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Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Dienstag, 29. Juli 2025

Jan van der Noot: Wankelmut im Zeitalter der Glaubenskämpfe.

 

Jonker Jan Baptista van der Noot
1539-1595
"Tempera te Tempori"

Mit Anna Bijns lernten wir eine glühende Vertreterin des Katholizismus in Flandern kennen, gleichzeitig eine der einflussreichsten und am meisten gedruckten literarischen Persönlichkeiten der damaligen Niederlande. Bijns (1493-1575) blieb dem Katholizismus ihr Leben lang fest verbunden. Nicht ganz so standfest erwies sich Jonker Jan Baptista van der Noot, er konnte es vielleicht auch nicht sein, die Zeiten hatten sich geändert und waren womöglich noch gefährlicher geworden. Van der Noots Sinnspruch "Tempera te Tempori "passte gut zu seinem Leben und kann sogar frei übersetzt als Anspielung auf seinen Namen betrachtet werden: "Mach aus der Not eine Tugend".

Van der Noots Dichtkunst machte die Niederlande mit neuen Formen der Poesie bekannt, wie dem Sonett, der Ode, dem Jambus und dem Alexandriner. Ihm war sehr bewusst, dass er neue Formen der Poesie anwendete. Er verfügte über eine gehörige Portion Standesdünkel und wurde nicht von übertriebener Bescheidenheit geplagt. Fast ausnahmslos ließ er sich mit dem Lorbeerkranz des Poeta Laureatus abbilden, in der Nachfolge von Dante und Petrarca. 

Ode

Es war April, als Flora sich daran gemacht
Das Erdreich lieblich zu verschönern
Mit neu gewachs'ner Blumenpracht,
Als ich sie ansprach, meine ersehnte Schöne.

Liebste, sprach ich, schauen wir die Rose an
Die heute früh uns auf das herrlichste geneckt hat.
Wir standen an der Stelle eine Zeitlang
Und suchten wo das Röslein sich versteckt hat.

Wir fanden keine Rose mehr, allein
Die Blütenblätter, alle abgefallen,
Beraubt all ihrer schönen, reinen
Farben, womit sie morgens uns gefallen.

Ach Liebste, sprach ich, ist's nicht schade,
Dass diese schöne Blume ist so schnell dahingefallen
Bevor einem erwiesen wurd' die Gnade
Sich zu erfreuen ihres Dufts, das Köstlichste von allem?

Oh ja, sprach sie, schön war die Blume, wirklich.
Deswegen, Liebste, sieh doch wie schnell es geht.
Erlaube, Liebste, dass ich Dich inniglich 
barmherzig nenne, in Ehren, früh und spät.

Nutze die Zeit, um die es geht,
Es ist die schönste Zeit deines Bestehens,
Auf dass es dir auch nicht ergeht,
Wie mit der Blume ist geschehen.
(Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2025)

Van der Noots Ode 

Jonker (d.h. Junker) Jan van der Noot war Sohn einer einflußreichen adeligen und gut katholischen  Antwerpener Familie. Er war hervorragend ausgebildet, kannte sich in Latein, Italienisch, Spanisch, Englisch und Deutsch aus und beherrschte Französisch ebenso gut wie Niederländisch. In seinen jüngeren Jahren trat er zum Calvinismus über und nahm am calvinistischen Bildersturm in Antwerpen (1566-1567) teil, wohl in der Hoffnung, standesgemäß Markgraf von Antwerpen werden zu können.


                              
Der Bildersturm. 
Zerstörungen in der Liebfrauenkathedrale zu Antwerpen, 20 augustus 1566.


"Calvinistischer Aufruhr bezwungen"

Der Aufstand wurde jedoch niedergeschlagen. Als bekannt wurde, dass der Herzog von Alva sich für eine Strafexpedition auf den Weg in die Niederlande gemacht hatte, flüchtete van der Noot zusammen mit tausenden Antwerpenern nach London. Van der Noots Besitztümer wurden beschlagnahmt. Es war der Anfang einer ungefähr zehnjährigen Odyssee durch England, Frankreich, Italien und Deutschland während derer er um des Brotes willen Reimwerk en masse produzierte, um den jeweiligen Mäzenen zu gefallen. Bekannt ist er aber aus einem anderen Grund: Schon in seiner Antwerpener Zeit hatte er sich einen Ruf als Dichter erworben, mit einer für die Niederlande neuartigen Poesie in der Nachfolge von Petrarca in Italien und den Pléiaden in Frankreich - insbesondere Ronsard, von dem er u.a. das bekannte "Mignonne, allons voir si la rose" frei übersetzte. Meinen Versuch einer Übersetzungsübersetzung findet man auf dieser Seite.  


                  
                                 Dante
  
                                                                                   Petrarca                                                                                                                                                                                                      
                 van der Noot
                                                                                                                
Bescheidenheit war van der Noots Sache nicht, dafür spielte er eine entscheidende Rolle im Übergang von den Refrains der in Flandern noch vorherrschenden "Rederijkers", wie eben Anna Bijns, zu den moderneren Formen, wie man sie z.B. bei Hooft und Vondel findet. Interessanterweise übte van der Noot durch seinen Aufenthalt in London sogar einigen Einfluss auf die englische Poesie aus: In der Verbannung war van der Noot nicht untätig: 1568 erschien "Het Theatre oft Toon-neel", eine Abhandlung in dem die römisch-katholische Überzeugung und Lebensart mit der calvinistischen kontrastiert werden. Dem Pamphlet vorangestellt sind sowohl Epigramme und Sonette nach Petrarca und du Bellay, als auch vier ursprüngliche Sonette von van der Noot selbst, die Themen der Apokalypse behandeln. Es erschien auch  eine französische und eine englische Übersetzung. Die englische Übersetzung wurde von oder mit der Unterstützung von Edmund Spenser

Edmund Spenser

erstellt, unter dem wortkargen Titel ‘A Theatre wherein be represented as well the miseries and calamities that follow the voluptuous Worldlings, as also the greate joyes and pleasures which the faithfull do enjoy. An argument both profitable and delectable to all that sincerely love the word of God. Devised by John van der Noodt’. Die Verhandlung ist Queen Elisabeth gewidmet, der Verfechterin der anti-römischen Bewegung. Spensers englische Übersetzung von van der Noots Opus wird als wichtige Stufe in der Entwicklung des englischen "blank verse" betrachtet. Das "Theatre" war zu der Zeit wohl eine der führenden Streitschriften des europäischen Protestantismus. Es erschien auch eine deutsche Übersetzung, "Theatrum das ist Schawplatz" (Köln,1572), wohin es van der Noot verschlagen hatte, aber die deutsche Version war auffällig anders geartet: Die Ausfälle gegen den Papst und der Hass gegen die katholische Kirche waren abgemildert oder entfernt worden, so dass eine eher allgemeine Verhandlung über die menschlichen Untugenden und ihre bösen Folgen übrig blieb. Offensichtlich kündigte sich Van der Noots Rückkehr in den Schoß der Kirche an. In London erfolgte auch eine Ausgabe von "Het Bosken" ("der Hain") (nach Ronsards "Le Bocage"), eine Bündelung der neuartigen Dichtformen, mit denen van der Noot in seiner Antwerpener Zeit Bekanntheit erlangt hatte und mit denen die Dichtung der Renaissance, die in Italien und Frankreich ihren Anfang genommen hatte, in den Niederlanden weitergeführt wurde. 
Nach der Londoner Periode zog van der Noot durch Deutschland (Kleve, Köln), Paris (wo er sich mit den bewunderten Dichtern der Pléiade traf) und Italien. Während seiner Reise veröffentlichte er noch einige großangelegte epische Gedichte in der Nachfolge von Dante.
Erst die s.g. "Genter Pazifikation", ein von Wilhelm von Oranien in die Wege geleitete Modus Vivendi für Protestanten und Katholiken (1576), ermöglichte eine Rückkehr nach Antwerpen. Die "Furie von Antwerpen", d.h. die Plünderung der Stadt durch spanische Soldaten, die monatelang keinen Sold bekommen hatten verzögerte die Rückkehr im selben Jahr bis 1578. Die "Spaanse Furie" ging natürlich mit den üblichen Greueltaten vonstatten; wahrscheinlich zu hoch gegriffene Schätzungen belaufen sich auf 10.000 Tote. Ähnliche "Furien" fanden im Übrigen auch in Mechelen und Aalst statt.

Die Plünderung von Antwerpen

Richtig "angekommen" war der katholisch-calvinistisch-katholische van der Noot in Antwerpen aber erst 1585, nach der Eroberung Antwerpens für die Habsburger durch Alexander Farnese, den Herzog von Parma. Es war das Ende des goldenen Jahrhunderts Antwerpens und der Anfang des Aufstiegs von Amsterdam.

Eroberung Antwerpens durch Farnese 1585

Die Beschlagnahme seiner Besitztümer hatte van der Noot in finanzielle Schwierigkeiten gebracht, die er dadurch zu lindern versuchte, dass er sich als Gedichteschreiber bei den Staaten von Brabant anbiederte. Dies hatte ein bescheidenes Gehalt und eine unüberschaubare Reihe von völlig uninteressanten Lobpreisungsgedichten zur Folge. 

Van der Noots mangelhafte konfessionelle Standfestigkeit, sein Ständesdünkel, seine Eitelkeit, seine Brotschreiberei und seine Abhängigkeit von italienischen und französischen Vorbildern wurden ihm, der bald in Vergessenheit geriet, Jahrhunderte später von Kritikern ein wenig pikiert vorgeworfen. Aber bei allen zeittypischen Schrullen war er es, der es der neuen Poesie der Renaissance ermöglichte, in den Niederlanden Einzug zu halten.





Donnerstag, 8. Februar 2024

Anna Blaman. Auftakt zu den 60ern.



Anna Blaman (Johanna Vrugt)

1905 -1960



Die Spinne


Der silbern wogende Schoß,

mein Liebes, das jungfernhaft heile Netz,

das grauenhaft schöne Trauungsbett

das Fanggespinst des Todes -

ich hab' es gesponnen zwischen den Bäumen,

zwischen Sonne und Erde gestreckt

und überall, wo ich entdeckte

deine süß-summenden Wanderträume. 

Ich fange dich auf im wiegenden Bett

Oh Wunde in meinem Jungfernnetz,

Oh Liebes, verloren in meinem Schoß,

Oh wildes Ringen in Liebesnot -     

ich wickle dich ein in Seidengewalt,

ich halte mit tausend Armen dich umkrallt,

ersticke dich im Kokon aus Glut,

ich trinke dein sanftes weißes Blut,

das rinnend schwallt und schreit -


und sattgetrunken auf der Nabe

meines zerrissenen Totenrades

ich lieg' gerädert und befreit.


Anna Blaman (1906-1960)
aus: Anna Blaman over zichzelf en anderen (1963)

Übersetzung Jaap Hoepelman, Februar 2024

De Spin


Ich hab mal über Pieter Cornelis Boutens geschrieben und seine Angst, sich zu dem zu bekennen, was er war. Er verneinte lebenslänglich vehement der Autor der offenherzigen  "Nachgelassenen Strophen des Andries de Hoghe" zu sein, aus denen ein Fragment an einige Zeilen  der "Spinne" erinnert:

"...
Und andre mittlerweil', wie finstre Schemen,
Augen hinter Schattenlarve schwelend,
schleichen und gleiten durch das dichteste Gewühle,
und oft mir nähert sich unmerklich eine Geste
dem dumpfen Grienen gleich: "Du bist einer wie wir"-
und von den Lippen tropft heiseres Geflüster,
Sprache in der ein Mensch nicht singen kann,
 ..."

Auf gleichgeschlechtliche Liebe lag zu Boutens Zeiten noch ein schweres Tabu.  In 1930 verweigerte die Regierung Boutens eine königliche Auszeichnung, aufgrund von hartnäckigen "Gerüchten", obwohl Boutens zu den prominentesten Dichtern der Niederlande zählte. Der Schriftsteller und Arzt Aletrino, obwohl Autor einer aufgeklärten Studie aus 1897, in der Homosexualität als gesund und normal beschrieben wird, versuchte panisch, zusammen mit de Haans Ehefrau, die Auflage des Romans "Pijpelijntjes" von Jacob Israel de Haan aus dem Markt zu kaufen.  Pijpelijntjes hat als Thema die homoerotische Beziehung zweier Freunde, die leicht als de Haan und Aletrino zu erkennen sind. De Haan verlor über die Affäre seine Anstellungen. Der Dichter Kloos tauchte ab in einer Scheinehe, Couperus ebenso, de Haans Ehe wird als "Verstandsehe" beschrieben, Gezelle war sowieso Priester. Gerrit Komrij mit seiner  Sottise "Jeder Künstler der Neues bringt, jeder Avant-Garde-Dichter, ist Homo. Das Umgekehrte gilt nicht"  lag nicht weit daneben. In den Kriegsjahren wurde die Lage richtig bedrohlich. Das (etwas kostengünstig geratene) "Homomonument" in Amsterdam erinnert an die Verfolgung Homosexueller weltweit. 


Es dauerte bis zu den 60ern, bis die Herrschaft der Tabus in vielen Bereichen sich langsam zu lösen anfing. Der Krieg war vorbei, das Kolonialreich hatte sich aufgelöst, die Autoritäten, die kläglich versagt hatten, wurden in Frage gestellt, gegen den Krieg in Vietnam und die Regimes in Spanien und Portugal wurde demonstriert. Eine Art fröhlicher  Anarchismus, die "Provo-Bewegung" ("Provo" wie "Provokation"), fand großen Anklang. Das Umweltthema kam auf, "Witte fietsen", "Witkarren" (weiße Fahrräder und weiße Wägelchen für alle) wurden ausprobiert, die Kirchen verloren rapide an Ansehen. Der Schriftsteller Gerard Reve bekannte sich offen zu seiner Homosexualität, trat paradoxerweise trotzdem in die katholischen Kirche ein,  beschrieb in seinem Roman "Nader tot U" ("Näher zu Dir") seine Vorstellung sich mit Gott "in Gestalt eines einjährigen, mausgrauen Esels" zu vereinigen und gewann den darauf folgenden Prozess,  der 1966 wegen Blasphemie gegen ihn eröffnet wurde. Es war ein ziemliches Durcheinander. Das Königshaus wurde mit manchmal nicht ganz feinen Mitteln angegriffen, so wurde Königin Juliana in einer Karikatur als Schaufensterhure zum Lohn von 5,2 Millionen Gulden (die Zulage des Königshauses) dargestellt. Interessanterweise wurde der Zeichner nicht verurteilt, was in dialektisch versierten Kreisen als besonders perfide Form der repressiven Toleranz aufgefasst wurde.
Anna Blaman starb zu früh für diese Minirevolution, aber sie hatte wichtige Weichen gesetzt: Sie arbeitete als Dramaturgin und Übersetzerin am Theater in Rotterdam, sie lebte ihre Sexualität als etwas selbstverständliches und sie arbeitete das Selbstverständliche in ihre Werke ein, z.B. im Roman Eenzaam Avontuur (Einsames Abenteuer) aus 1948, der ein großer Erfolg war und viele Auflagen kannte. Obwohl Homosexualiteit unter Frauen in Kirche und Gesellschaft nicht so rabiat verfolgt wurde wie unter Männern und enge Beziehungen unter Autorinnen in den Niederlanden wohlbekannt waren, wie die von Betje Wolff und Aagje Deken, 

führte Einsames Abenteuer zu gewaltiger Erregung in konservativen Kreisen. "Miserabel", "schmierig", "extravagant", "zusammenhangslos", "schwachsinnig", urteilten einige Kitiker. Es wurde sogar quasi im Scherz ein Büchertribunal errichtet, das Blaman sehr betroffen machte (und womit die Organisatoren unbewusst daran erinnerten, dass Frauen als Homosexuelle vielleicht weniger verurteilt wurden, dafür in der Vergangenheit als Hexen um so mehr und zwar im Wesentlichen aus dem gleichen Grund).
Die Anerkennung für ihre Werke aber wuchs und Anna Blaman wurde mit wichtigen Auszeichnungen geehrt, darunter der Prosapreis der Stadt Amsterdam (1956) und der P.C. Hooft-Preis, der wichtigste Literaturpreis der Niederlande (1957). In Rotterdam wurde ein Denkmal für sie errichtet in Form eines silbernen Motorrades.  


Anna Blaman fuhr Motorrad eben mit der gleichen Selbstverständlichkeit mit der sie über Homosexualität schrieb - Sensationen in den 40ern und den 50ern.


Die königliche Anerkennung, die Boutens - auf Betreiben der Regierung - verweigert wurde, wurde Anna Blaman dann doch zuteil, wie eine Art verspätete Wiedergutmachung: Sie traf sich mit Königin Juliana während des Bücherballs 1958.



Donnerstag, 12. Mai 2022

Anna Bijns. Mehr Saures als Süßes. Streitschrift und Refrain.

 

Anna Bijns
Antwerpen 1493-1575

Die Reformation kannte Twitter nicht, dafür reichlich Flugblätter und Streitschriften. Die Teilnehmer legten sich damals wie heute keine vornehme Zurückhaltung auf.*


       Papst Alexander VI. Um 1500 **

Teufel mit Luther als Sackpfeife um 1535**



Anna Bijns (1493-1575) war eine Ausnahmeerscheinung. Sie ergriff eifrig die Partei der Päpstlichen und obwohl sie als Frau zu den offiziellen Kammern der "rederijkers" (rhetoriker) nicht zugelassen wurde, war sie als Dichterin hochgeschätzt und gepriesen. 
Sie war die Tochter einer Antwerpener Schneiderfamilie; auch ihr Vater war schon bei den Rhetorikern aktiv.  Bijns Begabung muss früh aufgefallen sein - es wird vermutet, dass sie es war, die als 15-jährige in 1512 erwähnung fand, als sie bei einem einem Dichterwettbewerb mit einem Refrain auf Maria fast den Sieg davontrug.  
Mit der armseligen Kürze einer Twittermitteilung hatten die rederijkers nichts am Hut. Ein Refrain hatte aus mindestens 4 Strophen zu bestehen und schloss mit einem Kehrreim ab. Das Refrain bleibt Bijns bevorzugte Form, in der sie ihre Virtuosität in Reim und Rhythmus voll ausspielen konnte, weitaus besser als alle männlichen Kollegen. Sie wandte es in vielen Gedichten und Pamphleten an, meistens gerichtet gegen die "teuflischen lutherschen Einblasungen".  Ihr erstes Band erscheint 1528, 


"Dit is een schoon ende suverlick boecxken inhoudende veel scoone constige refereinen van de eersame ende ingeniose maecht, Anna Bijns" 

das zweite und das dritte Buch folgten 1548 und 1567. Es gab zahlreiche Nachdrucke. Daneben sind umfangreiche Handschriftensammlungen mit  ihren Arbeiten erhalten, die fest zum Repertoire der Rhetoriker gehörten. Darunter finden sich Liebesgedichte sowie recht sarkastische Verse über Ehe und Familie, ganz nach dem Motto: "Glücklich die Frau ohne Mann!". Ihre Sprache konnte richtig derb sein. Einen Mann, der sich um einen Säugling kümmert stellt sie so bildhaft dar, dass einem ein Gemälde Adriaan Brouwers einfällt. Ich habe aber gelernt, dass sich in dieser Hinsicht im Laufe der Zeit nichts Grundlegendes geändert hat:

Adriaan Brouwer Antwerpen 1605-1638 "Der Geruch"



"En als 't hem bescheten heeft, moet ik schiere
 
Het grofste gruis van den doeken spoelen.
 
Pis, kindeken pis, pis, ik dan krajiere,
 
Wanneer dat 't kakken wille of poelen."

Und hat's geschissen, bin ich in Eile,
Die dicken Batzen aus den Windeln zu pulen.
Piss, Kindelein, piss, piss, ich könnte weinen,
Wenn's kacken möchte oder strullen.


Sie heiratete nicht. Einige vermuten, dass ihr Sinnspruch "Mehr Saures als Süßes" darauf zurück zu führen ist. Andere glauben, dass sie damit auf ihre Neigung zu Satire und bissigen Spott anspielt. Vielleicht trifft beides zu. 
Bis ins hohe Alter unterrichtete sie in ihrer eigenen Schule in Antwerpen. 


Gedenktafel Keizerstraat 57, Antwerpen

Anna Bijns verdankte ihren Erfolg der Druckpresse und das nicht nur im Kreis der Dichter: Als "Branbanter Sappho" war sie, Anfang und Mitte des 16. Jahrhunderts, der in den Niederlanden am meisten gedruckte Autor überhaupt. Ihre Kunst wurde über die ihrer männlichen Kollegen gestellt. In späteren Jahrhunderten geriet Bijns kunstvoll gedrechselte Poesie - wie auch die der Rhetoriker allgemein - in Vergessenheit. In letzter Zeit, mit unter dem Einfluss von Gerrit Komrij, dem großen Rhetoriker der Neuzeit, findet eine bescheidene Bijns-Renaissance statt.  Von 1985 bis 2016 existierte sogar ein Anna-Bijns-Preis als Pendant zum P. C. Hooft-Preis um die Arbeit weiblicher Autoren angemessen zu würdigen. 

Eines der bekanntesten Refrains der Anna Bijns ist ein polemischer Vergleich zwischen dem Redormator Martin Luther und Maarten (Martin) van Rossem, Graf, Bandit und notorischer Kriegsverbrecher (man verzeihe den Anachronismus), woraus van Rossem als der bessere hervorgeht, untermauert durch den Kehrreim:

"Doch scheint Martin van Rossem der beste von zweien."

Und ja, manchmal standen Bandenchef und Reformator sich recht nah:



Maarten van Rossem
1478-1555

"Sengen und Brennen sind die Zierde des Krieges"



Martin Luther 
1483-1546

Luthers Worte gegen die aufständischen Bauern im Bauernkrieg von 1525 ließen an Brutalität nichts zu wünschen übrig: "man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss."

Für Bijns war Luthers Treiben aber schlimmer und fataler für das Seelenheil, als van Rossems ungezügelte Mordbrennerei. 
Sarkastisch konnte sie sein: Im Vergleich zwischen van Rossem und Luther scheint sie sich auf ein bekanntes Lutherisches Diktum zu beziehen: "Die Welt schändet immer, was man loben soll, und lobt, was man schänden soll." ***.

Anna Bijns

um 1545 



"Doch scheint Martin van Rossem der beste von zweien"



Martin van Rossem, inmitten seiner Mörderbande,

Hat schon viele schöne Häuser niedergebrannt.

Aber stelle einmal Luthers Treiben daneben:

Durch ihn sind Kirchen, Klausen, Klöster überrannt,

Manch braver Leute Kind - die Zahl ist unbekannt -

Aus den Klöstern gejagt, dem Verfall preisgegeben,

Rauben müssen sie und stehlen, um zu überleben,

Einige von ihnen tun mit beim Rossemschen Gelichter.

Doch warum allein bei Rossem ein Geschrei erheben?

Zeigt nicht Luther eine weit schlimmere Geschichte?

Mache die Augen auf, ich kenne Dich zwar nicht,

Du, der Rossem tadelst und Luthers Lob will sprechen, ***

Doch Schaue hin auf alles, was dieser Prediger verrichtet:

Größer als Rossems sind lutherische Verbrechen.  

Ist es Dir auch gleich, was falsch ist und was wahr,

Diese eine Wahrheit kannst Du nicht verneinen:

Tugend fehlt den beiden Martins ganz und gar,

Doch van Rossem, Martin, scheint der bessere von zweien.


Van Rossems Belagerung von Antwerpen 1542




(Handschrift A)

(De beste van tween)

*Gewalt in der Sprache


*** "Die Lutherum loeft ende Rossom laect."

Übersetzung Jaap Hoepelman, Mai 2022


Freitag, 25. Juni 2021

van Maerlant, der erste Großdichter

 

Jacob van Maerlant, um 1230 - 1290


Im berühmten „Binnenhof“, dem heutigen Regierungsviertel in Den Haag, befindet sich der altehrwürdige Ridderzaal (Rittersaal). 

                                       

Das monumentale Gebäude ist bis heute in Gebrauch: Jedes Jahr am dritten Dienstag im September verliest das niederländische Staatsoberhaupt hier am Prinsjesdag die Thronrede.


Graf Willem II. von Holland begann 1248 mit dem Bau dieses Saals, den sein Sohn Floris V. um 1280 vollendete. Doch den Erbauern brachte das Prachtwerk kein Glück.
    

Willem II. (1227–1256), Graf von Holland und Zeeland, wurde 1248 in Aachen vom Erzbischof zum Gegenkönig des Heiligen Römischen Reiches gekrönt – allerdings erst nach einer zermürbenden, fünfmonatigen Belagerung der Stadt. Diesen Triumph verdankte Willem der tatkräftigen Hilfe der Friesen und deren meisterhafter Wasserbaukunst. Die Friesen erhofften sich im Gegenzug die Wiederherstellung jener Privilegien, die ihnen einst Karl der Große verliehen haben soll.
Die damalige Heimat der Westfriesen lag auf der Halbinsel nördlich von Utrecht und westlich des friesischen Kernlandes. Vom eigentlichen Friesland waren sie bereits Generationen zuvor durch die Entstehung der Zuiderzee getrennt worden. Für Willem II. war diese Landzunge der ideale Brückenkopf für eine geplante Eroberung.
Die Geografie der Region war jedoch mörderisch: Eine tückische Sumpflandschaft, in der man kaum ausmachen konnte, wo das feste Land aufhörte und das Wasser anfing. Es war kein Wunder, dass die Friesen nicht nur Meister des Wasserbaus, sondern auch des Sumpfkrieges waren.

Die Sumpflandschaft Waterlands und 
die Lage der späteren Zwingburgen
des Floris V.

Der Sommer 1255 war extrem regenreich gewesen, und Willems Armee kam vom Städtchen Alkmaar aus gegen die Friesen kaum voran. Im Februar 1256 setzte jedoch starker Frost ein. Der Moment schien günstig, um über die zugefrorenen Seen in Richtung Hoogwoud vorzurücken. Willem zog mit einer kleinen Gruppe von Kundschaftern über das zugefrorene Berkmeer voran. Es war ein überaus tapferes, aber ebenso törichtes Unterfangen: Das dünne Eis des Sees konnte das enorme Gewicht eines Schlachtrosses mitsamt Ritter und schwerer Rüstung nicht tragen.

Willem II bricht ein

Hätte Willem nur van Maerlants spätere Übersetzung des Secretum Secretorum („Geheimnis der Geheimnisse“) gelesen! Darin wird nicht die blinde Tapferkeit, sondern der kluge Verstand als die wahre Tugend eines Fürsten gepriesen. Doch van Maerlants Opus entstand erst zehn Jahre nach dieser Katastrophe.


               Willem II im Eis von den Friesen erschlagen

Friesische Partisanen stürmten aus einem Hinterhalt im Schilf hervor und erschlugen den wehrlosen römisch-deutschen König im Eis. Die Friesen waren seit jeher ein wehrhafter Stamm, der verbissen über seine Unabhängigkeit wachte. Bereits im Jahr 754 hatten sie den heiligen Apostel Bonifatius beim Ort Dokkum erschlagen, als dieser gegen die Verehrung ihrer heiligen Wotaneiche predigte.

Bonifatius verteidigt sich mit seiner Bibel 
gegen die Schwerthiebe der Friesen

Für den frommen Jacob van Maerlant, der eng mit dem holländischen Grafenhaus verbunden war, wog das Verbrechen der Friesen doppelt schwer: Sie verweigerten dem erschlagenen Willem eine ehrenhafte, christliche Beerdigung. Seine Leiche wurde stattdessen klammheimlich unter der Feuerstelle eines friesischen Bauernhofs verscharrt.
Entsprechend schlecht war Maerlants Meinung über den „garstigen Friesenstamm“, was er in seinem Werk Wapene Martijn unmissverständlich zum Ausdruck brachte:


Wat sal seghel ende was
 
Ende brieve, die ghewaghen das
 
Van dat dese heren gheven?
 
Hets al niet, hets een ghedwas;
 
Alse lief hadt mi een wilt Sas
 
Oft een Vriese bescreven.
 
Trouwe es brooscher dan een glas;
 
Die hier te voren so sterc was,
 
Soe es tebroken bleven.
 
Ic waens noit landshere ghenas
 
Die scalke te sinen rade las,
 
Hine moeste int ende sneven
 
Ende sulc sijn slands verdreven.’

Was soll der Siegel, und das Wachs,
Was das Siegelstück? Alles nur ein Klacks
In feierlichem Herrensprech!
Nichts ist's, nur Gewäsch,
Leeres Geschwätz, von Sächs'scher
Wilden, ohne Wert, nur Friesenblech.
Treue ist zerbrechlicher als Glas.
Einst fest, zerschellt auf immer das, was
Heil war. Gebrochen bleibt gebrochen eben.
Kein Landsherr hat sich je davon erholt,
Der sich bei Schwindlern Rat geholt.
Manche mussten zahlen mit dem Leben, 
Eignes Land hat mancher aufgegeben.

(Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2021 nach Text und Prosaübersetzung der "Wapene Martijn" in der DBNL)

Als Willem II. bei Hoogwoud so schmählich zugrunde ging, war sein Sohn und Erbe, der spätere Floris V., gerade einmal zwei Jahre alt. An dieser Stelle betritt van Maerlants bedeutende Gönnerin die Bühne: Aleide d'Avesnes, (1228–1294).

           Aleide d'Avesnes,
  Gräfin von Holland vor den Resten
 ihrer Burg "te Riviere" in Schiedam

Aleide war die Schwester des erschlagenen Königs und sich ihrer hochadligen Stellung überaus bewusst. Zunächst übernahm ihr Bruder, Floris der Vogt, die Vormundschaft für den kindlichen Thronerben. Als Floris der Vogt jedoch 1258 bei einem Turnier in Antwerpen ums Leben kam, riss Aleide die Macht an sich: Sie wurde Vogtin des kleinen Floris und Regentin von Holland und Zeeland.
Der Historiker Frits van Oostrom vermutet, dass hier die Verbindung zu Jacob van Maerlant geknüpft wurde. Zu dieser Zeit tobten erbitterte Konflikte zwischen Flandern und Holland um den Besitz der seeländischen Inseln westlich der Schelde. Wer diese Inseln kontrollierte, beherrschte den gesamten Handelsweg zwischen England und Brügge. Es ging um sehr viel Macht und Geld.
Brügge war damals das schlagende Herz des europäischen Handels, die wichtigste Schnittstelle zwischen der Hanse, England, Frankreich und dem Mittelmeerraum. Für die flämische Tuchindustrie war Brügge zudem der zentrale Stapelplatz für englische Wolle.

Der Belfried in Brügge

Der eigentliche Vorhafen von Brügge war im 13. Jahrhundert die Stadt Damme. Genau dort, an der renommierten Kapittelschule Sankt-Donaas, genoss der junge Jacob van Maerlant eine gründliche Ausbildung und erhielt die niederen Klerikerweihen. Die Schule war ein intellektuelles Zentrum. Hier übte sich Maerlant in den Artes liberales und lernte, Latein und Französisch ebenso brillant in Wort und Schrift zu beherrschen wie seine flämische Muttersprache.

Die Lage von Brugge und Damme


Die Bibliothek der Kapittelschule verfügte über einen reichhaltigen Schatz an Lehrbüchern, in die sich Maerlant tief einlas. Hier erwarb er jene Gelehrsamkeit, die ihn später zum perfekten Schreiber an einem gräflichen Hof qualifizieren sollte. Während der Französischen Revolution wurde die stolze Sankt-Donaas-Kathedrale vollständig geschleift, im Züge der unaufhaltsam voranschreitenden Zeitgeist, nehme ich an.

             Die Sankt Donaas -Kathedrale


                                                                                                            Van Eyck: Madonna mit Kanonikus van der Paele. 
                                                                                       Im blauen Ornat der heilige Bischof Donatius.


Denkmal für Van Maerlant 
auf dem Marktplatz in Damme

Zum ohnehin angespannten Verhältnis zwischen Flamen und Holländern trug der französische König Ludwig IX. („der Heilige“) im Jahr 1246 entscheidend bei: Er teilte den Dampierres das reiche Flandern zu, während er die Familie der Avesnes mit dem vergleichsweise armseligen Holland abspeiste. Die Avesnes fühlten sich zutiefst gedemütigt.
Die pikante Tragik daran: Dieser tiefe Graben verlief mitten durch ein und dieselbe Familie! Margaretha von Konstantinopel, Gräfin von Flandern und Hennegau, war die Mutter dreier Avesnes-Söhne aus ihrer ersten Ehe und zweier Dampierre-Söhne aus ihrer zweiten Ehe. Ihren ersten Ehemann, Bouchard d’Avesnes, hatte sie kurzerhand durch Enthauptung entsorgen lassen – ein Akt, den die Söhne aus dieser Verbindung nicht positiv aufnahmen.
Für Flandern war die Kontrolle über die seeländischen Inseln westlich der Schelde überlebenswichtig, da sie den Zugang zum reichen Brügge sicherten. Margaretha hatte diese strategischen Gebiete jedoch durch ein Urteil des deutschen Königs – eben jenes Willem II. aus dem Hause Avesnes – verloren, der sich das Lehen Seeland prompt selbst einverleibte.
Margaretha dachte nicht daran, das hinzunehmen. Sie stampfte ein gewaltiges flämisch-französisches Heer aus dem Boden, das am 4. Juli 1253 zur Invasion der Insel Walcheren ansetzte. Doch die Kriegsvorbereitungen waren nicht unbemerkt geblieben. Die Seeländer und Holländer hatten wertvolle Zeit gewonnen, um sich auf den bevorstehenden Schlag vorzubereiten...



Voorne-Putten um 1300. Mit guten Augen kann man den Ort Maerlant erkennen, 
nach dem unser Dichter sich benannte.

Die Invasion der Holländer und Seeländer endete für Flandern in einem Desaster: Die Flamen wurden in der Schlacht von Walcheren vernichtend geschlagen. Es ist gut vorstellbar, dass der junge Jacob van Maerlant als Scriptor mit eingeschifft war und in den Wirren der Schlacht gefangen genommen wurde.
Maerlants außergewöhnliche Begabung blieb der Regentin Aleide d’Avesnes jedoch nicht lange verborgen. Er wurde auf der Insel Voorne festgesetzt, wo die mit dem holländischen Grafenhaus verbundene Familie van Cats eine Erdhügelburg (eine sogenannte Motte) besaß. Später stellte man ihn als Küster und Lehrer im kleinen Örtchen Maerlant an.
Hier erhielt er einen monumentalen Auftrag: Er sollte den jungen Thronerben Floris V. auf seine künftigen fürstlichen Pflichten vorbereiten. Aleide erwartete von ihrem Mündel nicht weniger, als dass er den Leichnam seines in Friesland verscharrten Vaters heimholen, würdig bestatten und unbarmherzige Rache an den Friesen nehmen würde.
Zu van Maerlants Aufgaben gehörte die Aufbereitung jener Literatur, die feste Bestandteile eines fürstlichen Curriculums bildete. Seine literarische Produktivität in dieser Zeit auf Voorne war atemberaubend. Er verfasste unter anderem einen Alexanderroman, die Gralsgeschichte, die Geschichte Trojas sowie die Erzählung über den jungen Helden Torec. Hinzu kamen Sachschriften über Träume und Edelsteine sowie das Geheimnis der Geheimnisse – ein Fürstenspiegel nach dem im Mittelalter überaus beliebten Secretum Secretorum, das als angebliches Werk des Aristoteles höchste Autorität genoss.

 Um 1270 kehrte Jacob van Maerlant schließlich nach Damme zurück. Dort fasste er in seinem monumentalen Werk Der naturen bloeme („Die Blüte der Natur“ oder „Blütenlese der Natur“) das gesamte zoologische und naturwissenschaftliche Wissen seiner Epoche zusammen.
Darüber hinaus schuf er mit seiner Rijmbijbel (Reimbibel) die allererste vollständige Bibelübersetzung in niederländischer Sprache, verfasste eine Biografie des heiligen Franziskus von Assisi und vollendete mit dem Spieghel Historiael eine monumentale Weltgeschichte. Eine Reihe strophischer Gedichte bildet die persönlichere Seite seines Schaffens – darunter die Martijn-Gedichte, die bis heute als seine künstlerisch wertvollsten Werke geschätzt werden.
Das Ergebnis war eine veritable Schatztruhe aus über 300.000 Zeilen in Paarreimen, verfasst in der Volkssprache auf der Basis lateinischer Quellen. Kein anderer Zeitgenosse in Europa konnte eine solche Produktivität vorweisen. Zu seiner Zeit und noch Jahrhunderte danach war van Maerlant ein gefeierter und hochverehrter Dichter.

                                                                                                                                        Floris V                                                                               
Während sein ehemaliger Lehrer schrieb, führte Graf Floris V. den Krieg gegen die friesischen Bauern mit wechselndem Erfolg fort. Den Ausschlag für die endgültige Niederlage der Friesen gaben letztlich verheerende Sturmfluten in den Jahren 1287 und 1288, die weite Teile Westfrieslands verwüsteten.
Floris erwies sich zudem als ambitionierter Burgenbauer: 1285 ließ er das strategisch wichtige Muiderslot (Muiderschloss) an der Grenze zwischen Utrecht und Holland errichten.

Das Muiderschloss

Die Festung stand am perfekten Ort. Floris hatte kurz zuvor der aufstrebenden Siedlung Amsterdam die Stadtrechte verliehen, und das Schloss füllte durch saftige Zolleinnahmen die Kriegskasse des jungen Grafen. Doch die Burg sollte ihm zum Verhängnis werden: 1296 verschworen sich unzufriedene Adlige gegen ihn – vermutlich angestiftet vom englischen König Edward I., der in Floris einen gefährlichen Rivalen um den schottischen Thron sah. Floris wurde im eigenen Muiderschloss gefangengesetzt, um nach England entführt zu werden.
Die historische Überlieferung bietet verschiedene Motive für dieses Drama: Eine Version besagt, dass die Entführung von Gerard van Velzen eingefädelt wurde, der sich für die Vergewaltigung seiner Ehefrau durch den Grafen rächen wollte. Eine andere Quelle betont, dass Floris den einfachen Bürgern und Bauern zu viele Privilegien eingeräumt hatte, was dem Adel ein Dorn im Auge war. Floris’ Spitzname lautete nicht umsonst Der Keerlen God („Der Gott der Kerle/Bauern“).
Als die wütenden „Kerle“ das Muiderschloss belagerten, flohen die Entführer zu Pferd und nahmen den gefesselten Grafen in ihre Mitte. Unter den herbeieilenden Befreiern befanden sich ironischerweise auch Friesen, die sich wohl eine Wiederherstellung ihrer alten Rechte erhofften. In der allgemeinen Panik ergriff Gerard van Velzen seine Chance und erstach Floris V.
Der Mörder wurde kurz darauf gefasst, grausam gefoltert und in einem mit Nägeln gespickten Fass durch die Stadt Leiden gerollt; andere Chroniken berichten schlicht von seiner Vierteilung.

Der berühmte „Muiderkreis“


Jahrhunderte später sollte das Muiderschloss eine zweite, glanzvolle Hauptrolle in der niederländischen Kulturgeschichte spielen. Ab 1621 traf sich dort regelmäßig eine erlesene Gesellschaft der prominentesten Gelehrten, Musiker und Dichter des Goldenen Zeitalters rund um den Schlossherrn und Dichter Pieter Corneliszoon Hooft.
Joost van den Vondel, das berühmteste Mitglied dieses sogenannten Muiderkring (Muiderkreises), schrieb das Eröffnungsdrama für das neu errichtete Amsterdamer Stadttheater: den Gijsbrecht van Aemstel. Das Bühnenstück beschreibt, wie der Titelheld Gijsbrecht – zu Unrecht der Komplizenschaft am Mord an Floris V. verdächtigt – aus seinem Amsterdamer Stadtschloss vertrieben wird.
Zurück zu Jacob van Maerlant: Sein Einfluss auf die Literatur war immens. Der Historiker Frits van Oostrom betont, dass man kaum einen Autor zwischen 1250 und 1450 nennen kann, der nicht in irgendeiner Form von ihm beeinflusst wurde. Maerlant war der erste niederländische Schriftsteller, der im eigentlichen Sinne Schule machte.
Es entstanden zahllose Abschriften seiner Werke. Einige der erhaltenen Prachtexemplare glänzen mit prachtvollen Buchmalereien, insbesondere die Rijmbijbel, Der naturen bloeme und der Spieghel Historiael.

Der naturen bloeme
Utrechter Handschrift, etwa 1340

Solche Prachtbände kosteten damals ein Vermögen. Natürlich war van Maerlant kein Dichter des modernen, hochpersönlichen Gefühlsausdrucks. Er war ein Gelehrter, der präzise vorgegebene Stoffe für eine exakt definierte, adlige und bildungsbürgerliche Leserschaft in der Volkssprache aufbereitete. Dabei ging er jedoch keineswegs sklavisch vor, sondern passte die Vorlagen kreativ den Erwartungen und Bedürfnissen seines Publikums an.
Am freiesten dichtete er in seinen Dialogen, die unter dem Namen Wapene Martijn bekannt wurden. Diese Gedichte nutzen eine anspruchsvolle, dreizehnzeilige Strophenform mit dem Reimschema aabaabaabaabb.
Selbst in seinen weniger freien Werken gibt es für moderne Leser viel zu bewundern und zu schmunzeln – besonders in Kombination mit den kuriosen mittelalterlichen Illustrationen. Van Maerlant verfasste seine Naturen bloeme nach dem Vorbild des Theologen Thomas von Cantimpré (De natura rerum). Seine Naturbeschreibungen verfolgten stets ein erzieherisches Ziel: Die Tierwelt sollte als lebendiger Beweis für Gottes Allmacht sowie als moralisches Beispiel für Tugend und Untugend dienen.
Als ganz außergewöhnliches Tier wird dem Leser der Biber vorgestellt:

Van Maerlants Biber bei einer seiner typischen Tätigkeiten

Castor, dit woert in Latijn
 
Mach in Dietsche een bever sijn.
 
Castorium heten haere hoeden,
   Die sijn vele te nuttene noden,
 
Ende dat es daer mense omme jaghet.
 
Ende als den bever dan wanhaghet,
 
So bijt hise selve of te waren:
 
Dan laten die jaghers varen.
   Eist datmenne anderwarf jaghet,
 
Hi toghet dat hi niet en draghet,
 
Ende vallet voer den jagher neder.
 
Die Pollaene segghen dan weder,
 
Haer bevre hebben die hoeden binnen,
  Recht als wi nieren legghen kinnen.
 
Hoe moghen si danne hem selven vueren?

Als Castor ist er auf Latein bekannt,
Biber wird er hier genannt.
Castorium, die Hoden auf Latein,
Sind wirksam gegen Zipperlein.
Deswegen wird ihm nachgestellt.
Fühlt er sich zu sehr umstellt,
Dann, wahrlich, beißt er diese ab.
Dann lassen Jäger von ihm ab.
Jagt man ihn dann später wieder,
Legt der Biber sich danieder
Hier, so zeigt er, gibt es nichts zu holen.
Wiederum heißt's bei den Polen,
Die Hoden liegen drinnen, wie die Nieren.
Aber können solche Biber sich kastrieren?

Übersetzung Jaap Hoepelman Juni 2020 nach dem Text in der DBNL (mit der dort vorgeschlagenen Korrektur)

Van Maerlants Tiergeschichten sind oft spannender und lehrreicher als moderne Fernseh-Dokumentationen, in denen man so manche skurrile Kreatur schmerzhaft vermisst. Man denke nur an den Elefanten, der sich wie eine wütende Gießkanne gebärdet, die „Auster des Missvergnügens“ oder den chronisch unzufriedenen „Schildquerulanten“. Ohnehin wirken van Maerlants Tiere auf den zeitgenössischen Miniaturen auffällig schlecht gelaunt. Aber sind nicht in jeder guten Geschichte die Bösewichte ohnehin viel interessanter als die Tugendhaften?

 
die Auster des Misvergnügens,       oder der Schildquerulant.

Doch nicht nur in der Tierwelt, auch unter den Menschen gibt es bei Maerlant genug zu bestaunen. Zwei kuriose Beispiele aus den fernen Randgebieten der mittelalterlichen Weltkarte genügen: Die Sckiampoden (Einfüßler), die sich bei Hitze flach auf den Rücken legen und ihren einzigen Riesenfuß als praktischen Sonnenschirm benutzen, oder die Kopflosen, deren Augen mitten im Rumpf sitzen.


Weit weniger fantastisch, dafür überraschend aufgeklärt, zeigt sich Maerlant in seinen Dialogen. In Anbetracht des biblischen Sündenfalls und des Missgeschicks mit dem verbotenen Apfel urteilt der Dichter über die Frauen überraschend milde und modern. Im Wapene Martijn entspinnt sich dazu folgendes Gespräch:


Martijn:

Jacop, alle Welt macht groß Gewese,
Der Frauen Schuld sei es gewesen,
Dass wir in Sünde müssen Sterben:
Durch Evas erster Sündenfall
Müssen im Erdental wir alle
Als Vertriebene verderben.
Es sagen alle, keiner ausgenommen:
Eva hat Adams Herz genommen,
Adam ward von ihr vergeben°.
Sag mir, liegt's nicht auf der Hand
Dass man hier die Schuldige fand?
Ihretwegen zittern wir und beben
Wenn zu Ende geht das Leben.

Jacop:

Martin, jeder ist im Kopf nicht gut,
Der andern vorwirft, was er selber tut,
Egal ob es ihm Vorteil bringt.
Seh' ich das Meer, oder den Fluss, 
Steig' ich hinein mit einem Fuß,
Wie wenn ein Blöder in die Fluten springt -
Wem werf' ich vor den Übermut,
Wenn mich ergreift die wilde Flut,
Und dass mit mir ein Schwein versinkt?
Wenn einer weiß von Bös' und Gut,
Hartnäckig stets das Böse tut,
Dann gibt es viele, denen's stinkt,
Dann schert es nicht, ob der ertrinkt.


(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2021, Nach Biesheuvel, Originaltext mit Prosaversion )

Zum Abschluss folgt ein Plädoyer Maerlants gegen die menschliche Habgier. Es ist ein Text, der im 13. Jahrhundert verfasst wurde und dennoch bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat:

Jacop:

Um diese Worte geht's allein:
Es sind die Worte "mein" und "dein"
Könnt' man endlich sie vertreiben
Allüberall würd' Frieden sein
Und Freiheit wäre allgemein.
Mann noch Frau leibeigen bleiben,
Gemeinfrei wären Korn und Wein.
Über's Meer oder den Rhein

Jan van Boendale, ein bedeutender Dichter der nachfolgenden Generation, nannte Jacob van Maerlant ehrfürchtig den „Vater aller niederländischen Dichter insgesamt“. Doch dieser literarische Urvater ist heute im kollektiven Gedächtnis – besonders im deutschen Sprachraum – gründlich in Vergessenheit geraten.
Um sein Andenken zu ehren und die Epoche lebendig zu machen, empfiehlt sich ein akustischer Ausflug in seine Heimat: Die Missa de Sancto Donatiano des bedeutenden Jacob Obrecht. Sie wurde zwar erst rund zweihundert Jahre nach Maerlants Tod komponiert, schließt aber den Kreis perfekt.
Geschrieben von dem Brügger Komponisten Obrecht für den Brügger Namenspatron Sankt Donatian – den Schutzheiligen jener Kapittelschule Sankt-Donaas, an der einst Jacob van Maerlant lernte. Dichter und Komponist beredte Zeugen für die erstaunlichen Kultur der südlichen Niederlande im Mittelalter.
Zu den Quellen:
Die historischen Hintergründe über Jacob van Maerlant, seine Epoche und sein Schaffen basieren maßgeblich auf Frits van Oostroms Standardwerk Maerlants Wereld (Prometheus, Amsterdam 1996).
Wer selbst einen Blick in die faszinierenden, reich bebilderten Originalseiten von Der naturen bloeme („Die Wunder der Natur“) werfen möchte, findet den digitalen Zugang direkt über die Online-Archive der DBNL.

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1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...