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Donnerstag, 12. Mai 2022

Anna Bijns. Mehr Saures als Süßes. Streitschrift und Refrain.

 

Anna Bijns
Antwerpen 1493-1575

Die Reformation kannte Twitter nicht, dafür reichlich Flugblätter und Streitschriften. Die Teilnehmer legten sich damals wie heute keine vornehme Zurückhaltung auf.*


       Papst Alexander VI. Um 1500 **

Teufel mit Luther als Sackpfeife um 1535**



Anna Bijns (1493-1575) war eine Ausnahmeerscheinung. Sie ergriff eifrig die Partei der Päpstlichen und obwohl sie als Frau zu den offiziellen Kammern der "rederijkers" (rhetoriker) nicht zugelassen wurde, war sie als Dichterin hochgeschätzt und gepriesen. 
Sie war die Tochter einer Antwerpener Schneiderfamilie; auch ihr Vater war schon bei den Rhetorikern aktiv.  Bijns Begabung muss früh aufgefallen sein - es wird vermutet, dass sie es war, die als 15-jährige in 1512 erwähnung fand, als sie bei einem einem Dichterwettbewerb mit einem Refrain auf Maria fast den Sieg davontrug.  
Mit der armseligen Kürze einer Twittermitteilung hatten die rederijkers nichts am Hut. Ein Refrain hatte aus mindestens 4 Strophen zu bestehen und schloss mit einem Kehrreim ab. Das Refrain bleibt Bijns bevorzugte Form, in der sie ihre Virtuosität in Reim und Rhythmus voll ausspielen konnte, weitaus besser als alle männlichen Kollegen. Sie wandte es in vielen Gedichten und Pamphleten an, meistens gerichtet gegen die "teuflischen lutherschen Einblasungen".  Ihr erstes Band erscheint 1528, 


"Dit is een schoon ende suverlick boecxken inhoudende veel scoone constige refereinen van de eersame ende ingeniose maecht, Anna Bijns" 

das zweite und das dritte Buch folgten 1548 und 1567. Es gab zahlreiche Nachdrucke. Daneben sind umfangreiche Handschriftensammlungen mit  ihren Arbeiten erhalten, die fest zum Repertoire der Rhetoriker gehörten. Darunter finden sich Liebesgedichte sowie recht sarkastische Verse über Ehe und Familie, ganz nach dem Motto: "Glücklich die Frau ohne Mann!". Ihre Sprache konnte richtig derb sein. Einen Mann, der sich um einen Säugling kümmert stellt sie so bildhaft dar, dass einem ein Gemälde Adriaan Brouwers einfällt. Ich habe aber gelernt, dass sich in dieser Hinsicht im Laufe der Zeit nichts Grundlegendes geändert hat:

Adriaan Brouwer Antwerpen 1605-1638 "Der Geruch"



"En als 't hem bescheten heeft, moet ik schiere
 
Het grofste gruis van den doeken spoelen.
 
Pis, kindeken pis, pis, ik dan krajiere,
 
Wanneer dat 't kakken wille of poelen."

Und hat's geschissen, bin ich in Eile,
Die dicken Batzen aus den Windeln zu pulen.
Piss, Kindelein, piss, piss, ich könnte weinen,
Wenn's kacken möchte oder strullen.


Sie heiratete nicht. Einige vermuten, dass ihr Sinnspruch "Mehr Saures als Süßes" darauf zurück zu führen ist. Andere glauben, dass sie damit auf ihre Neigung zu Satire und bissigen Spott anspielt. Vielleicht trifft beides zu. 
Bis ins hohe Alter unterrichtete sie in ihrer eigenen Schule in Antwerpen. 


Gedenktafel Keizerstraat 57, Antwerpen

Anna Bijns verdankte ihren Erfolg der Druckpresse und das nicht nur im Kreis der Dichter: Als "Branbanter Sappho" war sie, Anfang und Mitte des 16. Jahrhunderts, der in den Niederlanden am meisten gedruckte Autor überhaupt. Ihre Kunst wurde über die ihrer männlichen Kollegen gestellt. In späteren Jahrhunderten geriet Bijns kunstvoll gedrechselte Poesie - wie auch die der Rhetoriker allgemein - in Vergessenheit. In letzter Zeit, mit unter dem Einfluss von Gerrit Komrij, dem großen Rhetoriker der Neuzeit, findet eine bescheidene Bijns-Renaissance statt.  Von 1985 bis 2016 existierte sogar ein Anna-Bijns-Preis als Pendant zum P. C. Hooft-Preis um die Arbeit weiblicher Autoren angemessen zu würdigen. 

Eines der bekanntesten Refrains der Anna Bijns ist ein polemischer Vergleich zwischen dem Redormator Martin Luther und Maarten (Martin) van Rossem, Graf, Bandit und notorischer Kriegsverbrecher (man verzeihe den Anachronismus), woraus van Rossem als der bessere hervorgeht, untermauert durch den Kehrreim:

"Doch scheint Martin van Rossem der beste von zweien."

Und ja, manchmal standen Bandenchef und Reformator sich recht nah:



Maarten van Rossem
1478-1555

"Sengen und Brennen sind die Zierde des Krieges"



Martin Luther 
1483-1546

Luthers Worte gegen die aufständischen Bauern im Bauernkrieg von 1525 ließen an Brutalität nichts zu wünschen übrig: "man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss."

Für Bijns war Luthers Treiben aber schlimmer und fataler für das Seelenheil, als van Rossems ungezügelte Mordbrennerei. 
Sarkastisch konnte sie sein: Im Vergleich zwischen van Rossem und Luther scheint sie sich auf ein bekanntes Lutherisches Diktum zu beziehen: "Die Welt schändet immer, was man loben soll, und lobt, was man schänden soll." ***.

Anna Bijns

um 1545 



"Doch scheint Martin van Rossem der beste von zweien"



Martin van Rossem, inmitten seiner Mörderbande,

Hat schon viele schöne Häuser niedergebrannt.

Aber stelle einmal Luthers Treiben daneben:

Durch ihn sind Kirchen, Klausen, Klöster überrannt,

Manch braver Leute Kind - die Zahl ist unbekannt -

Aus den Klöstern gejagt, dem Verfall preisgegeben,

Rauben müssen sie und stehlen, um zu überleben,

Einige von ihnen tun mit beim Rossemschen Gelichter.

Doch warum allein bei Rossem ein Geschrei erheben?

Zeigt nicht Luther eine weit schlimmere Geschichte?

Mache die Augen auf, ich kenne Dich zwar nicht,

Du, der Rossem tadelst und Luthers Lob will sprechen, ***

Doch Schaue hin auf alles, was dieser Prediger verrichtet:

Größer als Rossems sind lutherische Verbrechen.  

Ist es Dir auch gleich, was falsch ist und was wahr,

Diese eine Wahrheit kannst Du nicht verneinen:

Tugend fehlt den beiden Martins ganz und gar,

Doch van Rossem, Martin, scheint der bessere von zweien.


Van Rossems Belagerung von Antwerpen 1542




(Handschrift A)

(De beste van tween)

*Gewalt in der Sprache


*** "Die Lutherum loeft ende Rossom laect."

Übersetzung Jaap Hoepelman, Mai 2022


Dienstag, 29. Juli 2025

Jan van der Noot: Wankelmut im Zeitalter der Glaubenskämpfe.

 

Jonker Jan Baptista van der Noot
1539-1595
"Tempera te Tempori"

Mit Anna Bijns lernten wir eine glühende Vertreterin des Katholizismus in Flandern kennen, gleichzeitig eine der einflussreichsten und am meisten gedruckten literarischen Persönlichkeiten der damaligen Niederlande. Bijns (1493-1575) blieb dem Katholizismus ihr Leben lang fest verbunden. Nicht ganz so standfest erwies sich Jonker Jan Baptista van der Noot, er konnte es vielleicht auch nicht sein, die Zeiten hatten sich geändert und waren womöglich noch gefährlicher geworden. Van der Noots Sinnspruch "Tempera te Tempori "passte gut zu seinem Leben und kann sogar frei übersetzt als Anspielung auf seinen Namen betrachtet werden: "Mach aus der Not eine Tugend".

Van der Noots Dichtkunst machte die Niederlande mit neuen Formen der Poesie bekannt, wie dem Sonett, der Ode, dem Jambus und dem Alexandriner. Ihm war sehr bewusst, dass er neue Formen der Poesie anwendete. Er verfügte über eine gehörige Portion Standesdünkel und wurde nicht von übertriebener Bescheidenheit geplagt. Fast ausnahmslos ließ er sich mit dem Lorbeerkranz des Poeta Laureatus abbilden, in der Nachfolge von Dante und Petrarca. 

Ode

Es war April, als Flora sich daran gemacht
Das Erdreich lieblich zu verschönern
Mit neu gewachs'ner Blumenpracht,
Als ich sie ansprach, meine ersehnte Schöne.

Liebste, sprach ich, schauen wir die Rose an
Die heute früh uns auf das herrlichste geneckt hat.
Wir standen an der Stelle eine Zeitlang
Und suchten wo das Röslein sich versteckt hat.

Wir fanden keine Rose mehr, allein
Die Blütenblätter, alle abgefallen,
Beraubt all ihrer schönen, reinen
Farben, womit sie morgens uns gefallen.

Ach Liebste, sprach ich, ist's nicht schade,
Dass diese schöne Blume ist so schnell dahingefallen
Bevor einem erwiesen wurd' die Gnade
Sich zu erfreuen ihres Dufts, das Köstlichste von allem?

Oh ja, sprach sie, schön war die Blume, wirklich.
Deswegen, Liebste, sieh doch wie schnell es geht.
Erlaube, Liebste, dass ich Dich inniglich 
barmherzig nenne, in Ehren, früh und spät.

Nutze die Zeit, um die es geht,
Es ist die schönste Zeit deines Bestehens,
Auf dass es dir auch nicht ergeht,
Wie mit der Blume ist geschehen.
(Übersetzung Jaap Hoepelman Juli 2025)

Van der Noots Ode 

Jonker (d.h. Junker) Jan van der Noot war Sohn einer einflußreichen adeligen und gut katholischen  Antwerpener Familie. Er war hervorragend ausgebildet, kannte sich in Latein, Italienisch, Spanisch, Englisch und Deutsch aus und beherrschte Französisch ebenso gut wie Niederländisch. In seinen jüngeren Jahren trat er zum Calvinismus über und nahm am calvinistischen Bildersturm in Antwerpen (1566-1567) teil, wohl in der Hoffnung, standesgemäß Markgraf von Antwerpen werden zu können.


                              
Der Bildersturm. 
Zerstörungen in der Liebfrauenkathedrale zu Antwerpen, 20 augustus 1566.


"Calvinistischer Aufruhr bezwungen"

Der Aufstand wurde jedoch niedergeschlagen. Als bekannt wurde, dass der Herzog von Alva sich für eine Strafexpedition auf den Weg in die Niederlande gemacht hatte, flüchtete van der Noot zusammen mit tausenden Antwerpenern nach London. Van der Noots Besitztümer wurden beschlagnahmt. Es war der Anfang einer ungefähr zehnjährigen Odyssee durch England, Frankreich, Italien und Deutschland während derer er um des Brotes willen Reimwerk en masse produzierte, um den jeweiligen Mäzenen zu gefallen. Bekannt ist er aber aus einem anderen Grund: Schon in seiner Antwerpener Zeit hatte er sich einen Ruf als Dichter erworben, mit einer für die Niederlande neuartigen Poesie in der Nachfolge von Petrarca in Italien und den Pléiaden in Frankreich - insbesondere Ronsard, von dem er u.a. das bekannte "Mignonne, allons voir si la rose" frei übersetzte. Meinen Versuch einer Übersetzungsübersetzung findet man auf dieser Seite.  


                  
                                 Dante
  
                                                                                   Petrarca                                                                                                                                                                                                      
                 van der Noot
                                                                                                                
Bescheidenheit war van der Noots Sache nicht, dafür spielte er eine entscheidende Rolle im Übergang von den Refrains der in Flandern noch vorherrschenden "Rederijkers", wie eben Anna Bijns, zu den moderneren Formen, wie man sie z.B. bei Hooft und Vondel findet. Interessanterweise übte van der Noot durch seinen Aufenthalt in London sogar einigen Einfluss auf die englische Poesie aus: In der Verbannung war van der Noot nicht untätig: 1568 erschien "Het Theatre oft Toon-neel", eine Abhandlung in dem die römisch-katholische Überzeugung und Lebensart mit der calvinistischen kontrastiert werden. Dem Pamphlet vorangestellt sind sowohl Epigramme und Sonette nach Petrarca und du Bellay, als auch vier ursprüngliche Sonette von van der Noot selbst, die Themen der Apokalypse behandeln. Es erschien auch  eine französische und eine englische Übersetzung. Die englische Übersetzung wurde von oder mit der Unterstützung von Edmund Spenser

Edmund Spenser

erstellt, unter dem wortkargen Titel ‘A Theatre wherein be represented as well the miseries and calamities that follow the voluptuous Worldlings, as also the greate joyes and pleasures which the faithfull do enjoy. An argument both profitable and delectable to all that sincerely love the word of God. Devised by John van der Noodt’. Die Verhandlung ist Queen Elisabeth gewidmet, der Verfechterin der anti-römischen Bewegung. Spensers englische Übersetzung von van der Noots Opus wird als wichtige Stufe in der Entwicklung des englischen "blank verse" betrachtet. Das "Theatre" war zu der Zeit wohl eine der führenden Streitschriften des europäischen Protestantismus. Es erschien auch eine deutsche Übersetzung, "Theatrum das ist Schawplatz" (Köln,1572), wohin es van der Noot verschlagen hatte, aber die deutsche Version war auffällig anders geartet: Die Ausfälle gegen den Papst und der Hass gegen die katholische Kirche waren abgemildert oder entfernt worden, so dass eine eher allgemeine Verhandlung über die menschlichen Untugenden und ihre bösen Folgen übrig blieb. Offensichtlich kündigte sich Van der Noots Rückkehr in den Schoß der Kirche an. In London erfolgte auch eine Ausgabe von "Het Bosken" ("der Hain") (nach Ronsards "Le Bocage"), eine Bündelung der neuartigen Dichtformen, mit denen van der Noot in seiner Antwerpener Zeit Bekanntheit erlangt hatte und mit denen die Dichtung der Renaissance, die in Italien und Frankreich ihren Anfang genommen hatte, in den Niederlanden weitergeführt wurde. 
Nach der Londoner Periode zog van der Noot durch Deutschland (Kleve, Köln), Paris (wo er sich mit den bewunderten Dichtern der Pléiade traf) und Italien. Während seiner Reise veröffentlichte er noch einige großangelegte epische Gedichte in der Nachfolge von Dante.
Erst die s.g. "Genter Pazifikation", ein von Wilhelm von Oranien in die Wege geleitete Modus Vivendi für Protestanten und Katholiken (1576), ermöglichte eine Rückkehr nach Antwerpen. Die "Furie von Antwerpen", d.h. die Plünderung der Stadt durch spanische Soldaten, die monatelang keinen Sold bekommen hatten verzögerte die Rückkehr im selben Jahr bis 1578. Die "Spaanse Furie" ging natürlich mit den üblichen Greueltaten vonstatten; wahrscheinlich zu hoch gegriffene Schätzungen belaufen sich auf 10.000 Tote. Ähnliche "Furien" fanden im Übrigen auch in Mechelen und Aalst statt.

Die Plünderung von Antwerpen

Richtig "angekommen" war der katholisch-calvinistisch-katholische van der Noot in Antwerpen aber erst 1585, nach der Eroberung Antwerpens für die Habsburger durch Alexander Farnese, den Herzog von Parma. Es war das Ende des goldenen Jahrhunderts Antwerpens und der Anfang des Aufstiegs von Amsterdam.

Eroberung Antwerpens durch Farnese 1585

Die Beschlagnahme seiner Besitztümer hatte van der Noot in finanzielle Schwierigkeiten gebracht, die er dadurch zu lindern versuchte, dass er sich als Gedichteschreiber bei den Staaten von Brabant anbiederte. Dies hatte ein bescheidenes Gehalt und eine unüberschaubare Reihe von völlig uninteressanten Lobpreisungsgedichten zur Folge. 

Van der Noots mangelhafte konfessionelle Standfestigkeit, sein Ständesdünkel, seine Eitelkeit, seine Brotschreiberei und seine Abhängigkeit von italienischen und französischen Vorbildern wurden ihm, der bald in Vergessenheit geriet, Jahrhunderte später von Kritikern ein wenig pikiert vorgeworfen. Aber bei allen zeittypischen Schrullen war er es, der es der neuen Poesie der Renaissance ermöglichte, in den Niederlanden Einzug zu halten.





Mittwoch, 15. Juli 2026

Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden


Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert,
die Harfe klingt...und David psalmodiert,
Was war, was sein wird, kann dir schnuppe sein,
genieß was ist; ein Tor, wer nach Erfüllung giert.
+++
Oh höchster Herrscher dieser Welt
Du fragst, wann mir der Wein die Seel' erhellt?
Es ist am Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch
Donners-, Frei- und Samstag, wie's mir eben fällt.
+++
Das Veilchen will sich bunt die Kleider färben,
Im Morgenwind die Rosen für sich werben,
Der Weise, neben einer Frau gesessen,
den Becher leert und schlägt ihn dann in Scherben.
+++
Mein Weinkrug war im Liebesbann,
glänzend schwarze Haare zog er an,
der Henkel eine schlanke Hand,
geschwungen wie ein Frauenspann.
+++
Während Gelächter sich ergießt,
der Wein, der rot aus der Karaffe fließt
wird Herzensblut und das Kristall
wird eine Träne, die's umschließt.
+++
Viel kostbar Blut spülte der Weltenlauf schon fort
und manche Blume ist im Sonnenlauf verdorrt;
brüste Dich nicht mit Jugend und mit Glanz,
früh aufgeblühte Knospen welken hin am Ort.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, nach J. H. Leopold, Juni 2026)


Es gibt interessante Parallelen zwischen den Dichtern Omar Khayyam und Constantijn Huygens, auch wenn sie zeitlich und kulturell weit von einander entfernt scheinen. Beide waren universell begabt, beide waren sehr hohe, vielbeschäftigte Staatsdiener, beide hatten eine Abneigung gegen verknöcherte Intoleranz in der Religion, beide waren sich der Endlichkeit des Lebens und folglich der Notwendigkeit, den Tag zu genießen, sehr bewusst - die universellen Themen des "Memento Mori" und des "Carpe Diem". Und beide haben tausende Kurzgedichte geschrieben, in denen diese Themen angesprochen wurden. Khayyam kommt manchmal etwas parfümiert daher, eine Stimmung, die in Fitzgeralds romantischer Übersetzung (die im Westen am meisten Bekannt war) noch verstärkt wurde. Das passte auch zum Jugendstil um den Jahrhundertwechsel 1900, wobei Leopold lieber Whinfields genauere Übersetzung benutzt hat.
Huygens dagegen konnte - in der alt-niederländischen Tradition -  drastisch und sehr direkt sein, wie Anna Bijns, Adriaan Brouwers, Focquenbroch oder auch Rembrandt und ehrlich gesagt betrachte ich das als Kontrastprogramm manchmal als sehr erfrischend:

Josef und Potiphars Weib


Das "Carpe Diem" bei Khayyam bedeutet nicht, dass der Dichter regelmäßig, in Gesellschaft hübscher Frauen, benommen in einer romantischen Landschaft herumlag. Als hoher Beamter, Astronom, Mathematiker und Kalenderreformer konnte Khayyam sich das auch gar nicht leisten. Ich vermute mal, dass er für seine Aufgaben unermüdlich arbeiten musste. 

                                                                       Astronomen im Observatorium zu Isfahan

Wein und Entgrenzung waren gängige poetische Versatzstücke, um unserer Endlichkeit, Unwichtigkeit und Beschränktheit besonderen Nachdruck zu verleihen. Wein war dazu nicht unbedingt eine Voraussetzung. Einer der weinlosen Vierteiler Khayyams lautet:

Egal ist es der Welt, dass es dich gab.
Und kaum vermissen wird sie dich im Grab.
Ein Umschlag war der Tod in deinen Augen -
Als Wimpernschlag tut jetzt die Welt ihn ab.


(Boutens, nach Omar Khayyam. Übersetzung Jaap Hoepelman)

Khayyams Stellung, sein "Memento Mori", seine Mathematik und Astronomie, auch seine theoretische Arbeiten über die Musik laden zu einem Vergleich mit Huygens ein. Was Khayyam im Übrigen von den Luminarien seiner Zeit hielt, drückte er im folgenden Vierzeiler aus:

Wie auf den Polarstern sind wir auf sie gefahren,
sie, die wie Feuerbaken an der Weisheit Küste waren,
sie konnten in der Todesnacht den Kurs nicht wahren,
ein letztes Wort gestammelt, dann gestreckt auf ihren Bahren.

(Jaap Hoepelman, Juni 2026, nach Leopolds Übersetzung)

Für den Calvinisten Huygens war das "Memento Mori" ein wiederkehrendes Thema, um so mehr im 17. Jahrhundert, in dem der unerwartete Tod allgegenwärtig war:

Das Darlehen

Mein Leben ist ein Lehen, die Sterblichkeit das Pfand,
Gott fordert's morgen ein, es liegt in Seiner Hand.
Wer jetzt gerade geht und prahlt, wie's um ihn steht,
Ahnt nicht den morschen Steg, auf dem er gerade geht.

Das daraus folgende "Carpe Diem", bedeutete für den Calvinisten Huygens nicht "genieße deine Zeit", sondern "genieße deine Zeit dadurch, dass du sie nutzt und verbringst mit gottgefälligen Werken". Also verbrachte Huygens die Zeit neben seinen diplomatischen Aufgaben mit praktischen Projekten, wie:
Dem Bau einer gepflasterten Straße von Den Haag nach Scheveningen;


 der Komposition von über 150 Parfums (sehr nützlich, angesichts der Duft-Palette des Goldenen Jahrhunderts); der Pflege eines Beziehungsnetzes mit den europäischen Geistesgrößen, darunter sehr intensive mit Descartes; der Zusammenarbeit mit seinen Söhnen Constantijn Jr. und Christiaan beim Linsenschleifen und Entwerfen von Messinstrumenten; Architektur; Städtebau; Gartenentwurf ... (ich nehme an, dass Christiaan ihm in der Mathematik bald enteilt ist)...

Christiaan Huygens Pendeluhr


Das rohrlose Teleskop von 
Christiaan und Constantijn Jr. Huygens,
eingesetzt bei der weiteren Erforschung
der Ringe des Saturn.


Das von Constantijn Huygens entworfene Gut "Hofwijck"

Der von Huygens nach Vitruvs Idealmaßen 
gestaltete Garten von "Hofwijck"

Von Huygens Kompositionen, über 700,  sind die meisten leider verloren gegangen, aber einige stehen uns heute noch zur Verfügung:


Last but not least, ein Konvolut von Schriftstücken, literarischen Werken, Übersetzungen, Briefen, darunter eben die über 2000 "Sneldichten" oder "Puntdichten" - manchmal als Kalendersprüche, manchmal als bissige Satire oder Kommentar, manchmal nachdenklich, als "Memento" im weiten Sinne...und manchmal mit einem nicht ganz so frommen Zungenschlag.

Epitaph auf einen Weltling

Der Mann da unten hatte auf der Welt Gewicht,
Ob Lot, ob Pfund; hier zählt Gewichtsmaß nicht.
Fragt nicht, was er verlor, was er hat beigetragen;
Die Erde trägt ihn nicht, er muss jetzt Erde tragen.
+++
Baum

Die Bäume, die wir seh’n,
Sie recken sich zum Himmel hoch, mit ausgestreckten Armen.
Sie sind wie Gottlose in Not, so wie sie aufwärts barmen
Und wissen nicht, an wen.
+++
Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.
+++
Aus den "Johannes Gedichten":

"Johann, siehst du das Tor zum Galgenfeld?
Zu eng, als dass es jedem würde passen!"
"Von Dienern des Staates klug bestellt:
Nicht großen Dieben, nur um die kleinen durch zu lassen".
+++
Der letzte Klatsch in unsrer Stadt,
Ist, dass Johann mit Neel geschlafen hat.
Damit die Sprüche sie nicht trafen,
Beendet Neel den Tratsch geschwind:
"Wenn der Johannes hätt' geschlafen,
So wär' die Neel jetzt nicht mit Kind."
+++
Katrins Beichte

Katrin beichtet, unter vielen Sünden, dass sie ins Heu
gelangt war, with a fine English boy.
Und was ist dort geschehen? Dein Beicht'ger muss es wissen!
Ein alter Tor, meint Trien, wer sowas ernsthaft fragt,
Als ob Du gar nicht wüstest, was eine junge Magd
Mit einem jungen Knecht macht, mit weichem Heu als Kissen!

(Übersetzungen Jaap Hoepelman Juni 2026)






Sonntag, 9. Juli 2023

Dr. Schaepman und die katholische Emanzipation

 


Herman Schaepman 1844-1903

Nach dem achtzigjährigen Krieg, (1568-1648), waren die Katholiken in den Niederlanden von höheren Ämtern ausgeschlossen. Ihre Kirchen waren umgewidmet worden, ihre Religion konnten sie nicht in der Öffentlichkeit ausüben. 

                      Große oder Sankt Bavo-Kirche, Haarlem,
          seit 1578 protestantisch.

Ihre Lage führte zur Entstehung von versteckten Kirchen – wie "Unser Lieber Herr auf dem Dachboden"in Amsterdam, die der städtischen Obrigkeit wohlbekannt war, aber nach der merkwürdigen niederländischen Sitte* "gedoogd", d.h. toleriert wurde. Die Cannabisgebraucher, die im gleichen Viertel von der Toleranzpolitik ("gedoogbeleid") profitieren, wissen wovon ich rede. Dass die Dichterin Anna Bijns vom lutherischen Glaubenseifer nicht begeistert war, versteht jeder, der die Berichte über das Wirken der Bildersturm liest, z.B. in der Antwerpener Liebfrauenkathedrale, oder in der Bibliothek des Domikanerklosters zu Gent. Deren Inhalt wurde vollständig in den Fluss Leye geworfen,  sodass man trockenen Fußes vom einen Ufer zum anderen gehen konnte.

Der Bildersturm 20 August 1566 in der
Liebfrauenkathedrale zu Antwerpen


Die Benachteiligung der Katholiken (und anderer Religionsgemeinschaften) dauerte an, bis 1796 das "emancipatiedecreet" vom Parlament der unter französischem Druck entstandenen Batavischen** Republik angenommen wurde. Das bedeutete jedoch nicht, dass es den nicht-reformiert-protestantischen Religionen leicht gemacht wurde, ihre formell gleichwertige Rolle auszugestalten. Um 1850 macht sich der Dichter und Pastor De Génestet noch lustig über die diskriminierende Sitzordnung der Aula der Universität Amsterdam, die nicht-calvinistische Studenten hinter eine Trennwand zwang:

Den Lutheraner, Remonstrant,
Bei solchem Festgenuss
schiebt und drängt man aufeinander
hinter das Schott - als Ausschuss

(Übers. Jaap Hoepelman)




Im mühsamen Prozess der Umformung der Republik der sieben Provinzen zu einem Nationalstaat wurde unter anderem versucht, die von den Protestanten übernommenen Kirchgebäuden der katholischen Kirche zurückzugeben. Das Vorhaben stieß auf dermaßen starken Widerstand, dass die Regierung sich 1824 gezwungen sah, die Zuständigkeit für Kirchenbauten per königlichem Dekret an sich zu ziehen. Die Besitzverhältnisse sollten unverändert fortbestehen, während die Verantwortung für Instanthaltung und Neubau in der Praxis den Ingenieuren des "Rijkswaterstaat" (die Wasserbaubehörde, in der die versiertesten Ingenieure arbeiteten) übertragen wurde. Die Regierung gewährte finanzielle Unterstützung bei Bau und Renovierung. Die Regelung galt nicht nur für die katholische, sondern auch für andere Glaubensgemeinschaften, wie etwa die jüdische. Die verinnerlichte calvinistische Sparsamkeit blieb dabei oberstes Gebot, was eine Reihe schlichter, ingenieurmäßig gebauter Kirchen zur Folge hatte***.


Die Moses und Aaron-Kirche, Amsterdam,
(offiziell St. Antonius-Kirche),
Lage vor 1888

Ein nicht ganz typisches Beispiel ist die Moses-und-Aaron-Kirche in Amsterdam, gebaut unter Oberaufsicht des Rijkswaterstaats, interessanterweise an der Stelle eines Hauses in dem 1632-1641 Spinoza gewohnt hatte und wo sich seit 1649 eine versteckte Kirche befand.
Nach der Wiederinstandsetzung der römisch-katholischen niederländischen Kirchenprovinz, im Jahr 1853, organisierte sich nach und nach ein katholisches öffentliches Gemeinschaftsleben, vielleicht am sichtbarsten in den allmählich immer opulenteren Kirchenbauten, die Vater Pierre und Sohn Joseph Cuypers im ganzen Land realisieren konnten. 


                                                                                                                         
Neue Sankt Bavo Kathedrale Haarlem 1895, 
Pierre und Joseph Cuypers.



                                                                                        
          Pierre Cuypers 1827-1921                                                                                                            
Joseph Cuypers 1861-1949 
                                                                                                                                               

Anfangs noch als neogotisch-katholisch verspottet und verurteilt, wurde dem Vater Cuypers die öffentliche Anerkennung zuteil, als er die Aufträge für das Amsterdamer Rijksmuseum und den Hauptbahnhof  erhielt.

            Rijksmuseum Amsterdam 1885 Pierre Cuypers


Centraal Station Amsterdam, 1889, Pierre Cuypers
                                                                                   

Pierre Cuypers gestaltete auch das Denkmal für den Priester-Politiker-Dichter über den dieser Post eigentlich berichten sollte: Hermanus Johannes Aloysius Maria (Herman) Schaepman ("Dr. Schaepman"), der eine Schlüsselrolle in der katholischen Emanzipation spielte und der der erste Priester in der niederländischen zweiten Kammer (dem Parlament) war (1880). Sozialpolitisch war er eher auf der "fortschrittlichen" Seite zu verorten, religiös vertrat er dagegen streng konservative, "ultramontane" Auffassungen. In seinem Konservatismus fand er mit dem gleichermaßen konservativen protestantischen Politiker Abraham Kuyper zusammen. Auf diese Weise konnten die beiden, in Machtfragen sehr flexiblen Herren, die Übermacht der jahrzehntelang herrschenden Liberalen Partei beenden.

Pierre Cuypers
Denkmal für Herman Schaepman

Schaepman war Priester, Gelehrter, geschickter Politiker, hervorragender Redner und Dichter, wie sein belgischer, priesterlicher Kollege Guido Gezelle.  Er war sprachlich weniger innovativ als dieser und richtete sich eher nach älteren Vorbildern, wie Isaac da Costa oder Willem Bilderdijk. Ein kleines Gedicht aber hat mir sehr gefallen, vielleicht weil ich mich heute genau so verwirrt fühle, wie Schaepman vor bald 130 Jahren, vielleicht auch weil es die Lösung für alle Verwirrungen, die für Schaepman eine absolute Selbstverständlichkeit war, in diskreter Zurückhaltung nicht erwähnt.

Mundi Magister I

Ein Chaos ist unser Jahrhundert, ein Mahlstrom, in dessen Kreise
Sich Gedanken drängen, Meinungen, Beweise,
In dem mit jeder Welle eine Wahrheit jäh verschwindet,
Die, später hochgespült, sich abgeändert wiederfindet;
Ein fürchterlicher Sog, rasend und verrückt
Wächst er von Mal zu Mal. Begeistert und entrückt
Wird von der Menge auf das Rettungswort gehört,
Das alle Rätsel löst, jedes Gebet erhört,
Das in den Herzen aufsteigt der abgekämpften Leute,
Die sich nach Ruhe sehnen; Doch es bleibt Schein! Das Heute
Geht, - der Morgen sieht wie eine Wahrheit neu entsteht,
Die, wie ihre Mutter, durch die Tochter bald vergeht.

Herman Johan Aloysius Maria Schaepman (1844-1903)
Aus: Verzamelde dichtwerken (1899)

(Übers. Jaap Hoepelman Juli 2023)




*  Wenn nicht zurückgehend auf  den (im Übrigen nicht gar so makellosen) Desiderius Erasmus, dann doch wenigstens auf Willem van Oranien: "Ein Fürst hat nicht das Recht über die Gewissen seiner Untertanen zu verfügen", oder Spinoza: "im Übrigen ist es jedem gestattet zu denken was er will, und zu sagen was er denkt". 

** Batavische Republik, nach den romantisierten Batavern, den angeblichen germanischen Ahnen unseres Poldervölkchens.

*** Für Kenner und Liebhaber erlaube ich mir hier einen kleinen, damals gängigen Wortwitz über diese Schlichtheit in irrelevanter Weise mit dem Nijhoffschen Gedicht "Awater" in Verbindung zu setzen: "Wat er staat is waterstaat".









Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...