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Mittwoch, 1. Juli 2026

 

 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik

Donnerstag, 29. Januar 2026

Van Maerlant und Reineke Fuchs

 Van Maerlant, aus den "Wundern der Natur": "Von fremden Ländern und Menschen" und "Die Tierwelt".


      Van Maerlant. Die Wunder der Natur                                                             


Willem die Madocke maecte: "Reineke Fuchs", in einer vollständige Version.

Reineke Fuchs oder van de vos Reynaerde 

 


Samstag, 20. September 2025

Reineke Fuchs. Der Hoftag.

 

Jan de Putter | Just another WordPress.com site

Reineke Fuchs
oder
Van de vos Reynaerde


von
Willem die Madocke maecte
 
Übersetzung Jaap Hoepelman 

Aus dem Mittelniederländischen,  Januar 2021.

"Reineke Fuchs? Den kennen wir doch?" Schon, aber wenig bekannt ist, dass Goethes Nachdichtung auf einer  flämisch-niederländische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert basiert. Auch diese hatte eine lange Vorgeschichte. Die flämische Version wurde von einem Autor geschrieben, der sich "Willem die Madocke maecte"  ("Willem, der Madocke machte“) nannte, der aus Ost-Flandern stammte,  über den ansonsten wenig bekannt ist. 
"Van de Vos Reynaerde" gilt als ein Höhepunkt der mittelniederländischen Literatur. Der Text ist überraschend modern in seinem Sarkasmus ohne aufgesetzte Kunstfertigkeit. Willem gelang eine Kombination von Gesellschaftskritik, Satire, Abenteuergeschichte und Bubenstück. "Reynaerde" wird in dieser Übertragung "Reynaert" oder "Reyn" genannt. "Reynaert" bedeutet ""mit reinem Charakter". Nomen est omen...Reynaert zeigt in "Van de vos Reynaerde" nicht die Spur der moralischen Makellosigkeit eines ordentlichen Helden. Er war ein Betrüger, Sadist, Räuber, Schänder, Lügner... Seine Opfer waren aber nicht besser, nur dümmer, verschwiemelter, frömmelnder, habgieriger und verlogener. Der „Reynaert“ ist mittelalterlich drastisch, aber für Willems Zeitgenossen muss es ein Genuss gewesen sein, dass wirklich alle ihr Fett abbekamen.

Wer Lust und Zeit hat, die vollständige Geschichte zu lesen, um festzustellen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, der klicke hier

I

Der Hoftag

De Middel-Nederlandse Reinaert-verhalen in toegankelijke ...

Es war Pfingsten und zum Dank,
dass der Geist herniedersank
stand nun der Lenz in voller Blüte,
die Schwalben zeigten sich; es grünte
allenthalben. König Nobel nutzte die Gelegenheit,
zu zeigen sich in voller Wichtigkeit.
Also erging der bindende
Befehl, sich unverweilt am Hofe einzufinden,
und alle Tiere, groß und klein,
trafen sich zum Hoftag ein.
Reynaert Fuchs hatte verzichtet,
viel Böses wurde über ihn berichtet,
es wär' wohl schlauer, meinte Reyn, 
am Hoftag nicht dabei zu sein.

Alle Tiere hatten Grund zur Klage. Insbesondere Isengrim, der Wolf. Warum Reynaert gerade ihn auf dem Kieker hatte?  Nun, Isengrim ist ein grobschlächtiger Blödmann, aber ein großes Raubtier, und somit von hohem Adel. Reynaert ist ihm intellektuell weit überlegen, jedoch als kleines Raubtier nur von niederem Adel. Wie im richtigen Leben: Das bringt Hass und Neid hervor, die hier hemmungslos ausgelebt werden...
Den Anfang machte Isengrim.
Er hatte Grund für seinen Grimm!
„Sire, Ihro Majestät!
Kein Unrecht, das vor Ihrem Blick besteht,
kein Tort, wie uns von Reynaert angetan.
Was hat er meiner Frau getan,
und mich verdroschen und verhöhnt nicht minder!
Schlimmer noch! Was tat er meinen Kindern?!
Er tat was unverzeihlich ist:
Im Schlaf hat er sie vollgepisst.
Stockblind seitdem das erste Kind,
das zweite, und das dritte, Sire: Blind!

Auch Courtois der Mops und Kater Tybeert tragen dem König ihre Beschwerden vor. Bedauerlicher Weise widersprechen ihre Aussagen sich in einem zentralen Punkt: Wem die gestohlenen Würste gehören...

Der Mops beklagte en français das Schicksal,
das ihm, dem armen Hund, nicht mal
un petit morceau de la saucisse
in aller Ruhe fressen ließe,
nichts blieb Courtois von diesem 'appeng
weil salopard Renard! es konnte schnappeng!
"Und dies, bedenken Majesté,
im Winter war, bei Frost und Schnee!"
Jetzt aber, aufgebracht, im Zorn,
schleicht Kater Tybeert sich nach vorn.
"Nicht nur Majestät allein
hat Gründe, außer sich zu sein.
Niemand hier in diesem Rund
hat zu klagen keinen Grund.
Doch Courtois erstaunt mich sehr -
die Würstchen - das ist lange her.
Zudem, sie waren gar nicht seine,
Majestät, die Würstchen waren meine!

Nicht ohne die eigene Rolle in ein möglichst günstiges Licht zu rücken, berichtet Pancer der Biber von Reynaerts merkwürdigem Umgang mit dem niederen Grasfresser Cuwaert dem Hasen, der im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine überaus traurige Rolle spielen wird:

Pancer, der Biber, wiederum
sprach "Majestät, ich frage mich, warum
lässt man ihn laufen, diesen Mörder und Halunken!
Was hat er nicht erlogen und erstunken!
Meine Herren! Majestät! auch Sie
düpiert er für ein Federvieh!
Dem Hasen Cuwaert - neben mir -,
hört was Reynaert tat dem tadellosen Tier.
Cuwaert hat sich nämlich ernsthaft vor-
genommen Kapellan zu werden. Chor-
gesang gehört dazu. Fleißig übte er vokal
das Kredo, doch mit einem Mal,
beim „homo factus“, hört die Messe auf.

Opdrachten Middeleeuwen blok 3

Ich beschleunigte den Lauf
und sah, wie Reynaert mit dem kleinen,
festgeklemmt zwischen den Beinen,
sich an des Hasen Kopf und Kragen macht,
fast hätte er ihn umgebracht,
wenn ich nicht, Sire Majestät,
dank Gott, es war noch nicht zu spät,
entschlossen eingeschritten wäre
zu beenden diese fromme Lehre.
Edle Herren! Wie ist er  versehrt!
Wie stehen Kopf und Hals verkehrt!
Offensichtlich ist dem Dieb
nicht mal des Königs Frieden lieb!"

Die feudale Gesellschaft war in Sippen gegliedert, deren Mitglieder bedingungslos zusammenhielten. Also springt Dachs Grimbeert, von niederem Adel, seinem Onkel Reynaert bei:

Doch Grimbeert Dachs, der nicht verknuste
was er vom Oheim hören musste,
trat auf als Reynaerts Advokat.
Ein Sprüchlein hatte er parat:
„'Feindes Mund,
tut Falsches kund!':
Wieso steht Isengrims Gelichter
nicht als erstes vor dem Richter?"

Grimbeert fährt fort, das Verhältnis zwischen Isengrim und Reynaert näher zu beleuchten:

"Wer, vom Karren voller Fischen
warf die Schollen und die Klieschen?
Du warst es! Und wer sammelte sie alle,
als sie in den Staub gefallen?
Du! Wer fraß sie alle in sich,
und ließ für ihn nur Gräten übrig?
Du! Dazu am Strick die Seite Speck?
Ein Happen und der Speck war weg!
Vergessen? Und als Reyn dich fragt dabei,
ob etwas für ihn übrig sei,
da höhntest du: 'Hier ist der Strick,
aber Vorsicht, Fett macht dick!'"

Auch andere Aspekte ihrer Beziehung werden eingehend besprochen:

"Es heult der treue Ehemann:
„Meine Frau nahm Reynaert ran!“.
Mindestens sind‘s sieben Jahre,
dass die zwei sich öfters paaren.
Durch ihre geile Lust getrieben
sind sie einander treu geblieben.
Was ist dabei? Eine Begattung! -
das Gegenteil einer Bestattung!"

Die auf französisch vorgebrachte Beschwerde des Mopshundes Courtois wird einwandfrei widerlegt:

"Und dann Courtois und die Saucisse,
die aber Reynaert seine ieße!
Die Klage folglich ohne Gegenstand!
Wo geht es hin mit diesem Land?
Der Mops, noch nicht einmal Jurist,
erklärt, dass mopsen Sünde ist?!"

Zum Schluss wartet Grimbeert mit der Nachricht auf, die alles Vorhergehende überflüssig machen und zum endgültigen Freispruch führen soll:

"Doch edle Herren allesamt,
längst ist es nicht mehr relevant,
denn Reynaert trägt ein haaren Kleid,
seit  Frieden und Gerechtigkeit
per Gesetz in Wirkung traten.
Deshalb - die erste seiner  Taten -
ist Reyn in eine Klause eingetreten,
wo seine Zeit vergeht mit beten.
Ja, die tägliche Kasteiung
ist für den Sünder wie Befreiung.
Aus Bußetuung schöpft er Kraft
isst Hirsebrei, trinkt Wurzelsaft.
Manpertus, seine Burg, hat er begeben.
Mager, bleich und fleischlos will er leben.
Sündenfreiheit  hofft er zu erreichen
und alle Schäden auszugleichen."

Genau in diesem Augenblick tritt eine Wendung ein, die ernste Zweifel an Reynaerts sittlicher Besserung aufkommen lässt:
Gerade wollte Grimm den Schluss erreichen,
da sah man einen Zug vom Hang herunter steigen,
vorne Canteclair, dahinter Coppe ohne Kopf.
Reyn hatte sie bei Kopf und Kropf
gepackt und alles abgebissen.
Dies ungeheure Sakrileg mußte der König wissen.
Canteclair, breit  schreitend von den Hügeln,
schlug langsam mit den beiden Flügeln.
Zur Linken und zur Rechten kam geschritten
die Vertretung aus der Sippe.
Cantaert ging links, und rechts befand,
in voller Pracht, sich Hahn Crayant,
der schönste Hahn im Flandernland.

illustratie

Canteclair schildert bewegt, mit welch unheiligem Trick es Reynaert gelingt ein Massaker unter den süßen Kücken anzurichten:

"der Frühling kam mit Blütenpracht,
die Schar wuchs auf; der Söhne acht,
der Töchter waren's geschätzte sieben.
Wie viele Spiele haben sie getrieben!
Bebrütet hat sie Henne Rode,
wie kunstvoll kratzte sie am Boden!
Sie waren stramm, gesund und rund;
und ihr Zuhause war ein Grund-
stück, geschützt mit einer Mauer,
kein Räuber lag hier auf der Lauer,
denn wurde einer zu begehrlich,
so wurde es für ihn gefährlich:
Im Schuppen hausten scharfe Bracken,
abgerichtet Räuberfleisch zu packen.
Die kleinen scharrten also unbesorgt.
Doch ach! Die Zeit war nur geborgt!
Zwei Wochen ließ er uns in Frieden,
mehr war uns leider nicht beschieden.

 The Tobacco Pipe Artistory: Reineke Fuchs and Meerschaum Pipes

Wenig später stand er draußen
wie ein reuevoller Klausner,
mit einem Siegelstück, das sagte,
dass es Majestät behagte,
dass alle Tiere aller Arten
treu des Königs Frieden wahrten.
Dazu noch führt der Schurke aus,
dass er wohnt in einer Klause,
sich mit Regelmaß kasteit
für seiner Seele Seligkeit.
Pilgerstab und Kutte fromm dabei
aus Langaerde, der Abtei,
und ein haaren Büßerkleid.
'Canteclair, von Sorgen sei befreit,
auf der Kasel habe ich geschworen:
Nichts haben Fleisch und Schmalz verloren
in meinem Alter und ich bete  - alldieweil,
es geht jetzt um mein Seelenheil.
Vesper, Non und Prim hab' ich zu sagen
jede Stunde, alle Tage.'
Er spricht den Segen über mich
und setzt mit frommer Miene sich
zum Beten. Frohgemut ließ ich die Kinder
scharren. Diese freuten sich nicht minder!
Bald hat das Beten er gelassen,
um uns draußen abzupassen.
Ich konnte leider nicht verhindern,
dass er das kleinste von den Kindern
hat gerissen. Er war wie im Delirium.
Der Anfang des Martyriums!
Er war auf den Geschmack gekommen,
mehr und mehr hat er genommen!
Nicht länger halfen uns die Bracken,
er konnte viele Küken packen,
bis von der ganzen Kinderschar
nur eine Vierzahl übrig war."

Auch wenn es sich nur um Hühner handelt, einen derart eklatanten Verstoß gegen das von ihm erlassene Friedensgebot kann Nobel unmöglich hinnehmen. Zunächst jedoch ist königliche Besinnlichkeit angesagt:

"Wir konnten Coppes Zeit nur borgen,
Gottvater wird für ihre Seele sorgen.
Ich befehle, dass für Coppe nun erklinge
die Vigilie. Fanget an zu singen!

 Reynaert in tweevoud. Deel 1. Van den vos Reynaerde · dbnl

Sodann erwarten wir den Rat,
wie man bestraft ihn für die Tat."
Nun fing der Hofstaat an mit "do"
des "Placebo Domino".
Alle Verse mit Responsen, alle Texte zum Geleit,
leider reicht uns nicht die Zeit.
    Bei der Linde, tief bewegt,
wurde Coppe abgelegt.
In ein Grab ließ man sie ein,
darauf ein weißer Marmorstein,
auf dem, in schönster Antiqua,
legte man ihr Schicksal dar:
'Hier liegt begraben Henne Coppe,
  beim Kratzen war sie nicht zu toppen.
Reynaert hat den Mord verrichtet,
die Hühnersippe fast vernichtet.'

Im Anschluss wird Braun Bär vom Hofrat zum königlichen Emissär bestimmt. Er soll Reynaert unter Androhung schrecklichster Strafen endgültig vor den  Hof laden.  Brauns Schicksal nimmt seinen Lauf:

"Doch diese Warnung merk‘ dir gut:
Vor Reynaert sei wohl auf der Hut!
Du weißt doch, dass er Streiche tut!
Er fleht, er lügt, er schwört beim Blut,
Wenn's ihm gelingt, das sei dir klar,
stehst du wie Narr und Blödbär da."
"Majestät, ich danke für die Predigt,
doch dieser Fuchs ist fast erledigt.
Der spielt bald keine Streiche mehr,
ich bin ja nicht umsonst ein Bär!"

Tiecelijn. Jaargang 7 · dbnl




Samstag, 13. Mai 2023

Reineke Fuchs, oder Van de vos Reynaerde. Die Vollversion.

 

Reineke Fuchs, oder Van de vos Reynaerde.


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Reineke Fuchs
oder
Van de vos Reynaerde
von
Willem die Madocke maecte





Übersetzung Jaap Hoepelman 

Aus dem Mittelniederländischen,  Februar 2020.


"Reineke Fuchs? Den kennen wir doch?" Schon, aber Goethe hatte eine Vorlage: Die Prosa-Übersetzung von Johann Christoph Gottsched einer  flämisch-niederländische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert. Diese hatte eine lange Vorgeschichte, zurückreichend bis Äsop. Die flämische Version wurde von einem Autor geschrieben, der sich  "Willem die Madocke maecte"  ("Willem, der Madocke machte“) nannte, der aus Ost-Flandern stammte,  über den ansonsten wenig bekannt ist. Willem gelang eine Kombination von Gesellschaftskritik, Satire, Abenteuergeschichte und Bubenstück. Reynaert zeigt in "Van de vos Reynaerde" nicht die Spur der moralischen Makellosigkeit, welche ordentlichen Helden anhaftet. Er war ein Betrüger, Sadist, Räuber, Schänder, Lügner... Seine Opfer waren nicht besser, nur dümmer, verschwiemelter, frömmelnder, habgieriger und verlogener. Für die vielgeplagten Zeitgenossen Willems muss es ein Genuss gewesen sein, dass alle, aber wirklich alle ihr Fett abbekamen. Man sollte sich aber nicht erschrecken: Der „Reynaert“ ist ausgesprochen drastisch. Auch enthält die Geschichte manche psychologische Details, die uns bekannt vorkommen, z.B. wenn Reynaert als Begründung für seine viele Missetaten gefühlvoll an seine Jugend referiert. Wenn es um Reynaert als Vater geht, gelingt es Willem sogar, eine gewisse Sympathie zu wecken, wenn Reynaert sich mit Grimbeert Dachs zum Hof begeben muss, wo ihm ein unsicheres Schicksal wartet:

Du, hör' mir zu, Frau Hermeline!
Du kümmerst dich um Reynaerdin,
sein Bärtchen wächst zurzeit so prächtig.
In seinem Alter war ich auch so schmächtig!
Und um den kleinen Rothaar, um den kleinen Dieb,
ich hab' den kleinen Gauner lieb,
wie man ein Kind nur lieben kann.

Der Text ist überraschend modern in seinem Sarkasmus ohne aufgesetzte Kunstfertigkeit. Ich hatte so viel Spaß daran, dass ich mich entschied, das ganze Epos zu übersetzen. Dazu habe ich die folgenden Quellen zu Rate gezogen: Die Übersetzung in das heutige Niederländisch des Walter Verniers[i], Hubert Slings annotierte Ausgabe[ii], Lulofs Ausgabe[iii], die annotierte Ausgabe des DBNL  (digitale bibliotheek voor de Nederlandse letteren)[iv]  und ab und zu die Fassung des geheimen Rates[v] .
Die älteste vollständig erhaltene Quelle ist die „Comburger Handschrift“[vi]  in der Württembergischen Landesbibliothek  Stuttgart.

Für das ganze Epos braucht man etwas Zeit und Muße. Wer sich daran wagen möchte, braucht nur HIER zu klicken, um Bekanntschaft zu machen mit dem bedeutendsten Poem des flämischen Mittelalters.

Link zur Übersetzung bei Amazon.

Montag, 8. Februar 2021

Reineke Fuchs. Der Kater und des Pastors Liebesleben


Reynaert hat sich nicht sonderlich intensiv um den von König Nobel verordneten Landfrieden gekümmert. Er zieht es deswegen vor, nicht am Hoftag zu erscheinen. Da die Beschwerden gegen ihn jedoch von allen Seiten anschwellen, wird eine zweite Vorladung unumgänglich.
Wir haben gesehen, wie Braun Bär, ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein seines hohen Standes, an seiner Aufgabe kläglich gescheitert ist. 

"Vor Reynaert sei wohl auf der Hut!    
Du weißt doch, dass er Streiche tut!
Er fleht, er lügt, er schwört beim Blut,
Wenn's ihm gelingt, das sei dir klar,
stehst du wie Narr und Blödbär da."
"Majestät, ich danke für die Predigt,
doch dieser Fuchs ist fast erledigt.
Der spielt bald keine Streiche mehr,
ich bin ja nicht umsonst ein Bär!"

Eine zweite Vorladung ist unumgänglich, es erscheint aber ratsam, dieses Mal lieber ein Mitglied des niederen Adels zu beauftragen, das sich dagegen kaum wehren kann - den Kater Tybeert:

"Man überlegte, wie man Reynaerts Tat
bestrafen könne. Es erfolgte der Beschluss,
dass man ihn noch mal laden muss,
und dass man höre jede Partei,
und dass der richtige Tybeert sei:
Nicht stark, doch schlau, den sollt‘ man fragen.
Der Vorschlag konnte Majestät behagen.
"Edler Tybeert! Gehört was die Barone sagen,
macht Ihr Euch auf. Er wird’s nicht wagen,
auch diese Ladung in den Wind zu schlagen.
Er muss sonst alle Folgen tragen.
...

Nun geh. Und überbring ihm diese Botschaft."
 Doch Tybeert sprach: „Ich kleiner Wicht -
sogar der Bär, mit seinem Kampfgewicht
kann gegen Reynaert nicht gewinnen.
Was kann ein Kater gegen ihn beginnen?"
"Keine Widerrede, Kater Tybeert,
du bist doch klug und aufgeklärt.
Erfolg kommt manchmal in Gestalt
von Klugheit und Vernunft, nicht von Gewalt.
So geh mit Gott. Nicht zweimal sag' ich's dir."
"So geh mit Gott? Gott helfe mir!
 Bei dieser gar unguten Reise
Brauch‘ ich wohl Seine Gunstbeweise."

Kater Tybeert erreicht Reynaerts Burg ohne größere Probleme. Es dauert nicht lange bis er von Reynaert über den Tisch gezogen wird, wie vorher Braun der Bär: Reynaert kennt sich gut aus in den Sünden der Zeitgenossen, darunter Avaritia und Gula, Gier und Fresssucht, die ja nicht umsonst in den heiligen Schriften erwähnt werden, :

"Was gäbe es zu essen, lieber Reyn?"
"Neffe, lass' das meine Sorge sein.
Schlechte Zeiten und die Vorräte sind klein,
doch Gäste dürfen keinen Hunger haben,
im Lager gibt es beste Honigwaben.
Was meinst du, wär' das was für dich?"
"Mein Fall sind Honigwaben nicht.
Hast du sonst noch was im Haus?
Zum Beispiel eine fette Maus?"
"Eine Maus", sprach Reynaert, "ach,
daran hab‘ ich nicht gedacht!
Nicht weit von hier, das Pfaffenhaus,
dort gehen Mäuse ein und aus.
So viele fasst nicht mal ein Wagen!
Den Pfarrer hör' ich manchmal klagen,
 dass sie ihn quasi aus dem Haus verjagen."
"Reynaert, für nur eine fette Maus
bei Gott, ich wäre gerne in dem Haus."
Reynaert darauf: "Tybeert, wirklich?
Mäuse willst du?" "Mäuse will ich!"
Mehr als alles Wildbret hier auf Erd‘
ist eine fette Maus mir wert."
...

Es mangelt Tybeert vielleicht an Kraft, jedoch nicht an Verschlagenheit. Vielleicht ist es das, was König Nobel meinte, als er sprach:

"Erfolg kommt manchmal in Gestalt
von Klugheit und Vernunft, nicht von Gewalt." 

Wie dem auch sei, Tybeert schreckt nicht vor unmoralischen Angeboten zurück:

Sicherlich führst du mich aus!
Führe mich zum Mäuseschmaus!
Dafür schenk' ich meine Freundschaft,
mehr noch, wenn du aus der Welt schaffst
mir die bucklige Verwandtschaft,
die rallige alte aus der Landschaft"
...

Um an die Mahlzeit zu gelangen
sind beide auf die Jagd gegangen
und rannten im gestreckten Trab
dorthin, wo es die Mäuse gab.

Madoc. Jaargang 2006 · dbnl

Bald waren sie beim Hühnerstall,
geschützt von einem Stampflehmwall.
Reynaert hatte den durchbrochen
und Pastors Gockel das Genick gebrochen.
Martinet, des Pastors Junge, mit Geschick
spannte darum einen Strick
mit Galgenknoten. Das sollte langen,
um den dreisten Dieb zu fangen.
...
"Neffe,  kriech' durch dieses Loch.
So viele Mäuse hast du im Leben noch
nie gesehen! Du kannst sie fangen. 
Wie? Du  brauchst nur hinzulangen.
Hast du sie nach Herzenslust gefasst,
kommst du heraus - ich habe aufgepasst.

Ein Rest Selbsterhaltungstrieb ist Tybeert geblieben, aber jetzt spielt Reynaert seinen nächsten Trumpf aus: die Superbia - die Eitelkeit:

"Durch dieses Loch soll ich hinein?
Mein Lieber! Schlau kann das nicht sein!
Pfaffen sind, beim Bauen einer Falle,
sehr listenreich, das wissen alle!"
"Tybeert, Feigling, Leichtmatrose,
machst du dir etwa in die Hose?"
Das fuchste Tybeert ungemein,
mit Todesmut kroch er hinein.
Auf einen Schlag jedoch war klar,
wie listenreich die Falle war.
Der Fuchs kriegte sich nicht mehr ein,
der Spaß konnte nicht größer sein.
Fest und fester zog der Strick,
Tybeert wurde Zug um Zug erstickt,
sein Gekreisch klang meilenweit.

Ein Kater in Todesnot ist zu allem fähig. Die folgenden Abschnitte werden gerne als Beispiel dafür genommen, wie sich kirchliche Verhältnisse im Mittelalter von den heutigen unterscheiden.

Tybeert hatte Riesenkrach gemacht
und Martinet war aufgewacht.
"Gelobt sei Gott", sagte der Junge,
"die Falle ist mir wohl gelungen!"
Vater, Mutter, Brüder, Schwestern,
alle sprangen aus den Nestern.
Der Pastor hatte schnell begriffen
und den Spinnrocken ergriffen.
Frau Julocke stellte dicht
sich hinter ihm mit Kerzenlicht.
Der Pfaffe, splitterfasernackt,
ward vom heil'gen Zorn gepackt.
Mit dem Rocken drosch der Pater
wie besessen auf den Kater.
Martinet, dem braven Jungen,
war ein Meisterstück gelungen.
Mit einem spitzen Kieselstein
schlug er Tybeert ein Auge ein.
Dem Kater war nun vollends klar,
dass das Ende nahe war,
doch todesmutig wie ein Held
schlug er den Pastor aus dem Feld.

Madoc. Jaargang 1997 · dbnl

Vollends getrieben in die Enge
verbiss er sich im Kirchgehänge.
Eine Nuss zum Boden fiel:
Schluss mit des Pastors Liebesspiel.
Nie mehr konnte Frau Julocke
nachts beim Glockenspiel frohlocken.
"Martinet! Verflixter Blödmann!
Warum brachtest du den Strick an!
Keine Lust, kein Feuer mehr,
Schau! Der Klingelbeutel! Leer!"
Reyn, nie dass er je genug bekäme,
erstickte fast in fieser Häme.
...

"Julocke! Schöne Pastorsfrau,
leider geht es uns jetzt mau!
Weder taugt der Klöppel viel,
noch das ganze Glockenspiel.
Ist der Glöckner nicht mehr geil,
so bimmelt er fürs Seelenheil!"
Bei jeglicher Gelegenheit 
hat Reynaert einen Spruch bereit.

Der Pastor fällt in Ohnmacht, seine Familie drängt sich um die Bettstatt und im ganzen Tohuwabohu ergreift Tybeert die Gunst der Stunde, um, schnell er kann, zurück zum Hof zu rennen, um ein Auge ärmer dafür um einen Strick am Hals reicher.  Eine neue Vorladung muss her und ein neuer Emissär. Dachs Grimbeert verweist auf das geltende Recht: Den Freien muss man dreimal vorladen, bevor man ihn verurteilen kann. Damit ist klar, wer der neue Emissär sein wird:

Grimbeert, Reynaerts Brudersohn, darum
ermahnte das Kollegium:
"Edle Herren, weise ist Ihr Rat,
doch wäre Reynaerts böse Tat
gar doppelt böse - das Gesetz besagt:
Dreifache Ladung - sonst wird nicht verklagt.
Wenn man sich beim dritten Mal nicht stellt,
so gilt, dass dieses Recht verfällt,
und ist man ohne Urteil schuldig,
dessen man dich hat beschuldigt."
"Wen schlägst du denn als Boten vor?",
sprach Nobel. "Wer wagt Auge oder Ohr
oder wird auch sonst geschröpft
von diesem listigen Geschöpf?
Ich denke, keiner ist ein solcher Tor."
Grimbeert trat zwei Schritte vor:
"Vielleicht wagt es kein andrer hier,
also mach ich‘s, Gott helfe mir."
„Braver Grimbeert, geh mit Gott, doch sei geschickt,
und hüte dich vor Missgeschick!"
Darauf Grimbeert feierlich:
"Majestät, das werde ich!"


Grimbeert, nicht gesegnet mit Bärenkräften, nicht mit Katzenverschlagenheit, der Bravste der Braven, er, der sich für seinen Onkel so viel Mühe gegeben hat, wird gegen Ende der Geschichte am bösesten verraten.


Jaap Hoepelman
Fassung Februar 2021






Khayyam und Huygens

1626 - die erste persische miniatur in den Niederlanden Der Krug gefüllt...und Fürst Mahmud regiert, die Harfe klingt...und David psalmodier...