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Donnerstag, 6. September 2018

van Eeden


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Nach der napoleonischen Zeit wurden die Südlichen, auch "Österreichischen" Niederlande dem Königreich der Niederlande zugeschlagen. Durch die zweihundertjährige Trennung waren die Unterschiede aber dermaßen gewachsen, dass ein friedliches Zusammenleben unmöglich geworden war. In August 1830 revoltierten die Belgier und ihre Unabhängigkeit wurde Dezember 1830 von den Großmächten (England, Frankreich, den deutschen Staaten) im Vertrag von London anerkannt. August 1831 versuchte König Willem I im Zehn-Tage Feldzug die Einheit wiederherzustellen,

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aber die Londoner Vertragspartner ließen die königlichen Sperenzen nicht zu, und die Kampagne ging aus wie das Hornberger Schießen. In den Niederlanden trat eine wirtschaftliche und kulturelle Malaise ein, in der in der Literatur (bis auf wenigen Ausnahmen) der Ton von den sogenannten Pfarrer-Dichter bestimmt wurde. Es war als ob ein erstickender biedermeierlicher Schleier sich über das Land gelegt hätte. Ab den sechziger und siebziger Jahren aber entstanden explosionsartig neue Bewegungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. In 1881 wurde die literarische Gesellschaft Flanor errichtet in der die neuen Strömungen in Kunst, Literatur, Musik diskutiert wurden. Vielen der Künstler die im niederländische Kulturleben eine wichtige Rolle spielen würden, trafen sich hier. Die Bewegung ist dementsprechend bekannt als die der "Achtziger". 

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Frederik van Eeden war einer von ihnen. Er war einer der Gründer der Zeitschrift De Nieuwe Gids in der die neue Bewegung ihre Ablehnung der frommen Reimemacher zum  Ausdruck brachte. Van Eeden war ein vielseitiger Mann; Dichter, Romancier, Stückeschreiber, Arzt, Psychiater, Utopist, Philosoph...
Eine seiner ersten Veröffentlichungen waren die Grassprietjes (1885, "Grashalme") unter dem Pseudonym Cornelis Paradijs, ein Bündel Satiren auf die frommen Reimler. Ich habe hier ein Fragment übersetzt:
...
Schreibt nur, O Hollands Predigtherren!
Schreibt nur, Ihr, in der Furcht des Herrn:
Schlechten Reim wurde man nie gewahr 
Unter Beffchen und Talar.

In der Lampe funzelt heilges Öl
Dichten ist Ihr Monopöl;-
Der Herr sieht zu und überwacht,
Dass Ihr gute Verse macht.

So schreibt und schreibt, Ihr Seelsathleten
Schreibt mehr, bald werdet Ihr Poeten
Segnend, segnend ruhet Gottes Hand
Auf dem Betrieb im Pfarrgewand.
...

Übersetzung Jaap Hoepelman
07.09.2018


Dank der Achtziger ist die Generation der Pfarrer-Dichter fast vollständig in der Versenkung verschwunden.


Van Eedens eigene Ansprüche gehen aus Gedichten wie diesem hervor:

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Die Wasserlilie als Mauergedicht


Frederik van Eeden
1860-1932

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Die Wasserlilie
1885

Ich hab die weiße Wasserlilie lieb
weil sie so weiß ist und so still die Krone
faltet aus im Licht.

Steigend hinauf aus dunkel-kühlem Grund
hat sie das Licht gefunden und öffnete
erfreut das goldne Herz.

Nun ruht sie sinnend auf der Wasserfläche
und wünscht nichts mehr...







Übersetzung Jaap Hoepelman
06.09.2018


Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Samstag, 9. November 2019

Nico Scheepmaker. Fußball und das Wunder der Übersetzung

Mal wieder etwas ganz anderes: Ende der 60-er Jahre, am Anfang der Fußballrivalität zwischen Deutschland und Hup Holland und lange vor Jules Deelder, schuf Nico Scheepmaker, Jounalist, Übersetzer, Slavist und Dichter nicht nur einen Höhepunkt der Fußballdichtung, sondern auch den Höhepunkt der totalen Fußballübersetzung, komplett mit taktischem Foul. Wie man sieht: Die Sonettform ist unverwüstlich.

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Nico Scheepmaker
1930 - 1990

"De Gedichten", 
Bert Bakker, Amsterdam, 1991


Het totale voetbal
Strik, Colombain, Van Beveren en Haan,
Pijs, Fransen, Bleijenberg en Advocaat,
Matthijssen, Overweg, Rep, Kwakkernaat,
Beek, Van der Kuijlen, Lelieveld en Zwaan,
Van Eeden, Hovenkamp, Kleton, Cabo,
Schneider, Kornelis, Bos en Klijnjan,
Smid, Krijgh en Oosterwold, Drost, Kolkman,
Van Kraay, Fernandez, Hoeben, Tetteroo.
Walbeek, Van Esdonk, Donkers en Redel,
Gritter en Schipper, Ouwens en Israel.
Herben, Van den Dungen, Jansen en Krol,
Coté, Marijt, Van Veen, Schrijver en Mol.
Rijsbergen, Schaafstra, Keizer en Vonk,
Van Kooten, Van der Ban, Suurbier en Pronk.
*
Das totale Fussball*
Kleff, Wimmer, Hoeneß, Held und Beckenbauer,
Kapellmann, Jung, Grabowski, Franke, Klein,
Müller, Geye, Wunder, Nigbur und Hölzenbein,
Erwin und Helmut Kremers, Zobel, Assauer,
Krauthausen, Doctor Kunter, Wittkamp und Beer,
Fichtel, Flohr, Breitner, Budde und Savkovic,
Hoffmann, Lútkebohmert, Kostedde, Rupp und Hosic,
Brenninger, Blau und Handschuh, Köppel und Scheer,
Vogt, Pröpper, Schwarzenbeck, Cullmann, Sziedat,
Deterding, Brück, Nickel und Overath,
Netzer und Heynckes, Kohle, Walitza,
Dürnberger, Löhr, Wolter, Konopka,
Maier, Roth, Jensen, Jung, Diehl und Hansen,
Danner, Schulz, Bonhof, Kulik und Jansen

* sic

Donnerstag, 7. März 2024

De Haan. Zwischen allen Stühlen


            Jacob Israel de Haan
                    1881-1924



Über Jakob Israel de Haan gibt es viel zu berichten. Er war ein kontroverser Schriftsteller und Dichter, der zu seinem Unglück vieles versuchte, bis er 1924 erschossen wurde.
In 1904 veröffentlichte er, 22-jährig,  den Roman "Pijpelijntjes"*, der seine homoerotische Freundschaft mit dem Arzt und Schriftsteller Arnold Aletrino zum Thema hat. 
Obwohl Aletrino in einer Aufsehen erregenden Studie aus 1897 Homosexualität als normal und gesund beschrieben hatte, war er dermaßen schockiert, dass er, zusammen mit de Haans Ehefrau, Johanna van Maarseveen, versuchte die ganze Auflage aus dem Markt zu kaufen. De Haan selber verlor umgehend seine Mitarbeit an der sozial-demokratischen Zeitung "Het Volk" und seine Anstellung als Grundschullehrer. Mit charakteristischer Kompromisslosigkeit schrieb er 1908 den Nachfolgeroman "Pathologieen: de Ondergangen Van Johan Van Vere de With"(Auch übersetzt - "Pathologien: Der Untergang des Johan Vere de With"), in dem er beschreibt, wie ein junger Mann an einem sadistisch-homosexuellen Verhältnis zerbricht. 


In einer jüdisch-orthodoxen Großfamilie aufgewachsen (Eine Schwester de Haans war die Schriftstellerin Carry van Bruggen, die zum Kanon der niederländischen Literatur gehört), gab er den orthodoxen Glauben auf, wurde Sozialist, studierte Jura und promovierte zum Thema "Rechtskundige Significa" **, (Juristische Signifik).

de Haan als Jura-Dozent 
an der Uni Amsterdam

 In 1912-1913 besuchte de Haan als Jurist verschiedene russische Gefängnisse für jugendliche Straftäter, gewappnet mit einem Brief der niederländischen Königin Wilhelmina. Er war entsetzt über die dort herrschende Rohheit, Rechtlosigkeit, den Willkür und das unaufhörliche, unverfrorene Lügen. Er war gleichermaßen entsetzt über den herrschenden Antisemitismus. Seine Beobachtungen veröffentlichte er im Buch "In Russische Gevangenissen" (1913).


Mit Zustimmung zitiert de Haan aus Ignotus' (Pseud. des P.J. Kromsigt) "Russische toestanden" ("Russische Zustände"): "Die russische Regierung hat immer gelogen; sie belog und belügt ihre Untertanen, sie belog und belügt das Ausland, die ihr hörigen Zeitungen lügen, ihre Minister lügen. Sie und ihre Akolythen lügen mit Absicht und mit Berechnung und mit Unverfrorenheit."
Man reibt sich die Augen und schaut nach, ob das Datum der Veröffentlichung tatsächlich 1912 ist.

De Haans Erfahrungen führten dazu, dass er sich dem Sozialismus zuwendete (wir sind noch in der Zarenzeit, und die große Hoffnung war, dass die Missstände sich durch den Sozialismus ändern würden) und mit seiner üblichen Begeisterung und Naivität zusammen mit Frederik van Eeden und Henriette Roland Holst ein Komitee gründete zur Unterschriftsammlung um die damaligen Verbündeten Russlands, Frankreich und Großbritannien, dazu zu bewegen gegen diese Übel zu protestieren.
Später kehrte er zurück zur Orthodoxie und wurde Mitglied der religiösen Fraktion des niederländischen Bundes der Zionisten. Seine im Zarenreich gemachte Erfahrungen mit dem Antisemitismus bewegten ihn, 1919, in das britische Mandatsgebiet Palestina zu emigrieren. Dort angekommen fühlte er sich immer mehr angezogen zum Agudat Israel, der Organisation der streng-religiösen Haredim unter der Leitung des Rabbiners Joseph Chaim Sonnenfeld, die einen säkularen Staat Israel ablehnten. De Haan unterrichtete an der rechtswissenschaftliche Fakultät in Jerusalem, schrieb als Journalist Berichte für niederländische Zeitungen und nahm als Sprecher der orthodoxen Bewegung eine nicht unbedeutende Stellung ein. Die Lage im britischen Mandatsgebiet war, gelinde gesagt, so chaotisch wie die von den Briten gemachten widersprüchlichen Versprechungen. De Haans Versuche, die Briten auf die Agudat als eigenständige Stimme im Jewish Agency aufmerksam zu machen, sowie seine Kontakte mit dem Emir von Trans-Jordanien und seine Plädoyers für Verhandlungen zwischen Zionisten und Arabern wurden zunehmend als störend bis bedrohlich empfunden. 


de Haan, gekleidet als Araber

In 1923 forderten Studenten der Universität Jerusalem sogar seinen Rücktritt. Auch de Haans homosexuelle Beziehungen in arabischen Kreisen waren bestimmt nicht hilfreich, kurz: Er hatte sich konsequent unmöglich gemacht und zwischen allen Stühlen gesetzt.
Am 30. Juni 1924 wurde er, vermutlich durch ein Mitglied der zionistischen Organisation Hagana, erschossen.

Seine Verzweiflung, oder, sagen wir, einige seiner Verzweiflungen hat er in Vierzeilern zusammengefasst. Hier davon drei:


Jakob Israel de Haan,
 18811924

Unrast

Der, der zu Amsterdam oft sprach "Jeruschalajim"
und nach Jerusalem getrieben kam,
der sagt mit Sehnsucht in der Stimme
"Amsterdam, Amsterdam".


Das Gedicht als Inschrift auf dem 
Jacob Israel de Haan Denkmal,
gegenüber vom Rembrandthaus in Amsterdam


Zweifel

Auf was, als ich in dieser Abendstunde
die Stadt im Schlaf durchwandert habe
und an der Tempelmauer Platz gefunden,
warte ich? Auf Gott? Oder den Marokkanerknaben?

...


Dass ich ein Lüstling war, ein wildes Biest,
Der bitter genießt und daran zerknirscht zerbricht,
Man wird es wissen, solange man Holländisch liest,
Aber länger nicht.


Aus: Jakob Israel de Haan,  Kwatrijnen, 1924.

Übersetzung Jaap Hoepelman, 05.07.2018

* Nach dem damals noch gar nicht yuppi-mässig entwickelten Amsterdamer Arbeiterviertel "de Pijp" ("das Rohr", oder "die Pfeife")

** "Significa" ist der in den Niederlanden benutzte Begriff für die von Lady Welby gegründete Theorie der "Significs". Lady Welby erhoffte sich eine Klärung von Missverständnisse und Misstrauen durch genaueres Studium der Gebrauch der Sprache. Mitglieder der in 1917 errichteten niederländischen Signifischen Bewegung waren u.m. der Arzt und Schriftsteller F. van Eeden, die Mathematiker L. E. J Brouwer und G. Mannoury, der Sprachwissenschaftler J. van Ginneken und der Sinologe, Journalist und Schriftsteller Henri Borel.




Mittwoch, 9. Januar 2019

Jacques Perk und das zweite goldene Jahrhundert.

Jacques Perk 
1859 - 1881



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                                                                                                                    Jacques Perk


1863 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte der Niederlande. In diesem Jahr stellte der liberale Innenminster,  Johan Rudolf Thorbecke, das Gesetz über den Sekundarunterricht vor.

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Es wurde eine neue Schulart, die "HBS", "Hogere Burgerschool" - "Höhere Bürgerschule", als Gegensatz zum herkömmlichen klassischen Gymnasium eingeführt, mit Nachdruck auf den modernen Sprachen - Niederländisch, Deutsch, Französisch, Englisch - und auf den naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern. Das bemerkenswerte dieser Schulform war, wie es der Name schon sagt, dass sie ein Schule für breitere Kreise der Bürgerschaft sein wollte, aber auch, dass das Lehrpersonal höchste Maßstäbe erfüllte (viele hatten promoviert), während zu gleicher Zeit die Form und die Inhalte (innerhalb der gesetzten Rahmenbedingungen) bemerkenswert frei waren. Die HBS war ein durchschlagender Erfolg. Wenige Jahrzehnte nach der Eröffnung der ersten HBS in 1871 wurde ehemaligen Schülern der HBS reihenweise Nobelpreise verliehen. Von den 19 niederländischen Nobelpreisträger bis heute besuchten 14 die HBS. Vincent van Gogh wurde 1866 an der HBS in Tilburg eingeschrieben. 1870 wurde Aletta Jacobs - auch sonst eine hochinteressante Frau -, als erstem Mädchen, der Zugang zur HBS gewährt. Es war, auf dem Sterbebett, Thorbeckes letzte offizielle Handlung. 1879 wurde Jacobs die erste Universitätsstudentin der Niederlande.


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   Aletta Jacobs 1854 -1929

Die Erneuerungsbewegung, die sich bemerkbar machte mit der Einführung der HBS, beendete auch eine Periode der Erstarrung in der Literatur und auch hierin spielte die neue Schulform eine große Rolle. Wichtige Mitglieder der Bewegung der Achtziger waren Schüler gewesen bei Willem Doorenbos, der Geschichte und Niederländisch unterrichtete an einer HBS in Amsterdam. Jacques Perk war einer von Ihnen. Die freiheitliche Einstellung, die Abneigung von belehrender und "nützlicher" Poesie, die Doorenbos, selber Altphilologe, vertrat, wurden vom romantischen Jüngling Perk begierig aufgenommen und sein Gebet an die Schönheit, angelehnt am Vaterunser (Perks Vater war Pfarrer!),  muss von den Zeitgenossen wohl als Provokation aufgefasst worden sein:


Schoonheid, o gij, wier naam geheiligd zij,
Uw wil geschiede; kóme uw heerschappij;
Naast u aanbidde de aarde geen andren god!


aus dem Mathilde-Zyklus, 1879

Schönheit, o du, deren Name geheiligt sei,
Dein Wille geschehe, komme dein Reich;
Neben dir anbete die Erde keinen anderen Gott!

Unter dem Namen "Cornelis Paradijs" hat ein anderer Achtziger, Frederik van Eeden, die Poesie der Pfarrer so gründlich parodiert, dass diese fast vollständig in Vergessenheit geraten ist. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich einen Reim von ihm übersetzt:

Schreibt nur, O Hollands Predigtherren!
Schreibt nur, Ihr, in der Furcht des Herrn:
Schlechten Reim wurde man nie gewahr
Unter Beffchen und Talar.

In der Lampe funzelt heilges Öl
Dichten ist Ihr Monopöl;-
Der Herr sieht zu und überwacht,
Dass Ihr gute Verse macht.

So schreibt und schreibt, Ihr Seelsathleten
Schreibt mehr, bald werdet Ihr Poeten
Segnend, segnend ruhet Gottes Hand
Auf dem Betrieb im Pfarrgewand.


Cornelis Paradijs (Frederik van Eeden)
Aus: Grassprietjes.
1885
Übersetzung Jaap Hoepelman

Neue Gefühle, neue Formen, neue Ausdrucksweisen, "der allerindividuellste Ausdruck allerindividuellster Gefühle", wie sich Willem Kloos (der vielleicht prominenteste Achtziger) in seinem Vorwort zu Perks Gedichten ausdrückte, danach, so meinte Kloos, sollte die Dichtkunst streben und vergaß dabei vielleicht ein Wenig, dass Sonette als Form und Liebes- und sonstiger Kummer als Gefühl nicht gerade das allerindividuellste sind.

Perk aber war eine echte Begabung. Er starb sehr jung, an einem Lungenleiden, mit 22,  zu früh um seine Talente voll in die Bewegung der Achtziger einbringen zu können, aber während der kurzen Zeit, die ihm gegönnt war, entfaltete er in seiner jugendlichen Leidenschaftsfähigkeit eine erstaunliche Produktivität. In 1878 schrieb er das Drama in fünf Aufzügen „Herman en Martha“, ausgelöst durch seine gescheiterte Liebe zur Tochter des Französischlehrers in der HBS - der Pädagoge war nicht begeistert von den Annäherungen des hochromantischen aber brotlosen Verehrers, der anschließend vergebens versuchte auf dem Walfahrer „Willem Barends“ anzuheuern. Vom „Algemeen Handelsblad“, einer Amsterdamer Wirtschaftszeitung, war er inzwischen aus seiner Stelle als Bearbeiter der Französischkorrespondenz entlassen worden, wegen des zu literarischen Charakters seiner Beiträge, eine, aus der Sicht einer Wirtschaftszeitung, vielleicht nicht ganz unverständliche Entscheidung.
In 1879 machte Perk während eines Urlaubsausflugs in den belgischen Ardennen Bekanntschaft mit Mathilde Thomas – der Tourismus hatte schon richtig angefangen, auch wenn die Ziele noch bescheiden waren. Perk verliebte sich unsterblich und schuf nach den Ferien eine Sammlung von über 100 Sonetten, welche er unter dem Titel „Mathilde, ein Sonettenkreis“ erfolglos verschiedenen literarischen Zeitschriften anbot.
Seine Freundschaft mit dem jungen Dichter Willem Kloos, den er an der Universität Amsterdam kennen- und schätzen gelernt hatte führte zu einer Sonettenreihe „ Verzen aan een Vriend“ („Verse an einen Freund“). Inzwischen hatte der Erfolg angefangen sich zögerlich einzustellen. Einige Mathilde-Sonetten wurden veröffentlicht, und Perk erhielt den Auftrag ein Gedicht aus Anlass des 300-Geburtstagsfestes des Renaissance-Dichters P.C. Hooft zu verfassen („De schim van P.C. Hooft“ – „Das Gespenst - oder der Schatten - des P.C. Hooft“).
1881 dann verliebte Perk sich in Joanna Blancke, die Schwester seines künftigen Schwagers. Wieder romantisch, wieder leidenschaftlich, wieder hoffnungslos – die Angebetete war schon verlobt. Sein letztes Gedicht, das mythologische "Iris", das ich hier übersetzt habe, ist ihr gewidmet und beschreibt, ins mythologische gewendet, das ewige Thema der zwei Liebenden, die sich nicht erreichen können. Es zeigt auf der einen Seite den Einfluss des Altphilologen Doorenbos und auf der anderen den Einfluss von Shelleys, "The Cloud", in Form und Inhalt.

Perk wird traditionell zu den Vorläufern der Achtziger gerechnet, nicht nur wegen seiner Emotionalität und neuen Ausdruckskraft, sondern auch wegen des ausführlichen Vorworts seines Freundes Willem Kloos zu Perks posthumen Gedichtband, das wohl als „Manifest der Achtziger“ betrachtet wird.


1974 hat man die segensreiche HBS aufgegeben, vermutlich weil das bürgerliche Wort "Burger" nicht in die Ideologie der Zeit passte und die "Bürger" selber genau so wenig. Selten hat man einen so erfolgreichen Schultyp aus so nichtigem Grund aufgegeben. Die Nachfolge-Institutionen kann man nicht unbedingt als Verbesserung betrachten.

Die Zeit zwischen 1870 und 1940 wird wohl das "zweite goldene Jahrhundert" genannt.
(Zum Thema Sekundarunterricht und Wissenschaft in den Niederlanden siehe Willink 1998.)



Iris (1881)



Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem Seufzer der tosenden See,
Die hoch ist gestiegen, um wie Regen zu fliegen,
Geschwollen vor Verzweiflung und Weh:
Meine Gewänder Perlen durchweben, die beben
Wie Tau auf der Ros', die erblüht,
Wenn schamvoll die Tagbraut zu baden sich traut,
Und vor ihr ein flammender Fächer erglüht.

Mit Tränen im Auge, aus der Tiefe hinauf,
Beuge zum Küssen ich mich herunter:
Meine Locken bringen die Wogen zum Leuchten,
Und meine Tränen lächeln jetzt munter:
Denn der Kuss meines Mundes zerspaltet den Grund
Und es leuchtet die Dünung empor...
Die Erde geht auf und das lockige Haupt
Des Zephirs tut sich lachend hervor.
Er lacht...und sein Hauch schickt mich Ärmste hinauf
Und ein Bogen aus glitzernden Farben
Ist die Spur, wenn ich weich' in das traumhafte Reich
Wo ich ohne den Zephir muss darben.
Er liebt mich, wie ich ihn...nur das Lachen, die Stimme,
Sein Kuss...ist ein Seufzer: Wir weben
Hinauf und hinab ohne Ende; wir wollen beständig,
Doch küssen wir nicht, noch vergehen.-

Der Sterbliche sieht meinen Anschein nicht,
Wenn ich weine hinter wolkigen Orten,
Und Regenschauer mit rieselndem Klagen
Meine unsterblichen Leiden verworten.
Dann tränken die Schmerzen das durstende Herz
Einer Blume, die lechzt nach den Leiden
Und mit dankbarem Blick zu mir aufschaut, wenn ich
Vor Verzweiflung vergesse zu Weinen.

Und dánn - erschein' ich im neblichen Schleier,
Den mein Zephir zerreißt, wenn er fliegt -
Gekrümmt voller Groll...bis der Sonnenschein kommt,
Und auf dem Gespinst meiner Schwingen sich wiegt.
Dann sagt auf der Erde, wer mich gewahr wird:
"Die goldene Iris lacht!"...
Und still übermahl ich das farblose Tal
Mit dem Glühen von Sonnensmaragd. -

Meine Hände sich stützen auf äußersten Küsten
Der Erde, wenn es mich reglos verlangt
- In buntem Begieren - nach meinem Liebsten, den ich verliere,
Wenn hinter der Sonn' er mich bannt.
Nachts sehe die Sterne durch die Arme ich schwärmen
Und das daunige Wolkengewimmel,
Und den Mond, der mich schadet, sich rekelt und badet
In der silbernen Lache des Himmels. -
Meine Zier, wie ein Pfau...ist das Kleid, das verlieh
Mir die Sonne, dem Menschen zum Schutz, der wird sterben,
Wenn in das lichtlose Auge er schaut
Und ihn mein trauriger Blick wird verderben.
Ich umfasse die Spanne mit strahlenden Armen,
Bis mich wehend winkt Zephyrs Gewand,
Und finster ich scheuch' zu dem Ort, wo kein Leuchten
Der lockenden Sonne mich fand. -

Ich bin geboren aus der Aurora,
Und einem feuchten Seufzer der See,
Der auf ist gestiegen, zu fliegen
Wie Regen, geschwollen vor weltlichem Weh. -
Mit mir gemeinsam, wem ebenso einsam
Das Leben aus Sehnsucht besteht,
Und dem in den Tränen die Freuden vergehen
Lächelnd am lieblichsten, wenn er vergeht!





(Übersetzung  Jaap Hoepelman
Dezember 2018)


Iris

Auf eine leichtere Note: Bellamy, Republik und Rokoko.

  Jacobus Bellamy (1757-1786) Nach einigen Beiträgen über den Gottesbezug in der niederländisch-sprachlichen Poesie ist es wieder Zeit für e...