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Mittwoch, 6. Mai 2020

Leopold, Omar Khayyam und der Rubaiyat

J.H. Leopold · dbnl                                                                                                                 
J.H. Leopold (1865-1925)

Omar Jayam - Wikipedia, la enciclopedia libreJ. H. Leopold - Omar Khayam - 1953 - Catawiki


Wie Boutens fühlte Leopold sich von der Rubaiyat sehr angesprochen. Er hat viele Vierzeiler aus Omar Khayyams Sammlung verfasst, meistens nach Whinfield oder nach deutschen Übersetzungen.
Sie entsprachen wohl seinem Wesen - ein Bruder Leichtfuß war er nicht.


IX
Wir gehen und wir kommen - der Gewinn ist wo?
und weben Fäden und das Kleid ist wo?
unter des Himmels Wölbung sind zu Staub verbrannt
Viele Wohlmeinende; ihr Rauch ist wo?

X
Es ging und geht die Zeit; die Welt ist längst vorbei,
mein Wissen ging, mein Ruhm ist längst vorbei.
Vor unserm Ankunft wurden wir nicht vermisst,
das ist, nach unsrem Weggang, nicht vorbei.

"Wij gaan en komen"
"De Wereld gaat en gaat"

J.H. Leopold nach Omar Khayyam

Leopold, dem Kenner Spinozas, war eine gewisse poetische Gleichgültigkeit dem Tod gegenüber nicht fremd. Seine Ruhe findet Ausdruck im folgenden doppelten Vierzeiler, der von denen des Khayyam gar nicht so weit entfernt ist und im Übrigen zum Kanon der niederländischen Poesie gerechnet wird:


"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.

Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen beruhigt
ein Warten auf dich, ein Warten sein"

"O, als ik dood zal dood zal zijn"

H. J. Leopold, aus "Verzen", 1912

Übersetzungen Jaap Hoepelman, Mai 2020

Samstag, 6. Juni 2026

Omar Khayyam in den Niederlanden.

 Tertulia literaria Benigànim: El vino y la luna. "Rubaiyat ... Omar Khayyam 1048-1123

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Fleurs du Mal » Boutens, P.C.
P. C. Boutens 1870 - 1943

Nach der Übersetzung von Edward FitzGerald in 1859 wurden die Vierzeiler des "Rubaiyat" ("Buch der Vierzeiler" - Vierzeiler nach dem Schema AABA oder AAAA) ein durchschlagender Erfolg in der englischsprachigen Welt. Omar Khayyam ist bekannt als Mathematiker und Astronom, aber welche von den berühmten 1200 (oder sogar 2000) Vierzeilern nun wirklich von ihm stammen, ist unklar. FitzGerald wiederum hat seine Auswahl ziemlich frei ins Englische übersetzt. Die skeptischen, stoischen oder epikurischen Nachdichtungen trafen einen Nerv und wurden überall nachgeahmt, auch in der niederländischen Literatur. Von den älteren Dichtern haben z.B. Leopold und Boutens sich der Form gewidmet. Boutens hat sich nach FitzGerald und nach deutschen Kollegen gerichtet und deutete an, dass er auch aus dem Persischen übersetzt hätte.

Wie dem auch sei, Khayyams drei- oder viermal gefilterte Vierzeiler gehören zu Boutens besseren Arbeiten. Boutens eigene fast freudige Erwartung des Todes passt hervorragend zu Khayyams gleichgültiger Einstellung gegenüber dem Tod.
Hier Boutens "Niet veel":

Niet veel is 't wat de wereld om u gaf.
 
Zij zal u amper missen in uw graf.
 
Uw dood zoo zeer omslachtig in Uw oogen -
 
De wereld doet hem in een omzien af.

und hier mein kleiner Versuch:


Egal ist es der Welt, dass es dich gab
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab
Ein Umschlag ist dein Tod in deinen Augen
Als Wimpernschlag hakt diese Welt ihn ab.


(Boutens, nach Omar Kayyam.)


J.H. Leopold · dbnl                                                                                                                 
J.H. Leopold (1865-1925)

Omar Jayam - Wikipedia, la enciclopedia libreJ. H. Leopold - Omar Khayam - 1953 - Catawiki



Wie Boutens fühlte Leopold sich von der Rubaiyat sehr angesprochen. Er hat viele Vierzeiler aus Omar Khayyams Sammlung verfasst, meistens nach Whinfield oder nach deutschen Übersetzungen.
Sie entsprachen wohl seinem Wesen - ein Bruder Leichtfuß war er nicht.

Wir gehen und wir kommen - und der Gewinn ist wo?
und weben Fäden und das Kleid ist wo?
Unter des Himmels Wölbung sind zu Staub verbrannt
viele edle Geister; und ihr Rauch ist wo?

+++
Es ging und geht die Zeit; die Welt ist längst vorbei,
mein Wissen ging, mein Ruhm ist längst vorbei.
Vor unsrer Ankunft wurden wir nicht vermisst,
Nach unsrem Weggang, bleibt es einerlei



"Wij gaan en komen"
"De Wereld gaat en gaat"

J.H. Leopold nach Omar Khayyam

Ich muss gestehen, dass mich das Khayyam-Fieber auch gepackt hat. Ich mag den hedonistischen Zweifler, von denen wir in allen Kulturen viel zu wenige haben. Ich werde versuchen, nach und nach Leopolds Khayyam-Vierzeiler zu übersetzen. Ich weiß, dass es im deutschen Sprachgebiet eine Reihe Übersetzungen des Rubaiyat gibt. Manche sind durch verschiedene Sprachfilter hindurch gegangen, manche werden als eigenständige Kunstwerke anerkannt. So auch Boutens und Leopold in der Literatur der Niederlande. So habe auch ich meinen Filter dazwischen gelegt, um ein wenig Persisch-Niederländisches Aroma beizutragen. (Oostersch II, Seite 215 ff.)


Der Frühlingsregen sprüht den Klatschmohn ab
steh auf, steh auf, hebe den Krug vom Boden ab;
was heute aufgewachsen dich entzückt,
ist morgen voll erblüht auf deinem Grab.

+++
Was kräht zur Morgenstund der Gockelhahn?
Du hast von deinem Lebensplan,
noch einmal von der festgelegten Zeit,
noch einmal sinnlos eine Nacht vertan.
+++
Ich bin nicht wert, in einen Tempel einzutreten,
unfassbar, wer aus welchem Ton mich wollte kneten.
Mich ketzerischen Lump, mich scheele Dirne,
unwert, ohn' Gott und Glaube, das Jenseits zu betreten.

+++
Die Ente spricht den Fisch beim Garen an:
"Denkst Du, dass je ein Fluss stromaufwärts gehen kann?"
Der andre: "Wenn wir gegart sind, ob das Weltall
Fata Morgana oder Meer ist, kommt es darauf an?

+++
Die Welt ist einer, der dir die Welt verspricht,
ein Flunkerer, ein Räuber, der dich hinterrücks ersticht;
sieh doch die Freundschaft zwischen Krug und Glas,
von Mund zu Mund ein Blutfluß, den keiner unterbricht.

+++
Lache über das Vergängliche, hienieden
nur Gewese; komm, trinke, freue dich in Frieden;
wäre die Welt eine Hetäre,
sie hätte trotzdem dich gemieden.

+++
Ich will die Nacht mir um die Ohren hauen,
im Festlicht will dem Weinkrug auf den Boden schauen,
will Abschied nehmen von Vernunft und Glauben
und will mich mit des Rebstocks Tochter trauen.

+++
Ein liebes Antlitz seh'n im Wasserspiegel blinken,
Rosen und Wein, ich möcht' darin ertrinken,
seit der Geburt, jetzt, bis zum Tode
hab' ich getrunken, trinke ich und werd' ich trinken.

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)


Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zu tausend Scherben klein,
am Vortag, als ich erwacht von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung, noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann;
die Kanne reicht umher, aus Deinem Staub
formt eine zweite Kanne bald ein Werkmann.
 



(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
nicht mal die Ahnung einer Ahnung,
kein Nebel bleibt, nicht mal ein Duft.
+++
Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen
 weiter, mit den Karavanen
unterwegs, seit siebentausend Jahren.
+++
Zu den Ehrenmännern hat er sich stets bekannt,
er hat die Art des Zweifels nie gekannt,
der mürbe macht. Und den wahren Zweiflern
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Montag, 1. April 2019

J. H. Leopold


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                                                                                                                                    J.H. Leopold 
                                                                                                                                   1865 - 1925





Wie Boutens war J. H. Leopold Altphilologe und wie Verwey war er ein Bewunderer Spinozas. 1902 veröffentlichte er "Ad Spinozae opera posthuma", eine Studie über das Latein Spinozas. 
Er war ein ausnehmender Gelehrter und seine Schüler bezeugen, dass er auch eine beeindruckende Lehrerpersönlichkeit war. 
Er veröffentlichte über Beethoven (er war ein hervorragender Klavierspieler) und Balzac, 
editierte Marcus Aurelius, übersetzte Epictetus und Epicurus und schuf Nachdichtungen von Omar Kayyam. 
Ablehnung als Hochschullehrer in sowohl Groningen als Leiden, eine gescheiterte Beziehung und zunehmende Taubheit verstärkten seine Neigung sich aus der Welt zurück zu ziehen in eine eigene, voller paranoider Fremdheit und Einsamkeit. 
Ein Bild des möblierten Zimmers in dem er er sein Leben lang wohnte ist erhalten geblieben, 
mitsamt Klavier und womöglich Beethoven-Noten:


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Er veröffentlichte Zeit seines Lebens sehr wenig, und das Wenige teilweise auch erst nachdem Dichterkollege Boutens eine Sammlung, entgegen Leopolds Willen, veröffentlicht hatte. Die Schriftgelehrten schlingern in der Kategorisierung seiner Dichtung zwischen Symbolismus und Romantik. Auch betont man gerne, dass seine Dichtung "vorausweist".  Symbolist oder Romantiker wie er gewesen sein mag, in der Filosofie bevorzugte er die "sparsamen, präzisen Denker", nicht Hegel oder Fichte, dafür Hobbes oder eben Spinoza, in anderen Worten: Die Aufklärung.
Einige seiner Gedichte gehören zum Kanon der Dichtung in niederländischer Sprache:



Lass' die Läden geschlossen sein
wiege wiegele weine
und die Stille ungebrochen sein
wiege wiegele weh

Wenn das Kindlein leiden will
müde und friedlich,
dass das strahlende Äuglein still
schläfrig bedeckt sich 

Dann kommt bald die Träumefrau
wird ganz leise gehen
niemals will die scheue Frau
wach die Kinder sehen

Und sie wird in langer Nacht
am Kissen träumen
mit flatterhafter Falterpracht
das Kindlein erfreuen

Und die Mär wird neu beginnen
schön und entsetzlich
und sie wird sich tausendmal besinnen
und sie wird nie fertig

Lass' die Läden geschlossen sein
wiege wiegele weine
und die Stille ungebrochen sein
wiege wiegele weh




Laat de luiken geloken zijn

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2019



"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.
Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen beruhigt
ein Warten auf dich, ein Warten sein"

Aus: Verzen, 1912

O als ik dood zal, dood zal zijn

Übersetzung Jaap Hoepelman März 2019, Mai 2020

Freitag, 1. Mai 2026

Ida Gerhardt. Eine Klassikerin in der falschen Zeit.

Ida Gerhardt 1905-1997

Ida Gerhardt war Dichterin einer Generation, die sozusagen zwischen die Zeiten gefallen war. Nach dem 2. Weltkrieg wurden formfeste Ästhetik, Versmaß, Reimschemata - kurzum, das ganze Instrumentarium der klassischen Poetik im experimentellen Furor der "Fünfziger" als altbacken empfunden. Es hat lange gedauert, bis "Traditionalisten" wie Vasalis, über die ich in einigen Posts berichtet habe, oder eben Ida Gerhardt, wieder Anerkennung fanden. Gerhardt hat unter fehlender Anerkennung gelitten: Ihre psychisch instabile Mutter hatte sie gehasst und abgelehnt als kläglichen Ersatz für ein früh gestorbenes Brüderchen. Sie musste sich den Zugang zum altsprachlichen Gymnasium gegen den Wunsch der Familie erkämpfen, verlor als Studentin die finanzielle Unterstützung und erkrankte aus Armut schwer zu Beginn ihres Studiums. Aber sie war Schülerin des berühmten Dichters Leopold, der Altsprachen-Lehrer an ihrem Gymnasium war, in dessen Nachfolge sie klassische Philologie studierte und der sie zur eigenen dichterischen Laufbahn inspirierte. Sie promovierte "cum laude" mit einer kommentierten Übersetzung der "De Rerum Natura" des Dichters Lukrez. Einen Namen machte sie sich auch mit einer Übersetzung der "Georgica" des römischen Dichters Vergil und mit der Übersetzung der Psalmen (zusammen mit ihrer Lebensgefährtin), für die sie Hebräisch studierte. Somit überrascht es nicht, dass ihre strenge Poesie sich nach den klassischen Vorbildern richtete und in den turbulenten Zeiten nach dem Krieg nur mühsam Anerkennung fand. Aber diese kam endlich doch: Gerhardt bekam die höchsten literarischen Preise der Niederlande und wurde Ritter und Offizier des Ordens von Oranje-Nassau. Literaturpreise wurden nach ihr benannt. Das Trauma der Ablehnung in der frühen Jugend konnte sie aber nie überwinden. Es ist das Thema des Gedichtbandes "Het  Levend Monogram" ("Das lebende Monogramm"), dessen erster Teil die Überschrift "In Memoriam Matris" trägt. "Tristis Imago", das "Jämmerliche Bild" tritt auf in Vergils Aeneis. In ihm sucht Aeneas seinen Vater in der Unterwelt, angespornt durch dessen "Tristis Imago", das ihn nicht ruhen lässt. Das Gedicht "Tristis Imago" ist Teil des "Lebendigen Monogramms", aber das Bild der Aeneis ist in "Tristis Imago" umgedreht: Nicht die Dichterin sucht ihre Mutter, im Gegenteil, sie will eine Begegnung mit aller Macht vermeiden. Es ist die Mutter, die sich mit Gewalt aufdrängt und die keine Ruhe geben will.


Tristis Imago

Was stehst Du neben meinem Bett, Mutter aus dem Jenseits?
Was machst Du im Gemach in schwarzer Nacht?
Ist denn mein Dasein nie befreit von Deinem Dasein,
dass Deine Heimlichkeit den Schlaf mir drückt wie Zehntnerfracht?

Was redest Du mir zu, Mutter aus dem Jenseits?
Aufwachen will ich nicht, solang Du bei mir bist.
Mein Herz zerspringt, wenn ich muss erleiden
den fürchterlichen Vorwurf auf dem ausgelöschten Antlitz.

Ida Gerhardt (1905-1997)

(Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2026)


Tristis Imago 

In "Het Levend Monogram" Van Gorcum 1955

Im hohen Alter litt Ida Gerhardt unter der paranoiden Wahnvorstellung, von Jugendlichen angegriffen zu werden. Es ist nicht ohne Tragik, dass auch ihr Mentor Leopold mit zunehmendem Alter von Wahnvorstellungen gequält wurde, auch er leidend unter fehlender Anerkennung - für eine Professur wurde er übergangen, der Abiturprüfungsausschuss wurde ihm verwehrt, weil er im Unterricht dem grammatikalischen Handwerk zu wenig Aufmerksamkeit widmete. Nicht zuletzt war seine Liebesbeziehung ein tragisches Fiasko. In seiner Paranoia, verstärkt durch zunehmende Taubheit, umgeben von "Feinden", beendete er immer mehr Freundschaften, plötzlich und ohne Erklärung. Auch jene mit Ida Gerhardt, die schockiert war, aber ihn weiterhin verehrte.

Ein Bruder Leichtfuß war er wahrlich nicht. Als ich an der Übersetzung des "Tristis Imago" arbeitete, musste ich an meinen alten Post über eines seiner Gedichte denken:

"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas Liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.

Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen in Frieden
ein Warten auf dich, ein Warten sein"




Mittwoch, 15. Juli 2026

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden


Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert,
die Harfe klingt...und David psalmodiert,
Was war, was sein wird, kann dir schnuppe sein,
genieß was ist; ein Tor, wer nach Erfüllung giert.
+++
Oh höchster Herrscher dieser Welt
Du fragst, wann mir der Wein die Seel' erhellt?
Es ist am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch
Donners-, Frei- und Samstag, wie's mir eben fällt.
+++
Das Veilchen will sich bunt die Kleider färben,
Im Morgenwind die Rosen für sich werben,
Der Weise, neben einer Frau gesessen,
den Becher leert und schlägt ihn dann in Scherben.
+++
Mein Weinkrug war im Liebesbann,
glänzend schwarze Haare zog er an,
der Henkel eine schlanke Hand,
geschwungen wie ein Frauenspann.
+++
Während Gelächter sich ergießt,
der Wein, der rot aus der Karaffe fließt
wird Herzensblut und das Kristall
wird eine Träne, die's umschließt.
+++
Viel kostbar Blut spülte der Weltenlauf schon fort
und manche Blume ist im Sonnenlauf verdorrt;
brüste Dich nicht mit Jugend und mit Glanz,
früh aufgeblühte Knospen welken hin am Ort.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, nach J. H. Leopold, Juni 2026)


Es gibt interessante Parallelen zwischen den Dichtern Omar Khayyam und Constantijn Huygens, auch wenn sie zeitlich und kulturell weit von einander entfernt scheinen. Beide waren universell begabt, beide waren sehr hohe, vielbeschäftigte Staatsdiener, beide hatten eine Abneigung gegen verknöcherte Intoleranz in der Religion, beide waren sich der Endlichkeit des Lebens und folglich der Notwendigkeit, den Tag zu genießen, sehr bewusst - die universellen Themen des "Memento Mori" und des "Carpe Diem". Und beide haben tausende Kurzgedichte geschrieben, in denen diese Themen angesprochen wurden. Khayyam kommt manchmal etwas parfümiert daher, eine Stimmung, die in Fitzgeralds romantischer Übersetzung (die im Westen am meisten Bekannt war) noch verstärkt wurde. Das passte auch zum Jugendstil um den Jahrhundertwechsel 1900, wobei Leopold lieber Whinfields genauere Übersetzung benutzt hat.
Huygens dagegen konnte - in der alt-niederländischen Tradition -  drastisch und sehr direkt sein, wie Anna Bijns, Adriaan Brouwers, Focquenbroch oder auch Rembrandt und ehrlich gesagt betrachte ich das als Kontrastprogramm manchmal als sehr erfrischend:

Josef und Potiphars Weib


Das "Carpe Diem" bei Khayyam bedeutet nicht, dass der Dichter regelmäßig, in Gesellschaft hübscher Frauen, benommen in einer romantischen Landschaft herumlag. Als hoher Beamter, Astronom, Mathematiker und Kalenderreformer konnte Khayyam sich das auch gar nicht leisten. Ich vermute mal, dass er für seine Aufgaben unermüdlich arbeiten musste. 

                                                                       Astronomen im Observatorium zu Isfahan

Wein und Entgrenzung waren gängige poetische Versatzstücke, um unserer Endlichkeit, Unwichtigkeit und Beschränktheit besonderen Nachdruck zu verleihen. Wein war dazu nicht unbedingt eine Voraussetzung. Einer der weinlosen Vierteiler Khayyams lautet:

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.


(Boutens, nach Omar Khayyam. Übersetzung Jaap Hoepelman)

Khayyams Stellung, sein "Memento Mori", seine Mathematik und Astronomie, auch seine theoretische Arbeiten über die Musik laden zu einem Vergleich mit Huygens ein. Was Khayyam im Übrigen von den Luminarien seiner Zeit hielt, drückte er im folgenden Vierzeiler aus:

Wie auf den Polarstern sind wir auf sie gefahren,
sie, die wie Feuerbaken an der Weisheit Küste waren,
sie konnten in der Todesnacht den Kurs nicht wahren,
ein letztes Wort gestammelt, dann gestreckt auf ihren Bahren.

(Jaap Hoepelman, Juni 2026, nach Leopolds Übersetzung)

Für den Calvinisten Huygens war das "Memento Mori" ein wiederkehrendes Thema, um so mehr im 17. Jahrhundert, in dem der unerwartete Tod allgegenwärtig war:

Das Darlehen

Mein Leben ist ein Lehen, die Sterblichkeit das Pfand,
Gott fordert's morgen ein, es liegt in Seiner Hand.
Wer jetzt gerade geht und prahlt, wie's um ihn steht,
Ahnt nicht den morschen Steg, auf dem er gerade geht.

Das daraus folgende "Carpe Diem", bedeutete für den Calvinisten Huygens nicht "genieße deine Zeit", sondern "genieße deine Zeit dadurch, dass du sie nutzt und verbringst mit gottgefälligen Werken". Also verbrachte Huygens die Zeit neben seinen diplomatischen Aufgaben mit praktischen Projekten, wie:
Dem Bau einer gepflasterten Straße von Den Haag nach Scheveningen;


 der Komposition von über 150 Parfums (sehr nützlich, angesichts der Duft-Palette des Goldenen Jahrhunderts); der Pflege eines Beziehungsnetzes mit den europäischen Geistesgrößen, darunter sehr intensive mit Descartes; der Zusammenarbeit mit seinen Söhnen Constantijn Jr. und Christiaan beim Linsenschleifen und Entwerfen von Messinstrumenten; Architektur; Städtebau; Gartenentwurf ... (ich nehme an, dass Christiaan ihm in der Mathematik bald enteilt ist)...

Christiaan Huygens Pendeluhr


Das rohrlose Teleskop von 
Christiaan und Constantijn Jr. Huygens,
eingesetzt bei der weiteren Erforschung
der Ringe des Saturn.


Das von Constantijn Huygens entworfene Gut "Hofwijck"

Der von Huygens nach Vitruvs Idealmaßen 
gestaltete Garten von "Hofwijck"

Von Huygens Kompositionen, über 700,  sind die meisten leider verloren gegangen, aber einige stehen uns heute noch zur Verfügung:


Last but not least, ein Konvolut von Schriftstücken, literarischen Werken, Übersetzungen, Briefen, darunter eben die über 2000 "Sneldichten" oder "Puntdichten" - manchmal als Kalendersprüche, manchmal als bissige Satire oder Kommentar, manchmal nachdenklich, als "Memento" im weiten Sinne...und manchmal mit einem nicht ganz so frommen Zungenschlag.

Epitaph auf einen Weltling

Der Mann da unten hatte auf der Welt Gewicht,
Ob Lot, ob Pfund; hier zählt Gewichtsmaß nicht.
Fragt nicht, was er verlor, was er hat beigetragen;
Die Erde trägt ihn nicht, er muss jetzt Erde tragen.
+++
Baum

Die Bäume, die wir seh’n,
Sie recken sich zum Himmel hoch, mit ausgestreckten Armen.
Sie sind wie Gottlose in Not, so wie sie aufwärts barmen
Und wissen nicht, an wen.
+++
Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.
+++
Aus den "Johannes Gedichten":

"Johann, siehst du das Tor zum Galgenfeld?
Zu eng, als dass es jedem würde passen!"
"Von Dienern des Staates klug bestellt:
Nicht großen Dieben, nur um die kleinen durch zu lassen".
+++
Der letzte Klatsch in unsrer Stadt,
Ist, dass Johann mit Neel geschlafen hat.
Damit die Sprüche sie nicht trafen,
Beendet Neel den Tratsch geschwind:
"Wenn der Johannes hätt' geschlafen,
So wär' die Neel jetzt nicht mit Kind."
+++
Katrins Beichte

Katrin beichtet, unter vielen Sünden, dass sie ins Heu
gelangt war, with a fine English boy.
Und was ist dort geschehen? Dein Beicht'ger muss es wissen!
Ein alter Tor, meint Trien, wer sowas ernsthaft fragt,
Als ob Du gar nicht wüstest, was eine junge Magd
Mit einem jungen Knecht macht, mit weichem Heu als Kissen!

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2026)






Montag, 8. April 2019

J. H. Leopold. O, wo geblieben...


Ähnliches Foto

J.H. Leopold
1865 - 1925


Um meinem alten Wohnhaus Pappeln stehen
"mein  Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
feuchte Alleen,
gelbe Blätter hinfällig sind.

Es regnet, regnet, eines nur hört man
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
man vernehmen kann
Überverdruss, still wird der Wind.

Das Haus hallt hohl und düster ist
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
Geflüster ist
wo Bühne ist, wo Balken sind.

Es wohnt da einer vornübergeknickt
"mein Lieb, mein Lieb, o wo geblieben"
ins Leere blickt
und Frieden nicht und Ruh' nicht findet.

Ähnliches Foto
(Verzen , 1912)

Peppels

Übersetzung Jaap Hoepelman, April 2019

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...