Reynaert hat sich nicht sonderlich intensiv um den von König Nobel verordneten Landfrieden gekümmert. Er zieht es deswegen vor, nicht am Hoftag zu erscheinen. Da die Beschwerden gegen ihn jedoch von allen Seiten anschwellen, wird eine zweite Vorladung unumgänglich.
Wir haben gesehen, wie Braun Bär, ausgestattet mit dem Selbstbewusstsein seines hohen Standes, an seiner Aufgabe kläglich gescheitert ist.
"Vor Reynaert sei wohl auf der Hut!
Du weißt doch, dass er Streiche tut!
Er fleht, er lügt, er schwört beim Blut,
Wenn's ihm gelingt, das sei dir klar,
stehst du wie Narr und Blödbär da."
"Majestät, ich danke für die Predigt,
doch dieser Fuchs ist fast erledigt.
Der spielt bald keine Streiche mehr,
ich bin ja nicht umsonst ein Bär!"
Eine zweite Vorladung ist unumgänglich, es erscheint aber ratsam, dieses Mal lieber ein Mitglied des niederen Adels zu beauftragen, das sich dagegen kaum wehren kann - den Kater Tybeert:
"Man überlegte, wie man Reynaerts Tat
bestrafen könne. Es erfolgte der Beschluss,
dass man ihn noch mal laden muss,
und dass man höre jede Partei,
und dass der richtige Tybeert sei:
Nicht stark, doch schlau, den sollt‘ man fragen.
Der Vorschlag konnte Majestät behagen.
"Edler Tybeert! Gehört was die Barone sagen,
macht Ihr Euch auf. Er wird’s nicht wagen,
auch diese Ladung in den Wind zu schlagen.
Er muss sonst alle Folgen tragen.
...
Nun geh. Und überbring ihm diese Botschaft."
Doch Tybeert sprach: „Ich kleiner Wicht -
sogar der Bär, mit seinem Kampfgewicht
kann gegen Reynaert nicht gewinnen.
Was kann ein Kater gegen ihn beginnen?"
"Keine Widerrede, Kater Tybeert,
du bist doch klug und aufgeklärt.
Erfolg kommt manchmal in Gestalt
von Klugheit und Vernunft, nicht von Gewalt.
So geh mit Gott. Nicht zweimal sag' ich's dir."
"So geh mit Gott? Gott helfe mir!
Bei dieser gar unguten Reise
Brauch‘ ich wohl Seine Gunstbeweise."
Kater Tybeert erreicht Reynaerts Burg ohne größere Probleme. Es dauert nicht lange bis er von Reynaert über den Tisch gezogen wird, wie vorher Braun der Bär: Reynaert kennt sich gut aus in den Sünden der Zeitgenossen, darunter Avaritia und Gula, Gier und Fresssucht, die ja nicht umsonst in den heiligen Schriften erwähnt werden, :
"Was gäbe es zu essen, lieber Reyn?"
"Neffe, lass' das meine Sorge sein.
Schlechte Zeiten und die Vorräte sind klein,
doch Gäste dürfen keinen Hunger haben,
im Lager gibt es beste Honigwaben.
Was meinst du, wär' das was für dich?"
"Mein Fall sind Honigwaben nicht.
Hast du sonst noch was im Haus?
Zum Beispiel eine fette Maus?"
"Eine Maus", sprach Reynaert, "ach,
daran hab‘ ich nicht gedacht!
Nicht weit von hier, das Pfaffenhaus,
dort gehen Mäuse ein und aus.
So viele fasst nicht mal ein Wagen!
Den Pfarrer hör' ich manchmal klagen,
dass sie ihn quasi aus dem Haus verjagen."
"Reynaert, für nur eine fette Maus
bei Gott, ich wäre gerne in dem Haus."
Reynaert darauf: "Tybeert, wirklich?
Mäuse willst du?" "Mäuse will ich!"
Mehr als alles Wildbret hier auf Erd‘
ist eine fette Maus mir wert."
...
Es mangelt Tybeert vielleicht an Kraft, jedoch nicht an Verschlagenheit. Vielleicht ist es das, was König Nobel meinte, als er sprach:
"Erfolg kommt manchmal in Gestalt
von Klugheit und Vernunft, nicht von Gewalt."
Wie dem auch sei, Tybeert schreckt nicht vor unmoralischen Angeboten zurück:
Sicherlich führst du mich aus!
Führe mich zum Mäuseschmaus!
Dafür schenk' ich meine Freundschaft,
mehr noch, wenn du aus der Welt schaffst
mir die bucklige Verwandtschaft,
die rallige alte aus der Landschaft"
...
Um an die Mahlzeit zu gelangen
sind beide auf die Jagd gegangen
und rannten im gestreckten Trab
dorthin, wo es die Mäuse gab.

Bald waren sie beim Hühnerstall,
geschützt von einem Stampflehmwall.
Reynaert hatte den durchbrochen
und Pastors Gockel das Genick gebrochen.
Martinet, des Pastors Junge, mit Geschick
spannte darum einen Strick
mit Galgenknoten. Das sollte langen,
um den dreisten Dieb zu fangen.
...
"Neffe, kriech' durch dieses Loch.
So viele Mäuse hast du im Leben noch
nie gesehen! Du kannst sie fangen.
Wie? Du brauchst nur hinzulangen.
Hast du sie nach Herzenslust gefasst,
kommst du heraus - ich habe aufgepasst.
Ein Rest Selbsterhaltungstrieb ist Tybeert geblieben, aber jetzt spielt Reynaert seinen nächsten Trumpf aus: die Superbia - die Eitelkeit:
"Durch dieses Loch soll ich hinein?
Mein Lieber! Schlau kann das nicht sein!
Pfaffen sind, beim Bauen einer Falle,
sehr listenreich, das wissen alle!"
"Tybeert, Feigling, Leichtmatrose,
machst du dir etwa in die Hose?"
Das fuchste Tybeert ungemein,
mit Todesmut kroch er hinein.
Auf einen Schlag jedoch war klar,
wie listenreich die Falle war.
Der Fuchs kriegte sich nicht mehr ein,
der Spaß konnte nicht größer sein.
Fest und fester zog der Strick,
Tybeert wurde Zug um Zug erstickt,
sein Gekreisch klang meilenweit.
Ein Kater in Todesnot ist zu allem fähig. Die folgenden Abschnitte werden gerne als Beispiel dafür genommen, wie sich kirchliche Verhältnisse im Mittelalter von den heutigen unterscheiden.
Tybeert hatte Riesenkrach gemacht
und Martinet war aufgewacht.
"Gelobt sei Gott", sagte der Junge,
"die Falle ist mir wohl gelungen!"
Vater, Mutter, Brüder, Schwestern,
alle sprangen aus den Nestern.
Der Pastor hatte schnell begriffen
und den Spinnrocken ergriffen.
Frau Julocke stellte dicht
sich hinter ihm mit Kerzenlicht.
Der Pfaffe, splitterfasernackt,
ward vom heil'gen Zorn gepackt.
Mit dem Rocken drosch der Pater
wie besessen auf den Kater.
Martinet, dem braven Jungen,
war ein Meisterstück gelungen.
Mit einem spitzen Kieselstein
schlug er Tybeert ein Auge ein.
Dem Kater war nun vollends klar,
dass das Ende nahe war,
doch todesmutig wie ein Held
schlug er den Pastor aus dem Feld.

Vollends getrieben in die Enge
verbiss er sich im Kirchgehänge.
Eine Nuss zum Boden fiel:
Schluss mit des Pastors Liebesspiel.
Nie mehr konnte Frau Julocke
nachts beim Glockenspiel frohlocken.
"Martinet! Verflixter Blödmann!
Warum brachtest du den Strick an!
Keine Lust, kein Feuer mehr,
Schau! Der Klingelbeutel! Leer!"
Reyn, nie dass er je genug bekäme,
erstickte fast in fieser Häme.
...
"Julocke! Schöne Pastorsfrau,
leider geht es uns jetzt mau!
Weder taugt der Klöppel viel,
noch das ganze Glockenspiel.
Ist der Glöckner nicht mehr geil,
so bimmelt er fürs Seelenheil!"
Bei jeglicher Gelegenheit
hat Reynaert einen Spruch bereit.
Der Pastor fällt in Ohnmacht, seine Familie drängt sich um die Bettstatt und im ganzen Tohuwabohu ergreift Tybeert die Gunst der Stunde, um, schnell er kann, zurück zum Hof zu rennen, um ein Auge ärmer dafür um einen Strick am Hals reicher. Eine neue Vorladung muss her und ein neuer Emissär. Dachs Grimbeert verweist auf das geltende Recht: Den Freien muss man dreimal vorladen, bevor man ihn verurteilen kann. Damit ist klar, wer der neue Emissär sein wird:
Grimbeert, Reynaerts Brudersohn, darum
ermahnte das Kollegium:
"Edle Herren, weise ist Ihr Rat,
doch wäre Reynaerts böse Tat
gar doppelt böse - das Gesetz besagt:
Dreifache Ladung - sonst wird nicht verklagt.
Wenn man sich beim dritten Mal nicht stellt,
so gilt, dass dieses Recht verfällt,
und ist man ohne Urteil schuldig,
dessen man dich hat beschuldigt."
"Wen schlägst du denn als Boten vor?",
sprach Nobel. "Wer wagt Auge oder Ohr
oder wird auch sonst geschröpft
von diesem listigen Geschöpf?
Ich denke, keiner ist ein solcher Tor."
Grimbeert trat zwei Schritte vor:
"Vielleicht wagt es kein andrer hier,
also mach ich‘s, Gott helfe mir."
„Braver Grimbeert, geh mit Gott, doch sei geschickt,
und hüte dich vor Missgeschick!"
Darauf Grimbeert feierlich:
"Majestät, das werde ich!"
Grimbeert, nicht gesegnet mit Bärenkräften, nicht mit Katzenverschlagenheit, der Bravste der Braven, er, der sich für seinen Onkel so viel Mühe gegeben hat, wird gegen Ende der Geschichte am bösesten verraten.
Jaap Hoepelman
Fassung Februar 2021