Mittwoch, 13. November 2024

Hugo Claus. In Flanders Fields.

 



Hugo Claus 1929-2008

Belgien wird wohl das Schlachtfeld Europas genannt. Die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Belgiens und seine strategische Lage zwischen England, Frankreich und den deutschen Staaten führten dazu, dass es immer heftig umkämpft wurde, als Einflussbereich, als Besitz oder als Durchzugsgebiet. Allgemein bekannt ist die Schlacht bei Waterloo mit 50.000 Opfern, andere sind eher in Vergessenheit geraten, waren aber nicht weniger verlustreich. Die Schlachten um Ostende (1601-1604) zum Beispiel, zählten mit insgesamt 100.000 Opfern fast doppelt soviel.  Auf knapp 30.000 km² gibt es in Belgien über 3.000 Schlachtfelder. Zu den grauenhaftesten gehören die Schlachtfelder um Ypern.


Ieper (franz., engl. "Ypres", deutsch "Ypern") ist eine kleine mittelalterliche Stadt im "Westhoek", im Südwesten Belgiens, berühmt durch ihr Tuchgewerbe. Die Tuchhalle, aus dem 13. Jahrhundert, war damals eines der größten bürgerlichen Gebäude nördlich der Alpen.

Die Tuchhalle um 1860

Nach Kriegsende

Vom Norden her, wie es der Schlieffenplan vorsah, gibt der Westhoek über Ypern Zugang zu den Häfen an der Kanalküste.  Also wurde Ypern belagert. Es stellte sich bald heraus, dass die neue Kriegstechnik eher die Verteidigung als den schnellen Durchmarsch ermöglichte. Der deutsche Vormarsch stockte für die Dauer des ganzen Krieges an ungefähr der gleichen Stelle in einem Bogen vor Ypern. Die Deutschen versuchten mit aller Macht an Ypern vorbei die Häfen an der Kanalküste zu erreichen. Das Empire, Frankreich und Belgien versuchten dies mit aller Macht zu verhindern. Von 1914 bis 1918 fanden vor Ypern vier Schlachten statt (oder fünf, je nachdem, wie man zählt). Die Kräfte des Empires versuchten Hill Sixty und Hill Sixty One, die den Deutschen eine gute Übersicht boten, mit gewaltigen Minen zu sprengen. 



Die Belgier öffneten nach der alten Sitte der Niederen Lande die Seeschleusen bei Nieuwpoort, so dass das Wasser der Nordsee das Land überflutete. Ansonsten schickten die Befehlshaber in vier Schlachten ihre Mannschaften immer wieder aus den Laufgräben durch den Schlamm der Äcker durch Stacheldrahtverhaue ins Maschinengewehrfeuer. Ein Weiterkommen war unmöglich.


Das verhinderte nicht die ununterbrochene Beschießungen. Es verhinderte auch nicht den ersten Einsatz von Chlorgas und Senfgas, das entsprechend "Yperit" genannt wird.


Der Ortsname "Poelkapelle" ruft vielleicht keine Erinnerungen wach, aber "Langemarck", unmittelbar daneben auf der Karte, hat noch lange in der deutschen Kriegsfolklore eine Rolle gespielt.


Der Boden in West-Flandern besteht aus dem fettesten, fruchtbarsten Ton, den man sich denken kann. In diesem Boden vergruben die Kriegsparteien sich in einem Geflecht von Laufgräben, gestützt von Säcken aus gestampftem Sand.


Die gute Erde aber hatte sich durch die pausenlosen Bombardements und den Starkregen in eine Art von schlammigem, fettem Schleim verwandelt, in dem Leichen und Leichenteile auftauchten und untergingen und der sich in den Laufgräben sammelte.


"Der fürchterliche Schlamm, das schlimmste, was es gibt, der Schlamm in dem eine Armee herumkriecht, in dem Pferde, Männer, Kanonen, Wagen aussehen wie Ungeziefer, getunkt in Dreck; gärender Eiter, der den flämischen Boden überdeckt und auffrisst, der die Landschaft verschlingt...." (Maurice Duwez ‘La boue des Flandres’).

Es gibt eine Pflanze, die blüht in solchen verwüsteten Böden, wenn andere Pflanzen längst aufgegeben haben: Klatschmohn, eine "Pionierpflanze". Im überdüngten Schlamm um Ypern blühte der Klatschmohn (englisch "poppy") wie besessen.  Durch das Gedicht (1915) des Kanadiers John McCrae, "In Flanders Fields",  wurde die Mohnblume im britischen Empire zum Symbol für den Krieg. 


Das Gedicht steht noch in der Tradition des poetischen Heroismus, zu dem bald keine Poesie mehr passen wollte
So erscheint das Gedicht des Hugo Claus wie ein Kommentar auf McCraes "In Flanders Fields". 

Hugo Claus

In Flanders Fields

Der Ton hier hat die fetteste Krume.

Auch nach all den Jahren ohne Dung,

hier könntest einen Totenlauch du züchten,

der alle Märkte sprengt.

Die wackligen englischen Veteranen werden spärlich.

Jedes Jahr zeigen sie den spärlicheren Kameraden:
Hill Sixty, Hill Sixty One, Poelkapelle.

In Flanders Fields fahren die Mähdrescher

immer engere Kreise um sich windende Gräben

aus gestampften Sandsäcken, die Gedärme des Todes.

Die Butter dieses Landstrichs

schmeckt nach Klatschmohn.


(Übersetzung Jaap Hoepelman, November 2024)

Hugo Claus
Gedichten 1969-1978/De Bezige Bij

Von der schönen Stadt Ypern und ihrer Tuchhalle war nach Kriegsende nur dies übriggeblieben:


Die Zahl der Opfer der Ypernschlachten betrug insgesamt ungefähr 450.000.

Nach diesem Krieg konnten Gedichte in den südlichen Niederlanden nicht mehr die gleichen sein. Die nördlichen Niederlande waren im 1. Weltkrieg neutral geblieben. Der Bruch mit der alten Ästhetik fand dort erst nach dem 2. Welkrieg statt. 

Hugo Claus war ein äußerst produktiver und vielseitiger Schriftsteller. Zu seinen Arbeiten gehören Romane, Gedichte, Theaterstücke und Drehbücher. Er war Filmregisseur, Redakteur, Übersetzer,  Herausgeber und Mitarbeiter avantgardistischer Zeitschriften. Als Maler war er Teil der Gruppe COBRA

als Dichter gehörte er mit Lucebert zu den wichtigsten "Fünfzigern". Er war einer der einflussreichsten niederländisch-sprachigen Schriftsteller; in der Liste seiner Preise und Auszeichnungen fällt nur der Nobel-Preis durch Abwesenheit auf, aber man munkelt, dass nicht viel gefehlt hat.

Belgien, zersplittert und umkämpft, auf der Bruchlinie der Sprachen und Kulturen, hat große Kunst und häufig darin das Karikaturale, Groteske, Surrealistische und Absurde hervorgebracht. 

          
        James Ensor 1891
Muziek in de Vlaanderenstraat
Musik in der Flandernstrasse


James Ensor. 1889
De Intrede van Christus in Brussel
Christus' Einzug in Brüssel

Es ist kein Zufall, dass der Stoffumschlag von Claus' Magnum Opus "Het verdriet van Belgie",  ("Der Kummer Belgiens"),  das Gemälde "Musik in der Flandernstrasse" des James Ensor (1860-1949) zeigt. Ensor war alles auf einmal: grotesk, surreal und karikatural und "Der Kummer Belgiens" ist es auch. Und mit 775 Seiten ein voluminöser Entwicklungsroman über einen Jungen in einer Umgebung in einem Land zwischen den Blöcken, in dem jede Entscheidung, jede Wahl nur eine falsche sein kann. 
Nur Lüge und Verstellung bleiben übrig. Und so entwickelt der kleine Junge sich zum Schriftsteller, zum Autor der ersten Romanhälfte.





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