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Donnerstag, 29. Januar 2026

Namen in diesem Blog



 
"hoffentlich wird's nicht poetisch"


Achterberg, Gerrit
Adriaan Roland Holst
Adwaita
Aegidius
Andreus
Ashetu, Bernardo
van Eeden, Frederik




Sonntag, 9. November 2025

Nijhoff als Übersetzer


Martinus Nijhoff 1894-1953

Der Dichter Martinus Nijhoff war auch ein großer Übersetzer.
Eine seiner Übersetzungen, das 250. Sonett aus Francesco Petrarcas Canzoniere, hat er im Gedichtepos Awater versteckt. Awaters Lied findet sich in dem Teil des Epos, das im "i-Modus" geschrieben ist: Jede Zeile endet auf einen i-Klang. Ich habe versucht auch die deutsche Übersetzung im "i- modus" aus zu führen.

Gerelateerde afbeelding
Petrarca

Stets hat sie mich getröstet, stets hat sie, als ich schlief
mit ihrer Ankunft sich gesorgt um mich
die Angebetete; doch heute kommt sie und zerbricht
den letzten Halt, der im Verlust mir blieb.
Ich seh sie vor mir, wie sie kniet danieder
in tiefem Kummer, angstvermischt;
ich hör', wie sie vom Glauben spricht,
doch Freude oder Hoffnung bringt's nicht wieder:
"Erinnerst du dich an den letzten Abend, als ich dich verließ,
ersparen wollt' ich dir die Tränen im Gesicht
als ohne Abschied ich die Welt verstieß?
Ich konnte nicht, ich wollte nicht dir melden den Bericht,
dass du begreifen musst, wie unser Urteil hieß:
Zu sehen hier auf Erden mich je wieder - hoffe nicht.

(Übersetzung J. Hoepelman)


Sonnetto 250

Solea lontana in sonno consolarme
con quella dolce angelica sua vista
madonna; or mi spaventa et mi contrista,
ne di duol ne di tema posso aitarme;
che spesso nel suo volto veder parme
vera pieta con grave dolor mista,
et udir cose onde 'l cor fede acquista
che di gioia et di speme si disarme.
"Non ti soven di quella ultima sera
dice ella " ch'i' lasciai li occhi tuoi molli
et sforzata dal tempo me n'andai?
I' non tel potei dir, allor, ne volli;
or tel dico per cosa experta et vera:
non sperar di vedermi in terra mai".

Freitag, 21. Februar 2025

Die Israelitische Laubhütte



Anthony Christiaan Winand Staring (1767-1840) geportretteerd door P Velyn, uitgeven doorJohannes Immerzeel
Antoni Christiaan Wijnand Staring
1767-1840


In einem früheren Post habe ich schon einige Zeilen über Staring als Dichter der Übergangszeit zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert geschrieben. Als rationellen Romantiker und Christ könnte man ihn beschreiben und als toleranten, aufgeklärten Mann. 
Toleranz und Rationalität waren nicht gerade hervorstechende Eigenschaften der vergangenen Jahrhunderte, auch nicht in den Niederlanden. Juden waren bis 1796 nicht gleichgestellt. Katholiken, Remonstranten, Lutheraner und andere im Übrigen auch nicht. Über diese Diskriminierung bis 1796 und danach schrieb ich in einem andern Post, aber aufgeklärtere und tolerantere Tendenzen, auch den Juden gegenüber, waren früh zu erkennen. Auf der einen Seite, weil die Republik der Niederlande, im Aufstand gegen das inquisitorische Spanien, Verständnis hatte für die geflüchteten Juden, auf der anderen aus schnödem Eigeninteresse. Hugo Grotius z.B., der berühmte Rechtsgelehrte, beführwortete die Zulassung der Juden auf Grund des zu erwartenden Profits*.  Ich sehe das nicht unbedingt als schlimmen Vorwurf, sondern vielmehr als Beleg dafür, dass, wo Ideologie Toleranz eher ausschließt, Eigeninteresse gerne einen vielleicht nicht gar so blütenweißen Weg findet. Den kleinen, hinterfotzigen Antisemitismus gab es zweifellos. Die ethisch-tolerante Komponente gab es aber auch. Revius' berühmtes Gedicht "Er trug unsere Schmerzen", vom Historiker Jaques Presser eines der schönsten Gedichte der calvinistischen Niederlande genannt, scheint mir nicht von gewinnsüchtigen Interessen bestimmt. Vertreter  der frühen Aufklärung und Rationalität findet man in Jeremias de Decker und natürlich in Spinoza, dessen Leben zu seiner Zeit in einem anderen Land schlicht unmöglich gewesen wäre. Nicht vergessen sollte werden, dass Philosophen wie Descartes, Locke und Bayle in den Niederlanden Zuflucht gefunden hatten und von dort aus einen beträchtlichen Einfluss ausübten.
In Staring also kamen diese Elemente zusammen: Er war ein rationeller Romantiker und toleranter Christ. In diesem Sinne unterschied er sich ziemlich von der Kleinkariertheid, die die Niederlande noch lange Zeit im Griff hatte.


Die Israelitische Laubhütte


Wer voller Hohn zur Hütte kam -
Nicht ich, Du Kind von Abraham!
Entbiet' ich ehrlichen Gemuts,**
Der Schwelle meinen Friedensgruß!

Dein Fest begehst Du, sitzend dar,
Getrost in Deiner Kinderschar,
Im Schatten Deines Laubverschlags,
Wie Dir von Mose einst gesagt.
Judeas Rebstock grünt hier nicht;
Oliv' und Feige reifen nicht;
Du erntest in der rauen Luft
Nicht reiches Laub, nicht süße Frucht;
Und doch bist Du gesessen dar,
Getrost in Deiner Kinderschar;
Das Festzelt hier ein Örtchen fand
Wie einst in Palästinas Land.

Dreitausend Male schloss die Sonne
Den Kreis, wo sie das Jahr begonnen,
Noch immer baust Du den Verschlag,
Wie einst von Mose Dir gesagt.

Jerusalem ist tief entehrt;
Des Tempels Mauern sind verheert;
Verflossen ist schon längst die Zeit
Des Glanzes beider Herrlichkeit.
Trotzdem, Dein Zelt steht jedes Mal
Bei Völkerschaften ohne Zahl,
So bald die Schal' am Himmelszelt,
Das Tagesmaß hat gleichgestellt.***

Wir - tasten in Unsicherheit;
Die Wiege liegt in Dunkelheit;
Dass Gott uns hat hierhin gebracht,
Wird nicht gefeiert, nicht gedacht!

Dreitausend Jahr' hast Du gezählt,
Dass Dich der Ew'ge auserwählt;
Dass, als Du flohest vor Gewalt,
Sich öffnete im Meer ein Spalt;
Dass, ohne Dach, ein Leben lang,
Die Schare ging den Endlosgang;
Die Wolkensäule führt' den Zug,
Und Manna war Dir Speis' genug.
Du feierst bis zur heut'gen Zeit,
Dass Gottes Arm Dich hat befreit.

Deswegen, ehrlichen Gemuts,
Entbiete ich den Friedensgruß.
Wer voller Hohn zur Hütte kam -
Nicht ich, Du Kind von Abraham!


De Israelitische Loverhut

Aus: Staring 1836/1837 Gedichten
Arnhem, Nijhoff.

Vertaling Jaap Hoepelman Februar 2025

Dirk Jansz van Santen:

Jüdisches Laubhüttenfest, Bibelillustration (1682)


* Doctoraalscriptie Paul Hendriks Leiden 1997

**"ehrlichen Gemuts"...ich weiß, ich weiß. Mangels Reimwortes war ich auf der Suche nach Assonanzen für meinen quasi-altmodischen Text und fand eine passende Stelle:

Eines ehrlichen auffrichtigen Gemuts zuseyn/ nicht ruhmräthig vnd geitzig/ der mit eim billichen Lohn

*** Gemeint ist die Zeit nach dem Mondkalender, die Tag-und-Nachtgleiche, in der Tag und Nacht ungefähr gleich lang sind und in der das Laubhüttenfest gefeiert wird (September, Oktober).







Dienstag, 15. Oktober 2024

Gerrit Achterberg, die Ballade vom Gasfitter

 


Bildergebnis für gerrit achterberg
Gerrit Achterberg
1905 - 1962

Ich habe mich an eine Art Mammutaufgabe gewagt. Gerrit Achterbergs Ballade vom Gasfitter, ein Zyklus von 14 Sonetten. Achterberg hatte ernste psychische Probleme. Seine Vermieterin (Geliebte?) hat er erschossen und ihre Tochter...man weiß es nicht so genau. Er wurde verschiedene Male in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.  In seinem Wahn versuchte er immer wieder die Ermordete herauf zu beschwören, und diesen Wahn vermischte er mit christlichen Motiven. Er kam aus einem streng christlichen Elternhaus, und Gott, Tod, Teufel, Jesus, Petrus, Geliebte und Personal der psychiatrischen Klinik liefen bei ihm durcheinander. Er war aber ein brillianter Dichter. Die Art in der er Alltagssprache wie selbstverständlich in Poesie verwandelte war stilbildend für viele Nachkriegsdichter. Martinus Nijhoff , eine Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts, hat ihn sehr bewundert. In der "Ballade vom Gasfitter" findet man diese Elemente alle wieder: Biblisches und Alltägliches werden vermischt und scheinbar banales technisches Vokabular wird mit Symbolik aufgeladen. Die Nähe und den Gegensatz von "God" (Gott) und "gat" (Loch) nutzt Achterberg virtuos in der Darstellung des Wahnsinns seines Klempners.  Hat die Pistole nicht ein Loch verursacht? Die "Ballade" ist nicht leicht zu interpretieren, aber Achterbergs Wimmelbild aus Bildern und Bedeutungen stellt ja nicht umsonst die Welt eines Wahnsinnigen dar.
Die Ballade vom Gasfitter wurde 1954 mit dem Poesiepreis der Gemeinde Amsterdam ausgezeichnet. Für sein gesamtes poetisches Werk erhielt Achterberg 1959 den Constantijn Huygens Preis

Bildergebnis für gerrit achterberg gasfitter

Die Ballade vom Gasfitter

Gerrit Achterberg, 1953.

I

Du bist von hinten zu den Wohnstätten gekommen.
An den Fassaden, zwischen den Gardinen,
bist Du fortlaufend aus dem Nichts erschienen
als ich im Gehen Einblick hab' genommen.

Im Weitergehen musst Du ab und an erscheinen,
das nächste Fenster gibt mir Recht und du wirst aufgenommen.
Ein Jansen wohnt hier, Jansen mit den seinen,
in seinem Namen möchtest Du entkommen.

Doch das heißt nichts. Die Türen sind geduldig;
sie haben Klingel, Briefkasten und Stufen.
Der Apfelkaufmann lockt mit seinem Rufen,
und es gibt viele Arten Dieterich.
Auch ich komme herein, todernst, total unschuldig,
zu Ihren Diensten, als Gasfitter berufen.

II

Dann - am hellen Tag bei Dir bei meiner Arbeit,
vermummt als Angestellter der Gemeinde - gehen
meine Augen rund und sehe ich Dich stehen.
Die Decke wird zum Deckel mit der Zeit.

Die Wände sind aus Erde. Wir laufen an.
Die Kammer ist gesättigt, wie ich merke.
Es geht auch nicht. Ich zieh' die Schrauben an.
Beschränk' ich mich auf  die Gewerke,

so bleiben wir bei unserem Inkognito,
während ich bückend, kniend, den Fehler richte,
bäuchlings überprüfend, was ihn verursacht.
Und immerzu nur denken: Es ist besser so.
Totschweigen, mit einem Hammerschlag vernichtet.
Totstille, die die Hammerschläge heil macht.

III

Sollte ich die Wohnung inundieren?
Oder Löcher in das Gasrohr drehen?
Ich kann die Falle sehen; muss Schlüsse inspizieren
und mach' den Fehlschluss hastig ungeschehen.

Dann würde nämlich später in der Zeitung stehen:
"Aus unbekanntem Grunde fand ein Fitter,
in der Ausübung seines Bestehens,
den Tod durch Gaserstickung. Das Geschehen
im nächsten Wohntrakt war genau so bitter,

wo die Vermieterin ein gleiches Ende fand.
Sie lag vornüber, in der ausgestreckten Hand
steckte ein Brief, in dem am Anfang stand geschrieben:
"Egal wie groß die Welt, ich komme wieder".
Sie wurde, scheint es, überrascht beim Lesen
kein Überspiel ist es gewesen".

IV

Das kleine Loch ist endlich dicht.
Langsam suche ich mein Zeug bei-
sammen, die Beine sind wie Blei.
Der Schweiß läuft über mein Gesicht.

Als ob ich Übermenschliches verrichte,
will ich mit einer Geste mich erklären,
und dreh' mich zu Dir um, doch Du bist nicht mehr
da. Es gibt nur noch das späte Mittaglicht.

Den Werkzeugkasten hebe ich vom Boden auf
und stell' ihn auf die Schulter. Im Gang
erwecken meine Schritte hallenden Gesang.
Die Tür fällt zu. Der Straßenlärm hat beinah auf-
gehört. Ein dichter Nebel nimmt die Sicht.
Recht hatt' ich diesmal offensichtlich nicht.

V

Wieder zuhause, es ist Essenszeit,
ich bin zu Tisch, da geht das Telefon.
Ich nehm' den Hörer ab und in bestimmtem Ton
klingt eine neue Order von der Überseite.

Der Herr Direktor. Seine Stimme laut und schrill,
mit im Verborgenen ein weicher Ton.
"Morgen in die gleiche Strasse gehst du, mein Sohn.
Es ist sehr wichtig, was ich von dir will".

Kein Esel stößt sich zweimal an dem gleichen Stein.
Am besten wär', ich blieb' hier nicht allein,
lieber noch heute Abend angeschaut
das Hochhaus, auf die schnelle hingebaut
dort gegenüber. Mit jedem Nummernschild
wird mir dann klarer, was er von mir will.

VI

Ich konnte diese Nacht nicht mehr erfahren.
Der Hausmeister war eingeschlafen. Abgespannt,
weswegen ihm die Nummern glatt entfallen waren.
Sein Kopf lag auf dem Arm gekantet. Gespannt


warf ich den Blick durchs Fenster. Es wehte
sanfter Wind. Auch raschelte es leise
über dem Boden. Pflichtvergessen lebte
hier ein Mensch, der mir aus dieser Scheiße

hätte helfen können, wenn es nicht
so leer geworden wäre und zu düster,
als dass ich hätte wecken dürfen mit Geflüster.
Dann würde er den Kopf verlieren. Das ging nicht.
Auch den Direktor koste es das Haupt.
Niemand hört mich gehen. Hat er aufgeschaut?

VII

Schon unterwegs, kaum ist die Nacht vorbei,
der Schlaf noch in den Augen, scheinen mir
die Straßen in der ersten Stunde vogelfrei,
dabei bezog das Endziel schon Quartier.

Ein sicheres Gefühl, wie früher nie gewesen.
Einer von der Direktion, auf einem Zwei-
rad. Ich grüße, doch er er schaut an mir vorbei.
Sicher wieder Knatsch mit seinem Besen.

Vielleicht erscheint es ihm verdächtig,
dass er mich trifft in Stadtbereichen,
wo ein Fitter nichts mehr kann erreichen.
Hier wohnt ein junges, ruchloses Geschlecht
in einem anderen Licht. Wo man mich registriert hat.
Deswegen richte ich die Schritte richtung Stadt.

VIII

Ich nähere mich der letzten Möglichkeit.
Weiße Knöpfe, in einer Reihe bissbereit,
verspotten mich, wie falsche Zähne aufgereiht.
Verbissen führen meine Finger Streit.

Während ich im Stehen nagelbeiß',
springt jäh die Tür auf. Als wäre sie bestellt -
die Putze hat den  Ascheeimer hingestellt.
Ich hätte mich sonst nie entschieden, doch ich weiß:

Die Zeit ist knapp. Das Loch, wo ist es, will ich wissen.
Sie zeigt nach oben mit einer Spur Sarkasmus,
die bedeutet: Du bist wohl nicht ganz dicht.
Das weiß ich; Ohne Beten bin ich aufgeschmissen.
Der Aufzug fährt nun aufwärts richtung Schluss
von dem, was noch kein Fitter hat gedichtet.

IX

Je höher, dass ich steige, umso größer die
Entfernung zwischen Dir und mir. Das Leben
fühlt sich an von Nickel und von Stahl umgeben.
Ein leeres Nietloch gab's in diesem Bau noch nie.

Hier gibt's kein Gas. Gott ist das Loch. Er stürzt
die Tiefen über mich, um zu erleben
an einem dreisten Fitter, das Gefühl sich göttlich zu erheben.
Ein Loch, das sich mit jedem Stockwerk kürzt.

Stockwerk über Stockwerk stürzt nach unten.
Bestürzter kann kein Fitter sein.
Womöglich fällt ein letztes Wort mir ein,
wenn ich ihn frage nach dem ersten Grund.
Ich verspüre einen Stoß. Hier muss ich raus
und setz' mich Seinem Ratschluss aus.

X

Türe an Türe öffnen sich die Säle.
Herren aller Zungen, Rassen, Länder
rufen im Chor, als sähen sie Gespenster:
"Uns kannst du keinen Stuss erzählen."

Bin ich dafür unterirdisch auf dem Bauch gelegen?
Hat mir der Abstieg in der Glasschacht
nur einen Beutel Schmutzwäsche gebracht?
Hört, wie die sich emsig hin und her bewegen.

In dieser Gegend schau' ich mich ein wenig um.
Inzwischen wird es Mittag, soviel ist mir klar.
Die Schulen haben aus. Die Stoßzeit ist gekommen.
Die Kinder, von den Müttern mitgenommen,
erzählen. Fahrräder klingeln. Autos fahr-
en schnell an mir vorbei, als stünd' ich nur herum.

XI

In der Asche drehen Gasfabriken leer
um ihre Achse; es konnt' ein Vakuum entstehen.
Bedenke Leser! Nur eine Seite vorher
sah seine Pläne grandios daneben gehen

derjenige, der ohne Hoffnung auf nur irgendwas,
ängstlich wie ein Hund davon geschlichen war,
doch der im Blitzlicht Ihrer Augen las,
wie die Erwartung eines Fitters war.

Zur Chefetage nehme ich die Kürzung.
Der Herr Direktor öffnet mir persönlich
und unterwirft mich einer schmerzlosen Befragung.
Hier weiterhin zu lügen lohnt sich nicht.
In seiner Brille wimmelt es, als weint er über mich.
Er schüttelt meine Hand, ermannt sich, zieht sein Spottgesicht.

XII

Der christliche Gewerkschaftsbund, zu dieser Zeit
ruft alle Klempner auf, sich unverzüglich zu beeilen
zur Hauptversammlung, um ihnen mit zu teilen,
dass einer unter ihnen die Regeln hat entweiht,

weil er mit den Instrumenten hat geschafft,
wo immer er sich aufhielt, so der Befund
und wegen Schäden an der Körperschaft,
fordert Bekenntnis seiner Schuld aus diesem Grund.

Zum ersten Mal in der Geschichte
knien die Gas- und Wasserwerker nieder,
ohne zu suchen, wo die Löcher sich verstecken;
zusammen, solidarisch in den letzten Ecken.
Dann spricht der Leiter: Sündige nie wieder!
Sie ziehen hin, sind sich todsicher.

XIII

Nach Jahren finden wir den Klempner
wieder, im Altersheim. Die Haare ausgebleicht,
ein seniler Rentner, der im Verzeichnis
aller Straßen mümmelnd auf die Namen zeigt.

Tisch und Bett muss er benützen
mit Boten, Wechsler und Monteur.
Weil mit ihm Essenfassen ein Malheur
ist, kriegt er ständig auf die Mütze.

Bis zu seinem Tod ist er versorgt.
Krankheits- und Begräbnisbeitrag reichen
gerade um genügend Karitas zu zeigen
und zu verhindern, dass der Vater ihn entsorgt.
Obdach stellt die öffentliche Hand.
Das Recht auf Kautabak gehört zum Reglement.

XIV

Die Augen gingen zu zum Schluss.
Der Mund ging auf und wurde zugebunden.
Gemessen wurde er und für gepasst befunden,
den Sarg zu füllen, der Länge nach sechs Fuß.

Alle erbrachten ihm den letzten Gruß:
Jansen, Putze und Direktor, in dieser Stunde
mit denen aus dem Hochhaus fest im Bunde,
wie ich, in Frack, Stock und Zylinder, wie es muss.

Am Grab hielt jedermann den Mund.
Man trat hervor und schaute kritisch zu,
wie der Fitter langsam in den Grund
sank, vielleicht um Irrtümer zu sichten
als er dabei war, sein letztes Loch zu dichten.
Er ruht in Gott. Die Erde deckt ihn zu.



Übersetzung Jaap Hoepelman
November 2019

De Ballade van de Gasfitter
Iemand van de Directie

Donnerstag, 3. Oktober 2024

Nijhoff: Das Lied der törichten Bienen.

 



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Das Lied der törichten Bienen ist ein Klassiker der niederländischen Poesie. Die Sprache ist manchmal exaltiert, aber bleibt trotzdem in der Nähe der Umgangssprache. Das Gedicht ist dermaßen mit Bildern, Metaphern und Assoziationen aufgeladen, dass es viele Generationen Niederlandisten in Lohn und Brot gehalten hat. Das Gleichnis der Bienen geht sowieso zurück bis auf die Antike, wie das des Dichters, der bis zur Selbstvernichtung das Höhere anstrebt. Das Reimschema, eine Verkettung a-b-aa, b-c-bb, c-d-cc , usw., wie aneinander geschaltete Glieder einer Kette erinnert an die "Scala Naturae", "die große Stufenleiter der Natur". Aufstieg und Fall des Ikaros! Zu dicht an die Sonne geraten! Der fallende Schnee, der ewige Kreislauf der Natur, des Weltalls meinetwegen...

(Andere Gedichte Nijhoffs in diesem Blog: Awater, Het Uur U, De Moeder de Vrouw)


                  Martinus Nijhoff  (1894-1953) 
                  
1925


            
      Das Lied der törichten Bienen                             


Ein Duft von höhrem Seim
verbitterte die Blumen,
ein Duft von höhrem Seim
trieb uns aus unsrem Heim.

Der Duft, und leises Summen,
im Himmelblau gefroren,
der Duft, und leises Summen,
ein stetig früh Verstummen

riet uns, Gedankenlosen,
die Gärten aufzugeben,
rief uns, Bedenkenlosen,
zu rätselhaften Rosen, 

weit weg von Volk und Leben,
auf Abenteuer aus,
weit weg von Volk und Leben,
jauchzend hinauf zu schweben.

Niemand stellt von Natur aus
sich seinem Trieb entgegen,
niemand hält von Natur aus
leibhaft den eignen Tod aus.

Stets heftiger erlegen
und strahlender erleuchtet,
stets heftiger erlegen
dem Zeichen zu begegnen

stiegen wir, entfleuchend,
entführt, verklärt, entdorben,
stiegen wir, entfleuchend,
als Glitzerungen leuchtend -

Es schneit, wir sind gestorben,
heimwärts hinab gerieselt -
es schneit, wir sind gestorben.
Es schneit auf unsrem Korbe.

Übersetzung Jaap Hoepelman 
Oktober/November 2020

Freitag, 29. März 2024

Jan van Nijlen, Antwerpen 1884 - Vorst1965


Dieses mal ein Dichter, der altmodisch unprätentiös war, mit einem leichten Zug ins Ironische, wie alle Romantiker. Er wird nicht mehr viel gelesen, aber wer liest denn überhaupt noch Dichter?

Das Leben des flämischen Dichters Jan (Joannes-Baptista Maria Ignatius) van Nijlen war spektakulär unspektakulär, etwas, das ihm von einigen seiner Biografen fast verübelt wird, denn wie eine packende Biografie schreiben, wenn skurrile Extravaganzen, appetitliche Verhältnisse, politische Fehlgriffe oder dramatische Ausflüge in die experimentelle Dichtung fehlen? Dabei hatte van Nijlen intensive Kontakte insbesondere mit niederländischen Kollegen, auch mit den prominentesten. Wir sehen ihn hier im literarischen Treffpunkt Schloss Gistoux, mit Kollegen Greshoff, Heller und du Perron

An einer Reihe flämischer und niederländischer Zeitschriften und Zeitungen arbeitete er mit. Als élève des Jesuitischen Collège Notre Dame (wo Flämisch sprechen verboten war), war er ein Kenner der französischen Sprache und Literatur, berichtete über französische Neuerscheinungen in der niederländischen Presse und schrieb Monografien. Nach seinem Verbleib in den Niederlanden, wo er bei Freund Greshoff Zuflucht gesucht hatte, als Antwerpen im ersten Weltkrieg unter deutschem Beschuss lag, fand er eine Anstellung als Übersetzer im Brüsseler Justiz-Ministerium, wo er nach und nach ganz regulär aufstieg zum Direktor der Übersetzungsabteilung. 

Dramatisches trug sich in seinem Leben dann doch durchaus zu. Sein Sohn wurde im zweiten Weltkrieg von der Gestapo verhaftet und starb 1945 im Außenlager Ellrich. Neben einer Unmenge Umzügen gibt es, zum Leidwesen der Literaturkritiker, außer dieser Katastrophe tatsächlich wenig zu berichten. Es hat ja auch gereicht. 

Nach einem anfänglich blumig-poetischen Stil in der Tradition der Achtziger entwickelte van Nijlens Sprache sich immer mehr in der Richtung des Parlando, wie es du Perron, Greshoff und Nijhoff betrieben. Bericht an die Reisenden ist dafür ein gutes Beispiel. Van Nijlen legt dar, dass auch der ganz durchschnittliche Mensch, auf ganz normalem Wege zu wunderbarer Poesie geraten kann. Und tatsächlich: Wer von den wenig gelesenen Dichtern hat schon eine der berühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur geschrieben, verewigt als Wandmalerei mitsamt dem dazugehörigen Gedicht im Antwerpener Zentralbahnhof, einem der schönsten Bahnhöfe Europas? Wie der Dichter sagt: Es führen viele poetische Wege nach Rom.





An offizieller Anerkennung hat es dann doch nicht gemangelt. Van Nijlen empfing unter anderem den belgischen Staatspreis und den niederländischen Constantijn Huygenspreis. Es kennzeichnet ihn, dass er bei keinem der Ehrungen (es gab mehr als die hier genannten) je persönlich erschien.


Bericht an die Reisenden


Steig' nie in einen Zug ohne Dein Gepäck mit Träumen:

Du schläfst in jeder Stadt in ordentlichen Räumen.


Sitz ruhig und geduldig, lass' das Fenster auf

Du bist ein Reisender, und keinem fällst Du auf.


Finde im Deinem Damals den Kinderblick zurück,

schau  unbestimmt und scharf, traumhaft und verzückt.


Und was Du wachsen siehst, die frische Frühlingsschicht, 

sei überzeugt: Es ist für Dich, für andre nicht.


Und wenn ein Handelsreisender tut seine Meinung kund,

und sei es über Filmzensur: Gott lächelt und Er wählt die Stund'.


Grüße in seinem Schalter zuvorkommend den Bahnhofsvorstand,

denn ohne seine Pfeife fährt kein einziger Zug ins Land.


Doch fährt der Zug nicht ab, lass' es nicht Schade sein 

um Deine Lust und Hoffnung und Deinen teuren Fahrschein,


behalte ruhig Blut und öffne Dein Gepäck; schöpfe aus dem Befund

und Du wirst spüren: Du verlierst nicht eine Stund'.


Und hält der Zug an einem sonderbaren Ort,

von dem Du nie gehört hast, noch mit keinem Wort,


dann ist das Ziel erreicht, und Du begreifst, was Reisen

heißt für die Verirrten und die wahren Weisen...


Sei nicht erstaunt, dass Du vorbei an Normwald, auf normalen Gleisen

im stinknormalen Zug, zum Herzen Roms kannst reisen.


Jan van Nijlen

Bericht aan de reizigers

Aus Verzamelde gedichten 1903-1964 

Uitg. v. Oorschot


Übersetzung Jaap Hoepelman März 2024

Donnerstag, 23. März 2023

Nijhoff: Het Uur U - Die Stunde Null

 Afbeeldingsresultaat voor willink schilderij


(Carel Willink. De Jobstijding)

"Die Stunde Null"- "Het Uur U", ist Nijhoffs zweites episches Gedicht, nach Awater. Es wurde 1936 geschrieben und erschien in 1942, und danach in verschiedenen Drucken während des Krieges. "Het Uur U" - "Die Stunde Null" ist ein Kriegsausdruck, vergleichbar mit "L'heure H" , "H-Hour", "D-Day", der Augenblick an dem die unwiderrufliche Entscheidung fällt. Kriegsdrohung lag in der Luft in 1936. Aber alles entscheidende Augenblicke gibt es nicht nur bevor ein Krieg ausbricht, sie können auch stattfinden im Leben einer Gesellschaft, einer Straße oder im Leben eines einzelnen Menschen. Es ist, als ob Rilkes Apoll an uns appelliert: "Du musst dein Leben ändern", oder Nijhoffs Soldatin der Heilsarmee in Awater. "Wir leben" sagt sie "unser ganzes Leben falsch.". Die Zeit steht still, man hört Wasser und Strom in den Leitungen...Aber der Moment kommt nicht. Noch nicht. Der Augenblick der Läuterung, der Epiphanie, geht vorbei und der bürgerliche Alltag, mit gedeckten Tischen, Porzellantellern und Servietten kehrt wieder ein. Nur bei den Kindern braucht es etwas länger, bis die Ordnung wieder hergestellt ist. Alles in Ordnung also? Die ungepflanzten Bäume sind wie ein Wald voller ungenutzter Chancen und die Stunde Null endet mit einem Seufzer nach dem unerreichbaren Paradies.

Die Stunde Null

Für St. Storm

Es war Sommertag.
Ausgestorben lag
die Straße, sengend in der Sonnenglut.
Um die Ecke kam ein Mann; ein gutes
Stück weiter auf dem Trottoir
spielten Kinder; winzig wie sie war
spielte die Gruppe keine Rolle,
machte die Straße keineswegs voller;
jetzt erst recht verlassen,
war sie der Sonne gänzlich überlassen.
Sogar solche, die die Natur spazieren
schickt, zu dieser Stunde und hier,
der Student, die Dame, die niemand kennt,
der Lehrer in Rente,
gingen heute nicht den normalen Gang
der vertrauten Straße entlang.
Ja sogar der Grundarbeiter,
arbeitete nach drei nicht weiter
die Grabarbeit im Mittelstreifen
für die Bäume ließ er bleiben,
und den Spaten einsam stehen
um schleunigst sonst wohin zu gehen.
Doch fremder, ja über die Maßen
fremder als dass die Straße
leer war, war das beim schnellen Gang
völlige Fehlen von jeglichem Klang;
dass mit seinem Schritt der Mann,
der jetzt um die Ecke kam
diese Ruhe gar nicht störte,
im Gegenteil, dass tieferes Nicht-Hören
eintrat mit jedem Tritt,
gehend in gestrecktem Schritt.
Kein Dieb und kein Spion beim Schleichen,
übertraf das, was er mühelos erreichte
und das flügelbewährte Leder
von Gott Hermes, auf dem er
von seinem Gipfel pflegte zu reisen
durchkreuzte den Raum nicht so leise
wie es der Mann auf dem Straßenbelag
in normalem Schuhwerk tat.
Er erzeugte auf dem Trottoir
das unheilverkündende aber unhörbar
in den Himmel geschossene Gerücht
eines abgefeuerten Fliegerberichts;
aus einem Wölkchen platzt Licht,
das zum Stern auseinander bricht,
und dem ganzen Frontabschnitt entlang
weiß es nun jedermann:
dies meldet die Stunde Null,
jetzt wird es beginnen, nun
ist vorbei die Unsicherheit
der mir vorgesehenen Zeit,
jetzt ist es für alles zu spät.
Die Stille, die dabei entsteht
ist Stille nicht der Form nach nur,
eine Stille vor dem Sturm,
sondern eine Stille in der man
Dinge hören kann
die das Ohr noch nie vernahm.
So auch hier. Als der Mann kam
und in gestrecktem Pass
voranschritt, fing man an das Gas
in den Rohren unterm Haus
zu hören, und wie Wasser rauscht
in der Kanalisation und einen funkenden Summerton
im Draht zum Radio und Telefon,
als wären Bienen in der Gegend.               
Hinter den Vitragen nichts, das sich regte.
Für gewöhnlich, wenn hier jemand geht,
wird mit großem Interesse gespäht:
Vorsichtig schiebt man mit den Händen
Vorhänge zur Seite, denn
jeder Vorbeigänger ist
hier ein ziemliches Ereignis.
Gab's nichts zu sehen
an ihm? - War es ein Versehen
weil alles schlief,
oder dass er so leise lief,
dass hinter keinem Vorhang einer schaute?
Nein,  nein, jedes Fenster war ein Auge,
war das zugeschobene Augenlid
einer Eule, die auf einem Wipfel sitzt
und regungslos auf ihrem Ast
spähend jede Regung erfasst.
Diese absolute Stille dann,
fing wie Musik zu zittern an.
Panik ist ein großes Wort,
aber es beschreibt, wie dort
in diesem Augenblick die leere Straße
ein ungenannter Schrecken erfasste.
Ein träges Wölkchen; eine im
Blauen entfaltete Insel am Himmel
bedeutete die Offensive, die
bevorstand; jetzt oder nie.
Hätte einer ein Fernglas erhoben
säh' er im Azur weit oben
einen Kreuzer, feuerbereit.
Freund oder Feind?
Nicht auszumachen, weil
Flaggen gehisst auf dem Schiff waren keine.
So trug auch dieser Mann nicht das kleinste,
womit man sonst den einen Mann
vom anderen unterscheiden kann.
Und auch die Musik sang weiter, sie
wurde zur großen, schweigenden Polyphonie.
Denn seitdem Wasser und Gas
und das Summen die Stimme besaß
der elektrischen Spannung,
hatten auch Herzklopfen, und Erwartung,
und Gähnen und stille Hoffnung,
und Kreislauf, und Verzweiflung,
kurzum das immer Überstimmte,
in die ferne Hymne eingestimmt,
die, ob man wollte oder nicht,
immer klarer im Klang sich
aus der Stille heraussang.
Sehnsucht, erdrückt im Würgestrang,
ein Kind, im Brunnen erstickt,
ruft, wenn es plötzlich erschrickt
nach Spielkameraden in der Not.
Denn was tot ist, ist tot,
doch was ermordet ist, lebt fort,
lebt fortan ungestörter fort
als der, der unbehelligt weiterlebt.
Die Tat, nicht abgelegt,
verursacht Schaden mehr, als die vollbrachte Tat.
Als Gestorbener zu sterben, nach getaner Tat,
ist Gnade, doch wehe dem, der
Leben und Sterben
zugleich erleidet in doppelter Agonie:
Nichts überbrückt für ihn die Schlucht, die
Tod und Leben trennt.
Er ging, wie einer, der fast rennt
der Mann, aber nicht schnell genug,
als dass nicht jede Scheibe mit einem Hauch beschlug,
dem Atemhauch aus seinem Mund,
den er aufriss bis zum Schlund,
den er aufriss, sperrangelweit.
Doch Worte kamen nicht; zu gleicher Zeit
mit diesem unbenannten Pein
stellte mit der Musik sich ein
- wohlgemerkt, in einer Straße, die, wenn
es geht, den eigenen Kummer nicht erwähnt,
die, im Gegenteil, sich lustvoll breitmacht über Leid,
das das Leben anderen bereitet, -
wohlgemerkt, in einer solchen war's gerade,
wo hinter Fenstern und Fassaden
gesammeltes Stammeln sich
höllisch erhob, - zum x-ten
Male, jeder Schrei war geschmort -
als dieser höllische Akkord
dort in der heißen Luft vibrierend stand,
so, dass wer sich an diesem Ort befand
wohl ähnlich vorgegangen wäre,
- will sagen: fortgegangen wäre -
wie der Mann, der stehen ließ den Spaten,
der die Löcher hatte gegraben,
doch die Bäume nicht gepflanzt,
- als dort die Dissonanz
immer schrillere Spiralen schrieb
zur schuldlosen Wolke, die oben blieb,
schwimmend im unbewegten Meer, -
brachte die Musik noch viel mehr
mit sich (denn so ist Musik: sie spielt):
während mittlerweile das Bild
des unentwegt schreitenden Fremdlings
an den Häusern weiterging,
wurde jedem Sterblichen, der zugegen war
eine Vision gewahr
einer schier himmlischen Euphorie.
Da war einmal der Arzt, der die
Praxis in der Straße
erst dann angefangen hatte,
seit er als junger Assistent
ein grundlegendes Experiment
nicht weiter machte,
weil es höchstens trocken Brot einbrachte, -
ihn führte die wilde Musik
in das stille Klinikum zurück,
und er sah, wie er dort stand:
Gummihandschuhe, weißen Kittel an,
im Regal entlang der Wand
aus Glas, Glasur, Email, Metall, allerhand
klirrende, glänzende Sachen
die eine bessere Zeit versprachen. -
Auch der Richter hat sich wiedererkannt,
er trug nicht das Amtsgewand,
keine Robe, kein Barett und kein Jabot - nur
mit seinem Rechtsgefühl als Richtschnur,
getreu dem richterlichen Eid,
im Namen der Gerechtigkeit
hat er mit erhobener Hand
sich zur eigenen Schuld bekannt
und wen ungesühnt verbrochen
hatte, von der Sünde freigesprochen.
Die Dame wiederum, die niemand kennt,
das Luder, wie man sie auch nennt,
sah, wie sie wie Diana stand
ohne Bluse, nackt im Wald.
Und ein Hirsch ging für sie in die Knie,
als er kniete, kniete auch sie:
ihr bebte die Hand und ihr Auge strahlte,
als sie am lebendigen Wasser sich labte.
So gab es für jeden was,
für den dies, für die das.
Doch das reine Glück, das man erfuhr
dauerte Sekunden nur,
und wurde sofort wieder zerstört.
Gewissermaßen war man an Bord
eines rostigen Seelenverkäufers gelandet.
Im Wirbelsturm gestrandet
blickt man dem abgedrehten Rettungsboot
verzweifelt hinterher, so dass man in der Not,
wie es der Glauben gebietet,
Öl auf die Wellen gießt:
Einen Moment tritt Ruhe ein, Ruhe ungekannt:
das Schiff liegt regungslos, doch schon schlägt übers Want
die schwere See, mit Öl vermischt,
die Ölverseuchte Gischt
gerät ins Feuer, explodiert, das Wrack
voll faulem Wasser sackt
wie ein schlammgefüllter Prahm.
So sank, an jedem Fensterrahmen,
ein Mensch dem Spiegelbild
entgegen, dem eignen rettungslosen Bild.
O, das Öl war zwar vergossen
aber keineswegs vergeudet!
Einen Moment lang hat der Geist
in fernen Gestaden umhergeschweift
und war um dorthin zu gelangen
wie ein Kamel durchs Nadelöhr gegangen.
Und kam an in welchem Land?
Auf Erden.- Er war im eigenen Land gelandet. -
Wie ein Mond war die Hand, die sich träge
über die schweißnasse Stirn bewegte;
auch das glasige Auge blinzelte nicht,
dem Mond gleich, nicht dem Sonnenlicht.
Doch bald, ein Sturzbach, sich vom Eis 
befreiend, schoss das Blut,
schon schwamm hinweg auf dieser Flut
- wie nach Gewitter auf einem Fluss ein Baum
davonschwimmt - der Traum
über das eigene Geschick
fort aus dem Blick,
und atmete man auf, befriedigt,
wie nach dem Amen einer Predigt.
Der Geist, als er herunterstrich
aus diesem leeren Alles oder Nichts
und wiederkehrte in den Sarkophag
von Brot und fester Arbeit jeden Tag,
war froh, dass dieser Tod
ihm endlich Raum zum Atmen bot.
Er war, zurück im Fleische, müde zwar,
mehr als nur müde gar,
aber platt gesagt heilfroh dar-,
über, schwach wie es war:
Kein so großes Manko in der Kasse,
das in der Schlussbilanz nicht passte,
das man dem dämlichen Kollegen
nicht an die Backe könnte kleben.-
Doch schau her, der Kumpel saß
und schwitzte schon am Arbeitsplatz,
so dass der Geist, beschämt hinunter schauend
zu ihm zu gehen sich nicht traute,
ohne verräterische Tränen zu verdrücken.
Dieser aber wollte keinen Stuhl verrücken,
und blickte stur auf die Belege
ohne den Schreibstift aus der Hand zu legen.
Länger zu bleiben hatte keinen Sinn,
somit flog der Geist wieder hin
zum Ballungsort, azurn und leer
zwischen der Sonne und unserem Planeten.
Kurz schaute noch der Kompagnon
dem Reumütigen nach im Flug,
sann, sah in der Luft
eine Wolke, und dass da ging
noch immer dieser Eindringling,
noch immer dieser Mann
in der Straße, wo sein Lauf begann.
Es ist aber wohl ersichtlich,
- denn allmählich kam man wieder zu sich
aus dem tiefen, hypnotischen Bann,
und der Mann kam flott voran -
dass man ihn jetzt auf den Rücken
sah. Man war nicht unbedingt entzückt,
will heißen:
er wurde nicht gerade willkommen geheißen;
und wieso hätte man auch sollen?
Aber Gott sei Dank schien er weiter zu wollen.
Es hatte immer mehr den Anschein,
man würde ihn bald los und von ihm erlöst sein.
Und als er fortschreitend Land nahm,
und die Wahrscheinlichkeit zunahm,
gab die ganze Straße, allesamt und jeder alleine
- bis auf einen,
für den Aufmerksamen ist klar,
dass es der Richter war, -
gab, ausgenommen der Richter, dem Mann,
die ganze Straße alsdann,
- sit verbo venia, dieses Wort mag erlaubt sein, -
das heilige Kreuz beherzt hintendrein.
Aber wie so oft zuvor
pries man den Tag bevor
es Abend war -
wofür dann Lehrgeld zu entrichten war.
Der Mann hatte ja die Straße
immerhin noch nicht verlassen.
Flach an der Scheibe, das Vitrage-Netz
blutrot, tief in die Stirn gepresst,
konnte man noch sehen wie er ging.
Als auf einmal etwas vor sich ging,
das der Straße die Sprache verschlug
und Schaudern in die Herzen trug.
Kochend vor Wut, die Faust geballt und leichenblass
schaute man auf das Entsetzliche, das
da unten vor sich ging.
Der Mann, der unbeirrt weiterging
hatte das Grüppchen auf dem Bürgersteig,
die Kinder, die dort spielten, erreicht. -
Oft ist es gar nicht, was es scheint,
was die Kinder im Spiel vereint:
Oft stehen sie ja nur herum
und geht es um
die Wörter selbst, und das Vergnügen,
Wörter einfach zusammen zu fügen.
Dass von der kleinen Viererschar
eins ein kleines Mädchen war,
war etwas das erst auffiel
wenn der Blick darauf fiel,
ihr Matrosenhemdchen, wie beim Schotten,
weitete sich zum Faltenrock.
Einer der Buben stand voller
Stolz auf einem Roller
und er zeigte, dass dieser sogar
mit Richtungsanzeigern versehen war.
"Das macht es nicht zum Automobil" sprach klug
der größte, der einen Knickerbocker trug.
"Von Autos gesprochen", meinte
er noch mitleidig, "habt ihr denn etwa keines?" -
Das Mädchen legte das Bein mit einem Schlenker
über den vernickelten Lenker,
- alles an ihr war Natur:
die Haare und die Bubifrisur,
ihr Stupsnäschen leicht gebogen -
ein Kind, noch nicht zum Benimm verbogen,
"das ist mir bei meinem nie geglückt",
sprach sie und schwang das Bein zurück.
Die Hände, fachmännisch hinterm Rücken versteckt
- im Badeanzug, wo hatte er sie hingesteckt? -
rief der kleinste: "Klingelt die Klingel?"
Die Klingel klingelte.
Und er: "Na also,
Klingeln gibt es nicht am Auto."
Der Besitzer aber wurde nicht müde
und ließ mit erstarrten Zügen
die Richtungsflügel auf- und zugehen.
Einem Wunder kann keiner widerstehen.
Alle blieben schweigend stehen, etwas betreten,
dann aber kam der Mann herbei getreten.
Es gibt ein viel geliebtes Spiel
von Kindern, die
es nennen "schattentreten".
Es geht ein Mann. Auf seinen Schatten treten
Kinder. Für gewöhnlich machen sie zwei
Schritte, und er einen.
Es ging durch Mark und Bein,
Es war herzzerreißend, in einer Reihe
das Grüppchen auf dem Steig
mit dem Fremden gehend
davon hüpfen zu sehen.
Es schnitt, schnitt einem durch die Seele.
Knickerbocker und Matrosentracht
tanzten, wie ein junges Paar, einträchtig
Seite an Seite,
haltend an den beiden Seiten
die beiden anderen an der Hand:
Der Badeanzug kam ohne Schuh gerannt
und ohne zweiten wohl auch bald
aber der Matrose im Faltenrock half,
während neben dem Knickerbocker
der Besitzer vom abgestellten Roller
soviel er konnte sich beeilte.
Es war höchste Zeit: Kein weiteres Verweilen
bis dies nicht ein Ende nahm.
Aus den Häusern kam
der scharfe Klang
von Klopfen auf Scheiben den Fassaden entlang,
als riefen aufgedrehte Hennen die Küken zurück in den Stall.
Die Kinder hörten nicht. Was war der Fall?
Gerade war etwas vor sich gegangen
und hielt sie für den Augenblick gefangen.
Der Schatten hielt ein. Sie blickten auf
und nahmen unverzagt den Fremden auf.
Ernst schaute er von wo er stand,
der Kopf ihnen halb zugewandt.
Verdutzt waren sie nicht,
aber hielten an den Händen sich
tapfer fest. Wie Däumlinge standen die Kleinen
und schauten auf die Kieselsteine.
Es war eine Minute vielleicht,
aber sie dauerte eine Ewigkeit.
Dann tat der Mann noch einen Schritt
mit seinem sonderbar gestreckten Tritt
und in wenigen Sekunden
war er um die Ecke verschwunden.
Sofort öffneten die Fenster sich
weit, weiter ging ja nicht.
Man wusste nun Bescheid:
Es war um die Essenszeit.
Denn was gab es dort zu sehen?
Man sah gedeckte Tische stehen.
Und was nahm man wahr?
Suppenterrinen und Silberware
in der Mitte des Tisches platziert.
Servietten fein säuberlich drapiert,
die Porzellanteller daneben
waren von Silberbesteck umgeben.
Aus geöffneten Vordertüren
stürzten jetzt die Mütter,
Kindernamen rufend, beinahe schreiend,
in die Hände klatschend herbei.
Doch von anderer Seite
kam jetzt ein Flattern, leiser.
Es waren Spatzen und Meisen,
Amsel, Möwe, Fink und Star,
es kam von oben her. Die ganze Schar
flatterte von First und Rinnen
zum Tirilieren, Zwitschern, Singen
aus voller Brust, mit zitterndem Schnabel
ein Trillern, Pfeifen, Krächzen, Schlagen
bis hinunter auf den gleichen Gleisen,
worauf sich die Elektrische beeilte
um gut zu machen die Verzögerung
nach einer kürzeren Ablaufstörung,
folge von einem Kurzer im Netz
und die nun, rappelvoll besetzt,
versuchte so schnell es eben ging
Zeit zur Endhalte zu gewinnen.
Doch Kinder sind, einmal gegangen,
(so sind sie, sogar hier) nur mühsam einzufangen.
Es brauchte eine gute Viertelstunde,
bevor die Servietten vorgebunden
und alle ordentlich am Tisch
gesessen waren. An der Türe und auf dem First,
von niemandem gestört
wurde ein Bettelliedchen gehört
von einem Vogel, der aufgeweckt,
den kleinen Schnabel hochgestreckt,
am Fenster sang ein kleines Gedicht.
Nur in den Bäumen nicht.
Nein, in den Bäumen nicht,
die standen ja noch nicht.
Aber wie schön, ach welche Pracht
sind sonst Blüten und Blätterdach. -
Wie schön? Der Himmel weiß wie.
Doch wissen kann man nie....

Übersetzung J. Hoepelman Oktober 2017




Gedicht des Monats

J.H. Leopold 1865 - 1925 In meinem Beitrag über Ida Gerhardt zitierte ich ein Gedicht ihres Lehrers Leopold, eines der vornehmsten Dichter  ...