Die Poesie der Pfarrer wurde von den
"Achtzigern" (wir sprechen vom 19. Jahrhundert) als hausbacken verspottet und regelrecht in die Verdammnis geschrieben. Die Achtziger ersetzten sie durch die Anbetung der poetischen Schönheit und den individuellsten Ausdruck der individuellsten Gefühle. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs aber war die Zeit der formvollendeten Lyrik vorbei. In Flandern, wo der E
rste Weltkrieg heftig wütete, beendete
Paul van Ostaijen das Erbe der Achtziger. Er schrieb in Umgangssprache und scherte sich nicht um die ehrwürdigen Formen der überlieferten Poetik. Die Niederlande waren von der Katastrophe verschont geblieben; hier wirkte die Tradition der Achtziger länger nach, z.B. in sehr beachtlichen Dichtern wie
Leopold und
Boutens. Als die Zeiten immer bedrohlicher wurden, war es auch in den Niederlanden mit der Tradition der dichterlichen Dichter vorbei. In der Zeitschrift
"Forum" wurde der Ausdruck eines persönlichen Standpunktes gefordert, anstatt eines wohligen Verbleibs in der makellosen Form. Die Diskussion trug den Namen "Vorm of Vent" ("Muse oder Macker"). Der Literat
du Perron verzichtete wie van Ostaijen auf die poetische Sprache zugunsten der Umgangssprache. Diesen Stil nannte man "Parlando". Er hatte großen Einfluss, auch bei "unpolitischen" Dichtern, wie
Achterberg und
Vasalis.
In Amsterdam übernahmen Maurits Mok, Jac. van Hattum, Gerard den Brabander und Ed Hoornik diesen Stil, mit einer Vorliebe für die kleinen Dinge, das Anekdotische, den Spott, die Umgangssprache, das "Normale". Wenn man an die Genremalerei denkt, sind das eigentlich sehr "niederländische" Besonderheiten. Die vier wurden sogar zur "Amsterdamer Schule" erhoben.
Die drei letztgenannten gaben einen gemeinsamen Gedichtband heraus mit dem Titel "Drie op één Perron" (Drei auf einem Bahnsteig), damit anspielend auf den Einfluß du Perrons. Heute werden sie nur noch selten zitiert, dafür haben van Hattums schöne Schlußzeilen aus
"140 Pond" ("140 Pfund") in alter Frische überlebt:
"Hoe meer ik drink, hoe meer ik eet,
Hoe meer gewicht van Hattum heet".
"Je mehr getrunken, je mehr gespeist,
je mehr Gewicht van Hattum heißt"
Die kleinen Themen, das Normale und Anekdotische waren sowieso für keinen der Dichter besonders tragfähige Konzepte, und Hoornik wendete sich aus einem besonderen Grund von ihnen ab:
Er war eine sehr prominente literarische Persönlichkeit. Er war Romanschreiber, Dichter, Zeitschriftenredakteur, Theaterautor, Rezensent - und ein ausgesprochener Gegner des Nationalsozialismus. Als Zeitungsrezensent befolgte er nicht die Zensurvorschriften der deutschen Besatzung, sein hier übersetztes Gedicht war wohlbekannt. Infolgedessen musste er untertauchen, wurde aber verhaftet und in das Gefangenenlager Vught verbracht, in dem viele Vertreter der niederländischen Prominenz als Geiseln gehalten wurden. Einer von ihnen war der Romanautor und Dichter
Simon Vestdijk, von dem ich in diesem Blog ein Gedicht übersetzt habe.
Im Mai 1944 wurde Hoornik nach Dachau transportiert, wo er von den Amerikanern befreit wurde. Nach all dem Erlebten war eine Weiterführung der Poesie des "Alltäglichen" nicht länger möglich und Hoornik wandte sich einer eher theologischen und metaphysischen Thematik zu.
Aber gerade in der Poesie des Alltäglichen und Normalen war Hoornik imstande, in einem klassisch gewordenen Gedicht das ganz und gar nicht Alltägliche und Normale, das da kommen würde, zu prophezeien:
Pogrom
Ist das der Mond, in seinem letzten Viertel,
ein Gesicht, im Qualm- und Flammenrahmen?
Wo ist Berlin, wo ist das Scheunenviertel?
Konnte der Junge flüchten, als die Banden kamen?
-
Ist das sein Schatten, der am Ufer steht?
Ist dies das Wasser, das ihn langsam nahm,
dies die Straße, wo es hin zur Spree geht?
Es ist die Amstel, dies ist Amsterdam.
-
Am Rembrandtsplein geht nun der Tag zu Ende,
Lichtfontänen über Dächern löschen ihn...
Ich press' die Nägel tiefer in die Hände.
-
De Jodenbreestraat führt zum Abgrund hin;
ich sehe meinen Schatten zucken an den Wänden...
Zehn Stunden nur die Bahnfahrt nach Berlin.
Ed. Hoornik (1910 – 1970)
aus: Steenen (1939)
Verlag: A.A.M. Stols
Übersetzung Jaap Hoepelman September 2025