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Donnerstag, 25. Januar 2018

de Génestet und die Zeit um 1860

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Peter de Génestet
(1829-1861)


Endlich, um 1860, kam Bewegung in die Erstarrung, die aufgetreten war nach der napoleonischen Zeit und dem sinnlosen belgischen Feldzug. Die Industrialisierung fand in Belgien statt, während die Niederlande durch die üppigen Erträge des "cultuurstelsels" (Zwangsanbausystems) und des Opiumhandels in Indonesien in der Entwicklung stecken blieben. Der Streit zwischen den "Gomaristen" und den "Arminianern" war immer noch lebendig. Noch 1851 war das große Auditorium der Amsterdamer Universität durch eine Trennwand geteilt in einen Teil für die streng-calvinistischen oder "gomaristischen" Professoren und einen Teil für die übrigen (Mennoniten, Lutheraner, liberale "Arminianer"), mit im Übrigen bedeutend mehr Platz für die gomaristischen Professoren. Die Anfänge des hartnäckigen Streits habe ich in den Posts über Vondel und Revius beschrieben. Sogar die ersten Eisenbahnlinien (die erste 1839, Amsterdam - Haarlem, siehe "An Rika") dienten als Streitmaterial in der Frage der Prädestination (weil im Widerspruch zur Göttlichen Vorsehung, ebenso wie die Impfung). Aber durch die wissenschaftlichen und technischen Fortschritte (nicht zuletzt eben der Eisenbahn) hatte eine Entwicklung angefangen, die nicht umkehrbar war. 1850 schrieb der junge Student der Theologie, Petrus Augustus de Génestet einen Spottvers auf die Trennwand "Het Schotje" - "Das kleine Schott", "die (lächerliche) kleine Trennwand", mit solchen schönen Versen wie

Den Lutheraan, den Remonstrant,
Bij zulk een feestgenotje,
Die schuift en dringt men op elkaêr,
Als uitschot – achter ’t Schotje!

(Aus dem Amsterdamsche studenten-almanak voor het jaar 1850)

Den Lutheraner, Remonstrant,
Bei solchem Festgenuss
schiebt und drängt man dicht zusammen
Hinterm Schott - als Ausschuss.

(Übers. Jaap Hoepelman)

Die Stimmung im Lande hatte sich gewandelt und nach dem Erscheinen des Gedichts ließ das Kuratorium die Trennwand entfernen.

De Génestet war ein liberaler, aufgeklärter Pfarrer, Arminianer eben und seine Epigramme, die häufig Spott und Zweifel erkennen ließen, waren meilenweit entfernt von den Reimen der übrigen Pfarrer-Dichter, wie sie von Cornelis Paradijs gnadenlos parodiert wurden.

Vor beißendem Spott auf das eigene Land schreckte de Génestet nicht zurück (es wird in den Niederlanden noch immer mit Zustimmung gelesen):

P.A. de Génestet
Nov. 1851

Boutade

O Land von Mist und Nebel, von fiesem, kaltem Regen,
    Durchnässtes Handbreit Grund, nasskalter Tau in frösteligen Schwaden,
Von knöcheltiefem Schlamm auf matschbedeckten Wegen,
    Von Gicht und Regenschirmen, Zahnweh, Krämpfen in den Waden!

O strunzlangweil'ger Sumpf, Erbhof des Überschuhs,
    Der Böhnhasen, der Frösche, Baggerleute und des fetten Tons,
Rindviecher groß und klein, alle im Überfluss,
    Empfange jetzt das Herbstweh Deines verschnupften Sohnes!

Dein feuchtgetränktes Klima verwandelt mir das Wort im Mund
    In Schlamm; Ich habe weder Lied, noch Hunger, Sünde oder Sitte.
Zieh Überzieher an, du, den Vätern heil'ger Grund,
    Du, abgetrotzt den Wogen, doch nicht auf meine Bitte.

(Übersetzung J. Hoepelman November 2017)

 1860 veröffentlichte er den Band "Leekedichtjes" (kleine Gedichte für (oder von einem) Laien") und wurde damit zu einem der am meisten gelesenen Dichter der Periode. Einige habe ich hier übersetzt und meine darin sogar Anklänge an Spinoza zu erkennen:
    
Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zur anderen Partei.
"Unsere Lehren widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Artenvielfalt

Sprecher, Hörer, Denker, Täter
findest du zuhauf, je nun,
Selten findest du vereinigt
Sprechen, hören, denken, tun

Dualismus

Meine Wissenschaft und mein Glauben,
Sie leben zusammen im Zwist,
Die eine Seite meint, was die andere denkt
Und tut ausgemachter Schwachsinn ist.
Inzwischen, beide hab' ich lieb,
Gleichsam treu und innig
Und doch so meine ich - bin ich
Weder unredlich noch schwachsinnig.

Idealismus

Mache ich die Augen zu,
Dann mag ich's gerne glauben;
Mache ich sie wieder auf
Schwimmt wieder Zweifel obenauf

(namenlos)
"Sei dich selbst!" sagte mir einer;
Er konnte nicht, denn er war keiner.


Aus Leekedichtjes De Gids. 1857.


Im Jahr 1859, nach siebenjähriger Ehe starb de Génestets Ehefrau an Tuberkulose und einen Monat später sein einjähriger Sohn. Génestet schrieb das fast sardonische Epigramm:

Trauerklage

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, Januar 20019)

Zwei Jahre später verstarb auch de Génestet an Tuberkulose.



Die Zeiten änderten sich, und immer mehr Zweifel kamen auf. Zweifel am kolonialen Imperium - 1859, erschien mit "Max Havelaar" von Multatuli die erste grundlegende,  literarisch revolutionäre Kritik des "cultuurstelsels" - und Zweifel an der Religion. Das "Gebet eines Unwissenden" von Multatuli war eine Sensation zu seiner Zeit - ich werde es in einem anderen Post übersetzen.
1863 wurde die Schulreform durch Minister Thorbecke eingeleitet. Die Niederlande waren in der Neuzeit angekommen.







Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Freitag, 19. Juni 2026

Die Rubhaiyat, Leopold und das niederländische "Puntdicht".



                                                                                                                                

Das Epigramm war eine in der Antike hochgeschätzte Kunstform. Es entstand als Inschrift, die zum Nachdenken anregen sollte, z.B. auf Grabsteinen. Das daraus entstandene Kurzgedicht behielt seinen philosophischen Charakter bei. Dem ist es zu verdanken, dass das "Memento Mori" ein häufig wiederkerendes Motiv war. Berühmt ist der Spruch: 
 
„Quod tu es, ego fui; quod nunc sum, et tu eris.“
"ich war, was du bist - was ich bin, wirst du sein"

Das "Memento Mori" finden wir in allen Literaturen, häufig auch bei Khayyam. Wir können sicher sein, dass der Altphilologe J. H. Leopold sich in der Epigramm-Literatur hervorragend auskannte, wie sie u.a. in der "Griechischen Anthologie" gesammelt ist. Es war also eine schöne Gelegenheit, diese unterschiedlichen Traditionen mit einer fast wörtlichen Wiedergabe in einer Übersetzung zusammenzuführen:
Ich schlug den Krug zu tausend Scherben klein,
am Vortag, als ich erwacht von Rausch und Wein;
die Scherben klirrten leise daraufhin:
"ich war wie Du; wie ich bin, wirst Du sein".

(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)

Später taucht das "Memento Mori" zusammen mit Horaz' Motiv des "Carpe Diem" ("Pflücke den Tag") auf, das wir auch in den Rubhaiyat wiederfinden. Eine Besonderheit der Khayyamschen Vierzeiler ist das häufig auftretende Reimschema AABA, das den Kurzgedichten eine besondere Spannung verleiht. In den ersten zwei Zeilen wird der Bogen des poetischen Bildes gespannt, in der nicht reimenden dritten  Zeile wird zum Nachdenken innegehalten, in der vierten folgt dann die "Punchline", die "Pointe":

Weil Hoffnung, noch Verzweiflung etwas ändern kann,
komm, trink, wo man mit Frauen lachen kann;
die Kanne reicht umher, aus Deinem Staub
formt eine zweite Kanne bald ein Werkmann.
 



(Übersetzung Jaap Hoepelman, Juni 2026)
In den Niederlanden war das Kurzgedicht ein beliebtes Genre, mit in der letzten Zeile mal einer Weisheit, einer spöttischen Bemerkung oder einem frommen Spruch, einer "Pointe", deswegen "Puntdicht". Das "Memento Mori" war nie weit weg, Anlässe gab es ja reichlich. Der Großmeister des Puntdichts, Christiaan Huygens dichtete:

Auf einen der plötzlich verstarb

Gestern war ich noch am Leben,
Heute gebe ich die Seele auf:
Morgen dann der Erde übergeben;
So schnell ist der Welten Lauf.

Huygens konnte auch spöttisch:

Der Geiz der Alten

Ich versteh' den Geiz der alten Leute nicht,
Torheiten bekommt man viele zu Gesicht;
Die größte: Wegezehrung zu begehren,
Ohne Wegestrecke zum Verzehren.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman, 2026)

Leopold kannte sich aus in der niederländischen Literatur und wird sicherlich die Kurzgedichte seiner eigenen Epoche gekannt haben, z.B. von Piet Paaltjens, das berühmte

Wenn ich den Leichbitter sehe,
Dann freut meine Seele sich
Dann denke ich, wie er demnächst
auch bitten wird für mich.

oder die "Leekedichtjes" - "Gedichte für Laien" des Peter de Génestet, in denen man einen neuen skeptischen Zungenschlag hören konnte. Traurige Anlässe gab es im 19. Jahrhundert immer noch reichlich. De Génestet verlor 1859 kurz nach einander seine Frau und sein einjähriges Söhnchen an der Tuberkulose. Sich fügend in sein Schicksal dichtete er:

Gott hat dich schwer geprüft - schon klar,
Ein Trostgrund nur: Ich weiß, dass Er es war.


Zwei jahre später verstarb er selbst an der Krankheit.
Seine aufgeklärte Religiosität findet man in Kurzgedichten wie:

Zwei Koryphäen

"Verrückt ist einer von uns zwei",
Sprach ein Theologe zu der anderen Partei.
"Unsere Glauben widersprechen sich:
Dies ist evident für Sie, das ist's für mich -
Also, nur eins ist möglich: Sie oder ich..."
Oder beide, dachte einer sich 
und - ging vorbei.

Rauswerfen
(Unseren Ketzerjägern)

"Weit", ruft ihr, "werft sie aus der Kirche raus",
Weitet ihr lieber eure Kirche aus!

Diese neu aufgekommene Skepsis hat Leopold in der Kunst Khayyams wiedererkannt und sie hat ihn sicherlich angesprochen. Die poetische Qualität und die Melancholie der Rubhaiyat führten nach Fitzgeralds Übersetzung zu einer Welle der Begeisterung in der europäischen Literatur, nicht zuletzt in der deutschen. In den Niederlanden werden die Übersetzungen von Boutens und Leopold zu deren besten Arbeiten gerechnet. Bei aller Kunstfertigkeit haftete dem niederländischen Kurzgedicht häufig etwas nützlich-prosaisches an. Mit Khayyam haben Leopold und Boutens die Palette der niederländischen "Puntdichten" um eine poetisch-melancholische Dimension erweitert:

Die Reste der Beerdigten sind in der Luft
wie Staub und Asche in das Nichts verpufft,
nicht mal die Ahnung einer Ahnung,
kein Nebel bleibt, nicht mal ein Duft.
+++
Der Tag ist unser, auf alle Winde fahren
die Sorgen, um was uns morgen widerfahren
kann. Morgen
 weiter, mit den Karavanen
unterwegs, seit siebentausend Jahren.
+++
Zu den Ehrenmännern hat er sich stets bekannt,
er hat die Art des Zweifels nie gekannt,
der mürbe macht. Und den wahren Zweiflern
das Leben und die Ehre aberkannt.

(Übersetzungen Jaap Hoepelman. Juni 2026)

Nach Leopold und Boutens wurde die Tradition des Kurzgedichtes eifrig weiter gepflegt. Einer der bekanntesten Dichter des Genres war Kees Stip - ich kann mir nicht verkneifen, noch einmal zwei seiner zutiefst philosophischen Erzeugnisse in angemessener Form zu würdigen:

Auf eine Eintagsfliege

Eine Eintagsfliege sprach in Kärlich
"Wie ist der Sonnenaufgang herrlich
und wie wundervoll die Stund,
wenn lautlos wird das Sonnenrund
lodernd fort zum Horizont getrieben!
Ach, wär mir noch ein Tag geblieben!"

Auf ein Huhn

Ein Huhn sprach grübelnd einem Ei zu:
"Wer war zuerst, ich oder du?
Jede Philosophie versagt,
wenn man nach der Antwort fragt.
Ich meine, soviel ist belegt,
nie hat ein Ei ein Huhn gelegt."


(Übersetzung Jaap Hoepelman März 2018)


Dienstag, 1. August 2023

Dichter und Bauer

Hubert Poot
1689 - 1733

Ta douleur, Du Périer, sera donc éternelle,

Et les tristes discours

Que te met en l'esprit l'amitié paternelle

L'augmenteront toujours ?

...

Mais elle était au monde où les plus belles choses

Ont le pire destin ;

Et, rose, elle a vécu ce que vivent les roses,

L'espace d'un matin.

...

De murmurer contre elle et perdre patience,

Il est mal à propos ;

Vouloir ce que Dieu veut est la seule science

Qui nous met en repos.


(François de Malherbe

Consolation à Monsieur Du Périer, 1599)


Für Trauergedichte auf den Tod kleiner Kinder hatten die Poeten der Vergangenheit mehr als ausreichend Gelegenheit: Es war ein Wunder, wenn die Kleinen die ersten Jahre überlebten. Ich habe diesem Post einige berühmte Strophen der "Consolation à Monsieur Du Périer" des François de Malherbe aus dem Jahr 1599 vorangestellt. In der "Consolation" finden wir die Elemente vereint, die – insbesondere in der älteren Trauerpoesie – zu finden sind: Trauer um das verstorbene Kind, sein unbeschwertes Dasein bei Gott, der Gedanke, dass es dessen Wille war, dem sich zu beugen unser einziger Trost sein kann.

In der niederländischen Literatur ist Vondels "Kinder-lyck", das auf diesen Elementen aufbaut, berühmt. Hubert Corneliszoon Poot, der Dichter dieses Posts, ahmte dem älteren, bewunderten Kollegendichter nach. Dieser konnte der trauernden Mutter nicht viel mehr bieten als eine theologische Belehrung. Jedoch gelang es Poot die traditionellen Elemente – Trauer, Trost und Ergebenheit – viel persönlicher für die Mutter (in Malherbes Poem noch völlig abwesend ist) zum Ausdruck zu  bringen. Im Übrigen: Vondel, zu seiner Zeit, konnte gar nicht anders, eine andere Herangehensweise wäre völlig undenkbar gewesen. Persönlich hatte er Grund genug zu trauern.

Die poetische Haltung in den Kinder-Trauergedichten hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt, wie man in diesem Blog sehen kann: Der schwergeprüfte De Génestet reagierte mit einem sardonischen Spruch, Elsschot wütend und aufrührerisch, van Teylingen mit trauriger Fröhlichkeit.

Die Nachfolge von Vondel und den anderen Großen des "goldenen Jahrhunderts" hatte einen ganz einfachen Grund: Poot war Bauer – ein wirklicher Bauer, der hinter dem Pflug auf der Scholle seinen Lebensunterhalt in Abtswoude verdiente, einem Dorf nahe der Stadt Delft. Als Kind wurde seine Begabung durchaus erkannt, aber zuerst kam die Arbeit auf dem Land. Seine Bildung beschränkte sich auf die Dorfschule. Seine bäuerliche Sprechweise fiel den Zeitgenossen sogar auf. Fremdsprachen beherrschte er nicht, geschweige denn Latein, so dass er sich nur an seinen niederländischen Vorgängern orientieren konnte, von denen er erstaunlich viel lernte. Dabei entwickelte er leider eine Neigung – quasi als Kompensation für die fehlende Bildung – seine Gedichte mit sprachlicher Kunstfertigkeit und klassischer Mythologie zu überfrachten. Es gelang ihm trotzdem manchmal, einen persönlichen Ton zu finden – etwas Neues für ein Publikum, das von der Dichtkunst sowieso eine gute Prise klassischer Mythologie erwartete. 

1716 veröffentlichte Poot mit großem Erfolg den ersten Gedichtband und er wurde zum Ziel einer Art Dichtertourismus. Man wollte das erstaunliche Phänomen eines dichtenden Ackermanns mit eigenen Augen anschauen. Irregeführt durch diesen vielversprechenden Anfang zog Poot in die Stadt Delft, in der Hoffnung dort mit literarischen Aktivitäten seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ohne Erfolg. Niedergeschlagen und alkoholkrank kehrte er zurück zum väterlichen Hof und  heiratete nach langem Werben (er war nur ein Bauer und der Standesunterschied groß!) seine geliebte Neeltje 't Hart. Wieder zurück in Delft fing er einen Tabakhandel an, aber folgte auch erneut dem Ruf der Dichtkunst – dieses Mal nicht ohne Erfolg. Es erschienen mehrere Bände, die guten Anklang fanden. Von seinen Verlegern wurde er entsprechend übers nach Strich und Faden über's Ohr gehauen. Die Tätigkeit eines Tabakhändlers und Gelegenheitsdichters deprimierten ihn jedoch. Delft war (und ist) ein bemerkenswerter kleiner Ort. Der bekannteste seiner Bürger ist wohl Johannes Vermeer. Der Anatom de Graaf (Entdecker der Ovarialfollikel) wirkte  dort, wie Antonie van Leeuwenhoek (Pionier der Mikroskopie). Poot's Lobgesang auf van Leeuwenhoek ist ein Beispiel einer solchen Gelegenheitsarbeit, und nicht einmal die schlechteste. Poot kannte van Leeuwenhoek auch persönlich und das Grabgedicht für dessen Ruhestätte in der Delfter alten Kirche stammt von ihm. 



Wie eng die Beziehungen in der kleinen Stadt waren geht auch aus der Tatsache hervor, dass van Leeuwenhoek Vermeers Testamentsvollstrecker war. 


Johannes Vermeer, 
Ansicht von Delft

Johannes Vermeer, 
Bildnis des Antonie van Leeuwenhoek

Bei aller Gelegenheitsarbeit gelangen ihm bis heute bekannte Werke, z.B. das immer noch ansprechende arkadische Gedicht (nach Horaz) "Akkerleven" (Bauernleben) mit der berühmten – und angesichts Poots eigenen Lebens wohl leicht parodistischen – Anfangszeile "Wie vergnüglich fließt das Leben des zufriedenen Landmanns hin..." .

Es war ein mühsames, von Verlegern und Nierensteinen geplagtes Dasein. Den Tod seines kleinen Töchterchens hat Poot nicht überwunden. Ein halbes Jahr nach seinem persönlichsten Gedicht ist er gestorben.


Auf den Tod meines Töchterchens


Jakoba trat mit Widerstreben

hinein ins böse Leben;

und hat sich schuldlos in den Tod geweint,

nicht war sie für die Welt gemeint.

Kaum zu leben angefangen,

ist sie wohl gern gegangen.

Die Mutter küsst' das liebe Wichtchen

auf ihr lebloses Gesichtchen.

Das kleine Seelchen, leicht und schlicht,

es hörte auf die Mutter nicht,

und, hastig aufgefahren,

ist's nun bei Gottes Scharen.

Dort spielt und lacht es schon

rund um den höchsten Thron;

und spannt die kleinen Schwingen,

befreit von ird'schen Dingen.

Blume von dreizehn Tagen,

dein Heil verbietet's uns, zu klagen. 

(Juli, 1733)


Übersetzung Jaap Hoepelman, Juli 2023


Hubert Poot, Op de dood van mijn dochtertje


Poots Ansehen als Dichter hat mit der Zeit ziemlich gelitten. Dichterkollege De Schoolmeester hatte für ihn nicht mehr als folgendes lakonisches Epitaph übrig:

Hier ligt Poot

Hij is dood.

(Hier liegt Poot

Er ist tot.)

Mittwoch, 30. Januar 2019

Multatuli. Gebet des Unwissenden.



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  Multatuli
1820-1887

In Februar 1861 erschien in der neuen Zeitschrift für Freidenker "De Dageraad" ("Der Tagesanbruch") ein Gedicht, das in den Niederlanden für ziemlich viel Aufruhr sorgte, wo das orthodoxe Christentum noch immer einen mächtigen Einfluss hatte, obwohl, wie wir an der Dichtung des liberalen de Génestet gesehen haben, Risse in der calvinistischen Bastion sichtbar wurden. Multatuli (Pseud. für Eduard Douwes-Dekker) haben wir kennen gelernt als den Autor des Max Havelaar, die literarisch revolutionäre Kritik auf den Kolonialismus in niederländisch Indien. "Das Gebet eines Unwissenden" ist fast durchgehend reimlos und jambisch gestaltet und es gibt einen guten Eindruck vom Pathos mit dem man sich zu den neuen Überzeugungen der Zeit bekannte. Die Zeitschrift "De Dageraad" war in 1855 mitgegründet worden durch Franz Junghuhn, ein vielseitiger Mann, interessanterweise ungefähr gleichzeitig mit Douwes-Dekker in Diensten der niederländischen Regierung in Indien.                              
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Preußisch-niederländischer Entdeckungsreidender, Naturforscher, Indologe, Landmesser, Geologe, Geograf, Schriftsteller, Arzt und Zeichner, wird Junghuhn wohl "Javas Alexander von Humboldt" genannt.

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Seine philosophische Arbeit in der Form einer Reisebeschreibung "Licht- en schaduwbeelden uit de binnenlanden van Java" (Licht- und Schattenbilder aus Javas Binnenland) kann als Anfang der niederländischen Freidenker-Bewegung betrachtet werden, und seine Ideen
waren verwandt mit denen Multatulis, der ihn sehr bewunderte.

Das Gebet des Unwissenden

Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen,
mitgeteilt von Multatuli

Ich weiss nicht, ob wir geschaffen sind mit einem Ziel,
Oder nur durch Zufall da sind. Auch nicht ob ein Gott
Oder...Götter sich an unsrem Leid ergötzen , und schmäht
Auf die Unvollkommenheit unseres Daseins. Wenn es so wäre,
Wäre es furchtbar! Wer hat die Schuld,
Dass die Schwachen schwach sind, die Kranken krank und die Dummen dumm?
Wenn wir geschaffen sind mit Absicht, einem Ziel,
Durch uns're Fehlerhaftigkeit es nicht erreichen...
Dann fällt der Makel des Verkehrten auf uns nicht,
Auf die Geschöpfe nicht...sondern auf den Schöpfer! Nenn' ihn ZEUS,
JUPITER, JEHOVA, BAAL, auch DJAU...wie es beliebt:
Es gibt ihn nicht, wenn er nicht GUT ist und vergibt,
Dass wir ihn nicht verstehen. Es wär' an ihm
Zu offenbaren sich, aber er tat es nicht! Hätte er's getan,
Er hätt' es so getan, dass keiner zweifeln könnte,
Dass jeder sagte: Ich kenne, fühle und verstehe ihn.
Was andre jetzt behaupten von diesem Gott zu wissen,
Es hilft mir nicht. Ich versteh' ihn nicht! Ich frage nur warum
Öffnete er sich anderen, und nicht mir?
Ist das eine Kind dem Vater näher, als das andere?
Solange ein Menschenkind den Gott nicht kennt,
Solange ist es lästerlich an diesen Gott zu glauben!
Wenn ein Kind umsonst den Vater ruft, so tut es Böses nicht,
Der Vater aber, der das Kind umsonst lässt rufen, handelt grausam.
Und schöner ist der Glauben, einen Vater gibt es nicht,
Als dass er taub wär für sein Kind!
Vielleicht sind wir wohl einmal klüger! Einmal vielleicht
Sehen wir ein, dass es ihn gibt. Dass er uns wahrnahm,
Sein Schweigen hatte Ursache, und Grund. Wohlan,
Sobald wir's wissen, ist die Zeit zum Loben da,
Doch vorher nicht...jetzt nicht! Es wäre Gott zuwider,
Zu sehen, dass wir ihn anbeten ohne Grund,
Und töricht ist's, das Dunkel der Unwissenheit des Heute
Aufklären zu wollen mit einem Licht...das noch nicht scheint.
Ihn dienen? Torheit: Hätte Er Dienst begehrt,
Er hätte offenbart in welcher Weise,
Und widersprüchlich wär's, vom Menschen hätte er erwartet:
Anbetung, Dienst und Lob...während er selber
Über die Weise wie, uns im Unsicheren lässt.
Wenn wir Gott nicht dienen, wie es ihm behagt...
Dann ist es Seine Schuld und unsere ist es NICHT!
Inzwischen, bis wir klüger sind - sind Gut und Böse eins?

Ich sehe nicht, wieso ein Gott uns hilft, zu trennen
Gut und Böse. Im Gegenteil! Wer Gutes tut
Auf dass ein Gott ihm lohne, gerade dadurch
Macht er Gut zum Bösen, macht's zum Handel. Und wer Böses meidet,
Aus Furcht vor Gottes Zorn der ist...feige!
Ich kenn' Dich nicht, O Gott! Ich rief Dich an, ich suchte,
Um Antwort flehte ich, aber Du schwiegst! Ich wollt' so gerne
Deinen Willen tun...doch nicht aus Furcht vor Strafe, nicht für Lohn,
Sondern wie ein Kind den Willen seines Vaters tut...aus Liebe!
Du schwiegst...und du schweigst immerzu!
Und ich? Ich irr' umher, keuche
Der Stund' entgegen, an der ich weiß dass es Dich gibt...
Dann werd' ich fragen: "Vater, warum erst jetzt
Hast Du dem Kind gezeigt, dass es den Vater hat,
Und dass es nicht alleine stand im Kampf?
Oder warst Du Dir immer sicher, dass ich Deinen Willen tue
Auch ohne den zu kennen? Dass ich ohne Wissen
Um Dein Dasein, Dir dienen würde, wie es sich geziemt?
Ob's wahr ist?
Antworte Vater, wenn Du da bist, antworte!
Lasse nicht dein Kind verzweifeln, Vater! Bleibe nicht stumm
Aufs blutig hervorgepresste lama sabacthani!

So wimmert der Unwissende am selbstgewählten Kreuz,
und windet sich in Schmerzen und jammert, dass ihn durstet...
Der Weise - er, der weiß...der Gott wohl kennt - verhöhnt den Toren,
Und überreicht ihm Galle, jauchzt: "Hört her, er ruft den Vater!"
Und murmelt "dank o Herr, dass ich nicht bin wie er!"
Und singt den Psalm: "Wohl dem, der in gottlosem Rat
Nicht wandelt, nie Schritte auf den Weg der Sünder tat..."
Der Weise...schleicht zur Börse, schachert mit Wertpapiere.

Der Vater schweigt...O Gott, es gibt Gott nicht!

Übersetzung Jaap Hoepelman
Januar 2019

Gebed van de onwetende

's-Hage, 26 Februari 1861.

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Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...