Herman Schaepman 1844-1903
Nach dem achtzigjährigen Krieg, (1568-1648), waren die Katholiken in den Niederlanden von höheren Ämtern ausgeschlossen. Ihre Kirchen waren umgewidmet worden, ihre Religion konnten sie nicht in der Öffentlichkeit ausüben.
Ihre Lage führte zur Entstehung von versteckten Kirchen – wie "Unser Lieber Herr auf dem Dachboden"in Amsterdam, die der städtischen Obrigkeit wohlbekannt war, aber nach der merkwürdigen niederländischen Sitte* "gedoogd", d.h. toleriert wurde. Die Cannabisgebraucher, die im gleichen Viertel von der Toleranzpolitik ("gedoogbeleid") profitieren, wissen wovon ich rede. Dass die Dichterin Anna Bijns vom lutherischen Glaubenseifer nicht begeistert war, versteht jeder, der die Berichte über das Wirken der Bildersturm liest, z.B. in der Antwerpener Liebfrauenkathedrale, oder in der Bibliothek des Domikanerklosters zu Gent. Deren Inhalt wurde vollständig in den Fluss Leye geworfen, sodass man trockenen Fußes vom einen Ufer zum anderen gehen konnte.
Der Bildersturm 20 August 1566 in der
Liebfrauenkathedrale zu Antwerpen
Die Benachteiligung der Katholiken (und anderer Religionsgemeinschaften) dauerte an, bis 1796 das "emancipatiedecreet" vom Parlament der unter französischem Druck entstandenen Batavischen** Republik angenommen wurde. Das bedeutete jedoch nicht, dass es den nicht-reformiert-protestantischen Religionen leicht gemacht wurde, ihre formell gleichwertige Rolle auszugestalten. Um 1850 macht sich der Dichter und Pastor De Génestet noch lustig über die diskriminierende Sitzordnung der Aula der Universität Amsterdam, die nicht-calvinistische Studenten hinter eine Trennwand zwang:
Den Lutheraner, Remonstrant,
Bei solchem Festgenuss
schiebt und drängt man aufeinander
hinter das Schott - als Ausschuss
(Übers. Jaap Hoepelman)
Bei solchem Festgenuss
schiebt und drängt man aufeinander
hinter das Schott - als Ausschuss
(Übers. Jaap Hoepelman)
Im mühsamen Prozess der Umformung der Republik der sieben Provinzen zu einem Nationalstaat wurde unter anderem versucht, die von den Protestanten übernommenen Kirchgebäuden der katholischen Kirche zurückzugeben. Das Vorhaben stieß auf dermaßen starken Widerstand, dass die Regierung sich 1824 gezwungen sah, die Zuständigkeit für Kirchenbauten per königlichem Dekret an sich zu ziehen. Die Besitzverhältnisse sollten unverändert fortbestehen, während die Verantwortung für Instanthaltung und Neubau in der Praxis den Ingenieuren des "Rijkswaterstaat" (die Wasserbaubehörde, in der die versiertesten Ingenieure arbeiteten) übertragen wurde. Die Regierung gewährte finanzielle Unterstützung bei Bau und Renovierung. Die Regelung galt nicht nur für die katholische, sondern auch für andere Glaubensgemeinschaften, wie etwa die jüdische. Die verinnerlichte calvinistische Sparsamkeit blieb dabei oberstes Gebot, was eine Reihe schlichter, ingenieurmäßig gebauter Kirchen zur Folge hatte***.
Ein nicht ganz typisches Beispiel ist die Moses-und-Aaron-Kirche in Amsterdam, gebaut unter Oberaufsicht des Rijkswaterstaats, interessanterweise an der Stelle eines Hauses in dem 1632-1641 Spinoza gewohnt hatte und wo sich seit 1649 eine versteckte Kirche befand.
Nach der Wiederinstandsetzung der römisch-katholischen niederländischen Kirchenprovinz, im Jahr 1853, organisierte sich nach und nach ein katholisches öffentliches Gemeinschaftsleben, vielleicht am sichtbarsten in den allmählich immer opulenteren Kirchenbauten, die Vater Pierre und Sohn Joseph Cuypers im ganzen Land realisieren konnten.
Anfangs noch als neogotisch-katholisch verspottet und verurteilt, wurde dem Vater Cuypers die öffentliche Anerkennung zuteil, als er die Aufträge für das Amsterdamer Rijksmuseum und den Hauptbahnhof erhielt.
Rijksmuseum Amsterdam 1885 Pierre Cuypers
Pierre Cuypers gestaltete auch das Denkmal für den Priester-Politiker-Dichter über den dieser Post eigentlich berichten sollte: Hermanus Johannes Aloysius Maria (Herman) Schaepman ("Dr. Schaepman"), der eine Schlüsselrolle in der katholischen Emanzipation spielte und der der erste Priester in der niederländischen zweiten Kammer (dem Parlament) war (1880). Sozialpolitisch war er eher auf der "fortschrittlichen" Seite zu verorten, religiös vertrat er dagegen streng konservative, "ultramontane" Auffassungen. In seinem Konservatismus fand er mit dem gleichermaßen konservativen protestantischen Politiker Abraham Kuyper zusammen. Auf diese Weise konnten die beiden, in Machtfragen sehr flexiblen Herren, die Übermacht der jahrzehntelang herrschenden Liberalen Partei beenden.
Pierre Cuypers
Denkmal für Herman Schaepman
Schaepman war Priester, Gelehrter, geschickter Politiker, hervorragender Redner und Dichter, wie sein belgischer, priesterlicher Kollege Guido Gezelle. Er war sprachlich weniger innovativ als dieser und richtete sich eher nach älteren Vorbildern, wie Isaac da Costa oder Willem Bilderdijk. Ein kleines Gedicht aber hat mir sehr gefallen, vielleicht weil ich mich heute genau so verwirrt fühle, wie Schaepman vor bald 130 Jahren, vielleicht auch weil es die Lösung für alle Verwirrungen, die für Schaepman eine absolute Selbstverständlichkeit war, in diskreter Zurückhaltung nicht erwähnt.
Mundi Magister I
Ein Chaos ist unser Jahrhundert, ein Mahlstrom, in dessen Kreise
Sich Gedanken drängen, Meinungen, Beweise,
In dem mit jeder Welle eine Wahrheit jäh verschwindet,
Die, später hochgespült, sich abgeändert wiederfindet;
Ein fürchterlicher Sog, rasend und verrückt
Wächst er von Mal zu Mal. Begeistert und entrückt
Wird von der Menge auf das Rettungswort gehört,
Das alle Rätsel löst, jedes Gebet erhört,
Das in den Herzen aufsteigt der abgekämpften Leute,
Die sich nach Ruhe sehnen; Doch es bleibt Schein! Das Heute
Geht, - der Morgen sieht wie eine Wahrheit neu entsteht,
Die, wie ihre Mutter, durch die Tochter bald vergeht.
Herman Johan Aloysius Maria Schaepman (1844-1903)
Aus: Verzamelde dichtwerken (1899)
(Übers. Jaap Hoepelman Juli 2023)
* Wenn nicht zurückgehend auf den (im Übrigen nicht gar so makellosen) Desiderius Erasmus, dann doch wenigstens auf Willem van Oranien: "Ein Fürst hat nicht das Recht über die Gewissen seiner Untertanen zu verfügen", oder Spinoza: "im Übrigen ist es jedem gestattet zu denken was er will, und zu sagen was er denkt".
** Batavische Republik, nach den romantisierten Batavern, den angeblichen germanischen Ahnen unseres Poldervölkchens.
*** Für Kenner und Liebhaber erlaube ich mir hier einen kleinen, damals gängigen Wortwitz über diese Schlichtheit in irrelevanter Weise mit dem Nijhoffschen Gedicht "Awater" in Verbindung zu setzen: "Wat er staat is waterstaat".