J.H. Leopold (1865-1925)
Wie Boutens fühlte Leopold sich von der Rubaiyat sehr angesprochen. Er hat viele Vierzeiler aus Omar Khayyams Sammlung verfasst, meistens nach Whinfield oder nach deutschen Übersetzungen.
Sie entsprachen wohl seinem Wesen - ein Bruder Leichtfuß war er nicht.
IX
Wir gehen und wir kommen - der Gewinn ist wo?
und weben Fäden und das Kleid ist wo?
unter des Himmels Wölbung sind zu Staub verbrannt
Viele Wohlmeinende; ihr Rauch ist wo?
X
Es ging und geht die Zeit; die Welt ist längst vorbei,
mein Wissen ging, mein Ruhm ist längst vorbei.
Vor unserm Ankunft wurden wir nicht vermisst,
das ist, nach unsrem Weggang, nicht vorbei.
"Wij gaan en komen"
"De Wereld gaat en gaat"
J.H. Leopold nach Omar Khayyam
Leopold, dem Kenner Spinozas, war eine gewisse poetische Gleichgültigkeit dem Tod gegenüber nicht fremd. Seine Ruhe findet Ausdruck im folgenden doppelten Vierzeiler, der von denen des Khayyam gar nicht so weit entfernt ist und im Übrigen zum Kanon der niederländischen Poesie gerechnet wird:
"O, wenn ich tot werd', tot werd' sein
komm dann und flüstre, flüstre etwas liebes,
die bleichen Augen werd' ich öffnen
und ich werd' nicht verwundert sein.
Und ich werd' nicht verwundert sein;
in dieser Liebe wird der Tod
allein ein Schlafen, Schlafen beruhigt
ein Warten auf dich, ein Warten sein"
"O, als ik dood zal dood zal zijn"
H. J. Leopold, aus "Verzen", 1912
H. J. Leopold, aus "Verzen", 1912
Übersetzungen Jaap Hoepelman, Mai 2020
