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Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Donnerstag, 29. Januar 2026

Van Maerlant und Reineke Fuchs

 Van Maerlant, aus den "Wundern der Natur": "Von fremden Ländern und Menschen" und "Die Tierwelt".


      Van Maerlant. Die Wunder der Natur                                                             


Willem die Madocke maecte: "Reineke Fuchs", in einer vollständige Version.

Reineke Fuchs oder van de vos Reynaerde 

 


Samstag, 20. September 2025

Reineke Fuchs. Der Hoftag.

 

Jan de Putter | Just another WordPress.com site

Reineke Fuchs
oder
Van de vos Reynaerde


von
Willem die Madocke maecte
 
Übersetzung Jaap Hoepelman 

Aus dem Mittelniederländischen,  Januar 2021.

"Reineke Fuchs? Den kennen wir doch?" Schon, aber wenig bekannt ist, dass Goethes Nachdichtung auf einer  flämisch-niederländische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert basiert. Auch diese hatte eine lange Vorgeschichte. Die flämische Version wurde von einem Autor geschrieben, der sich "Willem die Madocke maecte"  ("Willem, der Madocke machte“) nannte, der aus Ost-Flandern stammte,  über den ansonsten wenig bekannt ist. 
"Van de Vos Reynaerde" gilt als ein Höhepunkt der mittelniederländischen Literatur. Der Text ist überraschend modern in seinem Sarkasmus ohne aufgesetzte Kunstfertigkeit. Willem gelang eine Kombination von Gesellschaftskritik, Satire, Abenteuergeschichte und Bubenstück. "Reynaerde" wird in dieser Übertragung "Reynaert" oder "Reyn" genannt. "Reynaert" bedeutet ""mit reinem Charakter". Nomen est omen...Reynaert zeigt in "Van de vos Reynaerde" nicht die Spur der moralischen Makellosigkeit eines ordentlichen Helden. Er war ein Betrüger, Sadist, Räuber, Schänder, Lügner... Seine Opfer waren aber nicht besser, nur dümmer, verschwiemelter, frömmelnder, habgieriger und verlogener. Der „Reynaert“ ist mittelalterlich drastisch, aber für Willems Zeitgenossen muss es ein Genuss gewesen sein, dass wirklich alle ihr Fett abbekamen.

Wer Lust und Zeit hat, die vollständige Geschichte zu lesen, um festzustellen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, der klicke hier

I

Der Hoftag

De Middel-Nederlandse Reinaert-verhalen in toegankelijke ...

Es war Pfingsten und zum Dank,
dass der Geist herniedersank
stand nun der Lenz in voller Blüte,
die Schwalben zeigten sich; es grünte
allenthalben. König Nobel nutzte die Gelegenheit,
zu zeigen sich in voller Wichtigkeit.
Also erging der bindende
Befehl, sich unverweilt am Hofe einzufinden,
und alle Tiere, groß und klein,
trafen sich zum Hoftag ein.
Reynaert Fuchs hatte verzichtet,
viel Böses wurde über ihn berichtet,
es wär' wohl schlauer, meinte Reyn, 
am Hoftag nicht dabei zu sein.

Alle Tiere hatten Grund zur Klage. Insbesondere Isengrim, der Wolf. Warum Reynaert gerade ihn auf dem Kieker hatte?  Nun, Isengrim ist ein grobschlächtiger Blödmann, aber ein großes Raubtier, und somit von hohem Adel. Reynaert ist ihm intellektuell weit überlegen, jedoch als kleines Raubtier nur von niederem Adel. Wie im richtigen Leben: Das bringt Hass und Neid hervor, die hier hemmungslos ausgelebt werden...
Den Anfang machte Isengrim.
Er hatte Grund für seinen Grimm!
„Sire, Ihro Majestät!
Kein Unrecht, das vor Ihrem Blick besteht,
kein Tort, wie uns von Reynaert angetan.
Was hat er meiner Frau getan,
und mich verdroschen und verhöhnt nicht minder!
Schlimmer noch! Was tat er meinen Kindern?!
Er tat was unverzeihlich ist:
Im Schlaf hat er sie vollgepisst.
Stockblind seitdem das erste Kind,
das zweite, und das dritte, Sire: Blind!

Auch Courtois der Mops und Kater Tybeert tragen dem König ihre Beschwerden vor. Bedauerlicher Weise widersprechen ihre Aussagen sich in einem zentralen Punkt: Wem die gestohlenen Würste gehören...

Der Mops beklagte en français das Schicksal,
das ihm, dem armen Hund, nicht mal
un petit morceau de la saucisse
in aller Ruhe fressen ließe,
nichts blieb Courtois von diesem 'appeng
weil salopard Renard! es konnte schnappeng!
"Und dies, bedenken Majesté,
im Winter war, bei Frost und Schnee!"
Jetzt aber, aufgebracht, im Zorn,
schleicht Kater Tybeert sich nach vorn.
"Nicht nur Majestät allein
hat Gründe, außer sich zu sein.
Niemand hier in diesem Rund
hat zu klagen keinen Grund.
Doch Courtois erstaunt mich sehr -
die Würstchen - das ist lange her.
Zudem, sie waren gar nicht seine,
Majestät, die Würstchen waren meine!

Nicht ohne die eigene Rolle in ein möglichst günstiges Licht zu rücken, berichtet Pancer der Biber von Reynaerts merkwürdigem Umgang mit dem niederen Grasfresser Cuwaert dem Hasen, der im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine überaus traurige Rolle spielen wird:

Pancer, der Biber, wiederum
sprach "Majestät, ich frage mich, warum
lässt man ihn laufen, diesen Mörder und Halunken!
Was hat er nicht erlogen und erstunken!
Meine Herren! Majestät! auch Sie
düpiert er für ein Federvieh!
Dem Hasen Cuwaert - neben mir -,
hört was Reynaert tat dem tadellosen Tier.
Cuwaert hat sich nämlich ernsthaft vor-
genommen Kapellan zu werden. Chor-
gesang gehört dazu. Fleißig übte er vokal
das Kredo, doch mit einem Mal,
beim „homo factus“, hört die Messe auf.

Opdrachten Middeleeuwen blok 3

Ich beschleunigte den Lauf
und sah, wie Reynaert mit dem kleinen,
festgeklemmt zwischen den Beinen,
sich an des Hasen Kopf und Kragen macht,
fast hätte er ihn umgebracht,
wenn ich nicht, Sire Majestät,
dank Gott, es war noch nicht zu spät,
entschlossen eingeschritten wäre
zu beenden diese fromme Lehre.
Edle Herren! Wie ist er  versehrt!
Wie stehen Kopf und Hals verkehrt!
Offensichtlich ist dem Dieb
nicht mal des Königs Frieden lieb!"

Die feudale Gesellschaft war in Sippen gegliedert, deren Mitglieder bedingungslos zusammenhielten. Also springt Dachs Grimbeert, von niederem Adel, seinem Onkel Reynaert bei:

Doch Grimbeert Dachs, der nicht verknuste
was er vom Oheim hören musste,
trat auf als Reynaerts Advokat.
Ein Sprüchlein hatte er parat:
„'Feindes Mund,
tut Falsches kund!':
Wieso steht Isengrims Gelichter
nicht als erstes vor dem Richter?"

Grimbeert fährt fort, das Verhältnis zwischen Isengrim und Reynaert näher zu beleuchten:

"Wer, vom Karren voller Fischen
warf die Schollen und die Klieschen?
Du warst es! Und wer sammelte sie alle,
als sie in den Staub gefallen?
Du! Wer fraß sie alle in sich,
und ließ für ihn nur Gräten übrig?
Du! Dazu am Strick die Seite Speck?
Ein Happen und der Speck war weg!
Vergessen? Und als Reyn dich fragt dabei,
ob etwas für ihn übrig sei,
da höhntest du: 'Hier ist der Strick,
aber Vorsicht, Fett macht dick!'"

Auch andere Aspekte ihrer Beziehung werden eingehend besprochen:

"Es heult der treue Ehemann:
„Meine Frau nahm Reynaert ran!“.
Mindestens sind‘s sieben Jahre,
dass die zwei sich öfters paaren.
Durch ihre geile Lust getrieben
sind sie einander treu geblieben.
Was ist dabei? Eine Begattung! -
das Gegenteil einer Bestattung!"

Die auf französisch vorgebrachte Beschwerde des Mopshundes Courtois wird einwandfrei widerlegt:

"Und dann Courtois und die Saucisse,
die aber Reynaert seine ieße!
Die Klage folglich ohne Gegenstand!
Wo geht es hin mit diesem Land?
Der Mops, noch nicht einmal Jurist,
erklärt, dass mopsen Sünde ist?!"

Zum Schluss wartet Grimbeert mit der Nachricht auf, die alles Vorhergehende überflüssig machen und zum endgültigen Freispruch führen soll:

"Doch edle Herren allesamt,
längst ist es nicht mehr relevant,
denn Reynaert trägt ein haaren Kleid,
seit  Frieden und Gerechtigkeit
per Gesetz in Wirkung traten.
Deshalb - die erste seiner  Taten -
ist Reyn in eine Klause eingetreten,
wo seine Zeit vergeht mit beten.
Ja, die tägliche Kasteiung
ist für den Sünder wie Befreiung.
Aus Bußetuung schöpft er Kraft
isst Hirsebrei, trinkt Wurzelsaft.
Manpertus, seine Burg, hat er begeben.
Mager, bleich und fleischlos will er leben.
Sündenfreiheit  hofft er zu erreichen
und alle Schäden auszugleichen."

Genau in diesem Augenblick tritt eine Wendung ein, die ernste Zweifel an Reynaerts sittlicher Besserung aufkommen lässt:
Gerade wollte Grimm den Schluss erreichen,
da sah man einen Zug vom Hang herunter steigen,
vorne Canteclair, dahinter Coppe ohne Kopf.
Reyn hatte sie bei Kopf und Kropf
gepackt und alles abgebissen.
Dies ungeheure Sakrileg mußte der König wissen.
Canteclair, breit  schreitend von den Hügeln,
schlug langsam mit den beiden Flügeln.
Zur Linken und zur Rechten kam geschritten
die Vertretung aus der Sippe.
Cantaert ging links, und rechts befand,
in voller Pracht, sich Hahn Crayant,
der schönste Hahn im Flandernland.

illustratie

Canteclair schildert bewegt, mit welch unheiligem Trick es Reynaert gelingt ein Massaker unter den süßen Kücken anzurichten:

"der Frühling kam mit Blütenpracht,
die Schar wuchs auf; der Söhne acht,
der Töchter waren's geschätzte sieben.
Wie viele Spiele haben sie getrieben!
Bebrütet hat sie Henne Rode,
wie kunstvoll kratzte sie am Boden!
Sie waren stramm, gesund und rund;
und ihr Zuhause war ein Grund-
stück, geschützt mit einer Mauer,
kein Räuber lag hier auf der Lauer,
denn wurde einer zu begehrlich,
so wurde es für ihn gefährlich:
Im Schuppen hausten scharfe Bracken,
abgerichtet Räuberfleisch zu packen.
Die kleinen scharrten also unbesorgt.
Doch ach! Die Zeit war nur geborgt!
Zwei Wochen ließ er uns in Frieden,
mehr war uns leider nicht beschieden.

 The Tobacco Pipe Artistory: Reineke Fuchs and Meerschaum Pipes

Wenig später stand er draußen
wie ein reuevoller Klausner,
mit einem Siegelstück, das sagte,
dass es Majestät behagte,
dass alle Tiere aller Arten
treu des Königs Frieden wahrten.
Dazu noch führt der Schurke aus,
dass er wohnt in einer Klause,
sich mit Regelmaß kasteit
für seiner Seele Seligkeit.
Pilgerstab und Kutte fromm dabei
aus Langaerde, der Abtei,
und ein haaren Büßerkleid.
'Canteclair, von Sorgen sei befreit,
auf der Kasel habe ich geschworen:
Nichts haben Fleisch und Schmalz verloren
in meinem Alter und ich bete  - alldieweil,
es geht jetzt um mein Seelenheil.
Vesper, Non und Prim hab' ich zu sagen
jede Stunde, alle Tage.'
Er spricht den Segen über mich
und setzt mit frommer Miene sich
zum Beten. Frohgemut ließ ich die Kinder
scharren. Diese freuten sich nicht minder!
Bald hat das Beten er gelassen,
um uns draußen abzupassen.
Ich konnte leider nicht verhindern,
dass er das kleinste von den Kindern
hat gerissen. Er war wie im Delirium.
Der Anfang des Martyriums!
Er war auf den Geschmack gekommen,
mehr und mehr hat er genommen!
Nicht länger halfen uns die Bracken,
er konnte viele Küken packen,
bis von der ganzen Kinderschar
nur eine Vierzahl übrig war."

Auch wenn es sich nur um Hühner handelt, einen derart eklatanten Verstoß gegen das von ihm erlassene Friedensgebot kann Nobel unmöglich hinnehmen. Zunächst jedoch ist königliche Besinnlichkeit angesagt:

"Wir konnten Coppes Zeit nur borgen,
Gottvater wird für ihre Seele sorgen.
Ich befehle, dass für Coppe nun erklinge
die Vigilie. Fanget an zu singen!

 Reynaert in tweevoud. Deel 1. Van den vos Reynaerde · dbnl

Sodann erwarten wir den Rat,
wie man bestraft ihn für die Tat."
Nun fing der Hofstaat an mit "do"
des "Placebo Domino".
Alle Verse mit Responsen, alle Texte zum Geleit,
leider reicht uns nicht die Zeit.
    Bei der Linde, tief bewegt,
wurde Coppe abgelegt.
In ein Grab ließ man sie ein,
darauf ein weißer Marmorstein,
auf dem, in schönster Antiqua,
legte man ihr Schicksal dar:
'Hier liegt begraben Henne Coppe,
  beim Kratzen war sie nicht zu toppen.
Reynaert hat den Mord verrichtet,
die Hühnersippe fast vernichtet.'

Im Anschluss wird Braun Bär vom Hofrat zum königlichen Emissär bestimmt. Er soll Reynaert unter Androhung schrecklichster Strafen endgültig vor den  Hof laden.  Brauns Schicksal nimmt seinen Lauf:

"Doch diese Warnung merk‘ dir gut:
Vor Reynaert sei wohl auf der Hut!
Du weißt doch, dass er Streiche tut!
Er fleht, er lügt, er schwört beim Blut,
Wenn's ihm gelingt, das sei dir klar,
stehst du wie Narr und Blödbär da."
"Majestät, ich danke für die Predigt,
doch dieser Fuchs ist fast erledigt.
Der spielt bald keine Streiche mehr,
ich bin ja nicht umsonst ein Bär!"

Tiecelijn. Jaargang 7 · dbnl




Samstag, 13. Mai 2023

Reineke Fuchs, oder Van de vos Reynaerde. Die Vollversion.

 

Reineke Fuchs, oder Van de vos Reynaerde.


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Reineke Fuchs
oder
Van de vos Reynaerde
von
Willem die Madocke maecte





Übersetzung Jaap Hoepelman 

Aus dem Mittelniederländischen,  Februar 2020.


"Reineke Fuchs? Den kennen wir doch?" Schon, aber Goethe hatte eine Vorlage: Die Prosa-Übersetzung von Johann Christoph Gottsched einer  flämisch-niederländische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert. Diese hatte eine lange Vorgeschichte, zurückreichend bis Äsop. Die flämische Version wurde von einem Autor geschrieben, der sich  "Willem die Madocke maecte"  ("Willem, der Madocke machte“) nannte, der aus Ost-Flandern stammte,  über den ansonsten wenig bekannt ist. Willem gelang eine Kombination von Gesellschaftskritik, Satire, Abenteuergeschichte und Bubenstück. Reynaert zeigt in "Van de vos Reynaerde" nicht die Spur der moralischen Makellosigkeit, welche ordentlichen Helden anhaftet. Er war ein Betrüger, Sadist, Räuber, Schänder, Lügner... Seine Opfer waren nicht besser, nur dümmer, verschwiemelter, frömmelnder, habgieriger und verlogener. Für die vielgeplagten Zeitgenossen Willems muss es ein Genuss gewesen sein, dass alle, aber wirklich alle ihr Fett abbekamen. Man sollte sich aber nicht erschrecken: Der „Reynaert“ ist ausgesprochen drastisch. Auch enthält die Geschichte manche psychologische Details, die uns bekannt vorkommen, z.B. wenn Reynaert als Begründung für seine viele Missetaten gefühlvoll an seine Jugend referiert. Wenn es um Reynaert als Vater geht, gelingt es Willem sogar, eine gewisse Sympathie zu wecken, wenn Reynaert sich mit Grimbeert Dachs zum Hof begeben muss, wo ihm ein unsicheres Schicksal wartet:

Du, hör' mir zu, Frau Hermeline!
Du kümmerst dich um Reynaerdin,
sein Bärtchen wächst zurzeit so prächtig.
In seinem Alter war ich auch so schmächtig!
Und um den kleinen Rothaar, um den kleinen Dieb,
ich hab' den kleinen Gauner lieb,
wie man ein Kind nur lieben kann.

Der Text ist überraschend modern in seinem Sarkasmus ohne aufgesetzte Kunstfertigkeit. Ich hatte so viel Spaß daran, dass ich mich entschied, das ganze Epos zu übersetzen. Dazu habe ich die folgenden Quellen zu Rate gezogen: Die Übersetzung in das heutige Niederländisch des Walter Verniers[i], Hubert Slings annotierte Ausgabe[ii], Lulofs Ausgabe[iii], die annotierte Ausgabe des DBNL  (digitale bibliotheek voor de Nederlandse letteren)[iv]  und ab und zu die Fassung des geheimen Rates[v] .
Die älteste vollständig erhaltene Quelle ist die „Comburger Handschrift“[vi]  in der Württembergischen Landesbibliothek  Stuttgart.

Für das ganze Epos braucht man etwas Zeit und Muße. Wer sich daran wagen möchte, braucht nur HIER zu klicken, um Bekanntschaft zu machen mit dem bedeutendsten Poem des flämischen Mittelalters.

Link zur Übersetzung bei Amazon.

Freitag, 9. Oktober 2020

Reineke Fuchs. Wie man einen Bären abzieht.

 


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Reineke Fuchs
oder
Van de vos Reynaerde


von
Willem die Madocke maecte
 
Übersetzung Jaap Hoepelman 

Aus dem Mittelniederländischen,  Februar 2020.


"Reineke Fuchs? Den kennen wir doch?" Schon, aber wenig bekannt ist, dass Goethes Nachdichtung basiert auf einer  flämisch-niederländische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert. Auch diese hatte eine lange Vorgeschichte. Die flämische Version wurde von einem Autor geschrieben, der sich "Willem die Madocke maecte"  ("Willem, der das Werk Madocke machte“) nannte, der aus Ost-Flandern stammte,  über den ansonsten wenig bekannt ist. 
"Van de Vos Reynaerde" gilt als ein Höhepunkt der mittelniederländischen Literatur. Der Text ist überraschend modern in seinem Sarkasmus ohne aufgesetzte Kunstfertigkeit. Willem gelang eine meisterhafte Kombination von Gesellschaftskritik, Satire, Abenteuergeschichte und Bubenstück. "Reynaerde" wird in dieser Übertragung "Reynaert" oder kurz "Reyn" genannt. "Reynaert" bedeutet eigentlich "mit reinem Charakter". Nomen est omen?...Reynaert zeigt in "Van de vos Reynaerde" nicht die Spur der moralischen Makellosigkeit, welche man ordentlichen Helden nachsagt. Er war ein Betrüger, Sadist, Räuber, Schänder, Lügner... Seine Opfer waren aber keinen Deut besser, sie sind nur dümmer, verschwiemelter, frömmelnder, habgieriger und verlogener. Der „Reynaert“ ist mittelalterlich drastisch, aber für Willems Zeitgenossen muss es ein Genuß gewesen sein, dass wirklich jeder seinen Fett abbekam. 




Ausgesprochen derb geht es zu an den bekannten Stellen in denen Brauns Gier nach Honig ihm zum Verhängnis wird.
Während des Hoftags wird viel schlechtes über Reynaert berichtet. Reyn hatte dies geahnt und es vorgezogen, erst gar nicht zu erscheinen. Braun der Bär, von hohem Adel und bärenstark, wird deswegen ausgesandt um Reynaert zur feierlichen Runde zu zitieren.
Braun macht sich auf die Socken und es dauert nicht lange, bevor er vor Reynaerts Burg Malpertuus steht. Er läßt keinen Zweifel aufkommen, was Reynaert blüht, wenn er der Königlichen Aufforderung, nicht Folge leisten.
Vorne bei der Festungsschanze,
sitzend auf dem Bärenschwanze,
rief er: "Reyn, du bist zu Hause.
Hör zu, komm' du sofort heraus.
Bei Gott, der König hat geschworen,
dass ich dich von den Toren
von Manpertus bringe vors Gericht;
sonst man dir alle Knochen bricht
und flicht aufs Rad. Ich tu nur meine Pflicht
und rate: Widersetz' dich nicht!"

Reyn ist kooperativ, sogar sehr. Selbstverständlich will er vor Gericht erscheinen. Wenn nur dieser Bauchschmerz nicht wäre. Hätte er bloß diesen frischen Honig nicht gefressen, der so leicht beim Zimmermann in einer gespaltenen Eiche zu holen war!! Wenn dieser nur nicht so leicht zu erreichen gewesen wäre! Bei der Erwähnung seiner Leibspeise wird Braun ganz schwach. Er verliert glatt den Verstand.

Lamfroit war ein Zimmermann,
Gildemitglied, einer, der was kann.
In seinem Hof lag eine Eiche.
Mittels Keilen wollte er erreichen,
dass der Baum sich spaltete entzwei,
wie üblich in der Zimmerei.

Als ganz fürsorglicher Neffe warnt Reynaert den Bären davor, sich am frischen Honig in der Eichenspalte zu überfressen. Das sorgt nur nur Unmut beim Onkel Braun:

"Halt endlich deine Schnauze! Sonst verlier‘
ich die Geduld. 'In Maßen immer' - Mein Panier!"
"Recht hast du", meinte Reynaert, "ich
bin doch so verzagt! Nichts kann dich
halten! Mutig vorwärts in die Spalte!"
(Reyn konnte kaum noch an sich halten.)

illustratie

Braun hatte den Verstand verloren.
Er kroch hinein bis über beide Ohren
zusammen mit den Bärentatzen,
zu gerne wollt' er Honig schmatzen.
Darauf hatte Reyn gewartet! Gleich
machte er die Keile aus der Eiche
und die Federkraft der Spalte
schnappte zu. Es war nicht auszuhalten.
Der Onkel beim Familientreffen
 ward festgeklemmt von seinem Neffen.
Weder Schlauheit, noch Gewalt
konnten ihn retten aus dem Spalt.
Kraft hatte Braun, Verwegenheit,
doch bei der Gelegenheit
waren die Schmerzen ungeheuer,
guter Rat war mehr als teuer.
Sogar dem Bären wurde klar,
wie gnadenlos er abgezogen war.
Kopf und Tatzen, viel vom Rest
saßen unverrückbar fest.

Reyn ist sich nicht zu schade, noch einige schlechte Witze auf Brauns Kosten zu reißen, um sich anschließend diskret aus den Staub zu machen. Man muss schließlich nicht unbedingt dabei sein, wenn es unappetitlich wird. Es dauert nicht lange, da eilt Zimmermann Lamfroit herbei, mit im Schlepptau eine ganze Abteilung Dörfler, scharf auf Brauns Fell und scharf auf Bärenbraten. Braun sitzt hoffnungslos fest. Seine einzige Chance: Er sich muss Kopf und Pfoten mit Gewalt aus der Spalte ziehen, nur so kann er sich retten. Und das tut er.
 
Mit einem Reißen, krank und trocken,
ließ Braun die Schuhe und die Socken,
wie Wäsche aufgehängt im Klammerholz.
Unendlich war der Schmerz. Sein Stolz
war schlimmer noch verletzt.Wie dem auch sei -
Braun Bär war endlich, endlich frei.
Einerlei, der Schmerz war unerträglich.
Bleiben, flüchten? Der Bär saß unbeweglich.
Blut klebte ihm die Augen dicht,
doch sah er, wie im Gegenlicht
der ganze Pulk kam angerannt.
Lamfroit hat er gleich erkannt,
den Pfarrer mit dem Kreuz behangen,
der Küster mit der Fahnenstange,
die Parochie, alte, junge,
und zum Schluss die alte Muhme,
wütend wedelnd mit der Krücke,
mit wenig Zahn und vielen Lücken. 

Die Zeichen stehen denkbar schlecht. Der Bär ist benommen und unbeweglich, das Blut verklebt ihm die Augen Dennoch gelingt es ihm, sich in den Fluss zu stürzen, Er lässt sich vom Strom mitreißen lassen, bis er auf eine Sandbank gespült wird, wo er gekrümmt vor Schmerzen liegen bleibt. Reynaert hat inzwischen genüsslich ein Huhn verspeist und begibt sich für ein erfrischendes Bad zum Fluss hinunter, wo er seinen Onkel entdeckt. 

Reynaert dachte mit Genuss
an ein kühles Bad im Fluss
und sinnierte mit Behagen,
wie der Bär wurde erschlagen,
von der Gemeinde fortgetragen
um als Bärenbraten im Gelage
in brauner Soße Hauptgericht zu sein.
Nichts zu klagen meinte Reyn. 
"Das Leben meines Konkurrenten
kam zum bedauerlichen Ende,
ich war ja leider nicht dabei.
Mein guter Ruf bleibt fleckenfrei."
Der Fuchs war froh, er liebte es zu siegen,
bis er, am Ufer, sah den Bären liegen.
Schmerzgekrümmt lag Braun am Fluss.
Futsch gute Laune! Dafür Wut, Verdruss!
Verdammter Lamfroit! Blödes Tier!
Hurensohn! Den Bären hab' ich dir
geschenkt! Und diesen Schinken
lässt du laufen? Zu dumm zum stinken!
Nach dieser seelischen Erfrischung
Schaute Reyn mit einer Mischung
aus Freud‘ und Häme und er fand,
dass es um den Bären nicht besonders stand:
Gevatter Braun ging es nicht gut,
wie er da lag im Bärenblut,
gekrümmt vor Höllenschmerzen.
Gleich fing Reyn an zu scherzen.
"Grüß Gott Herr Priester, Sie auch hier?
Sie kennen Reyn, das böse Tier?
Ehrwürden, Sie, ich hörte doch so  gern
von Ihnen, Diener unsres Herrn,
in welchem Orden, darf man fragen,
muss man die rote Mütze tragen?
Sind Sie Prior oder Abt?
Der Scherer hat viel abgekappt!
Von der Kalotte hat er Sie getrennt,
das ist wohl, was man Kahlschlag nennt!
Die Handschuhe nicht anbehalten?
In der Komplet nicht Händchen falten?"
Zu gerne möchte Braun sich rächen.
Doch wie? Sein Herz wollte zerbrechen.
Lieber im schnellen Strom perdu,
als verhöhnt von diesem Parvenü.

In einer zutiefst entwürdigenden Art und Weise gelingt es Braun schließlich, sich zum Hofe zurück zu schleppen.. Sein grauenhaft versehrter Körper ist jedoch kaum wiederzuerkennen.

Und war er müde vom Verrücken,
rollte er vom Bauch sich auf den Rücken,
vom Rücken wieder auf den Bauch.
Nach einer Meile Rollens war auch
diese Qual vorbei. Am Hofe angekommen
wurde er nicht freudig aufgenommen,
denn von Entsetzen übermannt, 
hat keiner Braun als Braun erkannt.
Nur König Nobel war umgehend klar,
dass dieser Rollmops sein Gesandter war.




Bei der Übersetzung habe ich folgende Quellen zu Rate gezogen: Die Übersetzung in das heutige Niederländisch des Walter Verniers[i], Hubert Slings annotierte Ausgabe[ii], Lulofs Ausgabe[iii], die annotierte Ausgabe des DBNL  (digitale bibliotheek voor de Nederlandse letteren)[iv]  und ab und zu die Fassung des geheimen Rates[v] .
Die älteste vollständig erhaltene Quelle ist die „Comburger Handschrift“[vi]  in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart.












Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...