen bzw. belgischen Dichtern benutzt. Aber wie war Couperus' Beziehung zur malaiischen Dichtung? Woher stammte diese kulturelle Appropriation?
Couperus war Sohn von John Ricus Couperus, Gerichtsrat zu Padang und am Obergericht Batavia und von Catharina Geertruida Reijnst, die Tochter von Jan Cornelis Reijnst, dem stellvertretenden Generalgouverneur Niederländisch-Indiens. 

Das Obergericht in Batavia (heute Jakarta)

Er war Urenkel von Abraham Couperus, Gouverneur von Niederländisch-Malakka. 

Malakka, (Johannes Vingboons, 1665)

Verheiratet war er mit Elisabeth Baud, Tochter eines Assistent-Residenten (eine hohe Verwaltungsfunktion in Niederländisch-Indien) und Enkelin von Guillaume Louis Baud, sZ Kolonialminister und Mitglied des Staatsrates. Seine Nichte Trudy war verheiratet mit Gérard de la Valette, einem anderen Residenten in NL-Indien. Kurz: Couperus entstammte der niederländisch-indischen Kolonial-Elite.  Geboren wurde er 1863 in Den Haag, 1872 zog die Familie wieder nach Indien, 1878 zurück nach den Haag.
 
Couperus Museum, den Haag

Couperus hatte also ausreichend Gelegenheit, mit malaiischen Dichtformen Bekanntschaft zu machen. 1883 erschien Couperus erstes Gedicht in Druck, 1884 sein erstes Dichtbündel "Een Lent van Vaerzen" ("Ein Gedichtenschatz") , 1886 das Bündel "Orchideeën", in dem "Pantum" auftritt. 

Das Einband von "Orchideeën. Jugendstil par excellence.

Couperus war ein typischer Vertreter des Fin de Siècle, die Zeit um 1900, in dem Lebensüberdruss und Leichtlebigkeit einen gespenstischen Paartanz aufführten auf dem Weg zum ersten Weltkrieg. Die Zeit des Jugendstils. Willem Kloos, dem etwas hemdsärmeligen Anführer der "Achtziger", Träger höchster literarischer Autorität in diesen Jahren, gefielen weder die sublimen Gefühle des empfindsamen jungen Dichters, noch dessen blumige Sprache und er schrieb eine vernichtende Kritik. Couperus war dermaßen schockiert, dass er sich entschied nie mehr zu dichten und sich stattdessen auf die Prosa zu verlegen. Schade, nach dem "Pantum" zu urteilen,  denn Literaturkritik ist genau so abhängig vom Zeitgeist, wie die Literatur selbst, wobei die Literatur im Allgemeinen länger Bestand hat als die Literaturkritik. 
Für den wahren Dandy im Fin de Siècle war feine Konditorware von ausnehmender Wichtigkeit. Prousts "Madeleine" hat sich einen Platz in der Literaturgeschichte redlich verdient.  Couperus aber stand ihm in Sachen feiner Backwaren nur wenig nach. Das Bild des Louis Couperus hat sich etabliert, wie er durch den Haag flanierte, dabei seine Lieblingskonditorei am "Noordeinde" besuchend, um "Koekjes. Véle bróze koekjes" ("Kekse. Viéle mürbe Kekse") zu bestellen. Die Welt der Haager Elite, häufig mit Interessen in niederländisch Indien war die Welt des Dandys Couperus. 
Nach dem durch Kloos Kritik verursachten Schock, wendete Couperus sich dem Sujet des Frauenschicksals zu, ein häufiges Motiv der europäischen Literatur zu der Zeit (Effi Briest, Madame Bovary, Anna Karenina usw.), diesmal im Milieu der Haager Oberschicht.  In seinem ersten Roman "Eline Vere" (1889), beschreibt er den Ennui, die Lebensuntüchtigkeit und das schicksalhafte Abgleiten einer überempfindlichen jungen Frau in den Selbstmord. 


Die "Eline Vere" wurde zunächst in Folgen in der Zeitung "Het Vaderland" veröffentlicht, und festigte auf einen Schlag Couperus' Ruf als Schriftsteller. 
Wie so oft war auch Couperus dandyhafte Eleganz in erster Linie eine Pose. Er muss berserkerhaft gearbeitet haben. Die Liste seiner Hauptarbeiten enthält Romane, daneben Kurzgeschichten, Märchen, Kritiken, Reiseberichte, Feuilletons. Außerdem war er rastlos unterwegs in u.a. Italien, Frankreich, niederländisch Indien und Japan. Die Datenbank der Übersetzungen der niederländischen Literatur enthält 165 Übersetzungen seiner Werke in den verschiedensten Sprachen. 
Viele seiner Romane spielen im niederländisch-indischen Milieu, wie "Die stille Kraft" und "Von alten Menschen, den Dingen die vorübergehen". "Die Bücher der kleinen Seelen" (1901-1902) wird verglichen mit Tomas Manns Buddenbrooks (1902) und ist wie dieser ein Roman über eine Gesellschaft im unvermeidlichen Niedergang. Der Roman in vier Teilen ist situiert in der Oberschicht den Haags und natürlich spielt auch hier der Kolonialismus im Hintergrund mit.
Schicksal, Dekadenz und Zerfall sind Hauptmotive der Arbeiten Couperus, nicht nur in den "indischen", sondern auch in den historischen Romane. Nicht umsonst lautet der Titel einer der Werke "Schicksal" ("Noodlot", das klingt in meinen Ohren noch etwas hoffnungsloser), in dem die zwei Hauptprotagonisten sich gemeinsam umbringen als Figuren im Spiel des Schicksals.
Man sollte vielleicht nicht zu viel Zukunft in Kunstwerke einer bestimmte Periode hineinprojizieren, aber den unvermeidlichen Untergang in Dekadenz, das dem hoffnungslos überdehnten niederländischen Kolonialimperiums beschoren war, auch ohne die Beschleunigung des 2. Weltkriegs, hat Couperus in seinen Werken vorausgeahnt.


Übersetzung Jaap Hoepelman April 2023

Eine Kurzgeschichte, sogar zweisprachig, in der viele Eigenheiten von Couperus' Kunst gebündelt sind finden sie hier: De Binocle - Das Opernglas.





Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...