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Mittwoch, 15. Juli 2026

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden


Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert,
die Harfe klingt...und David psalmodiert,
Was war, was sein wird, kann dir schnuppe sein,
genieß was ist; ein Tor, wer nach Erfüllung giert.
+++
Oh höchster Herrscher dieser Welt
Du fragst, wann mir der Wein die Seel' erhellt?
Es ist am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch
Donners-, Frei- und Samstag, wie's mir eben fällt.
+++
Das Veilchen will sich bunt die Kleider färben,
Im Morgenwind die Rosen für sich werben,
Der Weise, neben einer Frau gesessen,
den Becher leert und schlägt ihn dann in Scherben.
+++
Mein Weinkrug war im Liebesbann,
glänzend schwarze Haare zog er an,
der Henkel eine schlanke Hand,
geschwungen wie ein Frauenspann.
+++
Während Gelächter sich ergießt,
der Wein, der rot aus der Karaffe fließt
wird Herzensblut und das Kristall
wird eine Träne, die's umschließt.
+++
Viel kostbar Blut spülte der Weltenlauf schon fort
und manche Blume ist im Sonnenlauf verdorrt;
brüste Dich nicht mit Jugend und mit Glanz,
früh aufgeblühte Knospen welken hin am Ort.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, nach J. H. Leopold, Juni 2026)


Es gibt interessante Parallelen zwischen den Dichtern Omar Khayyam und Constantijn Huygens, auch wenn sie zeitlich und kulturell weit von einander entfernt scheinen. Beide waren universell begabt, beide waren sehr hohe, vielbeschäftigte Staatsdiener, beide hatten eine Abneigung gegen verknöcherte Intoleranz in der Religion, beide waren sich der Endlichkeit des Lebens und folglich der Notwendigkeit, den Tag zu genießen, sehr bewusst - die universellen Themen des "Memento Mori" und des "Carpe Diem". Und beide haben tausende Kurzgedichte geschrieben, in denen diese Themen angesprochen wurden. Khayyam kommt manchmal etwas parfümiert daher, eine Stimmung, die in Fitzgeralds romantischer Übersetzung (die im Westen am meisten Bekannt war) noch verstärkt wurde. Das passte auch zum Jugendstil um den Jahrhundertwechsel 1900, wobei Leopold lieber Whinfields genauere Übersetzung benutzt hat.
Huygens dagegen konnte - in der alt-niederländischen Tradition -  drastisch und sehr direkt sein, wie Anna Bijns, Adriaan Brouwers, Focquenbroch oder auch Rembrandt und ehrlich gesagt betrachte ich das als Kontrastprogramm manchmal als sehr erfrischend:

Josef und Potiphars Weib


Das "Carpe Diem" bei Khayyam bedeutet nicht, dass der Dichter regelmäßig, in Gesellschaft hübscher Frauen, benommen in einer romantischen Landschaft herumlag. Als hoher Beamter, Astronom, Mathematiker und Kalenderreformer konnte Khayyam sich das auch gar nicht leisten. Ich vermute mal, dass er für seine Aufgaben unermüdlich arbeiten musste. 

                                                                       Astronomen im Observatorium zu Isfahan

Wein und Entgrenzung waren gängige poetische Versatzstücke, um unserer Endlichkeit, Unwichtigkeit und Beschränktheit besonderen Nachdruck zu verleihen. Wein war dazu nicht unbedingt eine Voraussetzung. Einer der weinlosen Vierteiler Khayyams lautet:

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.


(Boutens, nach Omar Khayyam. Übersetzung Jaap Hoepelman)

Khayyams Stellung, sein "Memento Mori", seine Mathematik und Astronomie, auch seine theoretische Arbeiten über die Musik laden zu einem Vergleich mit Huygens ein. Was Khayyam im Übrigen von den Luminarien seiner Zeit hielt, drückte er im folgenden Vierzeiler aus:

Wie auf den Polarstern sind wir auf sie gefahren,
sie, die wie Feuerbaken an der Weisheit Küste waren,
sie konnten in der Todesnacht den Kurs nicht wahren,
ein letztes Wort gestammelt, dann gestreckt auf ihren Bahren.

(Jaap Hoepelman, Juni 2026, nach Leopolds Übersetzung)

Für den Calvinisten Huygens war das "Memento Mori" ein wiederkehrendes Thema, um so mehr im 17. Jahrhundert, in dem der unerwartete Tod allgegenwärtig war:

Das Darlehen

Mein Leben ist ein Lehen, die Sterblichkeit das Pfand,
Gott fordert's morgen ein, es liegt in Seiner Hand.
Wer jetzt gerade geht und prahlt, wie's um ihn steht,
Ahnt nicht den morschen Steg, auf dem er gerade geht.

Das daraus folgende "Carpe Diem", bedeutete für den Calvinisten Huygens nicht "genieße deine Zeit", sondern "genieße deine Zeit dadurch, dass du sie nutzt und verbringst mit gottgefälligen Werken". Also verbrachte Huygens die Zeit neben seinen diplomatischen Aufgaben mit praktischen Projekten, wie:
Dem Bau einer gepflasterten Straße von Den Haag nach Scheveningen;


 der Komposition von über 150 Parfums (sehr nützlich, angesichts der Duft-Palette des Goldenen Jahrhunderts); der Pflege eines Beziehungsnetzes mit den europäischen Geistesgrößen, darunter sehr intensive mit Descartes; der Zusammenarbeit mit seinen Söhnen Constantijn Jr. und Christiaan beim Linsenschleifen und Entwerfen von Messinstrumenten; Architektur; Städtebau; Gartenentwurf ... (ich nehme an, dass Christiaan ihm in der Mathematik bald enteilt ist)...

Christiaan Huygens Pendeluhr


Das rohrlose Teleskop von 
Christiaan und Constantijn Jr. Huygens,
eingesetzt bei der weiteren Erforschung
der Ringe des Saturn.


Das von Constantijn Huygens entworfene Gut "Hofwijck"

Der von Huygens nach Vitruvs Idealmaßen 
gestaltete Garten von "Hofwijck"

Von Huygens Kompositionen, über 700,  sind die meisten leider verloren gegangen, aber einige stehen uns heute noch zur Verfügung:


Last but not least, ein Konvolut von Schriftstücken, literarischen Werken, Übersetzungen, Briefen, darunter eben die über 2000 "Sneldichten" oder "Puntdichten" - manchmal als Kalendersprüche, manchmal als bissige Satire oder Kommentar, manchmal nachdenklich, als "Memento" im weiten Sinne...und manchmal mit einem nicht ganz so frommen Zungenschlag.

Epitaph auf einen Weltling

Der Mann da unten hatte auf der Welt Gewicht,
Ob Lot, ob Pfund; hier zählt Gewichtsmaß nicht.
Fragt nicht, was er verlor, was er hat beigetragen;
Die Erde trägt ihn nicht, er muss jetzt Erde tragen.
+++
Baum

Die Bäume, die wir seh’n,
Sie recken sich zum Himmel hoch, mit ausgestreckten Armen.
Sie sind wie Gottlose in Not, so wie sie aufwärts barmen
Und wissen nicht, an wen.
+++
Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.
+++
Aus den "Johannes Gedichten":

"Johann, siehst du das Tor zum Galgenfeld?
Zu eng, als dass es jedem würde passen!"
"Von Dienern des Staates klug bestellt:
Nicht großen Dieben, nur um die kleinen durch zu lassen".
+++
Der letzte Klatsch in unsrer Stadt,
Ist, dass Johann mit Neel geschlafen hat.
Damit die Sprüche sie nicht trafen,
Beendet Neel den Tratsch geschwind:
"Wenn der Johannes hätt' geschlafen,
So wär' die Neel jetzt nicht mit Kind."
+++
Katrins Beichte

Katrin beichtet, unter vielen Sünden, dass sie ins Heu
gelangt war, with a fine English boy.
Und was ist dort geschehen? Dein Beicht'ger muss es wissen!
Ein alter Tor, meint Trien, wer sowas ernsthaft fragt,
Als ob Du gar nicht wüstest, was eine junge Magd
Mit einem jungen Knecht macht, mit weichem Heu als Kissen!

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2026)






Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zu tausend Scherben klein,
am Vortag, als ich erwacht von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung, noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann;
die Kanne reicht umher, aus Deinem Staub
formt eine zweite Kanne bald ein Werkmann.
 



(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
nicht mal die Ahnung einer Ahnung,
kein Nebel bleibt, nicht mal ein Duft.
+++
Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen
 weiter, mit den Karavanen
unterwegs, seit siebentausend Jahren.
+++
Zu den Ehrenmännern hat er sich stets bekannt,
er hat die Art des Zweifels nie gekannt,
der mürbe macht. Und den wahren Zweiflern
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Samstag, 2. August 2025

Jeremias de Decker und der Hexenglaube

 



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Rembrandt, Porträt
des Jeremias de Decker 1609-1666

1782 wurde Anna Göldi in Glarus in der Schweiz als letzte Hexe in Europa verbrannt. Das war fast 100 Jahre nachdem in Amsterdam 1691 Balthazar Bekkers "Betoverde Wereld" erschienen war (1693 auf Deutsch als "Die Bezauberte Welt" veröffentlicht)

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Balthazar Bekker
1634 - 1698

Bekkers Fundamentalkritik wurde in ganz Europa eifrig  studiert. Sein Buch wurde ihm aber von der reformierten Kirche nicht in Dank abgenommen. Die Kirche setzte ihn als Prediger ab und schloss ihn vom Abendmahl aus. Der Oberbürgermeister von Amsterdam jedoch, der Mathematiker Johannes Hudde, bestimmte, dass Bekkers Gehalt weiterhin bezahlt wurde, was diesem ermöglichte zu überleben und zu arbeiten.
Noch einmal fast hundert Jahre früher, 1603, fand in der Provinz Holland die letzte Hexenverbrennung statt. Das Gedicht von Jeremias de Decker zeigt, dass Kritik am Hexenglauben sich wenig später allgemein verbreitet hatte. 
De Decker war Händler in Gewürzen und auch der Mennonit Abraham Palingh, zu dessen Traktat de Deckers Gedicht die Einleitung darstellte, war ein kleiner Kaufmann. 



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Palinghs "Maske der Zauberei abgerissen"

Kritik am Hexenglauben hatte es immer schon gegeben, sie kam aber von gelehrten Theologen und Doktores der Medizin. Das besondere an de Decker und Palingh war, dass sie nicht zur intellektuellen Elite gehörten, wobei de Decker sich durchaus zum geachteten und erfolgreichen Dichter entwickelt hatte. Beide waren eben Kaufleute in einer Republik von Kaufleuten, die mit der nüchternen Überprüfung von Rechnungen, Menge und Qualität von Gütern und der Zuverlässigkeit von Atlanten beschäftigt waren - nicht mit Hexengeschichten. Dazu kam, dass die Wissenschaft sich inzwischen sprunghaft entwickelt hatte. Es war die Zeit, dass man anfing, genau wahrzunehmen. Nicht länger nahm man fantastische Geschichten begeistert oder verängstigt hin, sondern man traute sich, einfach hinzuschauen, auch wenn es um Dinge ging, die eng mit Aberglauben und Ängsten verbunden waren. Zu Deckers Zeiten entdeckte Leeuwenhoek mit seinem Mikroskop Samenzellen, Bakterien im Mundschleim und vieles andere mehr, ohne Scheu vor den magischen Eigenschaften der Flüssigkeiten. Auch Leeuwenhoek war "nur" ein Kaufmann, und er entschuldigte sich in Briefen an die Royal Society ausführlich dafür, dass er nur Niederländisch konnte und kein Latein. Die Lage erinnert ein wenig an die Gründung der HBS in 1863.                                     
Der Arzt Swammerdam analysierte mit Hilfe des Mikroskops die Anatomie der bis dahin als wenig interessant betrachteten Insekten, entdeckte die roten Blutkörperchen, Ovarialfollikel, Kontraktion des Froschmuskels usw., usw.,


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während Huygens, der kühle Physiker, die Ringe des Saturns, des Planeten der Alchimisten und Magier, beobachtete und den Mond Titan entdeckte, womöglich mit von Spinoza geschliffenen Linsen. Auch entwickelte er die Pendeluhr, unerlässlich für die genaue Wahrnehmung in naturwissenschaftliche Experimente und für genaue Positionsbestimmungen auf See.

      Bildergebnis für huygens pendeluhr

Hudde war kein unbedeutender Mathematiker. Er korrespondierte u.a. mit Leibniz, Newton, Bernoulli, Huygens und Spinoza. Er half seinem ehemaligen Kommilitonen Johan de Witt, dem "Raadspensionaris" (Premier) der Niederlande, mithilfe von Logarithmentafeln neuartige Tabellen für die Lebensversicherung zu entwickeln. Auch bestimmte er Methoden, die optimale Zuladung der VOC-Schiffe zu berechnen. Es waren keine guten Zeiten für den Hexenglauben: Aus einer breiten Schicht der Bevölkerung gingen Appelle an die Vernunft hervor, wie in diesem Gedicht aus 1659, 11 Jahre vor der Erscheinung von Spinozas Tractatus Theologico-Politicus und lange bevor die Aufklärung sich in gelehrten Kreisen verbreitet hatte.
Die Geschichte von Balthazar Bekker und der reformierten Kirche zeigt aber, dass noch ein langer Weg zu gehen war, auch in Holland.



Auf Abraham Palinghs
"Die Maske der Hexerei abgerissen"


Warum verliert die Zauberei
Diese verfluchte Raserei
An den Orten ihre Macht,
Wo der Glauben hingebracht,
Und nicht Menschenfirlefanz
Will verdunkeln seinen Glanz,
Zwingt Vernunft und Schrift zu schweigen
Und zu tanzen nach Roms Reigen?
Weil der Deibel flieht die Klarheit
Der neu hergestellten Wahrheit,
Und den blendendhellen Tag
Sein Auge nicht ertragen mag?
Oder ist es, weil am Tiber
Man mit Aberglaubenfieber
Geschäfte macht und dreist
Träufelt in den schlichten Geist
Einfacher Laien ohne Schrift
Ständig ein das Zaubergift,
Damit die Traum- und Lügenlehre
Man beständig hält in Ehren?
Ja, das ist der wahre Grund,
Dass in Rom zu jeder Stund'
Man gegen Zauberinnen eifert,
Ständig gegen Hexen geifert,
Foltert, mordet außer Rand und Band!
Wenn doch nur Richter mit Verstand
Sich ernsthaft würden überlegen:
Nichts davon kann man belegen!
Und anstatt von Pfaffenthemen
Die Vernuft als Richtschnur nehmen;
Und nicht länger rasend schänden
Ihr Gewissen, dabei die Hände
Tunkend, blind, in wilder Wut,
In Strömen von unschuld'gem Blut!
Ihr schrägen Richter am Gericht,
Glaubt Ihr denn die Wahngeschicht',
Die Märe, dass ein armes Weib
Mit weichem Herz und schwachem Leib,
Ängstlich Schrecken meidend, Grauen,
Sich wohl tollkühn würde trauen
Sich mit dem Teufel einzulassen,
Erlauben ihm sie anzufassen
Und sie wäre dann im Stande
(Welch' verleumderische Schande!
Wie sie gottloser nicht sein kann!)
Zu bewirken, was nur Gott kann?
Wem, ja wem um alles in der Welt
Solcher Kinderkram gefällt?
Doch warum weilt Ihr alle hier?
Sucht Bescheid bei Johan Wier,
Oder Scots gelehrte Bände
Nehmt einmal in eure Hände,
Nicht Spinäus, nicht Bodin:
Wendet euch zum Palingh hin,
Der der faulen Zaubergeschicht'
Die Maske reißt vom Angesicht;
Den ganzen Irrsinn zerrt ins Licht;
Der mit dem Aberglauben bricht,
Der im Gekrös' von Opfertieren,
Im Vogelflug und Tirilieren,
Und in den Linien der Hand
Nie ein Quentchen Wahrheit fand;
Der hirnverbrannte Ceromanten,
Hydromanten, Geomanten,
Das ganze Wünschelrutenpack
Steckt in den großen Lügensack.
Der Amuletten, Salben, Zauberbrei
Entlarvt als Mumpitz, Augenwischerei,
Und die Magier der Ahnen,
Dardanos, Zalmolxis, zeigt als Scharlatane.
Du Zauberrichter, wenn Du dieses liest,
Dein Tun Dich trotzdem nicht verdrießt,
Du Dich noch immer nicht bekehrst,
Stur Deinen Stiefel weiter fährst,
Willst immer noch den Deibel fangen
Mit Feuer und mit Folterzangen,
Dann sei Dir sicher und gewiss,
Dass Dich der Fürst der Finsternis,
Der Dich spornt mit scharfen Sporen,
Dich fester hat bei Hals und Ohren,
Hockend tief in Deinen Eingeweiden,
Als diejenigen, die Deinen Feuertod erleiden.

J. de Decker.
1659


Übersetzung Jaap Hoepelman August 2019.


Ceromantie - Wahrsagerei mittels Würfeln.
Hydromantie- Wahrsagerei aus der Bewegung von Wasseroberflächen.
Geomantie - Wahrsagerei aus Sandfiguren.
Zalmolxis wurde von den Thrakiern als Gottheit verehrt. Sein Ehrendienst
ging einher mit einer Prozedur, darin bestehend, dass ein Bote mit verschiedenen Bitten zu Zalmolxis (der sich im Verborgenen hielt) geschickt wurde. Dann wurde der Bote in dazu aufgestellte Speere geworfen. Starb er, war er ein guter Bote gewesen. Starb er nicht, war er ein schlechter Bote und musste deswegen sterben. Die Ähnlichkeit mit der Wasserprobe für Hexen ist offensichtlich und wird auch de Decker nicht entgangen sein.
Dardanos war der mythische Vater der Trojaner. Er soll sich in einen Magier
verwandelt haben. Unter dem Titel "Schwert des Dardanos" war eine Anleitung
zur Herstellung magischer Amulette bekannt.
Spiräus, Bodin: Zwei fanatische Hexenjäger.
Johannes Wier, Reginald Scot kämpften gegen den Hexenglauben bereits im 16. Jahrhundert.


Afgeruckt Momaensicht







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Dienstag, 15. Oktober 2024

Gerrit Achterberg, die Ballade vom Gasfitter

 


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Gerrit Achterberg
1905 - 1962

Ich habe mich an eine Art Mammutaufgabe gewagt. Gerrit Achterbergs Ballade vom Gasfitter, ein Zyklus von 14 Sonetten. Achterberg hatte ernste psychische Probleme. Seine Vermieterin (Geliebte?) hat er erschossen und ihre Tochter...man weiß es nicht so genau. Er wurde verschiedene Male in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.  In seinem Wahn versuchte er immer wieder die Ermordete herauf zu beschwören, und diesen Wahn vermischte er mit christlichen Motiven. Er kam aus einem streng christlichen Elternhaus, und Gott, Tod, Teufel, Jesus, Petrus, Geliebte und Personal der psychiatrischen Klinik liefen bei ihm durcheinander. Er war aber ein brillianter Dichter. Die Art in der er Alltagssprache wie selbstverständlich in Poesie verwandelte war stilbildend für viele Nachkriegsdichter. Martinus Nijhoff , eine Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts, hat ihn sehr bewundert. In der "Ballade vom Gasfitter" findet man diese Elemente alle wieder: Biblisches und Alltägliches werden vermischt und scheinbar banales technisches Vokabular wird mit Symbolik aufgeladen. Die Nähe und den Gegensatz von "God" (Gott) und "gat" (Loch) nutzt Achterberg virtuos in der Darstellung des Wahnsinns seines Klempners.  Hat die Pistole nicht ein Loch verursacht? Die "Ballade" ist nicht leicht zu interpretieren, aber Achterbergs Wimmelbild aus Bildern und Bedeutungen stellt ja nicht umsonst die Welt eines Wahnsinnigen dar.
Die Ballade vom Gasfitter wurde 1954 mit dem Poesiepreis der Gemeinde Amsterdam ausgezeichnet. Für sein gesamtes poetisches Werk erhielt Achterberg 1959 den Constantijn Huygens Preis

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Die Ballade vom Gasfitter

Gerrit Achterberg, 1953.

I

Du bist von hinten zu den Wohnstätten gekommen.
An den Fassaden, zwischen den Gardinen,
bist Du fortlaufend aus dem Nichts erschienen
als ich im Gehen Einblick hab' genommen.

Im Weitergehen musst Du ab und an erscheinen,
das nächste Fenster gibt mir Recht und du wirst aufgenommen.
Ein Jansen wohnt hier, Jansen mit den seinen,
in seinem Namen möchtest Du entkommen.

Doch das heißt nichts. Die Türen sind geduldig;
sie haben Klingel, Briefkasten und Stufen.
Der Apfelkaufmann lockt mit seinem Rufen,
und es gibt viele Arten Dieterich.
Auch ich komme herein, todernst, total unschuldig,
zu ihren Diensten, als Gasfitter berufen.

II

Dann - am hellen Tag bei Dir bei meiner Arbeit,
vermummt als Angestellter der Gemeinde - gehen
meine Augen in die Rund' und sehe ich Dich stehen.
Die Decke wird zum Deckel mit der Zeit.

Die Wände sind aus Erde. Wir laufen an.
Die Kammer ist gesättigt, wie ich merke.
Es geht auch nicht. Ich zieh' die Schrauben an.
Beschränk' ich mich auf  die Gewerke,

so bleiben wir bei unserem Inkognito,
während ich bückend, kniend, den Fehler richte,
bäuchlings überprüfend, was ihn verursacht.
Und immerzu nur denken: Es ist besser so.
Totschweigen, mit einem Hammerschlag vernichtet.
Totstille, die die Hammerschläge heil macht.

III

Sollt' ich nun die Wohnung inundieren?
Oder Löcher in das Gasrohr drehen?
Ich kann die Falle sehen; muss Schlüsse inspizieren
und mach' den Fehlschluss hastig ungeschehen.

Dann würde nämlich später in der Zeitung stehen:
"Aus unbekanntem Grunde fand ein Fitter,
in der Ausübung seines Bestehens,
den Tod durch Gaserstickung. Das Geschehen
im nächsten Wohntrakt war genau so bitter,

wo die Vermieterin ein gleiches Ende fand.
Sie lag vornüber, in der ausgestreckten Hand
steckte ein Brief, in dem am Anfang stand geschrieben:
"Egal wie groß die Welt, ich komme wieder".
Sie wurde, scheint es, überrascht beim Lesen
kein falsches Spiel ist es gewesen".

IV

Das kleine Loch ist endlich dicht.
Langsam suche ich mein Zeug bei-
sammen, die Beine sind wie Blei.
Der Schweiß läuft über mein Gesicht.

Als ob ich Übermenschliches verrichte,
will ich mit einer Geste mich erklären,
und dreh' mich zu Dir um, doch Du bist nicht mehr
da. Es gibt nur noch das späte Mittaglicht.

Den Werkzeugkasten hebe ich vom Boden auf
und stell' ihn auf die Schulter. Im Gang
erwecken meine Schritte hallenden Gesang.
Die Tür fällt zu. Der Straßenlärm hört beinah auf,
Ein dichter Nebel nimmt die Sicht.
Recht hatt' ich diesmal offensichtlich nicht.

V

Wieder zuhause, es ist Essenszeit,
ich bin zu Tisch, da geht das Telefon.
Ich nehm' den Hörer ab und in bestimmtem Ton
klingt eine neue Order von der Überseit'.

Der Herr Direktor. Seine Stimme laut und schrill,
mit im Verborgenen ein weicher Ton.
"Morgen in die gleiche Straße gehst du, mein Sohn.
Es ist sehr wichtig, was ich von dir will".

Kein Esel stößt sich zweimal an den gleichen Stein.
Am besten wär', ich blieb' hier nicht allein,
lieber noch heute Abend angeschaut
das Hochhaus, das man gegenüber hingebaut
hat auf die Schnelle. Mit jedem Nummernschild
wird mir dann klarer, was er von mir will.

VI

Ich konnte diese Nacht nicht mehr erfahren.
Der Hausmeister war eingeschlafen. Abgespannt,
weshalb die Nummern ihm glatt entfallen waren.
Sein Kopf lag auf dem Arm gekantet. Gespannt


Warf ich den Blick durchs Fenster. Es wehte
sanfter Wind. Auch raschelte es leise
über dem Boden. Pflichtvergessen lebte
hier ein Mensch, der mir aus dieser Scheiße

hätte helfen können, wenn es nicht
so leer geworden wäre und zu düster,
als dass ich hätte wecken dürfen mit Geflüster.
Dann würde er den Kopf verlieren. Das geht nicht.
Auch den Direktor kostet es das Haupt.
Niemand hört mich gehen. Hat er aufgeschaut?

VII

Schon unterwegs, kaum ist die Nacht vorbei,
der Schlaf noch in den Augen, scheinen mir
die Straßen in der ersten Stunde vogelfrei,
dabei bezog das Endziel schon Quartier.

Ein sicheres Gefühl, wie früher nie gewesen.
Einer von der Direktion, auf einem Zwei-
rad. Ich grüße, doch er schaut an mir vorbei.
Sicher wieder Knatsch mit seinem Besen.

Vielleicht erscheint es ihm verdächtig,
dass er einen Fitter in Stadtbereichen
trifft, in denen man nichts mehr erreichen
kann. Hier wohnt ein junges, ruchloses Geschlecht
in einem anderen Licht. Wo man mich registriert hat.
Deswegen richte ich die Schritte richtung Stadt.

VIII

Ich nähere mich der letzten Möglichkeit.
Weiße Knöpfe, in einer Reihe bissbereit,
verspotten mich, wie falsche Zähne aufgereiht.
Verbissen führen meine Finger Streit.

Während ich im Stehen nagelbeiß',
springt jäh die Tür auf. Als wäre sie bestellt -
die Putze hat den  Ascheeimer hingestellt.
Ich hätte mich sonst nie entschieden, doch ich weiß:

Die Zeit ist knapp. Das Loch, wo ist es, will ich wissen.
Sie zeigt nach oben mit einer Spur Sarkasmus,
die bedeutet: Du bist wohl nicht ganz dicht.
Das weiß ich; Ohne Beten bin ich aufgeschmissen.
Der Aufzug fährt nun aufwärts richtung Schluss
von dem, was noch kein Fitter hat gedichtet.

IX

Je höher meine Steigung, umso größer die
Entfernung zwischen Dir und mir. Das Leben
fühlt sich an von Nickel und von Stahl umgeben.
Ein leeres Nietloch gab's in diesem Bau noch nie.

Hier gibt's kein Gas. Gott ist das Loch. Er stürzt
die Tiefen über mich, um zu erleben
an einem dreisten Fitter, das Gefühl sich göttlich zu erheben.
Ein Loch, das sich mit jedem Stockwerk kürzt.

Stockwerk über Stockwerk stürzt nach unten.
Bestürzter kann kein Fitter sein.
Womöglich fällt ein letztes Wort mir ein,
wenn ich ihn frage nach dem ersten Grund.
Ich verspüre einen Stoß. Hier muss ich raus
und setz' mich Seinem Ratschluss aus.

X

Türe an Türe öffnen sich die Säle.
Herren aller Zungen, Rassen, Länder
rufen im Chor, als sähen sie Gespenster:
"Uns kannst du keinen Stuss erzählen."

Bin ich dafür unterirdisch auf dem Bauch gelegen?
Hat mir der Abstieg in den Glasschacht
nur einen Beutel Schmutzwäsche gebracht?
Hört, wie sie sich emsig hin und her bewegen.

In dieser Gegend schau' ich mich ein wenig um.
Inzwischen wird es Mittag, soviel ist mir klar.
Die Schulen haben aus. Die Stoßzeit ist gekommen.
Die Kinder, von den Müttern mitgenommen,
erzählen. Fahrräder klingeln. Autos fahr-
en schnell an mir vorbei, als stünd' ich nur herum.

XI

In der Asche drehen Gasfabriken leer
um ihre Achse; es konnt' ein Vakuum entstehen.
Bedenke Leser! Nur eine Seite vorher
sah seine Pläne grandios daneben gehen

derjenige, der ohne Hoffnung auf nur irgendwas,
ängstlich wie ein Hund davon geschlichen war,
doch der im Blitzlicht Ihrer Augen las,
wie die Erwartung eines Fitters war.

Zur Chefetage nehme ich die Kürzung.
Der Herr Direktor öffnet mir persönlich
und unterwirft mich einer schmerzlosen Befragung.
Hier weiterhin zu lügen lohnt sich nicht.
In seiner Brille wimmelt es, als weint er über mich.
Er schüttelt meine Hand, ermannt sich, zieht sein Spottgesicht.

XII

Der christliche Gewerkschaftsbund, zu dieser Zeit
ruft alle Klempner auf, sich unverzüglich zu beeilen
zur Hauptversammlung, um ihnen mitzuteilen,
dass einer unter ihnen die Regeln hat entweiht,

weil er mit den Instrumenten hat geschafft,
wo immer er sich aufhielt, so der Befund
und wegen Schäden an der Körperschaft,
fordert Bekenntnis seiner Schuld aus diesem Grund.

Zum ersten Mal in der Geschichte
knien die Gas- und Wasserwerker nieder,
ohne zu suchen, wo die Löcher sich verstecken;
zusammen, solidarisch in den letzten Ecken.
Dann spricht der Leiter: Sündige nie wieder!
Sie ziehen hin, sind sich todsicher.

XIII

Nach Jahren finden wir den Klempner
wieder, im Altersheim. Die Haare ausgebleicht,
ein seniler Rentner, der im Verzeichnis
aller Straßen mümmelnd auf die Namen zeigt.

Tisch und Bett muss er benützen
mit Boten, Wechsler und Monteur.
Weil mit ihm Essenfassen ein Malheur
ist, kriegt er ständig auf die Mütze.

Bis zu seinem Tod ist er versorgt.
Krankheits- und Begräbnisbeitrag reichen
gerade um genügend Caritas zu zeigen
und zu verhindern, dass der Vater ihn entsorgt.
Obdach stellt die öffentliche Hand.
Das Recht auf Kautabak gehört zum Reglement.

XIV

Die Augen gingen zu zum Schluss.
Der Mund ging auf und wurde zugebunden.
Gemessen wurde er und für gepasst befunden,
den Sarg zu füllen, der Länge nach sechs Fuß.

Alle erbrachten ihm den letzten Gruß:
Jansen, Putze und Direktor, in dieser Stunde
mit denen aus dem Hochhaus fest im Bunde,
wie ich, in Frack, Stock und Zylinder, weil man muss.

Am Grab hielt jedermann den Mund.
Man trat hervor und schaute kritisch zu,
wie der Fitter langsam in den Grund
sank, vielleicht um Irrtümer zu sichten
als er dabei war, sein letztes Loch zu dichten.
Er ruht in Gott. Die Erde deckt ihn zu.



Übersetzung Jaap Hoepelman
November 2019

De Ballade van de Gasfitter
Iemand van de Directie

Freitag, 29. März 2024

Jan van Nijlen, Antwerpen 1884 - Vorst1965


Dieses Mal ein Dichter, der altmodisch unprätentiös war, mit einem leichten Zug ins Ironische, wie alle Romantiker. Er wird nicht mehr viel gelesen, aber wer liest denn überhaupt noch Dichter?

Das Leben des flämischen Dichters Jan (Joannes-Baptista Maria Ignatius) van Nijlen war spektakulär unspektakulär, etwas, das ihm von einigen seiner Biografen fast verübelt wird, denn wie eine packende Biografie schreiben, wenn skurrile Extravaganzen, appetitliche Verhältnisse, politische Fehlgriffe oder dramatische Ausflüge in die experimentelle Dichtung fehlen? Dabei hatte van Nijlen intensive Kontakte insbesondere mit niederländischen Kollegen, auch mit den prominentesten. Wir sehen ihn hier im literarischen Treffpunkt Schloss Gistoux, mit Kollegen Greshoff, Heller und du Perron

An einer Reihe flämischer und niederländischer Zeitschriften und Zeitungen arbeitete er mit. Als élève des jesuitischen Collège Notre Dame (wo das Flämischsprechen verboten war), war er ein Kenner der französischen Sprache und Literatur, berichtete über französische Neuerscheinungen in der niederländischen Presse und schrieb Monografien. Nach seinem Aufenthalt in den Niederlanden, wo er bei Freund Greshoff Zuflucht gesucht hatte, als Antwerpen im ersten Weltkrieg unter deutschem Beschuss lag, fand er eine Anstellung als Übersetzer im Brüsseler Justiz-Ministerium, wo er nach und nach ganz regulär zum Direktor der Übersetzungsabteilung aufstieg. 

Dennoch trug sich Dramatisches in seinem Leben durchaus zu. Sein Sohn wurde im zweiten Weltkrieg von der Gestapo verhaftet und starb 1945 im Außenlager Ellrich. Neben Unmengen an Umzügen gibt es, zum Leidwesen der Literaturkritiker, außer dieser Katastrophe tatsächlich wenig zu berichten. Es hat ja auch gereicht. 

Nach einem anfänglich blumig-poetischen Stil in der Tradition der Achtziger entwickelte van Nijlens Sprache sich immer mehr in der Richtung des Parlando, wie es du Perron, Greshoff und Nijhoff betrieben. Bericht an die Reisenden ist dafür ein gutes Beispiel. Van Nijlen legt dar, dass auch der ganz durchschnittliche Mensch, auf ganz normalem Wege zu wunderbarer Poesie geraten kann. Und tatsächlich: Wer von den wenig gelesenen Dichtern hat schon eine der berühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur geschrieben, verewigt als Wandmalerei mitsamt dem dazugehörigen Gedicht im Antwerpener Zentralbahnhof, einem der schönsten Bahnhöfe Europas? Wie der Dichter sagt: Es führen viele poetische Wege nach Rom.





An offizieller Anerkennung hat es dann doch nicht gemangelt. Van Nijlen empfing unter anderem den belgischen Staatspreis und den niederländischen Constantijn-Huygens-Preis. Es kennzeichnet ihn, dass er bei keiner der Ehrungen (es gab mehr als die hier genannten) je persönlich erschien.


Bericht an die Reisenden




Steig' nie in einen Zug ohne Dein Gepäck mit Träumen:
Du schläfst in jeder Stadt in ordentlichen Räumen.

Sitz ruhig und geduldig, lass' das Fenster auf
Du bist ein Reisender, und keinem fällst Du auf.

Finde in Deinem Damals den Kinderblick zurück,
schau unbestimmt und scharf, verträumt, zugleich verzückt.

Und was Du wachsen siehst, die frische Frühlingsschicht,
sei überzeugt: Es ist für Dich, für andre nicht.

Und wenn ein Handelsreisender Dir mitteilt große Kunde,
zum Beispiel über Filmzensur: Gott lächelt und Er wählt die Stunde.

Grüße an seinem Schalter zuvorkommend den Bahnhofsvorstand,
denn ohne seine Pfeife fährt kein einziger Zug ins Land.

Doch fährt der Zug nicht ab, lass' es nicht schade sein
um Deine Lust und Hoffnung und Deinen teuren Fahrschein,

behalte ruhig Blut und öffne Dein Gepäck; schöpfe aus dem Befund
und Du wirst spüren: Du verlierst nicht eine Stund'.

Und hält der Zug an einem sonderbaren Ort,
von dem Du nie gehört hast, noch mit keinem Wort,

dann ist das Ziel erreicht, und Du begreifst, was Reisen
heißt für die Verirrten und die wahren Weisen...

Sei nicht erstaunt, dass Du vorbei an Normwald, auf normalen Gleisen
im stinknormalen Zug, zum Herzen Roms kannst reisen.


Jan van Nijlen

Bericht aan de reizigers

Aus Verzamelde gedichten 1903-1964 

Uitg. v. Oorschot


Übersetzung Jaap Hoepelman März 2024

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...